anderen Worten geschilderten Grundsätzen englischer Außenpolitik.
Natürlich ist der Polein LonNvn nicht populär. Er ist fast so unpopulär wie der Franzose: aber für die Beurteilung der politischen Lage ergeben sich daraus keinerlei Folgerungen. Diese leiten wir sehr viel zweckmäßiger aus der auch heute noch zu Recht bestehenden pazifistischen Grundlage der gesamten Außenpolitik Englands her, die man uns bis zum Ueberbruh gepredigt hat. England ist ein Handelsstaat: das Mutterland, das Zen- trum eines kleinen Völkerbundes. Seine Aufgabe besteht darin, den Frieden zu erhalten, um Handel und Wandel zu fördern.
Konkret ausgedrückt hat Chamberlain in Genf den polnischen Vertreter Sokal nur auf die vom Grafen Skrzynski gelegte politische Basis^ des gegenseitigen Verhältnisses der beiden Länder verwiesen. Vergleicht man aber den überraschenden Aufstieg an Geltung und Ansehen, den Polen z der Politik Skrzynskis verdankt, dann ist die jetzt in Geirf erfolgte Zurechtweisung nur als Ausdruck des Bedürfnisses zu werten, diese glückliche Entwicklung des englisch-polnischen Verhältnisses nicht etwa an dem „kontinentalen" Bedürfnis nach f »genannt en klaren Verhältnissen scheitern zu lassen. In Deutschland scheinen allmählich die Merkmale souveräner Außenpolitik langsam in Vergessenheit zu geraten.
Weit wichtiger als dieser in Deutschland ungebührlich aufgebauschte polnisch-englische Zwischenfall ist die Auseinandersetzung zwischen 11 Rjarn und Rumänien gewesen. Chamberlains Haltung in diesem Streite hat in London eine ausgesprochen schlechte Presse gehabt. Auch der englische Rechtssachverständige Hurst wird angegriffen. Chamberlains Standpunkt, sagt ein führendes konservatives Blatt, wäre nichts anderes als die Legalisierung b o l s ch e - wistischer Theorien. Entschädigungslose Beschlagnahme wäre Bolschewismus. Ist es aber da nicht seltsam, daß die entsprechende Politik Polens in England nie kritisiert worden ist? Spricht das für einen englisch-polnischen Gegensatz? Ja, ist nicht die kritisierte Haltung Chamberlains in der rumänischen Frage geradezu als ein V e r t r a u e n s v o t um für die polnische Enteignungspolitik zu bewerten?
Diese Zusammenhänge scheint man in Deutschland nicht beachtet zu haben. In London werden sie selbstverständlich auch nicht gesehen. Immerhin sind sie innenpolitisch nicht uninteressant. Sie ergeben wieder einen Anlaß, sich mit der Frage der Stellung Chamberlains in der englischen Gesamtpolitik zu beschäftigen. Wenn wir eine Charakteristik des Wesens der englischen Außenpolitik versucht haben, so geschah es deswegen, weil wir nunmehr zeigen können, was dem Engländer an seinem Außenminister nicht gefällt. Es ist das nämlich seine Unbeholfenheit in politischen Formulierungen. Sir Austen beherrscht den politischen Stil seines Landes, aber nicht seinen wesentlichen Inhalt. Ihm fehlt die innerliche Ueberlegsnheit. Er steht i n der Politik statt über der Politik. In entscheidenden Augenblicken fehlt ihm jene genialische Unbekümmertheit, der Witz, die Intuition, um immer die Formel zu finden, welche dem gänzlich undefinierbaren politischen Instinkt des Engländers entspräche. Er sagt zwar nie etwas unbedingt Falsches; aber er haut dennoch daneben. Daß man diese Unzufriedenheit heute offen ausspricht, muß auch als Symptom bewertet werden. Wir wollen es konstatieren, weil es der Gepflogenheit der englischen Presse entspricht, in allen wesentlichen Dingen, besonders aber in Völkerbundsfragen, mit dem Außenminister durch dick und dünn zu gehen. Kritik bleibt ihm natür- . lich nicht erspart, aber doch nicht in jener Form, die international peinlich werden könnte.
Kunst und Wissenschaft.
Deutsches Biographisches Jahrbuch für das Jahr 1921.
