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Nr. 195 Erster Blatt

177. Jahrgang

Montag, 22. August 1927

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Gießener Anzeiger

General-Anzeiger für Oberheffen

Druck und Verlag: vrühl'sche Universität Buch- und Zteinäruckerei R. Lange in Sieben. Zchristleitung und Geschäftsstelle: Zchulstratze r.

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Dr. Friede. Wilh. Lange. Verantwortlich für Politik Dr. Fr. Wilh. Lange; für Feuilleton Dr. H.THyriot; für den übrigen Teil Ernst Blumschein; für den An­zeigenteil Kurt Hivmann, sämtlich in Gießen.

Ein Schritt vorwärts.

Es hat in der Oefsentlichkeit ziemliche Hebet* raschung erregt, als am Samstag unvermittelt gemeldet wurde, die deutsche und die bel­gische Regierung hatten sich dahin geeinigt, in Verhandlungen über die Einsetzung einer u n- parteiischen Tln te r s uch u n g s k vm mis- f ion einzutreten. Die Aufgabe dieser Unter­suchung s komm issio-n ist noch nicht fest umgrenzt. Aber da die Veranlassung zu dieser Verständi­gung die lebhafte Auseinandersetzung zwischen der belgischen und der deutschen Regierung über die Ausführungen des belgischen Krregsministers Graf de Drvcqueville in der belgischen Kammer gegeben hat, läßt sich so viel feststellen, daß sich aller Voraussicht nach der Aufgaben­kreis auf drei Punkte beziehen wird, die in drei Denkschriften der belgischen Regierung für die belgische Kammer behandelt worden sind. Zwei von diesen Denkschriften, die sich auf die Frage der Reutralität Belgiens vor und bei Kriegsausbruch und den Frank­tireurkrieg in Belgien beziehen, sind be­reits veröffentlicht worden. Die dritte Denk­schrift, die sich mit der Deportation bel­gischer Arbeiter nach Deutschland während des Weltkrieges besaßt, soll demnächst ebenso wie die beiden anderen der deutschen Regierung übergeben und veröffentlicht werden.

Die beiden bereits bekannten Denkschriften über die Reutralitätsfrage und den Franktireur­krieg wiederum sind veranlaßt worden durch den bekannten sehr umfassenden Bericht des Unter­suchungsausschusses des Reichstages über die Kriegführung. Bekanntlich hat sich diese Unter­suchung des Ausschusses auf mehr als sieben Jahre erstreckt. Er war von der Rationalver­sammlung eingesetzt worden, als Deutschland bei Unterzeichnung des Friedensdiltats von Ver­sailles zu dem erpreßten Geständnis seine Unter­schrift geben muhte, daß die deutsche Krieg­führung völkerrechtswidrig und unmenschlich ge­wesen wäre. Von diesem Vorwurf muhten wir uns nicht vor unserem eigenen Gewissen, denn das war rein vor der ganzen zivilisierten Welt reinigen, und das war die Aufgabe des Ausschusses. Sn dem mehrbändigen Bericht ist u. a. ein Gutachten des Professors Meurer über die Politik Belgiens vor und bet Kriegs­ausbruch enthalten, und den Franktireurkrieg hat der Reichstagsabgeordnete Prof. Dr. B r e d t in einem Gutachten kurz gestreift. Die Antwort hieraus >a?$n die R^en des belgischen Kriegs­ministers Drvcqueville, die freilich auch noch schwere Beschuldigungen gegen die deutschen Truppen wiederholten.

