Nr. 14 Drittes Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
Fortschritte der Wettervorhersage.
"Bon Prof. Dr. L. *2) ei cf mann. Direktor deS
Seit einiger Zeit kann man die Wahrnehmung machen, daß die früher so beliebte Witzelei über die Wetterprognose mehr und mehr verstummt und einer beständig an Ausdehnung zunehmenden Verwendung der leiden Platz macht, nicht bloß auf feiten derer, für die das Weller nur eine Sonn- und Jeiertagssrage ist. sondern besonders von seiten der Industrie und HandelS- kreise. die in 'hrern Unternehmen mehr oder weniger vom Wetter abhängig send. Denn das ist zweifellos: Das Wetter ist einer der wichtigsten wirtschaftlichen Faktoren deS menschlichen Lebens, sei es, das) seine verhängnisvollen SintoirZungen menschliches Hab und Gut gefährden, wie wir es leider im vergangenen Sommer so oft erleben muhten, sei eS als soroernder Faktor für unsere Arbeit.
Don besonderem Interesse ist nun die Frage nach dem zukünftigen Wetter. Vie verlangt eine Prognose, und zwar entweder auf kurze Frist ober aus mehrere Tage und selbst Wochen. Welche« sind nun die Anhaltspunkte, um die Gestaltung deS WetterS Vorhersagen zu können? Seit es Wetterkarten gibt, weih man, dah eine WitlerungSerscheinung, öie wir zu einer bestimmten Zeit zum Beispiel in Leipzig, beobachten können, sich einige Zeil früher an einer anderen Stelle befunden hat. zum Beispiel etwa eine Stunde früher in Halle aufgetreten war, oder drei Stunden früher im Harz beobachtet wurde und noch früher an der Weser und am Rhein. Man hat aber auch gesehen, dah die Wctter- erf(Meinungen durchaus nicht immer vom Westen kommen, sondern häufig aus dem Borden oder Osten, und man entdeckte auch solche Vorgänge, die sich erst an Ort und Stelle gebildet hatten, kurz, man gelangte zu dem, was man die Diagnose des Wetters nennen kann.
Eine wesentliche Berbesserung auf diesem Gebiet brachte zunächst die Funkentelegraphie, besonders deren Einführung auch auf Schiffen. Im Gegensatz zu früher ist nun das Meer nicht mehr das unbekannte Gebiet der Wetterkarte, sondern wir wissen genau, was in der Atmosphäre über den Ozeanen sich abspielt.
ilnb nicht allein vom Meere, sondern auch auS dem weit entfernten, früher für den Wettertelegrammverkehr nicht erreichbaren Gebieten, bringt uns heute die elektrische Welle Kunde: Rußland, Japan, Amerika usw. senden ihre Wetternachrichten. hören die unfrigen, so dah nunmehr ein Ziel erreicht ist, das noch vor zehn Jahren den kühnsten Traum des Meteorologen gebilbet hat.
Aber nicht allein bie Ausdehnung des Rach- richtenmaterialS, sondern auch dessen Qualität wurde verbessert. Hier haben namentlich die Grsahrungen bcS Krieges einen starken Einfluh auSgeübt. Besonders die Methoden, Nachrichten auS der Höhe zu erhalten, wurden ausgebaut, denn alle Witterungsänderungen kündigen sich zuerst In den groben Höhen der Atmosphäre an. ehe sie In boter.nah n Schichten bemerkbar werden. Die Aachrichten auS der Höhe bringt unS neuer- bing- neben den bereits vor dem Kriege gebräuchlichen Pilotballonen und Drachenaufstiegen das Flugzeug, da- jetzt von einer ganzen Reihe von Aerologischen Stationen regelmäßig benutzt wirb.
Auster dieser Ausdehnung ber Beobachtungen aut bie höheren Luftschichten wird aber auch jetzt von den Bodenstationen viel mehr gemeldet als früher, wo in den Telegrammen viel mehr an Worten gespart werden muhte als heute beim Funkverkehr. Die Telegramme der früheren Zeit kommen unS jetzt sehr ärmlich vor. Wir verfügen heute über ein ganz genaues Bild des Wetters an irgendeinem Orte fast der gesamten Aord- hemisphäre. Sr versteht sich von selbst, dah so inhaltsreiche Aachrichten zu umfangreich wären für die ilcbermittlung im Wortlaut, die Telegramme lind alle verschlüsselt, und zwar auf Grund internationaler Vereinbarung.
