Nr. 258 Drittes Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für (Vberhesfen) Donnerstag, i. November 1928
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Das Deutschtum in der Slowakei.
Vortrag im B. D. A. Gietzen.
Dieser Tage veranstaltete der Verein für daS Deutschtum im Ausland seinen ersten vierteljährlichen Ortsgruppenabend. Prof. Dr. König sprach über seine Reiseeindrücke in den Deutschinseln der Slowakei. Die Bevölkerung dieses neuen Staates besteht aus den Tschechen Böhmens und Mährens, dem weitaus größeren Prozentsatz Slowaken aus den früher ungarischen Ländern, sowie den Karpatho- russen und Ruche neu Galiziens. Trotz chrer geringeren Anzahl haben die Tschechen die Regierung in den Händen, da sie in ihrer Kultur durchaus nach Westeuropa gerichtet sind und ein bewußtes Rationalgefühl besitzen, während die zahlenmäßig stärkeren Slowaken, die erst seit 1830 sich eine eigene Schriftsprache geschaffen haben, nur allmählich zu erstarken beginnen und chr kulturelles Vorbild nach wie vor in Ungarn sehen. Drei größere Gruppen deutscher Ansiedelungen liegen in diesen slowakischen Gebietsteilen eingesprengt. Indessen sind die um Preßburg herumwohnenden Deutschen als äußerste Vorposten der kompakten deutschen Volksteile Oesterreichs anzusehen, während das Gebiet um Kremnih und die Zips vollkommene Deutschinseln sind. Leider zeigt sich im Preßburger- land eine immer mehr zunehmende Verslowaki- sierung. Preßburg selbst, eine früher vollkommen deutsche Stadt, zahlt heute nur 25 000 Deutsche bei einer Gesamteinwohnerzahl von 70—80 000. Ein weit geringeres Vordringen der Slowaken zeigen die alten Rodungsgebiete um Kremnitz, deren stark wachsend« Devölkerungszahl nicht genügend Rahrung fand in dem kargen Gebirgsland und sich daher seit Jahrzehnten in der un- ?arischen Tiefebene als Landarbeiter zu per- ingen gewohnt war. Infolge der Lastrennung von Ungarn und dem Verbot der tschechischen Regierung blieb diese Hilfsquelle verschlossen und der Mangel wurde immer drückender, bis es in diesem Jahre dem deutschen Schutzbund gelang, an Stelle der.sonst eingestellten polnischen Ernte- avbeiter diese Deutschen auf den großen Gütern Ostdeutschlands anzuwerben. Die segensreich« Tätigkeit des Bundes versucht damit einerseits die Schwierigkeit der Landarbeiterfrage in Deutschland zu lösen und bietet anderseits deutschen Volksgenossen im Ausland materielle Hilfe und kulturelle Unterstützung. Rach wie vor schwierig indessen bleibt die Lage der Kremnitzer Hüttenindustrie, die seit alther Gold, Silber und Kupfer gräbt und verarbeitet, nun aber infolge des Anschlusses an die Tschechoslowakei ihren alten Absatzmarkt in Ungarn verloren und mit Aussuhr^chwierigkeiten zu kämpfen hat. Da die tschechische Regierung einseitig ihre böhmische Industrie fördert, ja sogar die Münze von Kremnih nach Prag verlegen will, ist wenig Hoffnung aus Aenderung. Sozial und wirtschaftlich am feinsten durchgebildet ist die Struktur der deutschen Zips, die nicht nur wirtschaftlich, sondern auch geistig mehr- noch als die übrigen Deut^chgobiete mit dem Magharenreich verknüpft gewesen war. All diese von ihrer fernen Heimat vergessenen Deutschen hatten in Ungarn Beschützer und Vorbild gesehen, und als erstrebenswertestes Ziel galt es ihnen, chr überall verachtetes Deutschtum bewußt in magyarischer Wesensart ausgehen zu lassen. Daß indessen die deutsche Kultur sich trotz dieser starken Belastung ald tragfähig erwiesen hat, zeigen jene deutschen Siedelungen, die außer einem dünnen magyarischen Firnis ihre deutsche Eigenart behalten haben. Bei dieser Vevökerung hat sich ein