Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhesseil)
Montag, 2. April 1928
Nr. 79 Zweites Blatt
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Der Wahlkampf in Frankreich
P.v.H.
,2hm laufen fchie alle!"
bc- mit
hat die hessische Regierung eine Notstands- mahnahme im Interesse der Landwirtschaft, insbesondere zur Beschaffung von Saatgut, Dünge- und Futtermitteln unternommen, die in der beschichte unseres Landes noch unerreicht dasteht. 9 300 000 Mark wurden der Landwirtschaft in geringverzinslichen Darlehen zur Verfügung gestellt, die nach dem Vorschlag der Landwirtschaft aus der Ernte 1925 wieder zurückgezahlt werden sollten. Da die tatsächlichen Erträge der Ernte 1925 diese Zurückzahlung nicht zulieben, hat sich die Regierung nicht nur im Jahre 1925. sondern auch in den Jahren 1926 und 1927 mit einer teilweisen Rückzahlung abgefunden und auch heute noch stehen 2,6 Mill. Kredit unausgeglichen zu Lasten des Staates. In den letzten Jahren wurde das größte landwirtschastliche Kulturwerk seit Jahrzehnten,
Kreisausschuß Gießen.
Der Kreisausschuß des Kreises Gießen schäftiate sich in seiner Sitzung vorn Samstag folgenden Angelegenhiten:
die Diedenlwässerung. in großzügiger Weise gefördert. Ruch für sonstige Meliorationen, den durch ilntoctter Geschädigten, zur Errichtung von Landarbeiterwohnurrgen und zur Förderung des Frühgemüsebaues wurden Darlehen gegeben.
Die hessische Regierung betont, daß sie entschlossen ist, soweit es die Finanzen des hessischen Staates irgend zulassen, auf diesem Wege sortzusahren. Im Zusammenarbeiten mit der berussständigen Organisation der Landwirt- schast, der Landwirtschaftskammer, will die Regierung die verschiedenen Zweige der Landwirtschaft. produktionstechnisch und organisatorisch soweit fördern, als es überhaupt möglich ist. Die Sorgen der hessischen Landwirtschaft sind auch die Sorgen der hessischen Regierung und des hessischen Volkes.
Die Besichtigung ging dann los: und da so etwas nun mal dazu gehört, sing es erst schüchtern, dann heftig an zu regnen, schließlich goß es mit Mollen.
„Laschen Schie doch mal meinen Mantel ausch dem Hotel holen", sagte der Wauwau zum Führer der Landwehrkompagnie. „Der Mann scholl aber ruhig gehen, nicht laufen I"
Natürlich wehte der Mann, der den Auftrag bekommen, wie von der Tarantel gebissen, los.
„Isch habe doch auschdrücklich befohlen, der Mann scholl nicht laufen!" fuhr der Wauwau den Häuptling an. „Laschen Schie dasch dem Mann schofort schagen!"
Run sauste der Zweite los — Beine in der Hand — was er winden konnte, den anderen einzuholen. Doch der konnte besser.
„Himmeldonnerwetter!" schrie der Wauwau.
Also schickte der Hauptmann in seiner Not noch einen, dann noch einen und noch und noch — die ganze Kompagnie lief schließlich, einer hinter dem anderen, dem Städtchen zu, und man sah nur noch den Wauwau, einsam auf weiter Flur die Hände über seinem grauen Haupte ringen:
flüsse ernstlich in Betracht gezogen werden könnten.
Wir nennen in diesem Zusammenhang etwa ein Selbstbildnis mit Pfeife, den Musikprofessor, die „Bauern am Abend" (besonders die Frau vorne ist ausgezeichnet erfaßt: man gehe den Linien nach und beobachte den „sprechenden" Gesichtsausdruck). Ferner: ein vornehmer, ganz sparsam behandelter Frauenkopf (1922), „Meine Hanna", „Dr. Beckers Eltern" und das Porträt Geheimrat Woermann.
