Ausgabe 
20.9.1927
 
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fchickftcUeit tatsächlich die Waffe ist, mit der er über alle bösen Gegner triumphiert I

Für mißtrauische Leser aber sei bemerkt, das) es sich hier nicht um eine erfundene Geschichte handelt, da vor einiger Feit in Los Angel-'-s zwei Personen zu mehreren Fähren Zuchthaus verurteilt worden sind, weil sie sich verschworen hatten, die süße Mary zu rauben.

Ern Einsatz von 2v60ÜVMark

Beim Bakkarat-Spiel in dem französischen Modebad Deauville hat neulich ein ameri­kanischer Millionär den höchsten Einsatz, der in der Geschichte des Bakkarat^Spiels in Deauville vorgekommen ist, gewagt. Er verlor vor kurzem zwei Millionen Franken und beschloß, denDer- lust wieder wettzumachen. Er spielte entschlossen weiter und gewann mehrere Stunden lang. Als er 1 250 000 Franken zurückgewonnen hatte, setzte er den ganzen Betrag, nämlich rund 206 000 Mark, auf eine Karte und gewann. Als er sich vom Tisch erhob, Hatte er den Verlust von zwei Millionen Franken wieder gutgemacht und dazu noch weitere zwei Millionen gewonnen, im ganzen also rund 640 000 Mark!

Aber zunächst, scheint uns, bestätigt diese Erfahrung den alten Sah, daß man, uni Geld zurückzugewinnen, noch genügend übrig behalten muß, um den Versuch riskieren zu können.

Die Rache des Verschmähte».

Als kürzlich in der besten englischen Gesell­schaft eine große Hochzeit gefeiert werden sollte, wurde im letzten Augenblick durch die Polizei ein riesiger Skandal verhindert, der beinahe anläßlich dieses Ereignisses zustande gekommen wäre. Dem Sohne eines Lords, der eine ebenso ehrenwerte Lady heiratete, wurde zu seiner äleberraschung kürz vor der Trauung plötzlich mitgeteilt, daß ihm der ehrenwerte Hei-r Pre­mierminister, verschiedene andere Mitglieder des Kabinetts und sogar der Prlnce of Wales zu seiner Hochzeit die Ehre geben würden. Die Eltern der Braut, denen er dies schleunigst mitteilte (denn auch in England loden die Eltern Der Braut zur Hochzeit ein), waren jedoch auf Das äußerste erstaunt, da sie keine einzige von Diesen hohen Persönlichkeiten eingeladen hatten. Sie dachten vielmehr an eine Feier im kleinen Kreise zu höchstens 40 Personen: um so größer war natürlich ihr Entsetzen und die Peinlichkeit ihrer Lage, denn die bereits bis aufs letzte fest­lich hergerichteten Räumlichkeiten würden in keiner Weise für die plötzlich große Ausmaße an­nehmende Feier ausgereicht haben. Da ihnen die Angelegenheit trotz aller Ehre aber doch etwas mysteriös vorkam, wandten sie sich, wenn auch reichlich schüchtern, an die Geheimpolizei, die in kurzer Zeit feststellte, daß die Einladungen keine Einladungen waren, sondern daß eine dritte Person sich denScherz" erlaubt hatte, einige Hundert Personen des öffentlichen Lebens zu einer Hochzeit zu bitten, zu der sie ursprünglich nicht eingeladen waren. Mit Mühe und Rot gelang es der Polizei, im letzten Augenblick die Persönlichkeiten zu benachrichtigen, und ihnen die wahre Sachlage mitzuteilen, d. h. sie wieder auszuladen". Eine Aufgabe, der sich die Polizei mit großem Takt entledigte. Bei der Nachforschung stellte eS sich heraus, daß der Hrheber dieses Scherzes eine durchaus nicht unbekannte Persönlichkeit war, die sich an dem Bräutigam rächen wollte, weil dieser ihn bei Der Braut ausgeftochen hatte.

Die frankfurter herfimeffe.

