Dienstag, 1. Mai (928
Siegener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberheflen)
Ur. 102 Zweites Blatt
Wie wir den Nordpol überflogen.
Lieber dem Pol!
Don Kapitän X A. Wiltin?.
Das gefährliche Golfspiel.
Besuch Lord Birkenheads in Berlin.
Don unserer Berliner Redaktion.
Der britisch« Staatssekretär für Indien, Gar! Birkenhead. früher 6it <1- 6mttb ab unter die'cm Hamen einer bet berühmtesten Secht«anwSlte Englands, 1919 Lordkonzlcr. feit ;V24 Staatssekretär für Indien em Mann von 56 ijbrcn bat eine auAfldProdxmc Vorliebe für >rn in England weil verbreiteten Gol'lvori xiefer Sport hat seit einigen Jahren auch in Deutschland eine gewisse Krhrcitung erlangt, inb Lord Birtens ad ist al« Mitglied emrt i londoner Klub» zusammen mit andern Klub- nitgliedern vor etwa 10 Tagen der Einladung d«A Berliner GoUltubs gefolgt und hat hier tlnc Reihe von .Löchern" sicherlich mit all der '(-rwandtheit und Würde gespielt, die man an «»glischen Diplomaten auf dem grünen Rasen -ennt. Lord d Abcrnon. der hervorragende erste ' achkricgsbotschoster Englands hat trotz seiner (Oeifcen Haare bei Wind und Wetter faum einen riachmittag versäumt, an dem er nicht in Ber Ibi den Volflchläger geschwungen hätte.
Trotzdem man nun annehmen mühte, dah feine iZandsleutc volles Verständnis für diese weit i>erbrettete. gesunde und sashionable Sportbc- iLttgung ihrer Diplomaten und Politiker, auch in Auslande hätten, ist durch diesen Besuch Lord Birkenheads eine flanke Flut von polt- tischen Kombinationen. Anfragen im Unterhaus ufw. entsefselt worden. Man tann sich l^senbar nicht vorstellen, dah ein englische» Ka- kinettsniitglied auch einmal anderswo als auf im allbetanntcn Rasenplätzen von Laime»,Biar- ^itz oder Deauvllle im Auslande einen „brioc nachen möchte, Unb man wird in bieser Aufsaf» lung bestärkt, durch ein paar freundliche Worte, nie der Minister bei einem Frühstück, das ihm aod seinen Gefährten der deutsche Außen- Minister gab. feinem Gastgeber und dessen »anbe gewidmet hat. Hat er das offen getagt. '© folgert man. so hat er sicherlich hinter >c n Kulissen noch allerhand hochpolr- k i s ch e Dinge gesprochen und besprochen, und non möchte wissen, was. Man kombiniert, dah
den Wunsch nach einem deutsch-franzö- sch-englifchen Bündnis gegen Anhand ausgesprochen habe und behauptet, dah »eser Wunsch auf eine Ablehnung gestohen ’ei. da Deutichland iso schreibt der Daily Zele» Hraphi „vorläufig keinen Grund erbl'cke. um 5ic Politik auszugeben die durch die Verträge »r»n Rapallo und Berlm verkörpert werde."
Auch bei diesem Gespräch ist natürlich der Wunsch der Vater de» Gedankens, igfr ift nicht anzunehmen. dah Lord Dirlcnhead i itc Gelegenheit eines so ausgesprochen privaten
SefucheS überhaupt zu irgendwelchen politischen Erörterungen benutzt hat: dergleichen pflegt man »orzubereiten und nicht gerade in den Rahmen .•ine» Gols-Frühstücks cinzufleiden. Unb wenn J er wirklich bei einer Tasse Kaffee und einer % <tfgarre ein paar Worte über seine polittschen
Auffassungen, die zweifellos nicht sehr sow- 1 jtffreunblidj sind, gegenüber feinem Gast- t gcher fallen gelassen und von diesem eine zweck- l^itfprrchende Rückäuherung vernommen haben v'.ltc, so ift dem nicht mehr politisches Gewicht '»cizumessen als den tauf en 6 Gesprächen, die s zwischen Staatsmännern aller Länder z. B. unter jer Hand jedes Jahr mehrmals bei ihren ebener 3ufanuncnlünfien gewechselt werden. Eine Verhandlung oder auch nur Besprechung poli- t tldjen Ehorattcr» hat jedenfalls, wie wir zuverlässig zu wissen glauben, nicht stattgefunden
Golf ist ebenso wie jeder andere internationale Sport ein ausgezeichnetes Mittel, um die Völker einander nüberzubringen Man sollte deshalb * «trabe in England dafür Verständnis friben.