Es gibt dann einige Radierungen, die keine Porträtmotive behandeln und die unferm Empfinden nach die beste Ueberleitung zu den Aquarellen, zum malerischen Stil Döckstiegels darstellen. Wir meinen hier etwa den „Sommerabend in Werther", dann die „Ruhenden Schafe", die in der Haltung an gewisse Tierbilder von Franz Marc erinnern, und vor allem, der sehr merkwürdigen Proportionen halber, den „Feiertag in Dornburg".
Die Aquarelle präsentieren durchweg und in unverfälschten, typischen Cinzelzügen einen Stil, den wir heute bereits-als eine vollkommen historisch zu bewertende Ausdruckssorm empfinden: den Expressionismus nämlich. Interessant ist an diesen Malereien mancherlei. Zunächst die entschieden großzügige Behandlung von Farbe und Form' daneben die sichere kompositorische Begabung. Ferner eine auf all diesen Blätter wiederkehrende (eben typisch expressionistische) Unwirklichkeit im Gegensatz zu der soliden, erdgebundenen Realität der allermeisten Zeichnungen und Radierungen.
Wir sehen heute nicht mehr so. Das heißt: wir geben uns keine Mühe mehr (wie noch vor fünf, sechs, zehn Jahren), so zu sehen: wir bilden uns auch nicht mehr ein, so zu sehen. „So" bedeutet im Einzelnen und zum Beispiel etwa den schwankenden Sinneseindruck, daß ein schlichter Bauersmann aus Bückeburg einen blaugrünen Hin ter- köpf haben könnte. Wir sind inzwischen u den guten alten Fleischtönen normaler Menschlichkeit reumütig zurückgekehrt. Historisch also äußerst interessant, diese Bilder: aber auch nicht nur historisch. Selbst wer heute nicht mehr „so" sieht oder nie gesehen hat, wird den linear,in llmrif) und Ausdruck unbedingt treffenden Zuschnitt dieses Bückeburger Kopfes nicht ernstlich zu leugnen vermögen. Und das ist eben eine An-
Lyoner Eindrücke.
Don unserem ^-Berichterstatter.
Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten.
Lyon, Ende März 1928.
Unser Pariser ^-Berichterstatter bereist zur Zeit Südfrankreich, um sich über d i e dortige Stimmung vor den Wahlen zu unterrichten. Die Red.
Schaut man sich zur Zeit des Wahlkampfes in französischen Prorinzstädten um, so wundert man sich, welche beschränkte Rolle sie in der Wahlpolitik spielen. Wahrend auf dem stachen Lande der Wahlkampf bereits in aller Heftigkeit entbrannt ist, merkt man in allen französischen Städten kaum etwas von ihm. Eine Ausnahme bilden nur einige Pariser Bezirke. Sonst gilt der Sah, je größer die Stadt, umso ruhiger die Politik. Unmittelbar vor den Wahlen wird sich dies selbstverständlich ändern, dann verlegen sich die Parteien auf die Städte. Das Land ist dann bereits bearbeitet.
Gerade bei Lyon aber überrascht diese Tatsache ganz besonders. Lyon war immer ein hochpolitisches Zentrum, das lehrt schon die Geschichte. In der nahen Vergangenheit galt Lyon als Domäne der extremen Linken: eine Zeitlang hielt man im Stadtrat sogar Herriot für einen Reaktionär. Diese Zeiten haben sich jedoch geändert. Herriot ist wieder Prophet in Lyon — entgegen dem bekannten Sprichwort. Die Lyoner sind ganz entschieden stolz auf ihn. Das bedeutet weder eine Rechts- Wendung Lyons noch eine Linksschwenkung Her- riots. Die Radikalen — wenn man ihnen glauben darf — haben wieder etwas stärker Fuß ge- ^Die Rechte steht in Lyon recht schwach. Die außerordentlich starke Kaufrnannschast ist gemäßigt links eingestellt, wenn auch die zähe Arbeit der Rechten gerade in den letzten Wochen manche Erfolge gehabt hat. Aber die Kaufmannschaft lebt in einer ständigen Angst vor der Revalorisierung, vergebens beruhigen sie alle gewesenen Finanzminister tn den Lokalblättern. Und da die Rechte bei den Wählern die Hoffnung auf Revalorisierung zu erhalten sucht, hat sie kein leichtes Spiel bei den Lyoner Kaufleuten. Die Industrie in Lyon hat nach | dem Kriege einen riesigen Aufschwung genommen — besonders die elektrotechnische und chemische I sowie die Kraftwagenindustrie. Ganze neue Industrieviertel sind entstanden, und das bedeutet für die Sozialisten einen starken Zuwachs an Kräften.
