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vormerrtag, 21. Zull 1927

177. Jahrgang

Nr. 168 Erster Blatt

Die Thronfolge in Rumänien

Der Exkronprinz Carol.

Die Beisetzung der Opfer in Wien

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Gießener Familienbiälter Heimat im Bild Die Scholle.

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Paris, 21. Juli. (W. T. B. Funkspruch.) aus Bukarest gemeldet wird, hat die Regierung Prinzen Carol zugleich mit der Anzeige vom Hin­scheiden des Königs Ferdinands mitgeteilt, daß der Staat fest entschlossen sei, den am 4. Januar 1926 gefaßten Beschluß über die Thronfolge zu beachten. Der Exkronprinz, der sich am Mittwoch- oormittag auf einem Ausflug in die Umgebung von Paris befand, ist heute nacht ttt seine Pariser Billa zurückgekehrt, wo er die Nachricht vom Tode des Königs, seines Vaters, erhalten hat. Man nimmt an, daß er bis auf weiteres in Paris verbleiben wird.

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bekräftigt, daß d i e v e r s Regelung der Thro vollem Umfange beachtet werde.

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Das deutsche Beileid.

Berlin, 20. Juli. (Wolff.) 3n Vertretung desReichspräsidentenhat heute vormittag der Stellvertreter des Staatssekretärs beim Reichspräsidenten, Ministerialrat Dr. Döhle, in der rumänischen Gesandtschaft das Beileid zum Ableben des Königs von Rumänien ausgc- sprachen. Ramens desReichskanzlers sprach Staatssekretär P ü n d e r und namens des A u s - wärtigen Amtes Staatssekretär v. Schu­bert bei der Gesandtschaft vor. Die Dienstgc- bäude des Auswärtigen Amtes werden auf drei Tage Halbmast flaggen. Der deutsche Gesandte in Bukarest, v o n M u t i u s . ist angewiesen wor­den, an den Trauerfeierlichkeiten in Bukarest teilzunehmen.

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Wien, 20. Juli. (Sonderbericht des WTB.) Auch nach vorsichtiger Beurteilung der Lage kann man heute, an dem Tage, wo 60 Opfer der Un­ruhen zur letzten Ruhe gebettet werden, feststellen, daß der Nervosität der letzten Tage eine gewisse Beruhigung gefolgt ist. Das kommt auch m dem Straßenbilde zum Ausdruck. Man steht bereits weniger Wachleute mit Karabinern. Die Retter- patrouillen machen noch ihre Runden, doch haben sie meistens die Gewehre schon abgelegt. Auch das Ueberfallkommando der Polizei wurde wesentlich vermindert. Gestern vormittag kam es allerdings noch einmal vor der L e i ch e n h a l l e des Wie­ner Allgemeinen Krankenhauses zu stürmischen Szenen. Als zahlreiche Kränze eintrafen, staute sich vor dem Gittertor eine große Menschenmenge. Außerdem waren viele Leute erschienen, die ihr e vermißten Angehörigen unter den Toten suchen wollten und, wenn sie sie fanden, in laute Wehklagen ausbrachen. Als die Leute vor dem Tore diese Ausbrüche hörten, bemächtigte sich ihrer Erregung und Unruhe, so daß das Tor geschlossen wurde und die Wache die Straße räumen mußte. Neue Erregung entstand, als vor dem Tore em Wagen mit ungefähr 30 Särgen vorfuhr. Erst nachdem die Särge in die Halle getragen worden waren, trat Ruhe ein. Während im Zentrum der Stadt von der Beisetzung der Opfer, die heute nach­mittag 14 Uhr auf dem Zentralfriedhof erfolgte, wenig zu bemerken ist, setzt gegen Mittag auf der Zufahrtstraße zum Friedhof ein Riesenverkehr em. Gegen 13 Uhr fährt ein Straßenbahnzug hinter dem andern, überfüllt mit Angehörigen der Gewerk­schaften und sozialistischen Parteiorganisationen An den Seiten der Wagen hängen Kränze, meist mit roten Schleifen. Bon den Dächern, aus den fen­stern der Häuser hängen schwarze lange Trauer­tücher, die städtischen Gebäude haben Trauerfahnen gehißt. Die Trauerfeierlichkeit findet auf dem großen Platz vor dem Hauptportal des Friedhofes statt. Die Zahl der Teilnehmer ist beschränkt worden. Die Mauern rechts und links des Portals, überragt von den beiden riesigen Obelis­ken, sind mit schwarzem Tuch ausgeschlagen. Da­vor auf einer ebenfalls schwarz ausgeschlagencn Empore die lange Reihe der 57 silbergrauen Särge, von denen jeder den Namen des Toten trägt.

