ten und daß außerdem noch — soweit ein Bedürfnis vorhanden ist — für bestimmte Berufe und Gewerbe Sonderkammern zu bilden sind. Zu befürchten ist nur. daß gewisse Arbeit- nehmerkreise. die nicht viel zu prozessieren pflegen, hierdurch zu kurz kommen werden, da die geringe Zahl ihrer Prozess« die Bildung einer Sonderkammer rächt zuläßt und es deshalb lediglich vom Zufall abhängen wird, ob für ihren Prozeh die Kammer sachgemäß beseht ist. Es sind dies dieProzesse der höheren An- gestellten, die relativ selten zu sein pflegen, dafür aber dann eine um so grundlegendere Bedeutung haben. Diese Prozesse hätte man lieber den ordentlichen Gerichten belassen sollen: nur ein geringer Trost ist es, daß Angestellte mit einem Geholt von über 6300 Mk. berechtigt sind, an Stelle der Zuständigkeit des Arbeitsgerichts die eines Schiedsgerichtes mit ihrem Ar- beitgeber zu vereinbarem
Eine der wichtigsten Fragen, nämlich die der Prozehvergütung. ist noch ungünstiger geregelt worden, zu befürchten war. Anwälte sowie ander« Personen, die das Verhandeln vor Gericht geschäftsmäßig betreiben, bleiben in der untersten Instanz grundsätzlich ausgeschlossen: ebenso bedenklich wie die hierin liegende Richtachtung eines Berufsstandes ist die einseitige Begünstigung der organisierten Arbeitgeber und Arbeitnehmer, die sich durch ihre Organisationen vertreten lassen können, während der Nichtorganisierte Arbeitgeber und Arbeitnehmer auf sein« eigen« Llnzulänglichleit angewiesen bleibt. Völlig unberücksichtigt ist die Tatsache geblieben, daß Prozesse nicht immer im Wohnsitz der beteiligten Partei geführt teerten, und daß dies« jetzt vor einem Rätsel steht, wie sie sich in dem auswärts geführten Prozeß vertreten lassen soll, wenn sie nicht organisiert ist, oder ihre Organisation an dem betreffenden Ort keinen Vertreter unterhält.
Besondere Bestimmungen suchen eine möglichste Beschleunigung des Vers ährens herbeizuführen: so sehr man sich hiermit einverstanden erklären kann, so scheint mir die Beschränkung der Berufungs- und Revisionsfrist auf je 14 Lage als etwas reichlich knapp bernessen. CZlimmt man der betreffenden Partei die Möolich- leit, eine angemessene Zeit zu überlegen, ob ein Rechtsmittel eingelegt werten kann, dann werden leicht übereilte Berufungen und Revisionen herauskommen, es wird also statt einer Beschleunigung des Verfahrens eine Verzögerung in der Erledigung des Rechtsstreits eintretcn. Daß die Berufungsgrenze auf 300 Mark festgesetzt worden ist, war zu erwarten. Tatsächlich ist dieser Betrog viel zu hoch, da derartige Summen für viele Arbeitgeber eine recht erhebliche Rolle spielen. Aus derartigen Gesetzesbe- stiinmungen muß man den Eindruc! gewinnen, daß das Aeichsarbeitsministerium tatsächlich nur großindustrielle Unternehmungen oder Großbanken als Arbeitgeber kennt und nicht weiß, daß unendlich viele Arbeitgeber selbst in den bescheidensten Verhältnissen leben und sehr mit derartigen Summen rechnen müssen.
Die Kostenvorschüsse, die die sonstige Prozeß» führung so sehr behinderten, fallen im Arbeits-- gerichtsverfahren fort. Außerdem sind die Ge- richtskoften sehr erheblich ermäßigt.