WSR. Frankfurt«. M., 19. Sept. Heber den Verlauf des ersten Messetages auf der Frankfurter Herbstmesse läßt sich folgendes sagen:

Die Zahl der Aussteller ist gegenüber Der Frühjahrsmesse um etwa 2025 Pro­zent gestiegen. Am ersten Messetag war Der Besuch außerordentlich stark. Reben den Besuchern aus Hessen und Hessen-Rassau waren auffallend stark vertreten die Einkäufer aus der Pfalz und dem Saargebiet. Aber auch Baden, Württemberg und Rordbayern hatten erhebliche Kontingente von Einkäufern entsandt. So mach­ten Nürnberger Kaufleute eine Gesellschaftsfahrt zur Frankfurter Messe. Auch das Ausland war bereits am ersten Tage vertreten. Schät­zungsweise beträgt die Besucherzahl des ersten Tages 15 bis 18000.

Sippach, der kürzlich wegen Anstiftung zur Gläubigerbegünstigung mit einem Fahr Gefängnis bestraft und sofort verhaftet wurde, sich des mit Schwierigkeiten kämpfenden Müllerangenom­

men", indem er Gefälligkeitswechsel in nicht unbedeutender Höhe akzep- trerte. Diese Wechsel konnte Müller dann nicht einlösen und wurde gepfändet. Hm die Ver-

Heber das wirtschaftliche Ergebnis des ersten Tages ist mitzuteilen, daß im HauS Offenbach, in dem die Offenbacher Leder­warenfabrikanten diesmal wieder ausge­stellt haben, das Geschäft im allgemeinen a-S befriedigend zu bezeichnen ist. Gut lagen Koffer: Lederwaren vormittag mäßig, nachmittags besser. Galanteriewaren leidlich zufriedenstellend. Da­gegen hatten Spielwaren und Christbaumschmuck auf der ganzen Linie ausgezeichnetes Geschäft, besser als seit Jahren. Auch in Musikinstrumen­ten war der Hmsatz gut. Parfümeriewaren la­gen ausgezeichnet. In Haushaltungsar­tikeln war das Geschäft uneinheitlich. Während Bürstenwaren gutes Geschäft zu verzeichnen hat­ten. lagen Holzwaren mäßig und Glaswaren leidlich. Neuheiten waren gesucht und stark ge­fragt. Im HauseSchuh und Leder" war in der Abteilung Schuhe das Geschäft nöch schwach, trotz starken Besuchs. Dagegen hat sich der Oberledermarkt wieder vollständig erholt und zu einer Börse vereinigt. Gut gearbeitet haben die Hausschuh- und Kinderschuh-Fabri­kanten. In Lederschuhen waren die Erwartun­gen nicht allzuhoch gespannt. Gegenüber der Frühjahrsmesse ist jedoch eine leichte Besserung zu verzeichnen. Die M ö b e l m e s s e hat sich diesmal räumlich um fast die Hälfte vergrößert: das Geschäft, das schon im Frühjahr gut war, verbesserte sich noch bei gleichzeitiger Verbesse­rung der Qualität: Insbesondere hob sich die Nachfrage nach hochwertigen Erzeugnissen Rur in schweren Sitzmöbeln war das Geschäft still. Der Besuch dieser Abteilung war außerordentlich stark, trotzdem nur Fachleute dazu Zutritt haben.

