Ausgabe 
24.8.1927
 
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die eines Feinkostgeschäftes zertrümmert und die Waren auf die Straße ge st reut. Auf den Champs Elysees wurden die Veranden und Fenster der Cafes eingeschlagen. An einer Stelle ist sogar eine Handgranate geworfen wor­den, ohne jedoch Schaden anzurichten. Am Carre­four Reaumur wurden Geschäfte geplün - dert. Die Manifestanten bauen an dieser Stelle mit Baumstämmen, Automobilen usw. Barrikaden. Gegen 10.30 Ahr abends waren die Zugangs- straßen zur amerikanischen Botschaft von einer dichten Menschenmenge belagert. Auch die Gegend des Triumphbogens war durch eine Menschenmauer abgesperrt. P o l i z e i v e r- stär kungen wurden aus Automobilen an diese Stellen befördert. Der Versuch, Barri­kaden am Carrefour RHaumur zu bauen, führte zu heftigen Kämpfen mit der Polizei, an denen sich sogar Bewohner der um* liegenden Häuser beteiligten, die von den Balkons herab mit allerhand Gegenständen die vorgehenden Polizeibeamten bewarfen. Es gab hier zahlreiche Verletzte. Viele Verhaf­tungen wurden vorgenommen. Gegen 10.30 Ahr gelang es der Polizei, diese Stelle zu säubern. 3n der Nähe der großen Boulevards, ebenso wie an den verschiedensten Stellen der Innenstadt, waren weiter« Zusammenstöße zu verzeichnen, bei denen die Polizei sogar von ihren Revolvern Gebrauch machen muhte. Die Menge bemächtigte sich der die Bäume um­gebenden Gitter, riß sie aus und versuchte, mit den eisernen Gitter st äben die Polizei zurückzutreiben. Gegen 11 Ahr wurden hier im ganzen elf Verhaftungen vorgenommen. Mehr als zwanzig Polizeibeamte sollen nach den bis­herigen Feststellungen Verletzungen erlitten haben.

Gegen 11 Uhr kam eszuneuenZusammen- st ö ß e n zwischen Manifestanten und den Gästen eines bekannten Tafts der Champs Clydes, wobei Schüsse fielen, durch die jedoch niemand ge­troffen wurde. Die Manifestanten schlossen sich hier­auf den am Triumphbogen mit der Polizei im Handgemenge liegenden Massen an. Im Verlaufe dieser Zwischenfälle wurden etwa zehn Verhaftungen oorgenommen, jedoch nur drei aufrechterhalten.

In Lyon wurden revolutionäre Aufrufe des Inhalts verbreitet:(Saeco und Danzetti sind ermordet worden. Rächt fiel Vergangene Rächt hatte man versucht, die Straßenbahn da­durch am Ausfahren zu verhindern, daß man Sand in die Schienen streute.

Aus Rouen werden gleichfalls Zwischen­fälle gemeldet. Die Kommunistische Partei hatte für gestern Abend eine Kundgebung anberaumt, die von etwa 800 Personen besucht wurde. Be­rittene Polizei ging gegen die Manifestanten vor. Drei Beamte wurden mehr oder weniger schwer verletzt. Fünf Manifestanten wurden ver­haftet.

