Einzelbild herunterladen

Nr. 128 Zweite? Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhefsen) Samstag, 2. Juni (928

politische Prozesse,

«ußrnpolilische Umschau.

Don Or. Otto Hoehsck, o. Prof, der Geschichte an der Universität DerUn, M. d. "5V.

Zwei grobe politische Tendenzprozekse spielen ober spielten (bet eine ist zu önbe. her anDerc läuft ja noch) sich ab. die in mancher Beziehung verwandte jügc ousweisen. TDir meinen den sogenannten vchachtyprozeh in Mo«, kau und den Kolmarer Prozeß, der mit der Verurteilung der Angeklagten zu Ende gegangen ist. Beiden Prozefsen ist gemein, dab eine ganz bestimmte politische Xen - denz die Führung und Anlage beherrfcht, dab es sich also nicht darum handelt, da« Recht unabhängig von jeder politilchen Erwägung zu finden. Der Schaden, der stet- in einem loschen Verfahren für den betreffenden Staat liegt, auch wenn er nicht sofort zutage tritt, braucht nicht besonder- hervorgehoben zu werden.

Der Moskauer Prozeß wird voraussichtlich biL Ende Juni laufen. Wie bekannt, dreht e« sich/ um den Vorwurs, der gegen eine große Anzahl von Ingenieuren und Technikern erhoben wird, daß sie absichtlich industrielle Anlagen geschädigt, daß sie mit dieser .Sabotage" gegen- revolutionären Zwecken gedient hätten und zwar im Bunde mit gegenrevolutiönären Organisationen und Persönlich­keiten im AuSlande. Unter den Beschuldigten sind auch drei Deutsche, nachdem einige deutsche Verhaftete schon haben entlassen werden müssen, und unter den Gegenrevolutionären im Ausland« werden auch deutsch Firmen ge­nannt. in erster Linie die ASG GS liegt auf der Hand, daß derartige Vorwürfe und An- flaflen, die die Beziehungen zu einem befreunde­ten Staat auf die Probe stellen müssen, von vornherein einwandsrei und einleuchtend be­gründet sein und bewiesen werden müssen. Weder die außerordentliche umfangreiche An­klageschrift aber, noch der bisherige Verlaus de« Prozesse« haben eine Begründung dieser Vorwürfe gegen die beteiligten Deutschen irgend­wie erkennen lassen Sowohl die deutsche Regie­rung wie die deutsche Presse haben iich sehr -uruckgehalten, aber diese Züruckhaltung kann nicht unbegrenzt sein, zumal die Bereit­willigkeit der russischen Regierung, der deutschen Vertretung in Moskau ihre Ausgabe den be­treffenden deutschen Angeklagten zu helfen zu erleichtern, nicht besonder- groß ist. Erst in den legten Tagen kommen aus Rußland Aeuße» rungcn, die edennen lassen, daß man beginnt, sich der Gefahr bewußt zu werden, der man die Beziehungen zu Deutschland mit diesem Pro­zeß aussetzt. Lch'ießlich hat eben alle« seine Grenzen, und die Prüfung, ob Rußland mehr Deutschland, oder Deutschland mehr Rußland brauche, muß doch garnicht erst angestellt wer­ben. weil die Antwort daraus klar ist. Gerade Der. wie wir. zielbewußt seit Jahren die deutsch­russischen Beziehungen gepflegt und ihre Rot­wendigkeit vertreten bat. ist verpflichtet, die ruf- flsche Regierung nachdrücklich daraus hlnzuweifen. Man begrüßt es darum, daß jetzt das Be­streben deutlich wird, dem Proxeß jede außen­politische Schärfe zu nehmen und so hoffen wir. daß dieser Zwischenfall ohne Trübung der deutsch-russischen Beziehungen vorüber geht

3n ähnlich scharfer Weis« waltete die politische Tendenz im Prozeß von Äolmar vor. Po­litische Tendenz, o. h. also, daß ein wirkliches oder angebliche« Interesse des Staate« die Be­strafung der Angeklagten verlangt und durchsetzt, damit in einer bestimmten politischen Richtung ein Stempel statuiert werde. ES ist möglich, daß da« in Rußland beim Moskauer Prozeß gegenüber den russischen sog. .Spezialisten" und vor den russischen Arbeitern gelingt. Ganz sicher ist e« Im Äolmarer Prozeß gegen die f»ge­nannten elsässer Autonomsten nicht ge­lungen. SS ist kein Beweis dafür erbracht, daß diele Heimatrecht- und Autonomiebewegung der Elsässer für Frankreich staat-gefährliche Ab­sichten verfolgt oder gar schon erreicht habe. Ss

Gelegentlicher Kischzug.