Einen außerordentlich starken Besuch hatte die T e x 1 i l m e s s e zu verzeichnen, die ja bekannt­lich das Rückgrat der Frankfurter Messe bildet. Herren- und Knabenkonfektionsartikel im allge­meinen zufriedenstellende, besonders mittlere und billigere Preislagen. Imprägnierte Regenmäntel und Gummimäntel stark gefragt, zum Teil Hausse. Herrenoberwäsche ruhig. In Krawatten herrschte starke Nachfrage nach besseren Sorten. Hüte besserer Qualität wurden gut abgesetzt. Mützen dagegen müßig. Auch Schirme und Stocke waren stark gefragt. Bemerkenswerte Hmsätze wurden in Herrenstruinpfwaren getätigt. Auch die Da­menkonfektion arbeitete gut. Stark gefragt waren Damenmäntel mittlerer Preislage. Strickwaren, besonders Damenstrümpfe wurden stark umge- seht. Damenwäsche zufriedenstellendes Geschäft. Baumwoll-, Druck- und LeineNwaren gut. In Teppichen, Gardinen und Kurzwaren hat am ersten Tage das Geschäft noch nicht voll befrie­digt. Starke Nachfrage herrschte nach Woll­decken. Auch Dekorationsartikel und Puppen teil­weise recht gut. Abschließend läßt sich sagen, daß alle Aussteller der Textilmesse zufriedengestellt sein dürften, zum Teil sehr zufrieden. Von der QlbteUungCBturnen und Früchte" läßt sich sagen, daß die ausländischen Aussteller (Holland und Italien) bereits in der Lage waren, wertvolle Geschäftsverbindungen anbah­nen zu können, die sich jedoch erst in den nächsten Tagen realisieren dürften.

Auch die SonderausstellungDer Herr von Morgey bis Mitternacht" fand starken Zuspruch. Ihr Einfluß machte sich besonders bei der Textilmesse bemerkbar

Die Messe hatte auch am heutigen zweiten Tage lebhaften Besuch aufzuweisen, der aller­dings hinter dem ungewöhnlich starken Andrang deS ersten Messetages zurückblieb. Er übertrifft aber den zweiten Messetag der Frühjahrsmesse wesentlich. Die Hmsätze blieben heute aus einer im Durchschnitt zu friedenstellen den Höhe.

Zur Verhaftung des Rechtsanwalts Müller.

MSN. Frankfurt a. M.. 19. Sept. Zu den Verfehlungen des verhafteten Rechts­anwalts Müller hören wir noch aus zuverlässi­ger Quelle, daß Müller das Opfer seiner Um­gebung geworden ist. Müller war bis zum Sommer dieses Jahres associiert. Sein Associe soll ihn ewig gedrängt haben, Geld herbeizu­schaffen. Aber auch andere Leute setzten ihm zu. So der frühere elsässische Rechtsanwalt und No­tar Dr. Klein, her vor einigen Monaten wegen Betrugs bestraft wurde und seitdem flüchtig ist. Auch der Diplomingenieur Sanne stand mit Müller inGeschä tsverbindung". Ec wurde eben­falls vor einer Woche in Haft genommen. Desgleichen hat sich der angebliche Dr.-Jng.

Schach-Ecke.

Bearbeitet von W. Orbach

Alle für die Redaktion bestimmten Mit­teilungen, Lösungen usw. find zu richten an die Schachvedaktion desGießener Anzeigers".

Problem Nr. 127.

Don I. Drown.

Weiß zieht und setzt in drei Zügen matt. Weih: 3 Steine. Kb3; Dg2; Fel. Schwarz: 3 Steine. Kd3; Bd4, h5.

2

3

6

5

4

3

7

h

7

3

3

2

8

1

d e

Weiß.

3 b

6

Partie Nr. 86.

In der 7. Runde des internationalen Tur niers zu Bad Homburg gespielt.

Daw.engambit.

Weih: E. Bogoljubow.

Schwarz: Dr. S. G. Tartalowrr.

1. d2-d4

2. c2-c4

3. Sgl - f3

4. Sbl-c3

5. Lei - f4

6. e2-e3

7. Lfl-d3

8. 0-0

1. d7-d5

2. e7-e6

3. Sg8-f6

4. Lf8-67

5. c7-c6

6. 0-0

7. Sb8-d7

Mit solchen Kleinigkeiten, wie Erhaltung des Danrenläusers durch h3 gibt sich Bogoljubow nicht ab.

8. .... 8. Sf6-h5

9. Lf4-e5 9. Sd7xe5

10. Sg5!

10. ^4xe5

Wohl am besten, denn aus 10. S e5 würde Schwarz nach g6 usw. ein günstig zu verteidigen­des Spiel erlangen und außerdem och im Be­sitz des Läuferpaares ohne jegliche K. inpensation fük Weiß bleiben.