Das sind die wesentlichsten Neuerungen und Verbesserungen in der Art und Ausdehnung des Dcobachtungsmaterials, auf Grund deren an ei de Verbesserung der Wettervorhersage gegangen werden konnte. ES waren aber nicht nur Erweiterungen deS Materials, sondern auch und vor allem Erweiterungen unserer Kenntnisse, da ja baS umfangreichste Material nichts nützen würbe, wenn wir es nicht entsprechend verwerten könnten. Eine ber wichtigsten neueren Methoben ber Wettervorhersage ist die von dem Aorweger I. Bjerknes stammende sogenannte Polarfronttheorie, die jetzt fast an allen Wetterdienststellen der Erde Eingang gefunden hat. Diese Theorie ist auf dem Boden des verdichteten Beobachtungsnehes erwachsen. Es zeigte sich nämlich, dah alle Wettererscheinungen sich anschmiegen an gewisse Linien, längs deren kalte und warme Luftmassen aneinandergreu^n. Man unterscheidet die trockenen und kalten Luftwaffen polaren Eharakters und die wärmeren und feuchten von äquatorialem Charakter. Die ersteren bilden die unteren Schichten der Atmosphäre, sie schieben sich unter die wärmeren, die an ihnen in bie Höhe gleiten und dabei in die kälteren Höhenschichten deS Lustmeeres gelangen. Durch diese Abkühlung entsteht dann die ganze Reihe der bekannten Witterungserscheinungen: Wolken- bilbung. Regen und Schnee. Diese Erscheinungen heften sich naturgemäß an jede Trennungslinie der beiden Luftmasfen. die demnach die größte Roste bei der Prognose spielt. Wenn ihre Lage und die Gesetze ihrer Bewegung bestimmt sind, bann kann der Zeitpunkt des Eintreffens dieser Linie an bestimmten Orten genau vorhergesagt werden und mit ihm bie Reihenfolge der Wetter- vorgängc. Cs ist einet ber vom Publikum am meisten beobachteten Fortschritte der Wetterprognose, baß sie jetzt derartige zeitlich zuverlässige Angaben zu machen vermag und dieser Fortschritt ist also zu danken der genaueren Anachse des gesamten Zustandes der Atmosphäre auf Grund der Polarfronttheorie, die übrigens auch seht wichtige Anhaltspunkte zur Beurteilung der Lebensdauer von atmosphärischen Störungen geliefert hat.
Das bisher Gesagte bezieht sich hauptsächlich auf solche Prognosen, die mit Gültigkeit für einen Tag von den Wetterdienststellen ausgegeben werden. Aber das Interesse der Allgemeinheit liegt vielmehr bet der sogenannten Langfristprognose. Der Landwirt möchte wissen, wte er seine Arbeit einteilen soll. Der Sommerfrischler, wann er am besten auf Urlaub geht, usw.
Geophysikalischen Instituts der Unipersität Leipzig.
Dieses große Bedürfnis ist der Grund für die Beliebtheit von Wetterpropheten, wie dem hundertjährigen Kalender u. ä.. obgleich jeder bei einigermaßen sorgfältiger Prüfung sich davon überzeugen kann, daß er diese Entscheidung ebensogut bei den Knöpfen seiner Weste holen kann.