Wie aus dem gleichzeitig in Berlin und Brüssel veröffentlichten Kommunique hervorgeht, hatte schon wäl)rend des Kriegs die belgische Regierung ihre Dereiwilligkeit erklärt, die Frage der Rechtmäßigkeit des Verhaltens der deutschen Truppen, also verschie­dener Strafexpeditionen, dem Spruch eines unpar­teiischen Schiedsgerichts zu unterbreiten. Diese An­regung hat sie anläßlich des jüngsten Streites in einer Mitteilung an die Reichsregierung erneut ge­geben, und diese ist sofort darauf eingegangen. Daß das Angebot von der deutschen Regierung nicht nur ohne Zögern angenommen worden ist, sondern mit Freude begrüßt wird, ist selbstverständlich. Wir haben, wie bereits betont, ein vollständig reines Gewissen und sind jederzeit in der Lage, ein un­parteiisches Schiedsgericht an der Hand des vorhan­denen Be-veismaterials und der Aussagen der bei­derseitigen Zeugen mit Ruhe zu erwarten, lieber die Zusammensetzung der Untersuchungskommission und darüber, ob auch die zwangsweise Ueberführung bel­gischer Arbeiter nach Deutschland als Kriegsmaßregel völ'-"echtlich zu rechtfertigen ist und in die Unter- suc. i mit einbezogen werden soll, werden sich die beiden Regierungen in Kürze verständigen. Bielleicht werden von jeder Seite zwei Mitglieder ernannt, die sich dann übet einen neutralen Vorsitzenden zu einigen hätten.

Die Einsetzung einer solchen Hnterfuchungs- fommiffion ist nicht nur deshalb mit Genug­tuung zu begrüßen, weil dadurch die Möglichkeit geschaffen wird, in einem sachlichen Verfahren gegeneinanderstehende Behauptungen und Be­schuldigungen zu klären, sondern mehr noch darum, daß zum erstenmal auch Streitfragen aus der Kriegszeit selbst einer schiedsgericht­lichen Entscheidung unterworfen werden. Hierin liegt ein Ausbau der Politik von Locarno, der Rachahmung verdient. Durch die Berträge von Locarno, zum Teil auch schon durch das Ab- konnnen von London, wurde der Grundsatz auf­gestellt, Streitigkeiten über die Ausführung des Friedens von Versailles und des Dawes-Qlb- kommens schiedsgerichtlich zu erledigen. Wenn diese Politik ausgedehnt wird auf Streit­fragen, die noch aus der Kriegszeit selbst stammen, so ist damit ein weiterer wich­tiger Schritt zur Erzielung einer allgemeinen Verständigung getan. Das von Deutschland und Belgien gegebene Beispiel verdient Rach­ahmung. Dor allen Dingen sollte es nun dazu beitragen, gehässigen und einseitigen Be­schuldigungen gegen Deutschland und das deutsche Heer einen Riegel vorzuschieben. Ramentlich in Paris gibt es gewisse Leute, die sich das von dem belgischen Außenminister Bänder- velde gegebene Vorbild im Snteresse einer Entspannung der politischen Lage in Europa zur Rachahmung empfohlen lassen sein sollten. Uebereittftimmmtg in Deutschland

Eigener Drahtbericht des ..Gießener Anzeige

Berlin, 21. Qlug. Die Aufnahme des (.. muniqu^s über die deutsch-belgischen Terhar.d- j lungen zur Einsetzung eines gemeinsamen |

Treue Schicksatsgemeinfchast mit dem Rheinland.

Magdeburg. 21. Qlug. (WB.) Die rhei­nische Kundgebung vom 20. und 21. Au­gust in Magdeburg aus Anlaß der sechsten Generalversammlung des Reichsverbandes der Rheinländer wurde zu einem macht­vollen Bekenntnis der deutschen Schick­salsgemeinschaft zwischen dem schwer ge­prüften Rheinland und den übrigen Teilen des Deutschen Reiches. Die Generalversammlung am Samstagmorgen brachte die Wiederwahl des bis­herigen Vorstandes.