Don Max Geisenheyner.

3n dem großen Retz der Phantasie fängt man tag-über, ohne e« recht eigentlich zu mer­ken. oft seltsame Dinge. Sie gehen von selbst hinein. Man weiß e« kaum. Dis sie am Abend anfangen, im Retz zu zappeln und sich bemerk­bar zu machen.

Da war im (Safe der Kopf eines Mannes. Schmal, vielfach durchfurcht, mit ein paar schwar­zen Augen, einem Zwicker und dicken, roten Schmissen über der Backe. Das Haar dünn und ßau. Die Hand mit der Kaffeetasse zitterte cht vorm Mund. Ich betrachtete ihn sachlich, uninteressiert, wie man eben Menschen anschaut. toenn man selber nicht weih, wo die eigenen Ge­danken weilen, ob in einer Bar in Hamburg, auf dem Laufsteg eine« großen Dampfer« in Genua ober in der Einsamkeit eine« schwimmen­den Eisberges, den man am Abend zuvor im Kino gesehen. AIS aber Geige und Klavier cin- feyten und die Gegenwart auf den Wellen der Töne vollend« einem unbekannten Horizont zu- schwamm. veränderte sich das Gesicht des Han­ne« plötzlich Die Haare wurden schwarz und dicht, der Zwicker siel herunter. Der Rücken Rrammtt sich Die Runzeln verschwanden und die Schmisse sahen aus, als hätte beim Mit­tagsschläfchen in einer Frühlingswie'e ein Stieg­litz auf feiner Backe gesessen und sie beim Ahslug mit den Krallen seines Fuße« leicht geritzt. Jetzt hörte ich auch die Melodie. Sin Schlager aus einer längst verklungenen Zeit. Der Mann gegen­über war mit der Musik zwanzig Jahre zurück- gesunken, war wieder Student geworden. Langsam verebbten die Töne und langsam stieg er die Jahre wieder empor. Langsam wurden seine Haare wieder grau, die Runzeln tiefer, die Schmisse röter, der Rücken krummer. Als da« Lied zu Ende war, zitterte die Kaffeetasse vor seinem Mund ein wenig stärker als zuvor. Zwanzig JahreI Welche Kataralle der Vergäng­lichkeit stürzen hinter uns ins Richts. Ach was! Man soll die Gegenwart genieben, die Wollust der Arbeit und im voraus den kommenden Tag. als wäre er eine Ewigkeit. Waren aber in dieser Ewigkeit die Träume von einem Eisberg, einer Dar. ober einem großen Schiss nicht das

ist aleich'alls kein Beweis bafür erbracht ob­wohl der Staatsanwalt bis zuletzt Daran fest- hielt daß futsches Geld und deutsche Agi­tation in dieser Heimatbewegung mitgewidt hät­ten. Wrr Wilsen doch auch viel zu gut. daß diese Bewegung im Elsaß für ihre eigene Sprache. Kirche und Volkheit durchaus nicht eine- f u n g von Frankreich und eine Wiederver- binbung mit Deutschland anstrebt. Wir wissen nicht genau, welche politt chen Ziele im einzelnen den Führern dieser Heimatbewegung vorschweben, aber Da« ist jedenfalls aller Welt klar, daß sie allein im Rahmen der französischen Republik auf eine V.Verstellung ijrcr sprach­lichen und anderen D - iderheiten hinarbeiten, wozu sie übrigen« nach n Selbstbestimmung«- recht der Qlationalitäte und nach dem Minder- heitenfchutzrecht ron dem so viel geredet wird, da« volle Recht haben.