Besinnen auf ihre deutsche Abstammung und ein bewußtes Bekennen zu diesem Deutschtum ergeben. Da sie infolgedessen gleich den Slowaken Autonomie fordern, mußten sie in Gegensatz zur tschechischen Regierung treten, und diese ihre Eigenschaft als deutsche Oppositionspartei brachte ihnen auch den Zustrom der magyarisch gesinnten Kreise der älteren Generation. Während letztere wiederum den Anschluß an Ungarn erftreben, gedenkt die junge Generation auch mit einer ihnen günstig gesinnten tschechischen Regierung zu paktieren, bis einst ihre Hoffnung nach einem kommenden, friedlichen „Mitteleuropa" erfüllt sein werde. Die kluge Politik der
tschechischen Regierung jedoch will den deutsch Gesinnten gerne entgegenkommen (deutsche Schule in Kaesmar! und anderen Städten), um der drohenden Gefahr eines Großungarn zu entgehen. Ungarn, das infolge der Beschneidung nach dem Kriege eine Anzahl Minderheiten in anderen Staaten hat, sieht allmählich ein, daß es nur dann wieder zu einem Großungarn werden kann, wenn es den noch heute in seinen Grenzen lebenden Minderheiten (also auch den 5—600 000 Deutschen). Autonomie gewährt. Seine Politik wird entschieden minderheitenfreundlich. Der kleinen, aber festgeschlossenen Schar bewußter Deutscher in der Slowakei, die selbst die konfessionel
len Gegensätze in ihren eigenen Reihen überwunden hat, um sich vereint für ihr Deutschtum einzusetzen, gebührt unsere Bewunderung und tätige Unterstützung. Man muß es nur begrüßen und zur Rachahmung empfehlen, daß zu der Zeit, als Prof. König dort war, schlesische Jugend in größerer Anzahl die Verbindung mit den bortigen Volksgenossen ausgenommen hatte. Das Land bietet ja auch Schönheiten genug, wie die gezeigten Lichtbilder erläuterten, nicht nur landschaftlicher Art, sondern auch auf dem Gebiete der Kunst, und Archive, Bibliotheken und Kirchen bergen noch eine Fülle ungehobener Schätze.
gedacht werden, und die not leidenden Schriftsteller werden sich mit ihren Gesuchen noch einige Zeit gedulden müssen. Werm man bedenkt, daß den staatlichen ^Heatern beträchtliche Subventionen zufliehen, wird man zu der Annahme berechtigt fein, daß sich die amtlichen Stellen zur Bewilligung größerer Beträge entschließen werden.
Wie unzulänglich bisher die Mittel waren, die aus Stiftungen den deutschen Dichtern zugeflossen sind, kann man daraus erkennen, daß der Schic- l e r - P r e i s, der zuletzt im Rovcmber vorigen Jahres zur Verteilung gekommen ist, ganze 70 0 0 Mark betragen hat, und 6ieje „fürstliche Summe" wurde noch unter drei Schriftsteller verteilt. Franz Werfel, Fritz von Unruh und Hermarm Burte erhielten je ein Drittel, und der Betrag wirkte um so ärmlicher, als er seit dem Jahre 1920 nicht mehr vergeben worden ist. Dabei handelt es sich um einen Staatspreis, der gewissermaßen der „Pour le merite“ der deutschen Dramatiker sein soll. Die Stiftung wurde am 10. Rovember 1859 durch den damaligen Prinzregenten Wilhelm von Preußen zum hundertsten Geburtstag Friedrich von Schillers gegründet und betrug 1000 Taler in Gold. Diese Stiftung schien aber unter keinem guten Stern zu stehen, denn schon die Berufung der Prüfungskommission brachte eine aufsehenerregende Sensatton: Grillparzer lehnte es ab, beizutreten. Auch später, im Jahre 1896, kam es zu einem ähnlichen Zwischenfall, als Theodor Fontane eine Berufung in das Komitee ablehnte. Auch sonst kam es öfter zu unerquicklichen Reibereien, denn Wilhelm II. versagte in mehreren Fällen dem Vorschlag W Komitees die Genehmigung. Ludwig Fulda, Gerhart Hauptmann und dem nunmehr prämiierten Burte wurde die Zuerkennung des Preises verweigert.