>ih es unzweckinähig ist. Staatsmännern auf Schritt und Tritt nachzulpüren. wenn sie ihrer »tiüatcn Erholung und ihrem Vergnügen nach- ■lebcn. Sie haben selten genug Jett dazu, und >c völkerverbindenden Gelegenheiten zu persön- .icher Fühlungnahme werden unterbunden, wenn nan in jedem Falle daraus eine Haupt- und Staatsaktion zu machen sucht.
Green Harbour (Spitzbergen). 26. 2h?rt( IV).
Kcstlaud ober Packeis?
Als wir über dem GiSield angelangt waren, sprang der Wind nach Rordvftcn. Da er aber nur lehr schwach war. oeeinträchttgte er unsere Geschwindigkeit nur recht wenig Während der folgenden 200 Vkeilen überflogen vir zahlreiche Iungeis-Vänke und gewöhiiliches Packeis, das offensichtlich zwilchen altem Packeis und irgendwelchen dichteren EiSmassen im Rorden ^urüdgetrieben war Wir stiehen dann auf altes und schweres Spalteis und zu gleicher Zeit auf eine Wottenbank. Diese Wolken waren wahrscheinlich daS Ergebnis aufeinanderpral- lenderWindströmungen an dieser Stelle Der Wind tarn aus Aordwesten. Heber den Wollen schien er stationär zu sein. An diesem interessanten Punkte auf Wolken zu hohen, war eine verzweifelte Angelegenheit. Land hier in der Röhe wäre unseren meteorologischen Plänen weit dienlicher gewesen.
Was unterhalb dieses 120 Mellen langen Wol- kengürtels lag. blieb uns noch oerborgvn. Als sich die Erdoberfläche unter uns aufklärte, gewann es den Anschein, als beftänbe_ sie aus altem, schweren Packeis. Runde Eishügel glitzerten in der Sonne, in der Mitte dehnte sich ein mächtiger Gletscher. Fraglos aber waren diese runden Hügel nichts anderes als Mecreseis und Schneewehen, die in ost-westlicher Richtung verliefen Vielleicht ruht diese alte Eismasse auf festem Land und ist stationär. Ich schliehe aber au» der Tatsache, dah toir an den Rändern dieses Eisfeldes keinerlei größere durch Druck cntftanbenc Spalten entdeckte*,, auf seinen Charakter als Treibeis.
Ltunngrsahr
Der Wind hier war un» im Rucken. In der Lichtung, aus der wir gekommen waren, hatte sich ein Sturmzentrum gebildet. Wir hatten uns am Rande aus diesem oturmgcbict herausgearbeitet und gerade einen ruhigeren Gürtel überquert als mir in ein neues Sturm gebiet hinein- gerieten, das offensichtlich sein Zentrum in Rord-
•) Dgl. die Artikel in Hummer 99. 100. 101.
Die Wahlparole des Reichsbürgerrais.