Paris, 24. Aug. (WTB. Funkspruch) Der Polizei bericht über die gestrigen Ereignisse ver­zeichnet weitere Zusammenstöße zwischen Mani­festanten und Polizei an verschiedenen Punkten der Stadt. Die Gesamtzahl der Verhaf­teten wird auf 2 00 geschäht. Etwa 10 Poli- zeibeamte sind ins Krankenhaus ein­geliefert worden. Annähernd 50 Leichtverletzte konnten sich nach Anlegung von Rotverbänden nach Hause begeben. Am Mitternacht war die Ruhe in der Stadt wiederhergestellt. Auf den äußeren Boulevards jedoch sind die Schäden beträchtlich.Journal" berichtet überdies, daß Manifestanten das Grab des unbe­kannten Soldaten unter dem Triumph­bogen b e s p u ck t haben. Aus der Provinz liegen ebenfalls Rachrichten über Kundgebungen vor. In Lille kam es zu Zusammenstößen zwischen Polizei und Manifestanten vor dem amerikanischen Konsulat, wobei 4 Personen zur Feststellung ihrer Personalien verhaftet wurden. Rach demMatin" ist in Toulon auf dem Rathaus die Flagge auf Halbmast gesetzt worden. In Bordeaux und Marseille wurde die Flagge auf der Arbeitsbörse auf Halbmast gesetzt. Auch in Toulouse ist es nach dem gleichen Blatt zu Züsammenstöhen zwischen Polizei und Manifestanten gekommen.

Höllenmaschinen in Montpellier.

Paris, 23. Aug. (WB.) Havas meldet aus Montpellier: Heute um Mitternacht wurde nach Beendigung einer Protestkundgebung gegen die Hinrichtung Saccos und Vanzettis ein« Höllenmaschine gegen die Polizei­station eines Arrondissements geschleudert. Sämtliche Fensterscheiben der Polizeistation und der benachbarten Häuser wurden zertrümmert. Ein Polizist wurde leicht verletzt. Der Einwoh­ner bemächtigte sich eine Panik. Von der Höllen­maschine selbst war nichts aufzufinden. Drei Stunden später explodierte eine zweite Höl­lenmaschine, die gegen das Denkmal der Jungfrau von Orleans, dreißig Meter von der Polizeiwache entfernt, geschleudert wurde. Sie richtete nur einigen Sachschaden an. Bisher hat man keine Anhaltspunkte über die Arheber des Anschlages.

Kundgebung

der französischen Sozialisten.

Paris, 23. Aug. (WB.) Die Soziali­stische Vereinigung des Seine-De­partements und der Vorstand der sozialisti­schen Iugendverbände haben eine Tagesord­nung gegen die Hinrichtung Saccos und Van­zettis angenommen, in der sie erklären:Wir machen nicht das amerikanische Volk verantwort­lich für die von seinen Führern begangene In­famie. Wir werden uns aber dieser Hand- fung zu erinnern wissen, di« eine neue Episode >es Klasfenkampfes darstellt."

Die ihre Gefängnisstrafe verbüßenden kom­munistischen Abgeordneten Cachin, Marty und D v r i o t haben den Kammerpräsidenten da­von in Kenntnis gesetzt, daß sie die R e g i e r u n g zu interpellieren gedenken über das an­läßlich des am 19. September stattfindenden Kon­gresses der amerikanischen Legion in Paris geplante Rationalfest, das angesichts der Volkserregung über die Hinrichtung mit Recht von den französischen Arbeitern als Faustschlag ins Gesicht empfunden werden würde.

Wilde Demonstrationen in London.

London, 24. Aug. (WTB. Funftpruch.) Gestern abend kam es nach einer sechsstündigen Protestkundgebung im Hyde-Parl gegen di« Hinrichtung Saccos und Vanzettis, an der sich 15 000 Menschen beteiligten, zu wil­den Szenen im Westen von London. Mehr als 40 Personen wurden verletzt, mehr

als 12 Personen mußten nach dem Hospital ge­bracht werden. Die Polizei ging mit Gummi­knüppeln gegen die Demonstranten vor. Personen, die nichts mit der Demonstration zu tun hatten, wurden in die zurückflutenden Menschenmassen hineingezogen und erlitten dadurch Verletzungen. Neue Kundgebungen in Gens.