Zunächst sprach in Vertretung des ertränkten Bürgermeisters Sei h der Stadtcat Speiher. Er sagte: Hier an dieser Stelle wollen wir nicht von den Verantwortungen der Vergangenheit reden, hier wollen wir das Gelöbnis ablegen, daß wir, die Zurückbleibenden, alle Kräfte ein­sehen werden zum weiteren Aufbau un­serer Stadt. Wir wollen alle zusammenarbeiten, daß sich niemand mehr rechtlos und schutzlos fühle und in unserem Wien nie mehr ein so schreckliches Unglück wiederiehrt. Die Stadt wird sich der Hinterbliebenen nach Kräften annehmen. Für die sozialdemokratische Partei sprach Ab­geordneter Dr. Ellenbogen. Er sagte: Was auch einzeln Verurteilenwertes begangen fern möge, die Volksmasse sei doch vom edelsten De" streben beseelt gewesen. Recht müsse Recht blei­ben. Die ganze Bevölkerung der Stadt, soweit sie Rechtsgesühl in sich trägt, sowie die ganze inter­nationale Arbeiterschaft trauere mit den Ange­hörigen. Ein Vertreter der komm uni st t» schen Partei befaßte sich mit dem Schatten­dorfer Urteil und den ganzen Vorfällen. Seine Rede gipfelte darin, daß die kommunistische Par­tei sich ohne Vorbehalt zum 15. und 16. Juli

bekenne. Als nächster Redner hob Dr. Adler hervor, daß die sozialdemokratische Arbeiterschaft Deutschlands und ebenso das Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold ihre Kränze gesandt haben. Auch für die Sozialisten Frankreichs, der Tschecho­slowakei und anderer Länder, wie überhaupt der sozialistischen Arbeiterinkcrnationale. drückte Dr. Adler der Stadt Wien das Mitgefühl aus. Aus den Ereignissen müsse die Lehre gezogen werden, den bisherigen Weg weiter zu gehen mit Be­sonnenheit und Verantwortungsgefühl. Während ein Männerchor das Lied von derArbeit" sang, neigten sich über den Särgen die Fahnen. Dann wurden die Särge unter den Klängen der Trauermusik einzeln zum Kirchhof oder zum Kre­matorium getragen. Zwischenfälle haben sich nicht ereignet.

Eine Erklärung der christlichen Gewerkschaften

Gegen den Streik als politisches Kampfmittel.

Wien, 20. Juli. (Wolff.) In einer gestern veranstalteten Verlrauensmännerversommlung der Christlichen Gewerkschaft en kam eine sehr starke Stimmung gegen die sozialdemokrati­schen und die Freie Gewerkschaft und eine warme Verteidigung der Haltung der Regierung und der Polizei zum Ausdruck. Der Hauptrefecent betonte, daß der Schattendorfer Spruch kein Klassenurteil gewesen sei, weil die Geschworenen zum großen Teil Arbeiter waren. In einer Entschließung wurde von einem Mißbrauch der Gewerkschaften durch den Gene­ralstreik gesprochen und die Auflösung der Gemeindeschuhwache und Bestra­fung der Schuldigen am Streik ge­fordert. Der Gewerkschaftsbund der Angestellten richtete an die Privatangestellten eine Aufforde­rung,sich in ihren Gewerkschaften nicht länger zu politischen Machenschaften miß­brauchen zu lassen". Die Frontkämpfer- Vereinigung versendet eine Erklärung, die in ähnlichem Sinne gehalten ist. Die Rieder­österreichische Landwirtschaftskam­mer hat der Bundesregierung in einer Kund- gebimg versichert, daß sie die gesamte Bauern­schaft und das übrige Landvolk geschlossen hinter sich habe.