Der Reichstag ist aufgelöst! Wie jeder ferner Vorgänger seit der Revolution hat er seine verfassungsmäßige Dauer nicht erreicht. Er löste sich, bevor er seine Arbeiten erledigt hatte, auf, ohne daß tiefgehende Meinungsverschiedenheiten ihm und dem deutschen Voll das gerechtfertigt hatten. Der Grund der Auflösung liegt in Wahrheit in dem unseligen Parteifanatismus und Parteiegoismus, die Deutschland immer wieder an den Abgrund bringen. Die Parteien haben vergessen, daß sie nicht Selbstzweck, sondern Diener des Staates fein müssen. Sie haben an Stelle der Souveränität des Volkes ihre eigene rücksichtslose und absolute Herrschaft gesetzt. Die Macht geht nicht mehr vom Volke aus, sondern von den Organisationen
Eine Besserung der Verhältnisse kann nur nach einer Oien berung des heutigen parlamentarischen Systems erwartet werden. Durch die Listenwahl wird die Macht der Parteien stabilisiert und zu einer vom wahren Volks- Willen unabhängigen Diktatur gesteigert, die aber keinen mit der Verantwortung belastet. Deshalb ist sie schlimmer al» die Diktatur eines einzelnen, der die Verantwortung für seine Tat niemals abschieben kann. Die Vielheit der Parteien verhindert auch jede politische Wil-
grömanb hatte Wieder passierten wir gewal- tige. toic poliert auslehende E,»massen, wieder tneb der Rordweltwind m ä ai 11 g c Schneewehen nach Lüdosten. Von b.cr bi» in die Rachbarschaft von Grant-Land wechseln die "IDinj de je nckch der Iahreszeii. Das Ei» mar tief zerklüftet und machte den Eindruck eines riesenhaften Schachbretts. In der Röhe von Grant- Land verdunkelten wieder Wolken unsere Sicht. Jetzt stand bei uns fest, haß b * i Grönland ungeheuere Stürme toben muhten. Aus einer Höbe von 6000 Fuß konnten wir hohe Sttirmwolken 400 Meilen entfernt erkennen Als dann das wollenurnhüllle Grant-Land sich abzeichnete. sahen wir jenes mächtige Eisgebirge, das sich etwa von !(ap Columbia bis i.ich Grönland herunterzieht und von dem schon Peart) gesprochen hat. Bald verlor es sich im Dunst m der Ferne. In diesem Gebiet war das Eis stark zerrrsfen. Wir bogen vorn Rande dcs grönländischen Lturmgebiets in eine jtiBcre. aber kältere Wetterzone ab. in der die Temperatur 48 Grad unter Rull betrug. Rur für wenige Minuten konnten wir Drift-Deo- baditungen anstellen, denn schon bald zeigte sich, daß der Wind sich vorwärts stürzte. Warme, nach oben treibende Lusströmungen über dem offenen Wasser in der Rähe von Spitzbergen hatten un» nun in den Fängen
lieber dem Nordpol
Wir waren bis zum nördlichsten Breitengrad oorgei)rungen und glitten bald über de m Rordpo 1 dahin Am nördlichsten Punkt der Erde war die Eisdecke zu dünn, um darauf zu landen. Schlittenbenutzung wäre an dem Tage, an dem wir ihn paktierten. ganz unmöglich gewesen.
Unsere Beobachtungen über die Wind- ur.b EiSverhultnisse dursten bei richtiger Auswertung der tnnftigen Polarforschung von Rutzen sein. Was die Ravigatton in der Arktis betrifft, so gestaltete sie sich gaiiz fv wie wir erwarteten. Sie war in keiner Weile schwieriger, vielleicht sogar leichter als anderswo. Die Instrumente arbeiteten ausgezeichnet, und von Motor und Maschine läßt sich nur sagen, daß Hc schlechthin vollkommen waren
Fortsetzung folgt.
lensbildung auf fester Dosis. Das ift von Parlamentariern fast aller Parteien schon längst anerkannt worden, aber die bereits erstarrte Parteiorganisation läßt eS nicht zu, diese Erkenntnis in die Tat umqusetzen. Darum fordern wir vom künftigen Reichstag: Die Fortentwicklung unserer Rcichsvsrfassung in folgender Richtung:
1. Stärkung der Exekutivgewalt des Reichspräsidenten vor ollem bei der Regierungsbildung.
2. Einschränkung der öffentlichen Ausgaben. Dazu ist erforderlich dem Reichspräsidenten durch den Reichsfinanzminister, der kein Parteimann, sondern Fachmann sein muh, die erforderliche Macht zu geben, entscheidend bei der Etatsbildung. die von der Sin- nahmeseite ausgehen muß, mitzuwirken.