Es ist sicherlich nur zu begrüßen, daß der Staat auf diese Weise es den Arbeitnehmern erleichtert, ihr Recht durchzusetzen, wie ja eine kostenlose Rechtspflege überhaupt der Iteal- zustand wäre. Man fragt sich nur. ob die zuständigen Stellen nicht wissen, daß die an der Arbeitsgerichtsbarkeit interessierten Kreise auch sonst als Gläubiger und Schuldner an der ordentlichen Gerichtsbarkeit interessiert sind und auch in ihren anderen Streitigkeiten genau das gleiche -Interesse an Billigkeit und Beschleunigung haben. Ein Arbeiter, der fristlos entlassen ist und für einige Tage seinen Lohn einklagt, hat an dem Austrag dieses Rechtsstreits sicherlich nicht das gleiche Interesse wie ein anderer, der in einem dunklen Hausflur zu Fall gekommen ist und wochenlang krank gelegen hat. Der Anspruch des ersteren wird vom Gesetz sowohl nach der Kosten« feite wie auch hinsichtlich der Beschleunigung bevorzugt behandelt, während der letztere — sosern er nicht im Armenrecht klagt — erst einmal den Gerichtskostvenvorschuß auf- bringen muh und alsdann auf den langwierigen Weg der ordentlichen Gerichtsbarkeit angewiesen ist.
Die Arbeitsgerichtsbehörden werden — sofern der Reichsarbeitsminister und der Reichsminister der Justiz keinen anderen Zeitpunkt bestimmen — am 1. Iuli 1927 ihre Tätigkeit aufnehmen: alsdann gehen alle vor Sondergerichten iGewerbe- und Kaufmannsgerichten) schwebenden Rechtsstreitigkeiten auf die neuen Arbeitsgerichte über. Für Rechtsstreitigteiten. die in diesem Zeitpunkt bei den ordentlichen Gerichten anhängig sind, bleibt die Zuständigkeit der letzteren bis zur rechtskräftigen Entscheidung gewahrt.
Wie sich die einzelnen Bestimmungen des neuen Gesetzes in ter Praxis bewähren werten, bleibt abzuwarten: gerate bei einem Prozeß - gesey ist es außerordentlich schwierig, hier zu prophezeien, denn es hängt ganz vom Richter ab. wie er es versteht, den Willen des Gesetzgebers auf ein besonders sachgemäßes und beschleunigtes Verfahren in die Tat umzusetzen. Die Regelung, die die wichtigsten Fragen (Verselbständigung der Arbeitsgerichte und Ausschließung der Anwälte) gefunden haben, nötigt jedoch zu dem Urteil, daß das neue Gesetz in die Reihe ter unerlreulichsten Erscheinungen moderner Gesetzgebung gehört.
Auswärtig« Dorträge von Gießener Gelehrten.
Daß die Erkenntnisse der wissenschaftlichen Forschung an unserer Landesuniversität durch die berufenen Männer auch weit hinaus ins Reich getragen werten, zum Rutzen ter Allgemeinheit, zeigen neuerdings wieder Berichte über Vorträge, die von Gelehrten unserer Landesuniversität in jüngster Zeit in verschiedenen Orten des Reiches gehalten wurden.