Genf, 23. Aug. (WB.) Heute abend kam es kurz vor 6 Uhr in der Näh« des amerikani­schen Konsulates zu einer großen Men­sch e n a n s a m m l u n a. Die Polizei sperrte hierauf neuerdings alle zum Konsulat führenden Straßen ab. Da gewisse Elemente der Aufforderung, sich zu- riickzuziehen, nicht unverzüglich Folge leisteten, wur­den von der Feuerwehr zwei Motor­spritzen in Tätigkeit gesetzt, deren Wirkung sich sofort fühlbar machte. Die Menge, welche hauptsäch­lich aus Neugierigen bestand, zerstreute sich langsam. Die Polizei nahm zehn Personen fest, die alle ver­letzt waren. An verschiedenen Punkten der Stadt sind Absperrungen vorgenommen worden, insbeson­dere in der Nähe des Völkerbundspalastes.

Der von den Manisestanten gestern ange­richtete Sachschaden wird auf zirka 100 000 Fran­ken geschaht. Es wird als selbstverständlich be­trachtet, daß der am Gebäude des Völkerbund- sekretariats verursachte Schaden vorn Kanton Genf gedeckt wird.

Polizeikcmmissar F l o t r o w unterzog heute vormittag die am Montagabend verhafteten Manifestanten einem Verhör. Alle Angeschul- digten, unter denen sich mehrere Italiener! befinden, haben zugegeben, an den Unruhen aktiv beteiligt gewesen zu fein. Die Mehrzahl von ihnen hat an dem Angriff aus das V ö lker b u n d se k r e t a r ia t teilgenommen. Die Verhafteten wurden der Staatsanwaltschaft übergeben und werden sich vor dem Polizei- gericht zu verantworten haben.

Bedauern

des Schweizer Bundesrats.

Bern, 23. Aug. (Wolff.) Der Bundesrat hat sich fyeute früh in einer außerordentlichen Sitzung mit den gestrigen Zwischenfällen in Genf befaßt. Er beschloß die Veröffentlichung folgender Kundgebung:Der Bundesrat hat mit Ent- rüftung von den bedauerlichen Vorkommnissen Kenntnis genommen, die sich gestern in Genf abge­spielt haben. Er hat sich sofort mit der Regierung des Kantons Genf in Verbindung gesetzt, um sich mit ihr über die Maßnahmen zur Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung zu verständigen. Er hat den Minister D i n i ch e r t, Chef der Abteilung für Aus­wärtiges im politischen Departement, und Bundes­anwalt Stämpfli nach Genf beordert. Minister Dinichert hat besonders den Auftrag, dem Gene­ralsekretär das Bedauern des Bundesrats auszusprechen und ihm zu versichern, daß alle Maß­nahmen zum wirksamen Schutz der Einrichtungen des Völkerbundes getroffen worden sind.

Die Genfer Staatsräte Boiffanas und Ol- tranare haben dem Völkerbund das Be­dauern der Genfer Regierung über die gestrigen Vorkommnisse ausgedrückt. Der Genfer Staatsrat Hot in einer außerordentlichen Sitzung beschlossen, ein Infanterieregiment in Bereitschaft zu stellen.

Die Hranktireur-Untersuchung.

