Einzelbild herunterladen

Nr. 27 Zweites Blatt

Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhesien)

Mittwoch, (. Zebruar (928

Das Ende

der hessischen Regierungskrise.

Don unserer Darmstädter Redaktion.

Mit der Entscheidung der Sozialdemokratie hat eine Regierungskrise in Hessen ihren Qlb* schluh gesunden, die mit den Landtagswahlen em 13. Rovember begonnen hatte. Der Verlauf her Verhandlungen, die dazu geführt haben, ist zanz anders gewesen als man Wohl zunächst »ermuten konnte, im allgemeinen nahm man an, z>ah sich nach kurzen Verhandlungen die Parteien eus dem Doden der Weimarer Koa­lition wiederfinden würden. Wenige Tage rach den Wahlen veröffentlichte Finanzminister Henrich jedoch eine vielbeachtete Detrachtung kiber das Wahlergebnis, in der zu den Möglich­keiten der Koalitionen Stellung genommen wurde. Eine reine Arbeiterregierung, eine Vür- gerblockregierung, eine Kleine Koalition, und eine Trohe Koalition wurden in den Kreis der Er­örterungen gezogen; dabei ist bemerkenswert, 2ah die Kleine Koalition unter Zuziehung der Deutschen Volkspartei noch nicht einmal erwähnt var, so fern lag sie dem Gesichtskreis des Ainanzministers. Er wollte die Parteien für den Gedanken gewinnen, zunächst ein Sparpro­gramm aufzustellen, dann erst sollten sie an (die Verhandlungen zur Regierungsbildung her­antreten.

Etwa um den 20. Rovember herum kam die Aussprache darüber mehr in Fluh. Der Z e n» tru ms presse war zu entnehmen, dah die Partei nur dann gewillt sei, in die Weimarer Koalition einzutreten, wenn ihre kulturpoli­tischen Wünsche erfüllt und ihre Forderungen bei Besetzung von Remtern berücksichtigt würden. Rus den Blättern der Sozialdemokratie war zunächst nur herauszulesen, dah man keine Gröhe Koalition wünsche. Landesausschuh und Landesvorstand der Sozialdemokratischen Partei traten dann in Frankfurt zusammen, um zu der politischen Lage Stellung zu nehmen; es wurde verlangt, dah der soz. Partei als der weitaus stärksten Fraktion, auch im neuen Land­tag eine ausschlaggebende Stellung eingeräumt werde. Die Folge dieser Erklärung war ein Machtkampf zwischen Zentrum und Sozialdemo­kratie, den das Zentrum sehr siegessicher antrat, weil es aus den Wahlen durch zwei Mandate gestärkt hervorgegangen war. Die nächsten Tage brachten Beratungen der Landtagssraktionen, die neu gebildet wurden und ihre Vorsitzenden wähl­ten; die eigentlichen Verhandlungen kamen da­durch etwas ins Stocken.