EinRepublikschutzgefetz gefordert

Großdeutscher Antrag im Grazer Landtag.

Graz. 20. Juli. (Wolff.) In der heutigen Sitzung des steiermärkischen Landtags wurden von den Vertretern der Parteien Erklärungen zu den Vorfällen in Wien abgegeben und darauf der Präsident ersucht, die heutige Tagung z u m Z e i - chen des Protestes wegen dieses Vorkomm­nisses sowie der Anteilnahme für die unschul­digen Opfer derselben zu unterbrechen und den Landtag für die nächste Woche behufs Erör­terung der Ereignisse einzuberufen. Der Dor- sihende beraumte die nächste Sitzung für Montag an. Don den großdeutschen Abgeordneten wurve ein Antrag unterbreitet, worin es hellft: Es ent­spricht der einmütigen Auffassung der erhaltenden und ordnungswilligen Vevöl.ernng unseres Landes, daß auf dem Wege der S. c

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pg 315 bis KZ-__

als die geschiedene Griechenprinzessin rst vielleicht noch die Exkönigin Maria von Jugoslawien. Diese jüngere Tochter Ferdinands von Rumänien ist auf ihren Bruder Earol nicht gut zu sprechen und versucht, auch die Königin Maria von Rumä­nien gegen ihren ältesten Sohn aufzuhetzen. Die Witwe des soeben verstorbenen Ferdinand von Rumänien, die am Gründonnerstag des vorigen Jahres zum orthodoxen Glauben übergetreten rst, würde zweifellos selbst gern die Regentschaft übernehmen. Ob ihr liebertritt zur Landesrelr- gion freilich genügt hat, um ihr die Sympathien wiederzugewinnen, die sie durch ihr reklamema- higes Auftreten bei ihrer letzten Amerikareise verscherzte, muß dahingestellt bleiben. Zahlreiche Skandalgeschichten sind über diese Coburgerin, die sich selbst bis vor wenigen Jahren noch immer .Prinzessin von Großbritannien und Irland' genannt hat, die aber im eigenen Land kurz die Schöne Marie" genannt wird, überall in Umlauf.

Hinter der Königin 'Maria von Rumänien steht der mächtigste Mann des Landes, Zone! B r a t i a n u , der ungekrönte Herrscher. Carol hat nie einen Zweifel daran gelassen, daß er diesen Mann beseitigen würde, sobald er an die Macht kommen sollte. Auf Carols Seite stand das Volk, das auch nicht durch die Flugschriften gewonnen werden konnte, die der Ministerprasv- dent in Siebenbürgen verbreiten lieh, um Carol blohzustellen. Aber Dratianu konnte sich auf die Führer der Wirtschaft stützen, und Bratianu ist auch der Schwiegersohn eines der einfluß­reichsten rumänischen Aristokraten, des Fürsten S t i r b e Y . der vor ihm Ministerpräsident ge­wesen ist. Die letzten Wah len hat dieser Mann, der, ebenso.wie sein Vater, in Paris erzogen worden ist, rigoros in seinem Sinn zu beein­flussen verstanden. Es ist wohl möglich, daß ec der Königin Maria zur Regentschaft verhelfen wird, um selbst an der Macht zu bleiben; sollte ihm aber die Königin-Witwe irgendwelchen Wi­derstand entgegensetzen, so wird er sicherlich auch nicht davor zurückschrecken, eine Diktatur zu errichten. Schon in diesem Augenblick sind die rumänischen Grenzen geschlossen, und selbst Rach­richten gelangen nur auf Nimwegen ins Ausland. Vor einem Jahr soll ihn auch der General Ave- re s c u bei dem König Ferdinand gegen den ehemaligen Thronfolger Carol unterslliht haben. General Averescu soll auch damals einen Schritt bei der jugoslawischen Regierung veranlaßt ha­ben, um der ' jugoslawischen Königin zu ver­bieten, sich für ihren Bruder Carol bei ihrem Vater Ferdinand zu verwenden und also in innere rumänische Angelegenheiten einzugreifen. Inzwischen ist Averescu, der Führer der libe­ralen Partei, in so große Gegnerschaft zu Brcr- tianu geraten, daß er vielleicht doch für Carol Partei ergreifen wird.

