Aus der Provinzialhauptstadt.
Gießen, den 24. August 1927.
Rheinsahrt der Hapag.
Durch Vermittelung und unter Leitung des hiesigen Re-isebureaus Loeb als Vertreterin der Hamburg—Amerika-Linie fand am Sonntag eine große Gesellschaftsfahrt an den Rhein statt. Welch hohe Anziehungskraft eine Reise nach unserem herrlichen deutschen Rhein aus» übt, das beweist am besten die starke Beteiligung: hatten doch rund 1 3 0 0 Personen die hier gebotene Gelegenheit zu einer vorteilhaften und billigen DHeinfahrt wahrgenommen. Die größte Teilnehmerzahl stellte Gießen, außerdem waren noch viele Besucher aus Marburg, Wehlar, Braunfels, Butzbach, Dad-Rauheim, Friedberg usw. beteiligt. Fahrplanmäßig verließ der Sonderzug den Gießener Bahnhof morgens kurz vor 7 Hhr, und nun ging es nach kurzem Aufenthalt in Butzbach, Rauheim und Friedberg in rascher Fahrt dem Ziele entgegen. Wenige Minuten nach 9 Hl)r endete die Bahnfahrt in Mainz- -A' a stel. Auch hier wickelte sich alles rasch und ibungslos ab, bald waren die beiden modernen Dampfer „Rh ein treue" und „Freiherr vom Stein" beseht, so daß die Rheinfahrt programmäßig ihren Anfang nahm. Obwohl der Himmel bei der Abfahrt in Gießen mit dunklen Wolken bedeckt war und es auch auf der Bahnfahrt teilweise leicht geregnet hatte, vermochte das die Stimmung der zahlreichen Ausflügler kaum zu beeinflussen. Rur den Mut nicht sinken lassen — war die Losung, die dann auch dadurch belohnt wurde, daß sich das Wetter während der Fahrt auf dem Rhein besserte und so bis gegen 5 Hhr nachmittags ohne Regen anhielt. Die Hoffnungen tourten also nicht enttäuscht, und alle Teilnehmer dürften fo auf ihre Kosten gekommen sein.
„O du wunderschöner, deutscher Rhein..." heißt es in dem bekannten Rheinlied, das man während der Dampferfahrt oft hören konnte: hierdurch wurde wohl auch in bester Weise die große Begeisterung der DHeinfahrer über dieses herrliche Stückchen Erde zum Ausdruck gebracht. Gerate zwischen Mainz und Koblenz bietet sich Vater Rhein außerordentlich eindrucksvoll dein Auge des Raturfreundes dar: zahlreiche Burgen grüßen von den Höhen, stolz springt der Lorelei- Felsen in den Rheinlauf vor. ilnb welch wundersamen Anblick bieten die Pfalz und ter Mäuse- tunu mitten im Strom. Zahlreiche Besucher lockten auch das Riederwalddenkmal bei Rüteshcim und das Deutsche Eck an ter Mosclmündung in Koblenz an. Fahrtunterbrechungen in Rüdes- h e i m und in Aßmannshausen boten den Teilnehmern Gelegenheit, dort echt rheinisches Leben und rheinische Fröhlichkeit kennenzulernen.
Bei einem guten Tropfen Aßmannshäuser wäre so mancher noch länger verweilt, hätte nicht die rasch verflogene Zeit leider allzufrüh zum Aufbruch gemahnt.
Zum Schlüsse noch einige Worte über die Rhcinfahrt im ganzen. Hier verdient an erster Stelle hervorgehoben zu werden, daß die Fahrt außerordentlich gut organisiert und geleitet war. Stets wurden die fahrplan- und programmmäßigen Zeiten eingehalten und so ein reibungsloser und glatter Verlauf in ausgezeichneter Werse gewährleistet. Ist es doch keine Kleinigkeit, eine Gesellschaftsreise von 1300 Personen (und bei günstigerem Wetter wären es zweifellos noch tobit mehr gewesen) so aufzuziehen und abzu- wrckeln, daß alle Teilnehmer zufriedengestellt sind. Dabei verdient besondere Erwähnung, daß auch die Organisation der Verpflegung (Mittagessen) von ter Hapag übernommen worden war, und auch hier hat, soweit festzustellen, alles einen glatten Verlauf genommen. Damit Hal sich das Reisebureau Loeb zweifellos die Anerkennung aller Teilnehmer gesichert, die sich noch oft und gern ter schönen Rheinreise erinnern werten.
Bornotizen.
— Tageskalender für Mittwoch. Palast-Lichtspiele: „Hotel Stadt Lemberg". — Asto- ria-Lichtsviele: „Einer gegen alle".
