Hr.27 Drittes Blatt
Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhesien)
Mittwoch. Sebruar 1928
Aus dem Reiche der Krau.
Männer, welche Maskenanzuges glaube bestimmt auf der weiten
niemals zum Anlegen eines zu bewegen sind, aber ich behaupten zu können, daß es Welt kein weibliches Wesen mit tausend Freuden irgend-
Zeit und Maske.
Von Leni Wüst.
Die Taktik eines jeden jungen Jahres ist: erstmal ein bißchen Vergnügen und Tollheit, eh' des Tages Nüchternheit und Kampf abnützt und grau macht! Das neue Jahr macht es wie der Lehrer mit seinen A-D-C-Schühen am ersten Schultag, es faßt die Menschenkinder noch sanft und behutsam an und sorgt dafür, daß die Klänge des Sylvesterballes noch durch den ganzen Januar und Februar tönen. Darum steht auch in den ersten Monaten eines jeden Jahres die blaue Vlume der Romantik in ihren tausendfältigen Abwandlungen in voller Vlüte. ilnö somit wären wir am eigentlichen Thema angelangt: „Zeit und Maske, die maskierte Frau im Wandel der Zeiten." „Denn das Naturell der Frauen ist so nah mit Kunst verwandt." Vor allem mit der Verkleidungskunst. Schon kleine Mädchen lieben es, sich als Prinzessinnen auszupuhen. Im Grunde genommen spielen alle Menschen, große und kleine Kinder, gerne ein wenig Theater: Hauptfreude dabei ist als erstes die bunte Verkleidung, das Hineinschlüpfen in eine fremde, neue Haut. Wohl gibt es viele
gibt, das nicht
eine mehr oder weniger malerische Veränderung
Eigensinnige Kinder.
Von Frau E. Eckmann.
Eigensinnige Kinder... der Schrecken der Familie und aller, die mit ihnen in Berührung kommen I Es gibt derer in allen Spielarten und Altersstufen. Vom Kleinkind an, das entsetzlich schreit, wenn es seinen Willen nicht bekommt, oder wenn es schlafen soll, oder wenn, es nicht getragen und unterhalten wird und beim Essen spuckt, wenn ihm irgend etwas nicht Paßt. Vis zum Zwei- und Dreijährigen, das sich steif macht tomn mit ianftem Aachdruck zu irgend etwas gezwungen werden soll, und das es bald heraus hat, daß es alles bekommt, wie es will wenn es nur schreit, bis es beinahe blau wird. Vis zum ganz Großen, der sich bereits zum Familien- Ihrannen auszubilden beginnt.
Selbst die nachsichtigste Mutter pflegt allmählich die Geduld mit dem Eigensinn des Kindes zu verlieren, wenn sie auch bei einer gruiidlichen Gewissenerforschung in sich selber die Wurzel zu dieser unerträglichen Kinderelgenschaft finden würde. Vielleicht in der Veranlagung, wahrscheinlicher ober in der Erziehung, welche diesen Fehler groß hätschelte. Denn schon das aller- Ncinste Kind hat es in 0en vier ersten Wochen seines Lebens, während es noch ein vollkommenes Pslanzendasein zu führen scheint, bald genug heraus, ob es seine Pflegerinnen zu unbedingter Unterwürfigkeit erziehen kann oder ob diese imstande sind, ihm den so notwendigen Drill zur pünktlichen Nahrungsaufnahme und zur eben so notwendigen vollkommenen Nachtruhe für fich und die Mutter beizubrlngen. Säuglinge, welche diese Zeit in einem Mutterheim verbringen, wo sie des Nachts von geschulten Pflegerinnen betreut werden, find in
an seinem äußeren Habitus vornimmt. Darum spielt auch gerade die Frau, welche rein psychologisch zur Verkleidung drängt, eine für sich. Zeit und Umwelt beziehungsvolle Rolle auf Maskenfesten. Vielleicht steckt ein Stück Sphinx in ihr, vielleicht haben es die Dichter nur fn sie Hineinphantastert, und sie quittiert dankend mit einer Lüge. Vielleicht auch ist das Blut längst vermoderter Ahnen stärker in ihr und rüttelt uneingestandenes, dumpfes, halbverschüttetes Sehnen nach bunten alten Märchen wach? Vielleicht aber ist es nur die von Urmutter Eva übernommene Eitelkeit, die sie begehrlich nach Seide, Blumen und Schmuck greifen läßt. Jedenfalls ist die Frau die Stimmungsträgerin eines jeden Kostümfestes. Und sie erscheint heute wesentlich anders auf dem Plan, als vor etwa fünfzig oder hundert Jahren.