Die Sozialisten stellen ihre Wahlchancen wahrscheinlich etwas besser dar, als sie in der Wirklichkeit sind. In Paris sind sie voll Zuversicht und auf dem Lande schneiden sie sauere Gesichter. Sie fürchten sich etwas vor den Kommunisten, wenn auch andererseits die Radikalen wieder einige Mandate zu Gunsten der Sozialisten abgeben sollen. In bezug auf Wahltaktik ist das Vorgehen der Sozialisten so un-
Oer Wauwau.
In der D. A. Z. findet man die folgenden kleinen Scherze.
Der alte General von Barnekow war Kommandierender des 1. Armeekorps in Königsberg gewesen. Die Truppe nannte ihn den Wauwau, warum und weswegen wird sich wohl m-3mtig- lich denken können.
Also der Wauwau besichtigte einmal weck draußen auf dem Exerzierplatz eine Landwehr- kompagnie. In feinet Art fuhr er auf den Flügelmann los:
„Wie heischt du und wasch bischt du?"
„Freiherr v. Senden, Rittergutsbesitzer, Euer Exzellenz!" c
„Hm hm." Der Wauwau wandte sich an den Nebenmann. „Und er?“
„v. Kalkreuth, Assessor, Euer Exzellenz!' „Scho, scho — der Nächste! — und Schie?" „Buttjereit, Kutscher beim Baron v. Senden, Euer Exzellenz!"
Befestigung des Flutgrabens der Gemarkung Queckborii im Grundstück des Gas- und Wasserwerks der Stadt Gießen. Die Stadt Gießen, a s Eiq. i- tümerin des Wieseigruiidstucks Flur IV Nr. 4 . er Gemarkung Queckborn, beabsichtigt, bon durch dieses Grundstück ziehenden F utgraben neu h.r- zustellen. und zwar durch ei en Zement rohr.cwal. Gegen dieses Projekt bat d r Mü ler Frey von der Sommersmühle Einspruch erhöbe Er ae*
einig und opportunistisch wie man es kaum für möglich hält. An einer Stelle unterstützen sie die Radikalen, an einer anderen wieder die Kommunisten. Dieser Vorwurf trifft übrigens alle Parteien: sie passen sich stets allzu weit- gehend den lokalen Verhältnissen an. Cs ist auch wahr, daß man in Frankreich mehr Per- fonen a l s Parteien wählt, was gerade jetzt ganz, besonders zutrifft. Eben deshalb wird es auch nicht leicht möglich fein, aus den Wahlergebnissen Folgerungen auf dir kommende französische Außenpolitik zu ziehen.
