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^Amtsgericht^^. UW

m. 192 Zweites Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gderheffen)

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Donnerstag, (8. August (927

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Das militärische Jahrbuch des Völkerbundes.

Trotzdem bfs deutsche Volk schon seit acht Jah­ren unter den drückenden Bedingungen des Ver­sailler Diktates und ihren Folgen leidet, ist dieser Vertrag wohl nur wenigen Deutschen bekannt. Des­halb wissen in Deutschland auch nur wenig Men­schen, daß dein Vertrag die Dölkerbundssatzung vor­angestellt ist, so daß beide, Vertrag und Satzung, eln untrennbares Ganzes bilden, dessen Bestimmun­gen nicht nur die Besiegten, sondern auch im gleichen Maße die Sieger binden. Aus dieser Tatsache leitet sich für Deutschland die Berechtigung her, eine all­gemeine Beschränkung der Rüstungen zu fordern.

Bekanntlich beschäftigen sich die Organe des Völ­kerbundes schon seit Jahren mit dem Problem der Abrüstung, ohne jedoch seiner Lösung auch nur einen Schritt naher gekommen zu fein. Voraroeiten aller Art find In Angriff genommen und auch geleistet worden. Eins derHilfsmittel für die Arbeiten über die Verringerung und Einschränkung der Rüstungen"' soll nach der Ansicht der Vollversamm­lung des Völkerbundes dasM ilitärische Jahrbuch" sein, das der Völkerbund alljährlich herausgibt. Seine Zusammenstellung erfolgt aus Grund des Artikels 8 der Dölkerbundssgtzung. nach dessen Bestimmungen die Bundesmitglieder es über­nehmen,sich in der offensten und erschöpfendsten Weise gegenseitig jede Auskunft über den Stand ihrer Rüstung, über ihr Heer-, Flotten- und Luft- schiffproyramm und über die Lage ihrer auf Kriegs­zwecke einstellbaren Industrie zukoyimen zu lassen".

Es ist klar, daß diese Bestimmung ihren Zweck erfüllen könnte, wenn der Völkerbund die Möglich­keit hätte, die von feinen Mitgliedern gemachten Angaben auf ihre Vollständigkeit und Richtigkeit nachzuprüfen, und zwar in derselben gründlichen Weife, wie es Deutschland, Oesterreich, Ungarn und Bulgarien über sich ergehen lassen mußten und noch weiterhin müssen. Das ist aber nicht der Fall, denn kein Staat wird ohne äußeren Zwang eine so de­mütigende Kontrolle auf sich nehmen. Kein Staat wird aber auch ohne einen solchen Zwang die Ge­heimnisse seiner Landesverteidigung der ganzen Welt preisgeoen. Der Völkerbund hat in richtiger Er­kenntnis dieser Tatsachen seinen Mitgliedern von vornherein eine Hintertür offen gelassen, indem er bestimmte, daß für die Ausstellung des Jahrbuches nur offizielle und der Öffentlichkeit z » - aanglidje Quellen benutzt werden dürfen. Als diese Bestimmung getroffen wurde, gehörte Deutschland dem Völkerbund noch nicht an, konnte also auch noch nicht in aller Oefsentlichkeit darauf Hinweisen, daß unter diesen Umständen das Mili­tärische Jahrbuch ein nur unvollkommenes, teilweise sogar falsches Bild von dem wahren Rüstungsstand geben könne. Durch die Angaben des Jahrbuches werden nur dieFriedens rüftungen" der ein­zelnen Staaten erfaßt, und auch diese in vollkom­mener Weise nur bei den durch die Friedensdiktate entwaffneten Staaten, die nichts verheimlichen kön­nen und auch nichts zu verheimlichen haben. Bei den übrigen Staaten gewinnt man nur ein einigermaßen sicheres Bild von der Organisation ihrer Frie­densheere und -Flotten, sowie von der Zahl und Art der in den Händen der Friedensformationen be­findliches Waffen, Geräte und Munition. In dem Jahrbuch werden dagegen die in Depots lagernden Vorräte an Waffen, Munition und Kriegsgeräten ebensowenig aufgeführt, wie die ausbildenden Mannschaftsreserven. Auch die für den Kriegsfall er­wogenen und getroffenen Maßnahmen, besonders olle Vorbereitungen für die wirtschaftliche und in­dustrielle Mobilmachung werden in dem Militäri­schen Jahrbuch nicht erwähnt.

