Ausgabe 
23.2.1927
 
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nr. 45 Drittes Blatt______________Eichener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen) Mittwoch, 25. Hedruar 192Z

Für den Büchertisch.

3ur Literaturgeschichte.

H Romann: Die Heb er fee le. Grunbzüge einer Morphologie der deutschen L:- teraturgrichichte. Leipzig. Verlagsbuchhandlung 3. 3. Weber Hamann setzt sich in seinem Such mit Problemen auseinander, d.e nicht nur den Literarhistoriker, sondern jeden Freund beut- chen Schrifttums interessieren, er toirb zum ©<? ltalter einer Literaturbetrachtnng. die sich aut noch wenig betretenen Pfaden beweg'. Die Kunst," sagt er, ..wird zum Abbild deS oei altem Wechsel Bleibenden und das Derk des Künst­ler- wird zu einem Gleichnis der ewrgen Wirk­lichkeit." Die Kunst rührt an die Tiefen der Seele, sühn in einem Goldftrom von Licht un­endliche Schönheit betaut. Sie bedarf de- Äünft- er- au einem metaphysischen Zweck Sie ist nach Goethes Wort die würdigste AuSlegerin der Natur die Vermittlerin des Unaussprechlichen. 3ebt Zeit braucht ihre eigentümliche Stimmung und ÄusdruckSweise. Den Dichter ergreifen 3been. sie zu bekennen. Die poetischen Kräfte de- Volke- vereinigen sich in den großen Dich­tern. Naives Suchen nach dem, Sinn des Leben­wird in der Kindheit der deutschen Kultur offen­bar. LrstlingSkrä te ringen lid) los Die deutsche Iugenddichtung großen Stil- spricht am kräftig- ft en au- dem Nibelungenlied zu uns. Das Volk liebt das Wunderbare, schafft sich eine farben­prächtige. phantastische Welt. Innere Spannun­gen, seelische Konflikte, moralische Bedenken wer­den in der Jugendzeit der Dichtung nur wenig berührt. Dem Historischen waren die Dichter geistig noch nicht gewachsen. Erst in der Zeit der Reife gewöhnt sich da- Volk an die Wertschätzung selbst erarbeiteter, dauerhafter, geistiger ®r- kenntnisse. Da- Manne-alter der Nation zeigt die Vergeistigung aller Seelenkrästc auf. ES kommt zu einer größeren Schärfe und Klarheit des Logischen in der Kunst. Der nationale Ge­danke gewinnt erst.in der Zeit reifer Männlich­keit Wucht und Tiefe. In der Dichtung wird, eine ganz neue Art psychologischer Durchleuch-' tung des Stoss- evident. Hamann flicht in feine Schrift eine Charakteristik Goethes ein, die bei tiefgründiger Analyse zu vollklingender Synthese gelangt. Tun und Denken de- Dichters wird mit grandioser Konsequenz erfaßt. Trotz seiner kon­zentrierten Form sind in Hamanns Werk die vsychologischen Fäden bi- in- Feinste gesponnen. Klar wird die Entwicklung der deutschen Li­teratur in allen ihren Proportionen erörtert. Alle wahre Kunst quillt auS der Seele des Volks. Sein GeniuS muß mit Jahrhunderten rechnen, ehe er erträumte Hohe gewinnt. Das Deltgefühl der deutschen Station glüht beim Er­scheinen de- großen Dichters auf, wird sich zu inachtvollstem Ausdruck steigern. Es ist nicht zu­viel aefagt: diese geistreiche Schrift trägt zu Gipfeln der Erkenntnis empor. 64 A. B.