Aber zurück zu 21)011. Mit ihrer letzten Er- rungcnschaft, mit der Einführung der sozialen Versicherung, hat die Regierung in Lyon nur wenig Beifall geerntet. Die Kritik aus allen Lagern ist aufsallend scharf. Als die Regierung in einer der letzten Sitzungen der Kammer das Versicherungsgesetz votieren lieh, war die Rechte außerordentlich stolz. Sie hat darauf hingewiesen, daß erst die „Union nationale" die großen Versprechungen des Kartells der Linken verwirklicht hat. Das stimmte vielleicht, wenigstens für diesen Fall. Aber den Lyonern gefällt dies nicht. Die Fabrikanten find geradezu verbittert, und was am überraschendsten wirkt, sogar die Arbeiterschaft ist verstimmt. Man behauptet in den Arbeiter- kreisen, '.daß das Versicherungsgesetz zu einer Herabsetzung der Löhne führen wird, und was die Fabrikanten betrifft, so prophezeien sie eine Verteuerung der Produktion. Jeder fühlt sich benachteiligt:, und hört man die verschiedenen Gründe, so glaubt man, daß beide Teile recht haben. Jedenfalls ist das Thema sozialer Versicherungen in Lyon recht beliebt — toirft aber auf die Dauer recht langweilig. In Lyon nimmt man alles leidenschaftlich — aber nichts tragisch.
In einer Stadt mit so guter Küche ist fein Platz für Tragödien. Die Lyoner sind em liebenswürdiger und heiterer Menschenschlag, ihre Stadt ist schön und über die Unbill der Po- litik — Lyon hatte und hat tausend unerfüllte Forderungen und wird auch immer welche haben trotz Herriot — tröstet das Lyoner Selbstbe- wuhtsein hinweg. Um die Provinz kümmert man sich nicht, und während in Dijon und selbst in Avignon große polittsche Akttonen in Szene gehen, bleiben die Lyoner ruhig bei ihrer Arbeit und ihren Vergnügungen. Und sie vergnügen sich ziemlich viel! Die Behauptung, daß der Lyoner kühl und zurückhaltend fei. scheint mir gänzlich unzutreffend. Auch vom berühmten Mystizismus Lyons ist nicht viel zu merken, wenn man nicht gerade auf dem 5ourt>icrc pilgert, und doch sollen die politischen Kreise gerade vor den Wahlen dem Mystizismus zu- neigen. . .
Die zwei Flüsse, die Rhone und die Saöne — eigentlich gibt cs noch einen dritten, den Ionage-Kanal — die sich hier treffen, geben der Stadt eine eigentümliche Gliederung und zusammen mit den hohen gleichförmigen Häusern eine eigentümliche Stimmung. Im Wmter soll es hier, wegen des dichten Nebels, der von
gelegenheit des Könnens, nicht des Stils, der stets zufällig und zeitbedingt sein kann.
Dann ist, in innigem Zusammenhang mit der ganzen, so beschaffenen Malweise, eine oft geradezu leidenschaftliche Farbigkeck in diesen Bildern, von einer Leuchtkraft und Intensität, die in Aquarellen nicht häufig anzutreffen ist: hierin erinnert Docksttegri übrigens an Christian Rohlfs, Führer der feg. Soester Schule, „Maler der Türme und der Blumen", auch an verschiedene Expressionisten, wie Pechstein und Nolde. Im einzelnen wirkt die quellende, satte Fülle von gelbroten und violetten Nuancen bei einem verhältnismäßig unkomplizierten Motiv wie „Dauer, ruhend auf Stuhl" fast beklemmend: förmlich wild, phantastisch, unwirklich und ungezügelt er- scheint das Kolorit auf zwei Landschaften tm Hinteren Teil des Ausstellungsraumes. Die Frauenbilder an der selben Schmalwand schließen sich übrigens eng und stilistisch durchaus entsprechend an. (Bon geradezu suggestiver Ausdruckskraft die hervorragend komponierte Mädchengruppe links.)