10..... 10. g7-g6

Wegen der Drohung g4.

11. Ddl-e2 il. f7-f6

12. Tal -dl 12. Dd8-c7

Der sofortige Tausch auf e5 nebst Ld6 ist hier empfehlenswerter.

U. De2-c2 13. Dc7 - b8!

Durch diesen eigenartigen Rückzug stellt sich Schwarz wieder sicher. Zum Verlust hätte fol­gende Spielweise geführt: 13. fxe.

14. cxd, exd (oder auch 14....., exd, 15. Sxd5!,

Dd6 16. Lc4!!, die Pointe, während 16. Sxe7, Dxe7 ein verteidigungsfähiges Spiel für Schw. ergeben hätte! 16......Kh8, 17. Sb6 und Weiß geto.

14. Dc2-b3

Ein abwartender Zug, auf welchen der Nach­ziehende nicht die richtige Erwiderung findet. In Nachteil hätte das Opfer auf g6 geführt 14..... 14. fbxeb

15. c4xd5 15. e6xd52

Der entscheidende Positionssehter, der den weiteren Angriff wieder auffrischt: nach cxd hätte Schwarz das bessere Spiel erlangt.

A. B.. 16. e4, d4 17. Sb5, ab 18. Sa3, b5 19. Tel, Ld7 20. Tc2, De6 21. Tfcl, Tac8 und der Mehr­bauer wird wohl auf die Dauer die Partie entscheiden.

16. e3-e4! 16. Kg8-g7

17. e4xd5 17. Lc8-g4

18. Ld3-e4 18. Sh5-f6

19. H2h3! am besten.

19..... 19. Sf6xe4

20. H3xg4 20. Se4co

21. Db3 - c2 21. Tf8-f4

22. Dc2-e2 22. Le7-d6

23. Sf3-g5 23. h7-H6

Zu 23. ... Dd8 hat Schwarz leint Zeit, da Weih durch Sce4 im Zentrum durchdringen würde.

24. g2-g3 24. Tf4-d4

Besser war wohl der Rückzug jiad) f8. 25. Sg5 f3!

Beide Spieler führen die Partie äußerst ver­wickelt.

25..... 25. Td4Xg4

26. Sf3xe5 26. Tg4-g5

27. Se5-f3 27. Tg5-h5

Dies ist besser als Tf5, denn danach wäre b4 für Schwarz unangenehm geworden: dagegen käme jetzt auf b4 28.....Dc8 (drohend DH3).

28. d5xc6!

Bogoljubow zertrümmert nun mit wenigen kräftigen Zügen die ohnehin schon zerrüttete schwarze Position.

28..... 28. b7xc6

Natürlich geht nun 28.....Dc8 nicht mehr wegen

29. Txdö, Dh3 30. De74-, KhS 31. SH4 usw.

29. b2-b4! 29. Sc5-b7

Falls 29......Dxb4 30. Txdö, Dxc3 31. Dc7+,

KH8 32. TXg6 usw.

30. Sc3-e4 30. Th5-d5

31. Tdlxd5 31. c6xd5

32. De2-b2+ 32. Kg7-g8

33. Se4-f6+ 33. Kg8-f7

34. Sf6-g4!

Das entscheidende Schluhmanöver, dagegen hätte der Rachziehende auf 34. Sd5 dem Weihen durch 34..., Dh8 noch einigermaßen Widerstand entgegensetzen können. Run entfalten die beiden Springer im Verein mit der Dame eine unge­heure Kraft.

34 ... . 34. Db8-h8

35. Db2-b3 35. Kf7-f8

36. Db3xd5 36. Ta8-b8

37. Sf3-e5 37. Dh8-g8

38. Dd5-f3+ sofort entschieden hätte.

38. Sd7~h Ke7 39. Tel+ mit Damengewinn.

38..... 38. Kf8-g7

39. Se5-d7 39. Tb8-c8

40. Df3xb7! 40. Tc8-c7

41. Db7-e4! 41. Tc7-c4

Auf 41.....Txd7 gewinnt 42. Dd4+, Kf8 43.