Es ist selbstverständlich, daß die wirkliche Kriegs- rüstung eines Staates gerade in den ausgebildeten Reserven, in den Vorräten aller Art und in der Aus­wirkung der Mobilmachungsmaßnahmen der Wirt­schaft und der Industrie besteht. Da diese Angaben im Jahrbuch fehlen, ist es unmöglich, Vergleiche über den Rüstungsstand der einzelnen Staaten anzu­stellen. An dieser Unmöglichkeit ändert auch nichts die Tatsache, daß in dem Jahrbuch die Heeres- und Flottenhaushalte der einzelnen Länder veröffentlicht werden, da diese Budgets nicht nach einheitlichen Gesichtspunkten ausgestellt sind und da selbst gleich­lautende Kapitel sich nicht ohne weiteres vergleichen lassen. Sv muß z. B. ein Berufsheer mit.langer Dienstzeit feinen Angehörigen höhere Löhnungen

Der Deutsche in der Fremdenlegion.

Don Charlotte 1111 m a n n.

®m Pfälzer, zurückgekehrt in seine Heimat nach einer fünfjährigen Dienstzeit in der Fremden­legion, erzählte mir, daß die Zahl der Deutschen in der Legion ständig wächst durch die große Arbeitslosigkeit und die starke Werbetätigkeit nach dem Kriege im Reich. 3m 3ahre 1925 waren schon mindestens 70 v. H. aller Legionäre deut­scher Abstammung. Der Telegraphen-Union zu- folge zählte die Fremdenlegion in Marokko im August 1925 20 000 Mann, davon 14 000 Deutsche. OJon den Verlusten entfielen damals nach drei­monatlichen Kämpfen 2500 Tote und 5000 Ver­wundete auf die Deutschen.

Um die bewährten Eigenschaften des deut- ©olbaten für die Legion nutzbar zu machen, srnd die Werber angewiesen, sich besonders an abgehende Reichswehrsoldaten, entlassene Schuh­polizeibeamte und ehemalige Angehörige der Frei­korps heranzumachen und diese durch die ver­lockendsten Versprechungen zu ködern. Für jeden tauglichen neugeworbenen Legionär erhält der Werber eine Vergütung von 20 Franks. Die Ver­trauensleute der französischen Werber sind häufig gewissenlose Elemente, Gastwirte, Händler Agen­ten. Die Werber knüpfen in den Wirtschaften wie zufällig ein Gespräch mit den jungen Män­nern an, geben sich als wohlhabende Kaufleute und Fabrikanten aus, setzen ihnen ein gutes Essen und reichlich Getränke vor, schildern die guten Arbeitsmöglichkeiten in Frankreich, bieten ihnen schließlich eine Stelle an. die bei ihnen gerade frei ist und zahlen auch die Fahrkarte, aber erwähnen niemals die Fremdenlegion, damit die jungen Leute nicht stutzig werden. Sind diese bann jenseits der Grenze, werden sie betrunken gemacht und ihre Unterschrift unter den Ver­pflichtungsschein für den fünfjährigen Dienst in bet Legion erpreßt. Dis zum Hauptsammellager Weh, wo in der Regel die Einkleidung vor sich geht, werden die Verpflichteten durch befrie­digende Verpflegung, Wein und Zigaretten bei guter Stimmung erhalten.

zahlen, kann also für dieselbe Summe eine erheb­lich geringere Zahl von Soldaten halten, als ein Heer der allgemeinen Wehrpflicht.

Aus alledem acht hervor, daß der Wert des Militärischen Jahrbuches des Völkerbundes nicht sehr groß ist, daß er jedenfalls den Erwartungen nicht entspricht, die an die Herausgabe geknüpft wurden.

Der Wert wird aber noch dadurch herabgesetzt, daß das Jahrbuch 1926 zahlreiche falsche Angaben ent­hält, indem z. B. Frankreich, Polen und Jugo­slawien wichtige Zahlen von Truppen, Verbänden und Waffen zu niedrig angegeben haben und die Tschechoslowakei ihre ganze Luftflotte (570 Flug­zeuge) einfach vergeßen hat.

versallzonen int östlichen Grenzland.