Anna Maria Darbooen, Schil» ler» sittliche Forderungen, eine Einfüh­rung in die Entwicklung seiner Weltanschauung, München bei Georg Müller. (12) Dieses Werk ist ein glänzendes Zeugnis für die philosophische Schu­lung und den analytischen Geist der Verfasserin. Nicht daß über Schiller» Entwicklungsgang, seine ästhetischen, moralischen Anschauungen absolut Neues gesagt würde, den hohen Wert dieser Abhandlungen erkenne ich darin, baß sie den Leser zum NuckHenken führen, vor allem, daß uns vor Augen geführt wird, was Schiller unserer Gegenwart bedeutet. Wenn der Dichter einmal an Goethe schrieb:Mir wird der starke Gegensatz meiner Natur gegen die Masse das Publikum nie zum Freund machen rönnen*, so bleibt diese Tatsache trotz vieler Schwätzer und Schaumschläger für weitere Streife heute noch bestehen. Gewiß stand Schiller dem Nationalismus feiner Zeit nahe, die Erhabenheit feines Geistes aber, feine Ideensülle wollen den inneren Zusam­menhang und die letzten Gründe des Seins er- farfcyen. Die höchste ödee ist ihm die Idee des Guten, die sich dem Göttlichen assimiliert. Immer gipfelt seine Betrachtung menjd)lidien Handeln» in unumstößlicher Ethik. Als Weltanjchauungsfaktor ist Schiller bis auf unsere Tage noch lange nicht genug, geschätzt. In unserer zerrissenen, von politischen und sozialen Kämpfen erfüllten Gegenwart kann er uns vun Leitstern werden. Die hellenische Lust der Freiheit und Schönheit, die er atmet, verschmilzt mit dem transzendentalen Idealismus, der dcn Grund seiner Wesenheit bildet. Das Weltall gilt Schiller als belebt, belebt durch das Prinzip der Liebe. Das Höchste, Beste sind die Gefühle des Schönen. Wahren, Guten, die Ahnung des lieber- sinnlichen, des Ewigen. Anna Maria Darbooens Werk gliederi sich in die AbschnitteSchillers fünft» lerifAe» Schaffen, des jungen Schillers Ringen um eine Weltanschauung, erste Erkenntnisse, niebergetegt in dem GedichtDie Künstler", Kants (Einroirfung und das Problem der Schönheit, Ausbau des Sittengesetzes in . Anmut und Wurde", Goethe und die Borbeningen für eine ästhetische Erziehung des Menschen, die Gedanken einer ästhetischen Erziehung mb dichterischen Gestaltung",Das Ideal und das Leben*, die Begründung einer neuen Aelthetik der Dichtkunst,lieber naive und sentimentalische Dich­tung*. dem großen Menschen und Erzieher Schiller zum Gedächtnis. Ich möchte dem gedankenreichen, auch in stilistischer Hinsicht einwandfreien Buch viele verständnisvolle Leser wünschen. A.B.

Heinrich Spiero: Ernst Zahn, das Werk und der Dichter (Reihe: Dich­tung und Dichter). Gebunden Mk. 2.5?. (Deutsche Verlagsanstalt. Stuttgart.) Vielen, die dem Lebensmerk Ernst Zahn- Stunden künstlerischen Genüsse- und dauernden seelischen Gewinn ver­danken. wird e- wie eine Pflicht der Dankbarkeit erscheinen, sich über We'en und Werben, über Schaffen und Schicksal de- Dichter- nähere Kennt­nis zu verschaffen. Ihnen darf die Echrikt von Heinrich Sptero empfohlen werden, die zum 60. Geburtstag de- Schweizer Dichter- erschienen ist. Spiero. der schon manch wohlgelungene- Dich- terbildni- In literarischer Form geschaffen hat. entwickelt mit menschlichem Feingefühl und ein­dringlicher künstlerischer Analyse das Bild Zahns aus seiner Umwelt, der Schweiz, und auS seinem äußeren Leben-gang, er verfolgt dann über seine literarischen Anfänge hinweg seine schriftstel­lerische Entwicklung und umschreibt die Probleme, die den Dichter beschäftigen und oft zu mehr­maliger, immer neuartiger Gestaltung lacken. Die schöne Wärme und vornehme Form der Dar­stellung im einzelnen machen die Belehrung die

Politik und Geschichte.

