Nr. \ Drittes Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
Montag, 2. Januar (928
Fechter Hand, linker Hand, alles vertauscht."
DinemarlS innerpvliiifche Lage.
Don unserem v. M.-Bcrichterstatter (Rachdruck. auch mit Quellenangabe, verboten!)
Kopenhagen, Dez. 1927.
Zwei Fragen sind es. die dem politischen Leben Dänemarks seit dem Kriege immer wieder ihren Stempel auf drücken, die Spaftcm der Presse beherrschen und nur vorübergehend etwa der Särterung brennenster Winschaltssorgen Platz machen die Grenzfrage und da« Wehr- Problem. Alle übrigen Dinge laufen scheinbar so nebenher, werden auS der .Hot des Tages" geboren, dringen kaum über den Kreis der zünftigen Politiker hinaus und sterben — im Schatten der beiden Prnvlem-Kolofte — ihren parlamen- torisch-gesetzmäßigen Lod. Ich sage scheinbar, denn in den Varküchen der Parteipolitik brodeln gelegentlich Zollsragen, Wablgeketzkonflikte und andere Probleme von vielleicht weit auöschlag- gcbenderer Wichtigkeit aus. Die breite Oesfent- lichtest nimmt jedoch selten mehr als die Rauchentwicklung wahr und wartet geruhsam auf die fertigen Speisen. Der dänische Bürger hat genug mit sich selbst zu tun und horcht erst gespannt hin, wenn die populären Stichworte fallen.
Sin derartige« Stichwort hat nun die liberale Regierung mit der Einbringung ihres „Ge- setzc- über die Verteidigung des Reich e unter die Massen geschleudert. ES handelt sich dabei um eine mehr oder weniger drrrch- greisende 2knberung der dänischen HeereSord- nuna vom Iahre 1922, — einer Ordnung, gegen die du- vorherige sozialdemokratische AbrüslungS- labinctt Stauning, unter den Augen der ganzen Welt, sturmgeiausen ist. Der Inhalt der neuen Wehrvorlage erscheint zu weitläufig und vielseitig, um in nmppen Worten wiedergcgcben zu locrtxm. doch lassen sich die Grundprinzipien dahin zusammenfassen. dah die Regierung, bei fast unverändertem Budget, eine Vereinfachung und gleichzeitige Intensivierung des Verteidigungswesens — in ilebercinftim- mung mit den Dolkerbundverpflichlungen — an- strebt. Um eS hier gleich vorweg zu nehmen: eine wohlwollende Aufnahme ist dem Entwurf weder von rechts, noch von link- beschieden gewesen und der Wehrminister hatte Recht, wenn er an seine Bitte um ruhige und leidenschaftslose Behandlung die wenig hoffungssrohe Sentenz knüpfte, dah Dänemark auf Militär- politischem Gebiet ja wohl ein „Kapitel für sich" sei.
Die konservative Parteipresse ergriff sofort die günstige Gelegenheit am Schopf, um Wehrproblem und Grenzfrage — mit dem Hinweise aus 1864 — auf einen Generalnenner zu bringen und d i e „deutsche Gefahr" (den Tollpunkt der dänischen Ration) gegen das Gesetz ins Feld zu führen. Dem Schlagwort von der »Sabotierung der Wehrmacht" stellten die Demokraten ihr „Wozu soll e- nützen?" entgegen, was soviel heißen soll alS: Dänemark sei viel zu kl ein, um beim besten Willen eine auch noch nur annahenmd effektive Landesverteidigung aufftcllen zu können. Ieder diesbezügliche Versuch bringe mehr Gefahr al- Rntzen und bedeute bloß sinnlos vergeudete- Geld. — Immerhin lassen die Demokraten in der Praxis die Rotwendigkeit eine- kleinen Heere- und einer Kriegsmarine gelten, während die Sozialdemokraten mehrere Schritte weiter gehen und die Abschaffung de- gesamten Militärwesens (bis auf ein bescheidenes Polizeikorps und einige Küsteninfpeklionsschrise) fordern. 3n den Augen der Wehrfreunde ist da- getoifi nur ein gra» dueller Unterschied und man geht wohl nicht fehl, wenn man in dieser Beziehung eine enge Fühlung zwischen Demokraten und Sozialisten voraussetzt. Ganz interessant ist übriges die Satfache, daß die Konservativen gelegentlich durchblicken lassen, dah ihnen der radikale Standpunkt der .Derteidigungvnihilisten" letzten Endes noch lieber sei. als die Richt-Fifch-nicht-Fleisch» Politik der Liberalen. Ob es ihnen mit dieser Behauptung sehr ernst ist. must allerdings noch bezweifelt werden. Trotzdem gibt es Leute, die hier sogar einen Hinweis darauf erblicken wollen.