In der Presse stand während dieser Zeit | immer die Frage: Weimarer Koalition oder Gröhe Koalition? zur Erörterung, bis dann in diese Theorien insofern eine Klar­heit gebracht wurde, als am 30. Rovember die Sozialdemokraten mit ihrer Forderung nach dem Innenministerium vor die Oeffentlichkeit traten und in Verbindung damit die sogenannte Demokratisierung der Verwaltung verlangten, jedoch erklärten in der Schul- frage keine Zugeständnisse machen zu wollen. Diese Forderungen wurden als Lebens- iragen für die Partei bezeichnet. In der Oeffent­lichkeit war man ziemlich allgemein der Meinung, dah das Zentrum in den Verhandlungen mit der Sozialdemokratie das Innenministerium, das bis­her mit Minister Kirnberger (Zentrum) besetzt war, preisgeben, und auch die Politisierung der Verwaltung zugestehen werde, wenn nur seine kulturellen und personellen Forderungen erfüllt würden. 2n der ersten Dezemberwoche fanden hierüber zwischen den beteiligten Parteien Be- 1 sprechungen statt. Wohl um den Unterhandlung - gen mehr Rachdruck zu verleihen, traten am > il. Dezember in Densheim an der Bergstraße ® sozialdemokratische Parteifunktionäre zusammen wnd verlangten nachdrücklich die Besetzung des Innenministeriums durch einen Dertreter ihrer Partei, ferner die Demokratisierung der Derwal- hmg und die Ablehnung jeden Zugeständnisses <m das Zentrum in der Schulfrage. Aus der Zentrumspresse war zu ersehen, dah sie in diesen Forderungen nur die Ziele des radikalen Flügels sah; zwischen den Zeilen war zu lesen, bah man hoffen dürfe, doch noch Zugeständ- itiffe in der Schulfrage zu erlangen. In der sozialdemokratischen Presse wurde der Gedanke ausgesprochen, dah die Sozialdemokratie, wenn keine Einigung mit dem Zentrum auf der Grundlage der sozialdemokratischen Forderungen zustande komme, mit anderen Parteien des Landtages in Derhandlungen über die Regie- . r angsbildung eingetreten werden müsse.

Es begannen nun Verhandlungen zwischen der Sozialdemokratie und der Deutschen Volks-

Girßener Stadttheaier.

Henrik Ibsen:Peer Gynt".

Es wurde schon in der Vorbesprechung anzu- beuten versucht, dah jede szenische Wiedergabe ber dramatischen Dichtung den Regisseur vor erhebliche Schwierigkeiten stellt. Eine bedeu­tende Erschwerung ist von vornherein überall ba gegeben, wo man, wie bei uns, auf dre raschen Derwandlungsmöglichkeiten der Dreh­bühne verzichten muh. Unter diesem Gesichts- vankt darf man die gestrige Aufführung, dre von Hofrat Steingoetter inszeniert war, als geschickt und in allen Teilen gelungen, rm ganzen a.!s eine der abgerundetsten Darbietungen dieser Saison bezeichnen.

Das Werk weist im Originaltext einen Der­artigen, oft rasch aufeinanderfolgenden Szenen­wechsel auf, dah man sich in jedem Falle zu Kürzungen entschließen muh, zumal wenn man auf die außerordentlich stimmunggebende Rah­mung und Untermalung durch die Suite von Tri eg nicht verzichten will, die ja fast überall fester Bestand und mitspielendes Element der Dichtung geworden ist. Welche Szenen man streichen will, um die Spieldauer nicht ungebühr­lich anwachsen zu lassen und die Aufnahmefähig­keit nicht übermäßig zu belasten, wird stets mehr oder minder der individuellen Auffassung des Spielleiters überlassen bleiben müssen; wer, wie wir, die große Uebergangs- und Eingangsszene des vierten Aktes ungern vermißte, wird aller­dings sofort darüber im Zweifel sein, an welchen Stellen man solche Mehrbelastung batte ein- sparen können, ohne dem weitschichtigen Gefüge des Dramas Gewalt anzutun.

Im ganzen wird man also durchaus mit der gestern gebotenen Regiearbeit einverstanden sein