Daß der Beruf eines Schriftstellers auch in früheren Jahren nicht allzu ertragreich gewesen ist, geht daraus hervor, daß viele deutsche Dichter einem Erwerbsberuf nachgingen. Ernst von W i l- d e n b r u ch hielt zäh an seiner Stellung im Auswärtigen Amt fest. Schiller wirkte als Professor in Jena, Goethe bekleidete die Aem- ter eines Staatsministers und Intendanten. Grillparzer war Archivdrrektor der Wiener Hofkammer, und Herder war erst Lehrer, dann Hofpvediger und zuletzt Konsistorialpräsident. Grabbe schuf seine bedeutendsten Werke als „Dataillonsauditeur" in Detmold, Gottfried Keller war Staötschreiber von Zürich, und Anzengruber Redakteur einer kleinen Wiener Zeitung. ilnh zahlreichen zeitgenössischen Schriftstellern geht es ganz ähnlich.
Volkshochschultaglmg in Gießen.
In der Fachsitzung am Sonntag hatte es der Leiter der VvlkshoMchule Thüringen, Regie- rungsrat Dr. B u ch w a l d, Jena, übernommen, Grundsätzliches und Praktisches über alte und neue Wege der Volksbildung zu sagen. Der Redner ging bei seinen Darlegungen von den Fragen aus, welche sowohl die Schule, als auch die Volksbildung gemeinsam betreffen, und zeigte zunächst geschichtlich die Lieberwindung der Lernschule, des „Dildungs- materialismus" durch Ratorps Lehren von der Aktivität der menschlichen Seel«, der Möglichkeit des Sichbildens, der Erziehungsgewalt der Schulgemeinschaft, der Familie, der Vielgestaltigkeit der Menschen, wonach jedem das ihm Gemäße zu geben sei. Darüber hinaus schilderte der Dorttagende in umfassender Weise di« Wandlungen des Schul- und Dildungswesens bis zur Zeit nach dem Kriege, als deren Tendenz er die Einstellung auf rationale Besinnung gegenüber dem irrationalen Ausbau der Vorkriegszeit bezeichnete. Denn gerade die letzten Wandlungen stellten uns einer unproblematischen Jugend gegenüber, welche lediglich durch sachliches Lernen und Charaktererziehung im ethischen Chaos zu lösen seien. Zur Frage der Verwirklichung solcher Aufgaben verwies der Redner vor allem auf die Rotwendigkeit der intellektuellen und logischen Bildung, wobei ihm der Vorttag der Arbeitsgemeinschaft solange gleichberechtigt erscheint, als er den Hörern die Teilnahme am Gang solcher wissenschafllichen Denkarbeit möglich macht. Auch
DeoMkmdsDWemsollgcholsenwerden! Oie neue Rotgemeinschast des Deutschen Schrifttums. - Berühmte Autoren im Elend. - Wertvolle Werke, die nur Geld kosten. - Aber sie sollen doch gedruckt werden! - Unzureichende Staatshilfe. - Wie anerkannte Schriftsteller ihren Lebensunterhalt verdienen müssen.
Von Dr. Erwin Krug.
Kürzlich wurde in Berlin die Notgemeinschaft des Deutschen Schrifttums gegründet, in der die maßgebenden Schriststellerorganisa. Honen und literarischen Stiftungen vereinigt sind, und die jetzt ihre Arbeiten aufnimmt.