3. Beschränkung der Zuständigkeit des Reichstages auf Dudgetbewilligungs- und Kontrollrecht.
4. Bildung einer weiteren dem Reichstag gleich- berechttgten Volksvertretung auf berufsständiger Basis.
5. Schaffung eines neuen Wahlrechts, das die persönliche Verantwortung des Abgeordneten seinen Wählern gegenüber schafft.
6. Beseitigung des Dualismus zwischen Reich und Preußen.
7. Schaffung eines einigen Deutschen Reiches durch Erweiterung der legislativen Reichsgewalt unter Erhaltung der Selbst
verwaltung der Länder in allen erchiltocn und kulturellen Fragen.
8. Wiederherstellung der finanziellen S e l b st v e r a n t w o r t u n g aller Selbstverwaltungskörper
Wir fordern unsere Organifoltpncn. deren altes Ziel: d,e Bekämpfung der marristischen StlaHen- kampflehre unverändert beheben bleibt, auf. überall in den Wahlkre.len sich dafür etn»uletzen. nur solche Kandidaten zu Unterstützer., die. welcher Partei lie auch angeboren, sich auf dieses Programm der Verfasfungsänderung verpflichten gez. von Loebell.
Staatsminister Präsident de» Reichsburgerrats.
Llm den freien Luftverkehr im besetzten Gebiet.
Die Verhandlungen ef-ebnislos »erlaufe».
Koblenz. 30 April tLandesprefsedienft ) Fast um bicfelbe Zeit, in der die Kunde von der Hcbcrguctung de» Ozean» durch ein deut» Iches Flugzeug die Presse durcheilt, muß gemeldet werden, daß die Verhandlungen mit der Rheinlandkorn Mission wegen Zulassung des freien Luftverkehr» im besetzten Gebiet ergebnislos verlaufen find. Seil Jahren wartet die Wirtschaft des besetzten Gebietes auf die Freigabe des Luftverkehr» der iowohl für d.e Personen» wie für die Güterbeförderung von immer größerer Bedeutung wird. Sie Hai nach Abschluß de» Pariser ßuftatfom- incn« vom 21 Mai 1926 geglaubt, daß die Benachteiligung des besetzten Gebiets ein baldiges Ende finden werde. Statt dessen begannen langwierige Verhandlungen mit der Rheinlandkommifsion die sich deute nach fast zwei Jahren als vollkommen ergebnislos erwiesen haben Die Wirtschaft de» besetzten Gebiete« soll also wc>ierhin der Vorteile eines fit die wirtschaftliche Entwicklung fo wichtigen Verkehrsmittels wie das des Lustvertehrs entbehren. Der Wirtschaftsausschuß für bie besetzten (Gebiete hält sich daher für verpflichte!. vor aller Welt mit Rachdruck darauf hinzuwetfen. daß der einzige Bezirk aus der ganzen Erde der für die Luftfahrt verschlossen bleibt, das besetzte Gebiet! nt Weste ndesDeutschenRe ich es ift und nunmehr auch geraume 3cH bleiben soll Er logt gegen diese» Begatten der Rhein- lanMommimon. das durch keinerlei sachliche Gründe, auch nicht nut dem Hinweis auf die gefährdete Sicherheit der Besatzung»- truppen begründet werden kann, auf da» nachdrücklichste Einspruch ein.
Oie hessischen Philologen zur Krage derpflichtstundenzahl undMaffenstärke.
