Nr. 220 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Merheffen)Dienstag, 20. September 1927
Eindrücke in der neuen Türlei.
Don v. Feldmann.
Dach herrlicher dreiwöchiger Fahrt auf einem Frachtdampfer kam ich in Konstantinopel an. 3m hellsten Sonnenschein lag die prachtvolle Stadt vor mir, in der ich fünf schöne, wenn auch schwere Jahre in großer Zeit verlebt hatte. Sie wiederzusehen, war mir seit 1918 ein ewiges Bedürfnis, das sich steigerte, seitdem sich die alte mir bekannte Türkei in eine neue um gewandelt halte. Bekanntlich sind in der Türkei, nachdem sie sich die Freiheit wiedercrkämpft hatte, Umwälzungen vorgenommen worden, die niemand früher für möglich gehalten hatte. Sultanat und Kalifat beseitigt, die Hodschas zu Tausenden ab- gebaut und in ihrem Einfluß und in ihren Rechten sehr beschränkt, der Fez abgeschafft, den Frauen Freiheit in Kleidung und Umgang gegeben, kurz, man hat sich auf der ganzen Linie europäisiert, aber die Hauptstadt aus Europa fortgelegt in das heute noch kleine Angora, fern inmitten Anatoliens, von Konstantinopel mit dem V-Zuge in 18stündiger Bahnfahrt zu erreichen.
Den ersten Eindruck von den neuen Der- hältnissen bekommt man an Bord, wenn die Hafenbehörden zur Gesundheits-, Zoll- und Paßkontrolle erscheinen. Seeleute und Polizei in Dienstmüyen, Zivilbeamte im Hut. Trotz des Feiertags arbeiteten die Behörden pünktlich. Die Erledigung ihrer Geschäfte war höflich, ordentlich und schnell. Bei der Zollrevision meines Gepäckes an Land wurde ich besonders freundlich behandelt.
Das Straßenbild Konstantinopels hat sich vollständig verändert. Das liegt schon an dem Fehlen des Fez. den man nur noch ganz vereinzelt bei Aegyptern findet, und der alten türkischen Frauenkleidung. Bezüglich letzterer liegt ebenso wie bei der Verschleierung kein Verbot vor, sondern man hat die moderne Kleidung und Entschleierung gestattet. Tatsächlich sieht man aber Tscharschaff und Schleier kaum noch. Dur das Haar der Frauen ist mit einem seidenen Kopftuch umhüllt, das sehr kleidsam wirkt und ebenso wie bei uns die Hüte den verschiedenen Dioden unterworfen sein soll. Es fehlen im Straßenbild auch die malerischen Gestalten der Araber, die ja nicht mehr zur Türkei gehören, es fehlt auch die elegante levantinische Damenwelt, nachdem die Griechen fast restlos ausgewiesen, es fehlt auch die elegant' europäische Welt und natürlich jedes Hosleben. Das Straßenbild ist zweifellos ein einfacheres, farbloseres geworden. Daß die türkische Damenwelt in ihrer Kleidung Mißbrauch triebe mit der neuen Freiheit, ist nirgends zu bemerken.
Einen gewaltigen Fortschritt hak der Verkehr aufzuweisen. Eine große Zahl von Personenkraftwagen steht außer den elektrischen Straßenbahnen und der guten alten Tunnelbahn von Galata nach Pera zur Verfügung. Die Autos sind mit Preisanzeigern versehen, so daß man nicht mehr notig hat, nach jeder Fahrt einen langwierigen Handel mit dem Fahrer über sich ergehen zu lassen. Derkehrsschutzleut» mit knallroten Helmen, auf kleinen Erhöhungen stehend, regeln den starken Verkehr. Der Lärm auf der Straße ist unvermindert, oder besser durch die Autos noch gesteigert. Obst- und Gemüsehändler befinden sich dauernd im Schrei-Wettstreit mit Zeitungsträgern und Limonaden träger n. Dazu erklingt alle paar Schritt aus offenem Laden die dauernd läutende elektrische Klingel, die auf Verkauf von Wasser, Limonade und Eis aufmerksam machen soll. Die Straßenüettelei ist in vollem Schwünge — kein Wunder bei der Armut der Bevölkerung in der jetzigen Zeit der Geldentwertung, die aber Konstantinopel keineswegs billiger gemacht hat als früher. Qtllgemein klagt man über die Teuerung, namentlich über die hohen Mieten in den vielen neuen, zum Teil sehr hübsch gelegenen vier- bis sechsstöckigen Etagenhäusern, die mit allen neuzeitlichen Einrichtungen versehen sind.
