Nr. m Erstes Blatt
177. Jahrgang
Samstag, 20. August <927
Gießener Anzeiger
General-Anzeiger für Oberheffen
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Dr. Friede. Wilh. Lange. Verantwortlich für Politik Dr. Fr. Wilh. Lange; für Feuilleton Dr. H.THyriot; für den übrigen Teil Ernst Blumschein; für den An- zeigenteil Kurt Hilimann, sämtlich in Gießen.
Der Kampf um den Vesatzungsabbau.
Der internationale Charakter der Besatzung gefährdet?
Wirtschafts-Locarno.
Die abgelaufene Woche hat als Ereignis von überragender politischer "Beben tung den Abschluß des deutsch-französischen Handelsvertrages gebracht. Nahezu drei Fahre harter, zum TÄl sogar äußerst schwieriger Verhandlungen gingen diesem bedeutsamen Schlußakt voraus. Wenn es trotz dieser langen Derhandlungsdauer nicht gelungen ist, neben anderen deutscben Forderungen auch noch einigen weiteren, für üns wichtigen Belangen, wie dem Aiederlassungsvecht für Deutsche in Marokko und dem sofortigen und ungehindertenKvnsulatsrecht in Elsaß-Lothringen, sogleich Erfüllung zu verschaffen, so stehen diesem Minus doch aüf der andern Seite Ergebnisse gegenüber, die für uns so bedeutsam sind, daß man ein Scheitern der Verhandlungen an den beiden erwähnten Forderungen auch vom deutschen Standpunkt aus nicht hätte vertreten können. Man muß sich eben vor Augen halten, daß derartige Vertragsabschlüsse immer Kompromißlösungen darstellen, bei denen auf beiden Seiten stets manches zu wünschen übrig bleibt. Unb man muß dabei seine Hoffnung auf die, Zukunft sehen, die über kurz oder lang doch wohl die Möglichkeit bieten wird, auch noch die Forderungen durchzusetzen, die man heute wähl' oder übel im Interesse größerer Gesichtspunkte zurückstellen mußte. Von diesem Standpunkt aus betrachtet können wir mit dem jetzt vorliegenden Ergebnis dieser langwierigen Handelsvertragsverhandlungen vorerst zufrieden sein.
Obwohl map in Ermangelung des noch nicht vorliegeirden amtlichen Wortlauts des Abkom- mens von einer Besprechung im einzelnen zur Zeit absehen muß — darüber wird später wohl noch einiges zu bemerken sein — läßt sich doch schon sagen, daß die Unterzeichnung dieses Vertrages nach zwei Richtungen hin von großer Wichtigkeit auch für uns ist: Wirtschaftlich schafft er zunächst für die kommenden zwei Fahre stabile Verhältnisse in den deutsch-französischen Handelsbeziehungen, wobei man aber beachten muß, daß die Verlängerung des Vertrages über die jetzt vereinbarte zweijährige Geltungsdauer hinaus schon heute als sicher anzusehen ist; darüber hinaus erschließt er unserer Fndustrie und dem gesamten deutschen Außenhandel durch die Einräumung des Meistbegünstigungsrechtes seitens Frankreichs neue und wertvolle Absatzgebiete, von denen man eine Belebung unserer, gesamtdeutschen Wirtschaft erhoffen darf; und endlich schs-ft er feste Bindung der französischen Zölle für unsere Exportwaren, während anderseits durch die Beschränkung des französischen Weineinfuhrkontingents eine Ueberflutung Deutschlands mit französischem Wein, die sehr zum Schaden unserer ohnehin schwer ringenden Winzer, darunter auch der rheinhessischen, gewesen wäre, verhütet wird. Es wird also durch diesen Vertrag für die deutschen Exportinteressen eine wesentliche Verbesserung der Wetibewerbsbedin- gungen auf dem französischen Markt geschaffen. Zur gerechten Würdigung dieses Ergebnisses muß man vor allem beachten, daß die Einräumung der Meistbegünstigung und die tarifarische Bindung der Zollsätze ein völliges Aufgeben des früheren, strikt ablehnenden französischen Standpunkts gegenüber dem deutschen bedeutet.
