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Rr. 227 Zweites Blatt
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Revanche und Sabotage.
Bon unserem J. ^.-Berichterstatter.
(Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten.) Straßburg, September 1927.
Abseits der Heerstraße der großen Politik spielen sich nur zu oft Vorgänge ab, die leider von den politisch interessierten Kreisen allzu wenig beachtet werden, obwohl sie von symptomatischer Bedeutung sind. Vielfach ist es sogar so, daß gerade diese nebensächlich behandelten Vorfälle für das Verständnis und die richtige Beurteilung der großen politischen Entwicklung geradezu von entscheidendem Werte sind. In die Rubrik derartiger Geschehnisse fällt vor allen Dingen das Scheitern des ersten internationalenCaritas-Kon- grosses, der in Den Tagen vom 20. bis 24. Sep- lember in der elsässischen Metropole stattfinden sollte. Oie Tagung mußte urplötzlich abgesagt werden, weil der Straßburger Bischof Ruch, der sich zuerst mit aller Energie für die Verwirklichung des Gedankens ,einer internationalen Tagung der katholischen Ca- ritas-Organisationen eingesetzt hatte, ohne Angabe von Gründen erklären ließ, daß weder er, noch die bischöfliche Behörde sich am Kongreß beteiligen könne. Diese Sinnesänderung des Straßburger Bischofs, dessen starkes Anlehnungsbedürfnis an die Pariser Regierungsstellen bekannt ist, und der als Gegner der 5)eimatbund-Bewegung schon viel von sich reden gemacht hat, mußte in den unmittelbar betroffenen Kreisen ungeheures Aufsehen erregen, zumal damit der Kongreß u n m ö g - < i d) geworden war. Bischof Ruck; konnte es nicht verhindern, daß eifrig nach den Beweggründen seines Umfalls geforscht wurde, die nach allem, was vorgegangen war, zum ausschlaggebenden Teil poli- 1'lscher Art sein mußten.
Seit Wochen bestand bereits der Berdachl, daß die französische Regierung mit allen Mitteln den Earitas-Kongreß verhindern wolle. Es ist ja zur Genüge bekannt, daß die Caritas-Bewegung der katholischen Kirche von Deutschland her kolossale Triebkraft erhalten hat. Die deutschen Caritas-Organisationen genießen internationales Ansehen. Was lag näher, als daß man den ersten internationalen Kongreß in dem der deut schen Caritas-Zentrale Freiburg i. Br. benachbarten Straßburg veranstalten wollte. Zwischen Freiburg und dem Elsaß sind schon in der Vorkriegszeit zalüreiche Verbindungsfäden geknüpft worden. Der Leiter der elsässischen Cari- las-Verbände, Prälat Dr. Müller- Simonis. hat seit der Trennung Clsaß-Lothringens Von Deutschland seine Organisation auf einer ansehnlichen Hohe gehalten, was den meisten, im chauvinistischen Fahrwasser segelnden Katholiken Innerfrankreichs ein Dorn im Auge war. Trotz mannigfacher Quertreibereien konnten sie es allerdings nicht verhindern, daß der Schweizer Generalsekretär der internationalen Union der katholischen Carjtas-Werke. Dr. Kißling. Straßburg als Tagungsort des ersten internationalen Kongresses wählte, um von dort aus die Caritas-0'dee ins übrige Frankreich zu tragen.
