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r?.105 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gderhesfen) Mittwoch, 2. Mai (928
AlugmiidenrömischenAdlem I
Bon unsrem rörn<chcn E.-Rorrefponbenten.
T r ' p 0 11 s, (Enbe April.
Die römischen Adlcr i! ; n r^iter.
Auf afritanischeni Scb:;i trr Schritt ber Legionen bie (9a'-licrsrr: ? Abzeichen
ber (Eemurien, hort aelku die » cer Monipel- führet. Der romilche Imperuior kommt, will zum erflenmal den »»uh auf dos jüngst eroberte, noch nicht ganz eroberte tianb setzen.
LÄtenstolz und mobeme Neugierde kämpfen in ben Seelen ber unterworfenen Stumme. Biele bienen schon im römischen Heer, viel« nomobisieren noch, nicht wenige bieten Troy. Du sitzt auf ber Terrasse bes im maurischen Stil erbauten, noch lack- frischen Grand Hotels, als plötzlich frembe Signale gellen und bemannte fiamele vorüberjagen wie Schatten. Ein Mann in schneepreiher Uniform, groh wie ber Mars von Lepli» Magna, teilt herein, küht einem Bubikopf ritterlich bie Hanb, lacht ein paar Worte unb ist schon wieder weg. Der Herzog von Apulien. Ich sah ihn vor wenigen Monaten in Neapel, als er eine Bourbonin, groß wie Pollas Athen. , zum Altar führte. Unb von hier nach Tripoli». Schlug sich bann hinten in ber Wüste mit ben Senussi herum, stellte bie Verbindung zwischen dnrenaifa unb Iripolitanien her, unb wartet nun auf seinen königliche Herrn
(Eine Viertelstunde 1* ter, ' r rsfee ist kalt geworden, denn in diesen. Dt egt man keinen Mokka, nur bas elend verfälschte, nach Apotheke schmeckende Zeug, bas in Italien um sich greift, eine Viertelstunde Ipater hat der Duca seine Meharisten in endloser Rette beisammen, so dah man bie Stranbpromenabe nicht mehr überschreiten kann. Während die Frauen in ber Dale von Tripolis den Schleier abgelegt haben, wenigstens zum überroie- flenben Teil diejenigen, bie man überhaupt zu sehen oekommt, zeigen diese hochberittenen Männer nur ein Minimum von schwarzbraunem Gesicht, alles übrige bi« zu ben Fuhspitzen ist mumienhaft mit weihen Tüchern umwickelt. Dazwischen eine sma- ragogrüne Schärpe und Waffen. Die Dromedare schreien wie Betrunkene. Das eine unb bas andere muh aus unbekannten Gründen niederknien, rebelliert, bockt, es riecht nach Auflehnung und Wildheit.
Tapp — tapp — hufchhufchhufch — lautlos wie eine riata morgana gleitet die Rette ab, nur seltsame Gutturallaute hallen nach.
Aber schon dröhnen Motorräder, Lastwagen don nem heran, Khaki, Laufschritt. Weihe Tropenhelme. Blutrote Zylinderfeze, lang wie die Zauberdüten unserer Kindheit, schwarz ausgefranste Afrikaner- kinne: (Eritrea, Abessiinien. Türkenseze mit weihem Rand, wie ihn bie Witwen tragen, hohe braune Kolonialmützen — Pferde, Dromedare, Automobile durcheinander. Afrika und Europa oermengt, gleichviel, es gilt nur eines: Männer! Männer!
Auf diesem Boden wachsen noch keine Locamo- palmen.
Wehr! borniert bie Brandung. Waffen! lechzt die Steppe. Kampf! lockt hi- Wüste.
Und wir werfen uns — in die Lederpolster, nicht auf den ungesattelten Rücken eines Dollbluts. Aber dos ist auch nicht mehr nötig, die Maschinenpferbe rasen auf einer schnurgerade ins Innere hineingelegten, trefflichen Militörstrahe dahin. Die Steppe fliegt mit. reißt auf wie schwerer Traum, lullt ein. Hartes Gros, Sand, Gras, Sand. Himmel und Weite, endlose Weite.