Dem Fremden wird das Leben durch die polizeilichen Meldevorschriften sauer gemacht. Wer nach Konstantinopel will, nehme zwei Dutzend Vatzbilder mit. wenn er sich nicht dauernd wieder typen lassen will. Sechs braucht man zur Anmeldung, drei zur Abmeldung. 3e sechs, wenn
Diplomaten bei Tisch.
Don L. v. D o r d e g g.
3n diesen Tagen beginnt wieder die Saison der diplomatischen Diners: unser Mitarbeiter schildert aus der Fülle seiner Erlebnisse den Wandel, der sich in den letzten Jahren auch bei diesen gesellschaftlichen Ereignissen vollzogen hat.
„Es ist geradezu phantastisch, wieviel in Berlin gegessen wird. Dach einer Soiree sagt man nicht: Das war gestern sehr amüsant oder sehr langweilig: man sagt: Es war ein gutes Busett, ein schlechtes Bufett." So liest man schon in dem in der Mitte der achtziger Jahre erschienenen Buch „La Societe de Berlin“ („Die Berliner Gesellschaft"), das von einem angeblichen Grafen Paul Dassili verfaßt ist und ein ungeheures Aufsehen, ja geradezu einen Skandal verursacht hat. da es seinerzeit den maßgebenden gesellschaftlichen Kreisen der Deichshauptstadt, namentlich dem Hof. der Diplomatie und der Hochfinanz unter voller Dennung aller Damen die unangenehmsten Wahrheiten sagte. Als Verfasser galt ein Franzose, der der alten Kaiserin Augusta als Vorleser diente, und der nebenbei, wie behauptet wurde, dem französischen Ministerium des Auswärtigen fortlaufend Geheimberichte aus Berlin gesandt haben soll. Zur Belohnung wurde er dann bi den diplomatischen Dienst übernommen, in dem er es bis zum Botschafter in Tokio brachte. Monsieur Auguste Gerard, so hieß der Vorleser, hatte eine böse Zunge, aber zweifellos auch eine scharfe Beobachtungsgabe. 3n der Berliner Gesellschaft hat man stets auf gutes Essen großes Gewicht gelegt, und in ganz Dorddeutschland sind Geselligkeit und Essen zwei voneinander schwer zu trennende Begriffe. x Aber der Weltkrieg räumte doch so gründlich mit allem auf, was als Schlemmerei bezeichnet werden kann, daß die alten üppigen Festessen heute auch bei den wohlhabenden Schichten aus der Mode gekommen sind. Gerade die an hervorragender Stelle im öffentlichen Leben stehenden Männer scheuen sich in unserer Zeit, selbst wenn sie mit dem Geld nicht ängstlich um» »ugehen brauchen, prunkvoll aufzutreten und be°
man eine andere Stadt besuchen will, wozu eine besondere Erlaubnis gehört. Es ist wohl eine einzig dastehende Erscheinung, daß die Botschafter. wenn sie nach der Hauptstadt fahren wollen, einer Erlaubnis bedürfen. Mit diesem polizeilichen Unfug sollten die Türken Schluß machen, wenn sie den Fremdenverkehr nicht noch mehr herunter- brüden wollen, im Abnehmen ist er jetzt schon. Die Reinlichkeit der Straßen ist bis m die entlegensten Gassen hinein tadellos und föimte mancher deutschen Stadt als Muster dienen.