Es gibt im wesentlichen zwei Methoden, die versuchen, dem Problem der Langfristmethoden näher zu lommenn: Die statistische und die physi- kalische. Beide gehen von der Annahme aus. daß die scheinbar so willkürlichen Aenderungen der Witterung im innersten doch durch ein mächtiges Deseh beherrscht seien — sie fahnden nach den „Derborgelten Periodizitäten". Die Statistiker sind babei. der Meinung, daß ein und dieselbe .Periode" sich in der Atmosphäre durch beliebig lange Zeiträume' erhalte, während die Physiker nur verhältnismäßig kurze Zeiträume zugrunde legen. Daß es sich lange Zeit erhaltende Periodizitäten gibt, kann nicht geleugnet werden, wir brauchen nur an die Son.enfleckenpcriode von elf Jahren zu erinnern, die sich in der Temperatur. und wie Weinkenner wissen, auch in den „Weinjahren" verrät. Es scheint auch noch andere Perioden zu geben, doch muß gesagt werden, baß die bisher auf Grund dieser Perioden auf- gestellten Prognosen recht wenig befriedigt haben.
Die .physikalische" Methode sucht aus dem Verlaufe des Luftdrucks bie gerade in der Atmosphäre wirksamen Wellen herauSzufinden und berechnet bann den lommenben Luftdruck unter bet Annahme, daß sich die gefundenen Wellen noch einige Zeit durchsetzen werden. Mit diesem hauptsächlich in Italien von den Professoren VerzeUi und M a t e u z z i angewendeten Verfahren sind bemerkenswerte Erfolge erzielt worden. Auch in Rußland wurde eine derartige Methode von dem ukrainischen Gelehrten Danilow angewandt und auch dieser scheint insbesondere in landwirtschaftlichen Kreisen große Anerkennung zu finden.
Wovon wir durchdrungen sind nach diesen Erkenntnissen ist, baß die Erforschung ber inneren Zusammenhänge der Luftmassen und ihrer Bewegung zur Zeit einnes ber wichtigsten Probleme ber Aleteorvlogie ist. das uns zweifellos in absehbarer Zeit zu einer befriedigenden Lösung ber Aufgabe führen wird, auch für längere Zeit im voraus den Verlaus ^der Witterung zu bestimmen. Daß dabei mit Wahrscheinlichkeiten gerechnet werden muß, daß wie nie zu einer absolut sicheren Beherrschung der Zukunft kommen werden, ist klar — alles Wissen ist Stückwerk und wir müssen fast in allen Fragen des mensch- stchen Lebens uns mit Wahrscheinlichkeiten abfinden: im geschäftlichen Leben, in ber Wirtschaft, in gefunden und kranken Tagen ist alles auf diesem Begriff aufgebaut. Das Problem fennen- lemen in feiner ganzen Derwickeltheit, ist da« Ziel. Dann verlangt und versucht niemand mehr Unmögliche^, strebt aber um so eifriger dem Erreichbaren nach.
Buntes Allerlei.
Der neue Herrscher oon hon kau.
Die Aufruhrbewegung in Hankau, die den Engländern jetzt fo große Schwierigkeiten bereitet, ist im wesentlichen das Werk eines einzigen Mannes, des Ministers der auswärtigen Angelegenheiten in der neuen Rationalistischen Regierung, Eugen Chen. Dieser glühende Patriot und Hasser ber Engländer ist aber, wie der Berichterstatter eines Londoner Blattes aus Han- kau berichtet, in seinem Aeußeren und feiner Cöilbung ganz zum Europäer geworden und flößt den Chinesen, die noch am Altübertommenen festhalten, ein starkes Grauen ein. „Chen hat nicht das geringste vom Chinesen," so schlldert ihn der Engländer. „Er wurde in Trinidad geboren, und während