Die diplomatischen Verhandlungen zwischen Brüssel und Berlin über die Zusammen­setzung der ins Auge gefaßten A n t e r s u - chungskommission sind im Gange. Irgend etwas über ihr vermutliches Ergebnis und da­mit auch über die Mitglieder des Ausschusses und seines Aufgabenkreises läßt sich noch nicht sagen, vor allem auch deswegen noch nicht, weil der belgische _ Außenminister Dandervelde ziemlich selbständig vorgegangen ist und sich nun erst mit seinen Ministerkollegen über die ganze Angelegenheit auseinandersehen muß. Er wird, was nicht zu bestreiten ist, im belgischen Kabi­nett keine allzu freudige Zustimmung finden. Daß man aber beschließt, die Bildung einer Kom­mission zur Untersuchung des Franktire krieges oder aller anderen Vorkommnisse, während und nach dem Kriege, besonders L Zustandekommen des Versailler Diktats eine ni.^t unwesentliche Rolle spielten, fallen zu lasten und den Außenminister zu ersuchen, uns gegen­über den Rückzug anzutreten, glauben wir nicht. Das würde doch den Eindruck Hervorrufen, als habe Belgien sehr viel zu verbergen und eine unparteiisch« Untersuchung zu scheuen. Die bel­gisch« Rechtspresse hätte es allerdings lieber gesehen, wenn Vandervelde niemals mit einer derartigen Offerte an uns herangetreten wäre. Sie versucht bereits zu retten, was sich retten läßt, und schlägt vor, der Völkerbund solle diese Kommission bilden. Bei aller Ach­tung vor der Genfer Institution glauben wir doch, es fei besser, beide Regierungen suchen sich tatsächlich unparteiische Iu- riften und lassen ihnen dann völlig freie- H"a n d. Davon will man aber in den Kreisen der belgischen Chauvinisten nichts wissen. Es wird schon zu verstehen gegeben, die Kommission würde in den in Frage kommenden Ortschaften auf den Widerstand der Bevölkerung stoßen und sich größten Gefahren aus­sehen. Einige belgische Blätter, in deren Redak­tionen man anscheinend noch immer an die ab­gehackten Kinderhände glaubt, sehen voraus, daß iede Untersuchung uns nur belasten würde, sie verlangen bereits di« Auslieferung der zu ent* larvenden Schuldigen. Wenn sich die erste Auf­regung über den Schritt Vanderveldes gelegt hat, dann wird man sich auch in Belgien bequemen müssen, das Für und Wider dieses Vorschlages sachlich zu überprüfen. Tut das die belgische Presse, dann muß sie ausnahmslos zu der Ein­sicht kommen, daß Belgien sich selbst nur schadet, wenn es eine neutrale und unparteiische Unter* suchung hintertreibt.

Parlamentarischer Arbeitsbeginn.

Berlin, 24. Aug. (Priv.-Tel. des WB.) Wie derSozialdemokratische Pressedienst" mit* teilt, wird sich am morgigen Donnerstag der zu­ständige Ausschuß des Reichs rats mit dem deutsch-französischen Handelsver­trag beschäftigen. Rach der Zustimmung des Reichsrats und des handelspolitischen Reichs* tagsausschusses wird der Vertrag in Kraft treten Am 5. September wird sich ein weiterer Aus­schuß des Reichsrats mit dem Gesetzentwurf über dm endgültigen Reichswirtschafts­rat befassen. Der Haushaltsausschuß des Reichs­tags soll, wie bisher geplant ist, erst in der Mitte des Monats September zusammentreten. Die

Ausschüsse des Reichswirtschaftsrats nehmen int Lause des September auch ihre Arbeiten wieder auf. Zur Beratung steht u. a. das Arbeitsschutz- gesetz. Endlich tritt der Arbeitsausschuß zur Prü­fung der Zollsätze zusammen, dem bereits eine Reihe von Sachverständigengutachten vorliegt.

Zaglul Pascha f.

ßonbon, 24. Aug. (WTB. Funkspruch.) Wie aus Kairo gemeldet wird, ist dort Zaglul Pascha gestern abend im Alter von 77 Jahren gestorben. i

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Saad Zaglul war unter allen ägyptischen Staatsmännern der einzige, der Fellache, also eigent­licher Aegypter war. Er war ursprünglich Scheich, d. h. ein religiöser Beamter, und trat erstmals wäh­rend des Arabi-Aufstandes 1882 politisch hervor, bekämpfte damals die Engländer, machte aber dann seinen Frieden mit ihnen und trat in nah« Be­ziehungen zu dem damaligen englischen Oberkom­missar Lord Cromer. Er wurde Beamter im Unter­richtsministerium, später Unterrichtsminister und un­terstützte den Verkauf der Suez-Nanalaktion an Eng­land, ebenso die Abtrennung des Sudan. Später wurde er Abgeordneter und Präsident der gesetz­gebenden Versammlung Aegyptens, die England 1912 dem Land zugestanden hatte und die am 22. Januar 1914 zum ersten Male zusammentrat.