Auch die meisten anderen, hier zusammengestellten Aquarellporttäts. Ueberraschend aber finden sich da und dort in dieser unwirklichen, farbentriefenben Malerei Einzelheiten von verblüffender Realität und unleugbarer Lebensnähe, wie etwa im Bildnis des Vaters, einem Bauernkopf (1923) und vor allem in den Gesichtern der beiden Greise. —
3m ganzen vermittelt die neue Ausstellung die interessante Bekanntschaft mit einem Waler von Eigenart und Qualität, dessen Name vermutlich manchem Besucher zuvor kaum ober gar* nicht vertraut war. Der Plan, Töckstte^el bei späterer Gelegenheit abermals in einer größeren Kollektivausstellung vorzustellen, in welcher sein malerisches Schaffen noch ausgiebiger als hier zur Geltung kommen soll, ist baher zu begrüßen.
fürchtet, daß durch einen Rohr'.a cu die lieb r- schwemmungsgZahr wesentlich erhöht werde dadurch. daß der g.schlossene Ka:ial feste Geg..:* stände nicht durch ässe. die bei ei icm Dienen Graben unbehindert pasfi: ren lönntm. Dadurch werde seine Scheune und der Brunn:n. aus dem er fein Trinkwasser beziehe, wesentlich gefährdet. Der Vertreter des Kultur bauamts vertrat die Ansicht, daß durch die An egu g eines Rohrkana's die Aufnahme- und Desöme- rungsmöglichleit von überschüssigem Wasser bedeutend verbessert werde, gegenüber einem o! e ien mit Gestrüpp bewachsenen Graben. Vom technischen Standpunkt aus müßten die Bedenlcn des Einsprucherhebers als unbegrii/.b t bezeichnet werden. Durch Anlegung eines Absallschae-is und Anbringung eines Gitters zum Absangen von Gestrüpp und Anlegung von Dämmen werden die Gebäude und auch der Brunnen nach Möglichkeit vor Schäden geschützt. Die zu dem Konzessionsgesuch gehörigen Pläne bedürften in dieser Richtung noch einer Ergänzung. Das Verfahren wurde hierauf ausgesetzt.
Turbinenanlage des Mühlenbesit- zers ZimmerzuGrünberg. Der Mühle i- besiher H. K. Zimmer zu Grünberg Hit in seiner Mühle eine Turbinenanlage eingerichtet. Während der Offenlage der Pläne und Beschreibungen hat der Mühlenbesiher Otto C h r i ft zu Grünberg Einspruch erhoben mit der Begründung, daß durch die Turbinenanlage des Zimmer das Wasser ungefähr alle Tage zwei bis drei Stunden gestaut und er infolgedessen in seinem Mühlenbetrieb geschädigt werde. Der Der- tretet des Kulturbauamts hält eine Schädigung des Mühlenbesihers Christ für vorliegend. Bei dem in 1913 erfolgten Umbau des Mühlrads habe Zimmer versäumt, um Genehmigung nachzusuchen. Hierdurch fei es gekommen, daß eine größere Turbinenanlage eingebaut worden sei, als sie den Wafferverhält- nifsen entspreche. Das von Zimmer zum Mahlen benutzte Wasser werde nicht rasch genug an den Unterlieget Christ weiter gegeben. Dem könne nur durch Einbau einer zweiten, kleineren Turbine, ober durch Anbringen eines Schwimmers an der größeren Turbine abaeholfen werden. Mühlenbesiher Zimmer erklärte, daß er zur Zeit nicht in der Lage sei, eine zweite Turbine ein- bauen zu lassen. Durch Einbringen eines Schützen habe er feinen Wasserverbrauch nach Möglichkeit geregelt und dem Betrieb des Unterliegers dadurch Rechnung getragen. Der Schaden, den Christ erleide, könne nicht groß sein. Der Vertreter des Kulturbauamts ist der Ansicht, daß durch den Schützen die Klagen nicht beseitigt würden. Auch hier wurde das Verfahren ausgesetzt und dem Müller C h r i st aufgegeben, den ihm durch den Mühlenbetrieb des Zimmer angeblich entstehenden Schaden nach Grund und Höhe nachzuweifen.
den Flüffcn aufsteigt, recht melancholisch auL- sehen. Jetzt ist dies aber nicht b:r Fall: wo man aucl> hingeht, ob man vor dem Jour- tiitre auf die Stadt hetabblickt, die Quais entlang spaziert, oder eine bet schönen Brücken überquert — gebaut unter der Dürgcrmeister- schast des Herrn Herriot. wie eine bescheidene Marmortafel an jeder Ecke der einen Brücke verrät - überill sieht es gemütlich aus. Man bezweifelt dann sogar, daß die Gegmfähe zwischen den Parteien wirklich so gefährlich sind.
