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Nr 258 Zweiter Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen) Donnerstag, November (928

Freiheit oder Tod.

Mit versiegelter Ordre zum Führer der mazedonischen Komiiadschi.

Don unserem WEB.-Derichterstatter.

Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten! Sofia, Ende Oktober 1928.

Wer in alten bulgarischen Zeitschriften blättert, findet häufig Photographien, die bärtige Män­ner in wallendem Haupthaar in abenteuerlicher Kleidung zeigen. Man könnte an Apostelköpfe denken, wenn nicht jeder d'.eser bärtigen mit einem Arsenal von Schieß- und Stichwaffen behängt wäre und mit wilden Augen um sich blickte. Es sind Bilder der gefürchteten Kornttadschis, unter denen die Allgemeinheit auch heute noch halbpolitische Ballanräuber zu verstehen gewöhnt ist. Zn Wirklichkeit handelt es sich nm Ange­hörige der Inneren Mazedonischen Re­volutionären Organisation, kurzweg Imro genannt, die im Jahre 1893 von Götze Deltschesf, Dame Grueff und Pere Toltscheff nach dem Borbild der italienischen Karbonari gegründet wurde. Die Imro besteht somit seit 35 Jahren; ihr Ziel ist no-ch heute laut den Statuten von 1893 die Erlangung Völl ger poli­tischer Autonom e für Maze7on'en und jeder Ein­wohner der damaligen europäischen Türkei kann, ohne Rücksicht auf die Rationalität, Religion und Geschlecht ihr Mitglied werden. Selbst Aus­länder, wie der russische Fürst Tagaeff und der amerikanische Korrespondent Haies, haben in ihren Reihen gekäinpft.

Heute richtet sich der Kampf der Imro, an deren Spitze ein dreiköpfiges Zentralkomitee steht, gegen Griechenland und hauptsäch­lich gegen Jugoslawien, denn _ zwischen diesen beiden Staaten ist seit den Verträgen von 1918 Mazedonien aufgeteilt. Auch Bulgarien besitzt einen kleinen Teil Mazedoniens, die bei­den Kreise Gorna-Djumaia und Petritsch. Da aber die Mazedonier in Bulgarien frei und un­gehindert leben können und sogar im Sobranjie elf Abgeordnete haben, so besteht wenigstens hier keine Reibungsmöglichkeit. Dazu liegen Er- Körungen bulgarischer Staatsmänner vor, wonach Bulgarien jederzeit bereit ist, die genannten Be­zirke an ein freies und selbständiges mazedoni­sches Staatswesen abzutreten, wenn ein solches einmal gebildet werden sollte.

In den letzten Monaten ist auch in der euro­päischen Presse häufig von der Imro die Rede gewesen. Der Anlatz hierzu war die Ermordung des Generals Protogeroff, Mitglied des Zentralkomitees. Der Mord warf em grelles Licht auf die Zerwürfnisse, die seit längerem rn der Organisation herrschen und als deren Hauptursache der ehrgeizige und mißtrauische General bezeichnet wird. Rach dem Attentat auf Protogeroff begannen sich innerhalb der Be­wegung zwei Kreise abzuzeichnen, die sich gegen­seitig mit Presseerklärungen und besonderen Kom­muniques bekämpften. Der eine Flügel, anschei­nend der kleinere, setzt sich aus den Freunden des ermordeten G-enerals zusammen, während der andere unter der Führung des jüngsten Mit- ?liebes des Zentralkomitees, Iwan M i ch a i- o f f steht. Die erwarteten blutigen Ausein­andersetzungen stellten sich nicht ein; lediglich zwei bewaffnete Zusammenstöße fanden im Ge­birge statt und beide endeten mit dem Siege der Truppen Michailvffs, dessen Position damit natürlich an Stärke gewann.