Im Rahmen der vom 13. bis 15. Ianuar von der Mecklenburgischen Landwirtschaftskammer veranstalteten Landwirtschaft!. Woche in Güstrow sprach u. a. Prof. Dr. H. K r a e m e r, der Direktor des Tierzuchtinstituts ter Universität Gießen, über „Die Abstammungs- geschichte der Pferde“. Heber diesen Vortrag berichtet man uns aus Güstrow: Der Red- ner zeigte an zahlreichen Lichtbildern, wie sich in den IahrMillionen seit ter Steinkohlenzeit das Antlitz der Erde fortgesetzt veränderte und wie sich Pflanzen, und Tierwelt dementsprechend ange- paht haben. Anpassung der Formen - das ist der wertvolle Leitgedanke des Ganzen! Cs soll für die praktische Landwirtschaft daraus hervor- gehen, daß die Einfuhr fremder Tiere, die wir gerate in Deutschland in ganz unerhörtem Maßstabe betrieben haben, einen Irrweg bedeutet, wenn wir nich gleichzeitig auch die Aufzucht, Ernährung. Behandlung. Dewegungseinsliisle usw. so zu gestalten wissen, daß die guten Leistungen der Tiere auf ter eigenen deutsche^ Scholle durch Anpassung immer aufs neue entstehen. Es wurde sodann die Entwickelung der Vorläufer her Pferde seit der ältesten Tertiärzeit zu den echten Pferden durch Umbildung des Knochengerüstes und besonders der Fußformen gezeigt, sowie die Entstehung der leichten Steppen- und der schweren Waldpferte als Stammformen ter heutigen edlen und schweren Pferde, lind immer wieder ergab sich die Anpassung ter Tiere in interessantester Weise, schon in den alten Kulturstaaten wie Persien. Assyrien. Babylon: auf dem ägptischen Boden die stattlichen Wagenpferde, den heutigen Oldenburgern ähnlich, dagegen im trockenen und gebirgigen Griechenland di« kleinen und seinen Ponygestalten: die Zunahme an Masse und Gewicht im römischen Altertum bis zu den schweren Ritterpferden des Mittelalters: die Herausbildung neuer Gestalten durch Kreuzung der europäischen mit leichten und edlen orientalischen Pferden, sowie endlich die Differenzierung zu den heutigen Rassen. Sehr unterhaltend wirkten auch die Betrachtungen über die Kunstschulen der Alten und die Stilisierung der Formen in der Darstellung aller Zeiten. Immer aber kam bei dem Redner der Landwirt zur Geltung, der aus dem naturwissenschaftlichen und kunstgeschichtlichen Vortrag doch auch die Ruhlehren für das praktische Leben zu ziehen wußte und in dem schönen Heberblick über so unermeßliche Zeiträume stets wieder einleuchtend bewies, wie sehr doch unsere Haustiere als Produkte der Scholle zu gelten haben. Die außerordentlich lebhafte Art des Vortrages fesselte die Zuhörer bis zum letzten Wort, und der mecklenburgische Landwirt schied mit dem Bewußtsein, etwas Wertvolles gerate
Strafkammer Gießen.
* Gießen. 15. Febr. Vier junge Burschen aus Friedberg waren vom Amtsgericht zu je 5 Tagen Gefängnis verurteilt worden, weil sie überführt erschienen, auf der Straße Bingenheim—Gettenau 13 Isolatoren der Telegraphen-
aus diesen Ausführungen mit nach Hause zu nehmen. W. J.
Aus <5.0 tb ad) (Waldeck) wird uns getrieben: Am 22. Ianuar weilte in den Mauern ter allen Stadt Eorbach Prof. Dr. K r a e m e t aus Gießen, der in den überfüllten Räumen des „Waldecker Hofes" vor den Landwirten des Landes Waldeck in packender und vollendeter Weise einen Vortrag über „D i e Rassenentwickelung des Pferdes und ihr« Geschichte" mit hervorragenden Lichtbildern hielt. Für diese Frage wurde großes Verständnis gezeigt, da in allen Tiergattungen die Zucht ein Produkt ter Scholle ist. Es ist ter allgemeine Wunsch ter Waldecker Landwirte, daß Prof. Kraemer recht bald wieder die hiesige Gegend besucht, und daß das landwirtschaftliche Institut noch weiter so blühen und gedeihen möge zum Segen der Landwirtschaft. Dr. L.
