Einzelbild herunterladen

Nr. 193 Erstes Blatt

177. Jahrgang

Aettag, 19. August 1927

Erscheint täglich, außer Sonntags und Feiertags.

Beilagen:

Gießener FamUienblStter Heimat im Bild Die Scholle.

Monats-Bezugsprelr: 2 Reichsmark und 20 Reichspfennig für Träger­lohn, auch bei Nichter­scheinen einzeluerNummern infolge höherer Gewalt. Fernsprechanschlüsse: 51, 54 und 112.

Anschrift für Drahtnach­richten: Anzeiger Stehen.

Eichener Anzeiger

General-Anzeiger für Oberhefsen

Postscheckkonto:

Stanffnrt am Main 11686.

vnttk «nd Verlag: vrühl'sche Univerfiiüir-Vuch' und Zteindruckerei R. Lange in Gietzen. Schriftlettung und Geschäftsstelle: Zchulsttatze 7.

Annahme von Anzeigen für die Tagesnummer bis zum Nachmittag vorher.

Preis für 1 mm höhe für Anzeigen von 27 mm Brette örtlich 8, auswärts 10 Reichspfennig: für Re­klameanzeigen von 70 mm Breite 35 Reichspfennig, Platzvorschrift 20°/. mehr.

Chefredakteure

Dr. Friedr. Wilh. Lange. Verantwortlich für Politik Dr. Fr. Wilh. Lange: für Feuilleton Dr. H.THyriot; für den übrigen Teil Ernst Blumschein: für den An­zeigenteil Kurt Hillmann, sämtlich in Gießen.

Gehlers Flaggenerlaß.

Wenn man sich bl« Steuerungen der Presse aller Parteischattierungen ansieht, so gewinnt man den Eindruck, von einigen Ausnahmen ab­gesehen, daß sich Reichswehrminister Dr. Geh­le r mit seinem neuesten Flaggenerlah zwischen sämtliche Stühle gesetzt hat, die eS im Deutschen Reich gibt. 06 er sich da bei auf die Dauer wohlfüylen wird, ist eine Frage, die wir nicht zu entscheiden vermögen, wenn auch Minister Gehler seit seinem Amtsantritt an Kummer ge­wöhnt ist. Don deutschnationaler Seite wirb ihm vorgeworsen, bah er mit seinem Flaggenerlah der Reichswehr und ihrer Stellung im Volk eine schwere Schädigung zugefügt habe, weil er sich der Agitation des Reichsbanners und der demo­kratisch-sozialdemokratischen Organisationen ge­beugt habe. Von der Linken wiederum wird zwar der Erlah an sich gebilligt, aber die Be­gründung als schwere Beleidigung empfunden. Die Herrschaften sind höchst empfindlich berührt dadurch, dah in der Begründung zu dem Erlaß gesagt wird, dah die Gegner der Reichs­wehr Waffen in die Hand bekämen, wenn man ihnen den Vorwand liefere für den Rachweis, die Wehrmacht sei ganz einseitig eingestellt und ihre angeblich unpolitische Einstellung sei in Wahrheit nur ein Deckmantel für ihre Rechts­orientierung. Die Empörung der großstädtischen Presse der Demokraten und der Sozialdemokraten über diese Aeuherung ist uns völlig unver­ständlich. Denn wenn irgend etwas sonnenklar ist, dann ist es doch diese Behauptung des Reichs­wehrministers. Man braucht sich nur alte in dem gleichen Fahrwasser segelnden Blätter dar­aufhin anzusehen, und man wird finden, dah tatsächlich dieser Vorwurf unserer Wehrmacht fast an jedem Sage, an dem der liebe Gott Sonnenschein schickt ober regnen läht, gemacht wird.