Man schreibt uns: Die Teilnehmer an der 4 3. Hauptversammlung des Hessischen Philologenoereins faßten am 20. April in Worms einstimmig eine Entschließung zur Frage der Pflichtstundenzahl und Klassenstärke Die bessischc Philologenschast erhebt darin aufs neue f d) ä r f ft c n Prote st gegen die nachgerade uner träflliri) gewordene llcberbürbung der Phi' l o 1 o g c n. Die erhöhte Pflichtstundenzahl mache sich um ja fühlbarer, als der Untcridjt in teilweise über füllten ober kombinierten Klassen erteilt werden müsse. Picht weniger als 41 Klassen an hessischen höheren schulen haben mehr Schüler, als dies nach den jetzt gültigen Höchstziffern ber Fall sein sollte. Dabei (mb biese amtlichen Hvchstzisfern (46 für bie Unterstufe, 35 für bie Mittelstufe unb 24 für die Oberstufe schon so hoch, daß sie im Hierein mit ber hohen Pjlichtftunbenzahl ber akobemisch gebilbelcn Lehrer bie Aufrechterhaltung eines normalen Unterrichts, bie Bilbung unb Erziehung unserer Iugenb und zuletzt die Gesundheit eines ganzen Standes in schwerste Gefahr bringen. Der hessische Philologen verein stellt deshalb erneut die Forderung, die P s l i ch t st u n b e n z a h l und die Ä l a s s e n st a r » len b c r a b 3 u f e h c n. Er weist mit Rachbruck barauf hin, baß ber Ausschuß bes preußischen Land tage-, om 24. Februar b. 3. bie Ueberburbung her Philologen ausbrücklich anerkannte unb einstimmig (mit Ausnahme der Kommunisten) einen Antrag an-
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Oie goldenen Berge.
Boman von Slara Bicbig.
Coptzright bv Deuttche Verlags-Anstalt Stuttgart. S2. Fottsetzung. Nachdruck verboten.
„Seht mal den," flüsterte Kaspar Simon Bremni und winkte mit den Augen auf den vor ihnen. „Selbst ber macht sich auf. mit einem Fuß schon im Trab!"
Brem nickte stumm, sein Gesicht war |\br fmster. t$5 war etwas zum Fürchten in seiner Miene. — Nun waren sie am „Gestade". Die Uferstraße war von Menschen ga,tz schwarz. Unb über die -rücke von Eues, am Heiligen vorbei, kam es auch chwarz — Menschen. Menschen. Menschen. Die Linzer von Machern unb Wehlen, von Lieser unb Xoirianb, von Monzel und Kesten zogen herüber. SUe kamen, alle, einmütig, wie sie einst in den Krieg gezogen waren, auch heute einmütig; aber heute waren sie trauriger.
Und es lag wie Trauer auch in der Lust, sie war 'dimer, es atmete sich beklommen. Unter der Lands» Hit, ber mächtigen Ruine, die über dem alten Bern» kastel thront, war eine Strecke im obersten Wein- C?rg al gerutscht, da» stimmte heute auch traurig. Dar denn der Himmel selbst nicht mehr für seine Deinberge? Darum hatte er die köstliche Lage hier picht verschont?!
Für vier Uhr nachmittags war die Versammlung angesetzt, noch war es nicht so weit, die Abgeord- iieaen waren noch gar nicht do, keiner non den Red uern zur Stelle — was sollte man so fange nun machen > Man stand wartend umher in kleinen und größeren Gruppen, ging planlos zum Marktplatz hin und kam wieder zuruck, man hatte ja kein Geld, in den Läden etwas zu kaufen, nicht einmal ein paar Groschen, um in eine Wirtschaft zu gehen. 3mmer wieder fand man sich beim Denkmal für die Gefallenen ein, das auf dem Platz norm Landrats» 3iü steht, und zwischen der jetzt noch nicht begrün» tm Baumreibe durch, frei und weit hinausblicken kamt auf die Mosel.