Aus Chemnitz teilt man uns folgende Zeilen mit:
Vor einigen Tagen hielt Prof. Dr. H. Kraemer vom Tierzuchtinstitut in Gießen auf ter sächsischen landwirtschaftlichen Woche in Dresden einen Dortrag über „D i e geistigen Leistungen der Tiere". An schönen Lichtbildern zeigte er die Entwicklung des Rervensystems auf allen Tierstufen bis zum Gehirn des Menschen heraus, und gedachte dabei besonders auch unserer Haustiere und des Tierschutzes. Der Vortrag brachte den fast 1000 Teilnehmern einmal etwas vollkommen Reues und fand rauschenden Beifall. . 1
Heber die .Perücke des Geweihes und ihre Beziehungen zur Krebsforschung" hielt Geheimrat Prof. Dr. O l t, Gießen, am 1. Februar in der .Gesellschaft für Iagdkunde" zu Berlin einen Vortrag, ter die anwesenden Weidmänner, Zoologen und Mediziner außerordentlich interessierte, weil er neue Gesichtspunkte für die Erforschung bösartiger Geschwülste bei Mensch und Tier, wie auch für das Studium der in vieler Hinsicht noch dunllen. merkwürdigen Geweihentwicklung hervortreten lieh. Die in der Ratur einzig dastehenden. jährlich sich wiederholenden Vorgänge des Wachstums und der Formbildung des Geweihes, des Verlustes ter die Stangen bedeckenden Haut (des Bastes) sowie des Geweih- Knochenmarks werden durch eigentümliche Säfte (Inkrete) angeregt und unterhalten, die ein Erzeugnis der Keimdrüsen sind. Ic. ■ Ausschaltung beim Rehbock oder Hirsch vor Beginn des Geweihwachstums verhindert letzteres endgültig. Wird solcher Eingriff während der Entwicklung des Geweihes vorgenommen, so entsteht die den Sägern lange bekannte .Perücke", eine oft gewaltigen Hmfang annehmente Wucherung an der Außenfläche des Geweihes, die bösartige Eigenschaften hat und den Tod des Trägers oedingt. In einem Vergleiche ter Perücke mit dem Wesen der bösartigen Reu- bildungen (Krebs. Sarcom usw.) kommt Geheimrat Olt zu dem Ergebnis, daß diese Geschwülste, wie auch dte Perücke, in einem ursächlichen Zusammenhänge mit Störungen des innersekretorischen Mechanismus stehen. Die Perücke ist die einzige Reubildung mit bösartigen Eigenschaften, die durch einen künstlichen Eingriff in diesen Mechanismus erzeugt werden konnte. Geheimrat Olt seht seine diesbezüglichen experimentellen HnreLsuchungen an verschiedenen Hirscharten fort. Reu und geradezu überraschend ist die Oltsche Theorie von der Bedeutung teS Geweihes für ten Tierkörper. Die Basthaut des sekretorisch tätigen Geweihes macht Sonnenlicht für den Organismus nutzbar. Hierfür spricht, daß in wenig sonnigen Gegenden der Erde, wie auch in der Eiszeit die Geweihe am stärksten und durch Schaufelbildung zu fächerförmigen Sonnenfängern heranaebiltet sind oder waren, während in heißen Klirnaten die Bedingungen für solche Geweihentfaltung nicht gegeben find. Die geistvollen Darlegungen des betannten Geweihforschers werten zweifellos auf die biologisch« Forschung anregend und befruchtend wirken.
Dr. S.
anlage durch Steinwürfe beschädigt zu haben. Aus ihre Berufung änderte die Strafkammer das Urteil dahin ab, daß wegen groben Unfugs auf je 25 Mart Geldstrafe erkannt wurde.
Eine große Crpresseraffäre. die bereits vor dem hiesigen Schöffengericht verhandelt wurde und über die wir seinerzeit eingehend berichteten, beschäftigte heute d.e Strafkammer in ter Berufungsinstanz. Angeklagt ist ter Kaufmann Wilhelm Otto Artz aus Lang-Göns, ter unter Drohungen von einem hiesigen Lokomotivführer nach und nach 2300 Mk. erpreßt haben soll. Die Verhandlung fand unter Ausschluß der Oeffentlichkeit statt. Das in später Lkvendstunte öffentlich verkündete Urteil lautete auf Verwerfung der Berufung des Angeklagten. Es bleibt mithin bei den 9 Monaten Gefängnis der ersten Instanz.