Bis der erste Ausflugsberg austaucht, einen Aus- flöht«türm auf dem platten Schädel, ein weihes Wirtshaus zu Fühen, mit einem Gestell zum Teppichausklopfen im Garten. Zitternd hält die fünfzig- pferbige Koppel, man reiht die Brille von den flim- memben Augen: bas weihe Haus ist ein Fort, da» Teppichgestell ein Galgen, der Berg ein mühsam er- fämpfter (Bebel, der Aussichtsturm ein gigantisches, aus Üuadem gefügte» Liktorenbünbel. So sollen die neurömischen Meilen st eine, die Bismarcktürme aussehen, die einer nach dem andern in» innere Afrika vorgetragen werden. Ich finde das steinerne Rutenbündel nicht schön, aber bezeichnend.
Der König, umgeben vom Duca belle Puglle, dem Gouverneur De Bono, einer der Duabrumoim des Marsches auf Rom, dem Kolonial-
minifter Federzoni, steigt ben Hügel hinaus, e» einiuoiiben.
All’Italia imperiale la prima Legione libica M.V.S.N.
Die erste Iqbifche Legion der saszisttschen Miliz für bas italienische Imperium! So steht e» da in Er; und der Kommandant lenkt die Blicke Viktor Emanuel: darauf unb spricht weiter vom kaiserlichen Italien und vom Fluge ber römischen Adler: „immer bereit, unser Leben für» Vaterland hinzu- geben!"
Weiter in» Land hinein. Einmal hebt sich ber weihgelbe Sand, vom Samum wie eine Decke abgehoben — nein, e» sink) Tausenbe unb Tausende von weihen Iqgen, Darrokanen, wie bie Araber sagen. Stahl unb Augen blitzen, rote, gelbe, blau« Burnusse klexen hinein, eine einzige Palme wetteifert an Länge mit einem Minarct, kalkweihe Mauern sinb ba. Schwarzhemden, bie Sonne sticht, die Automobile halten wie platzenbe Mehlsäcke, bann löst sich bie Phantastik in eine Fantasia der Araber unb damit bas Geheimnis ber Wüste in eine Vorstellung. Eine Borstellung im Theater, eine Vorstellung bei Hose. Braune Manner, beren Hoch- mut ungebrochen scheint, sichren bie Hanb ehrerbietig an bie Lippen, aus ec^an unb Gabarnes, aus Nalut. Misda unb Beni Ulib sinb sie gekommen, aus unbekannten Nomabengebieten, sogar au» dem Märchenreiche der Tuareg.
Ein Königsadler, selbst der Käfig aus gehämmertem Eisen vermag ihn nicht zu bändigen, wird dem König überreicht: „Imperiale Berheihung am Geburtstage von Rom, im Jahre VI", wie eine anhängende goldene Tafel sagt. Einen zweiten Adler erhält Viktor (Emanuel zum Frühstück. Er hat sie beide mit an Bord seiner Jacht Savoia genommen, mit vielen anderen Geschenken Afrikas.
Er stand im Paläste des Ceptirnus Severus, dieser aus dem Wüstensande von Leptis Magna mit einer Realistik, die an scheinbarer Unwirklichkeit nicht zu überbieten ist, aufsteigenden Säulenstadt und las erschüttert, wie ber Gebildete vor dem Scna- tus Populusque Romanus auf dem Forum ronw- num stehen bleibt, in gleicher Höhe über gleichen Säulen in gleicher Schrift das „Imperator Eae- far ..."
Unb wieder Huldigungen. E» ereignet sich die tra- ditionensl.irzende Tatsache, dah ein christlicher Herrscher mit seiner Gemahlin bie Moschee von Sidi Ab- dussalam betritt, vom Iman Scek Mohammed Ben Massen empfangen wird und einen uralten Koran non unschätzbarem Wert ;um beschenk erhält mit ber Inschrift „Die Moschee von Sidi Abdusialam an Seine Maiestat el Melich " Der Titel El Melich bedeutet im Arabischen mehr al» König und hat auch religiösen Charakter. Db so ein Fall schon vor gekommen ist?