Partei. Diese ging bei ihren Verhandlungen von der Annahme aus, dah das Zentrum das Innenministerium Preisgeben und alle anderen Forderungen annehmen werde. In diese politischen Erörterungen fiel am 17. Dezember die Ent­scheidung des Staatsgerichtshofs für das Deut­sche Reich über die hessischen Wahlen, die dahin lautete, daß das hessische Landtagswahlgeseh gegen die Reichsverfassung Verstöße. Die Partei- Verhandlungen gingen jedoch zunächst weiter, und die Deutsche Dolkspartei erstrebte vorerst die Große Koalition an, dann als diese nicht zu erreichen war die Kleine Koalition. Am 28. Dezember war der Stand der Verhand­lungen so, dah die Deutsche Volkspartei be­reit war, die Forderungen der Sozialdemokratie, die von dieser als Mindestforderungen bezeichnet wurden, anzunehmen, auch das Zentrum stellte sich auf diesen Boden. Die Sozialdemokratie konnte sich daher den Partner für die Bildung einer Regierungskoalition wählen, indessen in einer Fraktionssitzung am 29. Dezember konnte sie zu keinem Entschluß kommen. Am 5. Januar trat die Fraktion wieder zusammen und be­schloß die Entscheidung bis nach dem UrteilS- spruch des hessischen Staatsgerichtshofs über die Gültigkeit der Landtagswahlen zu vertagen; aber schon wenige Tage darauf regte die Presse an, die Verhandlungen wieder aufzunehmen. Am 17. Januar beschloß die soz. Fraktion demge- mäh, weil inzwischen der 31. Januar als Termin der Sitzung des Staatsgerichtshofs bekannt ge­worden war. Die Besprechungen wurden fort­gesetzt; am 20. Januar fanden solche zwischen der Sozialdemokratie und dem Zentrum und am 23. Januar zwischen der Sozialdemokratie und der Deutschen Volkspartei sowie zwischen der Sozialdemokratie und den Demokraten statt. Zu einer Entscheidung kam man nicht, da, wie es wiederum hieß, das Urteil des StaatSgerichts- hoss abgewartet werden sollte. Run fand aber schon am 27. Januar eine Besprechung der so­zialdemokratischen Fraktion statt, von der man allgemein erwartete, dah sie die Entscheidung bringen würde; indessen ging auch sie aus, ohne daß eine Einigung innerhalb der Sozial­demokratie erzielt werden konnte. Man beschloß noch einmal mit dem Landesausschuß in Frank­furt zusammen zu kommen und die Angelegenheit wegen der weitreichenden Folgen zu besprechen. Diese Zusammenkunft fand am Sonntag statt, wo gegen eine nicht unerhebliche Minderheit beschlossen wurde, die Weimarer Koali­tion, wie sie bisher in Hessen bestand, auf­recht zu erhalten.

Betrachtet man das Ergebnis der Verhand­lungen während der ganzen Krise, so wird man zugestehen müssen, daß die Sozialdemokratie nicht ungeschickt operiert hat, jedenfalls viel geschickter als bei früheren ähnlichen Anlässen. Diesmal hatte sie es ganz in der Hand, sich die Koali­tionsgenossen zu wählen; nut innere Hemmungen haben sie ausgehalten, sich bald zu entscheiden. Wären die bürgerlichen Parteien einig gewesen, so hatte in Hessen die Große Koalitton ins Leben treten können. Es ist die Schuld des Zentrums, daß diese Gelegenheit verpaßt worden ist; dadurch erst ist die So­zialdemokratie Herr der Lage geworden und hat dann durch die Verhandlungen dem Zen­trum das Innenministerium abgenommen, die Demokratisierung zugestanden erhalten und schließlich noch das Schulwesen ganz in seine Hand tetommcn. Das Zentrum hat vor allem das Innenministerium verloren und seine kul­turpolitischen Forderungen nicht erreicht. In den letzten Verhandlungen hat es, um nur in die Koalition zu kommen, überhaupt alle For­derungen fallen gelassen. Auf jeden Fall ist der Einfluß des Zentrums in der künftigen Regierung sehr viel schwächer als früher. Die Fraktion der Deutschen Volkspartei, die ebenfalls an den Verhandlungen beteiligt war, sah sich einer sehr schwierigen Situation gegen­über; sie hat wenig Politik aus eigenem Willen machen können, aber auch keine Zugeständnisse gemacht die sie nicht vor ihren Parteiange­hörigen verantworten konnte.

Rheinhessen.