Oberteilen.
Landkreis Gießen.
0 Lollar. 16. Febr. Sine erfreuliche DetriebSlage zeigen gegenwärtig die Bu- derusschen Eisenwerk«. Abtellung Lol- l a r. Während man sonst im allgemeinen nur von Arbeitsmangel und Entlassungen hört, konnte daS hiesige Werk neuerdings wieder 30 Mann für die Gießerei einstellen und ferner die feit längerer Zeit bestehende 6amdt'a^*5eier- schichtmit erstmaliger Wirkung am vergangenen Samstag aufheben. In dem Werkst «il „Inse l" ist man gegenwärtig eifrig mit ter rnaschinen technischen Einrichtung beschäftigt. nachdem die baulichen Arbeiten im wesentlichen beendet sind. Wie schon früher gemeldet, soll hier ein neuer FabrikationS- zweig untergebracht werten. Man kann wohl damit rechnen, daß nach dessen Einrichtung die Beschäftigungsmöglichkeit in dem Werk noch besser wird.
• Alten-Bufeck, 15. Febr. Am Sonntag hielt der hiesige Frauenchor im Saale von W. Rühl einen Familienabend ab. ter sich eines sehr starken Besuches erfreute. Chöre, von Dirigent K. Ric o l a i - Großen-Buseck sorg- fällig eingeübt, wechselten ab mit Spielen für Frauen tiefen, ernsten und heiteren Inhalts, di« bis ins einzelnste gut bc«bereitet waren und in denen eine ganze Anzahl der jugendlichen Darstellerinnen ein anerkennenswertes Salent entfalteten. Eingeleitet und beschlossen wurde der Abend durch Ansprachen von Pfarrer Hartmann. Der Abend wird allen Teilnehmern in bester Erinnerung bleiben.
* Großen-Buseck, 17. Febr. Am morgigen Freitag, 18. Febr.. begehen ter Landwirt Phil. Schmidt III und Ehefrau Katharine, geb. Schmidt, Hierselbst das Fest ter goldenen Hochzeit. Das Iubelpaar erfreut sich noch guter körperlicher und geistiger Rüstigkeit. Der alte Herr steht im 74., seine Ehefrau im 73. Lebensjahre
V Watzenborn-Steinberg, 15. Febr. Am Sonntagabend veranstaltete ter hiesige Kriegerverein einen Hnterhaltungsabend im Saale zur „Krone" in Steinberg, ter einen vortrefflichen Verlauf nahm. Aach Begrüßung durch den Vorsitzenden ergriff Prof. Krämer-Gießen das Wort, um dem Verein mit markigen Worten den silbernen Fahnennagel anläßlich seines 50jährigen Bestehens zu überreichen. Ergreifend gestaltete sich die Ehrung ter Veteranen, denen er das Hassia-Abzeichen für 50jährige Zugehörigkeit zum Verein überreichte. Es sind dies: Iohs. Duck VII., Balthaser Happel II., Ivb. Gg. Häuser XIV.. Balthaser Heß III.. Iohs. Heß. Balthaser Schäfer VII.. Iohs. Schmitt II.. IohS. Schäfer XI. Letzterer erhielt als verdienstvoller Vorsitzender auch das Hassia-Ehrenkreuz. Den Mittelpunkt des Abends bildete die Aufführung eines aus der Zeit des Ruhrkampfcs stammenden vaterländischen Schauspiels. Die Leistungen der Darsteller standen auf beachtenswerter Höhe, die Wirkung ter Aufführung war stark. Die Iugendkapelle trug durch exakt vorgetragene. der Bedeutung des Abends angepahte Musikstücke zur Verschönerung bei.
is. Steinbach. 16. Febr. Unsere beiden rührigen Gesangvereine, die schon von verschiedenen Gesangswett st reiten preisgekrönt heimkehrten, werden sich auch in diesem Iahre wieder an Gesangwettstreiten beteiligen, und zwar der Gesangverein „Eintracht" an dem
Dom sch?äsenden Homer.