Die Feste an sich sind die alten geblieben, auch unsere Ahnen haben die Larve vorgenommen, sich bei Reigentanz. Gavotte, Menuett und Walzer vergnügt. Auch sie' haben geflirtet, ohne noch diese formulierende Bezeichnung zu kennen: der gute, ein wenig kitschige Gott Amor hat hinter Pfeilerspiegeln, Sa utoorhangen und Palmenwedeln seine Schießkünste versucht (heute treibt der Götterknabe sein edles Jagdwerk von der großen Jazztrommel oder einem phantastischen Beleuchtungskörper aus, auch trifft er selten ins Schwarze, die große Leidenschaft von einst vermag er kaum zu entfachen). Nur der Anzug der Frau hat das Gesamtbild merklich verändert.
Einst liebte man zur Zeit des Rokokos neben Schäferinnen dir Gestalten der Mythologie in die stilisierte Tracht der Zeit zu übersetzen auf den Maskeraden bei Hose. Auch die spateren Generationen konnten sich nur schwer bei ihren Verkleidungen von der Konvention der herrschenden Mode befreien. Man sieht aus alten Kupferstichen die drolligsten biedenncierisch variierten Kostüme z. B. eine Fee. Spanierin, Maria Stuart und dergleichen mehr. Die Masken jener Zeiten sind noch unproblematisch, lediglich von der Romantik beeinflußt, welche die Literatur und die ganze damalige Lebensepoche beherrschte. Später werden die Möglichkeiten der Maske immer reicher. Man beginnt die Gestalten großer Romane zu kopieren. So ist die „Mignon" keine seltene Maskenbalierschei- nung, Prosper Merimees „Lärmen" wird beliebt, neben den nationalkostümlichen Charak- term'asken werden Rolokogewänder, Blumengöt- tinnen, Jägerinnen, Gärtnerinnen bevorzugt. Hauptsache bei allen Kostümen ist die Niedlichkeit und Lieblichkeit, die in den meisten Fallen mit süßlicher Albernheit Hand in Hand ging. In der Vorkriegszeit waren Masken wie „Königin Luise", „Kaiserin Eugenie" an der SageSr ordnung. Auch die Figuren der italienischen Komödie, Harlekin, Bajazzo. Kolumbrne, Pie-
rette, eine Anmasse Zigeunerinnen und langweiliger Geishas bevölkerten die Ballsäle.
Mit der Zeit wird die Sehnsucht nach der Hosenrolle immer stärker, man sinnt auf Hosenkostüme: die Türkin wird beliebt, aber die lange Pumphose gefällt nicht auf die Dauer, der mittelalterliche Page taucht auf. schließlich der Schuster- bub. Man rückte energisch von allen historischen Kleidern ab, das Indianer- oder Cow-Girl tritt an Stelle der kostümierten Bauern. Die Teufelin legt ihre roten Hörnchen ab und wird diabolisch in Ausschnitt < hoher Stehkragen mit freiem Rücken!), Kürze und Liniengebung. Man geht von dem einfach darstellenden Kostüm zum durchdachten, symbolischen, karikaturistischen. Zeit und Menschen glossierenden Maskenkleid über. Man will nicht mehr nur schön, man will grotesk sein, und das Pathos wird abgelegt.
Was der Walzer an gleitender ruhiger Grazie auf die Kostüme seiner Zeit übertrug, das schreit und trommelt in wirren Farben und Linien der Jazz aus die Heutigen. „Jonny spielt auf", und seine schwarze Hautfarbe färbt
ab auf die Maskenkostüme. Genau wie jene gemütvolle Zeit mit der Romantik spielte und sie verkitschte, so spielt auch unsere Zeit mit der heutigen Lebensstellung und versucht sie im Maskenkleid au formulieren, mitunter entstehen wirklich eigenartige, geistvolle Gebilde, die die Verbindung von Stoff, Phantasie und Geschmack vorzüglich treffen. Oft gilt aber auch das Wort: „Du gleichst dem Geist, den du begreifst." Dis vor kurzem waren Mode und Maske vom fernen Osten beeinflußt, Indien war Trumpf. Jetzt spürt man den Einfluß der Revue an allen Ecken und Enden im Dall- saal. — Einst und Jetzt —, das Karussell des Lebens lackiert mitunter seine Wagen neu und zäumt die Pferdchen anders auf, die Drehung bleibt die gleiche. Aber jede Zeit wirft ihre Schatten bis in den Dallsaal. und wir können heute weniger als je uns loslösen von dem Getriebe des Tages, denn die heutigen Maskenkostüme sind in der Mehrzahl die verschiedenartig gefaßten und geschliffenen Spiegel unserer Zeit. —
Im Zeichen des Karnevals.