Monatelang hatte man bereits den vorbereitenden Arbeiten gewidmet. Fast alle Staaten Europas mit starker katholischer Bevölkerung, ja sogar amerikanische Abordnungen hatten ihre Teilnahme zugesagt. Man hatte bereits Kom- miffionen gebildet, die sich mit den Hauptfragen der Caritasbewegung beschäftigen sollten. Es war ein Ehrenausschuß vorgesehen, dem hervorragende Würdenträger der katholischen Kirche, u. a. der Breslauer Fürstbischof Kardinal Dr. Bertram, cmgehören sollten. Im Ehrenpräsidium sollten fcer Straßburger Bischof Ruch und der Prager Erzbischof K o r ö a c den Vorsitz führen. Mitten in den Vorher:itungsarbeiten. es war im Juni, hatte Prälat Müller-Simonis eine Unterredung mit dem Pariser päpstlichen Runtius, die durch- dius im oinne der Caritasführer verlief. Um so unbegreiflicher war es. als kurze Zeit darauf Oer päpstliche Runtius in Straßburg anregte. , ,im Hinblick auf die internationale Situation" Den Kongreß außerhalb Frankreichs ftattfinhen zu lassen und ihn deshalb nach Luxemburg zu verlegen. Damit war die Katze aus dem Sack gelassen. Es hätte keines weiteren Beweises mehr dafür bedurft, daß die Pariser Regierung gegen den Kongreß bar und seine Abhaltung durch den päpstlichen Runtius hintertrieb. Poineare wollte lieber den Offenen Skandal, als daß etwa die Elsässer durch vie Arbeiten des Kongresses erneut zu Vergleichen zwischen Deutschland und Frankreich an-
Me Krankhett, die zur Lähmung führt.
Wieder einmal zu Sommers Ausgang, zu Herbst-Beginn erfüllt das gehäufte Auftreten einer tückischen Krankheit die Gemüter mit Furcht Rind Schrecken. In Leipzig ist eine größere Anzahl Personen an spinaler Kinderlähmung erkrankt — jener gefährlichen Infekfions- Icankheit. die vorwiegend Kinder vom zartesten tis zum schulpflichtigen Aller Heimsucht. Aller- kings find die Erwachsenen keineswegs gegen iie spinale Kinderlähmung gefeit, und fast bei jeder Epidemie ist auch eine Reihe von Er- tvachsenen befallen.
Die bisher noch unbekannten Erreger finden sich hauptsächlich im Aasen-Rachenraum des Erkrankten. Man kann durch Verimpfung von Rachenschleim eines kranken Kindes die spinale Kinderlähmung auf Affen übertragen. Die Ansteckung erfolgt von Mensch zu Mensch, die Eingangspforte der Keime ist der Rasen-Rachen- raum.
Meist fetzt die Krankheit urplötzlich ein. In einer Reihe von Fällen gehen dem Ausbruch ter Erk antungen Erkältungserscheinungen. Appe- l tlosig.liit. Unruhe und andere uncharakteristische Irichte Störungen voraus. Dann jedoch seht schnell ansteigendes Fieber über 40 Grad ein; es wird über Schmerzen int Kopf und in den Gliedern gelingt; das Bewußtsein trübt sich; es treten Zuckungen und Krämpfe auf, an die sich eine zentrale Lähmung mit tödlichem Ausgange aitschließen kann.
Doch in der Mehrzahl der Fälle klingen diese stürntischen Erscheinungen unter Fieberabfall schon nach Stunden oder nach wenigen Tagen ab; in den Vordergrund treten Lähmungserscheinungen, zunächst oft über den ganzen Körper verbreitet, allmählich jedoch an den meisten Stellen wieder zurückgehend. Aber ftst regelmäßig bleibt eilte Lähmung an den
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen) jj—imnn—ina—TnrnMW^'Tiwn*' ■—i— ■■ wir-t tbs itl,.g,7am
geregt würden. Herr Poineare wußte, daß der deutsche Organisationsgedanle auch auf der Straßburger Caritastagung triumphieren würde. Und das wollte er verhindern.
e Als hinterhältige Maßnahmen nichts mehr nützten, griff die Pariser Regierung mehr oder minder offen ein. Den österreichischen Bundeskanzler Dr. Seipel ließ man wissen, daß „ein Auswärtiges Amt sein Erscheinen nicht wünsche" und zur gleichen Zeit erklärte der Straßburger Bischof, daß ihm und auf seine Weisung hin sämtlichen Mitgliedern des Domkapitels d ie Teilnahme am Kongreß unmöglich sei. Diese Erklärung war der Schlußstein der Pariser Sabotage.