Sf6 nebst Sxd7 + .

42. De4-e3! 42. g6-g5

Falls 42....., Txg4 43. Dc34~! usw.

43. Sg4-f6 43. Dg8-f7

44. Sf6-e8+ aufgegeben.

Eine von Bogoljubow vom 16. Zuge an aus­gezeichnet durchgeführte Partie.

Lösung des Problems Ar. 124. Don K. Erlin.

1. Da6-a5, b4 2. Dd8! usw.

1...... Txf6 2. Del 4- usw.

1...... Kg4 2. Dc3 usw.

1...... bxc4 2. Del -f- usw.

Eine richtige Lösung zum Problem Rr. 121 sandte ein: Herr Kappes, Langsdorf.

Lösung des Endspiels Rr. 38.

Don H. Keidanski.

1. Kg3f2 (drohend Sg3 +, Kh2 3. Lg2) Kh2 (Schwarz sucht das Ziehen mit dem Bauern so lange als möglich hinzuhalten): 2. Lg2, Le2 (am besten): 3. Sd2, h4 (der Bauernzug ist nun er­zwungen): 4. Le4 (dies führt am schn.'listen zum Gewinn: denn auch 4. Sb3 mit folgendem 5. Sd4; 6. Sf5 resp. Sc2 und 7. Se3 gewinnt wegen der doppelten Mattdrohung: 8. Sg4 + +: oder 8 Sfl -}|-. 4..... Lh5 (auf andere Läuferzüge

des Schwarzen setzt Weiß entweder Matt oder gewinnt den Läufer). 5. Lf5l und das drohende Matt ist jetzt nur durch Läuferopfer des Schwar­zen aufzuhalten.

Zwischen Ws md sieben

Roman von Liesbet Dill.

Copyright bei Morawe & Scheffelt Verlag, Berlin.

18. Fortsetzung. Nachdruck verboten.

Er hatte in feinem Studierzimmer Licht ange- zündet und ging auf und ab. Immer denselben Weg, vom Fenster nach der Tür ... Die Türen zwi­schen ihnen waren geschlossen. Man hörte die Uhren tiefen, die Nacht war still, nur von dem gleich­mäßigen Rauschen des Winterregens erfüllt.

Rasch glitt chre Feder über das Papier. Sie zögerte oft beim Schreiben. Zuweilen wischte sie mit dem feinen Tuch die Tränen ab, die immer wieder funkelnd aufftiegen. Erlöst! Wir sind frei! Komm . komm ... schreib' mir, wann ich Dich erwarten darf. Ich bin Dir nicht böse, ich zürne Dir nicht. Niemals ... aber komm ... komm bald. Wir haben nichts mehr zu fürchten. Ich muh Dich sprechen. Ich werde Dich morgen nachmittag von vier Uhr ab er- roarten ... Solltest Du verhindert sein, so komm, sobald Du kannst, um fünf, wie immer, dorthin. Es wird das letztemal sein, daß wir uns dort sehen.

Sei versichert, daß niemand Dir zürnt, ajn wenigsten er ... Er gab mich frei, ohne Vorwürfe. Mein Leben gehört nun Dir..

Sicher sind in diesem Briefe viele Fehler, dachte sie, als sie ihn schloß. Weshalb baue ich vor,wenn Du verhindert sein solltest ...?" Niemand ist ver­hindert, zu kommen, wenn er liebt ... Sie gab dem Diener den Brief. Sie sah ihn im Regen über die einsame Straße gehen und hörte das Klappern des Briefkastens . . . Nun wa/s geschehen . . . Mein Schicksal liegt In diesem blauen Kasten . . . Eine Tür fiel ins Schloß . . . Aus, dachte sie . . . Es ist gu Ende ... Sie kühlte sich plötzlich von allen Menschen verlassen. Auch von ihm . . . Etwas Un­vermeidliches, das man zu sehen immer gefürchtet hat, stand plötzlich dicht vor ihr ... Die Hand­bewegung vorhin hatte entschieden . . .