Allerlei Vorschläge für Faschingskostüme.
Don Elsbeth Unverricht.
Fröhlichkeit ist der lachende Wahlspruch dieser Wochen! Ausgelassene Faschingswelt trifft sich zu einer langen Reihe von Festen, bei denen Witz, Originalität und Phantasie das Zepter führen. In dieser kurzen Spanne Zeit ist alles frei, alles erlaubt, nur das Langweilige verboten. Jede Individualität kommt zu ihrem Recht. Modevorschriften im eigentlichen Sinne gibt es kaum, nur kleine charmante Neuerungen, geringfügige Fingerzeige, für ein immer größer werdendes Repertoire von Kostümen.
Trumpf ist das Phantasiekostüm. Reizende Typen sieht man darin: beispielsweise aus hellem Taffet ober Lame ein weitgeschnittenes, eine Handbreit über dem Knöchel durch Gummizug gehaltenes Beinlleid, dazu eine farblich stark abweichende Taille, schwarz, giftgrün oder hochrot, ohne Aermel mit spitzem Ausschnitt. An die Taille schließt sich, festangearbeitet, ein kurzes Reifröckchen, das in der Art eines aufgespannten Regenschirmes über den Hüften absteht und in der Innenseite die Farbe des Beinkleides wiederholt.
Ein anderes, sehr fesch wirkendes Kostüm ist das eines Cowboys, das ebenfalls ein langes Beinkleid hat, das jadegrün oder rehbraun, aus plissierten Volants zusammengesetzt ist. Dazu trägt man eine elfenbeinfarbene oder schwarze Seidenbluse, über die ein kurzes, dreieckiges Schultertuch geknüpft wird, das mit der Farbe des Beinkleides harmoniert oder scharf kontrastiert. Ein breitrandiger schwarzer Filzhut mit seitlich herabfallenden giftgrünen oder roten Fransen, und hohe Stulpenhandschuhe mit Fransen vervollständigen den Anzug.
Sehr drollig wirken auch stilisierte japanische oder chinesische Kostüme. Lange, ziemlich enggeschnittene Beinkleider, die unten leicht gedrahtet, trichterförmig ausfallen, aus glattem steifen Silber- oder Goldstofs, cotL in andersfarbigem Samt noch mit japanischen Schriftzeichen benäht, haben dazu eine dunkle Velourjacke, hochgeschlossen durch einen schmalen Steh tragen, als Verzierung slache Gold- und Silberknöpfchen. Den Taillenabschluh bildet ein etwa 50 Zentimeter breiter Schoß aus dem Stofs der Jacke, der mit dem Material des Beinkleides abgefüttert ist, und im Saum, wie das Beinkleid, leicht gedrahtet wird.
Auch die Russin wirkt, durch die vielen metallischen Effekte des Kostümes, sehr reizvoll. Das Charakteristische an dieser Tracht sind die hohen, weißen Stulpenstiefel und die altrussische Frauenhaube, die in Heberbimenfionen und lat» nevalistischem Aufputz von weißem Schwan und Flitterbesah den Kopf schmückt. Das Kostüm selbst, seegrüner Taffet oder Maskenatlas, zeigt ein kurzes Röckchen, welches das Knie freiläht, an den Hüften eng anliegt und nach unten sehr glockig ausfällt. Der Saum ist etwa eine Handbreit mit weißem Schwan beseht, über das ganze
Röckchen ist wahllos Flitter und Scherbenbesah verstreut. Die Bluse ist in der Art einer weiten Bolerojacke geschnitten, und von der Seitennaht ausgehend, das Vorderteil der Teile stark verkürzt, in der gleichen Weise mit Flitter besetzt wie das Röckchen, der Schalkragen ebenfalls aus Schwan. Der Aermel, knapp eingesetzt, ein winziges Stümpchen, bedeckt nur den halben Oberarm.