Aach seinem .Wilhelm II.*, Dem größten Buch- erfolg Des vergangenen Jahres, bat Emil L* u b * fl unermüdlich wie seit Jahren, die Deffcnt- lichten schon wieder mit einem dickleibigen Werk beglückt. Man hat schon früher gesagt, baß die meisten Historiker von Fach sich wohl glücklich preisen würben, einen einzigen von diesen dicken Wälzern als Lebensarbeit der Öesfenilichkeit oorlegen zu können. Und man hat weiter gesagt, daß dieses erstaunliche Tempo, mit dem der Dichter Emil Ludwig histortiche Stosse von größtem Au», maß historisch zu behandeln unternimmt, auch den Wert dieser Arbeiten am treffendsten kk-aratterisieri: l£» sei die in einem Zuge flott hingeschmissene Äon- jeption eines hochbegabten Journalisten, der fein .Mfelierte, mit dem oft spröden Stoss meisterhaft umspringende, fast allzu blendende Stil eines nicht unbedeutenden Dichters, aber auch die ganze Ver­antwortungslosigkeit eines Mannes, der nur mit Verachtung auf die Zunft professioneller Historiker herabfiejjt und jede kritische Wertung des bei all feinen «stossen ungeheuren Quellenmaterials mit »einer lässigen Handbewegung abtut, weil er seiner ganzen Veranlagung nach überhaupt nicht imstande wäre, sie zu benutzen. Man wird diese scharfe Kritik nicht ungerecht finden können, wenn man fein neue sie» WerkBismarck. Geschichte eines Kämpfers" (Verlag Ernst Rowohlt, »ertinU 35) ernsthaft betrachtet. Es ist lein Zweifel, auch der Mann vom Bau wird sich nur schwer dem hohen ästhetischen Genuß entziehen können, der die Lek­türe eines jeden Werkes Emil Ludwigs bereitet. Aber darin liegt gerade die große Gefahr dieser Bücher, die bei demBismarck" ganz besonders klar hervortritt. Von den 700 Seiten des Ludwig, (eßen Werkes sind gewiß gut ein Drittel von Bis- marck selbst. Aus denGedanken und Erinnerun­gen", au» den Gesprächen, aus den zahllosen Bries­sammlungen bat Ludwig Worte, kurze Aussprüche, >a, ganze Abschnitte zusammengeftellt. Dagegen wäre nichts zu sagen, aber auf das W i e kommt es an. Ludwig hat sich die Belege für feine feststehende Auffassung hergeholt, wo er sie fand und zusammen, gestellt, wie sie ihm paßten, ohne jede Rücksicht auf Zeit und Umstände, in denen diese Aussprüche ge» lallen waren, diese Sätze geschrieben wurden. Ja, rr gibt nicht einmal dem Leser die Möglichkeit, den Zusammenhang sestzusteUen, den Quellen der Zitate nachzugehen. (Ein sehr lückenhaftes Literaturverzeich­nis steht ohne jeden inneren Zusammenhang mit dem Werk.) Wir müssen es uns verfaaen, im Rahmen einer kurzen Besprechung die unzähligen Mißgriffe und Mißdeutung^ aus,zuzählen, die sich der Dichter

bei der Abiasiung dieies Luche- geleistet bat. Sie sind noch nicht einmal oerrounbcrlid' wenn man bedenkt, in welcher kurzen Zeitspanne eine solche Riesenardeil bewältigt werden mußte. Schlimmer sind schon die totalen Verzeichnungen, die sich eine Reihe von bedeutenden (Fbarahcren von Emil Lud roig bat gefallen lasten müssen. So um nur wenige zu nennen Friedrich tVilhelm IV.. der alte Kaiser, Moltke. Ludwig steht alles unter einem bestimmten Gesichtswinkel, der ihm bei der Beui teilung der großen Zusammenhänge lomobl, wie bei der Charakterisierung der Persönlichkeiten als Ira ger der Geschichte manch fatalen Streich gespielt hat Da» Buch ist, wie seine Vorläufer ..Goethe'.Rem brandt",Napoleon",Wilhelm II. ftfielnd und anregend von der ersten bis zur letzten Seite, aber nichtsdestoweniger eine gefährliche Lektüre in der Hand dessen, der aus ihm eine Auffassung von der Geschichte gewinnen will,so wie sie gewesen ist*.

