Aus -er Provinzialhauptstadt.
Diehen, den 1. Februar 1928.
Oie rote Karbe.
Meine Frau liebt die rote Farbe, nur die nicht, die den Stühlen bei jener Veranstaltung eine neue und festliche Kleidung hatten geben sollen. Die haht sie! Es ist nicht das Rot, sondern die Anhänglichkeit der roten Farbe.
Kamen wir da an dem betreffenden Abend an unsere numerierten Plätze und freuten uns über die Stabilität der Stühle, d. h. ich freute mich; meine Frau aber sah mißtrauisch nach der frischen, roten Farbe. Wohl oder übel muhten wir auf unserer Rümmer Platz nehmen und... „sahen da so feste, als ob wir angewachsen wär'n!" Doch dies bemerkten wir erst später.
Wären wir doch auch so flug gewesen, wie jene ganz Schlauen, die wußten, daß Zeitungspapier plus frische Farbe = 1 ist, d. h. daß beide eine nie zu lösende Einigkeit bilden. Ja, dann... Bekanntlich wird unsereins erst schlau, wenn es zu spät ist, und dann ist man immer der Dumme, diesmal auch noch der Angeschmierte. Jene aber haben sich riesig gefreut, als sie nachher ihre Stühle tapeziert sahen und nicht, wie wir, die Tapezierten waren.
Meinen Tieberzieher konnte ich isolierbandmäßig vom Stuhl rollen. Sah der aus! Trotzdem gefiel er mit; ich hätte ihn ruhig noch tragen können, wenn er nur überall so gemustert gewesen wäre.
Und nun kommt das Schlimmste: Die rote Farbe ist auch an dem Kleide meiner Gattin hängen geblieben. Ja, jetzt will und muß sie absolut ein neues Kleid haben. (Im Vertrauen: Verschiedene Damen — hörte ich nachher sagen — hätten es lebhaft bedauert, daß sie nicht auch numerierte Plätze hatten!)
Seit dieser Zeit hasse auch ich die rote Farbe. Lind nun haben wir beschlossen, niemals mehr dahin zu gehen, wo rote Stühle in Gebrauch find. Wir werden jetzt stets die braune Farbe bevorzugen; denn diese sieht immer alt aus und ist deshalb vielleicht weniger anhänglich.
H. V.
Daten für Donnerstag, 2. Februar.
Sonnenaufgang 7.36 Uhr, Sonnenuntergang 16.50 Uhr — Mondaufgang 12.58 Uhr, Monduntergang 6.12 Uhr.
962: Otto 1. wird zum Kaiser gekrönt (Beginn des Heiligen Römischen Reiches deutscher Ration); 1149: der Dichter Wilhelm Jordan in Insterburg geboren (gestorben 1904); 1829: der Naturforscher Alfred Brehm in Renthendorf geboren (gestorben 1884); 1846: der Maler Wilhelm Steinhaufen in Sorau geboren (gestorben 1924).
Bornotizen.
Tageskalender für Mittwoch. Stadttheater: 7.15 Uhr „Die Fledermaus" (Ende nach 10 Uhr). — Goethe-Bund: 8 Uhr, Reue Aula der Universität, Vortrag Wilhelm von Scholz. — Amt für politische Bildung der Gießener Studentenschaft: 8.30 Tlhr, Großer Hörsaal der Universität, öffentlicher Vortrag. — V. f. D.: 8 Uhr, Vereinsheim, Jugendversammlung. — Konsum-Verein: 8 Uhr, Palast - Lichtspiele, Filmvorträge. — Lichtspielhaus Bahnhofstraße: „Königin Luise". - Astoria-Lichtspiele: „Der Chinesenpapagei".
*• D i e Polizeistunde in der Fast- nachtzeit. DaS Polizeiamt teilt mit: Die Polizeistunde wird an den vor Fastnacht liegenden Samstagen und an den eigentlichen Fastnachtstagen — von Samstag, 18. bis Dienstag. 21. Februar 1928 — b i s 6 Uhr vormittags allgemein verlängert. Für Konzert- und Tanzveranstaltungen gelten die auf den jeweils besonders zu lösenden Erlaubnisscheinen festgesetzten Schlußstunden.