Eines der ältesten und bekanntesten Faschinakostüme ist das der P i e r e 11 e. Jedes Jahr bringt neue Abwandlungen dieses reizenden Typs, neue Farbenzusammenstellungen, neue Formen. Man trägt gern in dieser Saison lange faltige Beinkleider, etwa aus tomatenroter Seide, die oberhalb des Knöchels durch ein schmales dunkelbraunes oder schwarzes Samtband zusam- mengehalten werden. Die langschöhige, knappe Jacke aus andersfarbigem Velour oder Damast wirkt wie ein kurzes Röckchen, aber der eigentliche Effekt dieses Anzuges liegt in dem umfangreichen graziösen Kragen, der den Kopf schmeichlerisch umgibt In der Regel entscheidet man sich für den Duftigen schwarzen Tüllkragen mit Chenilletupfen in der Farbe des Deinkleides, in diesem Fall tomattznrot Auch die Aermel zeigen den gleichen Tüll in weiten Volants, ©in weiterer Re.z dieses an sich bescheidenen Kostüms liegt in der Zusammenstellung der Farben. Schwarz spielt als Grundmotiv, sei es als Beinkleid oder als Jäckchen, eine große Rolle, und bringt in Verbindung mit orange, türkis, königsblau, gelb und cerisrot verblüffend malerische Wirkungen hervor.
3n dieser Saison verwendet man für Kostüme, soweit es mit ihrem Stil nur irgend vereinbar ist — und auch damit nimmt man es nicht so genau —, außerordentlich viel starkfarbene Tülle. Dieses Material hat in seiner Transparenz, der grazilen Bewegtheit seiner Volants, seiner Dauerhaftigkeit, wenn man es in guter, fester Qualität wählt, für Faschingskostüme kaum etwas Gleichwertiges. In Verbindung mit Samt, Maskenatlas, Brokat, als Plisseevolant, dichtgezogene Godet. Aermel oder Aermelteil, als langes Jn- dianerbcinkleid, nur aus Tüllriischen bestehend, verarbeitet, kurz, in unzähligen Möglichleiten, ist es einfach der Stoff des Karnevals geworden.
Das andere lustige Beiwerk dieser Kostüme ist kaum zu übersehen. Samtembleme in der komischsten Linienführung, Feder und Reiher in den buntesten Farben, silberne und goldene Glöckchen und Kugeln, Perlen und Edelsteine, die die Pracht indischer Nabobs übertreffen, glitzernde, märchenhafte Schals und kecke, baumwollene Apachentücher. All das tanzt, lacht und flirtet in bunter Reihe durcheinander, während ein Hagel von Konfetti niederprasselt und bunte Papierschlangen die Lust durchsausen, lachend empfangen und lachend zurückgeworfen.
dieser Beziehung bei ihrem Hebergang in die häusliche Pflege fast Immer ausgezeichnet gewöhnt — wenn sie gesund sind, beim kranken Kinde treten natürlich andere Notwendigkeiten zu Tage. Es liegt dann nur in der Hand der Mütter, ob sie sich in übermäßiger Zärtlichkeit im Erstlingskinde einen kleinen „Nachtwächter" heranziehen, der die ganze Familie nachts in Aufregung hält, bis der berufstätige Vater sich gezwungen sieht, aus dem Schlafzimmer auszuziehen und die Mutter mit übernächtigen Augen herumgeht, während der kleine Hebeltäter sanft und harmlos am Tage feine Stunden schläft. Aus so gewöhnten Kindern werden später leicht die eigensinnigen, denn natürlich ist das nicht die einzige Gelegenheit, wobei die Mutter die Nachgiebige ist.
Cs geschieht ja jetzt viel zur Erziehung und Schulung der jungen Mütter, was diesen über solche Fehlerquellen in der Erziehung des ersten Jahres hinweghelfen soll. Bezeichnend dafür ist es, daß fast immer das erste oder das einzige Kind das eigensinnige ist. Später gewöhnen die andern Geschwister sich meistens schon untereinander den Eigensinn gründlich ab, wobei indessen die Mutter auch noch ein bißchen nachhelfen muß. Sic darf dem herrischen Aeltesten niemals die unbedingte Herrschaft über die andern einräumen, indem sie ihm Recht gwt. Sie braucht es ihm auch nicht zu erleichtern, wenn er in irgendeiner Weise die Folgen seines Eigensinns merkt, sondern muß ihm zu Gemute führen, daß er es ja selbst so gewollt hat. Bei einer bestimmten Art eigensinniger Kinder bleibt überhaupt nichts anderes übrig als ihnen in gewisser Weite Spielraum zu lassen, damit sie selber sehen, wie weit sie damit kommen und auf die Zeit hoffen, in denen die Vernunft und Einsicht größer werden.