Bon Karl Lange.
„Indignor, quandoque bonusdormitat I lomerus." Horaz hat in seiner „Kunst zu dichten" das Dort vom schlafenden Homer geprägt. Er ärgert sich, wenn der gute Homer einmal schläft und hat dabei Irrtümer und Ungenauigkeit des Ausdrucks beim Dichter im Auge. Cs ist aber gar nicht schwer, vielen Dichtern und Künstlern Mißgriffe, Irrtümer und Fehler nachzuwelsen. Das Merkwürdigste ist, daß Fehler oft übersehen werden, die so gewichtig sind, den ganzen Zusammenhang einer Dichtung zu Fall zu bringen, indes andere, weniger schwere, sofort bemerkt werden. Es handelt sich da gewöhnlich um Verstöße gegen Kenntnisse, die als allgemein verbreitet gelten, selbst wenn sie an FaHgelehrsamkeit streifen. Alle Wissenschaften müßen da herbalten.
Unbeliebt scheint bei den Dichtern die Sternkunde zu sein. Einen hübschen Verstoß gegen sie begeht Scheffel im „Ekkehard". 3m 20. Kapitel erzählt er, wie Burkard, der Musterklosterfchüler, in seinen Sommerferien - es ist ausdrücklich von der Rosen- blüte die Rede — seinen Oheim Ekkehard auf hem Hohentwiel besucht. Da heißt es: „Wie ich ihm die Sternbilder vor dem Fenster erklären wollt, den Bär und Orion und den mattschimmernden Fleck der Plejaden ..." Jeder aber, der auch nur ein paar Sternbilder des Himmels kennt, weiß, daß der Orwn. als zur südlichen Halbkugel des Himmels gehörend, im Sommer nicht sichtbar ist, auch nicht von der Höhe des Hohentwiel aus. Auch Frensien läßt im „3örn Uhl" den Orion zur Sommerzeit sichtbar sein. Hermann von Gilm begeht den gleichen Fehler wie Scheffel, nur wählt er nicht Öen Orion, sondern den Sirius und fuhrt dabei ausdrücklich die Sommerzeit an, indem er sagt, das Mutterauge hat „wie in lauer Sommernacht der Sirius, der brennende, gefunkelt." Ein großes astronomisches Versehen treffen wir im 7. Kapitel von Scotts Altertümler. Da wird der Sonnenuntergang wie folgt ganz harmlos geschildert: „Die große Scheibe der Sonne stand noch über dem Rande des Meeres und vergoldete die aufgetürmte Wolkenmaste, durch die sie den Tag über hingezoge r war “ Die Sze- nerie ist in Knockwinnok, einem kleinen Ort am Rordufer des Firth vf Forth, wo das Ufer nach Sudosten schaut. Der ehrenwerte Sir Walter öcott läßt also die Sonne im Osten untergeben. In
Schillers „Räubern" treffen wir das ganz widersinnige Bild, das erfunden, nicht erschaut wurde und so den Größten zu Fehlem verleitete. Fn der 2. Szene des 1. Aufzuges lesen wir: „O ich möchte den Ozean vergiften, daß sie den Tod aus allen Quellen saufen."
Daß die Raturwissenschasten jeden Dichter, der sie zu irgendeiner Darstellung gebraucht, geläufig sind, sollte man glauben. Dennoch hat Goethe, der doch darin so beschlagen war, sich gegen die Botanik vergangen, indem er in Hermann und Dorothea" gleichzeitig Liorn und reife Trauben vorhanden fein läßt. Ein ähnlicher Irrtum unterläuft Gottfried Keller. Da heißt es in „Pankraz, der Schmoller" bei einer Stelle, die in Indien spielt, „in einem ganz mit Palmen, Zypressen, Eykomoren und anderen Bäumen angcfüUten Tale". Die Palmen und Zypressen können wir uns nun recht gut in Indien denken, die Sykomore aber nicht, denn sie wächst nur in Mittelairika.