Es ist eine schnellebige Zeit. Jagende Hast kennzeichnet die Politik unserer Tage, orfidt auch der literarischen Entwicklung ihren Stern- pdl auf. Aur aus diesem furchtbaren Tempo wird e- erklärlich, daß Fünfzigjährige, die ein Jahr­zehnt oder noch nicht einmal da-, im Brennpunkt des öffentlichen Leben- gestanden haben, sich alt genug fühlen. Memoiren zu schreiben, ober zu­mindest Ihre Reden und sonstige Gelegenheits­arbeiten zu sammeln. Gustav Str es emann fett fünf Jahren Reichsminister bei Auswärtigen und gewiß der erfolgreichste seit den Tagen von Compiegne, legt nun auch zwei starke Bände (9 ef a m m c ft c Reden und Schriften' der Oeffentlichkeit vor firn Verlag von Carl Rei-ner in Dresden). Es ist manches darunter, waS sehr nach Gelegenheit schmeckt und waS man in einer solchen Sammlung gut und gern hätte entbehren mögen Aber so manche Rede, so mancher Aufsatz find Marksteine auf dem Wege deutscher Politik, auf dem Martergange deS deut­schen Volke- auS den Tagen de- Weltkrieges über Versailles und RcparationSkonferenzen nach Lo­carno und in den Genfer Völkerbund geworden. Manch feine Charakteristik wir nennen nur die des unglückseligen Erzberger, de- Fürsten Bülow, des ersten Reich-Präsidenten Eberl gehören gewiß zum Besten, was über diese Männer je gesagt wurde. So ifkbiefees Werk trotz mancher Schlacken, die eine neue Auflage hoffent­lich abstößt, für die Geschichte unserer Tage gewiß eine- der intereffanteften. und wird für die Er­kenntnis der Persönlichkeit Stresemanns einmal eine sehr wesentliche Quelle fein. 8

Spiero bietet, zu einem literarischen Genuß und menschlichen Erlebnis. Wir haben unfern Lesern bereits an anderer Stelle eine Probe aus dieser ebenso knappen wie gediegenen Monographie über den Schweizer Dichter zugänglich gemacht. 36 Ludwig van Beethovens Sämt­liche Briese. Herausgegeben von Emerich Kastner. Völlig umgcarbeitetc und wesentlich □erm. Neuausgabe von Julius Kapp. Leipzig, Hesse & Becker, Verlag. In Leinen 6 50 Mk. lieber die Bedeutung von Beethovens Briefen braucht man kein Wort zu verlieren: Es sind Urlaute menschlichen Leidenschaft, Zeugnisse eines dämonischen Mannes und Künstlers, Zeugnisse auch feiner oft rührend hervorbrechenden Liebebedürftigkeit. Die vorliegende weitaus vollständigste Volksausgabe ist von dem bekannten Musikgelehrten Julius Kapp ganz neu bearbeitet: etwa 100 Briefe sind hinzugekommen; Text und Datierung entsprechen den neuesten For» schungen. Der großen Menge der Musikfreunde wird das Buch zum 100. Geburtstag des Meisters eine willkommene Gabe fein. 33

Neue Romane und Novellen.

Gin großer, gottbegnadeter Dichter war Jeremias G 0 11 h c l s, seine dichterische Kraft war unerschöpflich, in dem kurzen Zeitraum von 18 Jahren treibt sie in drängender Fülle ein herrliches Werk nach dem andern hervor. Reben der von Hunziker und Bloesch vorbildlich be- sorgten Gesamtausgabe (im Eugen Rentsch Verlag. München) liegen nun die Hauptwerke dieses gewaltigen Dichters und Botts'chriftstellers in einer ebenso gediegenen wie billigen Volks­ausgabe vor Zu den acht Bänden, auf die wir früher schon hingewiesen haben, sind jetzt noch sechs Bände dazugekommen. Da ist in zwei Bänden Anne Däbi Iowäger. dieses grandiose Eharakter- und Sittengemälbe, mit der reichen Bauersfrau im Mittelpunkt, eine Frauen- gestalt, die ganz einzig dasteht und mit der größten Genialität in all ihrem seltsamen und widersprechenden Wesen entwickelt ist. Dann in einem starken Band D i e Käserei in der Vehsreude. bewegt und vielgestaltig, reich an Charakteren. Verwicklungen. Str;-en. 6,i oben, der Humor des Dichters unerschöpsl.ch. der Witz ver­schwenderisch und das Ganze von einem uner­hörten Eprachreichtum. Weiter IakobSWan- derungen in der Schweiz. Don der treff­lichen Großmutter, einem Bild deutscher bürger­licher Kernhastigkcit. wird Jakob in die weite Welt entlassen, er muß die Schule der herbsten Prüfungen durchwachenden Becher des Irr­tums bis auf die Hefe Iwrcn ehe er aus einem liederlichen, charakterlosen, jedcstn Winde preis- gegebenen Gesellen ein mannhafter und achtungs­werter Bursche wird, älnd endlich erleben wir in den zwei Bänden Leiden und Freuden eine - Schulmeisters die wechselnden Schick­sale des Peter Käfer, neben den Gottheks das Mädeli gestellt hat. die Frau Schulmcisterin. eined jener herrlichen Frauenbilder voll Weib­lichkeit und Zartbeit und innerer Schönheit, von gleichgewogenen Gemüts- und Verstan^eskrä'ten, wie Gotthelf noch mehrere geschaffen hat. Ein unverlierbarer Schah teutfd}:r G"äplungen liegt so in dieser in Papier, Druck und Einband muster­gültigen Au-gabe vor. (Pres in schmuckem Halb- leinenband 4.20 Mk. der Band ) 91