P o l i t i sch schafft dieser Vertragsabschluß eine Atmosphäre in den Beziehungen der beiden Länder, die zunächst für diese selbst, daneben aber auch für die ganze Welt von Vorteil sein wird. Mancher Giftstoff wird dadurch abgetötet. Vor allem bringt die Vereinbarung endlich Frankreichs Verzicht auf den skandalösen, berüchtigten § 18 der Anlage zu Kapitel 8 des Versailler Diktats, wie er von den meisten unserer ehemaligen Kriegsgegner schon viel früher ausgesprochen wurde. Mit diesem Verzicht auf den § 18 wird die Rechtssicherheit des beut- schen Privateigentums auf französischem Boden bestätigt, hört nunmehr auch in formeller Hinsicht die Differenzierung aus. die eine besondere ^Ingehenerlichkeit von Versailles war: die vorherige und einseitig gebundene Anerkennung aller politischen und finanziellen Maßnahmen durch Deutschland, die von einem der früheren Kriegsgegner zu irgendeinem Zeitpunkt einmal hätten ergriffen werden können, um gegen uns wegen Vichterfüllung oder mangelnder Erfüllung des Versailler Diktats vorzugehen. Die'e Ungeheuerlichkeit in den Beziehungen zweier großer Völker ist also durch den französischen Verzicht aus der Welt geschasst. Ferner sind als Besserungs- mvmente in dem künftigen politischen Verhältnis zwischen Deutschland und Frankreich die durch diesen Vertragsabschluß getroffene Veuregelung des Niederlassungskchts, mit Ausnahme von Marokko, der Schiffahrts- und Handels echte der Freizügigkeit des Verkehrs der Handlungs- reisenden und die Schaffung von Konsulaten zu erwähnen. Das sind allerdings samt und sonders 2lbmachungen, die im Leben und Wirken von Volk zu Volk eigentlich gcr^ selbst o>7ständlich linö. auch nach einem so schweren, die Völker Io tief aufwühlenden Ringen wie es der Welt- Irieg war. Man erinnere sich nur. daß ber Frankfurter Friedensvertrag zwischen Deutschland und Frankreich vom 10. Mai 1871 den Franzosen sofort die unbeschränkte Meistbegünstigung einräumte, ein Zugeständnis, das Ton dem staatsmännischen Weitblick und der rieisen Mäßigung Bismarcks eindrucksvoll Zeug- ris ablegte. An das Frankreich nach 1918 mußte man jedoch einen ganz anderen Maßstab an- legen, denn die französische Mentalität war bis Tor kurzem, und ist zum Teil auch heute nnch Ticht eingestellt auf das große politische und wiri- Ichaftliche Format eines Bismarck von 1871. I
Man hat in Deutschland mit.verständlicher Zurückhaltung die Entwicklung beobachtet, welche die zwischen London und P a r i s hin und her laufenden Verhandlungen über eine Besatzung s- m i nd e r u n g genommen hoben. Letzten Endes find wir ja nur, wenigstens nach Ansicht der Alliierten, „Objekt" dieser Verhandlungen. Das allerdings bedarf, wenn man sich an die Z u s a g e n halten will, die inLocarno gegeben worden sind, selbstredend einer starken Einschränkung. Man hat Deutschland unzweifelhaft eine erhebliche Erleichterung der Be- satzung zugesagt, man hat auch sonst reichlich lockende Verheißungen gemacht, so daß die deutsche Regie- rung nicht nur moralisch, sondern auch rechtlich die Forderung, daß diese Zusagen erfüllt wer- den, erheben darf. Dabei soll die Frage nicht weiter angeschnitten werden, welche Möglichkeiten für die Durchführung einer vorzeitigen Gesamt- räumung des besetzten Gebiets uns durch den Versailler Vertrag gewährt sind. Wenn Frankreich heute nach wie vor an dieser eine beson- ders schwere Belastung des besetzten Gebietes darstellenden starken Besatzung festhält, so weiß man ja zur Genüge, wie sehr die französische Generalität als Schildhalter des Prestiges ihres Heimatlandes immer wieder neue Gründe geltend zu machen pflegt, um die Rheinlandbesetzung aufrechterhalten zü können.