Es ist nicht leicht, den Befehlshaber einer revolutionären Truppe, die sich, merkwürdig genug, seit 35 Iahren im mobilen Zustand be­findet, zu Gesicht zu bekommen. Mazedonien ist weniger groß als unwegsam; es erstreckt sich vom bulgarischen Küstendil zum griechi­schen Saloniki, vom Schargebirge an der alba­nisch-jugoslawischen Grenze zum Pirinmassiv in Südbulgarien. In diesem Gebiet galt es, Michai- loff zu treffen. Die Vorbereitungen, die erforder­lich sind, um zum Chef der Imro zu gelangen, sind verwickelt und langwierig: nur einer kleinen Zähl Auserwählter ist es bisher gelungen, Zu-

Funkspruch.

Von Alfons poquef.

Gruß euch, die ihr bereit seid, zu hören, mit dem elastischen Stahlband über dem Kopfhaar und den schwarzen Muscheln an beiden Ohren um in der plötzlichen Stille die eine Stimme auszufangen, die im Weltraum zu euch hineilt tote das Schiffchen auf seiner Welle, gerade zu euch, aber auch dort hin, wo fein Ohr ist.

Ihr seid getrennt von der rauschenden Um­welt, nur euer Auge ist, wo es immer ist, und ihr selber seid da, der eine in seiner Sofaecke bei der Lampe, der andere am Röhren-Apparat im physikalischen Kabinett.

Oder hoch im Gebirge eingeschneit in der Hütte zwischen Tannen unter der Schneelast, die der kommende Sturm herabreiht.

Oder bei der Kerze im niedern Zimmer des weitläufigen Schlosses, das einst viele dienst­bereite und unterwürfige Besucher kannte und jetzt leersteht mit seinen Gängen doll alter Schränke, mit den Familienbildern in Gala und Perücken. Bei euch knistern die (Sfcßeite im Ofen, und draußen im nächtlichen Park knarrt die Eiche im melancholischen, schneidenden deutschen Winter.

Gruß an jene, die an den kleinen Marmor­tischen sitzen im überfüllten Kaffeehaus mitten im Toben unb Klingen der Großstadt, berührt von einem Blick der Rachbarin oder des Rachbars hinter der Zeitung, oder gestört durch eilten Wortwechsel nebenan oder durch den abrechnenden Kellner, das Klappern der Tassen. Trotz der ßeghmenben Kaffeehausmusik brechen meine Worte aus dem Guttaperchamund des Laut­sprechers aus der Wand gerade auf euch zu.

Gruß an jene, die ausgestreckt daliegen im schmalen weihen Krankenhauszimmer, mit Ala- basterhänben auf bet Decke, bei bet Rachtlampe. Es geht bester, ber Arzt ist fortgegangen, der Wächter hat erlaubt, den Hörer ein Viertel- stündchen anzulegen. Wie gut, in dieser Stille eine Stimme zu hören, die von was anderem spricht.

Gruß an den Knaben, der die Kupserfäden aus- gespannt hat und seinen Apparat in die Luke des Speichers eingebaut in der Zeit zwischen den Schularbeiten und dem Spiel mit Schlangen

tritt zu dem stets wechselnden Lager Michai- loffs zu erhalten. Wie im Kriege die Schiffe, m i t versiegelter Order reisten, so fuhren wir durch Mazedonien, wurden von Ort zu Ort dirigiert, ohne das Endziel der Fahrt zu ken­nen. Die letzte Etappe war das Gebirgsstädt- chen D., am Fuße dreitausend Meter hoher Berge gelegen. Auf dem Friedhof dieses Städt­chens reihen sich die Gräber der im Kampf ge­fallenen Mazedonier, die selbst in ereignislosen Iahren wenigstens 500 Mann Verluste haben.