• Die Derkeh rsbeschwe rben der Eeltersweg-Bewohner dürften Wohl in nächster Zeit behoben werden. Wie Beigeordneter Dr. Hamm gestern abend in der Jahreshauptversammlung des Derkehrsvereins auf Anfrage mitteilte, hat das Polizeiamt Gießen den Entwurf einer neuen Derkehrsordnung für unsere Stadt der Stadtverwaltung zur gutachtlichen Aeußerung zugestellt. Die Stadtverwaltung, die ja nicht von sich aus maßgebend die Verkehrsregelung bestimmen könne, werde baldmöglichst mit den anderen berufenen Instanzen Stellung
zu diesem neuen Entwurf nehmen. Wir möchten I schen der SelterSweg-Vewohner in vollem Aus- hier noch einmal der Erwartung Ausdruck geben, maße Rechnung trägt.
daß man bei der kommenden Reuregelung den *• Beförderung bei der Reichsbahn, letzthin erst wieder geäußerten berechtigten Wün« | Der Vorstand des Reichsbahn-Maschinenamts
Gießener Verkehrsverein.
Die Lahres-Hauptversammlung.
Unter der Leitung seines 1. Vorsitzenden, Stadto. Schmieder, hielt der Verkehrs-Verein Gießen gestern abend im Postkeller seine diesjährige Jahres-Hauptversammlung ab. Die Versammlung war sehr gut besucht, ein Beweis dafür, daß das Interesse an diesem gemeinnützigen Verein in weiten Kreisen der Bürgerschaft erfreulich rege ist. Der Vorsitzende forderte im Anschluß an seine Begrüßungsworte auf, den Verein immer kräftig zu unterstützen. Im verflossenen Geschäftsjahr 1927 wurden 53 Mitglieder neu ausgenommen, 18 erklärten ihren Austritt, der Reinzuwachs beziffert sich also auf 35 Mitglieder. Insgesamt gehören gegenwärtig 386 Personen und Körperschaften dem Verein an. Im
Täsigkeitsbericht über das abgelaufene Geschäftsjahr betonte der Vorsitzende Schmieder, daß das verflossene Geschäftsjahr sehr arbeitsreich war. Es fan- oen 8 Sitzungen des engeren Vorstandes, 10 Sitzungen des Vorstandes mit dem Gesamtausschuß, außerdem aber für die in der engeren Vereinsleitung stehenden Männer noch eine sehr große Anzahl von Besprechungen statt, die die Arbeitskraft dieser Herren viel in Anspruch nahmen. Der Redner forderte auf, nicht nur den Vorstandsmitgliedern die Anregungen zu oerkehrskördern- den Beran st altun gen zu überlassen, sondern auch aus der Bürgerschaft Wünsche und Anregungen zu diesem Zwecke an den Vorstand gelangen zu lassen. U. a. beschäftigte sich der Vorsitzende mit dem Blumenschmuck - Wettbewerb, der im vorigen Jahre eine befriedigende Beteiligung hatte, aber immer noch gesteigert werden kann. Die an diesem Wettbewerb interessierten Bürger müssen sich auch künftig im Bureau des Vereins im Torhaus am Selterstor melden, damit sie bei der Bewertung ihres Blumenschmlickes berücksichtigt werden können. Der Photo-Wettbewerb habe dem Verein zwar vielerlei gutes Material erbracht, jedoch seien einige dringend erwünschte gute Aufnahmen, insbesondere eine schöne Gesamtansicht unserer Stadt, bei diesem Ergebnis des seinerzeitigen Preisausschreibens nicht erlangt worden. Von der geplanten Herausgabe eines Führers durch Oberhessen habe der Verein abgesehen, da diese Ausgabe von dem Verkehrsbund Oberhessen übernommen wurde und gegenwärtig in der Durchführung begriffen sei. In Kürze werde der Verein aber einen Stadtplan herausbringen, der zur Zeit bearbeitetwerde. Ein reger A d r e ß o u ch - Austausch mit zahlreichen anderen Städten setze den Verein in den Stand, Auskünfte in weitem Maße erteilen zu können. In einem Deutschland- Führer, der in Amerika vorbereitet werde, sei auch die Stadt Gießen mit einer angemessenen Beschreibung vertreten. Die im kommenden Sommer in Deutschland erwarteten Besucher aus Amerika sollen bei ihrer Rundreise über Gießen geleitet werden. Die Wochenendbe- strebungen habe der Verein immer unterstützt. ebenso habe er sich für die Wiederaufnahme unserer Diehmärkte tatkräftig eingesetzt. Mehr als bisher sei aber noch seitens der Stadt für die Anbringung von Orten* tierungstafeln zu tun. Auch die Verschönerung unseres Stadtbildes durch Verbesserung der gärtnerischen Anlagen habe sich der Verein immer angelegen s?in lassen. Energisch befürwortet habe er auch die Verbilligung der Elektrizität für Reklamezwecke, die in Kürze kommen werde. Oberbürgermeister Dr. Keller und Deigeord- neter Dr. Hamm hätten sich gegenüber den Bestrebungen des Vereins immer außerordentlich wohlwollend und entgegenkommend gezeigt und alles im Bereiche ihrer Möglichkeiten getan, um die Sache des Vereins zu fördern. Diesen Herren gebühre öffentlicher Dank, weiterhin sei aber auch dem Stadtparlament zu danken, da es immer die erforderlichen Mittel zur Verfügung gestellt habe. Den unhaltbaren Verhältnissen im Bahnhofsgebäude habe der Vorstand gleichfalls feine andauernde
Aufmerksamkeit gewidmet, wenn hier aber noch nicht alle Wünsche erfüllt feien, so liege das an der unverständlichen Haltung der Reichsbahnverwaltung. Die Inanspruchnahme des Verkehrsbüros im Torhaus am Seltersweg sei auch im verflossenen Geschäftsjahre außerordentlich rege gewesen. Zum Schlüsse bat der Redner alle Kreise der Bürgerschaft, die gemeinnützige Arbeit des Vereins in tatkräftigster Weise zu unterstützen zum Wohle unserer Stadt.