Eine Weihe stunde am Svnntagmorgen in der voll besetzten neuen Stadthalle bildete den Höhepunkt der Feier. Erschienen waren u. a. Ministerialdirektor Dr. Diltheh aus dem Mi­nisterium für die besetzten Gebiete, Staatssekretär Dr. Dönhoff, Oberbürgermeister Weiß -Lud­wigshafen, Vertreter des preußischen Innen­ministeriums, des bayrischen und hessischen Ge­sandten, sowie ferner Vertreter der Stadt Magde­burg und der Behörden. Umrahmt wurde die Feier durch gesangliche und deklamatorische Dar­bietungen und einem WeihefestspielRheinische Treue", gespielt von Mitgliedeni des Vereins der Rheinländer Ortsgruppe Magdeburg.

Qlls erster Redner sprach Dr. D i l t h e h vom Ministerimn für die besetzten Gebiete im Ramen der Reichs re gierung und des Reichs­kanzlers, deren herzlichste Grüße und beste Wünsche er überbrachte. Er würdigte die Be­deutung der landsmannschaftlichen Verbände und unterstrich dabei die Verdienste der imWest­ausschuß für Saar, Rhein und Pfalz" zusammen- gefchlossenen großen Verbände des besetzten Ge­bietes, insbesondere des Reichsverbandes der Rheinländer. Ministerialdirektor Dr. Diltheh fuhr dann u. a. wie folgt fort:Roch hak di« Bevölkerung des besetzten Gebietes den schwe­ren Druck fremder Besetzung zu tragen.

Aber das von einem ganz besonderen Frei­heitsdrang beseelte Volk am Rhein will die schweren Röte der Besetzung lieber weiter tragen, als seine Freiheit erkaufen durch neue Lasten und Lasten von Dauer, die dem gesamten Deutschland aufgebürdel werden.

Es war und bleibt eine der schönsten Auf­gaben des Reichsverbandes, allen deutschen Stämmen immer wieder ins Gedächtnis zurück­zurufen: diese heldenhaften Opfer sind von unseren Brüdern und Schwestern am Rhein gebracht. Großes hat gerade in dieser Hinsicht der Reichsverband geleistet. Seine verständnis­volle Leitung und seine rührigen Ortsgruppen bieten die Gewähr für ein immer intensiveres Wirken für das Wohl des Rheinlandes. Wir schauen zu den Ufern des heiligen Stromes mit dem heißen Wunsche, daß bald der Tag komme der Freiheit für das deutsche Vaterland."

Rach Dr. Diltheh nahm der Präsident des Reichsverbandes der Rheinländer, Dr. Kauf­mann, das Wort und führte u. a. aus:Opti­misten hatten nach Locarno und T h o i r h eine erlösende Tat erwartet. Sie erlebten eine bit­tere Enttäuschung auf der ganzen Linie.

Wird der Rhein nicht bald befreit, so verliert sich jede loyale deutsche Verständigungspolitik im

Unverstand.

Wir rufen deshalb dem Reichsaußenmini st er zu:Landgraf werde hart! Verlange mit aller Ent­schiedenheit, daß dem Rheinland volle Freiheit werde!"

Der nädjfte Redner Dr. We i ß gab eine Schilde­rung der Lasten der besetzten Gebiete. Der Rechts­anspruch auf vollkommene Räumung sei unanfechtbar und klar bestimmt im Artikel 431 des Versailler Vertrages. Mit einer Herabset­zung der Truppenzahl fei dem Rheinland nicht gedient. Wir haben, so führte der Redner aus, mit freudigem Herzen der Locarnopolitik zu- gestimmt, weil wir überzeugt sind, daß nur durch diese Politik der Friede der Welt gesichert ist. So

heiß unsere Sehnsucht nach Befreiung ist, so laut wir unsere Forderung nach Freiheit erheben, so sehr

verbitten wir uns, daß unsere Freiheit zum Handelsobjekt gemacht werde.

Die Zeit arbeitet für uns, und wenn wir nur Geduld haben, so wird Frankreich eines Tages selbst die Frage der sinnlosen Besetzung auftoerfen. Aber mag die Besetzung noch so lange dauern, keine Gewalt der Erde vermag uns von der deutschen Heimat loszureißen und nie­mals wird die Besetzung irgendeinen Einfluß auf unsere Kinder aus üben können."