P o i n c a r e ist ber Führer unb Sprecher bi es er Kreise im Pariser Ministerrat. Mit seinem Einverständnis haben Marschalk F o ch unb P 6 - t a i n , sowie General ©uitlaumat ihre Vorschläge in einer Denkschrift niebergelegt, die den Gedanken einer völligen Räumung, ja sogar einer erheblichen Verminderung bet Besahungstruppen als absurd hinsteklt. Gleichzeitig sind es diese Kreise, denen der internationale Charakter der Besahungsarmee in mancher Hinsicht ein D o r n i m A u g e ist. Wenn jetzt der französische Ministerrat sich an die in der französischen Rote England gegenüber gemachten Vorschläge hält, bei denen das Mißverhältnis zwischen der Herabsetzung der Stärke ber französischen, der belgischen unb der britischen Truppen mit aller Deutlichkeit hervortritt, so kommt er eben den Wünschen der Generalität entgegen, die das Besahungsgebiet am Rhein als ihre eigenste Domäne behandelt zu sehen verlangt. Die Herausrrahme von 5000 Mann aus ben Beständen der französischen „Rheinarmee" würde letzten Endes nur eine geringwertige Erleichterung für uns, für Frankreich aber hähstens eine wenig ins Gewicht fallende Umgruppierung der Truppen bedeuten. Dagegen würde eine Herabsetzung der belgischen oder britischen Truppenstärke auf die Hälfte des gegenwärtigen Bestandes das französische Llebergewicht im besetzten Gebiet mittelbar noch weiter erhöhen. So könnte der Fall eintreten, daß bei einer erneuten Besatzungsverminderung, wenn die gleiche Verhältniszahl festgehalten wird, Belgien unb England völlig vom Rhein verschwinden.
Hat De u t s ch l a n d nun von seiner Seite aus ein besonderes Fnteresse daran, bah ber internationale Charakter der Besat- öung aufrechterhalten bleibt? Alle bisherigen Erfahrungen, die wir feit dem Tage des Einrückens der französischen Truppen im Rheinland gemacht haben, belehrten uns zur Genüge, daß die französischen Machthaber ursprünglich mit ber Besatzung ganz andere Zwecke verfolgt haben, als sie angeblich im Friedensvertrag zum Ausdruck gelangten. Das Rheinland sollte ein französisches Sicherungs-Glacis werden, sollte das Aufmarschgebiet für eine in ständiger Bereitschaft gegenüber Deutschland stehende Armee sein. Vielleicht hat man, als seinerzeit in Versailles die
Deshalb muß man die obenerwähnten Selbst- verständlichkeUen hier besonders vermerken. Immerhin sei mit Genugtuung festgestellt, daß die politische und wirtschaftliche Vernunft nun endlich auch in dem großen westlichen Vachbarlande sich mehr und mehr durchsetzen kann.