Aber wir erleben noch andere» Wahrend uns die Wüstensöhne ein paar Tage vorher den (Eintritt in bie Frauengemächer der Troglobyten, der Hohlen- bewohner des Gebe! ©arian, verweigert hatten, wohlverstanden: arabische Gemächer, nicht jüdische, öffneten sie dem König die Teppichtüren. Unb als die Königin, hingerissen von der natürlichen Grazie unb dem königlichen Anstand der (Eingeborenen, der Tochter von Hassuna Pascha, dem dekorativen, nicht wirklichen Oberhaupt von Tripolis, ihr Bild übersandte, kam die ganze Familie des Paschas kurz vor der Abfcchrt an Bord der Jacht und revanchierte sich mit einer Perlenkette, bie seit 200 Jahren im Besitz der daramanli war, ber Herrscher von Tripolis. Königin (Elena zog sich sofort in ihre Gemächer zurück und brachte einen mit Brillanten und Saphiren geschmückten Ring als Gegengabe, indem sie bat, die Frau und Tochter des Paschas möchten doch den Schleier abnehmen, woraus sich ber König diskret zurückziehen wollte.
Doch aus dieses Wunder sollte geschehen. Hasiun Pascha lud Viktor Emanuel in aller Form ein, dem feierlichen Akte der Entschleierung gläubiger Musel- maninnen beizuwohnen. Mehr konnte die Kolonie nicht tun.
In einem Gefolge von 21 Kriegsschiffen kreuzte bie „Savoia" das Mittelmeer. Es war ein seltsamer, aufwühlender Anblick in der sternenklaren Rocht des Südens, die einst Iriremen auf dem nämlichen Wege gesehen hatte. Afrika erwacht wieder, kein Zweifel. Die römischen Adler fliegen.
Ich mußte an bie zwei in ben Käfigen denken. Vielleicht haben sie ein deutsches Herz im Leibe.
Der Zug nach -em Westen.
Sie Berliner Tiergartenstraße im Wandel der Zeiten. — Wo Iffland wohnte und Schiller zu Gaste war. — Siplomatenviertel am Kursürstendamm. — Sie Promenade von einst. — Ser Morgenritt gestern und heute.
Es war während der Wintermonate, in denen die Bautätigkeit, auch die zerstörende, zu ruhen pflegt, recht still geworden von den noch im vergangenen Herbst so eifrig erörterten Plänen und Vorschlägen für eine besser« Verbindung zwischen dem ©tabtinnern Berlin S nach dem nahen und dem fernen Westen. Kein Zweifel aber, daß diese Pläne jetzt, mit dem beginnenden Frühling, wieder austauchen werden, um auf die eine oder andere Weis« greifbare Gestalt anzunehrnen. Und es schämt fast, alS wolle man neuerdings der Tlergarten- st r a h e selbst ernstlich zu Leib« gehen und ihr den Eharakter einer vornehmen Villenprom«- nabt nehmen, um sie zu einem simplen Der- bindungSslrang -wischen der Eity und den westlichen Vororten zu degradieren. Wer hätte «inst geahnt, daß solche- Schicksal gerade der Tier- gartenftrafee beschieden sein könnte! Dor noch weniger alS einem Jahrhundert befand man sich in ihr f a ft auf dem Lande. Sie war von schlichten Landhäusern eingesäumt, deren Eigentümer im Winter in der fernen Stadt wohnten und erst zur warmen Jahreszeit in schwer ätilgen Kutschen auf holprigem Pflaster „hinauSzogen". Allmählich verlor fic diesen Charakter freilich gründlich: sie wurde die bevorzugt« Straße der Hochfinanz und Diplomatie, und sie ist die- bi- auf den Heutizen Tag geblieben.