3m Anschluß an diese zündenden Worte fang die Versammlung das Deutschlandlied. Sodann gelangte einstimmig folgende En tschließ ung zur Annahme:

Viele tausend zu der Magdeburger Tagung des Reichsverbandes versammelte Männer und Frauen gedenken tief bewegt der Landsleute im Westen und danken ihnen für ihren vorbildlichen Opfermut, mit dem sie sich selbst in schwerster Rot zum Deutschtum bekannt haben. Mit ihnen bitten wir die Reichsregierung dringend, für die alsbaldige Räumung des Rheinlandes nachdrücklichst einzutreten. Es muß ein Ende haben mit den politisch ausweichenden Einwänden. Die Frei­gabe des Rheinlandes ist kein poli­tisches Handelsgeschäft. Wir fordern sie, und zwar für das ganze noch besetzte Gebiet als eine Gegenleistung, für die der Preis schon längst von uns bezahlt ist.

Mit unzureichenden Abschlagszahlungen auf die längst überfällige Forderung darf man uns nicht mehr kommen. Endlich muß reiner Tisch am Rhein gemacht werden. Recht und Moral dürfen nicht länger unbeachtet gelassen werden.

3m Anschluß an die Weihe stunde gab der Magistrat der Stadt Magdeburg einen Empfang. Am Abend wurde das Treugelöbnis zum Rhein­lande durch Lautsprecher im Ausstellungsgelände wiederholt.

Eine Kundgebung Strejemanns.

Magdeburg, 20. Qlug. (Wolff.) Reichs- auhenminister Dr. Stresemann sandte drin Reichsverband der Rheinländer zu ferner Tagung in Magdeburg aus Rordemey folgendes Telegramm:

Den in Magdeburg zur 3ahreshauptversamm° hing vereinigten Mitgliedern des Reichs Verbandes der Rheinländer sende ich die herzlichsten Grüße. 3ch wünsche der Tagung aufrichtig gutes Ge­lingen und bebaute sehr, meine Wünsche nicht selbst an Ort und Stelle aussprech^n zu können Der Reichsverband darf versichert sein, daß unter den vielen Aufgaben, um deren Lösung die deutsche Außenpolitik sich bemüht, es gerade diemit dem Rheinlandin Zusammen­hang stehenden Fragen sind, die uns vor allen anderen am Herzen liegen Der deutsche Außenminister vergißt das deutsche Rheinland keinen Augen- b l i cf."

Frankreich will sein Wort nicht halten.

Paris, 21. Qlug. (WB.) Havas verbreitet folgende Mitteilung:Man glaubt in unterrich­teten Kreisen, baß bie englisch-französi­sch e n Verhandlungen über die Stärke der Besatzungstruppen im Rheinland vor ihrem Abschluß stehen. Ohne Zwei cl ist n o ch kei n e vollständige Verständigung erzielt worden. Qlber bie wesentlichen Punkte wurden bereits geregelt. Wahrscheinlich wird es nicht lange bauern, bis auch die noch bestehenden Mei­nungsverschiedenheiten über Einzelheiten behoben sein werdriu

London, 21. Qlug. (WB) DemObfer- v er" zufolge hat die letzte Woche die Frage

des Desahungsheeres im Rheinland einer Lösung nicht näher gebracht. Frankreich nehme eine unnachgiebige Haltung gegenüber dem Drängen Londons auf Durchführung des Locarnoversprechens einer merklichen Verminderung der Zahl der Truppen ein

Dr. Reinhold

über den Dawesplan.

Williamstown, 21. Qlug. (WTB.) Der fünfte Vortrag des früheren deutschen Reichs­finanzministers Dr. Reinhold im 3nstitute os Politic behandelte bie Aussichten bes Da­wesplane s, ber burch bie Trennung der Aufbringung ber Reparationen in Deutschland von ber llebertragung in frembe Währung einen wesentlichen Fortschritt gegen bas Lonboner Ulti­matum barftelle. Die Zukunft muß lehren, so fuhr Dr. Reinhold fort, ob bie deutsche Wirtschaft auf die Dauer den durch die Reparationen verursgchten hohen Steuer­druck ertragen kann. Zweifellos wird Deutschland alle Kraft einsehen lassen, loyal seine Verpflichtungen zu erfüllen

Frankreich und die deutschen

Reparationsleistungen.