Die Sensation Konstantinopels ist heute für den Fremden der Vi 1 diz. Hier war einst der Sih Abdul Hamids, dann wurde der Vildiz zum Empfang und auch zur Unterbringung hoher kaiserlicher Gäste verwendet. Don hohen Mauern umschlossen, hat er etwas Feierliches und Geheimnisvolles. Ich betrat ihn einmal, als Feldmarschall Mackensen dem Sultan den preußischen Feldmarschallstab überreichte. Heute rasen Autos durch den Park hinauf zum Kasino und den Spielsälen, in die man den größten Pavillons umgewandelt hat. Ich habe mir das Leben dort auch einmal Dachmittags angesehen. Eine wenig elegante Gesellschaft — sehr viel türkische Frauen — bemühten sich, ihr Geld an die Bank los- zuwerden, was ihnen auch „spielend“ gelang. Ich konnte mich nicht entschließen, ein zweitesmal hinzugehen. Die Entweihung gegen früher war mir zu widerlich.
Auch der neuen Hauptstadt Angora konnte ich einen Besuch abstatten, nachdem ich mich bei meinen alten Freunden, dem jetzigen Ministerpräsidenten und dem stellvertretenden Generalstabschef, angemeldet hatte. Ich wurde auf das herzlichste empfangen und konnte mich vier Stunden mit I.s m e t Pascha sehr interessant unterhalten. Er sprach mit großem Ernst von der Lage seines Landes, namentlich von dem Dk angel an Geld. Angora hat sich fabelhaft entwickelt. In der alten Stadt entstehen große neue Häuser und draußen sind neue Vorstädte mit Hunderten von Deubauten fertig. Alles in zwei Jahren gemacht: vorläufig hat man noch den Eindruck der Planlosigkeit. Mit mir reiften aber zwei Professoren, die nun Bebauungspläne fertigstellen sollen. Ich fürchte, sie sind weder die ersten noch die letzten, die sich mit solchen Vorschlägen beschäftigen müssen. Die fremden Botschafter und Gesandtschaften sind alle im Vorort Tschankey vereinigt, ihre Häuslichkeiten allerdings meist noch im Bau. nur die russische Botschaft ist fertig, ganz in Vteiß in einem übermodernen Stil erbaut.
Sehr im argen liegt noch das Hotel- wesen in Angora. Man hat gegenüber dem Parlament ein neues Hotel gebaut, es findet aber wegen der Pachtbedingungen, die die Regierung stellt, keinen Pächter. Der größte Gasthof jetzt ist nach unseren Begriffen ein solcher dritten« Ranges, aber reinlich und mit einem vorzüglichen russischen Restaurant im Erdgeschoß. Verkehr und Strahenleben in Angora sind ungeheuer lebhaft. Alles in allem hat man den Eindruck, daß ein ernster Wille in den Regierungskreisen besteht, wirklich eine neue Türkei zu schaffen und in ihrer nationalen Freiheit zu erhalten. Daß viel geschafft ist, läßt sich nicht leugnen. Kritik zu üben ist Leicht, man soll sich aber darüber klar sein, welche Zeiten die Türkei durchgemacht hat u:tf> mit Welch geringen personellen und materiellen Mitteln die Reformen und der Ausbau durchgeführt werden müssen.
Zum Schluß seien mir noch einige Worte über das Deutschtum in der Türkei gestattet. In Konstantinopel ist die deutsche Kolonie die stärkste von allen. Sie zeichnet sich auch durch großen Zusammenhalt aus, der durch viele gemeinsame Unternehmungen, Ausflüge, Vorträge und dergleichen nach außen in Erscheinung tritt. Ich erlebte einen wunderhübschen Dachmittag und Abend in der Kolonie. Weit draußen am Bosporus hatte ein Deutscher seine wunderschöne Parkpachtung zur Verfügung gestellt zur Vereinigung der Kolonie. Deroter Wander- schüler führten im Freien die Schweizer Tell- Bauernspiele auf und erfreuten die Landsleute draußen mit alten deutschen Volksliedern. Es war ein ungemein stimmungsvoller Abend. Daß der deutsche Dame 'heute in der Türkei noch einen guten Klang hat, merft man auf Schritt und Tritt. Der deutsche Kaufmann, Ingenieur und
fleißigen sich eines soliden Maßhaltens, das nicht zu unliebsamen Vergleichen, zu Deid und Eifersucht herausfordert.