Zunächst muh einmal abgewartet werden, ob der Reichswchrminisler seinen Erlaß ganz aus eigenem Entschluß herausgegeben, oder ob er vorher mit an­deren Stellen, in erster Linie mit dem Reichspräsi­denten als dem obersten Befehlshaber der gesamten Wehrmacht, und in zweiter Linie mit dem Reichs­kanzler als dem verantwortlichen Träger der Ge- famtpolilik Fühlung genommen hat. Bei dkr großen Wichtigkeit des Schrittes muß man annehmen, daß Herr Dr. Geßier wenigstens mit diesen beiden In­stanzen sich vorher ins Einvernehmen gesetzt hat. Weiter bleibt di« Frag« zu klären, ob sich das Kabi­nett in seiner Ferierrsitzung am Tage vor der Ver- fassungsfeier mit der Angelegenheit beschäftigt hat. Das ist weniger wahrscheinlich, weil Minister Geßler in jenen Tagen nicht in Berlin anwesend war, son­dern an Hebungen der Flotte teilgenommen hat. Immerhin wird man abwarten müssen, bis diese hier aufgeworfenen Fragen beantwortet sind, eh« man in der Sage ist, sich ein endgültiges Urteil zu bilden.

Wenn Dr. Geßler ganz selbständig, ohne Füh­lungnahme mit anderen Stellen vorgegangen ist, dann entsteht allerdings die weitere Frage, ob das richtig war, gerade letzt, nachdem der durch die Flaggennotverordniing der preußischen Regierung entfachte Streit um die Flaggenfrage ein wenig abzu­ebben begann. Nun geht natürlich der Kampf um die beiden Flaggen, der unser ganzes politisches Leben seit den Tagen von Weimar vergiftet, von neuem an. Auf der anderen Seite darf nicht verkannt werden, daß Geßler offenbar von dem Wunsch beseelt gewesen ist, in diesem unseligen Streit ver­mittelnd aufzutreten. Es ist richtig, daß die Wehrmacht bisher ganz verständlicherweise! die nun einmal verfassungsmäßig bestimmte Reichs­flagge nicht so zur Geltung gebracht hat, roie* das uun anderen Organen des Reiches geschieht. Seit dem bekannten Erlaß des Auswärtigen Amtes unter der Kanzlerschaft Luthers haben wir gewissermaßen das Zweiflaggensystem in noch stärkerem Maße als zuvor, und zwar unter amtlicher Anerkennung auf Grund der Verfafsungsbestimmung, wonach neben der schwarzrotgoldenen Reichsflagge die schwarz- weißrote Handelsflagge mit der Gäsch besteht. Die Reichskriegsflagge, die bisher von der Wehrmacht ausschließlich gezeigt worden ist, entspricht ungefähr der Handelsflagge. Wenn auf amtlichen Gebäuden im Ausland beide Flaggen nebeneinander gezeigt werden muffen, so ist es eigentlich nur logisch, wenn bei Gebäuden der Wehrmacht im Innern ebenfalls nicht eine Flagge allein, sondern beide gezeigt wer­den. Freilich wäre dann ein weiterer und streng logischer Schritt der, daß eine gleiche Anord­nung für sämtliche öffentlichen Gebäude über­haupt getroffen wird. Das würde also bedeuten, daß wir die Flaggenfrage durch die völlige Gleich- stellung der alten und der neuen Far - b e n bei allen Gelegenheiten zu lösen versuchen kön­nen. Falls das vielleicht der Sinn des Geßlerschen Erlasses ist, dann könnte man sich damit befreun­den und dann müßton sich diejenigen, die sich als übereifrige Verteidiger der Wehrmacht gebärden und den Minister grundsätzlich wegen des Erlasses über­haupt angreifen, sagen lassen, daß auch sie zu weit gegangen sind.

Wie gesagt, ein endgültiges Urteil wird man sich erst bilden können, wenn man klarer sieht als jetzt. Beide Teile, rechts und links, sollten sich fagtn, daß blinder Eifer nur schadet und daß es in unseren heutigen inner- und außenpolitischen Verhältnissen angebracht erscheint, nicht gleich alles, was geschieht, in Grund ifnb Boden zu verurteilen, sondern dahin zu streben, daß der Zerklüftung unseres Volkes durch Öen Flaggenstreit Einhalt geboten wird.

Ein GeburlsLagswunsch Hindenburgs?

Eigene Drahtmeldung desGießener Anzeigers".

Berlin, 19. Aug. Im Zusammenhang mit G eßker s Flaggenerlaß wird in derD.A.

Besatzungsabbau und Wirtschafts-Locarno.