Nachdem die Herausgabe des von Anton Betteiheim begründeten Biographischen Jahrbuches vom Verband der deutschen Akademien übernommen worden ist, erschien vor anderthalb Jahren der erste Ueberleitungsvand, der die durch Krieg und Inflation entstandene Lücke für die Jahre 1914 bis 1916 füllte. Ein zweiter Ueberleitungsband, der bis zum Jahre 1920 führen wird, ist in Vorbereitung und wird noch in diesem Jahr erscheinen können. Mit dem jetzt angekündigten Band 1921 aum nuiimi
llmElfolgundMe.
Noman von Robert Misch.
Copyright by Carl Dunker, Berlin SW 62.
3. Fortsetzung. Nachdruck verboten.
An einem Winterabend — draußen hüllte frisch gefallener Schnee Dächer und Straßen in einen weißen Mantel — saßen Kommerzienrats beim Tee.
„Bin ganz zufrieden mit dem Jungen, der findet sich schon in der Welt zurecht. — Kummer macht mir nur diese Kleine, die den Jungens die Köpfe verdreht. Verteufelt hübsch ist sie ja, das Persönchen."
„Mein Gott, sie sind doch allesamt noch Kinder", warf Frau Anna ein.
„Aber im gefährlichen Alter."
„Ach was, ihr verdorbenen Männer seht da Dinge, die ... die noch gar nicht existieren. Zu Ostern will ich sie zu mir nehmen. Sie kann bei mir den Haushalt lernen und mich persönlich bedienen. Dazu" —
Sie brach erschrocken ab. Onkel Heinrich platzte laut heraus mit seinem brühenden Lachen. Wie hilfesuchend blickte Frau Anna auf ihren Mann. Aber der lächelte seinen Schwager mit einem Au- •gurenlärfjeln an.
„Was habt ihr denn, ihr beiden?" fragte sie ratlos. In ihren wasserblauen Augen stand ein großes Fragezeichen. — „Heutzutage, wo man froh sein muß, eine Vertrauensperson um sich zu haben, die man von Kindesbeinen an kennt, und die einem persönlich ergeben ist — noch dazu die Tochter so braver Eltern ..."
Der Kommerzienrat streichelte die Hand seiner Ehegefährtin.
„Liebes Kind, Heinrich hat recht: das hieße wirklich ... Willst du dem Jungen, der jetzt in die gewissen Jahre kommt, das gefährliche hübsche Ding tagtäglich vor die Nase setzen?! — Nein, meine Liebe, das mußt du dir aus dem Kopf schlagen."
„Ihr Männer — auf was für Gedanken ihr kommt! — Darauf kommt eine Frau gar nicht."
„Jedenfalls du nicht, meine gute Anna", lächelte
(Deutsches Biographisches Jahrbuch, Band 3. Das Jahr 1921. Herausgegeben vom Verbände der deutschen Akademien. Herausgeber Dr. Herrn. Christern. 325 Seiten Groß-Oktav, mit einem Porträt. Geheftet 12 Mark; in Seinen gebunden 15 Mark. Deutsche Verlags-Anstalt Stuttgart) wird die Reihe der regulären Jahresbände wieder aufgenommen. Das Werk ist für alle Bibliotheken, wie auch für jeden geistig Tätigen em unentbehrliches Nachschlagewerk und Hilfsmittel.
Oberhessen.
Landkreis Gietzen.
y Mainzlar, 27. Sept. Der Landhunger der Kriegs- und Inflationsjahve scheint auch bei uns gänzlich verschwunden zu fein. Bei einer am Samstag stattgehabten Grundstücksverpachtung wurde der Quadratmeter guten Landes mit 1 Pfennig bezahlt, während er in früheren Iahren 1,5 bis sogar 2 Pf. kostete. Es waren nur wenige Interessenten erschienen.