Es liegt vielleicht an dem rauhen Klima, daß der Deutsche im allgemeinen über einen gesegneten Appetit verfügt. Graf Paul Vassili oder, wie man ihn wohl richtiger nennt, Monsieur Auguste Gerard, stellte seine Studien in Berlin zu einer Zeit an, in der Bismarck die Geschicke des Reiches lenkte. Der große Kanzler hatte auch einen großen Magen und verzehrte einen Riesenhummer und einen halben Kapaun im Handumdrehen: bei seinen diplomatischen Diners wurden zwischen die auf dem Menu angegebenen Gerichte, deren Menge nicht klein war, noch allerhand Überraschungen eingeschoben. die auf der Speisekarte nicht mehr untergebracht werden konnten, aber doch recht nahrhaft waren: es gab da getiäffelte Leber- und Wildpasteten oder fallen Schweinskopf, Gerichte, die eigentlich nicht mitzählten, sondern bloß die Pausen aus- füllen sollten. Dis zum Krieg hatten die eleganten offiziellen und privaten Diners der Berliner Diplomatie und Hocharistolratie mitunter mehr als zwölf Gänge; dabei war es unerläßlich, daß außer dem weihen und roten, in Karaffen gegossenen Tischwein fast zu jedem Gang eine besondere Sorte Wein kredenzt .wurde. Zu den Dorspeisen, Austern oder Kaviar, trank man einen leichten, rötlichen Sekt; zum Fisch gab es älteren Rheinwein: edler Bordeaux oder purpur funkelnder Burgunder verschönte den Braten: dann trän* man möglichst trockenen Champagner, und als Abschluß wurde ein Gläschen Marsala zum Dessert gereicht. Die jenseits der deutschen Grenzpsähle unbekannte Sitte, sich vor dem Essen „Gesegnete Mahlzeit“ zu wünschen, war bei solchen Diners keine leere Zeremonie. Wer eine Dinersaison restlos durchgekostet hatte, machte sich im allgemeinen schleunigst auf nach Karlsbald oder Marienbad, um fein Inneres ordentlich durchzuspülen
Das alles klingt heute wie ein Märchen aus uralten Zeiten. Der erste Reichspräsident, Friedrich Ebert, brach mit der alten Tradition, daß schon durch die Fülle der Gerichte repräsentiert werden müsse; auch bei offiziellen Empfängen gab es, der Rot der Zeit entsprechend, nur ein
Seefahrer sind unermüdlich tätig und auf keinem Gebiet will man deutschen Rat entbehren. Leicht haben es die Deutschen allerdings nicht immer, denn das türkische Selbstbewußtsein ist nach den politischen und militärischen Erfolgen ungemein gestiegen. Die Zukunft der Türkei wird davon abhängen, ob sie das Bev ölkerungsprv- b l e m lösen kann. Mit 8 bis 9 Millionen Einwohnern kann die Türkei nicht lebensfähig bleiben. Der anatolische Bauer hat durchschnittlich 10 Kinder, von denen aber im allgemeinen nur zwei groß werden. In der Bekämpfung der Kindersterblichkeit scheint mir eine der wichtigsten oder die Frage zu liegen, die chre Antwort finden muh.
Abschliehend möchte ich nicht unerwähnt lassen, dah es der deutsche Botschafter und seine liebenswürdige Gattin verstanden haben, unserer Botschaft in jeder Beziehung eine ganz besondere Stellung in Konstantinopel äu schaffen. Mit der Türkei verbindet uns langjährige Freundschaft und im Kriege bewährte Waffenbrüderschaft. Mögen auch heute einzelne nationalistische Kreise von unserer deutschen Tätigkeit in üjrem Lande nichts mehr wissen wollen, so wissen wir, es sind nur vereinzelte, die so denken. Sie sollen uns nicht hindern, mit den besten Wünschen das Ringen des neuen Staates um seine Selbsterhaltung zu verfolgen.