Der Prozeß wurde in großer Ausmachung und mit ausgesprochener Tendenz durchge'uhrt. ES ist wohl auch sicher, daß die Verurteilten nicht auf eine Amnestie zu rechnen haben, und daß diejenigen unter ihnen. Die soeben in die neue Kammer gewählt worden sind, i h r e M a n- bäte verlieren Aber man fragt sich, wa« die französische Regierung, insonderheit Doin- care. Damit erreichen will. Der Prozeß hat lediglich Die FranzölierungSpolitik blobgestellt, und er hat der Heimatrechtbeweaung nur neue Kraft und neue Sympathien Angeführt.

So gut die Elsäsfer einem deutschen Zen­tralismus widerstanden haben, so gut werden sie mit Erfolg auch einem französischen Zentralismus widerstehen. Auf tiefe Weise ist daS elsässische Problem, besten Wurzeln so tief in Die Geschichte htneinrcichen. nicht zu behan­deln und nicht zu lösen, lind schließlich: wenn manche Leute davon sprechen, daß gerade das Elsaß und die elsässische Frage eine Drücke zur Verständigung zwilchen Deutschland und Frankreich sein könnte, so war dieser Prozeß, feine Führung, die Behandlung der Angeklag­ten und alle« andere Dazugehörige, ein Mittel, das genau in Der entgegengesetzten Richtung wirkte. Tie Eltässer sind von Deu sch- lanb ohne Befragung abgerissen worden, und wollen heute nicht zum Deutschen Reich zurück. Deshalb bleiben sie aber doch Menschen deutschen Blut« und deut scher Spra­che Die Sprachgrenze hat sich Dort, in diesem Zwischenlande, zwischen Germanen und Romanen, seit einem Jahrtausend nicht verschoben. Das ist doch ein Beweis Dafür, baß bie Verhält­nisse außerordentlich fest geworden sind. DaS wird kein Kolmarer Prozeß und keine Pariser Zentralisierung spo!t.'ik, keine Assimil.erungStcn- denz und llnterdrückungSabficht ändern. Die Schwierigkeiten des elsässischen Problems werden für Paris au« diesem Prozeß und seiner Be­handlung nun erst recht wachsen!

Europa und das fernöstliche Problem.

Don Anatole de Monzie, Senator der französischen Republik und ehem. Minister.

einzig Reale? Drüben setzte der Mann mit dem Zwicker die Kaffeetasse vom Mund ab. sah mich an und lächelte. Hatte er mein zweites Ge­sicht gesehen?

Ich kam an einer Kirche vorbei. Da hielt eine Drautkutsche mit einet merkwürdigen Art von Apfelschimmeln bcspannt. Sie waren schnee­weiß. aber wie mit unzähligen Trauerpünktchen besprenkelt. Die Kutsche glänzte, al« hätte man Tag und Rächt an ihr geputzt und sie nur aus Den Fingern gelassen, um schnell einmal diese Hochzeit abzuhalten. Durch Die Scheiben sah ich in das Innere des Wagens. Gr schaute aus wie ein lleines Drautgernach in einem winzigen Hause. Tapeziert mit gelbem Atlas, seidene Fenster- oorbänge und Blumen an Den Scheiben. An Möbeln nur ein kleine« Sofa mit gestickten Dlu- men auf jedem Polster. Es war nicht möglich. Der Versuchung zu widerstehen und etwa nicht in die Kirche Hineinzuge he n. Die Trauung ging gerade zu Ende. 3n dem dunklen, feuchten Gotteshaus stand in geheimnisvoller Ferne, die irdischen Schritten kaum erreichbar schien, der Altar mit seinen hohen Wachskerzen wie ein brennender Weihnachtsbaum. Ein großer Mar- morengeL von den Kerzen milde beleuchtet, schwebte übet der Spitze de« Baumes, der keiner war. Die Orgel flüsterte und dröhnte.