Der gelbgewaltig« ®e,^u .»Inhaber der DiS- contv-Gesellschast, der Geheime Kommerzienrat Adolf von Hansemann — auS Aachen ge
bürtig, ein Nachkomme des 1733 verstorbenen Potsdamer FasanenmeisterS (Wildhegers) Lorenz Hansemann — erbaute sich ckls einer der ersten am West ende der Tiergar ten st raße eine pompöse Doppelvilla, in ber er 1903 starb. Er und Gerson von Dleichrbder, beide am gleichen Tage, dem 9. März 1872, geadelt, waren bie eigentlichen Begründer der Finanzaristokrati« des jungen deutschen Kaiserreiches, die dann Wilhelm II. um so viele Damen vermehrt hat. Gleich daneben errichtet« sich der ilebersee-Droß- faufmann Richard von Hardt, dessen Wieg« in Lennep stand, und dem bie Thronbesteigung deS Kaisers Friedrich 1888 daS Wörtchen „Don* brachte, ein palastartig wirkendes HauS. Und von einem nach Paris übergesiedelten Bankier erjoarb ber schlesische Grubenmagnat Gras Fran- Hubert von Thiele-Winckler baS Palais Tiergartenstraße 20, daS vor bem Kriege viele glänzende Feste der Hofgesellschaft gesehen, und dem eine durch zwei Stockwerke hinaufreichende Eingangshalle als Dallsaal gedient hat. Sein einziger Sohn und Erbe, Graf KlauS Hubert von Thiele-Winckler, hat in dem väterlichen PalaiS vorläufig nur die Berliner Derwaltung seiner ausgedehnten Besitzungen belassen, di« infolge deS Versailler Friedens zum Teil unter polnische Herrschafi gekommen sind.
Einige Schritte weiter, und wir st^en vor dem Hause Tiergarten st raß« 21a, in dem di« Sezession Einzug gehalten hat. Dom Kurfürstendamm kommend, schlägt die Sezession dem „Zug
nach dem Westen" kühnlich ein Schnippchen unb tritt einen Rückzug nach dem eigenttichen Berlin, in östlicher A chtung, an. Don bem Aussehen der Tiergartenstraß« Anno dazumal, als der Großvater die Großmutter nahm, vermittelt unS ba» architektcmfich völlig indifferente Haus Ar. 29, bas. von der 2kraße zurückgezogen, von einem
An dieser Stelle erhob sich einstmals daS Sommerhaus 3 f f I a n b ». der Theaterleiter, Schauspieler unb ein fleißiger Stückeichretber in einer Person war. Unter seinem Dache metUe 6 db i II c r bei Gelegenhe t (einer einmaligen Anwesenheit in Berlin, die ihm zeigte, wie enthusiastisch die Berliner und die Berlinerinnen von der schönen Königin Luise bis herab zu den ästhetisch schwärmenden Geheimrätinnen ihn verehrten.
Der jetzige Ehes der Bankfirma Bleichröder, ber 1901 nobilitierte Dr. Phil Paul von Schwabach (er hatte, so heißt es, ursprünglich die Absicht, sich der Gelehrtenlaufbahn zu widmen, sich jedoch nach dem Tobe fernes Vaters nicht der Aufgabe entziehen können, an die Spitze der Bantfirma Bleichröder zu treten) hat sich mit (einer Gemahlin - Frau Eieonor von Schwabach ist eine geborene Schröder, eine Hamburgerin — Tiergartenstraß« 3 ein sehr vornehmes Heim gelassen. und ein sehr er- klusives Heim, in dem, vor dein Kriege, nur die Cröme de la Creme der Berliner Gesellschaft ein- und ausging. Don Frau Eieonor von Schwabach zirkulierte ber Ausspruch: .Ich erwidere nur die Besuche von Dotichafb-rfrauen persönlich, aber nicht die Besuche von Gesandten- srauen!" Am Bande dieses slüchtigen Streif- zugcS fei noch verzeichnet, daß ber österreichisch- ttalienische Großindustrielle E a st i g l i 0 n i, dessen Charakterbild noch Io heiß umstritten wirb, vorübergebend als Eigentümer d^s Hause« Tiergartenstraße 26 a in daS Berliner Grundbuch eingetragen war Er hat das Haus inzwischen weiter veräußert, und «S wird zu einem Geschäftshaus um geb aut werden. Es sind, wie man sieht, nicht just die Aermsten der Armen, bie sich in der Tiergartenstraße niederließen, unb die jenem vielgenannten .Zugnach demWesten" Gefolgschaft leisteten. Gr beherrscht alle Metropolen dieSseitS und jenseits der Meeve. der .Zug nach dem Westen", und er hat seiner Macht auch die in Berlin akkreditierte ausländische Diplomatie unterworfen. ES ist recht interessant zu beobachten, wie die