Sollte es aber zu ernsten Kämpfen unter den Kronprätendenten kommen, so könnten die inne­ren Gegensätze zu ähnlichen Ereignissen führen wie im Jahre 1907. Damals zündeten rebellie­rende Bauern die Schlösser an und nagelten die Gutsbesitzer an die Tore ihrer Häuser. Das mit Sorgen beladene Europa hat einen neuen Unruheherd.

Dis Thronbesteigung König Michaels.

Der Eid des Negentschaftsrats.

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Bukarest, 20. Juli. (TU.) Auf dem Buka­rester Bahnhof traf heute um 15 Uhr der Sonder­zug aus Sinaia ein, der den zukünftigen König Michael, die Königin-Witwe Maria, Prinzes- fin Helene, die Mutter des jungen Königs, und Prinz Nikolaus zur Hauptstadt brachte Die Mitglieder der Regierung hatten sich zum Empfang der königlichen Familie auf dem Bahnhof eingefun­den. Eine Stunde später hat die Nationalversamm­lung in feierlicher Sitzung den Prinzen Michael zum König ausgerufen. Dem Akt wohnten sämtliche Mitglieder des Königshauses, sowie die Regierung und das diplomatische Korps, darunter auch der deutsche Gesandte o. M u t i u s, bei. Sämt­liche Kirchenglocken läuteten, die Artillerie feuerte Salut. Im Anschluß an die Sitzung der National­versammlung legten die Mitglieder des Regent­schaftsrates, Prinz Nikolaus, der Präsident des Heiligen Synods Mgr. Cristea, Patriarch von Bukarest, der erste Präsident des Kassations­gerichtshofes, Budzugan, vor dem Metropo- üten der Moldau den Eid auf die Verfassung ab. Gleichzeitig wurde die Armee auf König Michael vereidigt. 'Donnerstag vormittag findet in Sinaia ein Trauergottesdienst statt, im Anschluß daran wird die Leiche des Königs in einem Son­derzug nachBukare st übergeführt werden. Der Leichenzug wird von den Ministern begleitet. Auf der ganzen Strecke von Sinaia nach Bukarest werden die Schulkinder Spalier bilden, um dem König den letzten Gruß darzubringen. Am Freitag wird die Leiche des Königs für die Besichtigung durch das Publikum in Eotrocend zugänglich ge­macht Am Samstag wird dann der Leichnam nach Eurtea de Arges gebracht werden, wo das Begräbnis in der königlichen Gruft stattfindet, in der auch König Carol und Königin Elisabeth begraben sind.

Zur Beisetzung werden der Bruder des Kö­nigs, Prinz Wilhelm von Hohenzollern, und König Alexander von Jugoslawien in Vuka- rest erwartet.

In der Hauptstadt steht alles unter dem Eindruck der Todesnachricht, äleberall weht die Trauerflagge. Alle privaten Veranstaltungen sind abgesagt worden. Die rumänische Regierung veröffentlicht eine Proklamation, in der die Verdienste des verstorbenen Königs gewürdigt werden. Ferdinand I. werde immer der König bleiben, der den Zusammenschluß des ganzen rumänischen Volkes und die großen Reformen durchgeführt habe, die Rumä­nien zu einem Staat des Rechts, der Macht und der Ordnung hätten werden lassen. Die Prokla­mation schließt mit den Worten: Mit uner­schütterlicher Ergebenheit gegenüber der Dynastie, mit Achtung vor der Konstitution und den Ge­sehen des Landes müssen wir voll Vertrauen in die Geschicke des Landes König Michael dienen und alle Kräfte zusammennehmen, um die Gren­zen und die Zukunft Groß-Rumäniens zu sichern.