Eigenartige Kinder können leicht mit eigensinnigen verwechselt werden. Sie dürfen aber nicht unbedingt wie diese behandelt werden. Es ist ja überhaupt nicht notwendig, daß die Kinder immer und in allen Dingen zur sehr die Autorität zu füllen bekommen. Denn Kinder haben ost einen ganz richtigen Instinkt für das, was ihnen gut ist, einen Instinkt, der bei den Erwachsenen durch die Vernunft erseht und deshalb manchmal vergessen ist. Vater und Mutter aber sollen sich soweit wieder in die Kinderseele versehen können, um zu wissen, wie weit man freien Lauf lassen darf. Auch eine gewisse äußere Ordnung muh eben der seelischen Erziehung zur Gewohnheit und Selbstverständlichkeit werden. Aber auch diese darf nicht zur Beschränkung, etwa zum Stillesihen und Artigsein ohne andere Beschäftigung führen ... zur Schonung der Kleidchen und Möbel.
Eine kleine Szene von einem der sandbestreuten Spielplätze in den öffentlichen Anlagen einer Stadt, in dem sich eine Anzahl größerer und kleinerer Kinder der volkreicheren Stadtviertel auf die verschiedenste Art vergnügen: Die Jungen bauen allerhand Anlagen, Häuser, Backöfen, Festungen. Sie sind erfinderisch beschäftigt, langweilen sich also nicht und sind zufrieden. Nebenan die Mädchen beschäftigen sich mit ihren Puppen — viel unruhiger als augenblicklich die Jungen. Das kleinste Mädchen will fich nicht an dem Spiel beteiligen, bei dem ihm nur eine zuschauende Rolle zugedacht ist und nicht unter der Aussicht der Schwesterchen still sitzen, so viel es auch angefahren wird. Es hat das Bedürfnis, seinen kleinen Körper zu bewegen, die Muskeln zu üben, zu springen, was wiederum den Puppenmüttern nicht bequem ist. Immer wieder entschlüpft es den bewachenden Händen, schreit, wenn es herangezerrt werden soll.
Was wird in der neuen Ballsaison getanzt?
Von Dr. Stephan Molnar.
Wie man tanzt. Es kommt immer weniger auf das „was" an, das man tanzt, als auf das „wie". Was tanzt man eigentlich in der neuen Ballsaison? Diese Frage ist sehr berechtigt, denn vor dem Beginn der Gesellfchaftssaifon hofft man immer auf den Wiener Walzer, auf einige andere Tänze aus der Vergangenheit und versucht, sie zu propagieren. Die Wirklichkeit ist anders. Sie leitet sich stets und auch beim Tanz aus dem Bestehenden ab. Man wird eine neue Form des Charleston tanzen. Aber der zappelnde Charleston ist vergangen. Man hat sich endgültig von ihm abgekehrt, man sieht ihn in guter Gesellschaft und in vornehmen Lokalen überhaupt nicht mehr. Die Bewegungen find beim Tanzen ruhiger, langsamer und gleitender geworden. Sie haben das eigentlich Tänzerische wieder bekommen, während in der vergangenen Saison das Strampelnde an der Tagesordnung war.
Wer den Charleston noch nicht gelernt hat, der mag nun für immer daraus verzichten. Man hält den Körper ganz ruhig, vermeidet die zuckende Schulterbewegung und gestattet sich höchstens eine leise angebeutete Hüftbewegung. Die Füße tanzen, nicht der Körper. Das ist ja auch eigentlich das A und das O eines jeden Tanzes. Die Füße gehen ruhig, haben zuweilen einen zögernden Schritt. Die Handhaltung ist schön, wenn die Ellbogen von Dame und Herrn parallel zueinander laufen. Weit von fich gestreckte Arme ist eine Haltung, die man noch niemals schön gefunden hat.
Die linke Hand der Dame liegt lose auf der Schulter des Herrn, die Haltung ist anmutig und graziös, wenn der Ellbogen hochgehalten wird, so daß vorn Ellbogen zur Handfläche eine schräge Linie gebildet wird. Man sollte sich beim Tanzen auch endlich den ruhigen und liebenswürdigen Blick angewöhnen. Es wirkt häßlich, wenn die Partner mit toternsten Gesichtern, als ob sie eine fürchterliche Arbeit verrichten würden, durch den Saal tanzen. Der Charleston hat es mit sich gebracht, daß sich viele Leute mit eigenen Blicken überzeugen wollten, ob ihre Füße auch richtig strampeln. Es gibt nichts Häßlicheres, Hngraziöseres und Hnkünstlerisches, als wenn die Tänzer ihre Augen auf den Fußboden gerichtet haben. Die ganze Qual, die ihnen das Tanzen bereitet, steht ihnen dann in der Haltung geschrieben.