Kürzlich hat sich der bekannte Schriftsteller Herbert Eulenberg in der Öffentlichkeit dagegen verwahtt, für einen reichen Mann gehalten zu werden; er hat daraus hingewiesen, daß auch Dichter von Rus nur wenig Geld verdienen. Die öffentliche Meinung neigt dazu, das Schreiben von Büchern als mühelosen, einttäglichen Berus zu bettachten, und sie ist erstaunt, wenn die Hilferufe berühmter Persönlichkeiten bekannt werden, die trotz Talent und Begabung bitterste Not leiden und nicht wissen, wovon sie ihr Leben fristen sollen. Jeder bekannte deutsche Autor weiß von Briefen zu berichten, die täglich in Stößen bei ihm Eintreffen, und in denen er um schleunige Unterstützung angefleht wird. Unter den Hilfesuchenden findet man neben unbekannten Schriftstellern auch Autoren, deren Werke an deutschen Theatern mit Erfolg aufgeführt worden sind und deren Bücher di« Auftn.ttsamkell des Publikums erregt haben. Immer bedrohlicher ist die Lage der freien Schriftsteller in Deutschland geworden, und immer unzulänglicher wird di« Hilfe, die die Schriftstellerorganisationen den Bedrängten leisten können. Run hat man eine Rotgemeinschaft des Deutschen Schrifttums gegründet, um dem Elend der geistigen Arbeiter systematisch zu steuern. Die deutsche Schillerstiftung und der Reichsverband des Deutschen Schrifttums haben sich zu dieser Rotgemeinschast zusammengeschlossen; die Vertreter der deutschen geldwerbenden literarischen Stiftungen und Die Spitzenorganisation der schriftstellerischen Derufsverbände Deutschlands haben sich damit zu einer Gemeinschaft zusammengeschlossen. zu der mittelbar auch die Kleist-Stiftung und die Klaus-Rochs-Stiftung gehören.
Rur die geringfügige Summe von einigen tausend Mark läßt der Staat jährlich seinen darbenden Schriftstellern zuteil werden; auch die ‘Beträge die den Organisationen von großen Städten oder Stiftungen zufließen, sind bei der wirtschaftlichen Rrllage, in der sich die freien Schriftsteller befinden, nur ein Tropfen auf einem heißen Stein. Man hofft nun, daß reich« Kunstfreunde, großzügig« Mäzene der neuen Zentralstelle größere Beträge zur Verfügung stellen werden. Die Tatsache, daß maßgebende Organisationen die einkommenden Gelder verwalten, bürgt dafür, daß die Spenden gerecht verteilt werden.
Schon jetzt, wenige Tage nach der Gründung, gibt di« Rotgemeinschaft ein genaues Programm für di« Organisation des Hilfswerkes bekannt. Zwei Arten von Hilfsmaßnahmen werden darin genannt: man will dem hungernden Schriftsteller persönlich helfen, und es soll auch dafür gesorgt werden, daß das Wett der Autoren nicht durch wirtschaftliche Rot unbekannt bleibt. Durch Gewährung von Renten, durch Ehrengaben und Darlehen w'.ll man dcm ins
Elend geratenen Schriftsteller helfen. Kranke Dichter sollen Mittel erhalten, di« ihnen Hellung ihrer Leiden ermöglichen, an Rekonvaleszenten will man Erholungsbeihilfen verteilen, an die nicht mehr arbeitsfähigen Autoren soll gedacht werden. Durch Ehrengaben will man junge Schriftsteller aufmuntern. Da Dichter meist nicht in der Lage sind, hohe Lebensversicherungen abzuschliehen, sollen auch die nächsten Hinterbliebenen armer Autoren unterstützt werden.