Unb von hier sah man auch aufs Finanzamt. Aho, da stand es ja. ganz nah. ber verhaßte Bau. der sich, saft nmb wie ein Turm, wie eine Zwing»
bürg, bei" Landratsamt schrägüber an der Ecke vor» schiebt. Das sollte ber Teufel holen, dieses Raub' ritterschloß. dieses verfluchte Reft, in dem soviel Un heil ausgebrutet würbe! Sie kannten es alle, dieses leidige Finanzamt, zu dem sie so oft schon gelaufen waren, um Aufschub zu erbitten, und bas doch ihre paar letzten Groschen verschluckt hatte. Ach. inan konnte leider weiter nichts tun, als dos verwünschen. Heute hatte man die Muße dazu, man stand unb starrte es an. böse, mehr als vös«. erbittert. Daß bod) non ber Landshut ba oben ber ganze Berg abrutschte unb es verschüttete! Wenn bie Mosel es beim Hochwasser fo überschwemmt hätte, baß all bie Akten, bic Schulbbriefe. bie Steuerzettel, all das verfluchte Geschreibsel Den Fluß hinuntergeschwemmt worden wäre auf Nimmerwiedersehen, welch ein Glück.
Und nun wurde es plötzlich bekannt, einer er tählte es bem anderen: ber Leiter vom Finanzamt. ber Oberste da. der hatte heute morgen einen Brief bekommen, unterzeichnet von vielen Ortsgruppen — bic von Mühlheim, Anbei. Dusemond, Wintrich waren auch dabei — in dem die sofortige Rückzahlung der zu viel eingezogenen Steuern verlangt und zugleich nngefünbigt wurde: ,cs wird feine Steuer mehr bezahlt, bis die Verhällniffe sich gebefiert haben.' Das war deutlich: bas konnte der Seiler vom Finanzamt sich hinter bic Ohren schreiben. Unb wenn der heute nicht mit sich sprechen ließ, bi« Bureaus geschloffen blieben, bann war nicht dafür einzusiehen, was dann geschah.
Ob die im Finanzamt gewarnt worben waren? Ein Mann hob. aufmerksam machenb. den Finger: aus ber Tür bes Finauzgebäudes guckte verstohlen ein Landjäger, unb auch ein zweiter, der Ober» lanbiägcnncifter, trat jetzt vor. Es wurde bemerkt, baß er dem Polizisten, der drüben norm Gasthaus zur Post herumstanb, ein Zeichen machte. Der ging qlejch darauf herüber ins Bereinshous — ei. da sollte ja im Hof ein ganzer Haufe von Polizisten versteckt stehen. .
Was hatten die vor?! Die, man wurde doch nicht etwa gegen Leute vorgehen wollen, die zu einer Derjammluna herbestellt waren, und die letzt mir bie Absicht hotten, in geschloffenem Zug am Fi» nanzamt oorbeizumarfchieren unb denen ba drinnen zu zeigen: „Seht, so viele sind unserer, viele Tausende von Winzern, ihr do drinnen kennt uns?
Wir zahlen erst wieder Steuern, wenn wir es auch können." Das war doch nicht schlimm, dafür brauchten sie nicht gleich ihre Polizei aufzubieten — pah, mit der würde man, wenn's not tat, schon fertig!
Ein Gelächter erhob sich: die waren bange, bange! Als sich ein Schild emporreckte mit der Inschrift
,,Wo bie Zittonen blühn, setzt bas Finanzamt hin," lachte man immer noch. Aber jetzt schlug bas Ge lochter plötzlich um. unb es war nicht mehr gutmütig unb auch nicht nur hvhnenb. es wurde erbittert. Denn ein Schild war aufgetaucht in einer Winzergruppe, das man vordem nicht weiter beachtet hatte:
..Gebt uns Handgranaten für dos Finanzamt!"
Ein Murmeln erhob sich, ein Murren. Die »eiter hinten standen, drängten nach vorn, die vorn« standen, wurden immer näher zur Tür des Finanzamtes hintzeichoben.
.^Zurück!" brüllte der 2anb|dgermciftcr. Und ..zurück" riefen auch welche unter den Winzern. Man durfte die Besonnenheit nicht verlieren. Unb es hatte ja gar keinen Zweck, hier zu spektakeln.