— Ehem. hessische Leibdragoner. Lieber die Enthüllung des Denkmals am 2. Oktober in Darmstadt soll in einer Versammlung am nächsten Sonntag nachmittag in Gießen, Frankfurter Hof, beraten werden. Räheres in ter gestrigen Anzeige.
** Der Intendantenposten am Gießener Stadttheater ist öffentlich ausgeschrieben worden. Die Ankündigung lautet: Die Stelle des Intendanten des Stadttheaters der Hniversitätsstadt Gießen, an welchem das gute Schauspiel und Lustspiel gepflegt werden, ist neu zu besetzen. Bewerber, die sich als Direktor oder Spielleiter bereits bewährt haben, wollen ihre Meldungen bis 20. September d. I. (Stadthaus Bergstraße) einreichen — Persönliche Vorstellung ist vorerst nicht erwünscht.
•* (Sin Provinzial-Kinderheim in Gießen. Die durch die Verhältnisse der Kriegszeit herabgeminderte Zahl der Pfleglinge in der Prooinzial-Pflegeanstalt ermöglichte es, zwei Pavillons freizumachen, von denen der eine der Rentner-, der andere der Kindersürsorge gewidmet wurde. Der eine wurde zu einem Rentnccheim um- gebaut, der Klein- und Sozialrentnern Unterkunft und Verpflegung gewährt: der andere wurde zu einem Kinderheim umgestaltet, das etwa dreißig Kleinkindern, die aus irgendeinem Grunde bei ihren Eltern nicht bleiben können, oder für einige Zeit Erholung suchen sollen, eine Heimat gibt. Beide
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wirkt abstoßend. Häßlich qefärbt« Zähne entstellen das schönste Antlitz. Beide Schönheitsfehler werden oft schon durch einmaliges Putzen mit der herrlich erst,schenken Zahnpaste Clilorodont bc seitigt. Die Zähne erhalten schon nach kurzem Gebrauch einen wunder- vollen Elfenbeinglanz, auch an den Seitenflächen, bei gleichzeitiger Benutzung der bafiir eigens konstruierten Clilorodont- Zahnbürste mit gezahntem Borstenschnitt. Faulende Speise- reste in den Zahnzwischenräumen als Ursache des üblen Mund- geruch« werden gründlich damit beseitigt. Versuchen Sie es zu- nächst mit einer kleinen Tube zu 60Pfg. Chlorodont-Zahn- bürste für Kinder 70 Pfg., für Damen Mk. 1.25 (weiche Borsten), für Herren Mk. 1.26 (harte Borsten). Nur echt in blau-grüner Original- -n :ung mit der Aufschrift „Chlorodont“. Überall zu haben
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Heime haben sich auf die Dauer als zu klein erwiesen. Es liegen eine große Reihe von Nachfragen von Kleinrentnern vor, die sehnsüchtig auf Ausnahme märten, aber für absehbare Zeit keine Aus- sicht auf Berücksichtigung haben: andererseits ist das Kinderheim, das schon in der Zwischenzeit auf eine Belegsähigkeit bis zu vierzig Kindern erweitert werden mußte, voll belegt. Bei dieser Sachlage entschloß sich der Prooinzialausschuß für den Neubau eines Kinderheims, in der Erwägung, daß damit auch gleichzeitig den Wünschen auf Erweiterung der Rentnerfürsorge Rechnung getragen würde, indem der durch das vorhandene Kinderheim in Anspruch genommene Raum nach Fertigstellung des Neubaues der Rentnerfürsorge nutzbar gemacht werden könnte. Das neue Kinderheim soll auf Gelände der Provinzial-Pflegeanstall am Alten Steinbacher Weg erichtet werden. Die für den Neubau erforderlichen Mittel, die dem Vermögen des Provinzial-Wasser- werks entnommen werden, also die Steuerzahler nicht belasten, hat der Provinzialausschuß bewilligt: die Herstellung der Pläne ist in Vorbereitung.
” Dau des neuen Finanz- und des Versorgungsamtes.' In den nächsten Tagen soll, wie wir hören, mit ter Ausführung des Reubaues für das Finanzamt und das Dersorgungsamt in Gießen begonnen werten. Beide Aemter werden, obwohl verschiedenen Verwaltungen unterstehend, in einer Gebäudegruppe, die Ecke ter Goethe- und Lessing- strahe erstehen wird, untergebrach4. Das Finanzamt erhält einen ca. 24 Meter langen vierstöckigen Bau an der Ecke, an den sich für das gleiche Amt noch ein dreistöckiger Flügelbau von etwa 25 Meter an ter Goethestraße und ein solcher von 12 Meter Länge an der Lessingstraße anschlieht. An letzteren reiht sich in g&> schickter Weise ter ca. 40 Meter lange GebäudB flügel für das Dersorgungsamt an, so daß sich dem Beschauer ein großer, in einheitlichen modernen Bauformen gehaltener Verwaltungsbau darbieten wird. Mit der Ausführung der Baugruppe ist ein besonderes Bauapit betraut.