Man weiß, daß es zu allen Zeiten Dichter gegeben hat, die gern hungetten, wenn nur ihr Werk in die Menschheit drang. Cs gibt auch heute noch solche Kämpfer des Geistes, die mehr als persönliche Unterstützung eine Förderung ihres Wettes begrüßen werden. Manchem Autor ist nicht damit gedient, daß man ihm eine einmalige Hilfe gewährt; wichtiger ist es ihm, von Autoritäten gefordert zu werden und einen Ramen zu bekommen. Ist es doch eine alltägliche Erscheinung, daß große Vettagshäuser ein künstlerisch wettvolles Buch nicht anzunehmen wagen, weil sie bei einem jungen, wibekannten Autor einen geschäftlichen Mißerfolg fürchten Da will nun die Rotgemeinschaft eingreifen, die bisher unveröffentlichte Werke darauf prüfen will, ob sie es verdienen, gedruckt und verbreitet zu werden Wenn die Prüfungskommissionen das Wett für wertvoll halten, so will die Rotgemeinschaft nicht nur Druckkostenzuschüsse zahlen, sondern sich auch am Au t or en hon o r a r beteiligen oder Mittel zur Verfügung stellen, um das Erscheinen des Werkes zu ermöglichen Außerdem denkt man daran, dem Verlag den Absatz einer bestimmten Anzahl von Büchern zu garantieren, die übernommenen Exemplare sollen dann an Vollsbüchereien Dort eilt werden Ferner sollen neue Preise für Schriftsteller geschaffen werden, die hoffnungsvollen, in Rot befindlichen Schriftstellern zugute kommen sollen Eine andere wichtig« Aufgabe der Rotgemeinschast wird dattn bestehen. Rachlässe und Archive zu verwalten, die Bedeutung für die deutsche Kultur besitzen Gerade auf diesem» Gebiet wird die Rotgemeinschaft sich bald betätigen müssen, denn schon km nächsten Jahr werden die Wette Fontanes von der dreißigjährigen Schuhfttst frei, und da die Familie aus diesen Wetten feine Einkünfte mehr beziehen werden, wird das Bestehen des Fontana-Archivs, das aus diesen Mttteln finan- ziett wurde, in Frage gestellt. Aehnlich wird es in kurzer Zeit mit dem Riehsche-Archiv be- bestellt fein, und gewisse Anzeichen deuten daraus hin, daß man im Ausland sehr geneigt wäre, diese beiden Archive zu hohen Preisen zu erwerben
Zunächst müssen öffentliche und pttvate Stellen für die vielseitigen Bestrebungen der Rotgemeinschaft Mittel zur CBerfügung stellen Bei dem Umfang des Ausgabentreises, den sich die neue Organisation gesetzt hat, wird mindestens ein Betrag von einer Million Mark im Jahr« nötig sein Bevor diese Summe beisammen ist, faiyx an eine praktische Tätigkeit kaum
Geld fällt vom Himmel.
Roman von Paul Enderling.
Copyright by Carl Duncker, Verlag. Berlin.
32. Fortsetzung. Nachdruck verboten.
„Keine Bohne, gnädiger Herr. Wenn man die Well mit Banknoten überschwemmt, werden sie ja wohl weniger wert als damals in der seligen Inflationszeit. Aber erst muß man sie doch haben, und zwar zum richtigen Wert. Außer man macht sie nach. Dann läßt es sich gut überschwemmen."
Grotleck steckte den Zettel ein. Die alte Unruhe kam wieder über ibn. Die Notenfälschungen in Rumänien — dieser Ausschnitt, der seinem Geld beigelegen hatte und der irgendetwas mit Brodersen zu tun hatte —, was bedeutete das alles? Wo war da ein Zusammenhang? Seine Banknoten mären echt. Er fand leihen Ausweg aus dem Irrgarten.
Wer dieser bäuerliche Schlauberger hatte am Ende richtig kalkuliert. Es mochte in einem fanatischen Hirn so ein Gedanke schon geboren sein. Wenn es in großem Stil geschah, konnte es die beabsichtigte Wirkung haben, eine Geldpanik zu erzeugen und die Vermögen zu entroerten — namentlich, wenn es in einem Schlag durchgeführt wurde. Und den Sowjets standen wohl genug Hilfskräfte zur Berfüg-anq. Aber wer wagte diesen Angriff aus die festesten Fundamente der Gesellschaft? Nun, ihn ging" es nichts an.
„Zunächst wollen wir mal uns überschwemmen", sagte er zu dem Inspektor, dessen verwunderten Blick er auf sich ruhen fühlte. „Prost, Specht! Auf gute Zusammenarbeit! Sagen Sie, gibt es hier in der Nachbarschaft keine neuen Zeitungen?"