seiner wechselvvllen Laufbahn gefiel es ihm sogar, die brittsche Rationalität anzunehmen. Er sieht ganz westlich aus, aber er haßt den Westen. Seine sunlelnden Augen bl'tzen verschlagen hinter den goldumrandeten Brillengläsern hervor, ' enn er Groß-Britannien seiner Sünden und Verbrechen anklagt, und fetre schlan- ken Hände durch >a-.,eiden aufgeregt die Lust. Er spricht ein vollendetes Englisch und schreibt es besser, als viele geborene Engländer. Chen trägt unter seinen sorgfältig gebügelten Beinkleidern weiße Gamaschen, und seine Kleidung macht überhaupt seinem Londoner Schneider Ehre. Er zitiert gern Kipling und Hardy und ist in ber englischen Literatur sehr beschlagen. Manche feiner ironischen Depeschen, bie an die englische Regierung in Kanton gerichtet sind, dürfen als Meisterwerke englischer Prosa gelten. Chen ist natürlich ein großer Patriot, aber er ist auch sehr vorsichtig. Wenn ich ihn in seinem abgelegenen Zimmer im Termmus-Hotcl besuche, dann muß ich erst bei einer schwer bewaffneten Wache an der Tür vorbei, die das Gewehr stets schußbereit in dec rechten Hand hält. Erregt Chen selbst durch sein Aeußeres das Mißfallen vieler Chinesen, so kann seine Tochter noch weniger als Vertreterin ihres Landes begrüßt werden. Sylvia Chen kommt direkt von einem amerikanischen Frauen-College und trägt die neuesten Pariser Tolletten mit ganz europäischer Anmut. Sie zog mit ihrem Vater in Hankau ein, angetan mit vorzüglich sitzenden Reithosen. Der freundliche, junge Sekretär Chens, Wu, ist ebenfalls ein vollendetes Produkt europäischer Lehrer und Schneider. Diese Männer sind tausend Meilen entfernt von den Lebensformen der großen chinesischen Bevölkerung: sie wohnen in dem Terminus-Hotel, das mit allem neuzeitlichen Komfort aus gestattet ist, und haben die besten Kraftwagen der Stadt."
Zartuffe und Kartoffel.
Was könnte wohl Tartuffe, der unsterbliche Heuchler des Molie reschen Dramas, mit unserer harmlosen Kartoffel zu tun haben? Unb doch gehen beide Worte auf dieselbe Wurzel zurück. In Frankreich beschäftigt man sich gegenwärtig mit der Frage, ob das Wort, das den Aamen des Mollereschen Frömmlers und zugleich schlechtweg einen Heuch er bedeutet, mit einem f ober mit einem Doppel-s geschrieben werden soll. Mo- liere verlieh seiner Figur zwei f, obwohl er sie der italienischen Komödie entlehnte, in ber der ..Tarttiso" als Intrigant auftritt. Das italienische Wort „tartufo“ und „tatufolo" bedeutet. ursprünglich die Trüffel, und als dann bie wundersamen Früchte aus der Reuen Welt in
Italien cingesührt wurden, nannte man auch sie „tartufoli, woraus das Wort Kartoffel geworden ist, woran wir zugleich etlennen können, daß diese nahrhafte Knolle über Italien zu unS gekommen ist. Daß aber eine Kartoffel doch leine Trüffel ist. merkte man bald, unb so nahm man es als ein Zeichen von Heuchelei, baj die Knollen «rucht durch ihre Aamen das vornehme Gewand ber 2rürcl angelegt hatte. Auf dem Wege wurde „tartu 0.0" u. „taitufo“ bie Bezeichnung tüt einen Hcuch.ee. und als Molierc diesen Aamen in das französische Sqr. ttum entführte. da stat.ete er ihn mit zwei t aus. um ihm einen mehr gallischen Klang zu ver- leihen.
Das Napoleonhäuschen auf dec Insel Aix unter dem Hammer.