Du hier, ich dort ... Als sie ihr Schlafzimmer betrat, fand sie die Tür zwischen ihnen Zimmern verschlossen.

In der Nacht, in der sie beide nicht schliefen, hörte sie ihn drüben das Fenster öffnen und das Licht anzünden, er schien zu lesen.

Was mag er lesen in so einer Nacht? dachte sie . . .

*

Sie war erst gegen Morgen eingeschlasen. Als sie erwachte, war es heller Tag.

Die Köchin brachte ihr den Tee ans Bett.

Der Herr Doktor ist schon lange fortgegangen", sagte sie und zog die Vorhänge auf.

Und die Post?"

Nichts für gnädige 5rau."

Natürlich, der Bries konnte ja noch nicht in feinen Händen fein. Jetzt war es elf. Um zwölf Uhr kam die zweite Post ... In einer Stunde hatte er Ihren Brief. Vielleicht rief er sie an.

Aber das Telephon rührte sich nicht. Die Mit­tagspost brachte nur die Zeitung . . .

Zu Tisch hatte Manfred abgesagt, er äße in der Stadt. Ich werde in den Wald gehen, beschloß sie. Sie zog ein Sportkleid an und hohe feste Stiesel und ging In den leise rieselnden Regen hinaus. Die Dogge trabte neben ihr her. Eine alte Frau kam ihr an dem Kreuzweg entgegen und sagte:Gehen Sie nicht weiter, gnädige Frau ... es ist hier ^erum nicht geheuer. Es ist viel passiert In letzter

Unglück?"

5a, letzte Woche haben sie erst hier jemand um= gebracht ... eine alte Frau wie ich ..."

Sie trippelte neben ihr her und schwatzte.

Das war gut, man brauchte nicht zu denken, nicht zu rechnen ...

Der Regen tat so wohl, die Luft erfrischte sie.

Oben im Walde tarn sie an der roten, langen Kirchhofsmauer vorbei. Das Tor stand offen, und sie dachte an ihren Vater, der hier lag. Sie war lange nicht mehr hier gewesen .. . Sie wollte ein paar Blumen kaufen und klopfte mit dem Schirm ans Fenster des Friedhofsgärtners, aber niemand war in dem kleinen Haus. So ging sie zwischen den Gräbern entlang weiter. Da sah sie einen alten Mann, der mit einer Schivpe vor ihr herglng durch den nebligen Garten, in dem die Bäume leise auf die gepflegten, geschmückten Gräber tropften ... Der Mann blieb stehen ...Sie kommen wegen der

Gräber, gnädige Frau?" sagte er und rückte an sei­ner Kappe.Wollen Sie sie feljen?"

Welche Gräber?"

Nun, die der Herr neulich bestellt hat ... Ihr Mann ..."

Mein Mann?"

5a, der Herr war neulich hier und bestellte ein Doppelgrab ... dort unter der schönen Traueresche ... zwischen den Blutbuchen ... Ich hab' es abge­steckt." Und er ging ihr voran und wies ihr zwischen anderen Grabstätten, die meist noch ganz frisch waren, eine grasbewachsene Stelle unter zwei hohen, schlanken Blutbuchen, von denen der Nebel troff ...Das war die beste Stelle, die wir finden konnten ..." sagte der alte Mann.Es gibt Leute, die haben nie Zeit zu so was, und nachher kommen die Hinterbliebenen angelaufen ... cs ist doch besser, wenn man das vorher besorgt ..."