Don unserem W.-Derichterstatter.

Rachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten! Suwalki, im August 1927.

Es muß anerkannt werden, daß es heute nicht mehr so schwierig ist, wie es vor einigen 3 ahren noch war, wenn man mit einem deutschen Kraft­wagen von Ostpreußen aus die litauische Grenze hinter Eydt kühnen passieren will. Die Zollformalitäten nahmen nur geringe Zeit in Anspruch und drüben waren wir zur Er- kundiaungssahrt auf der nach K owno führen­den breiten Heeresstrahe über Wilkowski, die wir erst in Mariampol wieder verließen, um auf die Chaussee abzubiegen, die ungefähr südwestlicher Richtung über Kalvaria nach den bereits jenseits der polnischen Grenze ge­legenen Suvalki führt. An diesen Städten, auf diesen Straßen war es, wo wir tm Herbst 1914 und kurz nach der Jahreswende 1915 in Schmutz und Schnee einherzogen, wo unseren Marschkolonnen immer wieder neuer Halt, neue Frontwendung gegenüber einem Gegner geboten wurde, der es hier gerade mit besonderem Ge­schick verstand. Vorteile eines Geländes auszu- nuhen, das mit seinen ausgedehnten Waldflächen, Seengen und den von tief eingeschnittenen Fluh­tälern durchzogenen Höhenketten eine unendliche Fülle von Verteidigungsstellen bot. Es be­deutete ein Kapitel besonderer russischer Re­gierungsweisheit. die gesamte Grenzzone zwi­schen den beiden von Ostpreußen hinübersühren- den Bahnlinien EydtkuhnenWilna und Pros­tenDialhstok im Zustand weitreichender 11 n- berührthett und wirtschaftlicher Unkultur zu be­lassen. Der deutsche Rachbar. dem man feit Ab­schluß der Entente in Petersburg mit gesteigert feindlichem Mißtrauen gegenüber stand, sollte davon abgeschreckt werden, sich im Ernstfall in diesas Grenzgebiet, das Vorgelände des heil gen Rußlands, hineinzuwagen. Andererseits erblickte man in der natürlichen Beschaffenheit einer nur spärlich besiedelten Gegend den geeignetsten Raum um größere Truppenmengen unbeobachtet ver­sammeln und zum Ueberfall bereitstellen zu kön­nen wie es die russische Heeresleitung ja auch bei Eröffnung der Feindseligkeiten im August 1914 versucht hat.

Die kleinen litauischen Landstädte, Dörfer und Flecken, die wir auf unserer Fahrt durch­kreuzten, scheinen sich gegenüber der Kriegszevt kaum irgendwie verändert zu haben. Und überall

Schlummer der Ewigkeit ruhen. Wie lange noch toirö der Wald, der mit Unterholz und Gräsern bereits in die Gräberreihen eindringt, sich diesen Raum noch streitig machen lassen? Aber selbst wenn in der Fülle des sich immer wieder er­neuernden Wachstums der Ratur diese Erinne­rungsstätten für immer verschwunden sein soll­ten. bleibt alles Land hier ringsum für uns Gottesacker und heiliger Boden, wird jeder Stamm hundertjähriger Tannen und Eichen ein Erinnerungsmai sein, geweiht dem Gedenken des größten Opfers, das Tausende für ihr Volk mit der Hingabe ihres Lebens brachten. Ist es nicht, als ob aus dem leisen Rauschen des Windes, der die son..en goldenen Wip el bcwegt, einFü eri tx>n Stimmen zu uns bringt, als co ein Aaunen kündet, daß im ewigen Kreislauf der Ereignisse hier das letzte noch nicht geschehen: ringenden Deutschtums stürmender Todesmut noch einmal hier sich zu behaupten haben- wird?