Wilhelm Weigand: Wendelin- Heimkehr. Eine Erzählung. Reclam» llni- versalbibliothek ^Ir. 6729 30. Heft SO Pf., Band 1.20 Mk. Einer der bed:u!endsten deutschen Erzähler schrieb diele Rovekle. die so beschaulich anheb!, sich zu erschütternder Tragik steigert und in gelassener Harmonie auslkingt. Wendelin Krummholz, ein Herrenmensch in schlichter Haus­

lehrerstellung, liebt feines Brotherrn Tochter, wirb vom Vater, einem kuriosen pensionierten Major, überrascht und beleidigt und geht davon. Rach zehn Jahren kehrt er wieder heim, nun ein ernster, gefestigter Mann. Der Vater der Geliebten ist längst tot; die drei Brüder, Wende­lins ehemalige Zöglinge, sind zu Richtstuern und Schmarotzern geworden, die von der Arbeit ihrer Schwester leben. In diese leidvolle Un­ordnung tritt Wendelin und erzählt die Ge­schichte seiner Abenteuer in der Fremdenlegion, schwere, traurige, schicksalsbeladene Erlebnisse. Die Vereinigung der Liebenden bildet den Schluß dieser meisterhaften Rovekle. 54

Die schönsten Erzählungen von Ernst Zahn. 218 Seiten Oktav. In Leinen ge­bunden Mk. 4.50 (DeutscheDerlagsanstalt. Stutt­gart). Der vorliegende Band ist als eine Festgabe zu Ernst Zahns 60. Geburtstag gedacht. Zahn, der Deutsch-Schweizer, gehört zu den volks­tümlichsten Dichtern der Gegenwart im ganzen deutschen Sprach- und Kulturgebiet. Was ihm diese Volkstümlichkeit erwarb, sind vor allem seine Romane gewesen. Aber die wohlverdiente Schätzung, die seine Romane dank ihrer kraft­vollen künstlerischen Gestaltung, ihrem tiefen sitt­lichen Gehalt gefunden haben, ist noch nicht im selben Maß feinen Novellen und Erzählungen zuteil geworden; es ist wohl noch nicht hin­reichend bekannt, daß wir in Zahn auch einen Meister der Novelle besitzen. Wie er den inneren Forderungen dieser vornehmen Kurstform gerecht wird und dabei immer der im schönsten Sinn volkstümliche Erzähler bleibt, das sollen die in dem Auswahlband vereinigten sieben Meister­stücke einmal auch weitesten Kreisen recht an­schaulich machen. Zwischen der still verklingenden Novelle .Der Tag der Perpetua" und der zu dramatischer Wucht ansteigenden Erzählung .Die Mutter" ist die ganze Welt seiner Gestalten und Stimmungen eingespannt, wirken sich, trotz dem engeren Rahmen, in voller, zwingender Kraft alle Gaben feiner dichterischen Persönlichkeit aus. Die verlegerische Ausstattung des schönen Buches ist vortrefflich: ein Schmuck jeder Bibliothek. 37