Berliner Diplomatie Etappe um Stapp« nach den» Westen wanderte, lieber die Leipziger Straß« ging es hinaus, die Straße .Unter den Linden" entlang, durchs Brandenburger Tor, in den Tiergarten hinein, und vom Tiergarten aus noch immer mehr bem Westen zu. Schon kann man am Kur - fürstendamm. wo die Gesandten von Ehina, Ehile, Litauen, Mexiko, Persien und Polen wohnen, von einem neuen diplomatischen Viertel reden. Indes können die H er garten- st raß« und ihre Nebenstraßen ihrerseits noch aufwarten mit Argentinien, Brasilien, Griechenland, Italien. Lettland, Holland, Oesterreich, Schweden, Spanien und der Tschechoslowakei. An Festtagen wehen di« Fahnen sehr bunt von den Dächern der Tiergartenstraße. unb auf dem sagenhaften Turm zu Babel wurden schwerlich mehr fremde Idiom« gesprochen als an dieser Stättel
Sin« .Promenade" wurde bi« Tiergarten- strah« eingangs genannt. Ist sie es aber wirklich noch? S» wird nicht mehr viel .promeniert" in Berlin, höchstens noch von den Kindern der Hochfinanzleute und der Diplomaten unter der Aufsicht koketter Bonnen und gestrenger Gouvernanten. Die Tag« sind aus ewig vorbei, da nernentlich am Sonntag zur Mittagsstunde alle-, was sich in Berlin die Gesellschaft dünkte, in Putz und Staat die Tiergartenstraße auf unb nieder flanierte, sich begrüßte und die letzten Vachrichten, den neuesten Klatsch austauschte. Auf dem Fahrdamm fuhren Unterbetten die Eauipagen in langen Reihen feierlich, mit respektvoller Distans, hinter den Promenierenden einher, um sie alsdann zu ihren heimatlichen 'Penaten -urückzubesördern. ES gibt keine Gqui- pagen mehr, e S gibt kaum noch Pferde,
öie goldenen Berge.
Roman von Clara Diebig.
Copyright bh Deutsche DerlagS-Anstalt Stuttgart.
53 Fortsetzung Nachdruck verboten
Unerträglicher Qualm. Ein brennender Ofen ist umgeslürzi worden, man hat ihn vollgestopft mit Aktenpapter, nun qualmt'» au» den Dielen, zieht in Schwaden zum Fenster hinaus, und unten qualmt*» weiter. Die auf der Straße schreien: „Schmeißt! Schmeißt alle» heraus!- Die Akten fliegen, einzeln, in Bündeln, zu Fetzen zerrisicn — Hände unten fangen sie auf, zerfetzen sie weiter, Füße zertrampeln sie, Sttmmen schreien, schimpfen, johlen, lachen.
Aber e» sind auch einige da. die noch einen Rest von Besinnung behalten haben. Sie stehen bestürzt: nein, da» hatte man nicht gewollt, wahrhaftig nicht! Demonstrieren hatte man wollen, zeigen, daß die Winzer eine Macht sind, wenn sie sich zu- sammengeschlosicn haben. Aber die» hier waren ja böse Jungenstreiche — wie sollte das enden?! Den Friedfertigen wurde e» bange. Unb immer bänger.
„Fori mit ber Regierung an der Spree, sie ist schuld an bes Winzers Rot unb Weh!" Unb:
„Bieber mit der Rcichswnnsteuer
denn sie macht den Wein zu teuer," den Schildern konnte man nichts anhaben. Hinter denen konnte man ruhig hergehen und auch hinter bem: „Do bleibt bie Erwcrbslosenunterstützung für ben Winzer?" Aber so zu spektakeln, im Finanz- amt so zu Hausen, damit war man nicht einverstanden. Und „Tut's nicht die Resolutton, bann tut’s bie Revolution," davon kehrte man sich noch viel weiter ab. Wenn man jetzt auch aufbegehrte, man mar trotzdem ein getreuer Bürger, man wollte ja auch seine Steuern bezahlen: wenn man sie nicht bezahlte, lag e- nicht daran, daß man nicht wollte, man konnte nur nicht. Ach, alle die hier jetzt so spektakelten, waren trotzdem keine Ha- lunfen, sie hielten zum Vaterland, zum deutschen Reich, aus ihren Dörfern hatten sie bie Separatisten gejagt, keinem n?ar es beigefommen, sich mit denen einzulassen. W?nn die Regierung nur die Weinsteuer aufbebc: möchte! Und wenn nur nicht der Handelsvertrag mit Spanien wäre, bann würbe man auch gleich wieder ruhig werden. Da-
au war man ja hergekornmen, um zu hören, was Die SIbgeorbneten Voranschlägen hatten. Jetzt freilich dachte auf einmal kein Mensch mehr daran, nur: das Finanzamt, das verfluchte Finanzamt!