Q Lollar, 27. Sept. Eine öffentliche Gemeinderatssitzung fand am gestrigen Abend statt. Aus der Tagesordnung ist zu erwähnen: Es liegen zwei Baugesuche vor. Eisenbahnarbeiter Friedr. Fuchs will am Holzmühlenweg, Fortbildungsschullehrer Eberle, der vor einigen Monaten von Treis a. d. Lda. nach hier verseht wurde, auf dem Kirlen je ein Wohnhaus errichten. Für beide Geländeabschnitte bestanden bis jetzt keine Baufluchtlinien. Vom Kreisbauamt Gießen ausgearbeiteten Plänen wurde zugestimmt. Der Holzmühlenweg wird danach eine Breite von 10 Meter erhalten. — Eine längere Aussprache löste ein Schreiben des Turnvereins über den mangelhaften Zu st and des hiesigen Sportplatzes aus. Es wird um entsprechende Instandsetzung bei gleichzeitiger Anlegung einer 400 Meter langen Laufbahn um den Platz herum gebeten. Da die hierzu erforderlichen Geldmittel nicht zur Verfügung stehen, einigte man sich dahin, den Spietplah einschließlich der bereits an der einen Langseite vorhandenen Laufbahn durch Auffahren von Asche in Ordnung bringen zu lassen. — Dann hatte sich der Gemeinderat zum wiederholten Male mit der Angelegenheit der Überlassung von Gelände am Lollarer Kopf zur Ausbeutung zu befassen. Die Firma D a u st e r - Gießen ist bekanntlich mit der Ausbeutung des seinerzeit vom Hofgut Heibertshausen erworbenen Geländes am Ende angelangt. Nachdem die Firma zuerst etwa 14 Morgen angrenzendes, der Gemeinde Lollar gehörendes Gelände des Lollarer Kopfes zur Ausbeutung überlassen haben wollte, hat sie nunmehr ihr Abtretungsersuchen auf drei Morgen ermäßigt. In mündlicher Verhandlung des Firmeninhabers mit der Finanzkommission hatte der Antragsteller ein Angebot von zwei Reichsmark auf die Forderung der Gemeinde in Höhe Dort vier Reichsmark für den Quadratmeter gemacht. Inzwischen hat die Firma ihr Angebot auf 2,50 '-'eichsmark erhöht. Die eingehende Aussprache führte keinen endgültigen Beschluß herbei. Es soll zunächst noch eine Besichttgung an Ort und Stelle unter Hinzuziehung eines Vertreters der Firma erfolgen, wobei diese das gewünschte Gelände abstecken soll. — Ferner tag ein Antrag des Schulvorstandes auf Abschluß einer 11 n- f a l l v e r s i ch e r u n g für sämtliche Schüler mit llebernahme der Kosten auf die Gemeinde vor. Die anderwärts vorgekommenen Unfälle bei Schulausflügen, Turnen usw. haben das Hesfische Landesbildungsamt veranlaßt, den Schulen den Abschluß derartiger Versicherungen zu empfehlen. Die jährlichen Kosten berechnen sich nach dem vorliegenden Entwurf einer Dersicherungsgesell- schaft unter Zugrundelegung her derzeitigen SchülerZcchl auf 203 RM Man konnte sich der auch schon in der Sitzung des Schulvorstandes besprochenen Schwierigkeit her Abgrenzung der einzelnen Falle nicht verschließen, und stimmte vorbehaltlich der Erreichung eines billigeren Der- sicherungsabschlusses zu.
gck. G r o ß e n - B u s e ck, 27. Sept. Aus dem am Sonntag in Ruttershausen abgehaltenen Gau- sporttag des Lahn-Dünsberg-Gaues erzielte der hiesige T u rnverei n „G u t Heil" eine Anzahl Auszeichnungen, die wiederum Zeugnis oblegen von her guten Durchbildung seiner aktiven Turner. Im Mannschaftskugelstotzen brachte die durch Osterheld, Buß, Rau und Rühl gestellte Mannschaft dem Verein zwei Meisterschaften, und zwar in bestarmig mit 36,45 Meter und beidarmig mit 65,29 Meier. Ferner erhielt
Hermann Nettebohm. — „Wenn ich dir raten darf, nimmst du dir eine ältere, aber mordsgarstige Person ins Haus. Was aber die kleine Isa betrifft, so sott sie auf meine Kosten Buchführung und Stenographie lernen; und dann schiebe ich sie im nächsten Herbst nach Krefeld zu Gebrüder Jobst ab. Da kann sie sich hocharbetten und meinetwegen dessen jungen Leuten den Kopf verdrehen.
Außerdem werde ich mit meinem alten Mengers reden, daß es sich nicht schickt, wenn seine Tochter mit dem Erbsohn seines Chefs öffentlich Schlittschuh läuft. Der weiß wenigstens noch, was Distanz und Disziplin ist. Und Eberhard werde ich das auch klar machen. Er ist ein guter und verständiger Junge. Wir wollen ihn endlich in die Tanzstunde schicken. Da wird er bald für eine der Töchter unserer Kreise schwärmen. Du lieber Gott — in dem Alter! Gottlob gibts auch da genug hübsche Mädels."