In dem bescheidenen Gasthof sah an unserem Tisch eine seltsame Frau: Mentsche K a r n i t s ch e w a, die im Herbst des Iahres 1925 im Wiener Durgtheater den Mazedonier Paniha erschoß. Sie lebt heute unter ihren Lands­leuten und ist die Gattin Iwan Michailvffs. Beide Umstände verleihen ihrer Person ein be­sonderes Gewicht. Auch aus den tiefschwarzen Augen dieser Frau mit dem mageren, von Wind und Sonne gebräunten Gesicht, sprüht der un­beugsame Wille dieses Volkes, das im Kampf um seine Freiheit keine Hindernisse kennt. Seit meinem Eintritt in den Gasthof ist um uns ein stetes Gehen und Kommen. Gedrungene, kräftige Gestalten in Lodenröcken, tauchen auf und verschwinden, halblaute Worte werden mit meinen Begleitern gewechselt, Befehle erteilt, Ab­machungen getrrffen. Im frühen Morgengrauen des felgenden Tages klappern Pferdehufe vor dem Hause, in dem ich Dank der Fürsorge Frau Mentsches gute Unterkunft gefunden hatte. Gin schweigsamer Dauer dient uns als Führer durch waldreiche Schluchten, in benm nur der Hus- schlag der Pferde die völlige Stille unterbricht. Stundenlang reiten wir bergan. Endlich, gegen Mittag taucht eine Gestalt zwischen den Bäu­men auf. Ein Mann in grauer Pelerine, über dem Rücken einen Karabiner, um den Leib einen doppelten Patronengurt, an den Füßen Opanken, ber Wachtposten der Tscheia (Bande) Iwan Michailoffs. Da er mich militärisch grüßt, scheint er von meinem Kommen unterrichtet zu sein. Ein paar Schritte weiter und wir stehen vor der Truppe.

Es ist eine Truppe und ihr Anblick allein genügt, um den Beobachter davon zu überzeugen, daß es sich wahrlich um keine Bande von Balkan räubern handelt. Ieder Mann sau­ber rasiert, tadellos gepflegte Monturen, wie man sie etwa bei einem Schützenverein findet, gleichmätzig mH automatischen Karabinern, Re­volvern und Eierhandgranaten bewaffnet, leder­ner Brotbeutel, Feldflasche, doppelter Patronen­gurt, Signalpfeife alles in bester Ver­fassung, wie eine gutgebrHlte Mannschaft, die ber Besichtigung harrt. Aus der Gruppe löst sich ein Mann, gekleidet und bewaffnet wie die anderen: IwanMichailoff. Herzliche Hände­drücke werden ausgetauscht, denn selten ist ber Besuch eines Fremden in diesen Einöden. Das Lager ist in einem Dergsattel gelegen, durch einen dichten Kreis von Posten vor jeder Heber« raschung geschützt.

Iwan Michailoff ist ein junger Mann, mit dem scharfkantigen Gesicht eines modernen Sports­mannes; er spricht französisch und handhabt seine Muttersprache, das Bulgarische, mit einer Kunst­fertigkeit, wie man sie selbst unter Bulgaren selten findet. Zwingend ist die Logik, mit der er die Entstehung, Entwicklung und die Zukunft der Imro auseinanderseht. Während der ange­regten Unterhaltung wurde uns von einem älte­ren Tschetnik, der vertraulichOnkelchen" ge­nannt wurde, das Mittagsmahl aufgetragen. Ein paar Schnitten Brot in einem großen Taschentuch serviert, dazu Schafsfleisch am Rost gebraten, mit Pfefferschoten garniert, Schafskäse und Aepsel, als Getränke Pflaumenschnaps und Quellwasser. Den Luxus von Tellern ersetzten ein paar Gabeln. Rach dem anstrengenden Ritt mundete das Essen

und Meerschweinchen. Sein Herz klopft vor Spanmmg dort oben unter dem staubigen Dach­se rüst.

Gruß dem Arbeiter, der gerade nach Haus ge­kommen ist, die Schicht ist vorüber, er tritt mit feuchttrockenen Händen von ber Waschschüssel in die Küche, gleich wirb zu Qlbenb gegessen; er nimmt noch einen Augenblick den Hörer, den andern bekommt der Knabe, der auf dem Knie des Vaters sitzet, die Mutter hanttert am Herd.