Gustav Freytag läßt in seinen „Bildern aus der deutschen Vergangenheit" in der Mitte deS 18. Jahrhunderts den deutschen Grundherrn die Wolle seiner Herden durch Slektoralschase verfeinern, die es aber damals in Deutschland noch nicht gab. Der erste Stamm wurde erst 1765 nach Sachsen ein- geführt: vor 1778 wurde nichts außer Lande ber- tauft, und auch der Rame „Elektoral" ist erst später aufgetommen An einer anderen Stelle in seinen „Bildern" schildert er uns, daß unmittelbar nach dem Dreißigjährigen Kriege, so um 1650, italienische Abenteurer in Scharen durch Deutschland zogen. „Reden dem Bären aus Böhmen", erzählt er, „trotteten die Kamele von Pisa", Daß Bären noch damals in Böhmen vorkamen, ist möglich, aber sicher ist, daß die Kamelstüterei zu San Rostore bei i|a erst 1737 ins Leben trat. In Scheffels „Ekkehard" unterlaufen dem Dichter verschiedene Irrtümer. Da wird ermähnt, daß die Reichenauer Mönche Trut- hat,ne taufen. Das ist ja für den Geschmack der Mönche ein gutes Zeugnis, war aber im 10. Jahrhundert nicht gut möglich, da die Truthühner erst 1524 nach Europa tarnen. In demselben Werke Irinten die Hunnen auch schon Branntwein, und der Burgkaplan Vicentius verstand, manch köstlich Estenziem zu bereiten: stark Wasser, gebrannt aus Kirschen und anderem Steinobst. DieWistenschaN dagegen schreibtdieErsindung der Branntweinbrennerei dem Arnold de Dillanova zu, der 1313 gestorben
ist. Seltsam berührt es auch, daß Scheffel bei der Schilderung des Weihnachisfestes auf dem Hohentwiel nicht nur vom Christkind redet, sondern auch den mit „Aepseln und Lichtern geschmückten Sannen- bäum“ zum Mittelpunkt des WeihnachlsfesteS macht. Es ist die gleiche dichterische Freiheit, die sich Ernst von Wildenbruch in seinem König Heinrich IV. herausnimmt, wo er die Kinder von Worms zu deut armen kleinen Kaisersohn, besten Eltern schutzsuchend in die Stadt geflüchtet sind, mit einem Tannenbäumchen und Gaben schickt.
Eine wahre Fundgrube für kulturgeschichtliche Irrtümer ist Goethes,, Faust", wenn man für ihn wie für das Volksbuch das 16. Jahrhundert als Zeit der Handlung annimmt. In Auerbachs Keller verlangt Brander: „Champagnerwein, und recht moussierend soll er sein." Für Fausts berühmten Ritt auf dem Faß ist aber das Jahr 1525 überliefert, wahrend der „moussierende" Champagner eine Erstndung des Don Penignvn, Kellermeisters der Abtei Haut- Villers, ist, der von 1670 bis 1715 lebte. In der Szene vor dem Tore sagt der Schüler: „Ein starkes Bier, ein beizender Tobak . . Die Sitte des Rauchens kam in Deutschland erst zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges auf. Hebet diese kleinen Fehler lieft man leicht hinweg, ohne dabei etwas zu denken, und ebenso ist es bei der Stelle, wo Marthe Schwertlein ihren Mann auch tot imWochen- blatteten lesen möchte. Von „Wvchenblättchen lesen" ist vor dem 18. Jahrhundert kaum die Rede. Rach der Erscheinung des Erdgeistes sagt Wagner zu Faust im Lause des Gesprächs: .... und sieht die Welt kaum einen Feiertag, kaum durch ein Fernglas an." Das Fernglas ist im Fahre 1609 erfunden worden.