Die Kommerzienrätjn konnte sich wie alle Mütter gar nicht an den Gedanken gewöhnen, daß ihr Junge — ein Kind, daß sie noch vor wenig Jahren auf den Schoß genommen — nun schon zugänglich für den Reiz des Ewig-Weiblichen sei und es vielleicht vorzog, beim Ausdenschoßnehmen, das umgekehrte Verfahren auszuüben.
Schon in den nächsten Tagen nahm der Kommerzienrat Gelegenheit, mit Vater Mengers zu reden, der stramm stand, große runde Augen machte und ständig wiederholte:
„Nein, das schickt sich durchaus nicht für meine Tochter — durchaus nicht! Herr Kommerzienrat werden doch nicht glauben, daß ich schuld bin?"
„Freut mich, daß Sie das ein sehen, Mengers."
Jawohl! Das wäre noch schöner. Unterschied muß fein. Na ja, sie sind eben noch Kinder, Herr Kommerzienrat."
„Doch nicht mehr, Mengers! Heutzutage werden die jungen Leute früh reif. Und ihr Mädel ... na ja — die ist, wie soll ich sagen: impertinent hübsch."
„Das schickt sich gar nicht für sie und ihren Stand", brummte der alte Mengers. „Und sie hat ja auch Ideen im Kops — so die Theatergeschichlen .... die hat sie von meiner Frau. Aber die werde ich ihr schon austreiben. Eher schlag ich sie tot, ehe ich sie unter das Pack gehen lasse."
„Hm .... na ja — kann ich begreifen! Haben Sie denn schon an etwas für das Mädel gedacht?
A. Osterheld zwei Gaumeisterfchaf ten im Dreikampf und bestarmigen Kugelstvß mit 10,27 Meter. Im Steinstotzen errang er einen dritten Preis, ebenso im Schleuderballwerfen. Rudolf Butz konnte mit einem Weitsprung von 5,93 Meter ebenfalls eine Gaumeisterfchaft erringen; im Dreikampf und Stein stoßen kam dr an vierte, Stelle. Karl Rühl wurde im Stabhochspringen 3. Sieger. Außerdem konnten noch andere Turner des Vereins einen guten Platz behaupten.
: Reiskirchen, 27. Sept. Am vergangenen Sonntag veranstaltete der hiesige Turnverein fein diesjähriges Ab turnen. 1920 war der Verein zum letztenmal öffentlich aufgetreten, seitdem hat er geruht, weil es an Kräften fehlte, die sich der Turnerei widmeten. Unter her Leitung von Lehrer Müller ist her Verein wieder neu erstanden, und im vergangenen Sommer hatten die Turner bereits beachtliche Leistungen aufzuweifen. Bei dem Gauwetturnen in Daubringen tour?)en sieben Preise erzielt, und auf dem Iugendturnen in Rodheim erhielt hie Schülerriege den Wanderpreis. Bei dem Abturnen am Sonntag wurden als 1. Sieger ausgezeichnet: In der Oberstufe L. Schomber, bei den Zöglingen Karl I ä g e r und in der Schülerabteilung Th. Bachmann aus Burkhardsfelden.
g. Rüddingshausen, 27. Sept. Hier befindet sich immer noch Frucht auf dem Felde. Der Hafer steht zum Teil noch auf dem Halm. Die Körner sind zum großen Teil auf den Boden gefallen durch die andauernde Nässe oder auch auf dem Halm gekeimt. Das Druschergebnis ist am schlechtesten beim Weizen. Die Kartoffelernte hat begonnen. Die beliebteste Sorte ist „Vater Rhein , „Neue Preußen". die vor Iahren eingeführt wurde, wird nicht mehr angebaut, da sie an Güte und Ertrag nicht den an sie gestellten Anforderungen genügt.
~ Grünberg. 27. Sept. In einer der letzten Nächte wurde in der Wirtschaft und Metzgerei von Karl Böß ein Einbruchsdieb- stahl verübt. Dem Dieb, der mit den örtlichen Verhältnissen vertraut gewesen sein muh, fielen 200 Mk. in die Hände. Die sofort aufgenommenen Ermittelungen führten zur Fest- nähme eines Mannes, der sich auf dem Wege von Mücke nach Ruppertenrod befand, und als her mutmaßliche Täter in Frage kommt.