oder zwei gute Speisen und niemals Sekt. Auch im Hause Hindenburgs sind so üppige Essen, wie sie in früheren Zeiten bei offiziellen Persönlichkeiten selbstverständlich waren, ausgeschlossen. Der Reichspräsident ist bestimmt kein Kostverächter; Essen und Trinken munden dem Achtzigjährigen vorzüglich, der sich durch seine kräftige Ernährung eine große Rüstigkeit bewahrt hat. Doch in vorgerückten Jahren hat sich Hindenburg in eine Lebensversicherung eingekauft und muhte sich dazu einer gründlichen ärztlichen Untersuchung unterziehen; auf die ängstliche Frage seiner Frau, was der Arzt gesagt habe, antwortete er in seinem tiefen Bah: „Ich bin kerngesund!" Aber kein Luxus waltet bei den großen und kleinen Diners des Reichspräsidenten, bei denen seine Schwiegertochter Margarete von Hindenburg ihm, der Witwer ist, an Stelle der Hausfrau gegenüber sitzt. Reichspräsident Hindenburg verleugnet in seinen Gepflogenheiten niemals den Abkömmling eines alten, mit irdischen Glücksgütern nicht überreich gesegneten Soldatengeschlechtes, und er wurzelt noch in einer Zeit, in der man nicht „zum Diner", sondern „zu einem Löffel Suppe" einlud. Oft verbarg sich freilich hinter der bescheidenen Redensart ein luxuriöses Festessen, bei dem nichts fehlen durfte. Aber es machte sich nett, dieses bescheidene Wort: „zu einem Löffel Suppe". Datürlich wurde niemand durch eine solche Einladung getäuscht, und es verstand sich ebenfo von selbst, daß man in solchem Falle ein Diner zu erwarten hatte, wie im allgemeinen auch ein Ball bevorstand, wenn „zu Tee und Tanz" eingeladen wurde.
Das größte Maß von Repräsentationspflichten ruht nicht auf dem Reichspräsidenten von Hindenburg und nicht auf dem Reichskanzler Dr. Marx, es ist dem Außenminister Dr. Stresemann aufgebürdet, den seine Gattin mit der Gewandtheit der vollkommenen Weltdame unterstützt, und der sich seinen Pflichten auch gern unterzieht, wenn er nicht gerade an den Gestaden des Genfer Sees mit Chamberlain und Briand tonferiert Bei ihm trifft sich die internationale Diplomatie, die die kulinarischen Traditionen vergangener Zeiten hoch- zuhalten gewußt hat. Wenn man an einem Diner bei dem französischen Botschaster in Ber-
Geschichten aus aller
Welt
Dachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!
Tas Aufsatzthema.
Den Wirklichkeitssinn in der Jugend zu wecken und zu festigen, ist eines der Hauptprinzipien moderner Erziehung. Junge Menschen, die nur in klassischen Idealen und schwärmerischen Dorstellungen leben, erleiden beim Eintritt in den brutalen Daseinskampf leicht Schiffbruch, und deshalb muß schon die Schule sie durch geeignete Erziehung gegen ade Widrigkeiten des Geschicks zu wappnen suchen. Diese bemerkenswerte pädagogische Wandlung ist auch an den Aufsatzthemen festzustellen, die man heutzutage in den Schulen von Jungen und Mädels bearbeiten läßt. Stellte man früher noch solche Aufgaben wie: „Inwiefern nimmt Dante auch in der italienischen Metrik eine Sonderstellung ein?“ ober „Der Weltschmerz Leopardis, an seinen schönsten Gedichten dargestcllt", so behandeln die heutigen Schüleraufsähe lebenswarme Fragen wie: „Warum braucht Italien Kolonien?", „Der Duce, eine Kampfnatur". „Die Vorteile des Flugverkehrs" usw. Ein ganz realpolitischer Lehrer an der Mädchenschule in Ancona jedoch gab in der Aufsatzstunde kürzlich seinen vierzehnjährigen Schülerinnen folgendes eigentümliches Thema auf:
„Gedanken eines Familienvaters, der in einen Brunnen gefallen ist."