Es zogen drei Burschen wohl über den Mein ....
Roman von Erica Grupe-Lörcher. d. Fortsetzung Nachdruck verboten.
Ihre süße Nähe, jetzt plötzlich so unmittelbar vor ihm, benahm ihm iait seine Sick-erheil. Und deswegen kam sein Bericht nur etwas stockend, daß er in einem wohlhabenden Bauernhaus droben im Ha- naueridiib, nördlich von Straßburg, ein ganz prächtiges Kostüm für sie ausfindig gemacht — und für fie entliehen erhalten hatte. Ein höchst echtes Trachtenkostüm! Mit pjlriichrotcm, weitem Rock, begrenzt unten durch drei Sammetbänder, ein mit Füttern bestickter „Vorsteck" ins Mieder, und das Köstlichste: eine Schiaufkappe in breitem, mattgelbem, blumen- durchwirktem Seidenband, wie man es weit und breit kaum wieder so schön finden konnte.
Sie klatschte wie ein erfreutes Kind in die Hände und meinte: „Da kann ich Staat machen an dem Abend! Wie soll ich dir nur danken, Fritzi, daß du dir io viel Müh gemacht hast für mich — ?" _
Er sah ihr sekundenlang in die Augen. Sah ihr für die Momente einiger Herzschläge auf den entzückenden Mund mit den feingczeichncren roten Lippen ---. „Mit einem Kuß", dachte er in plötz
lich brennender Sehnsucht! Aber da er über die Vermessenheit seiner Gedanken erschrak, sagte er jetzt mit starker Selbstbeherrschung: „Dank? Ach. Melusin, wenn du an dem Abend auch dabei bist, ist's mir Freude genug! Und wenn du vielleicht beim Meßti- umzug mit mir gehen willst--—? Ich komm
auch als Bauernbursch! Vielleicht soll ich als „Meßtiburfch" den Zug eröffnen. Wenn du bann die Mehtimaid abgeben möchtest?"
Als sie sich beide in zwei ledernen Klubsesseln einander gegenübergesetzt und gerade das Weitere besprechen wollten, hallte Gelächter aus einem der Nebenzimmer herüber. Wenger horchte auf.
„Der Raymond hat Visite! Der Dietivart von Schölzer. Wenn die beiden zusammen sind, hört man fie jedesmal lachen. Es gibt nix so Fideles m-hr, als die Zwei!"
„Schade," meinte Fritz Wenger, „ich hält' deinen Bruder auch gern heut gesprochen!
hast die Recht« ihre Haltung auf öie Möglichkeit einer sozialbemokratisch-konservativen Majorität — nach den Oberbauewahlen im nächsten Iahr — einz. stell en beginnt.