Gruß ber alten Frau mit bem Arbeitskörbchen auf dem Schoß in ihrem Lehnstuhle am Fenster mit der kleinen Glasscheibe des Spions davor, durch den am Tag die ganze Straße wandert. Für den Abend ist der Hörer da. Ihr Sohn aus der Großstadt, der kürzlich auf einen Sprung bei der Alten einkehrte, hat ihr das eingerichtet.

Gruh an den Zauberkünstler, ber bie Antenne auf dem Spaziergang bei sich trägt, er probiert es mit einer Tabakspfeife, die Saiten hat wie eine Harfe und Stimmen auffängt von irgend­einer Sendestation in ber Entfernung.

Gruß euch allen, auch wenn wir uns nicht kennen. Iebe Stimme ist durch das Lauschen ge­worden. auch bie meine, bie jetzt knistert wie eine Bogenlampe. Menschenstimme, bie bie Mem­brane berührt, um auszustrahlen nach allen Seiten durch die Vermittlung der dürftigen Er­findung. die lange genug auf sich warten lieh in jenem Teil der Schöpfungsgeschichte, an denen ber Mensch mehr Anteil nimmt als irgendeines seiner Witgeschöpfe. Dünne, eintönige Stimme des Rufers auf dem Minarett gedenket, o chr Menschen, des Lichtes, das klarer als die Sonne des frühen Morgens an der unbewölkten Ost­seite des Firmaments! O ihr Menschen, hört bie Stimme bes Allbelebenden. des Allmächtigen^ des Allerbarmers!

Ieder hat gelernt zu lauschen auf das, was sich von selbst versteht. Er sieht das Schimmern des Lebensrades und hört das Dröhnen ber Räder.

Alle haben warten gelernt auf den Ton, der das Herz trifft, auf den Brief, der alles sagt, mit Siegel und Unterschrift, auf den Wein aus der Rebe, auf die Botschaft der guten Stunde, auf das Bild, das sich hervorhebt aus allem trügerischen Schimmer.

Gruh denen, die jetzt schlafen gehen mH einem satten Gähnen.

ausgezeichiret; ich habe auf mannigfachen Reisen im Balkan nicht oft so gut gegessen, wie aus der Maidküche ber Komitadschis.

Iwan Michailoff hegt wegen der Lebensfähig­keit der Imro keine Vrsorgnisse mehr, er ist überzeugt, daß in kurzer Zeit alle Angehörigen der Imro die Ansicht des Kongresses teilen wer­den. der im Iuli nach ber Ermordung Proto - geroffs tagte und die Maßnahme Michailoffs gut- hieh. mit ber Begründung, dah es besser war. einen Mann der Imro zu opfern, als das ganze Gebäude der Organisation dem Zerfall auszu­setzen. Die Mittel, die die Imro in der kommen­den Zeit antoenben wird, hängen von den Um­ständen ab. Sie werden aber solange illegale, d. h. revolutionäre Mittel sein, als das Ziel der Imro nicht erreicht ist, denn die 35jährige Vergangenheit hat bewiesen, dah mit legalen

Mitteln nichts auszurichten ist. Ein Volk, das um seinen Bestand kämpft, wie das mazedonische hält in dieser Selbstverteidigung jedes Mittel für erlaubt. Die Zugehörigkeit zur Imrv steht unter der LosungFreiheit oder Tod" ihre Angehörigen stehen immer mit einem Fuh im Grab und, wie sich Michailoff ausdrückte, nicht nur aus Liebe zur Kunst führt die Kampf- ttuppe der Imro seit 35 Iahren ein so hartes und zumeist mit gewaltsamem Tode endendes Leben". Und um jeden Zweifel darüber zu beheben, daß dieser Kamps, der bei der Beur­teilung der Balkanlage stets in Rechnung gestellt werden muh. nicht um des Kampfes willen ge­führt wird, fügte Michailoff hinzu, daß in dem Augenblick, da das mazedonische Volk seine kul­turelle Selbständigkeit erlangt habe, die Ko­mitadschis ihre Waffen nieberlegen würden.