Das kleine Häuschen auf ber Insel Aix bei Rochefort, in dem Aapolcon I feine letzten Tage auf sranzösifchem Boden vor seiner 'Verbannung nach St. Helena verbrachte, ist dieser Tage öffentlich feilgeboten worden. Es wurde vom Baron Gurgeot, dem Prälidenlen ber .Gcscllfchaft ber Freunde von Aix", angekauft. Die.es historische Häuschen ist jetzt vor dem Abbruch gerettet worden und soll nun als Aapoleon-Museum eingerichtet werden. Bekanntlich nahm Aapolcon nach der Aicberlage bei Waterloo feine Zuflucht in das Häuschen und wollte von dort nach 1 Amerika flüchten. Die Engländer verhängten jedoch über den Hafen die Blokabe unb der einst allmächtige franzö.ischc Kai.er verbrachte bange, schwere Tage. Man wollte ihn in der Rächt heimlich an den englischen Schiffen vorbeischmug- gcln. General Gurgeot tagte zu Aapolcon, als er mit ihm diesen Plan besprach: .Sire, wenn die Flucht mißlingt, werden die Engländer Sie in ein Gefängnis stecken!" — »In diesem Falle mache ich meinem Leben ein Ende!" erwiderte Aapolcon resolut. — »Sic dürfen dies nicht tun", sagte der General, „nur ein Spieler, ber va banque spielt, macht Schluß mit seinem Leben, ein Genie verachtet das Unglüd.“ In diesem Moment flog ein Vögelchen ins Zimmer. „Das ist ein gutes Vorzeichen!" bemerkte der General 1 unb fing das Vögelchen. „Lassen Sie bas Vöglein aus!" rief Aapoleon, „wir wollen sehen, was es und prophezeien wird." Das Vöglein flog nach rechts. „Sire, es fliegt nach der Richtung, wo der englische Kreuzer steht!" bemerkte nach- denllich der General. Aapolcon I. schüttelte den Kopf unb sagte leise: „Die Würfel sinb gefallen!" Am nächsten Tage berief er sein Gefolge unb teilte seinen Getreuen mit, daß er sich an Bord bcs englischen Kreuzers begeben werbe. An diesem Tag zog Aapoleon feine Felduniform an. verabschiedete sich von feiner Suite, begab sich in den Hafen, bestieg ein kleines Ruderboot unb ließ sich zum englischen Admiralschiff führen. Als er den Kreuzer bestieg, begrüßte ihn der englische Admiral mit den Worten: ..Bonjour, mon- sieur!“ Der große französische Imperator war englischer Gefangener.
Mm daS Erde der DibeSco.
Aach Dlättermeldungen begann dieser Sage vor der Ersten Kammer dcS Pariser Ziviltribu- nalS ein Prozeß, der politisch wie gesellschaftlich eine ber größten Sensationen ber Saison bildet: ber Kampf um baS Erbe beS Prinzen Stirbey.
Don achtzehn Monaten starb im hohen Alter von 97 Jahren Fürst Georg Stirbey Darbon, auS bem berühmten Geschlecht der Bibesco, ehemaliger Kronanwärter ber Walachei, über bie fein Vater von 1849 bis zum Frieben von Paris 1856 als gekrönter Fürst herrschte. Als gefeierter Prinz kam ber wohlgebilbcte junge Mann unter bem zweiten Kaiserreich nach Paris unb bilbelc bald am vergnügungssüchtigen Hofe Aapoleons HL den Mittelpunkt einer glanzenden Gesellschaft. Dann kam der Krimkrieg unb ber Friede vom 30. März 1856, wodurch ein unabhängiges Fürstentum Rumänien gebildet wurde: bie Walachei würbe dem neuen Staat einocrieibt, unb bie Volksabstimmung bezeichnete ben Prinzen Karl von Hohenzollern als zukünftigen Herrscher. Das Haus Stirbey stellte sich trotz seiner Erniedrigung der Krone zur Verfügung. die Prinz Georg selber bem glücklicheren Rivalen anbot; er beklcib te in ber Folge hohe Staatswürben. würbe nacheinanber Kriegsminister, Kammervorfitzender unb Außenminister. 27ach seiner Entlassung kam er nach Frankreich unb spielte bald in der Pariser Gesellschaft bie gleiche Rolle wie bamals als junger Prinz: bas Kaiserreich war zur Republik geworben, aber ben Lebemann Georg Stirbey focht bics nicht weiter an...
2m Alter von 66 Jahren entschloß sich ber Aiealtcmbe zur Che. Die Auserwählte war bie „berühmteste Witwe der dritten Republik", Frau Achille F o u 1 d , deren erster Mann allmächtiger Minister unter Kaiser Aapoleon gewesen. Sie brachte nebst ihrem gcscllfchastlichen Ansehen zwei Töchter als Mitgift: bie Marquise be Grau, unb bie bamals sehr geschätzte Malerin Fould. Prinz Georg aboptterte sie nach bem Buchstaben bes Gesetzes und machte sie zu Erben seines gewaltigen. im ehemaligen Donaufürstentum angesammelten Vermögens.