Die Liberale oder .2 a u e r n l i n k e" besteht zum ausschlaggebenden Teil au- Agrarelementen und ist daher, den dänischen Verhältnissen entsprechend. freihändlerisch eingestellt. Die landwirtschaftliche Produktion ist in jeder Beziehung auf den Weltmarkt und die Weltmarktpreise angewiesen und hat daher von lckmtz- zöllnerischen Mahnahmen keinerlei Borteile, sondern nur eine Verteuerung der Produktionsmittel und BedarfSartikel zu erwarten. Demgegenüber tritt die konservative Industrie nachdrücklichst für die Errichtung von Zollschranken ein, weil sie unter einer »unehmenden Ucbcrflutung de- Inlandmarktes. durch billige ausländische Industrieerzeu^nisse, zu Icuen hat. Der prinzipielle Gegen ay liegt also klar zutage, doch — damit nicht genug — schlagen sich nun auch die Sozialdemokraten ganz offen auf die Seite der Konservativen und dc.langen durchgreifende protektionistische Maßnahmen zu.n Schutze des arbeitslosen Industrie- Proletariats. Die dänische Landwirtschaft macht eine schwere Deflationskrise durch und ist gezwungen, sich mit möglichst geringen Arbeitskräften zu behelfen, was natürlich eine Abwanderung zur konku^renzbedrohten Industrie Aur Folge haben must. Arbeitgeber und Arbeitnehmer haben hier also zwangsläufig ihr gemeinsames Interesse entdeckt und ziehen Arm in Arm gegen den Freihandel zu Felde. Die Lage bedingt zweifellos eine, unterirdisch und hinter den Kulissen fortschreitende, Umwandlung aller parteipolitischen Grundsätze und läßt allerlei interessante Möglichkeiten offen. Wenn sich die liberal-konservativen Gegensätze (Klriste.ungövcr- fuche sind lebhaft im Gange) in der Wehr- f rage al- unüberwindlich Herausstellen tollten, dann darf man auf die Parteilonstellation der Zukunft immerhin gespanni fein. Um so mehr gespannt, als die nächsten Wahlen vermutlich unter dem Zeichen des Rückgangs der Mittelparteien und eines Machtzuwachses der Sozialdemokraten stehen werden.
Französische Wisderausbaubilanz
In Frankreich ist eine recht interessante Statistik über die Wiederaufbauarbeiten in den fogernannten „zerstörten Provin-en" veröffentlicht worden, die zwar nicht ganz durch- sichtig ist. aus der aber doch fo viel hervor- gcht, daß man nicht nur so ziemlich mit den WiederherstelluNgSarbeiten fertig i't, sondern darüber hinaus noch zahlreiche Anlagen in Rord- und Ostsramreich geschaffen hat. die vor dem Kriege gar nicht bestanden. Die Zahl der Postämter ist nahezu verdoppelt, ebenso ist da- Telephonnetz um hundert Prozent gewachsen, auch scheinen alle diejenigen, dir früher keinen Telepbonanschluß besaßen, mit ihrer Behauptung, deutsche Truppen hätten ihnen die Apparate au-gebaut oder zerstört, guten Glauben gefunden zu haben. IedenfallS ist auch hier eine Verdoppelung der Anschlüsse au verzeichnen. Wenn noch hundert- laufend Hektar landwirtschaftlicher Flache nicht a n g e 6 a u t werden konnten, dann bedeutet das nicht, daß hier die Wiederaufbauarbeit iwch nicht vollendet ist. Die Dinge liegen wohl so. daß aus durchsichtigen Gründen weite Strecken i n ihrem ursprünglichen Zustand erhalten wurden, um jedem Ausländer Gelegenheit zu geben, sich persönlich von der ..barbarischen" deutschen Kriegführung überzeugen und daraufhin die Franzosen bemitleiden zu können. Außerdem wollen auch die Reisegesellschaften leben, für die Auszüge nach der Somme, dem Chemin des Dames oder auf die Schlachtfelder von Verdun stets recht lohnend find.
Zieht man dieses nicht wiederaufgebaute Gebiet von den statistischen Erhebungen ab. dann kann wohl mit gutem Recht behauptet werden, daß die Spuren des Krieges ausgelöfcht find. Aufgewendet hat Frankreich dafür 72 Milliarden. während es den Gesamttchaden auf 35 Milliarden veranschlagt. In Reichsmark um- i. .iwir —»■ ■»■■!■■■— i in
gerechnet ergibt da- einen Aufwand von 12 bis 14 GoldmiUiarden. Berücksichtigt man, daß rund 30 000 Häuser gebaut wurden, bann hat jede- Haus etwa vier Millionen Mark gekostet. Hierin sind allerdings 8000 Fabrikgebäude enthalten, ebenso auch die Kosten für die Wiederherstellung der Bergwerke, der Straßen und Cifcnbafcncn. Bei Ao^ug auch der h er für auf» gewandten Summen bleibt pro Hau- — es handelt sich doch satt durchweg um kleine Landhäuser. weil die Städte nur wenig gelitten haben — ein enormer Aufwand. Auch die Fabriken und Bergwerke sind keine-weg- so stark in Mitleidenschaft gezogen worden, daß ein Wiederaufbau von Grund auf er'olgcn mußte. Dafür spricht die Tatsache, daß die nordfranzö- fische Industrie gleich nach Kriegsende in Der Lage war. wieder voll zu arbeiten, und daß weiter die Bergwerke sich sehr rasch zu erholen vermochten, ja. seit Iahren sogar mit Hilfe der auf Reparationskosten vorgenommenen Verbesserungen ihre Friedensförderung weit hinter sich gelassen haben.