Oberhessischer Kunstverern.
Kollektiv-Ausstellung
Peter August Böüstiegel, Dresden
Die neueröffnete Ausstellung des Kunstvereins, die von gestern ab zu den üblichen Besuchszeiten zugänglich ist, wurde diesmal dem Schassen nur eines Künstlers gewidmet: die Kollektion vereinigt Aquarelle und graphische Arbeiten des westfälischen Bauemmalers Peter August Bockst i e g e l. der jetzt in Dresden anfäffig_ ist. Der hier vorgeführte Ueberblid über Dockstiegels Schaffen ist insofern von besonderem Interesse, als er den Künstler gewissermaßen von zwei Seiten zeigt, ober mit zwei Gesichtem: der Graphiker ist vom Maler deutlich geschieden (schärfer, als es gemeinhin zu beobachten ist), und im künstlerischen Ausdruck wirken hier wie dort sehr verschiedene, in manchen Dingen geradezu entgegengesetzte Stiltendenzen. Der Gesamtein- -ruck des unbefangenen Detrachters wird jedenfalls nicht vollkommen einheitlich sein, und es mag Leute geben, die diese Radierungen und jene Aquarelle, die ja doch von einer Hand stammen, innerlich nicht zu verbinden wissend
In den Radierungen wird das Porträt bevorzugt: Bildnisse nehmen den größten Raum ein in dieser Kollektion. Döckstiegel, seiner westfälisch-bäuerischen Herkunft eingedenkt und der roten Erde seiner engeren Heimat tief verwurzelt, kehrt hier zur vertrauten Umgebung, zu vertrauten Gestalten und Gesichtem immer wieder zurück. So zeigen die Bildnisse, die man zu sehen bekommt, in der überwiegenden Mehrzahl Dauemkopse und Bauemgesichter, und hierzu paßt vorzüglich der schwere, gedrungene Stil Böckstiegels, der grohlinig, groblinear und von schwerkantigen Konturen ist. Männer und grauen, Kinder und Greise, zumeist Nachbarn und nahe Angehörige des Künstlers, sind alle mit einer großen Ehrlichkeit, Einfachheit und einer Sachlichkeit abkonterfeit, die in ihrem künstlerischen Wesen etwas durchaus Lieberzeugendes an sich hat. Es ist hier aber mit „Sachlichkeit" nichts gemeint, was sich in gewissen starren und erkältenden Formen der allerjüngsten Stilrichtung ausdrückt. Uebrigens liegen auch die in Betracht kommenden Stücke chronologisch zu weit zurück, als daß derartige Parallelen oder Ein-
Regierung uni) Landwirtschaft in Hessen.
Darmstadt, 32. März. (Landespressedienst.) In der Regierungsanrwort auf den Antrag der AbW. Dr. v. H e l m o l t und Genossen zur Notlage der Landwirtschaft heißt es u.a.:
D^r Notlage der Landwirtschaft, insbesondere sow .t sie in den vorjährigen Ernteschäden be* grürdet ist, wurde auf dem Gebiet der La'i des steuern weitgehend berücksichtigt. Na< dem bereits im vorigen Herbst Grundsteuer- erm'ßigungen bewilligt worden waren, die je nack/ der Höhe des Schadens bis zu 5/c der Iahesgrundslruer ausmachten, hat sich die Re- gienng entschlossen, noch weitergehende Ermäßig ungen anzuordnen. So beträgt nunmehr in den erntegeschädiglen Gemeinden die gerirgfte Grundsteuerermäßigung -'/« der Iahres- fteucr: die Ermäßigung kann steigen bis zu 6/s. also bis zum vollen Betrag der einem landwirt- schaf.lichen Betrieb angeforderten staatlichen Grundsteuer. Hierdurch erleidet der Staat einen Gru dsteuerausfall in einem früher niemals erreich en Umfange, der über den Betrag von eine) halben Million Mark bestimmt ganz be- träck lich Hinausgeyen wird.