Hier begann Zaglul die Nationalisten, die nach völliger Unabhängigkeit begehrten, um sich zu sam­meln. Am 13. November 1918 erklärte er sich dem englischen Oberkommissar Sir I. R. Wingate gegen­über bereit, nach London zu gehen, um dort mit der englischen Regierung zu verhandeln. Als London trotz Empfehlung des Vorschlages seitens des Ober­kommissars oblehnte, kam es zu einem Kabinetts­wechsel. Eine Abordnung der Kammer von zwölf Mitgliedern, darunter Zaglul, erhielt den Auftrag, die Sache Aegyptens vor der Friedenskonferenz in Paris zu vertreten. Kurz vor deren von den Eng­ländern verbotenen Abreise wurde aber Zaglul im März 1919 verhaftet und nach Malta gebracht. Daraufhin kam es zu schweren Unruhen in Aegyp­ten. Ein neuer englischer Oberkommissar, Lord Al- lenby, hob das Reiseverbot wieder auf und so mußte Zaglul wieder in Freiheit gesetzt werden. Er begann nun erst recht gegen die englische Regierung zu agitieren, so daß die Londoner Regierung sich entschloß, eine Untersuchungskommission unter Lord Milner nach Aegypten zu entsenden. Aus Paris, wo er sich aufhielt, ordnete er an, diese Kommission zu boykottieren. Erst als die Engländer zusagten, die Unabhängigkeit Aegyptens als Grundlage der Ver­handlungen anzuerkennen, ließ er sich zu solchen herbei. Das Ergebnis entsprach seinen Wünschen aber nicht. Er fuhr fort, die Engländer zu be­kämpfen, bis diese ihn des Landes verwiesen. Als er nicht freiwillig gehen wollte, wurde er Ende 1921 wieder verhaftet und zuerst nachCeylon, dann nach den Seyschellen-Inseln deportiert. Im März 1922 er­klärte i>ann England das Protektorat über Aegypten für beendet und ließ im April den Vizekönig Fuad 3um unabhägigen König Aegyptens ausrufen. Doch behielt es sich Besatzungsrechte vor. Zaglul wurde 1923 freigelassen und kehrte wieder in sein Land zurück. Im Frühjahr 1924 bildete er ein Kabinett, um zu versuchen, auf diesem Wege die Engländer noch zu weiteren Zugeständnissen zu bewegen. Eine Reise nach London'im Sommer 1924, wo er mit Macdonald verhandelte, blieb aber ergebnislos. Inzwischen war selbst er dem extremen Flügel der Nationalisten der Watani-Partei verdächtig geworden. So kam es am 12. 7. 1924 in Kairo zu «jnent Attentat auf ihn, bei dem ihn ein ägyptischer Student leicht verwundete. Nach der Ermordung des englischen Oberbefehlshabers Sir Lee Stack am 19. Nov. 1925 mußte er, da er die Sühneforderungen Englands als zu weitgehend ablehnte, zurücktreten. Es folgten ein Kabinett Ziwar-Pascha und am 12.3. 1925 Wahlen, in denen die Waft-Partei (Zaglu- listen) zwar starke Einbußen erlitt, dennoch aber die Mehrheit behielt. Beim Zusammentritt des neuen Parlaments wurde Zaglul am 23. 3. 1925 zu dessen Präsidenten gewählt. In der gleichen Stunde aber wurde das neue Parlament schon wieder von der Regierung Ziwar-Pascha aufgelöst, die dann im Einvernehmen mit König Fuad ein absolutes Regiment durchzuführen versuchte, die Neuwahlen hmauszöaerte und ein neues Wahl­gesetz oktroyieren wollte. Die Sage trieb auf einen neuen gewaltsamen Ausbruch hin, als der neue Oberkommissar Lord Lloyd selbst dem König und Ziwar-Pascha zum Nachgeben riet. So kam es am 28. 5. 1926 zu Wahlen und damit zu einem neuen glänzenden Wahlsieg Zagluls, der daraufhin die Regierung übernehmen wollte, dem Einspruch Eng­lands aber nachgab, ein Kabinett Adly-Pascha zu­ließ und sich mit seiner am 10. 6. 1926 erfolgten Wahl zum Kammerpräsidenten begnügte.