Zu berücksichtigen ist bei der ganzen Wiederaufbauarbeit. daß D e u t f ch l a n d mit namhaften Sachlieferungen (Viehlieserungen vor allem, dann durch Ablieferung landwirtschaftlichen Geräts. Abtretung unseres Lolomotiv- und Wagenparks usw.l eingegriffen hat. und daß der Franken bedeutenden Wertfchwankungen unterworfen war. wie ja überhaupt inländische Bestellungen nicht mit Goldmark, sondern mit Papierfranken bezahlt wurden. Das alles beweist ?ur Genüge, daß Frankreich ungeheure Wiederaufbaugewinne eingesteckt hat die besonders in den Iahren 1919, 1920 und 1921 in die Taschen einzelner Bauunternehmer geflossen sind, wie auch sonst noch jeder versuchte, Reparationsgewinne zu erzielen und auf Kosten Deutschlands sich an Stelle einer kleinen Hüfte eine prachtvolle Villa errichten zu lassen. Da der Sinn der Reparationen nur der ist. die Kriegsschäden Jranlreichs wieder zu reparieren und wir vor dem Londoner Dawespakt Milliardenwerte nach Frankreich hineingepumpt haben, müßte von Rechts wegen unsere Reparativ nS- pflicht längst erfüllt fein.
Wirtschaft.
Das KonjunNurjohr 1921.
Als um die Jahreswende im Dezember 1926 ein Rückblick auf das verflossene Iahr geworfen wurde, konnte man feststellen, daß sich die wirtschaftlichen Derhä'.lnisfe in Deutschland entschei- dend gebessert haften. Ungefähr im Mai war eine Wendung der Konjunktur erfolgt, die ihren Ursprung im englischen Bergarbeiterstreik hatte. Die aufwärts strebende Linie der Wirtschaftskonjunktur hat diese Richtung beibehalten. Man kann das Iahr 1927 als ein Iahr guter Beschäftigung von Industrie und Handel kennzeichnen, wobei freilich die Gewinne zu wünschen übrig ließen. Die ursprünglich nur in den Schlüsselindustrien eingetretene Besserung hat sich in diesem Iahre auf die weiter verarbeitende Industrie ausgedehnt. Die Produktionöziffern find erheblich ae- wachsen und haben teilweise eine Rekordhöhe für die Rachtriegszeit erreicht. Im Kohlenbergbau schätzt man die Mehrförderung gegenüber 1926 auf rund fünf bis zehn Millionen Tonnen für Steinkohlen und ebenfalls rund fünf Millionen Tonnen für Braunkohlen, die Roheisenerzeugung ist von 9 6 auf rund 15 Millionen Tonnen, die R o b st a h l e r z e u g u n g von 12,3 auf rund 16 Millionen Tonnen angcwachfen. Die Maschinenindustrie profitierte nicht nur von ihren' eigenen RationalificrungSmaß- nahmen, die teilweise zu einer nicht unerheblichen Verbilligung der Produkte beitrug, sondern auch von der Rationalisierung der anderen Industriezweige, die vielfach zur Anschaffung neuer und moderner Maschinen schritten. Eine ausgesprochene Hochlonjunltur hatte die Xertllinbu- ft r i e. in der iich eine natürliche Reaktion nach dem eingeschränkten Verbrauch der vorangegangenen Krisenjahre bemetlbar machte. Die Kunstseidenindustrie befand sich in einer gewaltigen Entwicklung, nicht nur in Deutschland, fon-
btrn in der ganzen Welt. Allerdings Haden die Gewinnergebnissc nicht mit der Steigerung der Mmfobiätiaftit Schritt gehalten. Man bat deshalb der Konjunktur des Iahres 1927 die 'Bezeichnung ..M e n g e n k o n j u n k t u r' gegeben, üharafteristtsch war für fie auch ihre Beschränkung auf dem Inlandmarit.