D' landwirtschaftlichen Betriebe wurden gegenüber anderen Wirtschaftsgruppen steuerlich nichts unbeträchtlich begünstigt. Die landwirtschaftlichen Odonomicgebäube unterliegen weder der Grund- nock der Sondergebäudesteuer, während die gewerblichen Wirtschaftsgebäude beiden Steuern unterworfen sind. Auch ist das landwirtschaftliche Anlage- und Betriebskapital von der Gewerbesteuer freigestellt worden, ohne daß für das gewerbliche Vermögen eine entsprechende Erleichterung zugestanden worden wäre. Ferner ist die Grundsteuer auf Antrag ganz zu erlassen, wenn das gesamte Gmndvermögen nicht mehr als 3000 Ml. beträgt. Die ungeordneten Sondersteuervergünstigungen wirken sich in jefonöerem Maße zugunsten des flachen LankeS aus. , „ rr
Wenn der Antrag besagen soll, oah von Fall zu Fall bei Abschluß von Handelsverträgen die Interessen der Landwirtschaft berücksichtigt werden sollen, so weisen wir darauf hin, daß die Regierung des Dolksstaates Hessen mit Rücksicht auf die bedrohte Existenz der hessischen Winzer, Gärtner und Obstzüchter gegen den französischen und den spanischen Handelsvertrag gestimmt hat. Ebenso ist die hessische Regierung entschlossen, in Zukunft bei Dertragsverhandlungen durch Einwirkung auf die Reichsregierung d i e wohlverstandenen Interessen der hessischen Landwirtschaft zu berücksichtigen. Ferner soll durch Propaganda und Erziehung der Verbrauch inländischer Produkte aller Art gefördert werden.
Die eigentliche Ausgabe der hessischen Regierung gegenüber der Landwirtschaft liegt auf dem Gebiete der Produktionsverbes- ferung und »fteigerung, der Bodenmelioration, der Hmftellung auf rationelle Betriebsweise, der besseren Organisation der Märkte, der landwirt- schaslliche'i Schulung u. a. mehr. Nachstehend wird ctm Liebersicht darüber gegeben, was in dieser Richtung geschehen ist:
Gegenüber einer regelmäßigen Iahresausgabe für die Förderung der Landwirtschaft von 700 bis 800 000 Mark in den Vorkriegszeiten wurden
für die Zwecke der Landwirtschaft im Rechnungsjahre 1924 rund 1 282 000 Mark, im Rechnungs- I jähre 1925 1 346 000 Mark, und im Rechnungsjahre 1926 1 300 000 Mark für landwirtschaft- I liebe Zwecke bingegeben: die voraussichtlichen tatsächlichen Ausgaben des laufenden Budgetjahres werden diese Beträge noch überftciacn. Daneben gaben in der Folge auch noch andere Umftänbc Veranlassung, der besonderen Bedeutung der Landwirtschaft für die hessischen Belange Rechnung zu tragen. r r
Der Herbst 1924 brachte der Landwirtschaft eine Enttäuschung in den Emteerträgnissen: Wirt- schaslliche Reserven waren infolge der Inflation nicht mehr vorhanden. In diesen kritischen, für die Gesamtwirtfchaft bedenklichen Verhältnissen
Die Ausstellung wurde gestern vormittag in der üblichen Weise der Oeffentlichkeit übergeben; Landgerichtsdirektor Bücking, der erste Dor- sitzende des Kunstvereins, begrüßte die Er- schienenen und gab in kurzen Worten eine Einführung in den Lebensgang und die künstlerische Eigenart des Ausstellenden. hth.