Die Zerschlagung des Carllas-Kongresses ist also zweisettos das Werk der französischen Regierung. die unter der Aegide Poincares mit ihrer Antilocarno-Politik nicht einmal vor kirch
lichen Veranstaltungen Hall macht. Bischos Ruch hat zwar in einem Briese an den katholischen „Elsäiser" erklärt, daß „er nur vom Hl. Stuhl und von nientanb sonst Weisungen entgegengenommen habe", womit er die Vermutung des Blattes zurückweisen wollte, daß von behördlicher Seite ein Druck auf den Straßburger Oberhirten ausgeübt worden fei. 3m gleichen Schreiben mußte er aber zugeben, daß seine Entscheidung „auf den R a t Yes Hl. Stuhles" gefallen sei. sich nicht an dem Kongreß zu beteiligen. Damit wird deutlich genug zugegeben, daß Der Pariser päpstliche Runtius den Wünschen oder vielleicht besser gesagt den Drohungen der Pariser Regierung erlegen ist. wodurch indirekt Der Beweis geliefert ist. daß Bischof Ruch doch nach dem Befehl Poincares gehandelt hat.
Mittwoch, 28, September 1927 ap*y»iT'ni'wiifriii rxa,kf ■ ■ ui r i.awoB:xu..,vnt:T~
Aus dem Bestreben, die bei Der psyck-ologißmu Methode mitunter unvermeidbaren Irrtümer völlig auszuschalten, ist die mathematische Methode h.r- vorgegangen. Insbesondere durck) Winketmesjungen sucht man die Eigenart einer bestimmten Schrift 177athematisch darzustellen. Bekannt ist die hieraus zurückgehende graphometrische Methode Langenbruchs, deren Verwendung aber von allen an beten ernst zu nehmenden Schristsachoerständigeu mit Recht dringend widerraten wird. Die verschiedenen Fehlgutachten, die Langenbruch nachgewiesen sind, zeigen jedenfalls das eine, daß die graphometrische Methode nicht unfehlbar ist, wie ihr Verteidiger es von ihr behauptet. Und die lalfadje, daß es sich bei Den Schrifteigentümlichkeiten nicht um absolut, sondern nur um relativ konstant bleibende Mertmate handelt, scheint mir darauf hinzudeuten, daß die grapho- nietrische Methode grundsätzlich verfehlt ist.
Es würde im Interesse der Rechtssicherheit sehr zu begrüßen sein, wenn die Justizverwaltungen dafür sorgten, daß unzuverlässige ober gar gefährliche Methoden der Schriftvergleichung, wie insbesondere die Graphometrik, in Zukunft nad) Möglichkeit von der Verwertung im gerichtlichen Verfahren au&gc schlossen würden, und daß dafür gesorgt würde, daß als gerichtliche Sachverständige für die Beurteilung von Handschriften nur solche Sachverständige zu- gelassen würden, die in überzeugender Weise den Befähigungsnachweis erbracht haben.
Erst dann, wenn die bisher leider nid)l allzu seltenen Mißstände auf dem Gebiete der gerichtlichen Handschriftenbeurteilung beseitigt worden sind, wird auch das Zutrauen der Richter imb des Volles zu den Leistungen der anerkannten gerid)tlid)en Schriü sachverständigen wiederkehren. Dann wird aber auch eine neue Blütezeit der gerichtlid-en Handschriften- künde beginnen.
Londoner Tagebuch.
Von unferem ständigen ^.-Berichterstatter.
London, Ende September 1927.
(Rachdruck; auch mit Quellenangabe, verboten.)
Rirgendwo ist der Unterschied zwischen An- sichten, Stimmungen und Empfindungen der einzelnen und der wohl ertoogeiten Richtung der Gesamtpolitrk eines Landes größer als an Den Ufern Der grau fließenden Themse. Wiederum aber ist Die Politik in England eine Mischung aus feierlichem Ernst. Sarkasmus. Skepsis und Humor. Sie verkörpert die praktische Lösung theoretisch völlig unvereinbarer Gegensätze. Das Wesen Der englischen Politik ist ein Paradoxon, dessen Inhalt sich nur jenem erschließt. Der, frei von Pedanterie, Die Quintessenz einer Lage in ein Bonmot zu iferiöen versteht, das Den Leser auf die eine oder andere Weise packt; oder auch Situationskomik in Der hohen Politik wird Dankbar quittiert. Da lesen wir heute im „Daily Telegraph" eine Auslassung über die Zurück Weisung Der Kriegsschuldlüge durch Den deutschen Reichspr asideuten. 91 Can mokiert sich über Die französische Entrüstung. London habe eure philosophischere Halttmg eingenommen. Dvlangc Deutschland, lesen wir, seine finanziellen Verpflichtungen, die es als Reparationen über- nornmen hätte, zahlte, wäre es bedeutungslos, ob es aus einem Gefühl Der Bußc oder aus. wenn auch widerwilliger Vertragstreue heraus zahlte.