Nachdem ein französischer Versuchsballon, mit dem offenbar die öffentliche Meinung der Welt dar- auf oogetaftet werden sollte, wie sie sich zu einer Verminderung der Rheinlandtruppen um ganze 5000 Mann stellen würde, nachträglich als nicht authentisch hingestellt worden ist, steht das Thema jetzt neuerdings im Vordergrund eng­lischer Erörterungen. SowohlDaily News" wieDaily C h r o n i c l e" befassen sich mit der Frage der Truppenherabsetzung, und zwar in einem Sinne, der den Franzosen nicht gerade günstig ist. Das erstgenannte Blatt bringt das schon in der Ueberschrift zum Ausdruck. Sie lautet:Soll Locarno leben ober sterben? Ein unerfülltes Ver­sprechen". Und das Blatt unterstreicht, wie gestern ichon berichtet, als Londoner Ansicht die Tatsache, daß die gegebenen Versprechungen nicht angefochten werden könnten. Von diesen Versprechungen, Sie mit der Botschafternote vom 14. 11. 1925 die Zurück- führung der Besatzung auf dieN o r m a l z i f f e r" ankündigen, ist auch imDaily Ehromele" die Rede, der sowohl durch seinen diplomatischen Korrespon­denten, wie in seinem Leitartikel zu erkennen gibt, daß offenbar über die ziffernmäßige Reduktion der Besatzung und über den Anteil der einzelnen Be­satzungsmächte an der Verminderung der Kontin­gente verhandelt worden ist. Das Blatt weist darauf hin, daß nach einer französischen Forderung diese Reduktion 9 Proz. der französischen, je 35 Proz. der belgischen und der englischen Truppen betragen sollte; das würde also heißen, daß die Franzosen etwa 5000 Mann, die beiden anderen Mächte zu­sammen etwa die gleiche Truppenzahl zurückziehen sollten. Diele Schlüsselung würde nach demDaily Chronicle" l'aum vereinbar sein mit dem Eharakter einer internationalen Besetzung. Aus anderen Du ei­len scheint hervorzugehen, daß man auf eng­lischer Seite eine Truppenverminde- r u n g um 1 2 000 Ma n n wünscht, und zwar unter pro rata-Beteiligung der drei Mächte im Ver­hältnis ihrer gegenwärtigen Bestände in den besetz­ten Gebieten. Dagegen scheint sich Frankreich zu sträuben und begründet seinen eigenen Vorschlag, der nunmehr anscheinend auf nur 5000 Mann insgesamt geht, ausgerechnet mit der Rede des Abgeordneten v. Kardorff zur Derfassungsfeier. Man hat die Wahrheiten, die Kardorff mit Bezug auf das Be- fatzungsregime und unter Vergleichung feiner Hand­habung mit derjenigen der deutschen Besetzung fron- zösischer Städte nach 1870 gesagt hat, in Paris offen­bar sehr schmerzlich empfunden. Aber daß man dar­aus eine Gefahr für die Sicherheit der Besatzungs­truppen machen könnte, ist wohl im Emst noch nie­mand außerhalb der Kreise jener konsequenten V e r- ftänbigungsgegner eingefallen, denen jeder Vorwand recht ist. In Paris wird übrigens von einem Notenwechsel berichtet, der bezüglich der Truppenherabsetzung im Rheinland seit dem vorigen Monat geführt wird, unb man wird nicht fehlgehen in der Annahme, daß Chamberlain im Hin­blick auf die bevorstehende Völkerbundstagung und auf seine eigene Mitverantwortlichkeit für die Erfüllung der in Locarno gemachten Zu­sagen, einen gewissen Druck in der Richtung auf ein« rini gernraß en ausreichende Truppenverminde­rung auszuüben versucht. Der erfolgreiche und von der ganzen französischen Presse als wichtiges Ele­ment politischer Entspannung begrüßte Abschluß der Handelsvertrags Verhand­lungen zwischen Deutschland und Frankreich wird ihm dabei ein wichtiges Argument in die Hand geben.

Reuter gibt den englischen Druckr zu.

London, 1$* Qlug. (Wolfs.) Reuter meldet, daß die französische Regierung auf die beiden Roten, die ihr kürzlich von der briti­schen Regierung über die Herabsetzung der alliierten Besatzung im Rhein­land überreicht wurden, nunmehr die Ant­wort übergeben hat. Die französische Rote wird augenblicklich von den englischen Sachver­ständigen genau geprüft.