In Frankreich hat man diesen Abschluß als „Wirtschafts-Locarno" bezeichnet. Wir nehmen dieses Wort auf, weil auch wir in diesem Abkommen ein Dokument des beiderseitigen Willens zum anständigen Frieden, zur Wiederherstellung des Vertrauens und Rechts im wirtschaftlichen Leben der beiden Völker, zur Beseitigung des unseligen Hasses und Neidergeistes im wirtschaftlichen Wettbewerb Deutschlands und Frankreichs erblicken. Aber neben diesem Wirtschafts-Locarno steht auch ein politi- ches Locarno, dessen Auswirkungen uns bisher noch herzlich wenig befriedigen. Ist es nicht geradezu eine Ungeheuerlichkeit, daß Deutschland, das in der Erfüllung des furchtbaren Versailler Diktats bis heute schier Uebermenschliches geleistet hat, und dem von der Botschafterkonferenz schon vor vielen Monaten neben der Anerkennung der Reparationsleistungen insbesondere auch die restlose Er- üllung der Abrüftungsbestimmungen bescheinigt wurde, heute noch — trotz des Versprechens der Gegenseite — auf die selbstverständliche Gegenleistung in Gestalt der Räumung des besetzten Gebietes durch die fremden Truppen warten muß? Statt dessen ist die Welt gegenwärtig Zeuge eines kläglichen Feilschens zwi- chen Frankreich und England um den Abbau der militärischen Besatzung im Rheinland! Wahrhaftig, für Frankreich ist dieser Vorgang, bei dem sogar starker Druck des englischen Außenministers zur Anwendung kommen muß, um einigermaßen das
Bestimmungen über die Besatzung, bie Reparationen unb bie für Deutschland vorgesehenen Strafen festgelegt würben, sich von dem Gedanken leiten lassen, bah aus bem Gesamtkomplex aller dieser Voraussetzungen sich womöglich noch ein Anlaß ergeben könnte, die französische Grenze bis zum Rhein vorzuschieben. Die Entwicklung ist in ber Nachkriegszeit eine anbere gewesen, als man sie wohl von feiten ber eroberungslustigen französischen Heerführer vorgesehen hatte. Schritt für Schritt mußte Frankreich von seinen anmaßenden Plänen zurückweichen — nicht zuletzt ist es ber starke nationale Widerstand der Bevölkerung des Rheinlandes selbst gewesen, der unsere Gegner zwang, loyaler, als sie es wohl von vornherein im Auge gehabt hatten, ihre Besatzungsaufgabe zu erfüllen. Fn diesem Zusammenhänge war für Deutschland die Mitverantwortlichkeit ber britischen unb der belgischen Regierung für eine korrekte Durchführung der Besatzung von entschiedenem Wert. Es ist nicht zu verkennen, daß dies heule noch, nachdem Deutschland im Völkerbunds- rat zusammen mit diesen Staaten Sitz und Stimme erhalten hat, von gleicher, vielleicht sogar erhöhter Bedeutung ist. Solange wir also bie nur schwer ertragbare Minderung unseres Prestiges und unserer Souveränitätsrechte am Rhein dulden müssen, bleibt es eine Not Wendigkeit, bah ber im Versailler Vertrag vorgesehene internationale Charakterber Rheinarmee erhalten bleibt. Mit dem letzten Franzosen soll auch der letzte Engländer und Belgier verschwinden. Daß dieses möglichst schnell erreicht wirb, bleibt natürlich unser dringendster Wunsch.
Keine Mitteilung über den Pariser Ministerrat.
Paris, 19. Aug. (Wolff.) Hebet das Ergebnis des heutigen Mini st errate s, der sich in der Hauptsache mit ber Frage der Verringerung der Rheinlandbesahung zu beschäftigen hatte, ist amtlich nichts bekannt gegeben worden. Wie Havas mitteilt, erklärte Kriegsminister Painleve nach Beendigung des . Ministerrates den Journalisten, bah. da der Meinungsaustausch zwischen London, Paris und Berlin noch andauere, hinsichtlich der Stärke der alliierten Besatzungsttuppen des Rheinlandes kein Beschluß gefaßt worden fei. Wie ber »T e in p s" berichtet, erklärten nach Beendigung des heutigen Ministerrates Außenminister Brian d und Kriegsminister Painleve, dah demnächst eine Einigung zwischen England unb Frankreich erfolgen werde.
Die französischen Saboteure.