Heinrich Nuppel, Helle Herz­kammern, A. Dernecker Heimatschollen Ver­lag, Melsungen. Wir die »Geschichten vom inneren Leben" lieft, dem ist, als führe ihn ein Menschenfreund durch Täler von Dorf zu Dorf, von Haus zu Haus, von Schicksal zu Schicksal. Ergreifende Bilder menschlicher Liebe. Sünde, Armut und Irrsale werden ihm gezeigt. Aber nicht um das rauhe Dasein, börsliche Welt und bäuerliche Gestalten, die wie aus Stein ge­meißelt kernig und echt vor ihm stehen, zu er­kennen. nicht um Teilnahme oder Abscheu zu empfinden, sondern um selber zu wachsen am inwendigen Menschen. Jede Geschichte ift eine realisiert« Predigt, ohne enge Moral, ohne Dogma und Kircylichkett. eine Predigt, die er­schüttert, die die Tiefen, menschlich^, Glückes und Fluches ausdeckt. Hier öffnet ein Gott- sucher die Hintergründe des Lebens, zeigt wahre Güter Ehr urcht vor dem kleinsten Wunder her Schöpfung. Liebe zum Aermsten. Dankbarkeit für Geringes. Schlichte Weisheit wird unserer ver­flachten Welt verkündet. Gestalten, wiebic Dul­derin" auf dem Schmerzenslager, .die taub­stumme Maria", .der Stümpelsuchcr" könnten dem nachdenklichen Leser als Symbole erscheinen die Leid in Liebe wandeln wollen. Die ringende große Seele des Dichters lebt in jedem Wort. Dazu ift Ruppe! ein Kenner hessischen Bauern­tums. aufgewachsen im Dori, verwoben mit bäuer­licher Tradition und bäuerlichem Gemütsleben. Leine Gestalten sind bei aller Poesie realistisch geschaut. So vereint dies wertvolle Buch, das

auch allen Getftltcher. und Lehrern zu Volks- tümltchcn Leseabenden empfodlen fei. schllchte Lebei-schilderung und dichterische Schönheit und ewiges Ziel. (56) Marola Strauch-Bock

Germania-Bücherei. Lesestoffe für Knaben. und Mädchen. He rau-gegeben von Kari Bechtoisheimer. Otto Kinkel. Wilhelm Seibert. Elisabeth Schifimacher Verlag Emil Roth. Prel- ieber Nummer 25 Pf ;ir 14 ,Reihe I. Heft 51 vereinigt unter dem Gesarnttit-k .Hessische Er­zähler" vier Prosaftücke Das Kar.enhauS" von Jlfreb Bock' .Die Häfner aus dem Erbfeneck". ein Romankapitel von Nikolaus Schwarzkopf (dem Verfasser des .DomkindeS". ketten sich die Leser unterer Unterhaltungsbeilage sicher gern erinnern werden), »Der Kräutersammler" von Philipp Bur- i'aunt. und Das Letdanfaqen" von 5>r. Otto B-ckel. Nr 15 < Reihe VII. Heft 3k .Von Arbei- :ern des Geistes und der Hand" enthält geschickt ausgewäblte Abschnitte aus Mar Eyth. Bruno Vürgel. Hcnrv Ford. Lerich. Barthel, Engelke und der Ina Seidel. In Nr 16 (Reihe VI. Helt 1>. überschrieben Deutsche Frömmigkeit", sind die verschiedensten 'Beiträge au- altem und neuem Schrifttum zu finden, etwa da» Wessobrunner Gebet. Augustin unb Schleiermacher neben HXb- rife. Rilke und der ßulu i*on Strauß und Tomay - Die angeführten Proben au» den drei Heften ieigen, daß die Sammlung gediegene, vielseitige und für ein jugendliches Publikum wohlgeeignet? Lektüre bemittelt. 60

Dpa Mümmelmann» Freuden-

1 n d A läge töne. Plattdütsche Snakerie von |on ölen (Brenbafen. Vom Heidejorster. 128 Seiten 8*. Verlag Gustav Jacob & Co.. Hannover. 1926. Wer Fritz Reuter versteht, wird auch an den hier erzähltenLebensläufen", Taten und Meinungen eines Grenchasen aus dem Geschlecht der durch Hermann Löns berühmt gewordenen Mümmel­männer einigen Spaß haben, hessischen Ohren wird freilich die -snakerie nicht immer mit allen Fein beiten eingehn. 874

Aus fremden Literaturen.