Da in den zuständigen britischen Kreisen über die französische Anttvoitt auf die britischen Roten über die Herabsetzung der alliierten Militär- ftreitfräfte im Rh Inland. äußerste Zurückhaltung beobachtet wird, erfährt ..veuke von zuverlässi­ger Seite, daß diesranzösischeRegierung vorgeschlagen habe, ihre Truppen, die zurzeit etwa 55 000 Mann stark sind, um 5000 Mann z u vermindern. Gleichzeitig hat es den An­schein, als ob die französische Regierung erwarte, daß die britische und die belgische Re­

gierung ebenfalls Truppen in einer Gesamt­stärke von 5000 Mann zurückziehen, so daß also eine

gesamte Herabsetzung der Besatzungstruppen um 10 000 Mann

stattfinden würde. Die französischen Vorschläge werden gegenwärtig von der britischen Regie­rung geprüft. Möglicherweise wird man den Ein­druck haben, dah die vorgeschlagene Zurückziehung britischer und belgischer Trrrppen unverhältnis­mäßig sei, da die Gesamtstärke der französischen Streitkräfte im Rheinland die britischen und bel­gischen Streitkräfte um 40 000 Mann übersteigt. Es muß daran erinnert werden, daß die Bot­schafterkonferenz in ihrer Rote vom Ro- vember 1925 der deutschen Regierung versprochen hat, im Rheinlande die Zahl der alliierten Truppen merklich herabzusehen. Seit diesem Zeitpunkte hat die deutsche Regierung bei jeder möglichen Gelegenheit die Richt­erfüllung des Versprechens durch die Alliierten als Deschwerdegramd vorge­bracht. Um ähnliche Deschwerdegründe seitens der deutschen Regierung zu beteiligen, wird

die britische Regierung jetzt daraus bedacht jein, die von der Botschafterlonferen; versprochene merkliche Zurückziehung von Truppen durchzu­führen.

Während in der Rote der Dotschafterkonferenz keine beftimmte Zahl genannt ist, und noch keine Geneigtheit bestecht, in unnötige Einzelheiten der Frage einzutreten, solange die Angelegenheit noch erörtert wird, glaubt man doch allgemein, daß die Herabsetzung der gesamten alliierten Truppen im Rheinlande auf annähernd 56000 Mann die Billigung der deutschen Re­gierung finden werde.

Wird nun Wort gehalten?

Eigener Drahtbericht des ..Gießener Anzeigers'.

Berlin, 19. Aug. Maßgebend« Pariser Blätter haben ihre Kommentare zu dem deutsch - französischen Handelsabkom­men auf den Grundgedanken eingestellt, baß bamit ein wirtschaftliches Locarno geschaffen worben sei. Im Rahmen der französischen Pressebe­trachtungen, in benen fast ohne Ausnahme bas Han» belsabkoinmen aufrichtig begrüßt wirb, kann man auch in Deutschlanb biesem Vergleich burchaus zustimmen, unb zwar um so mehr, als bie Pariser Zeitungen auch die starke politische Bedeutung des Handelsabkommens im Hinblick auf eine weitere Entspannung unb Förde­rung der politischen Beziehungen zwischen Deutsch­land unb Frankreich unterstreichen. Gerade biefe Auf­fassung vernimmt man in Deutschland mit beson­derem Interesse. Man wird aber ohne weiteres daran den lebhaftesten Wunsch knüpfen müssen, daß mit der Durchführung des wirtschaftlichen Locarno die Verwirklichung der Rückwirkungen des poli­tischen Locarno Hand in Hand geht. Gerade heute stehen wieder Meldungen aus London und Paris über die Herabsetzung der Rheinlandbe- s a tz u n g im Vordergrund des Interesses. Die Her­absetzung der Truppenbestände im besetzten Rhein­land in dem den deutschen Unterhändlern in Lo­carno zugesagten vernünftigen Ausmaß ist eine Rückwirkung, auf die Deutschland seit vollen 22 Monaten vergeblich wartet. Wenn in Frankreich heute betont wird, daß wirt­schaftliche Vereinbarungen die beste Grundlage für die Erstarkung der internationalen Friedenspolitik bieten, so muß dem von deutscher Seite hinzuge­fügt werden, daß durch den Abschluß des Handels­abkommens mit Frankreich eine weitere, in Lo­carno überhaupt nicht vorgesehene Voraussetzung für die Erfüllung der Deutschland im Oktober 1 9 2 5 gegebenen Versprechun­gen geschaffen ist.