WSR. Worms, 31. Jan. Rach einem Maskenball in Riederflörsheim ent­stand zwischen einigen jungen Burschen Streit. Es kam zu einer Messerstecherei, wobei ein junger Mann aus Zell durch einen Schlag auf den Kopf und einen Messerstich in das linke Schulterblatt schwer verletzt wurde. Als der Vater des Täters von der Sache er­fuhr, erlitt er einen Herzschlag, der seinen Tod herbeiführte.

dürfen, die in allen Teilen eine sorgfältige Probenoorbereitung erkennen ließ und vor allem im ersten, dritten und vierten Akt Szeiien von erfreulicher Geschlossenheit und Stim­mungsdichte zustandebrachte. Besonders eindring­lich wirkten die BilderAses Tod",Anitras Zelt" und die Irrenhausszene, die, schwierig zu spielen und leicht entgleisend, sehr Dortr.l- hast mit dem Bilde »Vor der Sphinx" verbunden wurde.

Den Peer Gynt hatte man Tannert ge­geben, der sich der großen Ausgabe durchaus gewachsen zeigte und mit dieser Rolle die weit­aus beste Leistung bot, die wir seit langem von ihm gesehen haben; er trug die erdrückend umsangreiche Partie mit geistiger Beherrschung unö der so sehr gebotenen inneren Wandlungs­fähigkeit, mit klug bemessener Einteilung und abgewogener Steigerung untadelig durch alle fünf Akte.

Auch sonst sah man in der starken Besetzung eine ganze Reihe anerkennenswerter Gestaltun­gen, die hier nicht alle im einzelnen gewürdigt werden können. Sehr rührend in ihrer Karg­heit und einer durch alle Strenge und viele Zweifel immer wieder durchbrechenden Mütter­lichkeit die alte Aase der Luise Jüngling; schlicht und innig die Solveig der Susans Heym; eine braune Bajadere, leidenschaftlich hingegeben an die rassige Rhythmik ihres Tanzes, oberflächlich, schmeichlerisch und falsch: die Anitra der K r a h m e r. Ganz scharf pro­filiert, gut gesprochen und beweglich gespieltt Bastes Tollhausdirektor Degrisfenseldt; auch Goll, Gesfers, Scherer und Dolck in größeren Chargen seien nicht vergessen. Sehr gut war die szenische Ausstattung der Herren Löffler und Keim.

Die Gießener Biehmärkie.

Im ganzen Kalenderjahre 1926 muhten be­kanntlich die Rinder- und Schweine­märkte in Gießen infolge der Maul- und Klauenseuche ausfallen. Diese Suspendierung der Gießener Markte ließ in manchen Kreisen unserer Bürgerschaft ernste Sorgen um den gedeihlichen Fortbestand der Markt-Einrichtung aufkommen. Daß diese Besorgnisse überflüssig waren, zeigt die Entwicklung unserer Märkte im verflossenen Jahre 1927, die auf dem Rindermarkt wie folgt war:

Datum:

Großvieh

Kälber

Insgesamt

Mai

3.

265

64

329

10.

462

83

545

24.

683

186

869

Juni

14.

682

244

926

28.

674

266

940

Juli

12.

776

320

1096

26.

620

424

1044

August

9.

770

431

1201

23.

803

395

1198

September

6.

893

412

1305

20.

786

394

1180

Oktober

4.

885

432

1317

25.

865

307

1172

November

8.

803

309

1112

22.

593

256

849

Dezember

6.

634

277

911

20.

473

213

686

11667

5013

16680

Der Schweinemarkt wies im Jahre 1927 einen Auftrieb von 2091 Stück auf, der Pferde­markt einen solchen von 727 Stück.

Im Vergleich zu 1925 weisen die Ziffern des Vorjahres eine erhebliche Steige­rung des Gesamt-Jahresauftriebes aus, obwohl im Jahre 1925 die Märkte bereits im Januar stattfanden, im vorigen Jahre sie nach 16 Monate währender Sperre aber erst im M a i (Pferbemarkt allerdings schon am 30. März) wieder begannen. 1925 wurden auf dem Rinbermarkt auf getrieben: 12 489 Stück Großvieh (1927: 11 667), 2193 Kälber (1927: 5013), Gesamtauftrieb: 14 682 (1927: 16680) Stück. Auf dem Schweinemarkt standen 1925 insgesamt 1803 (1927: 2091) Tiere zum Ver­kauf, auf dem Pferde markt 905 (1927: 727). Die stete erfreuliche Aufwärtsentwicklung der Gesamtlaae unserer Märkte nach der Zwangswirtschaft mögen auch noch folgende Ziffern belegen: Auftrieb im Jahre 1923 : 5675 Rinder, 932 Schweine, 233 Pferde; 1924: 8249 Rinder und Kälber, 1684 Schweine und Ferkel, 547 Pferde.