Da kam da« Hochzeitspaar feierlich und lang­sam durch Den Mittclgang. Wie gut. Da*» lie nicht schön war. die Braut. Das Pathos von Altarkerze und Orgel brach sich an dem frischen, derben Gesicht aus dem Volke und verlor sein Unheim­liches. Der Bräutigam, blond und rosig, schritt verlegen einher. Er dachte: Jetzt bin ich ver­heiratet, aber es ist mir peinlich, das vor so viel Augen össentlich festgestelll zu sehen. Auf dem Wege zum AuSgang guckte er ingstlich links und recht« zu den großen, bunten Kirchensenstern empor, als fürchte er. daß sie. mit dem brausen­den Orgclf.ang. gleich einer heiligen Karawane, den Hochzeitsgästen folgen möchten. Dor der K.rche schreckte er noch einmal ob der Menschen zusammen, die dod Spalier standen, während die Braut sicher und triumphierend die Treppen hinabstieg. An der Kutsche anqelangt. hätte er beinahe das Trittbrett verfehlt, wäre um ein Haar mit hocherhobenem HochzeitZbukett in Den Wagen hineingesallen. Die Braut lachte etwas ärgerlich und stützte ihn mit festem, sicherem

Die Reihe von Derösfentlichungcn hervor­ragender Politiker des Auslandes zu brennen­den Fragen der Tagespolitik setzen wir fort mit diesem Aussatz uncs Franzosen, der schon vor dem Kriege als Unterstaatssekretär, leit 1919 als Minister für Finanzen, später für Unterricht, verschiedenen Kabinetten her Hin­ten angchört hat und durch seinen Besuch in Berlin 1925, den ersten eines französischen Ministers in der Reichshauptstadt nach dem Kriege, viel von sich reden machte. Als Prä­sident der Senotskommission für russische An­gelegenheiten machte er eine Studienreise durch das bolschewistische Rußland. Seine dort gesammelten Erfahrungen verleihen dem vor­liegenden Aussatz, mag man sonst zu seinen Ausführungen stehen, wie man will, seine be­sondere Rote. D. Red.

Die Tatsache, daß Asien heute nicht mehr an Europa glaubt, bildet den wahren Schlüssel zur Lösung des fernöstlichen P'u' lerne. Asien glaubt weder an die tatsächliche Ucbcrlcgen- Helt Europas in militärischer Hinsicht, noch an dessen zivilisatorische Mission. 9m Lichte dieser Er­kenntnis müssen die westlichen Rationen ihre ver­alteten Auffassungen über die Beziehungen Europa» zu den ungezählten Millionen des fernen Osten» van Grund auf revidieren: Es wäre grenzen­los töricht, wurden wir die heutigen Vorgänge In China durch die Brille ociaangcner Zeiten be­trachten. Das moderne China ist weniger mit Hilfe de» Einflusses Moskaus und der bolschewistischen Propaganda al» vielmehr durch den Weltkrieg und als Folge der überaus großen Ent­täuschung entstanden, die der traurige, diesen Krieg beendigende Frieden auslöste. Die west- europäischen Rationen haben bisher mit ziemlichem Gleichmut die diplomatischen Schachzüge verfolgt, die im fernen Osten von der Moskauer Diplomatie gemacht wurden. Selbst Beobachter, welche die fern­östliche Lage gut zu kennen meinten, erklärten, daß es sich bei den Vorgängen in Asien nur um den alten Streit zwischen Rußland und England handele. Die Unrichtigkeit dieser Ge­dankengänge haben wir inzwischen leider am eige­nen Leibe erfahren.

Die europäischen Mächte sind nunmehr dahin übereingekommen, es müsse verhindert werden, daß die 400 Millionen Menschen, die China bevölkern, sich mit den 150 Millionen Bewohnern Rußlands

verbünden, damit nicht der ferne Osten zu einem Stützpunkt und Bannerträger des Bolschewismus werde. Wir glauben, zu der Ueberzeugung gelangt zu fein, daß zur Durchführung eines erfolgreichen Widerstandes im fernen Osten gegen Rußland der chinesische Bauer nützlicher ist als der eng- lisch« Soldat. An positiven Maßnahmen haben wir indessen so gut wie nichts unternommen. Trotzdem ist das fernöstliche Problem eine welt­politische Frage allerer st en Ranges: in Europa und nirgends anders muß die alte Welt fithüber ihre Asienpolitik entscheiden.