Das Finanzamt war zum Tollhaus geworden. Wahnsinn steckt an.
Wo war Simon Bremm? Kaspar Dreis suchte ihn. Sie waren gedrängt worden im Gedränge, schon feit einer Stunde fast suchte er ibn. War der Bremm draußen ober hier bannen? Den Loesenich hatte er gerade erroifri'i. aber ben nach bem Bremm au fragen hatte gar keinen Zweck, der hörte überhaupt nicht, sah ihn an, als kennte er ihn nicht. Er schleppte gerade einen Papierkorb zum Fenster. hoch vollqepackt mit Akten, ließ ein Bündel nach dem anderen hinunterflieyen, Zettel und Zettelchen, unb fang dazu rmt lautschallender Stimme:
Ich hab' mich ergeben Mit Herz und mit Hand Dir Land voll Lieb unb Leben, Mein deutsches Vaterland."
Der roar wohl verrückt geworden? Es grauste dem Dreis.
Eine Angst war in dem jungen Winzer, die er i<h selber nicht Norm achte. ®arum äng fhgte er ich denn so um Simon Bremm? Der würde sich chon beizeiten aus dem Gedränge gemacht haben. — hoffentlich! Leiber war Bremm jetzt ost sehr reubar. Kaspar fühlte plötzlich: er hatte ihn hier nicht allein lasten dürfen. War er nicht verantwortlich? Er hatte der Maria ihren Vater mit hergeschlcppt, er mußte ihn nun auch wieder mit Heimbringen. Seine Hupen fuhren umher; ein paar, die ihm in ben Weg kamen: „Da haste" unb ih mein Bündel Papiere in die Arme drückten, „schmeiß raus," stieß er beiseite. Er suchte nur, suchte Simon Bremm. —
Das Finanzamt war wüst unb leer. Roch nicht einmal eine Stunde war vergangen, unb lang zurückgehaltene (Empörung Rolleidenber war zum lodernden, sinnlos waltenden Element geworden und hatte alles verheert. Türen unb Fensterrahmen berausgeriffen, Wände von daran zerschmetterten Tintenfässern bejubelt, Regale umgesturzt, Schränke gesprengt. Aus ben Fensteröffnungen waren nicht blofj Akten geflogen, auch Tische unb Stühle, eine Schreibmasa' ne unb noch vieles mehr. Trümmer, überall Tr :;imer. Die ganze Ecke beim Finanz- amt unb die Straß« weiter hinein waren wie beschneit von Fetzchen Papi«. Wie Drache», bi« Ria-
berijanb [teigen läßt, unb bie ber Wind hebt, flatterten einzelne beschriebene Blätter weit burth die Luft unb segelten bis in bie Mosel. Es roch nach verkohltem Papier, auf Gesichter unb Kleiber regnete es Aschenreste.
Hier gab es nichts mehr, an dem man seinen Zorn hätte weiter auslasscn können. Also: ,Lur Finanzkaste! Zur Finanzkassel"
In die Burgstraße wogt die Menge, es nützt nichts, daß in der Kaste eiligst Türen unb Fenster geschlossen werben. Es nutzt auch nichts, baß Bemfafller Bürger, wohlbekannte Leute, sich dazwischen wagen; man tut ihnen Nichts,' aber man schiebt sie beiseite.
Auch der Lanbrat läßt sich jetzt sehen, er ist außer sich: ad), er hat es ja immer gesagt, hat gemahnt, gefürchtet, daß die schwarze Fahne er- scheinen würde, und mit dieser —?! Er kennt die Rot hierzulande unb er ahnt: solche Rot, bie kennt kein Gebot mehr.
Die Leute jehen und hören nichts. Etwas leuf- leches ist in sie gefahren, sie sind wie von einem Dämon besessen, der sie wider ihren Dillen regiert und sie zu Handlungen treibt, von denen ihr eigenes Ich nichts mehr weiß. Auch vor der Finanz- käste halb Papicrhoufen auf ber Straße. Unb nun geht es noch weiter, über bie Brücke hinüber auf bie anbere Seite ber Mosel: ba liegt noch ein britte» Rest, bas man ausheben muß, bas Zollamt.