Vorüber im hellen Glanz des Tages behält nur die Gegenwart ihr Recht. Beim Halt vor einer Teeschenke in Kaivaria fällt uns vor der niedrigen Tür eine größere Ansammlung jüngerer und älterer Landleute in die Augen. Der enge Raum der Schenke ist ebenfalls bis auf den letzten Platz gefüllt. Die Mehrzahl der im Sonntagsstaat Erschienenen trägt als Abzeichen eine mit dem litauischenRytas" dem St. Georg des litauischen Wappens verzierte Vor- stecknadel. Wir glaubten, daß es sich um eine militärische Kontrollversammlung oder Rekruten- aushebung handelte, wurden aber durch die verwelkte Spuren von Reizen einer Sulamith aufweisenden Schenkerin dahin belehrt, daß diese Leute alles Auswanderungslustige feien. Der zungenfertige Agent war am Echenk- tisch gerade dabei, dje ihn umdrängende Schar über dasParadies Brasilien" aufzu­klären. Jeder, der diesem Lockruf folgt, darf das Rhtas-Abzeichen an seine Brust heften. Wenn man diese krästigen, wohlgebauten Männer be­trachtet. überfällt einem lebhaftes Bedauern, daß hier ein augenscheinlich reichlich skrupelloser Men­schenhandel zugelassen wird, welcher die heimat- müden Söhne und Töchter eines alten Dauern- volkes einem ungewissen Schicksal unter sengen­der Tropensonne zusührt, das wohl in der Regel mit völliger Versklavung tn den brasilianischm

Plantagen endet und gewiß nur wenigen den mühsamen Ausstieg zum Eigenbesitz auf Urwald- boden erschließt. 3m Vorjahr sind über 16 000 Menschen aus diesem kleinen Lande nach Brasilien herubergcholt, oder besser gesagt verschleppt wor­den. Aber aus dem trostlosen wirtschaftlichen Zu- Jtanb, in dem sich das litauische Staats geb Ide befindet, läßt sich Wohl die hoffnungslose Resig­nation begreifen, aus der der Drang zur Aus­wanderung in einer sonst so bodenständigen Be­völkerung heranreift und in immer weiterem Um­fange sich verbreitet.

Unb überhaupt der zunehmende Verfall Die­ses Landes. Roch weisen die Chausseen,be­festigten" Landstraßen und Drücken von der Zett ihrer Erbauer unter der Russenhcrrschaft ein verhältnismäßig leidliches Aussehen auf. Liber auf Reubauten stößt man fast nirgends oder nur sehr vereinzelt. Wozu sollen auch neue Ver­bindungen geschaffen werden, wenn schon auf den vorhandenen Straßen kaum ein Verkehr hem sch? 2km stärksten tritt die Trostlosigkeit der Gesamt­lage in jenem litauischen Randgebiet hervor, das bei der Weiterfahrt von Kaivaria unser Wagen auf der nach Suvalk'i führenden Chaus­see durchquert. Hier haben wir nach einer durch bie zunehmenbe Verschlechterung der Straße immer beschwerlicher werdenden Fahrt die pol­nische Grenze erreicht. Mit jener brutalen Will- für, an die man ja durch die Versailler Grenz­ziehung nur allzusehr gewöhnt ist. scheidet der rotweiße Schlagbaum die Welt hüben und drüben voneinander, trotzdem weder in der Bevölkerung noch dem sonstigen Charakter der Landschaft irgendein trennender Unterschied hervortritt. Unbebaute Aecker in der an sich durchaus frucht­baren Gegend lassen ernennen, daß der Bauer, der hier für seine Erzeugnisse keinen Absatz mehr findet, die Scholle unbestellt läßt. Auf litauischer Seite nur einige wenige Zollbeamte und Grcnz- genbarme. bagegen auf polnischem Boden an- scheinen!) stärkere militärische Bereitschaft. Man hort bas laute fröhliche Stimmengewirr einer öum Essen angetretenen Mannschaft. Wer aber glauben wollte, baß ber Friebe. ber liebliche Knabe, höchst persönlich an biefer Grenzwacht feine Residenz aufgeschlagen hat, dürfte stark ent­täuscht sein, wenn er nachts aus den Wälder,; das Knattern der Schüsse hört, die zur Genüge verraten, daß man auf beiben Seiten keinen allzu großen Wert auf ein stilles Rebeneinan^er­leben legt. Wenn Ende August bie litauische Ge- samtstreitmacht zum erstenmal an diesen Grenzen ihre großen Herbstmanöver abhalten wirb, so dürfte bie Nervosität zum mindesten hierdurch nicht gerade verringert werben.