Wir kennen den Plan der Moskauer Machthaber. Er läuft Darauf hinaus, Japan an Rußland zu ketten und dann China und Deutschland zum Eintritt in dasselbe Bündnis au veranlassen. Der augenblickliche Konflikt zwischen Japan und dem nationalistischen China braucht nicht unbedingt gleichbedeutend mit der Ausgabe derartiger Ge- Danfengänge zu sein. Ein solcher Pakt ist bereits zu verschiedenen Malen in dem bolschewistischen Organ 9|roeftla" behandelt worden. Er ist von feiten Ja­pans nicht dementiert worden, und Dr. Stresemann scheint zum mindesten Kenntnis von ihm zu besitzen, obgleich mir natürlich unbekannt ist, ob er sich zu­stimmend ober ablehnend hierzu verhält. Für Frankreich ergibt sich aus dieser Konstellation die Forderung, daß zunächst ein Bündnis zwischen Japan und Großbritannien yerbeigeführt werden muß. Es ist uns unglücklicher­weise unmöglich, die amerikanische Regie- r u n g zu veranlassen, ihr Gebiet der japanischen Einwanderung zu offnen. Japan muh daher seine Blicke aus da» asiatische Fe st land für eine Gelegenheit territorialer Expansion lenken, und es muß dort in die Lage versetzt werden, in einem Umfange festen Fuß zu fassen. Der es ihm gestattet, seine überschüssige Bevölkerung unterzubringen. Dies ist das erfte Problem, das gelöst werden muß und besten Lösung sich ja bereits durch das Vorgehen Japans in der Mandschurei oorzubereiten scheint.

Zu gleicher Zeit ist es aber notwendig, Deutsch­land au der i h m gebührenden Rolle in Westeuropa^urückzuführen. Trotzdem es aus dem fernen Offen durch den Eintritt Jovans in den Krieg an der Seite der Alliierten ausgeschal- tet wurde, hat Deutschland doch keine Zeit verloren, um freundliche Beziehungen mit Japan einzuleiten, das auf der Seite seiner Feinde im Wellkriege stand und mit dem Frankreich ein Bündnis abzuschließen

Griff. Er war ganz feuerrot geworden, als er sich setzte. Ich weiß nicht, warum, aber als die Pferde anzogen, muhte ich den beiden Glück wünschen in ihrer Verborgenheit, Ramenlosigkeit und Ein­fachheit. Sie waren die ewigen Hochzeiter, die jahrau«, jahrein, in tausend Städten zur Kirche gingen, und aus der Kirche kamen, um den un­gewissen Gang ins Leben anzutreten. Als der Wagen am Ende Der langen Straße um die Ecke bog, schlossen sich die Kirchen türen, die Orgel schwieg. Es regnete leise. Die weihe Straße war wie mit Trauerpünktchen besprenkelt.

In der Trambahn fuhr ich ein wenig aus der Stadt hinaus. In den Bächen raste der Frühling wie auf Rennmaschinen Heron. Die Aepfelbäume standen auf den weiten, braunen Wellen der Aecker wie schwarze Korallenriffe. Mir gegenüber faß eine einfache Frau. Sie hatte ein ganz kleines Kind auf dem Schoß. Die Hand des Kindes war weiß, ^art, wie durchsichtig, von einem ganz sanften Rot uberflammt. lieber diese Hand legten sich die fünf Finger der Frau wie fünf runzlige, in den Falten mit Erde durchsetzte Mohrrüben, groß, ungeschlacht, mit verstümmelten Nägeln, verarbeitet bis zu bei­nerner Härte. Ader unter diesen fünf dunkelroten schweren Fingern lag die Hand des Kindes wie eine Schnecke im Haus, geschützt, gebettet, gewärmt. Richts, sagte ich mir, wird über bie kleine, weiche, weiße Hand hereinbrechen, solange diese fünf Fin­ger darüberliegen. Ein Klumpen Erde über einem Dlütenkeim. Ich werde die beiden Hände noch lange vor mir sehen wie ein großes ewiges Symbol.