Der ältere Dumas hat mit feiner überaus ergiebigen Feder zu unendlich vielen Ausstellungen Anlaß gegeben, aber doch sind Stellen selten wie die aus dem „Halsband der Königin", wo ein geheimnisvoller Fremder in einer aufregenden Lage sich folgendermaßen äußert: „Oh, oh, murmelte Don Manuel portugiesisch." Balzac schreibt in „Cousine Bette": „Der Polizeikommiffar antwortete schweigend: Eie ist nicht wahnsinnig." Ein andermal läßt er einer Person, bet die Augen fest auge- bunten sind, so dai. sie nicht sehen kann, folgenden seltsamen Rat erteilen: „Pa,len Sie gut auf, ver» beten Sie leins meiner Zeichen au§ dem Äug'." Roch unmöglicher sind Sätze wie diese: „Der blinde
König von Hannover mußte mit ansehen, wie sein Königreich Preußen einverleibt wurde " tauS einer Erzählung von John Rernoine) und „Ginivre, ein ehrlicher Blinder. . . wirft einen melancholischen Blick auf die leere Flasche" (aus „Pecaire" von Pouvillon). Sehr zahlreich sind die Eedankenlosig- leiten in MutgerS „Bohöme": „Die schönste Stellung eines menschlichen Wesens" heißt es da an einer Stelle, „ist die eines Mannes, der sich über sein Werk beugt, um vor sich selbst aufrecht zu stehen." Bei einer Billardszene erzählt Alfred Affolaut „Vie traten zusammen und hielten die QueucS in der Hand, um bester zu hören." Daudet schreibt in „Tar- tarin von Tatascon" den Arabern phänomenale Kinnbacken zu: „4 000 Araber liefen hinterher, mit nackten Beinen, heftig gestikulierend, sinnlos lachend, und ließen in der Sonne ihre 600 000 weißen Zähne leuchten." Da tarnen aber auf jeden Araber 150 Zähne. Heberraschend ist es, wenn Ferd. Fabre im „Barnabe" schreibt: „Der Swff, zu lebhaft gespannt, stieß einen Schrei aus." FrancoiS Eoppee erzählt: „Sie saß zwischen ihren Töchtern, zwei Zwillingen, von denen die eine wie die andere 18 Fahre alt waren.' 3m „Mannequin d'oster" entschlüpft Anatole France folgender hinkender Vergleich: „Du siehst die Republik zwischen den Mächten schwimmen, wie ein Perlhuhn zwischen einer Schar Möwen", wobei der Dichter augenscheinlich daS Perlhuhn für einen Seevogel hält.
Zu ergötzlichen Mihverständnisten hat die Venus von Milo den Dichtern Anlaß gegeben. Richt nur. daß einer den Fundort Milo „für einen Künstler, besten Ruhm die Iahrhunderte überdauert", erklärt, auch die Hände und Arme dieser armlosen Statue haben oft zu den schönsten Vergleichen dienen müssen. So schreibt Amedee de Bart: „Er brudt "auf ihre Hand, weih und weich wie die der VenuS von Milo, den ehrerbietigsten der Küste", und Jules de Gastyne: „Sie hob ihren weißen Arm. geformt wie der Ann der Venus von Milo, leuchtend wie der Marmor," Derselbe Autor läßt „einen Re^er erblastch". Die Schlankheit der Taille seiner Heldin schildert SharleS Mervuvel: „Eine Männerhand hätte sie mit zehn Fingern umspannen können." Andere solcher Stilblüten sind: „Daniel antwortete nicht-, eS war daS erste Mal. daß er so zu seinem Vater svrach" „Sie schnarchen, wie nur die reinen Herzen schnarchen." „Er war 70 Jahre alt und sah doppelt so alt aus." .Quandoque dormitat Homcrus."