Die unzweiselbaft größere Kaufkraft der Br- Votierung hat eine weniger erfreuliche Hieben- Wirkung in der außerordentli^Xm Intensivierung der Einfuhr gehabt. In den ersten 11 Monaten die Einfuhr an Rohstoffen und H.ilvferftgwaren gegenüber dem gleichen Sei'.raum des Vo johres um zwei Milliarden gestiegen, sondern auch die Einfuhr an Fertigwaren um eine Milliarde und an Leben-mifteln um etwa 7d0 Millionen. Die Steigerung der LebenSmitteleimuhc ist zum großen Teil auf hie schlechte Ernte dos Iahres 1926 zurückzufuhren gewesen. Auf der anderen Seite wurde die erhöhte Einfuhr nicht durch entsprechende Mehreffpo.te ausgeglichen. Das Gesamtvolumen der ÄuSfuhr stieg in be t ersten 11 Monaten des Iahres nur um 750 Millionen. Der Erport hat somit nicht Im entferntesten an der Belebung der Produltion teUgcnommcn. Die Ansicht derjenigen, die die Konjunktur als eine reine Inlandkonjuäktur bezeichneten, findet also ihre Bestätigung. Die Außenhandelsbilanz wird für da- ganze Iahr 1927 voraussichtlich mit einem Pasftvsaldv abschl eßsn. der über drei Milliarden beträgt, während im Vorjahr nur ein kleiner Einfuhrüberschuß von 140 Millionen zu verzeichnen war und das Depressionsjahr 1925 sogar eine mit 3.6 Milliarden aktive Handelsbilanz getilgte. Die Außenhandel-- bilanz stellt so eines der schwierigste,, Probleme dar. deren Lösung noch gefunden werden muß. Leider genügen nicht die von un- ausgehenden Bemühungen zur Herbeiführung einer Deferung. solange sich da- Ausland in einem Maße wie bisher von der Aufnahme unserer Effpvrigüter abschließt.
An sich ist da- Vertrauen des Auslandes in die deutsche Wirtschaft im letzten Iahr weiter gewachsen. Zum Beweis dieser Tatsache kann aus da- lebhafte Einströmen ausländischen Kapital - nach Deutschland verwiesen werden. Allein die öffentlich aufgelegten Anleihen deutscher Länder, Gemeinden, anderer öffentlicher Körperschaften und privater ErwerbS- gesellschaften stellten in den ersten zehn Monaten 1927 einen Nominalwert von fast 1.4 Milliarden dar. Zu dieser Summe treten noch die großen Beträge, die als Warenkredite, durch Qf- sektenlause. als kurAsristige Börsenkredite usw. herein- und heran-stossen. Die einkommenden Anleihegelder ermöglichten unS die Bezahlung der laufcnbcn Au-landschulden und gestalteten die Zahlungsbilanz aktiv — wenn auch nur „gc- borgt-attiv", mit per späteren Sorge um endgültigen Ausgleich.
Dir Zahl der Konkurse tyelt fick auf den im Dezember 1926 erreichten niedrigen Stand, die Wechselproteste und DefchäftSaufstch- ten gingen erheblich Aurüd. Eine Störung lag jedoch von der Kapital feite her vor. Bekanntlich war zu Beginn de- Iahres die Lage am kurzfristigen Geldmarkt außerordentlich fküs- fig. Es herrschte ein Hebersluß. der leicht dazu verleitete, die Situation bedeutend optimistischer zu beurteilen, als es tatsächlich gerechtfertigt war. Der größte Fehler war wohl die Auslegung der fünfbrov-ntigen inneren Reichsanleihe in Höhe von 500 Millionen Mark, von denen nur 300 Millionen Mark am offenen Markt '.intergebracht wurden. Man glaubte den Ka- pitalmarit sckw.i fo Welt gestärkt, daß man den Zufluß ausländischen Kapitals drosseln könne. Die Folge war. daß einerseits der Kapitalzustuß aus dem Ausland so gut wie aufhörte, anberer- selts das wenige ausländische Kapital von der Reichsanleihe absorbiert wurde. Die bann folgenden Ereignisse find bekannt. Der zunächst außerord. '.e Pfandbriefabsatz
allmählich ganz inS Stocken, verschiedene innere Anleihen erlitten Schiffbruch, an bet Börse wat eine scharfe Kürzung der Reportgelder nötig (bie den bekannten „Schwarzen Freitag" am 13. Mai zur Folge hatte), die Kapitalbildung ging auch sonst zurück. Die Veldfähe patzten sich naturgemäß bet geänderten Lage an Der ReichSbankdislont wurde von 5 Prozent wieder
3m nächsten Moment war sie in ihrer Elasttzi- tät schon wieder aufgesprungen. „Aber Frihle! 3ch hol den Raymond her! Sein Freund kommt vielleicht auch mit her. Die beiden haben keine so wichtige Sache zu besprechen, daß sie nicht jetzt auch her- fommen könnten!"