Das Ergebnis war überraschend. Es erwies sich, daß sämtliche jungen Damen mit der blühendsten Phantasie begabt waren und die erschütterndsten, tränenseligsten, Ieremiaden in packenden Worten aus der Feder strömen ließen. Bis auf eine, Fräulein Aida Agostini, — deren Damen man sich vielleicht merken muß! — die das gestellte Thema einfach folgendermaßen löste:
„Mein Gott, muß das fein? Muß das sein?" Punktum, Schluß.
Sie bekam die beste Dote, was beweist, daß nicht nur in Aida Agostini vielleicht ein kommender Mark Twain steckt, sondern auch in den Lehrern ein praktischer Humorist.
Ein Lieferant für Tote.
Gemeinhin pflegt man von gerissenen Geschäftsleuten zu sagen: „Ja. die nehmens von den Lebendigen!" Daß das nicht immer der Fall zu sein braucht, beweist das Beispiel William H a r d h s in Deuhork, der es nicht von den Lebendigen nahm.
William Hardy besitzt ein kleines Iuwelier- geschäft in der großen Stadt Deuyorl. Sein Geschäft ging herzlich schlecht, und er marterte seine Phantasie, um auf eine „Idee" zu kommen. Im gesegneten Amerika braucht man nämlich nur eine „Idee" zu haben, dann kommt alles andere von selbst: im guten alten Europa haben die Leute neben der Idee immer noch etwas, was sie „Gewissen" nennen, und verhungern dabei: Es wäre mit dem Teufel zugegangen, wenn William Hardy nicht eines Tages eine „Idee" erschienen wäre. Sie war plötzlich da, und als er sie gefaßt hatte, abonnierte er sämtliche Deu- yorker Zeitungen.
Zeit ist Geld. So laufet das amerikanische Glaubensbekenntnis, und wer ein Geschäft hat, kann sich daher nicht stundenlang mit Zeitunglesen beschäftigen. William Hardy schlug diesem geheiligten Prinzip ins Gesicht, und seine Freunde sahen ihn auf einmal zu ihrem unbeschreiblichen Schrecken in seinem Laden fast den ganzen Tag
über Zeitungen gebeugt, in denen er ab und zu etwas mit dem Rotstift anstrich. Und über etwas anderes wunderten sie sich mit Recht noch mehr: Jeden Abend expedierte William Hardy Dutzende von kleinen Paketchen, und mit der Zeit erschien regelmäßig jeden Morgen der CB.'’cf träger bei ihm mit einer Anzahl von „Postwechseln" (die unseren deutschen Postschecks entsprechen. D. Red.). Die Freunde wurden neugierig und wollten gerne wissen, wie es käme, daß sich Williams Verhältnisse so gebessert hätten. William kniff stets ein Auge zu und erwiderte schmunzelnd: „Es ist wahr, ich habe toll zu tun. Und meine Kundschaft? Die beste, die man sich denken kann. Kein Wort des Tadels und der Beschwerde! Sie nehmen schweigend und zufrieden meine Dienste entgegen!“
Doch William hatte auch Deider, und so konnte es nicht ausbleiben, daß seine „Idee" eines Tages an das Licht der Sonne kam. Und diese „Idee" war wie alle, die was taugen, verblüffend einfach. Er war auf den eigenartigen Gedanken gekommen, seine Ware an eine Kundschaft — jenseits des Grades — losHuschla- gen, und darum war er so eifriger Zeitungs- lefer geworden. Las er da z. B., daß der eine oder der andere reiche Kaufmann gestorben war, so übergab er der Post sofort ein kleines Paket- chen mit Pretiosen an die Adresse tzc-s Toten. Je nach der wirtschaftlichen „Wertigkeit" des Verstorbenen betrug der Wert der Sendung fünf bis zweihundert Dollar. Dein Paket war ein Schreiben beigefügt, worin er seinem „Kunden" mitteilte, anbei folge die bei ihm gekaufte und umgeänderte Ware, über die er Rechnung beizufügen sich ergebend erlaube, — und diese Rechnung ist in neunzig von hundert Fällen von den Angehörigen des Toten aus Pietät umgehens bezahlt worden.