Derfall-enbes Lanb, ein immer leerer wer- denber Raum in unmittelbarer Rachbarschaft Ostpreußens bas war der Haupteindruck, den wir von biefer Fahrt empfingen, ©crabe aber eine derartige Entwicklung muß im hohen Maße dazu bei tragen, daß biefe Randgebiete mehr und mehr zu politischen Gefahrzonen werden.

Geschichten aus aller Welt.

tauchen dieselben hellblonden Köpfe des Land­volkes auf, macht sich ber gleiche Geschäftseifer feilschender Bewohner bemerkbar. Rur bah uns in der Gesamtheit biefe Baulichkeiten, Hütten und Scheunen noch zu einem guten Teil schmutzi­ger und verwahrloster ansprechen als damals, wo man ja an sich nicht allzu hohe Anforde­rungen an Ordnung und Reinlichkeit der frem­den Umgebung gewohnt war. Ebenso spärlich wie 1914 mutet uns der bäuerliche Viehstand an. Roch immer herrschen die in Farbe und Gestalt an ihre Vettern in freier Wildbahn erinnernden schwarzborstigen Schweine vor. Auch die Gänseherden tauchen auf, befinden wir uns doch in einer Gegend, in der früher die Lebend- Ausfuhr des Martinvogels nach Preußen eine besondere Rolle spielte. Heute allerdings soll auch diese Zucht als überwiegend unrentabel im starken Riedergang sich befinden.

Die Spuren der schweren Kämpfe, die sich auf diesem Boden abspielten, sind, wie bei dem Charakter einer Umgebung, in der so wenig auf» zubauen und zu erneuern war, nicht anders zu erwarten ist, fast völlig verwischt. Rur als an einem üefembebedten Hügelhang ein von jeder menschlichen Niederlassung räumlich weit getrenn­ter Friedhof auftaucht, erkennen wir an Kreuz und Gräbern, daß hier deutsche Helden im

(Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!)

Wenn Milliardäre sterben.

Wenn Milliardäre sterben, so pflegt dies für gewöhnlich genau so vor sich zu gehen, wie bei anderen Menschen, ohne daß bie Außen­welt allzuviel davon erfährt unb ohne baß be­sondere Ereignisse sich mit diesem natürlichen Dorgang verknüpfen. 3n dieser Beziehung geht es aber, wenn es sich um amerikanische Milliar­däre handelt, doch offenbar etwas anders zu. Die großen 3nteres'en, die auf dem Spiel stehen, machen den Tod der reichen Leute zu einem große:;. Ereignis, und die weittragenden wirt- schastlKhen Folgen eines solchen Todes genügen unter Umständen, um über bie Familie hinaus allgemeines 3nieres> zu erwecken. Welche Mög­lichkeiten ein solcher Fall bietet, unb wie ins- besondere bie moderne Technik derartige Dinge SU beeinflussen pflegt, zeigt der Fall von Mister Armour. dem größten Feischkonservenfabri- kanten Amerikas, ber kürzlich in England er­krankte. Mister Armour, der zu den promi­nentesten 3udustrie-Magnaten der Welt gehört,

erkrankte nämlich Im Carlton-Hotel in England, während seine Familie rund 10 000 Kilometer entfernt auf einem Gut in der Näh« von Santa Barbara in Kalifornien ihren Sommerausenthalt verbrachte. Als die Aerzte festgestellt hatten, daß Mister Armour an TyphuS erkrankt war unb baß Lebensgefahr für ihn bestand, verlangte er mit seiner Tochter zu sprechen. Da bie ge­wöhnlichen Kabel-Telegramme jedoch nicht aus­reichten. um bie gewünschte Verbindung mit ihm herzustellen, wurde bas bekamtte Drahtlose Tete- Phon in Anspruch genommen, bas Neuhork mit London üerbinbet. Auf biefe Weise war es ihm möglich, mit seiner Tochter zu sprechen. Es wurde bei dieser Gelegenheit von Fräulein und Herrn Armour, was die Zeit anbelangt, ein Rekord im drahtlosen Telephonverkehr' aus­gestellt, da die beiden fast anderthalb Stunden miteinander über eine Entfernung von 10 000 Kilometer sprachen. Dieses Gespräch kostete die Kleinigkeit von 10 000 Mark. Um das Be­sondere des Falles noch zu unterstreichen, sei erwähnt, bah etwa elf Tage nach biejcm Tele- phongespräch bie Tochter per Auto, Flugzeug