Der Schotte Robert LouiS Stevenson, der im Jahre 1894 int Alter von 44 Jahren auf Ubolu der größten Insel der Samoagruppe gestorben ist, gehört ohne Frage zu den Meistern des exotischen RomanS. Er ist aber auch ein Seelendeuter ersten Ranges. Er hat endlich Ge­schichten erzählt, die an Phantastik und unheim­lichem Grausen denen Edgar Allan Poes oder E. Th. A. Hoffmann- nichts naebgeben Die bedeutendsten Romane und Erzählungen dieses noch lange nicht nach feinem wahren Werte ge­schätzten Dichters hat der Verlag Hesse V- Becker in Leipzig soeben in trefflichen Meberfeßungen ftnit einer Einleitung von Käthe Briefe» er­scheinen lassen. Der erste Band enthält die drei Erzählungen .Der Strand von Falesa", .Flaschen- teufelchen" und .Die Stimmentnsel". Alle drei spielen unter Südseeinsulanern und sind ebenso eigenartig wie spannend. Es folgt das be­kannteste Werk des Schotten der Abenteuer­roman .Die Schahinsel". Diese- Buch, für Ju­gendliche wie für Erwachsene in gleicher Weise geeignet, übertrifft die besten Erzählungen Brei Hartes oder Gerstäckers bei weitem: Stevenson ist ein bedeutender Psycholog, und feine Dar­stellung wirkt bei aller Abenteuerlichkeit durch­aus wahrscheinlich Der dritte Band umfaßt vier Erzählungen, von denen .Di. Iekyll und Mr. Hhde" die berühmteste ist. Die beiden Ro­maneDavid Balfour" undDer Junker von Ballantrae", die je einen Band füllen, spielen in Schottland und Haden zum Hintergründe den Aufstand deS Prinzen Charlie, des Enkels Jakobs II.. de- letzten Stuart auf dem englisch schottischen Thron, gegen Georg II.Der Junker von Ballantrae". ohne jeden Zweifel Stevensons bestes und tiefstes Werk, schildert den Zwiespalt zweier ungleicher Brüder. Den Junker James dessen freche Roheit der Lack feiner Manieren nicht verdecken kann, seinen vornehmen, charakter­vollen Bruder Henry. Alison Graeme, eine Frau mit all den Widersprüchen ihres Geschlechts den treuen Verwalter Mackellar diese Ge stallen und viele andere vergißt man niemals wieder. Der sechste Band enthält zwei größere Novellen: die Detektivgeschichte .Des Rajahs Diamant" und die unheimliche ErzählungDer Selbstmordklub". Die sechs Bände geben einen guten Ueberblid über da- Schaffen de- be­deutenden und gewissenhaften Erzählers. 90

Rudyard Kipling hat man gern den literarischen Vorkämpfer des anglo-indischen Im­perialismus genannt. And wenn man nun die Neihe der schmucken blauen Leinenbändchen an» schaut, in denen der Leipziger Verlag Paul List eine deutsche Ausgabe Kiplings von HanS Rei- siger veranstalten läßt, fo ist dies unentwegt Gintreten für die in ihrer Brutalität häuftg schwer zu verteidigende Politik Englands in In­dien gewiß besonders in die Augen springend Aber daneben sehen wir doch ganz außerordent­lich starke literarische Wer e. Wohl kaum jemand hat es verstanden, sich so wie Kipling in die berauschende Schönheit der mannigfaltigen Na ut Indien- einzufühlen. Und in kaum einen andern Werke finden wir so treffende Schilderungen des modernen indischen Volkslebens wie bei Kip­ling. Dazu kommt, daß stets ein feiner, auch in den au-gezrichneten ilcberfefcungen gut h raus- fommenber Humor daS glänzende Erzählertalent des Dichters un'erstüht. Sv ist jeder Band dieser au-gewählten Werke eine neue Aeberraschung .3n Schwarz und Weiß" ist eine Sammlung von Novellen, von denen einzelne wahre Stabt- nettftücke genannt zu werden verdienen. Es seien nur erwähnt die humorvolle Geschichte .Aus der Stadtmauer" oder die prächtigen Erzählungen, die unter dem ©amneltitel .Drei Soldaten" sich um lehr charakteristische Gestalten der anglo­indischen Armee friftalli'ieren. die t'.efc Einblicke in Öa8 Golöatenleben dieser Verteidiger englischer Machtstellung in den Grenzgebirgen de- Irans geben. 31

»Der Scheich", Roman von E. H. Hüll Deutsche Bearbeitung von Martin Proskauer. Verlag Ernst Keil- Nachfolger «August Scherl, G. m. 6. H.. Berlin SW 68. mit 8 Illustrationen nacb Szenen aus dem Dalentino-Film .Der Sohn des Scheich". Brosch. 3.50 Mk., Ganzleinen 4.50 Mk. Mit diesem Roman hat e- seine besondere Drwandmis. Rudolf Dalenlin.o machte daraus seinen letzten Film, die Verkörperung