Paradox erscheint auch Englands Einstellung zur Oft frage. Deutsche Berichterstattung hat wie wir aus Den hier vorliegenden deutschen Zeitungen ersten, aus der unumwundenen Weigerung Chamberlains, noch weitere Gerantie- Verpflichtungen im Osten zu übernehmen, der Schluß gezogen, daß Die polnische Politik in Gens eine Riederlage erlitten hätte. Aber die hier veröffentlichte offiziöse Kommentierung Der englischen Haltung ließ nur erkennen, daß Englank vonGenerakverpflichtungenuniver- faler Art nichts wissen wollte. Die englische Politik hat sich stets getoeigert. klar umschriebene. formulierte Garantien zu übernehmen Cs gibt kein Mittel, um das Handeln eines souveränen Volles für die Zukunft eindeutig fest- zulegen. Man verpflichtet sich gern; aber mar bindet sich nie. Man beschwört Grundsätze erkennt Prinzipien an, aber/man vermeidet Verpflichtungen, in diesem oder jenem Falle dieser oder jenes zu tun. Die Genfer Rede Chamberlains. soweit sie auf das fogenannte Ost-Locamr bezug hatte, enthält demzufolge nichts tocitei als ein erneutes Bekenntnrs zu den soeben mii
Sekunde zurücklegt. Berücksichtigt man nun Du Richtung der Metevrbahn. so kann man hieraus auch Die Geschwindigkeit im Vergleich zur Sonn, berechnen und hat auf diese Weise gefunden daß die durchschnittliche Geschwindigkeit der Meteore gegen die Sonne etwa 52 Kilometer in bei Sekunde beträgt. Daß sie größer sein muh als die Geschwindigkeit im Verhältnis zur Erde, if llar. weil durch die Luft die Bewegung im Der hältnis zur Erde immer abgebremst wird, voi der Bewegung zur Sonne aber der Teil nicht der gerade mit Der Erdbewegung zusammenfällt Aber alle diese Zahlen sind nur Die Durchschnitts- geschwindigkeiten Der Meteore in der Lust, nicht ihre Eintrittsgeschwindigkell. bei der überhaupt noch kein Bremsverlust eingetreten ist.
Run hat kürzlich Herr Wegener in Gra; eine Untersuchung veröffentllcht, durch die er aud Die Eintrittsgeschwrndigkeit her Meteore in du Erdluft findet Seine Aleberlegung beruht in et was vereinfachter Fassung daraus, daß ein Me teor, das die Erde sozusagen von hinten einholt im Verhältnis zu ihr durchschnittlich eine un 60 Kilometer geringere Geschwindigkeit habet muß als ein Meteor, das der Erde gerade entgegenfliegt. Durch verhältnismäßig einfach, Mcberlegungen kann man diesen Gedanken aud auf seitlich eindring ende Meteore anwenden uni gewinnt so einen wenigstens ungefähren Anhai! über die Gröhe der Geschwindigkeit. mit der d'u Meteore im freien Weltraum dnhinfliegen. Wegener gewinnt so die Zahl von etwa 63 Kilometer in her Sekunde. Run ist 42 Kilonieter n der Sekunde die höchste Geschwindigkeit, die en in der Rähe der Erde fliegender Körper von Dei Anziehungskraft der Sonne erhalten kann. D< diese Geschwindigkeit von Den großen Meteoren und zwar nicht nur von einzelnen, sondern durchschnittlich übertroffen wird, so folgt daraus, das sie schon beim Eintritt in die Sonnenwelt groß, Ges twinhigkeit haben müssen; diese stammt alsc aus Dem Weltenraum. Im Gegensatz zu Den alljährlich regelmäßig wiederkehrenDen Sternschnup- penschwarmen sind die großen Meteore Fremdkörper in unserer Sonnenwelt.