Paris, 19. Aug. (Wolff.) Zu ber Be- sahungsf rage schreibt der „P a r i s M i d i": Poincare hat im Laufe ber Unterredung, die er gestern mit Herrn v. Hoesch hatte, bem deutschen Botschafter zweifellos keine unbegründeten Hoffnungen gelassen. Wir wissen, dah in dieser Frage der Ministerpräsident auf Grund seiner besonderen Informationen über die militärische Lage in Deutschland nach wie vor unerschütterlich entschlossen ist. die Achtung vor dem Vertrag und die Wahrung unserer Sicherheit zu gewährleisten.
In dem gleichen Sinne schreibt die „Informativ n“: Wenn bie französische Regierung sich zu einer kleinen Verringerung unserer Streitkräfte im Rheinlande bereit erklärt (vor- ausgesetzt, dah bie von Painleve im Einvernehmen mit Marschall Petain unb Gene-
Gesicht der westlichen Siegermächte Deutschland gegenüber wahren zu können, kein Ruhmesblatt. Wenn wir auch nicht so optimistisch sind, anzunehmen, daß der Locarno-Geist in Frankreich bereits so tief in bas Volk eingedrungen ist, um uns völlig zufrieden- stcklen zu können, so müssen wir aber doch dringend wünschen, daß nunmehr Locarno auch in der Politik sich viel weitgehender als bisher uns gegenüber auswirkt. Frankreich hat dazu die Möglichkeit, indem es durch Zurückziehung seiner bewaffneten Macht dem deutschen Lande am Rhein und dem Saargebiet die Freiheit widergibt, die jetzt in wirtschaftlicher Hinsicht durch die Unterzeichnung des deutsch-französischen Handelsabkommens zum Nutzen beider Teile geschaffen worden ist. Hoffentlich ist der Tag nicht mehr fern, an dem wir dem politischen Locarno ebenso sympathisch gegenüberstehen können wie jetzt dem wirtschaftlichen.
Don Briand unterzeichnet.
Paris, 19. Aug. (WTB.) Außenminister B r i a n b, ber einige Tage von Paris abtoefenb toar, hat, nachdem ber deutsche Botschafter von Hoesch bas deutsch-französische Handelsabkommen bereits unterzeichnet hatte, heute dieses Abkommen seinerseits unterzeichnet.
Serruys
über das Handelsabkommen.
Paris, 20. Aug. (W. T. D. Funkspruch) Ministerialrat Serruys erflärte einem Vertreter des „Echo de Paris", bas deutsch-französische Handelsabkommen sei der Ausdruck der finanziellen Gesundung Frankreichs und der wirtschaftlichen Gesundung
ral G u 111 a u m a t( vorgesehene Neugruppierung ber Truppen enbgultig angenommen wird», so geschieht dies deshalb, uni zu zeigen, bah sie immer noch von bem Geist von Locarno unb dem Geist bes Friedens und der Verständigung beseelt ist.
(Ermäßigung um 12000 Mann?
Paris, 20. Aug. (WTB. Funkspruch.) Zur Frage der Verringerung der Besatzungstruppen am Rhein schreibt der „Mat in": Obgleich bie Verhani lungen mit England noch nicht vollständig beendet sind, scheint es doch festzustehen, dah die interessierten Regierungen, ausgehend von einer jeh igen Desahungsstärke von 72000 Mann, sich auf eine Gesamtziffer von 60000 Mann geeinigt haben. Es bleibt also nur noch die Verteilung auf die alliierten Heere übrig. Deutschlanb wird so eine berechtigte Genugtuung erhalten, benn es könnte nicht behaupten, bah eine Herabsetzung um 12 000 Mann bei einer so geringen Gesamtstärke eine unbebeutenbe Geste wäre, und Frankreich wird im Rahmen der Verträge weiter seine Sicherheit gewährleistet sehen. In dem gleichen Sinne äußert sich „Reuyork Heralb'.