Was man tanzt. Zwei Tänze beherrschen die Saison. Das ist Tango und das ist Fox. Fox ist eigentlich eine Hniversalbezeichnung für einen Hniversaltanz. Gs ist der Charleston, es ist der Vale, der Bananes und es ist der Slow- Fox in einer Person. Viele Namen für einen ruhigen, schönen und anmutigen Tanz. Er wird geschritten und nicht gesprungen. Er hat etwas Zögerndes, Verhaltenes in seiner ganzen Art. Zuweilen vervollkommnet man ihn, indem man einige Walzerschritte einfügt. Die Hauptsache ist auch bei diesem Tanz Haltung und Grazie. Er muß vollkommen ungewollt und ungezwungen aussehen. Daneben besteht der Tango, der Liebling aller eleganten Tänzer.
Sein Rhythmus ist schmelzender, seine Schritte sind weniger kompliziert geworden. Der kurze Schritt, el corte genannt, ist ein Wiegeschritt geworden. wie überhaupt der ganze Tango das Wiegende und Gleitende bekommen hat. Man braucht auch nicht mehr „eingetanzt" zu fein. Eine Dame, die sich gut führen läßt, kann mit jedem Tänzer, der die Technik des Tanzens versteht, auskommen. Viele kleine Schritte, oft in einem Zirkel vorgenommen, bereichern den Tanz der modernen Zeit.
Der Walzer wird eigentlich nur in einer besonderen Stimmung gespielt und gelangt. Mehr als zwei Walzer pro Abend würde die tanzlustige Welt von heute kaum aushalten. Man ist von den ruhigen Tänzen viel zu sehr verwöhnt, als daß man im Walzertakt noch durch den Saal fliegen möchte, wie man das früher mit Leidenschaft tat. Wahrscheinlich aus diesem Grunde ist auch der Boston nicht mehr populär. Wenngleich man den Boston weit ruhiger tanzen kann, als den Walzer, schon weil er die schnellen Drehungen nicht hat, so ist er im Rhythmus
Der große Junge, etwa elfjährig, sieht endlich auf. „Laßt das Kind doch!" ruft er ganz väterlich. „Klärchen, komm einmal zu mir.“
Freudig folgt die Kleine, legt die Arme uni feinen Hals. Er läßt sich die Zärtlichkeit gerne gefallen. Sie flüstert ihm etwas ins Ohr.
„Ja, ja, lauf du nur. Immer hier herum. Du bist jetzt ein kleines Pferdchen, wie wir es neulich gesehen haben." Sie läuft um den Spielplatz, trabt, schwenkt mit den Armen, schlägt mit den Händen. Ist restlos vergnügt. Don Zeit zu Zeit bleibt sie bei dem großen Bruder stehen, legt ihm wieder die Aermchen um den Hals, schaut ihm ein Weilchen zu und beginnt dann wieder mit dem Pferdchentraben. Belästigt keinen mehr, bis die Kinder heim gehen. Sie folgt ihrem richtigen Instinkt und wird zu Hause ins Bett fallen und schlafen.
Ist aber zu vermuten, daß eine krankhafte Veranlagung die Hrsache eines böswilligen Eigensinns ist, so muh natürlich der Arzt das letzte Wort sprechen. Man ist ja in dieser Beziehung heutzutage einen großen Schritt weiter gekommen als früher. Es gibt Berater in schwierigen Fällen, körperlichen rmd seelischen Hr- sprungs. Cs gibt Schulen und Anstalten für schwer Erziehbare und Psychopathische, die sonst vielleicht gar nicht schlecht begabt, aber fast un- erziehbar sind. Dori kann vielmehr auf das Seelenleben und die körperliche Erziehung eingegangen werden als in der Familie, bei denen die normalen Geschwister natürlich kein Verständnis für manche verhängnisvolle Anlagen und Auswirkungen haben können. Hnd nur dort können krankhaft eigensinnige Kinder doch zuletzt noch zu nützlichen Mitgliedern der menschlichen Gesellschaft erzogen werden.