Zwar haben wir mit der jüngsten Entwicklung unserer Märkte den Vorkriegsstand noch nicht wieder erreicht, aber wir sind doch auf dem besten Wege zu diesem Ziele. 1913 waren auf dem Rindermarkt 28 388, aus dem Schweine­markt 3894, auf dem Pferdemarkt 477 Tiere aufgetrieben, im Jahre 1914 waren es bis zum 7. Juli 17 724 Rinder, bis 18. Rovember 3881 Schweine, bis 16. September 481 Pferde.

Sehr bemerkenswert ist in diesem Zusammen­hang auch ein Blick auf die Auftriebsziffern anderer großer Rindermärkte im Jahre 1927, wobei wir dieselbe Zeitspanne zugrunde legen, wie sie für die Gießener Rindermärkte im Jahre 1927 (ab Anfang Mai bis Ende Dezember) ge­geben war. Es wurden danach aufgetrieben in Leer (Ostfriesland) 26 257, Dortmund 25 220, Berlin-Friedricks elde 17 846, Gießen 6 8), Osnabrück 12 676, Wittenberge 115 2 Schwein­furt 9538, Oldenburg 8475, Kirchhain (Bez. Kas­sel) 3280, Mainz 1642, Bamberg 2540, Koblenz 2360.

Diese Ziffern legen eindrucksvoll Zeugnis ab für die große Bedeutung der Gießener Vieh­märkte. Gießen unter den Rindermärkten westlich von Berlin an vierter Stelle, das verheißt gute Entfaltungsmöglichkeiten für die Zukunft. Dazu sind allerdings auch Förderung^maßnahmen not­wendig, damit den Wünschen der Viehhändler nach neuzeitlichen Marktverhaltni'sen endlich ent­sprochen werden kann Erforderlich ist nun die alsbaldige Schaffung des Viehhoies, der ja im Vorjahre schon von den Stadtverordneten beschlossen wurde. Daß eine solche Anlage ren- tierlich arbeiten, d. h. mindestens sich selber tragen, vielleicht auch noch einen gewissen Heber- schuß erbringen wird, kann man wohl als er­wiesen ansehen. Die Finanzierung dieses Pro» -kts dürste auch nicht unmöglich sein, da für diese Sache als einer werbenden Anlage eie Kapitalaufnahme auf dem ausländischen Geldmarkt bisher noch möglich ist. Die Stadt­verwaltung möge also nicht mehr länger zögern,

unserem Gemeinwesen nun bald auch dieses Mit­tel zur wirksameren Ausgestaltung der Diehmärkte und damit zur weiteren Befruchtung unserer heimischen Wirtschaft an die Hand zu gehen. Hier stehen außerordentliche wichtige Belange für unsere Stadt und ihre Ge­schäftswelt auf dem Spiele, denen gegenüber die zur Entscheidung berufenen Stellen nicht versagen dürfen.

Aus der proviuzialhaupifiadt.

Gießen, den 1. Februar 1928.

Verbesserungen

in der Kriegsopfer-Fürsorge.