Paris, 21. Aug. (Wolff.) Das Finanz­ministerium verbreitet folgende Mitteilung: Mehrere Blätter haben eine Nachricht wiedergege­ben, wonach Frankreich angeblich um etwa eine Milliarde Mark bei der Verwendung der durch den Dawesplan geregelten deutschen Sachlieferung im Riickstand sei und wo­nach diese Milliarde dem Reich als reiner Gewinn ohne weiteres zufließen würde. Diese Nachricht ist unwahr und entbehrt jeder Grundlage. Um ihre vollkommene Unwahrheit zu zeigen, genügt es, zu­nächst darauf hinzuweisen, daß der französische An­teil an der zu Ende gehenden Annuität weniger als eine Milliarde Mark beträgt. Außerdem absorbieren die gegenwärtig der Reparationskommission über­mittelten Verträge bis auf zehn Millionen Mark diese Annuität vollkommen und die dem Finanz- minifter eingereichten Verträge, die bis zum 31. August der Reparationskomnnssion übermittelt werden, genügen weitaus, um die Differenz zu decken. Außerdem würden die Kredite, die nicht ausgenutzt werden können, nicht annulliert, sondern automatisch auf die vierte Annuität vorgetragen. Der Daroesplan regelt diesen Punkt ausdrücklich und sieht in dieser Hinsicht ein Verfahren vor. Die­ser Fall ist übrigens bereits eingetreten. Es bestand aus der ersten Annuität ein Restkredit, der im Laufe der folgenden Annuität restlos verwandt wurde. Die veröffentliche Nachricht ist also in allen Punkten unzutreffend.

Anmerkung bes WTB.: Obige Dar­stellungen entsprechen nach unseren 3nft>nnationen ber wirklichen Sachlage. Es ist aber immerhin interessant, festzustellen, bah auf dem franzö­sischen Konto bei dem Generalagenten für bie Reparationslieferungen sich in letzter Zeit eine erhebliche Summe angesammelt hatte, bie ohne ein direktes Eingreifen bes franzö­sischen Finanzministers am Schlüsse des dritten Reparativnsjahres (30. August 1927) wahrschein­lich ungenutzt geblieben wäre und auf das vierte Reparationsjahr hätte übertragen werden müssen. Um dies zu verhüten, hat das französische Fi­nanzministerium Weisung gegeben, eine Anzahl größerer Sachlieferungsverträge forciert ab» zu schl ießen und der Reparationskommission schleunigst zur Genehmigung vorzulegen, so z. B. den kürzlich abgeschlossenen Vertrag über ein Kabel von Paris nach Dordeaur. Um diesen Zweck zu erreichen, mußten wahrscheinlich Be­denken wegen ber Rücksichtnahme auf bie Beschäftigung ber eigenen Privat Industrie zurückgestellt werben, bie bisher bie laufende Ausnutzung ber französischen Guthaben bei dem Generalagenten erschwert hatten.

Enquete-Ausschusses über gewisse Fra­gen der beutfnjen unb ier belgischen Kriegführung burch bie gesamte beutsche Presse zeigt bie er­freuliche 1.1 eberein ft immun g, bie dieser Frage gegenüber besteht. Dies wird dem Aus­land gegenüber den Eindruck nicht verfehlen, bah auf beutscher Seite bie allgemeine Über­zeugung besteht, baß wir von einer solchen Unter­suchung nichts zu fürchten unb nur zu gewinnen haben. 3mmerhin ist vor über­triebenen Erwartungen zu warnen, benn nicht bie gesamte Kriegsschulbfrage, sondern ein bestimmtes Einzelproblem wird hier nach Verständigung über die Formalitäten zur Er­örterung stehen. Ucber bie Zusammensetzung des Ausschusses ist noch leine Verstänbigung erzielt, boch bürste er nach internationalen Gepflogen­heiten mindestens mit einer neutralen Spitze aus- gestatiet werden.