Während er ihr noch nachrief, daß cs ihm lieb sei, war sie bereits aus der Tür und huschte den Gang herab. Als er allein war, fiel Wenger ein, daß er den Namen des jungen von Schölzer oft unter denjenigen von Deutschen nennen Höne, die fich allen künstlerischen Bestrebungen durchaus verständnisvoll und fördernd gegenüberstellten. Um so lieber begegnete er ihm jetzt endlich einmal persönlich, und zwar gerade in diesem Haufe, dessen junge Generation gleich ihm selbst die Gegensätze der ver> schiedenen Kreise in Straßburg zu überbauten suchten.
Mit besonderer Aufmerksamkeit sah er deswegen jetzt dem Eintritt des jungen Deutschen entgegen. Nichts von der inneren Ablehnung, wie bei Alcesle, die fast an Haß grenzte, stieg in ihm auf, als er in Dietmar! den typischen Vertreter einer deutschen Offiziersfamilie fand. Groh, fchlank, gut gebaut, blauäugig, dunkelblond, mit den eleganten, sicheren Manieren einer guten Kinderstube und sympathischem, gewmnendem Wesen.
Raymond übernahm, nachdem er den Gast begrüßt hatte, die Dorstellung. Aber die ersten üblichen, ionft steifen zwei Minuten zwischen Fremden wurden sofort überbrückt, als Dictwart von Schölzer mit Lebhaftigkeit das Wort ergriff:
„Herr Wenger! Wie sehr freue ich mich, Ihre persönliche Belanntichaft hier machen zu können! Das gibt mir Gelegenheit, Ihnen mein Kompliment über das Gedeihen des Elsässer Dialekttheaters zu machen, besten spiritus rector sie sind, wie man mir oft sagte! Heimatkunst pflegen, bas ist etwas ganz Köstliches! Gerade hier im Elsaß'. Wo so viel Loden- ständiges, so viel Wertvoll-Bodenständiges ift!“
Zn die Augen von Fritz Wenger ftiea ein Leuchten. .Haben Sie sich einmal eine der Vorstellungen angesehen, Herr von Schöler?"
,,Eine der Vorstellungen? Ich bin Abonnent! Und auf meine Veranlassung haben noch eine ganze Reihe von Freunden auch Abonnen-.ents erworben."
Man gruppierte sich zwanglos um den großen, runden Eichentisch. Raymond lächelte. Er war im
mer glücklich, wenn in seinem Hause, in seiner Umgebung Vertreter des Deutschtums und feiner elsässischen Heimat sich verstanden. Seine Zuneigung zu feinem Freunde wuchs abermals in dieser Stunde, als er Dictwart mit Wärme sagen hörte: „Es ist mir immer gedankt worden, wenn ich Bekannte veranlaßte, Vorstellungen des Elsässtschen Theaters zu be- suchen. Zuerst verstand man den Dialekt nicht immer. Aber bann ging's. Und bann erquickte man sich cm der Urwüchsigkeit der Dolksszenen, dem gesunden Mutterwitz, den der Elsässer nun einmal hat, und der gemütvollen Lehaglichkeik. lieber Gustav Stoß- kopfs „Herrn Maire" (Dorfschulzen) haben wir Tränen gelacht! Und dann noch eins, Herr Wenger!"
Er neigte sich dem jungen Elfäffer etwas entgegen und meinte mit einigem Nachdruck: „Eine doppelte Freude ist für jeden Deutschen dieses Betrachten elsässischer Dolksszenen auch deshalb. — weil sie so völlig deutsch anmuten! Man könnte gerade so gu», vielleicht mit einigen kleinen totalen Abschattierun- jen, — Kirchweih'eiern in Schwaben oder Bayern o sehen. Gott fei Dank, keine Spur von französi- chem Firniß oder gar Franzosentum überhaupt! Und da darf man getrost behaupten, daß das elsässische Volk in seinen Grundzügen, in feiner Bodenständigkeit durchaus auf deutscher Art steht — und sich gibt!"