Am Sterbelager König Ferdinands.

B u k a r e st, 20. Juli. (WTB.) Der Zustand des Königs, der sich in den letzten beiden Tagen zu- ehends verschlechtert hatte, war gestern abend rasch n das kritische Stadium getreten. Gegen Mitternacht erhielt der König die S t e r b e s a kra­me n t e. Er verschied morgens 2.30 Uhr. Am Sterbelager befanden sich die Königin von Ru­mänien, die Königin von S ü d s l a w i e n, der ehe­malige König und die ehemalige Königin von Griechenland, der rumänische Kronprinz Michael, Prinz Nikolaus und Prinzessin I l e a n a. Der König war bis zum letzten Augen­blick bei vollem Bewußtsein und hatte einen sanften Tod. Morgen wird in Sinaia in Gegenwart der Königin Maria und der königlichen Familie das

T e st a m e n t König Ferdinands eröffnet werden. Es wird zusammen mit einem an den Ministerprä­sidenten gerichteten Brief veröffentlicht werden, in dem der verstorbene König von neuem seinen Willen ..... fassungsmäßige onsolgefrage in

Sell einem halben Jahr wartete man in Bukarest fast stündlich auf das Ableben des letzten regierenden Monarchen aus dem Hause Hohenzollern, des unglücklichen Königs Fer­dinand von Rumänien. In seiner Ehe mit der englischen Prinzessin Maria von Coburg hat er sich niemals glücklich gefühlt; ferne letzten Jahre waren aber besonders durch fein Zer­würfnis mit dem ältesten Sohn, dem ehemaligen Thronfolger Carol und durch feine völlige Machtlosigkeit in allen entscheidenden sragen der Regierung getrübt. Denn der wahre Herr­scher des Landes ist schon lange der Minister­präsident Ionel Dratianu, der seine Macht­stellung gewistermahen ererbt hat. Er ist der älteste Sohn des rumänischen Staatsmannes Joan Dratianu, und da auch seine Brüder Dinu und Dintila einflußreiche Stellungen innehatten, sprach man in Rumänien mit Recht von einerDynastie Dratianu", deren Einfluß den des Königshauses weit überragt.

Der Tod des Monarchen laßt nun alle inneren Gegensätze in diesem nördlichsten Valkan- staat so heftig aufflammen, daß man für die Ruhe und Ordnung in Rumänien Schlimmes befurchten muß. Der Reisende, der rumänischen Boden be­tritt fühlt sich noch heute ins Mittelalter ver­seht' Wo in der Welt außer in rumänischen Städten gäbe es noch Polizisten, die neben den üblichen Waffen auch eine Reitpeitsche trügen? Alle führenden Rumäneii sind der festen ileber- zeugung, daß die Prügelstrafe noch immer das beste Dolkserziehungsmittel ist, und niemand fin­det es entwürdigend, daß der Polizist von feiner Peitsche Gebrauch macht, um das Dolk zum Ge­horsam gegen die Gesetze zu bewegen. Der scharfe Klassengegensatz zwischen den Bauern, den Kleinbürgern und den Arbeitern auf der einen, den Bojaren auf der anderen Seite, das Fehlen jeder bürgerlichen Mittelschicht bedroht den inne­ren Frieden. Der Krieg hat Rumänien mit einem großen Gebietszuwachs auch schwerwiegende na­tionale Probleme beschert. In dem indu- strielisierten Siebenbürgen wohnen neben den Rumänen Ungarn und Deutsche, deren Kul­tur weit entwickelter ist als die des alten Ru­mänien. Im Osten des Königreichs bedeutet Bessarabien, auf das Rußland noch immer Anspruch erhebt, eine ständige Gefahr, und im Süden broTyen die Balkanvölker, die niemals Sympathie für das rumänische Dolk empfunden haben. Die dünne Schicht der rumänischen Macht­haber wird also von einer Volksmasse getragen, zu der sie aus keinen Fall besonders viel Ver­trauen haben kann.