DieIrauunddasAnswandemWroblem.

Erfahrungen in Südamerika.

Von unserem 8.-Korrespondenten.

Santiago (Chile), Ende Oktober.

Ein älterer deutscher Diplomat, ber besonders in südamerilanischen Ländern reiche Erfahrungen sammeln konnte, sprach mir neulich sehr ernst­haft von der Rotwendigkeit, bei jeder Förderung des deutschen Auswandererwesens vor allem auch bie weibliche Beteiligung nicht zu ver­gessen. Sein erstes Argument war dabei bie zweifellos richtige, immer wieder beobachtete Tat­sache, daß die deutsche Sprache und das deutsche Vollstum am besten bei den deutschen Muttern aufgehoben und geschützt sind.

Es ist ost geradezu erschreckend, wenn man etwa in Santiago oder Buenos Aires einen deutschen Landsmann kennengelernt hat, dessen Heimattreue, Gesinnung und vielseittge deutsche Interessiertheit höchst erfteillich hervoctreien, und dann in seinem Hause wohl Frau und Kinder begrüßen mutz, die überhaupt kein Wort Deutsch verstehen und in ihrem ganzen Ge­bühren zeigen, daß sie bereits einem fremden Volkstum an gehören. Das Arbeitsleben in diesen neuen Ländern ist meist für den.Deutschen, der vorwärtskommen will, recht hart, und besonders in den Großstädten kommt er wohl abgespannt und müde erst am Abend nach Hause, wenn die Kinder schon im Bett sind, so daß sie seiner deutschen Einwirkung, auch wenn diese ehrlich erstrebt wird, so gut wie gänzlich entzogen bleiben. Hinzu kommt bie große Schwierigkeit ber deut­schen Sprache für fast alle Ausländer und für die Heranwachsenden Kinder die Gewohnheit der Straße und überhaupt die selbstverständliche An­passung an die allgemeine Umgebung.

Ganz anders, wenn die Hausfrau und Mutter selbst deutsch ist. Auch dann wer­den die Kinder in ber Landessprache oft ihre eigenfliche Muttersprache empfinden, und es wird ganz von den persönlichen geschäftlichen Bedin­gungen abhängen, in welchem Grade sie ihrer­seits dem Deutschtum wirksam erhalten bleiben. Auch hierfür findet ber Besucher der südameri­kanischen Länder zum Glück genug zahlreiche erfreuliche Beispiele. Und recht oft, wie absicht­lich hier verraten werden soll, sind deutsche Mäd­chen, die aus oft traurigen häuslichen Gründen den Mut aufgebracht und irgenbeine Stelle in biesen Ueberfeelanben angenommen haben, rasch zu prächtigen deutschen Hausstauen in angenehm­sten. oft großzügigen Verhältnissen gediehen. Zu­gleich eben bester Gewinn für bie deutsche Sache im allgemeinen. Von solchen Mädchen mit leid­lich guter Kinderstube und taktvoller Tüchtigkeit gilt uneingeschränkt das lapidare Wort, das kürz­lich hier in einer deutschen Vereinsrunde siel: Die gehen weg wie warme Semmel!" Dabei kann man natürlich noch die verschiedenen Unter­schiede und sozialen Bedürstisie durchaus berück­sichtigen. Die besten Aussichten hat heute viel­leicht der Typus des unkomplizierten, in länd­licher Umgebung ausgewachsenen Mädchens mit

gesunden Gefühls- und Verstandesträften und daneben in freilich geringerer Anzahl die ganz moderne, kör)>erlich und seelisch durchtrainierte grau, die sch ohne überflüssige Hemmungen jeder Situation anzu passen Weitz und dem passenden Mannpartner in jeder Weise eine wertvolle Lebensgefährtin werden kann. Der deutsche Diplomat hat also vollkommen recht, wenn er deutsche Mädchen zum Heiraten heraus­haben will. Wobei von anderen, mehr sentimen­talen und etwas altmodischen Gesichtspunkten hier nicht gesprochen werden soll. Denn daß jedes Mädchen einmal Kinder haben will, was in dem übervölkerten Deutschland doch auf so manches berechtigte Aber stößt, während hier in verhältnismäßig menschenleeren Gebieten immer noch von einem Kindersegen gesprochen wer­den darf, ist einmal wohl selbstverständlich, kann aber doch wohl nicht recht als Auswanderungs­argument benutzt werden.