Vom Reichsbund der Kriegsbeschä­digten und Hinterbliebenen wird uns geschrieben:

Die 5. Rovelle zum Reichsversorgungsgeseh bringt verschiedene ^Teuerungen, welche an bestimmte Fristen gebunden sind, um rück­wirkende Kraft zu erlangen. An Stelle von Elternrenten, welche nach den seit­herigen Bestimmungen wegen Verneinung der Ernährerschaft abgelehnt wurden, kann jetzt eine Elternbeihilfe nach § 45 Absatz 4 gewährt werden, wenn der Verstorbene mindestens ein Drittel zum Unterhalt der Familie beigetragen hat. Die Beihilfe beträgt zwei Drittel der Eltern- renle, einschließlich der Zusatzrente. Wenn der Antrag bis zum 31. März 1 9 28 bei dem Dersorgungsamt gestellt ist, wird diese rück­wirkend vom 1. Oktober 1927 gezahlt.

Die Dersehrtheitsrente nach § 25 Ab­satz 3 R. V.°Geseh ist zugunsten der Be­schädigten geändert worden, so dah viele, die seither mit 20 Prozent abgesunden wurden, jetzt eine Rente von 30 Prozent erhalten können, auch wenn keine Verschlimmerung nachgewiesen ist. Der Antrag, der bis zum 31. März 1 9 2 8 an das Versorgungsamt gestellt wird, erhält rückwirkende Kraft bis zum 1. Oktober 1927. Später gestellte Anträge haben nur vom Antragsmonat ab Geltung.

Vom 1. Januar 1928 an ist Versorgungs­krankengeld und Versorgungshaus­geld nach den neuen Rentensätzen zu berechnen. Soweit feit 1. Oktober 1927 Versorgungskranken­geld und Versorgungshausgeld gezahlt wurden, wird der Ausgleich zwischen den allen und den neuen Sähen nur cuf Antrag gewährt. Der Antrag ist unverzüglich an das Der- sorgungsamt zu stellen.

Soweit durch Zahlung der bisherigen Son­derzuschläge seit 1. Oktober 1927 Betrage Überhoben sind, können sie bis einschließlich Ja­nuar 1928 in Ausgabe verbleiben.

Stirbt ein Ren-enempfänger an einem Leiben, das als Folge einer Dienstbeschädigung aner­kannt war und für das et bis zum Tode Remte! bezogen hat, so ist nunmehr immer das volle Sterbegeld zu gewähren. Die Prüfung, ob der Tod die Folge einer Dienstbeschädigung ist, findet also in diesem Falle nicht mehr statt.

Die hiernach erforderlichen Ausgleiche, sowie Rachzahlungen infolge Erhöhung der Sätze des Sterbegeldes erfolgen von Amts wegen. Sie sind nur zulässig, wenn der Tod seit dem 1. Ok­tober 1927 eingetreten ist.

Stirbt ein Rentenempfänger nach dem 30. Sep­tember 1927 an einem Leiden, das als Folge einer Dienstbeschädigung anerkannt war und für das er bis zum Tode Rente bezogen hat, so wird Hinterbliebenenren t c (Witwen­rente, Waisenrente, Elternrente) gewährt. Eine Prüfung, ob der Tod die Folge einer Dienst­beschädigung ist, findet also in diesem Falle nicht statt. Als Härteausgleich kann die Hin­terbliebenenrente von den Dersorgungs- ämtem auch dann gewährt werden, wenn der Tod an einem Leiden, das als Folge einer Dienst - beschädigung anerkannt war und für das der Verstorbene bis zum Tode Rente bezogen hat, vor dem 1. Oktober 1927 eingetreten ist, und zwar rückwirkend vom 1. Oktober 1927 ab, wenn der Antrag vor dem l.Aprll 1928 gestellt wird.

hr. Iungpfarrerkonserenz in Gie­ßen. Dieser Tage trafen sich die dienstlich verwendeten Psarramtskandida:en der Provinz Oberhessen zu ihrer Kon-erenz, die unter der Lei­tung des Superintendenten, Oberkirchenrats Wagner, Gießen, stand. Seiner einleitenden Andacht hatte Pfarrer 3 11 e r t, Sellnrod, das Prophetenwort (Ier. 1, Vers 7) zugrunde gelegt: Sage nicht: Ich bin zu jung, sondern du sollst gehen, wohin ich dich sende und predigen, was ich dich heiße." Das Hauptreferat erstattete Pfarrer Geis, Lollar, über die Jugendarbeits-

Das stark besuchte Haus dankte mit ver­dientem Beifall. Dr.Th.