(Eine glüKüche Etappe".

Paris, 18. Aug. (WB.) Der ..Temps" geht anknüpfend an den Abschluß des deutsch- französischen Handelsvertrages, fcen er für geeignet hält, eine Annäherung auf der Grundlage eines aufrichtigen Ausgleiches der unmittelbaren 3ntereffen beider Rationen herbeizuführen, auf die deutsch-französi­schen Be Ziehungen im allgemeinen ein. Er bezeichnet es als eine beachtenswerte Tatsache, daß die deutsche Presse insgesamt den Abschluß des Handelsabkommens mit Genug­tuung aufgenommen habe. Ganz allgemein könne man die Ansicht vertreten, daß das Bestreben,

den Handelsbeziehungen zwischen Deutschland und Frankreich eine klare und solide Grundlage zu geben, geeignet sei, in gewissen: Maße die At- mosphäre zu klären, aus der die Politik der beiden Länder sich entfalte. Gewiß, wirt­schaftliche Beziehungen, die zum Wohle beider Rationen auf eine breitere Grundlage gestellt würden, genügten nicht für sich allein, die At­mosphäre des Vertrauens zu schaffen, die für jede gesunde Politik der Annäherung und der Aussöhnung unerläßlich sei. Aber sie schüfen immerhin ein wirkliches Gefühl der Solidarität und hätten zur Folge, daß die Sorge um die Sicherheit der persönlichen Interesten die öffent­liche Meinung gegen den Einfluß zur Vorsicht mahne, den Elemente auszuüben suchten, die vor allem von Abenteuerlust erfüllt schienen. 3n dieser Hinsicht bedeute l

bet Abschluß bes beutsch-französischen Handels­abkommens offensichtlich eine glückliche Etappe, die die Diplomatie im Laufe der Verhandlungen erreichen wollte, die zur befriedigmden Rege­lung der zwischen Deutschland und Franko-ich schwebenden Fragen fort geteilt würden. Der Tem p s" polemisiert weiter gegen die reak­tionären Umtriebe in Deutschland und kommt zu folgender Schlußfolgerung: Die zwischen dem Reiche und den alliierten Landen bestehenden Fragen sind, da sie die Allgemeinheit sicher in er- effieren, zu ernst, als daß man Mran denken könnte, sie unter dem Drucke der durch allerlei Polemiken entfesselten Leidenschaft lösen zu können. Diese Polemiken sind nicht von ein -m wahren Geiste der Entspannung und des Frie­dens ein gegeben. Die Verständigung hat eine Grenze, die Frankreich auf dem Wege der Kon­ventionen nicht überschreiten darf, die Grenze, die die Wahrung der Sicherheit im Okzident und die Aufrechterhaltung der nach dem Kriege unterzeichneten Verträge zeich­net. Don dem deutschen Volke hängt es vor allem ab, daß das Gefühl des Vertrauens wieder genügend Kraft gewinnt, um mit der notwendigen Abgeklärtheit Regelungen ins Auge zu fassen, von denen die Zukunft der europäi­schen Welt abhängt und die gerade deshalb Frankreich vor allen üblen Äeberrafchungen schützen müssen. Der Abschluß des deutsch-fran­zösischen Handelsabkommens beweist, daß, wenn man sich offen auf den Boden der gegenseiti­gen berechtigten Untere ff en stellt und sich ehr­lich an die Realitäten der Stunde hält, die Verständigung möglich ist. Was man aber von der Friedensliebe Frankreichs und seinem Wunsche, den Wiederaufbau Europas zu er­leichtern, nicht erwarten darf, ist, daß Frank­reich sich opfert oder der Mitschuldige einer Politik ist, die nicht aufrichtig den großen Zielen entspricht, die zum allgemeinen Wohle der Kul­turwelt erreicht werden müssen.