Darüber gingen drei Jahrzehnte hin. bis ber Fürst ganz im Süllen bas Zeitliche segnete. Die beiben Töchter, bie mittlerweile ebenfalls hochbetagt geworden waren, traten in den vollen ©enuß der Güter; da meldete sich plötzlich zu allgemeiner grenzenloser Ucberraschung ein deutscher Philologieprofessor namens Dr. Schütte, ber vor bem Präsibenten ber Zivilkammer behauptete, der rechtmäßige Sohn des Prinzen Georg Stirbey Barbon zu sein, unb als solcher feinen Pflichtanteil am Erbe forberte. Dr. Schütte ist ein Greis von 73 Jahren; voll streitbarer Beredsamkeit verficht er in ben Wandel- gängen bes Pariser Iustizpalastes vor den be- beluftigt zuhörenden Advokaten unb Journalisten feine Rechte. Sie gehen nach seiner Darstellung auf folgende Tatsachen zurück:
Prinz Georg Stirbey hatte als vierunb- zwanzigjähriger Etubent in Wien ein Liebesverhältnis mit seiner hübschen Wirtstochter, bas nicht ohne Folgen blieb; als galanter Kavalier aber konnte er nicht mehr für bie Gel ebte tun, als bei ber griechisch-orthoboxen Taufe des Söhnchens seinen eigenen Vaternamen ins Kirchenbuch einschreiben zu lassen. Das Söhnchen wuchs heran, von seiner Mutter betreut, studierte mit Fleiß unb würbe zum besagten Phllologieprvfessor; bie Saufurfunbe aber bewahrte er sorgsam auf, ohne je über feine wahre Herkunft ben Schleier zu lüften. Durch ben Gothaschcn Kalender, dessen eifriger Leser er gebl-eöcn ist, erfuhr er den
vicnrtaa, 18. Januar 1927
Tod seine- DaterS; dann ließ er sich AlterS- urlaub geben unb fuhr nach Paris, wo sein Erscheinen nebst großer Verwunderung allerlei Verwirrung hervorrief.
Der Präsibent der Ersten Zivilkammer versuchte cd zunächst mit einem Vergleich, unter Hinweis auf bas hohe Alter beider Parteien; aber davon wellten weder der Philologie- Professor noch die beiden Prllizllsinnen bas geringste wissen. Der Prozeß rollt bie schwierigsten Rechtslagen auf und bringt mehrere internationale Gesetze zueinander in Widerspruch, so baß beffen Ende überhaupt nicht abzuschen ist. Die Ansprüche des Dr. Schütte werden von einem der berühmtesten Pariser Advolaten, dem sozialistischen Deputierten Marius Moutct, geltend gemacht.
Don der Postaulolinie (Biegen - Niederkleen.
<> Hochelheim, 17. Ian. Wie bereits im ..Gießener Anzeiger" berichtet, wuruc ;n der am 7. b. MtS. hier stattgehaöten Besprechung über den Dau einer AutohaUe auf Antrag der Gemeinden Dornholzhausen und AicderNeen beschlossen, die W o r g e n f a h r t nach Gießen an ben Werktagen von Dornholzhausen ab unb die Mittagsfahrt an ben Bahnhof Großen- Linden auch Sonntags von Niederkleen ab wieder burchzusühren. Sie Obcrboftbircfticn zu Darmstadt hat nunmehr diesem Beschluß z u gestimmt. Die Fabrplanänberungen sinb bereits von gestern bzw heute ab in Kraft getreten. Das Postauto fährt von jetzt ab an Werktagen in Hochelheim 6 25 Uhr vormittags ab unb trifft in Dornholzhausen um 6.32 Uhr ein. Die Fahrt nach Gießenbeginnt in Dornholzhausen um 6.36 ilßr vormittags; bie Fahrzeiten auf der übrigen Strecke bleiben unverändert. Die bisher nur werktäglich um 11.30 Uhr vormittags in Aieder- kleen nach Großen-Linden (Bahnhof) abgehende Fahrt wird von jetzt ab auch wieder an Sonntagen von Aiederlleen aus durchgeführt. Die Fahrt zwischen Hochelheim und Ricderllecn findet an Sonntag-Vormittagen zwischen 10.49 Uhr und 11.05 Uhr wie prerktags statt.
ffiericbtsfaal.
verurteilter Gefängnisaufseher.