Schriftvergleichung und Gericht.
Von Landgerichtshirestor Dr. Albert Hellwig (Potsdam).
Unter den gerichtlichen Sachverständigen nehmen die Schriftsachverständigen eine besondere Stellung ein, insofern nämlich, als in weiteren Kreisen die Meinung besteht, daß es sich bei der Schriftvergleichung nicht um eine Wissenschaft im strengen Sinne handele, wenn auch vielleicht um eine werdende Wissenschaft. Man spricht viel von der Trüglichkeit „graphologischer" Gutachten und kann sich zum Beweise dafür auch auf eine erkleckliche Anzahl bekannter Fälle berufen, in denen allerdings den Schriftsachverständigen sehr grobe Irrtümer nachgewiesen worden sind.
Cs besteht allerdings auch für mich kein Zweifel daran, daß dieses fast allgemeine Vorurteil gegen die gerichtlichen Schriftsachverstän- digen keineswegs ganz unbegründet ist. Wenn cs beispielsweise gerichtliche Sachverständige gibt, die allen Ernstes behaupten, sie seien imstande, mit Hilfe eines besonders konstruierten Zirkels die Identität zweier Handschriften sestzu fiel len, oder wenn man von einem anderen bekannten Schriftsachverständigen hört, her in den Fachzeitschriften und in einem weitverbreiteten Büchlein feine Phantastereien über „Verbrecherhand- schristen" zum Besten gegeben hat, dann kann man allerdings nicht in Abrede stellen, daß es auch unter Den gerichtlichen Schriftsachverstän- Digen großer StäDte. Die sich eines großen Rufes erfreuen, Sachverständige gibt, Deren Gutachten her erfahrene Kriminalist nur mit großer Skepsis entgegennehmen wird. Dazu kommen bann noch die vielen sogenannten Schreibsachverstün- Digen, frühere Volksschullehrer, Sekretäre oder Angehörige sonstiger durchaus ehrenwerter Berufe, denen es aber fast immer durchaus au der für einen Schriftsachverständigen unerläßlichen eindringlichen theoretischen Kenntnis fehlt.
Man Darf nun aber nicht das Kind mit dem Bade ausschütten. Cs gibt zweifellos Methoden der Schriftuntersuchung. Die zwar nicht vollkommen sind und Irrtümer nicht gänzlich ausschließen — wie selten kann man das aber auch von irgendwelchen anderen sachverständigen Untersuchungen mit Sicherheit sagen —. die aber doch dem Richter sehr schätzenswerte Hilfsmittel an Die Hand geben. Hub es gibt auch Sachverständige auf diesem Gebiete. Die es an Kenntnissen und Können mit jedem anderen gerichtlichen Sachverständigen auf nehmen
Bei der Beurteilung der Handschrift für gerichtliche Zwecke sind dreierlei Aufgaben zu unterscheiden: Zunächst Die Untersuchung einer einzelnen Handschrift Daraufhin, ob einzelne Teile Der Handschrift nach Vornahme von Rasuren oder auf andere Weise gefälscht worden sind.
Die Aufgabe wird von der technischen Schriftuntersuchung unter Zuhilfenahme Der Photographie. insbesondere auch Der Mikrophotographie. in durchaus einwandfreier Weise gelöst. Wenn der Sachverständige, meistens ein gerichtlicher Chemiker, hinreichend ausgebildet ist und mit der gebotenen Sorgfalt vor geht, sind hier Irrtümer fo gut wie ausgeschlossen.
Die zweite Aufgabe besteht in der Prüfung einer Handschrift Darauf, ob sich aus den Schriftzügen irgendwelche Rückschlüsse auf Den körperlichen ober geistigen Zustanb des Schreibenden, insbesondere auf seinen Charakter, ergeben. Die
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Lösung dieser Ausgabe liegt Der Graphologie ob, die man auch als Handschriftendeutung bezeichnen kann.