Von der russischen Klassenjustiz.

M o 8 f a u, 23. Aug. (WTB.) Das Zentral* Exekutivkomitee der Sowjetunion hat das Gnaden­gesuch der Frau Klepikowa, die vom Re­volutionsgericht der baltischen Flotte wegen Spionage zugunsten Englands zum Tode verurteilt worden war, abgelehnt. Das Urteil ist heute vollstreckt worden.

Keine Kandidatur

Dawes' und Hoovers.

Washington, 23. Aug. (WTB.) General Dawes erklärte auf Anfrage, daß er nicht beabsichtige, für die Präsidentschaft zu kandidieren. Handelssekretär Hoover, der gestern von seinem Urlaub zurückgekehrt ist, teilt gleichfalls mit, er beabsichtige nicht zu kandi­dieren. Er werde nicht fein Amt niederlegen, um seine Rominierungskampagne vorzubereiten, sondern er hoffe, daß Covlidge als Kandidat aufgestellt werden würde.Rew Vork Tribüne" erklärt, daß die Lage noch ganz ungeklärt sei, daß aber die Mehrheit der republikanischen Partei immer noch auf eine Wiederwah l Cvo - l i d g e s hvfte.

gusanirnenstoh zwischen Indern und Mohammedanern.

, D elhi, 23. Aug. (WB.) Während der Be­gräbnisfeier eines Inders, der in einem Zuge von einem Mohammedaner getötet worden sein soll, warfen Inder Steine in mohammedanische Läden, was einen Zusammenstoß zwischen Indem und Mohammedanern verur­sachte. Acht Inder wurden von der Polizei ver­haftet. Sechs Polizisten, neun Mohammedaner und ein Inder wurden verletzt. Die Ordnung wurde wieder hergestellt. Die Läden sind ge­schlossen worden. Polizeistreifen durchziehen die Straften.

Aus aller Wett.

Hamburger Kolonialskandal.

Bei der vor einigen Wochen in Zahlungs­schwierigkeiten geratenen Kolonialfirma Hans Sietgen, Berlin-Hamburg, haben sich, wie die Boss. Ztg." berichtet, die größten Unregelmäßig- ketten herausgestellt, da jede ordnungsmäßige Buchführung fehlte. Soweit sich bis jetzt über­sehen läßt, belaufen sich die Passiva auf zwei Millionen Mark, während die Aktiva gleich Rull sind. Insbesondere geschädigt sollen Kreis« sein, die dem kolonialen Gedanken nahestehen. Als ein« der Hauptgläubigerinnen wird die Deutschnational« Dersicherrmgs-Aktiengeftllschaft in Hamburg genannt, deren Verlust

auf 3 0 0 0 0 0 Mark beziffert wird. Außerdem haben Privatleute und ehemalige Ostafrikaner, die sich w'.eder in Ostafrik» ans edeln wollten, Verluste erlitten. Die Behauptung, daß 'das Reich stark geschädigt sei, muß noch nachge­prüft werden: jedoch soll soviel feststehen, daß Sietgen, der eine Filiale in Sanaa (Deutsch» Ostafrika) hatte, vielen deutschen Firmen Ent­schädigungsgelder unterschlagen hat, di« diesen von der Reichsregierung auf Konto der Ent­schädigungsansprüche zur Wiederansiedlung in Deutsch-Ostafrika ausgezcrhlt waren. Das Aus­wärtige Amt hat einen Vertreter in den Gläu­bigerausschuß entsandt, um nachprüfen zu können, welche Personen von Sietgen um ihre Entschädi­gung gebracht worden sind.