Schon bei der Ueberführung nach Marseille ins Fort St. 3ean seht die rücksichtslose, grauen­volle Legionsbehandlung ein. Wenn St. 3ean überfüllt ist, werden die neuen Legionäre im Fort be 3ouvre untergebracht, wo einigeAufmunte- rungsbeutsche", langgediente Legionäre, bie Auf­gabe haben, ihre betrogenen Landsleute durch Schilderungen des besseren Lebens in Afrika bei gutem Mut zu erhalten und ihnen alle Flucht- Pläne auszureden. Nach einem mehrtägigen Auf­enthalt in Marseille bringt der Dampfer den frischen Legionsersah nach Oran in Algier, von wo aus die Rekruten den verschiedenen Frcmden- regimentern zugeführt werden.

Frankreich verdankt seinen afrikanischen und asiatischen Kolonialbesitz zum größten Teil der im 3ahre 1830 gegründeten Fremdenlegion. Die mili­tärischen Unternehmungen der Franzosen bei der Eroberung Algiers erziel en feinen durchschlagen­den Erfolg. Da wurde eine Expedition aus revo­lutionären Elementen, aus desertierten Soldaten und Verbrechern (denen Straffreiheit für ihre Vergehen zugesichert worden war, falls sie 3 bis 5 3ahre Dienst nehmen zum Kampf gegen die Araber-, Kabylen- und Berberstämme) ausge­rüstet., Damit begann das Weick blutiger Arbeit in jenen heißen Ländern. 3n früheren Fahren ge­nügte bie Zahl ber von selbst der Fremdenlegion zu strömenden Abenteurer, diese wurden angelockt von der Aussicht auf ein Handgeld von 500 Frcs., oder auch getrieben von dem xugendlichen Drang nach Erlebnissen. Als die kolonialen Eingeborenen- trrrppen in Massen desertierten wegen der schlech­ten Behandlung und Verpflegung und der schwer ren Strafen, begann die Werbung für die Legion.

Franzosen werden nur in wenigen Aus­nahmefällen, die der Zustimmung des Kriegs­ministeriums bedürfen, in die Fre:ndenleg vn ein­gestellt. England und die Vereinigten Staaten von Amerika haben es durchgeseht, daß An­gehörige ihrer Staaten nicht in bie Fremden- legion aufgenommen werden dürfen. Die Auf- rechterhaltung des Kolonialreiches und die ge­waltsame Unterdrückung der Eingeborenen kosten viele Truppen und einen fortwährenden Ersah der immer schnell verbrauchten Mannschaften, die Anwerbung Deutscher wird daher in allen Ge­bieten unseres Vaterlandes mit Hochdruck be­

trieben. Frankreich zählt absichtlich nur diejenigen als deutsche Legionäre, die der Legion aus dem Reich zu geführt werden, und unterschlägt alle die Deutschen, die es in den Randstaaten, im Saar- gebiet, in Oesterreich, in der Schweiz usw. ein­fängt.

Sind bie Opfer ber Werber erst einmal in ber Werbestelle, so werben sie bauemb über­wacht unb einem scharfen Verhör unterzogen unb ihnen bas Handgeld von 750 Frank in Aussicht gestellt, falls sie sich für den Dienst in ber Frem- benlegion verpflichten. Wer bie Unterschrift ver­weigert, wirb durch Entziehung der Nahrung uni) Einzelhaft dazu gezwungen. Nutzt auch das nichts, dann wird wirkungsvollere Gewalt an­gewendet, bis er gefügig ist.