Ein Thronwechsel ist nun für jedes Land ein kritischer Augenblick, der aber ohne Zwi­schenfall verlaufen kann, wenn die Rechtver­hältnisse eindeutig sind und nicht mehrere Prä­tendenten auf die Krone Anspruch erheben. Rach- dem vor anderthalb Jahren der Thronfolger Carol scheinbar freiwillig, in Wirklichkeit aber unter dem Druck Brcttianus, auf die Krone ver­zichtet hatte, ist durch den sog.Pakt vom 4 Januar 1926 der jetzt sechsjährige Sohn Carols, der Prinz Michael, zum Thronerben ernannt worden. Bis Michael großiahrig sein wird, also volle vierzehn Jahre, soll ein ^Regent- schaftsrat die Siaatsgeschäfte leiten. Die Zu- sammenschung dieses Regcmtschaf srates ist aoer so merkwürdig, daß man ihn mit Recht ganz allgemein in Rumänien für völlig regierun gs- unfähig halt. Ihm gehören nämlich Ferdinands jüngerer Sohn Rikolaus, ein neunzehniay- riger, an Epilepsie leidender Lebemann der 'Pa­triarch M i r o n C r i st e a und der Prast-dent des Kassationshvfes Budzugan an. Rikolaus hat sich niemals für Staatsgeschäfte begeistert und Miron imö Buzdugan sind zwei unpolitische

Greise.

Wenn nun aber auch fein regierungsfähiges Staatsoberhaupt vorhanden ist, so fehlt es doch nicht an Männern, die die Regierung gern an sich reifen möchten. Da ist zunächst Carol, der seit langem verbannt ist und nicht einmal an das Sterbebett seines Vaters eilen durfte. Seine Liebesabenteuer mit Zizi Lambrino, mit ber er im Jahre 1918 eine morganatische Ehe eingegangen war, die aber später für nichtig erklärt wurde, mit der Gattin des rumänischen Majors Tampanu und einigen anderen Damen der rumänischen Hofgesellschaft haben in der ganzen Welt wohl diel Aufsehen erregt, ilym aber nicht die Sympathien in breiten Schich­ten des rumänischen Volkes, besonders aber in der Armee und bei den jüngeren Offizieren ver­scherzen können. Außerdem seht sich für ihn seine Schwester, die KöniginMaria von Jugo­slawien, mit großem Eifer ein. Maria von Jugoslawien, Ferdinands älteste Tochter, ist vor ungefähr einem Jahre nach Bukarest gefahren und hat dort versucht, König Ferdinand wieder dazu zu bestimmen, Carol nochmals zum Thron­folger zu ernennen. Sie stieß dabei aber auf den Widerstand des früheren griechische nKönigs­hauses dessen Mitglieder sich ebenfalls in Buka­rest auf halten. Prinzessin Elena von Griechen/, land ist die geschiedene Gatttn Carols von Ru­mänien und die Mutter des Prinzen Michael, der nun der offizielle Thronfolger ist. Das grie­chische Königshaus hat allen Grund zu der An­nahme, daß cs in Rumänien nichts mehr zu sagen haben würde, wenn Carol auf den Lchron käme. ,. .

Dies ist aber nicht die einzige Unilimmigkeit In der rumänischen Königsfamilie. Einflußreicher

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Dr. Friedr. Wilh. Lange. Derantworttich für Politik Dr. Fr. Wilh. Lange; für Feuilleton Dr. H.THyriot; für den übrigen Teil Ernst Dlumfchein; für den An­zeigenteil Kurt Hillmann, sämtlich in Gießen.

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General-Anzeiger für Gberhesien

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