DasJournal des Debats" schreibt, über den deutsch-ftanzösischen Handelsvertrag, vorn technischen Standpunkt aus gesehen, müsse man damit rechnen, daß das Abkommen kritisiert werde, denn ein frei abgeschlossene" Abkommen habe natürlich gegenteilige Zugeständnisse zur Voraussetzung, und diese Zugeständnisse könnten nicht gemacht werden, ohne jemanden zu behin­dern und ohne daß der Betreffende sich dadurch gekränkt erkläre. Aber jedermarrn werde sich beiderseits zu dem Ergebnis beglückwün­schen können. Es sei ein wirtschaftliches In­teresse ersten Ranges, daß die Handelsbeziehun­gen zwischen zwei großen Ländern, die s.ch, was viele Artikel betreffe, viel eher ergänzten als miteinander rivalisierten, wieder einen normalen und gesicherten Verlauf nähmen. Ohne von einem Aufschwung zu sprechen, wie dies die Optimisten täten, sei doch

eine beträchtliche Steigerung bes deutsch-franzö­sischen Warenaustauschs eine wünschenswerte

Eventualität.

Wer da glaube, man könne verkaufen, ohne selbst zu kaufen, oder man könne in anderer Weise be­zahlen als durch Waren im Austausch gegen das, was man exportiere, werde immer gegen jeden Handelsvertrag mißtrauisch fein. Cs gäbe in beiden Ländern Anhänger der übertriebenen Schutzzollpolitik, aber die Massen der Verbraucher wüßten sehr wohl, daß eins der Mittel zur Abwendung der Lebensteuerung in einer Herab­setzung der Zollschranken zu erblicken sei, und daß der deutsch-französische Handelsvertrag ein ent­scheidender Schritt auf diesem 'Wege sei. Frank­reich, so fährt das Blatt fort, ljat einen Mi- nimaltarif, wie ihn die Mächte, denen die Gleich-

Ztg." auf bas Vorbild hingewiesen, bas Reichs­präsident von Hindenburg nach dem Scheitern der Versuche zur Schassimg einer Einheitsflagge durch Gleichstellung der beiden Flag­gen gegeben hat. Bei dem engen Verhältnis zwi­schen Reichspräsident unb Reichswehrminister liege die Annahme nahe, daß der Erlaß Geßkers die Zu - stimmung des Reichsoberhauptes ge­funden hat. Vielleicht offenbare sich hier sogar ein geheimer Geburtstagswunsch Hinden­burgs, dessen Erratung nicht schwer fallen könne. Die Deutschen sollen den Flaggenzwist be­graben und sich in der friedlichen Anerkennung der beiden Flaggen zusammenfinden. Wie weit diese Vermutung der Wirklichkeit entspricht, läßt sich hn Augenblick noch nicht sagen. Daß die B e g r a = bung des Flaggen st reits ein sehnlicher Wunsch des Reichspräsidenten unb weitester Kreise bes deutschen Volkes ist, ist bekannt.

Der Erlaß des Ministers ist bisher nur in der Fassung von Berliner Presseberichten be­kannt. Der Wortlaut des Erlasses wird voraus­sichtlich heute amtlich veröffentlicht werden.

Flaggenschutzerlatz in Oldenburg

Berlin, 18. Slug. (Priv.-Tel. bes WTB.) Wie berVoss.Ztg." aus Dlbenburg gemeldet wird, hat das oldenburgische Staatsmini st e- r i um eine Verordnung zum Schutze der Reichsfarben in den olbenburgischen Bädern erlassen, in der es heißt, daß die zustän­digen Behörden angewiesen sind, alle Maßnahmen zu treffen, die geeignet sind, eine Entfernung, mut­willige Beschädigung ober Vernichtung von Flaggen mit den verfassungsmäßigen Reichsfarben zu ver­hindern unb etwaige Täter zur Strafverfolgung zu I bringen.

Ein baltischer Staalenbund.

Riga, 18. Aug. (WTB.) Der lettische Außenmini st er, Zielens, empfing heute in Kowno Pressevertreter unb erklärte, ber Zweck sei­ner Reise fei, alles mögliche zu tun zur Weiterent­wicklung ber freundschaftlichen Beziehungen zwischen Litauen unb ß e 111 a n b auf Grund einer Reihe von Abkommen, wie eines Hanbelsvcrtrages unb einer Schiedskonvention, beren Ab­schluß jetzt auf ber Tagesorbnung feien. Zielens betonte fein entliehenes Eintreten für bie Ver­wirklichung bes ba 11 i f d) e n Staatenbunbes, den politische und wirtschaftliche Motive erheischen, welche den drei baltischen Ländern gemeinsam seien. Er sehe im baltischen ©taatenbunb bas beste Mittel zur Stärkung bes Einflusses ber brei Staaten in ber internationalen Politik.