Der Kassenbericht des Vereinsrechners
Kaufmann Loeb, verzeichnet im Geschäftsjahr 1927 einen Tlmsatz von 9793,47 Mk., gegenüber 7997,98 Mk. im Jahre vorher. Die Einnahmen aus Mitgliederbeiträgen beliefen sich im Jahre 1927 auf 1524 Mk., aus Zuschüssen der Stadt und korporativer Mitglieder aus 3070 Mark, aus Einnahmen im Bureau und vom Derkehrsbund Oberhessen 435,30 Mk.. insgesamt also auf 5 0 29.3 0 Mk. Die Ausgaben setzten sich zusammen aus 2215 Mk. für Zwecke der Dertehrswerbung. 1950 Mk. für Gehälter. 759 Mk. für Bureaukosten, Material, Porti usw. 105,30 Mk., für Telephon, insgesamt also 5029,30 Mk. Einnahmen und Ausgaben decken sich also. Das V e r e i n s v e r m ö g e n beziffert sich auf rund 1159 Mark. Dem Rechner wurde mit Anerkennung für seine verdienstvolle Tätigkeit Entlastung erteilt. Bei diesem Punkte wurde mit Rachdruck hervorgehoben, daß der Verein auch weiterhin unbedingt auf namhafte Zuschüsse der Stadt rechnen muh, wenn er seinen Aufgaben gerecht werden soll. — Bei der
Neuwahl des Ausschusses,
der aus seiner Mitte den geschäftsführenden Vorstand bestimmt, wurden folgende Herren einstimmig gewählt: Stadtv. Schwieder, Kaufmann Frensdorf, Verwaltungsfekretär Maus, Kaufmann Loeb, Redakteur Blum- schein. Beigeordneter Dr. Ham in. Hotelbesitzer Schwab, Bäckermeister H o e 11 e r s für die Bäckerinnung, Mehgermeister Louis Vogt für die Mehgerinnung, Syndikus Dr. Zeidler für die Industrie- und Handelskammer Gießen, Kaufmann W e i d i g für die Sektion Gießen des Verbandes reisender Kaufleute. Kraftomnibus- besiher Schneider (Kaiserallee) als Vertreter der Kraftomnibusbeützer-Vereinigung. Ferner gehören dem Ausschuß noch an: Kaufmann Röhr als Vertreter der Handelskammer, Kaufmann W. Horn als Vertreter des Gießener Einzelhandels, Direktor S t o 11 e als Vertreter des Städt. Elektrizitätswerkes.
Rach kurzer Aussprache wurde einstimmig eine
Erhöhung des Milgliedsbeitrages
von 4 Mk. auf 6 Mk. jährlich beschlossen. Sämtliche Redner brachten zum Ausdruck, daß angesichts der vortrefflichen Arbeit des Vereins ein noch höherer Jahresbeitrag an sich gerechtfertigt sei, daß man aber mit dem Vorstände des Vereins übereinstimme in der Meinung, die Erhöhung nicht allzu stark vorzunehmen, damit dem einzelnen nicht allzuviel zu- gemutet werde. Einmütigkeit herrschte auch in der Dichtung, daß man diesen Jahresbeitrag von 6 Mk., also monatlich nur 50 P f., für durchaus tragbar holte. Insbesondere müßten alle Kreise unserer Geschäftswelt anerkennen, daß sie mit 50 Pf. Beitrag im Monat für die Derkehrswerbearbeit noch sehr mäßiges an Opfern auf sich nehmen, und der Vorteil aus der Verkehrswerbung diesen geringen Betrag weithin überwiege.