Fragt sich nur, wie dieser weibliche Ver Sacrum praktisch organisiert werden kann. Es ist sogar eine sehr ernste und penible Frage, denn jede Art von reflameßafter Ermunterung würde wahrscheinlich ganze Armeekorps mehr oder minder wünschenwerter Weiblichkeit mobil machen. Das beste wäre natürlich, wenn einmal bei der methodischen Organisierung der deutschen Aus­wanderung, wie sie z. B. jetzt für Chile von verschiedener Seite betrieben ober doch vorbe­reitet wird, gleich von Anfang an bie gesamte weibliche Verwandt! cha ft der Kolo- msten mit in Betracht gezogen würde. Dabei soll nebenbei schon hier darauf hingewiesen wer­den, wie wünschenswert ein landsmann­schaftlicher Zusammenschluß bei solchen Siedelungsversuchen ist. Das neue Ein leben auf fremdem Boden geschieht schneller und reibungs­loser. Und auch die Drücke zur alten Heimat, die doch fast immer nach dem alten Dorf ober Stammesland führt, bleibt dauerhafter.

Oie Ehescheidungen in Hessen im Jahre 1927.

WER. Die nunmehr vorliegenden Ziffern über die Ehescheidungen im «Volksstaat Hessen im Iahre 1927 ergeben einige interessante Einzelheiten. Don den insgesamt 509 Ehescheidungen (1916 nur 424) entfielen auf bie Stadt Mainz bie meisten, nämlich 101, bann folgen Offenbach-Stadt 89, Darmstadt- Stadt 82, Offenbach-Land 36, Kreis Friedberg 35. Die meisten Ehefcheidungen ent­fallen auf Ehen, die zwischen 5 bis 10 Iahren dauerten, nämlich 102, 68 Ehescheidungen auf Ehen von 15jähriaer Dauer, eine auf eine ein­jährige Ehe, 41 auf 1015jährige Chen, 26 auf 1520jährige Ehen, 30 auf 2025jährige Ehen und 17 auf Ehen, die schon länger als 25 Iahre dauerten. Rach der Konfession waren 248 ge­

Gruh dem Reisenden, hingeweht in bunter Rächt, ausgestreckt oder gepreßt in den anetn- anber vorüberpfeisenden Zügen.

Gruß an bie auf See im hellbeleuchteten Ge- sellschaftssaal bei der Iazzmusik ber weißgeklei­deten Dordkapelle und baren in wankender Ka­bine oder beim Dordspaziergang auf den Planken deS Seitenganges und denen, die an bei? Reling stehen und hinausschauen auf das schaumknir­schende, schwachleuchtende, viel zu viele Wasser.

Gruß den Schlaflosen, deren Zimmer dunkel ist, nur ein Licht scheint durch die Ritze der Läden, das Dich weggelegt unter der ausge­knipsten Rachttischlampe.

Gruß den Bekümmerten und Sorgenvollen, dem Richter und dem Verurteilten, dem Freien und dem Gefangenen.

Feierlichen Gruß, die von uns scheiden werden in dieser Rächt.

Frohen und feierlichen Gruß denen, die sich nahen, noch im Schoß der Mutter, bereit, ge­boren zu werden.

Leicht und herrlich sei ihr Anteil am Trunk des Lebens, den die Gestirne mischen.