Demgegenüber sprechen andere Blätter davon, daß P a i n l e v 6 gestern im Ministerrat die Ziffer von etwa 4000 genannt habe als die Höchstzahl der nach Ansicht der militärischen Kreise in Frankreich vorgesehenen Verminderung. „Avenir" will wissen, daß ber Ministerrat eine zwischen 4000 und 5000 liegcnoe Zahl angenommen habe, und daß die Minister ihren Beschluß nur deshalb nicht offiziell be- tanntgegeben haben, weil Briand noch die englische Antwort erwarte. Verschiedenen Zeitungen zufolge soll Briand gestern nach Beendigung des Ministerrates geäußert haben, man könne die Angelegenheit als erledigt betrachten.
Ein vernünftiges französisches Urteil.
Paris, 19. Aug. (WTB.) Wie man in französischen linksstehenden Kreisen über die Frage der Rheinlandräumung und der Verringerung der Besatzungstruppen im. Rheinlande denkt, kommt in folgenden Ausführungen des „S o i r" zum Ausdruck. Die völlige Räumung der Koblenzer und Mainzer Zone ist eine dringende Notwendigkeit. Durch eine Verlängerung' der Besetzung verlängert man die internationale Spannung. Die französischen Nationalisten reichen den deutschen Nalio- nalisten die Hände, denen sie Waffen liefern, und es wird keine Aussickst für eine ernsthafte Wiederm-r- söhnung geben, solange mehr als 100 000 Franzosen und einige Tausend Belgier und Engländer am Rhein stehen. Unglücklicherweise beabsichtigt man in Frankreich nichtdie Räumung. Jeder weiß, welcher Widerstand, beseelt von dem Geiste eines anderen Zeitalters, fortgesetzt zum Vorschein kommt. Wenigstens aber diskutiert man die Möglichkeit einer Verringerung.
Einst wurden Deutschland Versprechungen gegeben, die man erfüllen muh.
Aber in Frankreich sind Elemente vorhanden, die den Tag der E r f ü l l u n g soweit als möglich h inausschieben wollen. So erklärt sich der Notenwechsel zwischen London und Paris. In französischen Regierungskreisen findet man den englischn Vorschlag übertrieben und weist auf die Berichte des * Generals Guillaumat und die Emhüllungen der „Menschheit" hin, die man geschickt aus-
Deutschlands. Die durch den Versailler Vertrag geschaffene einseitige Regelung des Austausches zwischen Deutschland unb ben alliierten Ländern konnte die Periode der juristischen Liquidierung des Krieges nicht überleben. Man müsse sich darüber Har sein, daß ber Abbruch der Verhandlungen im Jahre 1925 genau mit ber Finanzkrise im Juni zusarnmenftel und daß die Bemühungen im Frühjahr 1926 wegen der raschen Entwertung ber französischen Währung unfruchtbar geblieben sind. Die in dem Abkommen gewährte Meistbegünstigung sei nur bie natürliche Folge d es Eintritts Deutschlands in den Völkerbund und seines bisweilen-hervortretenden wirtschaftlichen Tlebergewichtes.
Dee Zeitpunkt der Veröffentlichung.
Berlin, 19. Aug. (Wolff.) Wie bie Blatter erfahren, wirb ber Wortlaut des deutsch- französischen Handelsvertrages auf Grund einer nachttäglich mit ber französischen Delegation getroffenen Vereinbarung nicht vor dem 25. August veröffentlicht werden. Die deutsche Delegatton fährt morgen aus Paris nach ^.^rlm . zurück. Wie besonders hervorgehoben wird, ist das im deutsch-französischen Handelsver- ttag vorgesehene außerordentliche Kündig ungsrecht zweiseitig. Entgegen anders lautenben, Zeitungsmeldungen wird ferner darauf aufmerksam gemacht, baß wir sowohl für den Waren-, als auch für ben Schiffsverkehr in Marokko das Meist begun st igungs- rech t genießen.