Zollhinterziehungen eines Franzosen.

Der französische Kaufmann Edmond Racinet, der in Wiesbaden «in Kaufhaus unterhielt und mit seinen billigen Waren der deutschen Ge­schäftswelt schwere Konkurrenz gemacht hatte, ist jetzt auf Veranlassung der deutschen Zoll­behörden wegen fortgesetzter schwerer Zollhinter­ziehungen verhaftet worden.

Lin Hehlernesl ausgehoben.

In Deutsch-Krone in der Grenzmark wurden in letzter Zeit zahlreiche Einbrüche verübt, mit deren Aufklärung sich auch die Berliner Krimi­nalpolizei befaßte, weil man vermutete, daß d« Deute der Diebe nach Berlin geschaftt wurde. Die Beobachtungen ergaben, daß aus Deutsch-Krone tatsächlich eine große Zahl von Paketsendungen nach Berlin gelangten, und zwar an eine Familie Schacklowaki in der Langenstraße. Als der Post­bote gestern dort wieder einmal Pakete abge­geben hatte, drangen Kriminalbeamte über­raschend in die Wohnung ein. Bei einer Durch­suchung entdeckte man zwischen den Betten versteckt die Pakete, von denen eins Golduhren, Schmuck­sachen und Kleidungsstücke enthielt. Als die Beamten auch einen Kleiderschrank öffneten, ent­deckten sie in ihm, in einem Haufen Wäsche ver­steckt, einen Marrn. Bei seiner Vernehmung nannte er sich Franz Friedemann, wurde aber bald als der Litauer Simon Antonattis entlarvt, der im Juli aus der Untersuchungshaft in Spandau entwichen ist, und seitdem gesucht wird.

Ein Postaushelfer stiehlt 60 000 Mark.

Der 32jährige Postaushelfer Paul Wegener in Berlin, der schon mehrere Jahre bei der Reichspost beschäftigt ist, stahl gestern abend beim Sortieren von Wertbriefen einen Geldbrief, der mit tausend Mark deklariert worden war, in Wirtlichkeit aber 60 000 Mark enthielt. Der Säter ist flüchtig. '

Eine Mutter mit vier filnbern In den lob gegangen.

Aus dem Oberteich in Rastenburg (Ostpreußen) wurden gestern fünf Leichen geborgen. Es han­delt sich um die schwer kranke Frau des schwer­kriegsbeschädigten Maschinisten Lauterbach aus Iankendorf, die mit ihren vier Kindern im Alter von drei bis acht Jahren den Tob gesucht hatte. Der Grund zu der Tat scheint in ehelichen Zwistigkeiten zu bestehen.

Die Wetterlage.

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Wettervoraussage.

Der südskandinavische Tiefdruck liegt heute über Finnland, lieber Mittel* und Westeuropa seht allgemeiner Luftdruckanstieg ein und läßt 'damtt eine weitere Wetterberuhigung aufkom­men. Der Witterungscharakter gestaltet sich morgen in der Hauptsache trocken. Die Tenrpe- raturen werden ihren gegenwärttgen Stand wenig ändern.

Wettervoraussage: Wolkig mit Aufheiterung, mäßig warm und meist trocken. Wttterimgsaus­sicht en für Freitag: Keine wesentliche Aenderung.

Lufttemperaturen: 23. August vormittags: 18,2 Grad Celsius; nachmittags: 14,2 Grad Celsius. Am 24. August morgens: 13,5 Grob Celsius.

Erdtemperaturen in 10 Zentimeter Tief«: Am 23. August: 17,8 Grad Celsiur; am 24. AugusN 14,2 Grad Celsius.

Gestrige Tagestempsraturen: Maximum: 18,5 Grad Celsius. Minimum: 11,5 Grad Celsius.