Anschließend entspann sich nun eine sehr interessante Aussprache über die verschiedensten kommunalen Angelegenheiten, die sich bis weit nach Mitternacht hinzog. Lieber diese Erörterung werden wir morgen näher berichten.
Gießen, Regierungsbaurat Zwilling, wurde zum Oberbaurat befördert.
'* Personalien. Ernannt wurden: der prov. Fachlehrer an der gewerblichen Abteilung der Fortbildungsschule zu Alsfeld und Mm- gegend Franz Seyf f arth zum Fachlehrer an dieser Schule; die Lehrer Wilhelm Göbel zu Bischofsheim, Kreis Groß-Gerau, Heinrich Jäger zu Schotten und Hermann W ö r n e r zu Wallerstädten. Kreis Groß-Gerau, zu Lehrern an der Volksschule zu Gießen; die Vermessungspraktikanten Karl Back aus Lollar und Philipp Lipp aus Weiterstadt vom 1. Februar 1928 ab zu überplanmäßigen Vermessungssekretären mit der Amtsbezeichnung „Obemcrmef-
GMslS-kWskWWWW erfordern stets eine sorgfältige Textgebung und Satzausstattung. Gute Satzleistungen sind nur erreichbar, wenn die Anzeigen W« genug anfgegeüen werden. Der Annahmeschluh für alle Anzeigen im Gießener Anzeiger entfällt auf den Nachmittag vor der Ausnahme. Empfehlungsanzeigen müßen, je nach Umfang und Satz schwierigkeiten, zwei bis drei Tage vorher bestellt sein. Nur mit Sorgfalt und dem notwendigen Zeitaufwand gefetzte Empfehlungen
Mel» Sen ernjönfflten Wlg!
sungsfekretär". — In den Ruhestand versetzt wurde: der Kreisschulrat Georg Huss zu Alsfeld auf sein Rachsuchen, mit Wirkung vom 1. Februar 1928 an.
** Winterobst - Ausstellung Gießen. Die Anmeldungen laufen aus allen Teilen des Kreises und darüber hinaus zahlreicher ein als man erwartet hatte. Das seitherige milde Wetter dürste dem Transport des Obstes keine Schwierigkeiten bereiten. Wir können also — jetzt mitten im Winter — mit einer reich beschickten Ausstellung rechnen. Die auf den Herbst-Ausstellungen unansehnlich grünen Früchte strahlen jetzt in den lebhaftesten Farben, und da nichts versäumt worden ist, um das Nützliche mit dem Schönen zu verbinden, auch die Früchte an sich schon schön sind, und der gewählte Ausstellungsraum der weitaus hellste und freundlichste der Stadt ist, so dürfte die Ausstellung / einem besonderen Ereignis in unserer Stadt werde
** Städtische Brennholzver steige r u n g. Bei der gestrigen Drennholzversteigerung im Gießener Stadtwald, oberhalb der Heil- und Pflegeanstalt, wurden im Durchschnitt folgende Preise pro Raummeter erzielt: Eichenscheiter 10 Mk., Kiesernscheiter 11 Mk., Fichtenscheiter 9.20 Mk.. Lärchenscheiter 13 Mk.. Kiefernknüppel 9 Mk., Cichenknuppel 8,80 Mk, Kiefernstöcke 8 Mk.. Kiefernreisig pro 100 Wellen 12 Mk.
Giarkenburg.
LPD. Darmstadt, 31. Jan. Dr. Vieh - mann, der volkswirtschaftliche Referent der Landwirtschaftskammer für Hessen, ist in feinem Arbeitszimmer auf der Landwirtschaftskammer einem Herzschlage erlegen. Er stand erst im 35. Lebensjahre und erfreute sich allgemeiner Beliebtheit.
Berliner Börse.
Berlin, 1. Febr. (WTB. Funkspruch.) Im heutigen Frühverkehr hat sich im Grunde wenig geändert. Es werden die letzten Frankfurter Abendkurse gesprochen, ohne daß von einem Geschäft die Rede sein kann. Man nennt I.-G.-Farben mit 261,5, Siemens 281 und AEG. 164 bis 164,5. Am Devisenmarkt hört man Paris gegen London mit 124,01, Mailand 92, Madrid 28,66, London gegen Kabel 4,8713, die Reichsmark gegen Kabel 4,19725.
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