„Dann wird es Sic angenehm berühren. Herr von Schölzer. das wir das diesjährige Fest zum Besten der Armen Verwaltung ganz im Rahmen einer ländlichen Kirchweih halten werden. Gerade eben kam ich her. um mit meinen Freunden hier Details zu besprechen!"
„Eine famose Idee! 2ch komme auch! Aus un-'e- rer Verbindung wollen ja auch einige Freunde mit- machen, nicht wahr, Raymond? Und noch uns bekannte Studenten —"
„Das ist uns lieb. Herr von Schölzer! Ich bin Mitglied de- Komitees. Und ich kann Ihnen versichern. es freut uns, wenn von Jahr zu Jahr gerade dieser Wohltättgkeitsball sich immer mehr zu demjenigen Feste ouswächst, auf dem einheimische eftässvche und deutsche Kreise sich zusammenfinden und einige Stunden sich gemeinsam vergnügen!"
Man hörte draußen durch die stille klare Winter- luft die Glocken des nahen Münsters herüberichwin- gen. Fritz Wenger zog die Uhr. .Ich muß gleich ausbrcchen. Dir haben nachher eine Komiteesitzung."
Aber Raymond zog seinen Stuhl um eine Kleinigkeit näher zum Freund heran: „Äch muß noch eben wegen des Eharles Dubois mit dir reden! Der will die Dekorationen übernehmen!"
Während die beiden Herren sich In eine geschäftliche Angelegenheit vertieften, gerieten Dietwari und Melusine in ein Gespräch. Dem Fritz Wenger aber wurde es unterdessen etwas unbehaglich. Er wußte leibst nicht, warum überhaupt eine Unbehaglichkeit in ihm aufstieg. Aber er hörte Melusine wiederholt im Gespräch mit Herrn von Schölzer leise auflachen. So silberhell, so entzückend, fo erfrischend, wie eben nur fie für seine Begriffe lachen konnte. Sein Herz tat mühsam fthuxre Schläge. Bei einer leichten Wen- düng des Kopses sah er genau, wie Herr v. Schölzer ihr etwas entgegengeneigt saß und ihr voll ins fde« sicht blickte, 'lltf), und in diesem reizenden pikanten Madchengeficht funkelten eben hundert Sprühleufel- chen des Vergnügens und der Lebenslust! Waffenlos war Fritz Wenger schon als Junge diesem Lachen von der kleinen Melusine gegenüber getuefenl Den schönsten Dank sah er in ihrem Lachen, wenn er fte durch irgend etwas erfreut hatte. Und die verrücktesten Dinge hätte er auf ihre Bitte unternommen, wenn ein solches Lachen seine Mühe gekrönt hätte.
Wenn es nun Herrn von Schölzer ihr ebenso bedingungslos auslieferte.
„Sie ist ein ganz kleiner Rocker!" fuhr es dem etwas ernsten und schwerfälligen Fritz Wenger plötzlich durch den Sinn. „Ein kleiner Racker, der jeben am Bändel führt, den er sich aufs Korn nimmt!“
Trotzdem drängte sich seine Gewissenhaftigkeit jetzt wieder vor und er brach auf, um nicht verspätet jur Sitzung zu kommen. Als |ie bei der Verabschiedung ihre Hand in die feine legte und ihm nochmals mit einigen Worten des Dankes in die Augen sah. war er wieder beglückt. Er schied mit ihrer Zusicherung, daß sie als seine „Mehtimaid" beim Umzug auf der Kirchweih am Ballabend mit» machen würde.
Raymond geleitete den Freund hinaus. Anscheinend gerieten beide draußen auf dem Gang und vor der Entreelür nochmals in ein Gespräch, denn <s verging eine Weile, bis er zurückkehrte. Die wenigen Minuten aber genügten, um drinnen im Zimmer zwilchen dem zurückbleibenden jungen Paare verhängnisvolle Fäden voll süßer geheimer Zartheit anzuknüpfen. (Fortsetzung folgt.)