3ft ber Legionär in einer Kompagnie ein­gestellt, so beginnt bie Ausbilbung zum Kolonial- folbaten, b. h. höchste Steigerung der körperlichen Leistungsfähigkeit. Der Morgenbienst fängt an mit bem berüchtigten Legionssrühstück: breif.ig Mi­nuten Dauerlauf ohne Pause. Atemnot, Seiten­stiche, Herzklopfen gibt es nicht. Vorwärts! Wer nicht mehr kann, wandert, wenn alle Püffe des Korporals nichts mehr nützen, zunächst wegen Dienstverweigerung in densalle de police. 3ft der gewöhnliche Vormittagsdienst mit Schieß­übungen, Felbbienst und Exerzieren abgetan, so werden gerade um bie Mittagszeit unter den Strahlen der erbarmungslosen Sonne bie Marsch­übungen begonnen. Für biefe Uebungsmärfche ist eine Mindestleistung von 40 Kilometer vor- geschrieben, bie, von Den regelmäßigen Pausen von fünf Minuten je Stunde abgesehen, in einem Zuge zurückzulegen sind. Das Pensum wird von Zeit zu Zeit auf 50, manchmal auf 60 Kilometer gesteigert.. Die Truppe trägt dabei vollständige Feldausrüstung mit vorgeschriebener Patronen- Sahl, eiserner Portion. Trinkwasser usw. Diese Märsche sind selbst für ältere Legionäre eine furchtbare Quälerei, bedeuten eine Auspressung aller Körperkräsle bis zum äußersten. Zurück­bleiben, Schlappmachen gibt es nicht, ist ein un­verzeihliches Verbrechen, das schwerste, bas ein Legionär überhaupt begehen kann, beim zum Marschieren ist er ba. 3st ein Mann gar nicht mehr weiter zu bekommen, so wirb er, soweit Platz ist, mit den Schultern hinten an eins der

Fahrzeuge gebunden unb, wenn er bie Füße nicht mehr regen kann, mitgeschleift. Sinb biefe Plätze beseht, s o nimmt man bem Maroben Waffen unb Munition unb läßt ihn liegen marschiere oder verrecke! heißt es mitleidlos in ber Frembenlegion.

Frankreich hat die Regimenter der Fremden­legion immer dort verwendet, wo ernste und verlustreiche Kämpfe erwartet wurden und wo schwere Arbeit zu leisten war: Algier. Syrien, Marokko. Madagasgar u. a. sind mit ihnen er­obert worden. Die nach Süden in die Wüste bineingetrageneKultur" in Tunis und Algier ist in erster Linie das Werk ber Frembenlegion. Die Vorhut des Marsches gegen den Feind, die Nachhut auf dem Rückmärsche, bie Seiten­deckung in weglosen Gebirgsgebieten bilden bie Legionäre so schont man das Blut der Fran­zosen. Die Fremdenlegion hat aber Frankreich seine Kolonien nicht nur erobert, sondern sie auch erschlossen und wertvoll gemacht. Wohl keiner der jugendlichen Abenteuerlustigen, die jährlich den listigen Werbern ins Garn gehen, ahnt, daß er nicht einem vielleicht schweren aber in seinen Vorstellungen immerhin roman­tischen Soldatenleben entgegengeht, sondern tn erster Linie ein armseliger, ausgebeuteter Ar­beitssklave wird.

Die tadellos breiten Chausseen, auf denen heute in Tunis oder Algier oder Marokko bie Autos leicht dahinrollen, die erstklassigen Bahn­linien. die den Schnellzug bis tief in die Wüste führen, sind das Werk der Söldner. Sobald die Legion in blutigen Kämpfen wieder ein Kolo­nialgebiet erobert hat, nehmen die Soldaten Schaufel und Hacke. Mauerkelle unb Pflug in Die Hanb. Der Geometer im Legtonärrock ver­mißt das Land, ber 3ngenieur, der Architekt fehlt nicht in diesem Sammelbecken von Söldnern, alle, alle werden in ihrem Beruf angestellt und Zur Arbeit getrieben von ber Fuchtel gefühlloser Vorgesetzter unter ewig wolkenlosem Himmel, Sehn, zwölf Stunden lang, bebroht durch ein Strafsystem von unmenschlicher Härte. Es ist auch Sitte, bie Legionäre als Sklaven an Privat - unternehmen zu vermieten und zwar werden fie baxu kommandiert, ohne daß man sie um ihve Einwilligung fragt. Sie erhalten bann eine