„Die gnädige Frau hält ja das Kreisblatt."
„Nein, nein, das bringt die Nachrichten aus dem öoriaen Jahrhundert."
„Das soll wahr sein. Wer im Krug drüben in Niederstein werden drei Danziger Zeitungen gehalten."
„Schön. Ich gehe gelegentlich mal rüber. Heute ist es schon zu spät." Er verabschiedete den Inspek- tor und entschloß sich, den geheimnisvollen Ausschnitt nicht mehr zu beachten.
Er ging hinaus, der Mutter entgegen. Auf der halben Chaussee kam ihm der Wagen entgegen. „Papendick hat mich begleitet, hoch zu Pferd. Schade, daß du es nicht erlebt hast. Mit Mühe und Not habe ich ihn zu seinem Sonntagsstammtisch treiben müssen. Wie gefällt er dir eigentlich?"
„Besser, als du ihn geschildert hast. Auf alle Fälle paßt er hier gut in die Landschaft, und das ist doch eigentlich ein Lob für ihn."
Sie nickte. „Ein sehr hohes, sollte ich meinen."
,/Ist er dir je lästig gefallen?"
„Nein, nie. Obgleich schüchterne Männer die Lästigsten werden, wenn sie ..." Sie hielt errötend inne.
„Ich verstehe. Du brauchst mir nichts mehr zu sagen."
„Doch. Ich muß. Es soll Klarhell sein zwischen so guten Freunden, wie wir es sind."
„Nicht in diesen Dingen, Mutti 1" bat er. „Die muß jeder selbst entscheiden. Heber sich selber ist man nur selber Souverän."
„Würdest du mir solche Dinge auch verschweigen?"
Er drückte sich fester in die Polster des Wagens. Sein Blick folgte einem krächzenden Krähenschwarm, der die Straße überquerte. „Diesmal kamen sie von links, Mutti ..."
„Ja, ich verstehe. Und diesmal brauchst d u nichts zu sagen."
Dankbar nahm er ihre Hand. Schweigend fuhren sie weiter, bis Pluto blaffend herbeirannte, der am Feldweg gewartet hatte.
,Hch hatte ihn eingesperrt, sonst wäre er mir in die Kirche nachgelaufen."
„Das wäre schlimm gemef n; denn unser guter Pastor ist fein Franziskus, der den Tieren predigt ... Viech freches!" Das galt Pluto, der mit einem Satz in den Wagen gesprungen war und nun ©rot» teck umarmte. /
Zu dritt gingen sie ins Eßzimmer. „Ich muß dir etwas gestehen", sagte Frau Karola mit schuldbe- wußtem Gesicht. ,Hch habe Austern da. Aber nur ein kleines Fäßchen. Durfte ich es nicht?" Sie blickte scheu zu dem großen Sohn empor.
„Ich muß wohl schon verleihen, und am deutlichsten kann ich es ja, indem ich möglichst viele Dutzend aufbreche. Wer zu Austern gehört Rheinwein ober Sekt."
Sie druckste eine Weile umher, ehe sie gestand: „Es ist beides da. Der Reisende hat mich regelrecht beschwatzt. Weißt du, ich kann immer so schlecht widerstehen, wenn ich einen feinen Mann betteln sehe."
Lachend umarmte er sie . „Meine liebe kleine Mama, du paßt zur Gutsfrau wie ich zum Schnee- schaufeln. 9ta, künftig müssen sie sich an mich wenden."
Als sie mit dem Essen fertig waren — es wurde viel gelacht dabei — fragte Frau Karola: „Und wie steht es nun mit den Buchern ? Sind sie jetzt wieder in Ordnung?"
„Ach, Mutti, frag' lieber nicht!"
Eine kurze Zeit schwieg sie, bann tarn es leise heraus: „Wir könnten ja einiges verkaufen."
„Was denn zum Beispiel?"
„3d) buchte an bie alle Bibel, bie mit ben Silberspangen. Der Pastor erzühlle, solche Bibeln seien sehr wertvoll."