Die Bedeutung Der Handschriftendcutungs- lunbe für gerichtliche Zwecke möchte ich im Gegensatz zu Hans Groß wenigstens zurzeit noch nicht hoch einschätzen. Ihr Grundgedanke, daß |id) in her Eigenart Der Handschrift normalerwe.se auch die körperliche und vor allem die seelische Per- lichkeit dcs Schreibenden ausprägen muh, ist zwar einleuchtend und scheint mir auch richtig zu sein. Auch ist es wohl richtig, daß wenigstens das eine oder andere sich mit hinreichender Zuverlässigkeck aus Der Eigenart einer bestimmten Schrift entnehmen läßt. Doch will mir scheinen, als herrsche noch nicht die wünschenswerte üebercinftimmung über die Methode, und als sei Die Methode noch nicht fein genug ausgebildet, um nicht zu zahlreichen abweichenden Gutachten auch erfahrener SachverstänDiger mit Rotwendigkeit führen zu müssen. Ich würde cs für sehr bedenklich halten, wenn die Organe Der Strafrechtspflege. Dem Rate von Hans Groß solgeno. sich graphologisch betätigen würden, jedenfalls Dann, wenn sie ihre graphologischen Schlüsse in irgendeiner Weise bei ihren Maßnahmen praktisch verwerten wollten.
Die Dritte und wichtigste Ausgabe, Die für Die Beurteilung Der HanDschrist für gerichtliche Zwecke in Betracht kommt, ist die Untersuchung mehrerer Handschriften durch sachkundige Vergleichung, ob fick) ihre 3bemität oder aber ihre Richtidentität ergibt. Die Methoden Der Hand- schrisWergIeichung haben sich erst allmählich her- ausgebilhet. und man kann nicht einmal'- sagen, Daß heute schon volle ilebereinftirmnung über Die richtige Methode bestehe. Soviel laßt sich aber immerhin sagen, daß die mechanische Methode, die man vereinzelt noch anwenden sieht, als überholt und veraltet zu bezeichnen ist. Sie besteht darin. Daß in Dem einen der zu vergleichenden Schriftstücke an einzelnen Buchstaben Schrifteigentümlichkeiten ausgesucht werben, desgleichen sodann an dem hnDeren Schriftstück und daß dann unteriucht wird, ob dieselben Eigentümlichkeiten der Buchstaben sich übereinstimmend in beiden Schriftstücken finden.
Einen großen Fortschritt bedeutet die psychiowgi sche Methode, die auf der Erkenntnis bericht, daß die Schreibtätigkeit kein inechanischer Vorgang ist, sondern eine in der Hauptsache psychisch bedingte Ausdrucksbewegung. Die psychologische Methode begnügt sid) nicht mit einer mechanischen Betrachtung einzelner Buchstaben, sondern betrachtet die Schriften in ihrer Gesamtheit. Sie mad)t Den Versuch, festzustellen. ob hinter den beiden Schriften dieselbe Persönlichkeit steckt. An allgemeinen Schrifteigentümlich- t eiten, die stets untersucht werden müssen, kann man unterscheiden: Schriftvereinfachungen, Schriftverzierungen und Schriftverschnörkelungen, Den eigentlichen Schriftduktus ober Die Bindungsform, weitere Schreibgewohnheiten, Die von Der Schriftform unabhängig sind, Schreibgewandthest und Schreib- schnellig'ceit.
Die Anwendung Der psychologischen Methode stellt an Den Sachverständigen nicht geringe Anforderungen. Auch ist zuzugeben, daß selbst tüchtige Sachverständige sich irren können. Das ist aber kein Anlaß, sich her psychologischen Methode gegenüber grundsätzlich ablehnend zu verhalten.
Armen und Beinen zugleich oder am rechten Arm und am linken Bein oder an Den gegenseitigen Extremitäten zurück. Gewöhnlich sind an Den einzelnen Gliedmaßen nur ganz bestimmte Muskelgruppen von Der Lähmung befallen — Spitzfuh eher Krallenhand —, hie sich Durch eingeschränkte Gebrauchsfähigkeit. Abmagerung unh Entwicklungsstörung Des betroffenen Gliedes hmhgibt.