Die ein Verzweifelter sucht Kaspar Dreis; er hatte bas Finanzamt durchlaufen, war durch sämtliche Zimmer geirrt, auch bei der Kaste hatte er sich umgesehen. Aber wer kann einen herausfinden in solch einem wirren Gewühl? Mit Faustfchläaen hatte er sich bann auf der Bruck« den Weg herüo«r nach Eues erzwungen. Aber auch am Zollamt war Bremm nicht zu finden gewesen — Gott sei gedankt! (Er fühlte eine ungeheure Erleichterung. —
Es war jetzt ruhiger geworben; ber Sturm schien sich legen zu wollen. Auf blaffen Gesichtem |tanb die Erschöpfung; stumm, in sich gekehrt, schlepvt« man sich letzt zur Versammlung. Das man {einer tun konnte, hatte man getan, nun würde man hören, was die Abgeordneten zu tun Vorschlägen.
Der junge Winzer war noch einmal vom Zollamt nach bem diesseitigen Ufer zurückgelaufen, es zog ihn nochmals hin zum Finanzamt. In dessen Rahe standen noch immer welch« herum, er horte plötzlich sagen: „Ru haben sie doch welcbe zu fasten getriegt — an bet dreißig — txn Lande ata-
amt sind se eingesperrt." Das fuhr ihm In alle Glieder. Bremm, Bremm —?l Unsinn, wie kam er zu solchen Gedanken! War er auch schon nicht mehr recht bei Trost? Aber bereits war er norm fianbratsamt.
Da ftanb in ber Tür ein fianbjägermeifter unb verbot ben Eintritt. (Bott sei Dank, ben Mann kannte Kaspar gut, ber stammte auch aus Mun- ben. Unb auch ber erkannte ihn jetzt, aber er war roütenb: „Aufruhr, Canbfriebensbrud)! Das kommt euch teuer zu stehen!" Der Canbjäger wischte sich über bie Stirn, bi« eine blutige Schmarre zeigte: .Lwölf haben wir erst mall Zuchthaus mästen die Kerl« kriegen!"
„3s ber Bremm habet?" fragte Kaspar Dreis. (Er wollte es eigentlich gar nicht fragen — wozu? — aber es brängte sich ihm so zwingenb, wie von selbst auf die Lippen Er zitterte bei der Frage. „Der Bremm aus Porten, den kennt Ihr doch gut?"
„Ja. der is auch dabei," sagte der Landjäger mit Bestimmtheit.
23. Kapitel.
Deputation über Deputation am Morgen; aus ben verschiedenen Ortschaften die angesehensten Persönlichkeiten. Sie kamen zu Fuß, sie kamen mit ber Eisenbahn, sie kamen im Auto: Winzer, Studierte, geisttiche Herren. Alle wollten sie vorstellig werben im ßanbratsamt. Dort war bereits der Staatsanwalt aus Trier eingetroffen. Man wollte ihn um Freilassung ber Verhafteten ersuchen unb ihn bitten, von ben weiteren Verhaftungen, die angebroht waren, Abstand zu nehmen. (Es waren ja alles bodenständige Leute, keiner von ihnen würde auch nur daran denken, wenn er vor Gericht gefordert wurde, nicht zu erscheinen; keinem einzigen würde es in ben Sinn kommen, sich burch Flucht einer Bestrafung zu entziehen. (Es waren alles Männer, sonst Immer triedlich und anständig, keine Raufbolde, keine Unehrlichen — das hatte sich ja auch gestern gezeigt, kein Mester war gezogen worben und nichts aeftoh- len — diese Männer würden bas auch auf sich nehmen, was sie verschuldet hatten. Rur wie gemeine Verbrecher sollte man sie jetzt nicht einsperren, ihnen diese Schande nicht an tun, bas verlangt« ihre Winzerehre, das verlangten ihre Gemeinden, das Der- lanate das ganw Mosellanb. Es war bereits eine große Unruhe hier, wollte man die nun noch vergrößern?! ,
(Sortfetzung fotgt) /