* Lauter, 27. Sept. Auch unsere Gemeinde ließ es sich nicht nehmen, das 4 0- jährige Dienstjubiläum ihres Ortsgeist - lichen, Pfarrer Schick von Queckborn, festlich zu begehen. Als der Iubilar am Sonntag zum Gottesdienst kam, war die Kirche festlich geschmückt und der Altar mit Blumen geziert. Nach dem Gottesdienst sprach Bürgermeister Aff an der Spitze des Kirchen- und Ortsvorstandes Pprrer Schick die herzlichsten Glückwünsche der Gemeinde aus und gab der Hoffnung Ausdruck, daß der Iubilar noch lange Zeit zum Segen der Gemeinde wirken möge. Für den Schulvorstand widmete Lehrer Dender dem Jubilar Worte der Verehrung. Die schöne Feier legte Zeugnis davon ab, wie auch in unserer Gemeinde das aufrechte und pflichttreue Wesen unseres Pfarrers geschätzt wird.
D Lich, 27. Sept. Am Sonntag fanh eine Inspektion der Freiwilligen, sowie der Pf licht f euer wehr statt. Der Kreis-' seuerwehrinspektor hatte als Brandobjekt die fürstlichen Palaisscheunen, in die eine Wohnung eingebaut ist, ausgewählt. Die Drandidee war folgende: „In den Gebäulichkeiten ist durch eine Explosion Feuer ausgebrvchen. Gefährdete Woh- nunasinfassen sind zu retten. Das Feuer ist bei herrschendem Nordwind zu bekämpfen." Die llebung wurde in exakter und mustergültiger Weife Dor genommen. Fünf Minuten nach dem Alarm war bereits die Menschenrettung unten Verwendung der großen mechanischen Leiter erfolgt. Die geretteten Personen wurden der sofort angerüdten freiwilligen Sanitätskolonne Lich übergeben, die in vorbildlicher Weife ihres Amtes waltete. Wenige Minuten nach dem Alarm traten alle Spritzen in Tätigkeit und bekämpften in vorbildlicher Weise das Branddbjekt. Die Hebung zeigte wieder die hohe Schlagfertigkeit der Licher Feuerwehr und die Güte ihrer Ausrüstung. — Die Umpflasterung der Braugasse und der Bahnhof st raße macht gute Fortschritte. Zum Unterbau wird Beton verwandt. Die Braugasse ist bereits fertig betoniert. Es ist geplant, im Lause des Nächsten
Denn bloß aufs Heiraten dressiert man sie heute nicht mehr. Und da Sie sie auf die höhere Töchterschule geschickt haben, wäre es ja das beste, sie träte eine Bureauanstellung an. Vielleicht schon zü Ostern."
Wie Hermann Nettebohm vorausgesehen, nahm sein Untergebener diesen Plan mit Freuden und untertänigstem Danke entgegen. Er würde gleich mit dem Mädel reden und auch mit feiner Frau. Sicher seien beide auch dankbar für das großartige Entgegenkommen des Herrn Kommerzienrates, der es immer so gut mit ihnen allen gemeint und hier auch wieder das Beste finden und einleiten würde..."
In der gemütlichen Eß- und Wohnstube des hinteren Seitenflügels klang die Tonart etwas gröber. In allem, was seinen vergötterten Kommerzienrat anbetraf — so einen Mann gab es nicht zum zweitenmal; den sollte man sich suchen —, da verstand Mengers keinen Spaß. Und Disziplin und Distanz mußte sein, jawohl! Und die gewichtige, behaarte Faust des riesigen Mannes sauste auf den Tisch, daß Tassen und Teller flirrten.
Mutter und Tochter wußten aber genau, wie man solche Stürme In Meeresstille und glüGliche Fahrt verwandelte. Zunächst widersprachen sie beide nicht. Dann tauchte plötzlich ein Schweinskotelett mit Bratkartoffeln, als Nachtisch eine gefüllte Omelette auf, die Frau Mengers so köstlich zu machen und Herr Mengers aufs tiefste zu würdigen verstand. Dazu ein paar sorgfältig gehütete Fest- staschen aus dem Weinkeller des Herrn Kommerzienrats.