Im Theater gab es ein Lustspiel. Ich konnte nicht lachen, weil hinter mir für mich mitgelacht wurde. Zwei Mädchenstimmen begleiteten jeden Sog auf der Bühne, auch wenn er nur eine ganz kleine Pointe barg, mit hellen, jauchzenden Ton­leitern. auf denen wahrhaftig kindliche Freuden stürmisch und sehnsüchtig empor und hinunter- kletterten. Es mar ein Lochen, als wirbelten hinter mir zwei Lerchen in die Lust, die den gemalten Himmel an der Decke für den richtigen, blauen Him­mel hielten und den Kronleuchter für die Sonne.

Die beiden Madels hotten offenbar noch nichts von der Well gesehen, hotten noch nichts erlebt, waren vielleicht aus einem kleinen Nachbarort in die StaDt gekommen und tranken nun jedes luftige Wort, als wäre es nur für ü« erfunden worden.

gehasst hotte. Die Zeit allein wird die Hollung Deutschlands in einem Spiele zeigen, welche» zwar Mostou eingesödclt zu hoben behauptet, dessen w.rklicher Verlaus jedoch durch die Entwicklung der Tatsachen bedingt wurde. Ein Deutschland, dem man in Westeuropa Hindernisse bereitet, muß notwendigerweise nach Open blicken.

Für Frankreich ergibt sich daher Die Aufgabe, den wahren Wert der oerfchiedenen diplomatischen Vor- flänge richtig emzufchotzen. um auf der einen Seite einer Selbstachtung genügen und auf der anderen Seite Sicherheiten |ur die Zukunft erhalten zu kön­nen. Unsere knnstige Politik sollte durch Die mitt­lere Linie unD durch Den Ausgleich, den wir in Den verschiedenartigen Beziehungen staden müs­sen, bestimmt werden In oll Du(en Fragen ist kein Prinzip von größerem Nutzen olv do» ollbekannte und oielerprodteDo ut des". E» ist in seiner Anwendung ein wenig unangenehm, besonders wenn man es mit ehrgeizigen Tyrannen zu tun hat. wie fie Dir augenblicklichen Beherrscher Rußlands sind. Die Bcherrscher haben noch nicht ganz dos Ans- maß innerer Schwierigkeiten gefühlt, bei dem die Porteiideale den Notwendigkeiten Der nationalen EdstkNH des Landes zu weichen beginnen. Noch sind sie keineswegs geneigt, dem Nachbar, besten Hilfe sie für Die Aufrechterhaltung ihrer Wirt­schaft gebrauchen, die notwendige Riickficht zu ge­währen. Sie stehen noch unter Dem falschen EinDruck, Daß sie ihn um seine Hilfe angehen unD dennoch gleichzeitig feine Existenz bedrohen dürfen. Die Un- gewitzheit bezüg ich der Ha tun.] Rußlan. « un« gegenüber erklärt Frankreich- Zurückhaltung in bei Verhandlungen mit Diesem Lande. Die Hauptschwieriakcit liegt in Der Tatsache, daß die Bolfchewisten'ührer sich Da« Recht anmahrn, sich in die Angelegenheiten aller anderen Rationen einzumifchen, ganz gleich in welchem Teile Der Welt diese Rationen liegen. währcnD lie allen anderen Völkern es strengstens verbieten, sich um russische Ange­legenheiten au kümmern unD sei eS auch nur in untergeordneten Fragen. Daß Die französisch- russischen VerhanDlungen noch nicht abgebrochen sind, edlärt sich nur aus dem Amstande. Daß Frankreich noch immer die trügerische Hoffnung hegt, Rußland werde zu seinem früheren Bünd­nisverträge zurückkehren. Der Augenblick ist je­doch nicht mehr fern, in dem es notwendig sein wird, in nicht mißzuverstehender W.ise den Vertretern der Sow'etregterung eine Alter­native zu stellen. Die französisch-deut­sche Annäherung wird den Zeitpunkt be­stimmen, an dem diese Frage gestellt werden muß.

Ich behaupte keineswegs, daß e« nicht auch ein innerchinesische« Problem zu lösen gibt, ein Problem, da« unabhängig von allen anderen sonstigen weltpolitischen Fragen besticht. Die Aufrechterhaltung normaler Be­ziehungen zwischen China und den Westmächte« wird aber vor allem davon adhängen, ob die europäischen Mächte unter s i ch zu einer Einigung gelangen. Korruption und zögernde Haltung JinD jedenfalls heute ein genau so wenig empfehlenswerte« diplomatische« System wie die längst überlebte Formel ,Div«de et impera".