Königin Luise".

Der zweite Teil des großen Terra-Filmwerkes Königin Luise", das zur Zeit im Licht­spielhaus in der Bahnhofstraße gegeben wird, erfüllt alle Erwartungen, die man nach dem Jugend-Vorspiel hegen durfte. Es zeigt die vollstümliche Gestalt der Königin auf der Höhe des Lebens, schildert ihre Flucht, den langen und schmerzensreichen Damaskusweg und ihr fried­volles Ende in der mecklenburgischen Heimat.

Die Regie des in bedeutenden Aufgaben erprob­ten Spielleiters Karl Grüne bewährt sich aufs neue in einer überall der Möglichkeiten und Grenzen bewußten Fähigkeit, historische Gegeben­heiten in glaubhafte Bilder aufzulösen, die inner­lich lebendig genug sind, eine filmgerechte Hand­lung selbständig und mit sparsamster Benutzung der fast immer unorganisch wirkenden Text­begleitung zu entwickeln und durchzuführen.

Die wichtigsten Stationen des zweiten Teils behandeln die politischen Verwicklungen des Jahres 1806, die unglückliche diplomatische Si- tuation am preußischen Hofe, den Einmarsch Rapoleons, den mit dem Tode Louis Ferdi­nands eingeleiteten schweren Zusammenbruch bei Jena, die an Sorgen, Leiden und Demütigungen überreiche Flucht der königlichen Familie nach Memel, die Zusammenkunft der drei Kaiser, die Unterhandlung Rapoleons mit Luise, den schwe­ren Friedensschluh, Heimkehr, Tod und Aus- flang mit dem Siege von Leipzig.

Mady C h r i st i a n s, die als Luise wiederum entzückend ausfieht, Wiemann (Friedrich Wil­helm III.), Schlettow (Louis Ferdinand),

Charles Danel (Rapoleon), die Sandrock (Oberhosmeisterin Voß) und Theodor Loos (Hardenberg) tragen schauspielerisch in erster Linie den großen Erfolg. -r-

Bassennann-Gastspiel in Darmstadt.

Rach jahrelanger Pause gastierte Albert Bassermann wieder im Hessischen Landestheater in Darmstadt, und zwar mit Jules Romains SchauspielDer Dikta- t o r". Der literarische Wert dieses Dramas ist nicht gerade hoch einzuschähen, es stellt, ohne politische Tendenzen hervorzukehren, die inner­liche Umwandlung eines Menschen mit sozialisti­scher und revolutionärer Denkweise zu einer aristokratischen und autokratischen Lebensauf­fassung dar. Es ist ein Stück, dessen Wirkung sich weniger auf die äußere Handlung als auf Weltanschauungskämpfe gründet. Man erlebt hier wieder die Erfahrung,' dah bedeutende Schau­spieler auf ihren Gastspielen mit Vorliebe in dramatischen Schöpfungen auftreten, die keines­wegs von Bedeutung sind, dafür aber Rollen bieten, die ihrer schauspielerischen Eigenart ent­gegenkommen. Auch dieses Stück hatte durch die Persönlichkeit Bassermanns und dessen schaulpiele- rische Leistungen erst ein Bühnenleben erhalten, das die Zuhörerschaft zu fesseln vermochte. Bassermanns stattliche, schlanke Erscheinung war wie geschaffen für den Titelhelden der Haupt­vorzug seines Austretens war aber die Ratür- lichkeit des Spiels, war die Kunst, das Publikum so in seinen Dann zu ziehen, daß die Bühne versank und sich alles als inneres Erlebnis oder Mitcrleben darstellte. So blieb es denn nicht aus, dah ihn die Zuhörerschaft begeistert feierte.