Einer, ber sich hochheben ließ, fing jetzt an, ein Schriftstück vorzuftfen. er schrie, fo laut er nur konnte:
.Keine Pfändungen mehr! Rieberfchtaguna |ämb lieber Steuern! Weinbaugebiet Rotstanbsgttiet!"
Das waren bie Hauptforderungen; bei jedem Schlag wort wogte das Meer der Menge auf, eine Flut, die über die Ufer zu branden drohte, es er hoben sich Hände, geballte Hände, unb Ruse: „.'lieber mit bem Finanzamt?"
Einer, der noch eben gutmütig gelacht hotte, tobte jetzt gegen die Türe an, die sich rasch geschloffen hatte: „Raus mit den Blutsaugern!" Bon hinten brüllte einer: „Steckt das Finanzamt an!"
Das war zu toll, das ging über alles Maß. Man fetzt« sich jo nur ins Unrecht! Kaspar Breis, ber eingekeilt stand, sich nicht rühren konnte — die Arme waren ihm fest an den Leib gepreßt, er hätte feine Hand heben können — schrie sich heiser: „Laßt bat! Macht keine Dummheiten! Dir wollen anständig bleiben, denn —" Eine Hand schlug ihn von bilden auf den Mund: .Halt dein Maul!" Wütend wollte er heeunnahren, er formte nicht.
Unb uni ihn plötzlich ein Wirrwarr — Anne, Beine, Köpfe, Leiber, alles in Bewegung — gewaltiger Stoß von hinten, alles fliegt voran. Kein Haften mehr. (Empörte Masten, langst erbittert, verzweifelt, von Rot hergetrieben, jetzt aber von Wur gepackt, stürzen sich gegen das Finanzamt.
Vergebens suchen die paar Landjäger, bie paar Polizisten, Einhalt zu tun unb ben Eintritt zu oer wehren. Es fliegen Steine. Kam ber erste Stein oben vom Weinberg ober unten von ber Straße herauf? Ein Fenfter im ersten Stock geht flirnmb in Scherben, bie Meng« jubelt. Tosenber Beifall, lautes Gebrüll.
Ein Landjäger kriegt eins mit bem Stock über, ein anberer wirb zu Boben gerannt — ba Ift gid)ts mehr zu machen, sie geben bie Verteidigung auf.
„Aus bem Weg! Platz für ben Winzer! In bas Finanzamt hinein ergießt sich bie Flut.
Da hält kein Damm mehr. Die Beamten ziehen sich zurück, bie Angestellten im Finanzamt fluchten.
Solche Dummheiten, solcher Wahnsinn! Kaspar Dreis war mit hineingeschwemmt worben, er rannte verwirrt burch bie Zimmer: was toten bie hier? „Laßt bas sein, um Gottes willen!" Kein Mensch hörte auf ihn. Unb wie er, riefen auch onbere: „Laßt bas!" Sie rieten umsonst ab.
Das waren feine frieblichen Winzer mehr, feine Männer, bie nicht einer Fliege etwas zu leib taten, bas waren Verrückte, Tolle, bie gereizt waren wie Stiere burch ein rotes Tuch. Sie benahmen sich sinnlos — Unglückliche, vom Berstanb völlig 93er- kiien«.
Alles war bald durcheinander geworfen unb ubereinaitber: Tische, Pulte, Stuhle. Fenster, Spiegel unb Bilder zertrümmert, bie Aflenschranke erbrochen. Akten, Steuerveranlagungen, Hypothekenpfandbriefe, Mahnzettel — olles verfluchtes Papier, auf dem es ftefjt, was man bem Winzer abnehmen will, wie man es macht, um ihn an den Bettelstab zu bringen, nein, an ben man ihn schon gebracht Hot — Papiere, Papiere, vermaledeites Geschmiere, steckt es an, laßt es brennen! Das ganze Amt mit! Rein, zu b«i Fenstern mit dem Dreck heraus, erst unten verbrennen, laßt erst alle es lesen, wie man es ausrechnet, baß bem Winzer fein Pfennig mehr bleibt!
(Fortsetzung Wgh) • „