Llnfallmeldedienst im Lumdaial.

Zu dem ArtikelWleseckerAutoomnlbus- Unglück" in Nr. 116 desG. A." erhalten wir von Der Oberpo st Direktion Darmstadt fol­gende Zuschrift:

In den Ortschaften de» Lumdatals sowie in den in Der Nähe Dieses Tales liegenden Ortschaften be­steht UnfaUmelDeDlenfi. UnfollmelDegespräche und Unsallmeldetelegramme können im aUaemelnen jedoch nur bei Den Fernsprechoermittlungsstellen und bei den öffentlichen Fernsprechstellen aufgegeben werden. Teilnehmersprechstellen dürfen außerhalb der Dienst- stunden chrer Dermittlungsanstallen zu Unfallmelde- zwecken nur benutzt werden, wenn sie auf Grund besonderer Vereinbarung in den Unfallmeldedienst einbezogen worden sind (zu vergleichenVorbemer­kungen" Im amtlichen Fernsprechduch für den Ober- postdirektionsbezirk Darmstadt unter Punkt 10). Im

Ich dachte Darüber nach, was für eine Art von Mädchen das wohl sein müßten. Stammten sie aus einem besseren Hause, hätten sie nicht gewagt, so ungeniert zu lachen. Waren es Mädchen aus einfachen Kreisen, so wären sie laut herausgeplatzt. Merkwürdig, nichts von alledem war festzustellen. Das Lachen stieg zweistimmig weiter, wie ein Lied, empor in Die Luft. Gab es wirklich noch so frische, junge, unverbildete Naturkinder, reinen Her- Aens und reiner Sinne? Was mochten sie sonst trei­ben? Vielleicht konnte man sich in sie verlieben? Da kam die Pause. Ich drehte mich um und sah zwei alle Jungfern, in schwarzen Kleidern, bis zum Halse fjejdjtoffen. Aermlich, kümmerlich, mit traurigen Gesichtern, als wäre der Vorhang ein Fall­beil gewesen. Ihr Lachen war ihre Lebensgeschichte.

DerKampsmit dem Schwan der Pawlowa

Das merkwürdige Schauspiel eines Schutzmann«, der erbittert mit einem großen Schwan kämpft, bot sich der großen Wenge von Passanten, Die eine« Abend« Die verkehrsreiche Londoner Straßen­kreuzung von Golders Green überschreiten wollten. Der Verkehrsschuhmann, der hier postiert war, wurde plöh'.ich dadurch überrascht, daß ein Schwan mit tocitauBgeftrcdten Flügeln gegen die Gei- tungsdrähte Der Straßenbahn flog und Dann Dicht vor ihm -zu BoDen stürzte. Der Schupo wollte Da« .Verkehrshindernis" ausheben, aber der Schwan setzte sich zur Wehr, schlug Den Hüter Der OrD- nung mit seinen Flügeln unD schnappte nach ihm. Ein homerischer Kampf entspann sich, bis e« schließlich Dem Schuhmann gelang. Den Vogel unter seinen Arm au zwingen unD ihn unter Dem lauten Iubelrus Der Menge nach Dem Po- lizeiburcau zu schleppen. Das Ringen zwischen Mensch und Tier hatte Den Verkehr eine beträcht­liche Zeit ausgehalten. Der Vogel war bereit« Den ganzen Rachmittag auf Dem UntergrunD* bahnhos Derumgelaufen; er suchte auch noch au« dem Polizeirevier zu entfliehen unD muhte schließ­lich in einen K^ig gesperrt toerDen. Rachfor­schungen ergaben. Daß Der Vogel aus Dem Garten bei der nahe gelegenen Wohnung der Pawlowa entflohen war. Die berühmte russische Tänzerin, die ja selbst al- .Schwan" so Unnachahmliche« leistet, hält m ihrem Gaden vielleicht zu Studienzwecken sieben Schwäne. unD das größte und kostbarste dieser Tiere war ihr schon feit Drei Wochen entflohen.