Sie schwieg, betroffen von dem Gedanken, daß er, Manfred, der nie ans Sterben dachte, wenig­stens nie davon gesprochen hotte, wohin er einmal kommen wollte, der diese Gegend nicht einmal als Heimat empfand, darauf gekommen war, in diesen Tagen an seine künftige Ruhestätte zu denken ... an sein Grab ... Und das ihrige hatte er gleich ... es war sonderbar ... Und daß er es heimlich getan hatte, ihr kein Wort davon gesagt ... Sie erinnerte sich, wie ungern er auf Kirchhöfe ging. Das Grab ihres Vaters hatte er nicht einmal gesehen ... Sie hatte ihm einmal den Stein zeigen wollen, aber er hatte Vorwände gehabt ... er wollte nicht ... Sie hatte Verlangen nach diesem Grab. Sie ging mit dem Friedhofsgärtner nach dem Treibhaus und suchte ein paar Blumen aus

Nehmen Sie doch diese weiße gefüllte Erika," sagte der Mann,die hält am besten ..." Auf dem Grab, das dicht mit Efeu überwuchert war, hals er ihr, den großen Blumentopf einstecken ... Unter ihres Vaters Namen ... Und diesen Namen f(baute sie an, während sie auf der kleinen weißen Bank saß. Franz Joseph Eberwyn von Wegemar ..."

Er lag einsam hier oben ... Fremde Grabstätten um ihn herum ... Sie hatten damals auch nicht vorgesorgt ... Und nachher hatte man ihn begra­ben, am Weg, unter fremden Leuten, wo gerade Platz war. Ihre Mutter ruhte nicht an seiner Seite, diese Frau, die er so geliebt ... Sie hatte gewünscht, verbrannt zu werden, die Urne sollte in einem

mit Holzstäben vergitterten, in die Wand ihres Schlafzimmers eingelaffenen Schrank aufge- tellt und dieser ausgeschlagen werden mit dem blau- eibenen Schal, den sie in ihren letzten Tagen immer getragen hatte ... Und so war's geschehen. Ihre Irne stand in diesem abgeschlossenen Zimmer, in dem die Läden herabgelassen waren, in das ihr Vater zuweilen (fing, um Dort am Echrelbtisck zu sitzen ... in Erinnerung an diese zarte, geliebte 5rau ... Siehst du, fo ist sie immer bei uns ge­blieben, sagte er. Uno sie ist nicht alt geworden, sie war so schön, als sie starb ... ganz mädchenhaft jung, und lächelte wie im Schlaf ... Aber sie war aus ihrem Schlaf gestört worden, als die Fremden in die Stadt tarnen ... und von dem Haus Besitz nahmen. Als sie vor das abgeschlossene Zimmer kamen, rüttelte einer der Offiziere an der Klinke. Und hier?" fragte er ... Der alte Diener, dem die Knie zitterten, gestand, dieses Zimmer sei das Zim­mer der verstorbenen gnädigen Frau.

Nun aut, öffnen Sie, öffnen Sie ... es wohnt ja niemano mehr darin!"

Nein," sagte der Hilfe,aber es darf nie be­wohnt werden."

Wer befiehlt das?" fragte ein kleiner dunkel­haariger siamesischer Offizier ...

Es ist in ihrem Testament so bestimmt, Herr Capitaine ..."

Da steckte der kleine gelbhäutige Siamese den Daumen zwischen feine Nockknöpse und lächelte ... Le sont nous, qui faisons les testaments niainte- nant, sagte er mit einem Siegergesicht, und er be­fahl:Deffnen Sie die Tür!"

Die TÜr flog auf, und sie betraten das Zimmer der Toten ... der Diener mußte die Läden offnen und das helle Tageslicht quoll herein ... Der Raum mar wohnlich und elegant ausgestattet.Da steht ja ein Bett." Der Offizier stach mit feinem Säbel in das weiche Federkissen.Es ist sogar sehr gut", meinte er.Ich werde es nehmen ..." Und am sel­ben Tage zog her kleine gelbe Siamese in das Zim­mer der Toten ein ... Melitta nahm die Urne aus dem Schrank und trug sie in bas Zimmer des Va­ters ... der wehrlos und machtlos diesem Einbruch gegenüberstand ...

(Fortsetzung folgt.)