WSA. Mainz, 17. Ian. Ein Straf- a n st a 11 s w a ch t m e i st e r. ber sich während feiner Tätigkeit im Gefängnis in Oppenhe.m an weiblichen Strafgefangenen sittlich vergangen hatte, wurde, nachdem er in erster Instanz freigesprochen worden war, in der Berufungs- Verhandlung zu sieben Monaten Gefängnis verurtellt.
Amtsgericht Wetzlar.
Q In ganz raffinierter Weise wurde ehl Einwohner von Krosdorf von einem Schwindler geprellt. Unter der Anklage deS Betrugs war derselbe, ein Händler aus A h l S d o r s, angeklagt und ber Geschädigte als Zeuge geladen. Der Zeuge hatte auf ein Zeitungsangebot einet auswärtigen Firma hin, in ber diese Stoffe offerierte, ein Muster zum Preise oon 12 RM. bestellt. Er erhielt kurze Zett daraus eine ©en* buna ber fraglichen Firma mit 13,20 RM. Nachnahme, bie er bezahlte. Doch im Paket war fein Stoff, fonbem zwei minbertoertige Decken unb eine quittierte Rechnung über 5,50 RM. Auf ber Quittung stanb ein fingierter Aame. denn ein Brief an die Adresse ber Quittung kam als unbestellbar zurück. Später würbe ber jetzige Angeklagte als Täter ermittelt. Das Gericht verurteilte ben wegen gleicher Delikte schon mehrfach vorbestraften Angeklagten zu zwei Monaten Gefängnis.
Wirtschaft.
Der rheinisch-westfälische Kohlen- und Eisenmarkt.
(Von unserem Essener Mitarbeiter.)
Im Ruhrbergbau hält bie starke Beschäftigung nach wie vor an, zumal frei bisponible Haidenbestänbe, auf bie zurückgegriffen werden könnte, kaum zur Verfügung stehen. Der Bergbau kann ben laufenden Liefcrungsverpflichtungen nur schwer nachkommen; Aufträge für sofortige Lieferung sind knapp unterzubringen. Besonders angespannt ist bie Markttage für Kokskohle. Hier bestehen starke Lieferungsrückstänbe nach bem Aus- lanb, bie durch ben gestiegenen Verbrauch der Hüttenwerke in biefer Kohlensorte entstauben sind. Auch Anthrazitkohle ist besonders stark gefragt; ebenso gehen Briketts glatt ab. Dagegen ist eine Entspannung eingetreten für Brechkoks, ber zur Zctt^eichlich verfügbar ist. Hanbel unb Verbrauch im L”ftrittcnen Gebiet üben Zurückhaltung; trotzdem bort bie Preise ziemlich gedrückt sind, kommen Abschlüsse nur schwer zustande, da man die Entwicklung ber Situation in Englanb abzuwarten gesonnen ist. Für ben englischen Bergbau liegen bie Absatzvcrhältnisse zur Zeit ziemlich ungünstig. Die Verbraucher in Englanb haben teils noch Vorräte, teils haben sie noch umfangreiche Abschlüsse abzunehmen, so baß trotz stark gesunkener Preise ber englische Bergbau seine Förderung käum unterbringen kann.
Auf bem Eisenmarkt ist feit Vnbe Dezember 1926 eine leichte Abschwächung eingetreten, die vor allem auf den Rückgang ber Auslandaufträge zuruckzufuhren ist; ber Inlanbbebarf dagegen ist nach wie vor recht rege; er läßt ein weiteres Anhalten ber Nachfrage erwarten. Die Werks sinb in fast allen Abteilungen nach wie vor ziemlich voll beseht: bie Lieferfristen sind deshalb teilweise noch recht ausgedehnt. Die Preise der Werke haben sich im allgemeinen auf der bisherigen Höhe gehalten; dem Druck des Auslandes auf Herabsetzung der Exportpreise haben die deutschen Erzeuger in dem vom Ausland ge*