Jfäs Erscheinen beim Buchhaltung^ und Stenogaphiekursus der Handelsschule entfesselte einen Sturm von Gefühlen und Leidenschaften in den Herzen einiger handlungsbeflissenen jungen Leute. Aber dieser Sturm verebbte bald, da das auffallend hübsche junge Mädel nach wenigen Stunden für immer aus ihrem Gesichtskreis entschwand, jeder Annäherung auch kühl und stolz aus- gewichen war. —
Im Februar war Isas Geburtstag. Seit einigen Wochen, wenn fie zu ihrer kleinen Konditorei gingen, blieb die junge Dame wie verzaubert vor dem Schaufenster eines kleinen Goldwarenhändlers stehen. Dort lag verführerisch auf hellblauem Samt eine entzückende goldene Armbanduhr. Immer wieder gab sie Eberhard zu verstehen, wie guck sie die Uhr
Icchres auch den übrigen Teil her Hauptstraßen her Stadt umzupflastern. Damit wird einem jahrelang bestehenden Bedürfnis Rechnung getragen. Der Dank und die Anerkennung weitester Kreise wird der Stadtverwaltung gewiß nicht versagt bleiben.
:/: Trais--Horloff, 27. Sept. Bei den Reparaturarbeiten an unserem Kirchturm wurden im Knopf auf der Spitze desselben mehrere bedeutungsvolleUr- künden aufgefunden. Die erste ist in lateinischer Sprache abgefaht Und wurde bei der Erbauung des Turmes eingelegt. Sie berichtet, daß Grund' steinlegung und Aufbau des Turms im Iahre 1739, die Vollendung und der Dau L>es Daches im Iahre 1740 votgenommen wurden. Die feierliche Einweihung habe im Mai stattgefunden. Der Winter 1739 40 wird als der kälteste seit Menschengedenken bezeichnet. Erbauung und Weihe haben unter den „glücklichen Auspizien" des Grafen Christian August und feiner Gemahlin Elisabeth Amalie stattgefunden. Eine deutsch abgefaßte Urkunde gibt eine sehr lehrreiche Zusammenstellung von Preisen dieses Iahres. Es galten: 1 Fuder Rheinganer Wein 200 Thaler, 1 Achtel Korn 5 Gulden, desgleichen Weizen 7, Gerste 4 Gulden, 1 Me!e Hafer 6 Batzen, 1 Zentner Heu 4 Kopf st k.. 1 Bausch Stroh 5 Kreutzer, 1 Ohm Bier 2 Gulden 5 Batzen. Ferner ist beigefügt ein für die Namen- und Familienforschung sehr aufschlußreiches Verzeichnis her Einwohner des Amtes Utphe. Sie find nach den Ortschaften Utphe, Trais und Inheiden getrennt und werden eingeteilt in „Ackerleute", „Einläuftige" und in „Alters und anderer Ursachen wegen von denen Acker und Cinläuftigern Diensten Befrehle'. Auch wurden die damaligen gräflichen Beamten zu Laubach sowie im Amt Utphe aufgezählt. Pfarrer war damals Iohannes Giebelhausen, „Präzeptor zu Utphe" war Philipp Schmidt und ein Iohannes Volp „Schulmeister zu Trehß". (Seine Nachkommen waren durch vier Generationen hindurch Schulmeister zu Trais, einer sogar 52 Jahre lang.) Als Bauleiter nennt diese Urkunde „den Frucht- und Bauschreiber Wiesenfeld zu Laubach". Wie ein beigefügtes Schriftstück ergibt, waren diese Urkunden schon einmal geöffnet worden, als man 1903 das Turmkreuz herabnehmen mußte, da es sich zur Seite geneigt hatte. Der damalige Pfarrer Breunlin hat dann nach gründlicher Reparatur der Turmspitze die Urkunden wieder in der Kapsel der Helmkuael verwahrt und eine Nachschrift dareingelegt, Die auch wieder ein Preisverzeichnis von 1903 enthält, in dem auch hie Traiser Briketts (1 Zentner 0,60 Mk.) nicht fehlen. Er schildert die Wiederherstellungsarbeiten und schließt mit den denkwürdigen Worten: „Wenn je ein menschlich Auge wieder ha kommen wird, dies zu lesen, so sind wir dahin wie die „Ackerleute und Einläuftige und Freye" von 1740. Gott sei uns armen Sündern gnädig!" Die Urkunden haben