Rur ein geringer Bruchteil Der erkrankten Kinder gesundet toieDer vollständig. Bei Der übertoiegcnDen Mehrzahl bleiben Dauernhe Lähmungen zurück, hie ärztlicher BehanDlung behürfen. Sobald nach Dem Abklingen Der ersten stürmischen Erscheinungen Die Lähmungen in Den VordergrunD treten, empfiehlt es sich, mit Massage. Heißluft, mit Bädern und elektrischem Strom, späterhin mit gymnastischen Hebungen zu beginnen. Die Störungen, die nach Ablauf eines Jahres noch vorhanden sind, gehen nun gewöhnlich nicht mehr unter dieser Behandlung zurück, sondern Dann kommen chirurgisch-orthvpä- Dische Maßnahmen — äleberpflanzungen von Sehnen, Muskeln und Rerven — in Frage, mit denen vielfach vorzügliche Erfolge erzielt werden.
Im übrigen können auch Die ersten stürmischen Erscheinungen beim Ausbruch des Leidens fehlen; Dann erwacht das KinD eines Morgens. unD ein Arm oder ein Bein ist gelähmt - als Zeichen einer plötzlich aufgetretenen Kinderlähmung.
Der wirksamste Schuh vor Der Weiterverbreitung besteht in sofortiger Absonderung des befallenen Kindes und im Fernhalten der Gesunden von ihm und all den Personen, die mit dem Kranken in nähere Berührung kommen. Wegen der Gefährlichkeit ist Die spinale Kinderlähmung seit einigen Jahren anzeigepflichtig.
Der Sih her Krankheit ist zunächst das Gehirn unh. Rückenmark; sie befällt stets lediglich Die Bewegungsnerven, während Die Rerven. Die Die Empfindungen leiten, verschont bleiben.
Dr. M.
Wie schnell fliegt ein Meteor?
Rachdruck verboten!
Bon Professor Dr. Küstermann.
Dem Sternfreund macht vielleicht keine Cr- scheinung so großen Eindruck, wie ein helleuchtendes, anscheinend still und langsam dahinziehen- des Meteor. Den Astronomen geben diese Erscheinungen eine Fülle schwieriger Rätsel auf, so z. B. die ungefähre Bestimmung der Bahn und namentlich ihrer Höhe über dem Erdboden. Eine besonders schwierige Frage ist aber die nach der Geschwindigkeit der Meteore.
Allerdings Dauert Die Leuchterscheinung Der Meteore 5 käs 10 Sekunden, also eine Zeit, die ein geübter Beobachter sehr Wohl abschähen oder sonstwie bestimmen fami Hat man nun durch Beobachtung von verschiedenen Punkten her Erde cncs Die Bahn bestimmt, unh kennt man demnach die Länge ihres Weges, so folgt daraus natürlich ohne weiteres die Geschwiirdigkeit. Aber diese unmittelbar beobachtete Geschwindigkeit ist ja nicht Die ursprüngliche, die her Leuchkkörper hatte, solange er sich noch im freien Weltenraum bewegte; sie ist vielmehr durch die Lust gebremst; und wie bedeutend der Luftwiderstand ist. sehen wir ja eben am Erglühen der Meteore infolge ihrer Reibung in der Lust und Die dadurch verursachte Leuchtwirkung. Wir müffen ferner die Geschwindigkeit im Vergleich zur Erde und im Vergleich zur Sonne unterscheiden, denn nur nach Der Geschwindigkeit im Verhältnis zur Erde zu fragen, ist offenbar unberechtigt, weil der Körper ursprünglich nicht das geringste mit dieser zu tun hat und nur ganz zufällig ihre Dahn kreuzt.
Zunächst werden natürlich Die Bewegungen im Verhältnis zur Erd? bestimmt, und es ergibt sich für sie eine durchschnittliche Geschwindigkeit von etwa 42 Kilomick<r in der Sekunde, wobei zum Vergleich bemerkt sein mag, daß unsere schnellsten Geschosse im Augenblick, wo sie das Geschützrohr verlassen, eine Geschwindigkeit von 1 Kilometer erreichen, während die Erde auf ihrer Dahn um die Sonne 30 Kilometer in der