Gruß den Unbekannten, deren Füße draußen vorübereilen auf dem leis knarrenden, mit Tep­pichen belegten Gang, und an jene, die unten vorüberschweben, Rücken neben Rücken hinter den Scheiben der Elektrischen.

Keiner, der nicht gemeint wäre, keiner, der nicht überflutet wäre von Gedanken, jeder um­randet von dem Schimmer eines allgemeinen Wohlwollens.

Gruß allen und dem Endsieg des Guten, bem Endsieg aller frohen Dinge.

Allen Trägern des Lebens diesen Gruß!

Kleine Erinnerung.

Von Ernst Wehlau.

Cs regnete und es war Abend. Ich war jung und sah in der Sttaßenbahn. Sie war sehr voll. Elleichogen an Ellenbogen gedrängt hockten wir im Wagen, dessen Beleuchtung förmlich durch das schlechte Wetter beeinflußt wurde. Trotzdem las ich. Ich war wie versessen aufs Lesen und konnte mein Duch natürlich auch in ber Straßen­bahn trotz des allgemeinen Zuscunmenaequetschf- seins nicht zugeklappt in der Tasche lassen. Was ich las, fesselte mich und rührte mich gleichzeitig. Trotzdem spürte ich, dah ein Arm sich an meinen

preßte, womöglich noch näher an mich heran- rüdte, als es die Situation schon an sich machte. Und früh erwachender Instinkt: ich spürte, daß es ein weiblicher Arm sein muhte! Das spürte ich so im Unterbewuhtsein. Vorsichtig hob ich seitwärts den Dlick, um in das Gesicht nebenan zu spähen. Ich hatte mich nicht getäuscht ... ein schmales, junges Mädel, vielleicht eine Ver­käuferin, blickte mir in mein Duch. Und sie las, las mit solchem Eifer, dah sie nicht bemerkte, wie ich sie beobachtete. Sie hatte ein angenehmes, zartes Gesicht und ihre Augen, die ich nicht sehen konnte, waren gesenkt. Und sie las und las.

Da kam auch sie an die rührende Stelle im Duch. Ich fühlte, wie eine leise Dewegung durch ihren Körper ging, und nein, ich täuschte mich nicht! ihre Wimwern wurden feucht. Da fühlte ich eine starke innere Bewegung. Mein Herz klopfte.

Ich versuchte nun abzuschätzen, wann sie Wohl die Seite zu Ende gelesen haben konnte und wandte dann vorsichtig um. Da ahnte sie doch etwas. Ich glaubte das bestimmt zu spüren. Aber ihr Blick, der auf eine Sekunde vom Buch geschweift war, heftete sich nun um so fester wieder auf die Zeilen. Und so sahen wir, Arm an Arnr, spürten die körperliche Wärme des an­deren, hatten die Gesichter dicht beieinander und erlebten mit den gleichen jugendlichen Ge­fühlen die gleiche Geschichte aus einer erdichteten Welt, die uns ergriff ...

An einer der nächsten Haltestellen mutzte sie den Wagen verlassen. Wie aufgestört und doch schüchtern tat sie es. Ich blickte ihr nach und sie sah sich nicht um. Durch die Menschen, die hinten auf dem Wagen standen, wurde sie aufS Tritt­brett und bann auf bie Strahe gebrängt. Meine Augen verfolgten sie, wie sie unter den Laternen dahinschritt. Da vorsichtig hob sie die ihren und blickte durch bie Scheibe des Wagens zu mir hin. Unsere Augen ruhten ineinander. Ich griff unwillkürlich zum Hut und sie dankte mir, ... dankte, wie man einem Menschen einen Gruh sendet, mit dem man sich verbunden fühlt. Es war nur eine Sekunde, über als ich weiterfuhr, schlug mein Herz noch stärker, und ich lieh das Buch in meinen Händen auf bie Knie sinken; ich fühlte diese kleine Begegnung als großes Er­eignis, das nun, durch Iahre der Ferne, noch seltsam wuchs ...

Ia, wenn man noch jung ist ...