Kein Wunder, daß heute William Hardy in Deuhork der Mann des Tages ist. Und die Andacht vor der „Idee" ist bei den Amerikanern so tief eingewurzelt, daß noch nicht einmal die Polizei öder die Staatsanwaltschaft sich William Hardhs und seines „Verkehrs mit Verstorbenen“ angenommen haben.
Film und Wirklichkeit.
Wie oft haben wir nicht im Fißn Mary Pickford oder richtiger Herrn Douglas Fairbanks bewundert, wenn er mit heldenhafter Aufopferung seine von Räubern entführte, ach, so süße Mary, aus den Armen irgendwelcher Räuber befreite — meist natürlich ohne Revolver, allerhöchstens mit einem Lasso ober einem höchst unzulänglichen Gegenstand bewaffnet. In Wirklichkeit scheint es ihm aber anders zu gehen. Denn als vor einiger Zeit tatsächlich die Gefahr bestand, daß seine Frau von irgendwelchen Räubern geraubt würde, da verhielt er sich ganz anders als in den schaurigen Filrnge- fahren. Er bewaffnete sich nämlich nicht nur mit einem leichten Maschinengewehr, er ließ auch sein Haus und sogar sein Auto wochenlang vom bis an die Zähne bewaffneten amerikanischen! Geheimpolizisten bewachen. Er zog also dem waffenlosen Kampf seiner Filme, im Leben durchaus die reale und offenbar verläßlichere Macht der Gewehre und der Polizei vor. Wie schön wäre es gewesen, wenn er wirklich einmal bewiesen hätte, daß seine bewundernswerte Ge-
lin, dem Marquis de Margerie, teilnimmt, lernt man die Vorzüge dieser Tradition schätzen. Die Frau des Botschafters ist, wie man weiß, eine Schwester von Edrnond R o st a n d . dem frühe- verstorbenen Dichter des „Cyrano de Bergerac“ und des „Aiglon“, aber sie scheint nicht nur über gute Beziehungen zur französischen Literatur und Kunst zu verfügen, sie muß auch das Muster einer Hausfrau sein, denn die klassischen Meister der gallischen Kochkunst, die Grimod, de la Rehnieres und Brillat-Savarin, dem T a r d i e u soeben eine Büste enthüllt hat, würden zweifellos mit Entzücken an den Tafelfreuden der fran- zösischen Botschaft teilnehmen, wenn sie aus dem Grabe auferftünben. Aber die französische Küche hat die Qualität stets höher geschätzt als die Menge und den für deutsche Ohren sehr merkwürdigen Sah geprägt, daß man von einem guten Diner hungrig aufstehen müsse. Das konnte bei einem deutschen Festessen nie geschehen; man muß nicht gerade an den Frankfurter Bankier denken, der als letzten Gang auf seiner Speisekarte Datron verzeichnete, man konnte vor dem Krieg auch bei einem diplomatischen Diner einen alten betitelten und besternten preußische-« Würdenträger beobachten, der nach dem Dessert ungeniert eine Düte aus der Tasche zog und einen Löffel voll doppelkohlensaures Datron verschluckte; dieses Verfahren ist freilich immer noch besser als die berüchtigte Pfauenfeder der römischen Prasser.
Der Zwang zur Repräsentation, der früher auf allen im öffentlichen Leben Stehenden unbarmherzig lastete, ist mit der Zeit teilweise aufgehoben worden, zumindest ist er aber erheblich gelockert. Wer nicht regelmäßig prunkvolle Diners veranstaltet, wird nicht mehr sofort auf den gesellschaftlichen Index gesetzt. Man zieht es heute sogar im allgemeinen vor, zu einem „Teller Suppe" und nicht zu einem Festessen eingeladen zu werden, nicht nur wegen der schlanken Linie, sondern auch deshalb, weil bei den bescheideneren Diners die Gastgeber meist sympathischer sind. Abgesehen vom diplomatischen Korps, werden allzu luxuriöse Essen eigentlich nur von Emporkömmlingen veranstaltet, die sich kranipfhaft bemühen, die vornehmen Traditionen der Zeit vor dem Kriege aufzunehmen.