durch ein- gehrungene Nässe etwas gelitten. Nach Beendigung der Dachdeckerarbeiten und der Blitzableiter- anlage wird man sie an der gleichen Stelle wieder aufbewahren für künftige Geschlechter. — Eben sind die Arbeiten am Bau her Kühlwasser- zuleitung für das neue Schwelw e^k voll im Gange. Die mehrere hundert Meter lange Rohrleitung entnimmt das Wasser her Horloff unterhalb 5er Utpher Mühle und zieht sich entlang den sog. Kirchweg. Gewaltige, durch Teer- isolation gegen Rost geschützte Eifenrohre vckn 40 Zentimeter Durchmesser werden mit Kranen in die ausgeschachteten Graben gesenkt und dort mittels Sauerstoffgebläse zusammengefchweißt. Die Einzelstücke sind meist 15 Meter lang. Die Verlegung wird von Frankfurter Facharbeitern ausgeführt, während die Erdarbeiten der Bauunternehmer Dietz (Utphe) übernommen hat. Da die Gräben stellenweise mehrere Meter tief sind, leidet der Fortgang der Arbeiten sehr unter dem Wasser, das ständig herausgepumpt wird. Besonders übel bemerkbar macht sich dieser Umstand augenblicklich, wo man mit her Verlegung der Rohre bis zu einer Geländemulde vorgeschritten ist. Die getoaltige Wassermenge, die stündlich durch eine Leitung mit solchem Durchmesser aus dem Flußbett herangepumpt werden kann, wird zur Kühlung der Schwelptodukte benötigt und alsdann in einem offenen Graben wieder in die Horloff geführt.
:/: Utphe, 27. Sept. In unserer sowie in bet benachbarten Berstädter Gemarkung, in denen der Kärtoffelanbau eine Hauptrolle spielt, haben
gebrauchen, und wie glücklich fie sein würde, fie zu besitzen.
„Vater kauft mir natürlich so was nicht. Und Mutter hat kein Geld dazu!"
„Und wenn ich sie dir nun schenkte?"
Sie iah ihn mit einem dankbaren Blick an; ihre Augen ichwamrnen in Hingebung und Freude.
„Du kannst sie aber gar nicht tragen. Wenn's dein Alter merkt!"
„Der kriegt sie Nicht zu sehen. Trag' ich bloß, wenn ich fortgehe. Oder Mutter sagt, sie hätte es als Pfand bekommen — es sei verfallen."
„Darf's denn Mutter wissen?"
„O ja — die freut sich doch! Die ist stolz auf mich!"
Eberhard sammelte einige Wochen für die Uhr. Mit Hilfe eines größeren Pumpes bei einem Freunde, einiger verkloppter Bücher und angeblicher Schulden, die Frau Anna aus ihrer Schatulle deckte — dem Kommerzienrat durfte man mit so etwas nicht kommen — wurde das Problem bestens gelöst.
Eberhard huschte an dem großen Tage nach der Schule heimlich in den Seitenflügel hinüber. Es dunkelte bereits, und niemand sah ihn. Isa stand wie eine kleine Königin in einem weißen Kleid vor ihrem Geburtstagstisch, zu dem auch Kammer ztenrats offiziell betgefteuert hatten. Mutter Men aers bat, ihnen die Ehre einer Tasse Kaffee zu schenken, und verschwand, nicht ganz absichtslos, in ihrer Küche, um ihn zu machen.
Die Kleine blickte den großen Jungen an unö lächelte fromm; aber eine unruhige Frage glomm in ihren Augen.
Eberhard gratulierte ganz harmlos, beschaute sich die Torte mit den sechszehn Lichtern, die Handschuhe und Stiefelchen, den Kleiderstoff und da« dünne Goldkettchen. Ein paar Handschuhe legte auch er auf den Tisch — das hatte er sich aus studiert.
Sie zog ein Mäulchen, blieb kühl und stumm — ja, sie reichte ihm kaum die Hand, als er Ihr Gluck wünschte Es amüsierte ihn höchlichst. Hatte er doch das Mittel in Händen, diese Elsesmiene zu schmelzen, diese kühlen Augen zu entflammen. Und er kostete seine Heimlichkeit und die Vorfreude aus wie ein Feinschmecker, der sich beim Essen Zeit läßt.
(Fortsetzung folgt.)