** Abmarsch zum Truppenübungsplatz. Am Donnerstag morgen wird unser Bataillon seine Garnisonstadt verlassen, um sich zu einer dreiwöchigen Hebung auf den Truppenübungsplatz Münsingen zu begeben. Im Anschluß an die Hebungen auf dem Truppenübungsplatz nimmt das Bataillon an den großen Manövern in Westfalen teil. Mit Rücksicht auf verladetechnische Erfordernisse der Reichsbahn wird das Ausrücken des Bataillons am Donnerstag früh nicht in geschlossener Formation erfolgen, sondern die Kompagnien werden einzeln zum Bahnhof marschieren, wo sie bereits um 5,45 Hhr eintreffen werten. Die Abfahrt von Gießen erfolgt um 7,11 Hhr vormittags über Fulda— Flieden—Würzburg—Dietigheim nach Hrach, wo die Ankunft Freitag vormittag 10,40
Hhr erfolgt. Von Hrach auS totri) das Bataillon im Fußmarsch den Truppenübungsplatz erreichen.
Blumenschmuckwettbewerb. Die Bewertungskommission des Gießener Derkehrs- vereins für den Dlumenschmuckwetlbewerb wird in den nächsten Tagen mit ihren Rundgängen Durch die Straßen der Stadt beginnen, um die Bewertung des Blumenschmucks vor den Fenstern der Wohnungen usw. vorzunehmen. Die Beteiligung an diesem Wettbewerb ist erfreulicherweise rege. Der Derkehrsverein hat einen größeren Geldbetrag zur Beschaffung von Preisen zur Der- sügung gestellt, ferner haben die Gärtnerver- ermgung und eine Anzahl Geschäftsleute ebenfalls Preise für die Prämiierung der besten ‘Blumen* Dekorationen gestiftet.
Straßensperre. Wegen Vornahm« von Hausanschlußarbeiten wird der Wiesecker Weg zwischen der Marburger Straße und dem Weg nach dem Philosophenwald bis auf weiteres gesperrt.
** Besitzwechsel. Diplomingenieur Paul Müller veräußerte sei Besitztum Wilhelmstraße 21 an den Fabrikanten Joseph Kreuter für 85 000 Mark. Herr Müller verlegt seinen Wohnsitz nach dem von ihm erworbenen Gutshof Mühlenhof bei Kassel.
Rindermarkt. Auf dem gestrigen Rintermarkt waren aufgetrieben: 803 Stück Großvieh und 395 Stück Kleinvieh. Der Hantel ging sehr flott. Für gute Kühe wurden 550 bis 700 Mk gezahlt, für Rinder 400 bis 550 Mk. Ausgesuchte Tiere wurden über Rotiz gehandelt. Rach der Statistik ter Diehhandelszeitung Deutschlands sind die beiten letzten Gießener Märkte (am 9. und 23. August) mit ihren Auftriebszahlen von je 1200 Stück Vieh die größten in ganz Deutschland. Der nächstgrößere Viehmarkt ist ter von Leer (Ostfriesland).
** Der Kartoffelkrebs in Hessen. Rach einer Mitteilung des Landwirtschaftsamtes Groß-Hmstadt ist in ter Gemarkung Oberroten die gefürchtete Kartofselkrebskrankheit aufgetreten. Das Landwirtschaftsamt richtet an alle Kreise der Bevölkerung die Mahnung, mitzuhelsen, daß diese verheerende Krankheit zurückgedrängt werten kann. Die erforderlichen Sicherheitsmaßnahmen sind bereits eingeleitet.
** D e r Provinzialverein Oberhessen des Hessischen Sängerbundes hält am 4. September eine Haupttagung hier ab. Auf der Tagesordnung stehen u. a. Wahlen des Provinzialvorsitzenden und dreier Provinzialvertreter
*• Schloßbeleuchtunq in Biedenkopf. Zu Ehren des Oberpräsrdenten ter Provinz Hessen-Rassau, Dr. Schwander, ter gemeinsam mit Regierungspräsident Ehrler aus Wiesbaden die Stadt und den Kreis Biedenkopf besucht, wird am Donnerstagabend das Schloß zu Biedenkopf beleuchtet.
Verantwortlich |.ir Politik: i. 23. Ernst Blumschcin.
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