Die Lage im Memelgebiet

Berlin. 20. Aug. (Wolff.) Ueber die Situation im Memelgebiet wird den Blättern folgende Darstellung gegeben: Die Maßnahmen gegen das Deutschtum, über die in der letzten Zeit in ber Presse geklagt worden ist, gehen nicht in erster Linie von Lcr litauischen Regierung, sondern von den ^rei 3nstanzen aus, bie das öffentliche Leben im Memelgebiet maßgebenb beeinflussen. Das

ist 1. ber Gouverneur, der von ber Regie­rung eingesetzte oberste Beamte ber litauischen Verwaltung, 2. ber Kriegskommandant, ber auf Grund des Ausnahmezustandes sehr weitgehende Vollmachten hat und 3. bas so­genannte Direktorium, die Verwaltung des autonomen Memelgebietes, bie nach unserer Auf faffung ungesetzlich unb auch nur als eine litauische 3nstanz zu betrachten ist. Unter ben Verletzungen des Memel st atuts tritt die Unterdrückung der Presse be­sonders hervor, bie auch weiter anbauert, ba der Kriegskommandant die Zensur außerordentlich scharf handhabt und zwar entgegen den Erklä­rungen, bie Ministerpräsident Woldemaras in Genf feierlich abgegeben hat. Die Versamm­lungsfreiheit dagegen wirb neuerdings durchaus gewahrt. Auf der anderen Seite sind zu den Verletzungen des Memelstatuts in letzter Zeit besonders zahlreiche Lehrerkündig ungen hinzugetreten. Es handelt sich dabei um deutsche Optantenlehrer, aber auch ihre Kündigung ist nach dem deutschen Stand­punkt zu unrecht erfolgt. Der Umfang dieser Kündigungen ist so groß, daß der Unterricht dadurch stark beinträchtigt wird. Wäh­rend die Zweisprachigkeit vorgeschrieben ist, wirb übrigens im Lehrerseminar nur in litaui­scher Sprache gelehrt. Auch eine Reihe deut­scher Beamter ist in der letzten Zeit gekündigt worben. Die Lage im Memelgebiet ist im Augen­

blick auch beshalb besonders ungeklärt, weil ber Gouverneur schwer erkrank« unb über feine Rach­folge noch nichts bestimm: ist. Die Verhältnisse werben sich wohl im September besser überschen lassen. Zunächst hat bekanntlich ber beutsche ©efanbte in Kowno in biefen Tagen Vor­stellungen gegen die letzten Verfehlung _n i er drei Memeler 3nstanzen erhoben. Die beul'He Regierung wirb nun zunächst abwarten, was die Kownoer Regierung auf ihre Be­schwerden zu antworten hat. Sie drängt aber darauf, bah nun enblich eine Beschleuni­gung eintritt, wie sie auf Grund ber E klärung verlangt werden kann, mit der der Minister­präsident nicht nur gegenüber Deutschland, sondern auch vor dem Völkerbund die Wie­derherstellung des Rechts versprochen hat.

Der Streit um die Notsitze.

London, 22. Aug. (WTB. Funkspruch.) Der diplomatische Korrespondent desDaily Tele - g r a p h" schreibt, die letzten Meldungen aus Genf deuteten darauf hin, daß dort große Hoffnungen be­züglich der Kandidatur Argentiniens für einen der nicht st ändigen Ratssitze bei den kommenden Wahlen für diese Körperschaft gehegt werden. Man erwartet, daß Finnland der Tschechoslowakei nachfolgen werde. Das ein­zige einjährige Mitglied, das gute Aussicht auf Wie­derwahl habe, sei das stark von Frankreich unter­stützte Belgien.