„Sicherlich. Wenn wir Glück haben, kriegen wir drei Mark fünfzig bafür."
Ihre Miene wurde kläglich. „Er sagte, ein Neu- yorker Millionär habe für eine alte Bibel hunderttausend Dollar gezahll."
„3a, er hat nun wohl aber genug an der einen."
,Hch sehe schon, du hälft mich für ein dummes Esulein", klagte sie. Er ging zu ihr und strich über ihr Haar. Wie voll es noch war! Und bie graue Strähne darin stand ihr eigentlich ausgezeichnet. „Du bist göttlich unpraktisch, meine Freundin!"
„3a, sei gut zu mir. Kein Mensch ist gut zu mir."
„Und Papendick?" scherzte er.
Sie entgegnete nichts und begann nach den Hypotheken zu fragen. „Die Zinsen müssen doch be- zahtt werden."
„Heberlaß es nur mir. Hoffen und glauben!"
„Du sprichst wie der Pastor. Aber Geld fällt doch nicht vom Himmel, nicht wahr?"
„Vielleicht doch", sagte er ernst.
„Nein, jetzt redest du wie ein rechtes Schaf." Dann nach kurzem Besinnen: „3ch glaube doch, daß es Menschen gibt, denen bie Sterntaler in ben Schoß fallen. Dir könnte es zum Exempel passieren."
„Mir?" fragte er erschrocken.
„Weil bu ber beste, liebste 3unge bist. Deshalb." Sie lief von. dem Sohn fort, klappte das Klavier
auf, das immer wie ein Spinett klang, und fang, sich im Stehen begleitend: „Weil bu min ßeeroften bist wie du wohl rreeßt ..."
Lachend warf sie den Deckel wieder zu. „Ach, es wird sich schon was finden. Unb jetzt trinken wir gerabe ein Gläschen Sekt."
Kopfschüttelnb ging er auf sein Zimmer. Es hatte keinen Zweck, mit Mutter über schwere Dinge zu sprechen. Sie würbe zusammenknicken, wenn er sie in sein Geheimnis einweihte. Aber Grotthausen mußte gerettet werben. Es war bie Insel im ra= fenben, aufgepeitschten Meer.
Er nahm Inges Brief vor. Riet sie ihm nicht ba» zu, als ob sie alles wüßte? „Das Erbe ..." War hier nicht ein Sinn in all ber bunkeln Verworrenheit, bie ihn fett jenem unseligen Abcnb um und um getrieben hatte? Auf bie m^chtige Krone bes Kastanienbaumes vor bem offenen Fenster starrend, flüsterte er Inges Namen.
Ein Kratzen an ber Tür schreckte ihn auf. Ein bump^s Jaulen tarn unmelobisch herüber. Er schloß auf, und Pluto stürmte ins Zimmer und an ihm empor.
Diesmal wehrte er den Hund nicht ab. „Muß Grotthausen erhalten bleiben, Plillo? Soll ich das Gelb angreifen unb ben Kampf aufnehmen mit allen Bebenken unb allem, was noch kommen mag."
„Wust! Wuff!" machte Pluto. Unb ba war es entschieben.
*
Kurt Grotteck war nach Rosoggen hinübergeritten, bem Gut Papenbicks. Er traf ben Gutsbesitzer am Walbeck, bas bie Grenze bildete, unb erzählte offen von ben Soraen, bie Grotthausen ihm mache. Es hatte keinen Zweck, Dinge zu verhehlen, bie jeder Nachbar besser kannte.
„Sie haben sich rasch hineingefunden", meinte Papendick anerkennend. „Na, Sie werden sich auch schön hineingekniet haben."
„Hab' ich. Es war ja auch meine verflucht« Pflicht unb Schuldigkeit." Als ber anbere lächelte, fehte er hinzu: „Sie wollen sagen, baß sie bas schon längst gewesen wäre, wie?"
„Bewahre." Aber fein Gesicht mürbe doch um eine Schattierung brauner.
(Fortsetzung folgt.)


