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Steuerfreiheit der Konsumvereine durchzudrücken, wird man von der Regierung hier Aufklärung oer- langen müssen. Nach meinen Ausführungen, die ich schon bei früheren Gelegenheiten im Landtag über dieses Thema machte, kann kein Zweifel bestehen, daß wir uns allen Bestrebungen, die Befreiung der Konsumvereine von der Gewerbesteuer zu erreichen, auf das entschiedenste widersetzen werden. Hier muß gleiches Recht für alle gelten. Dieselben Steuern, die der Einzelkaufmann 3U entrichten hat, müssen auch von den zusammengeschlossenen Konsu- menten bezahlt werden.

Die Vorschriften des Grund st euergesehes sollen erstmalig aus di« staatliche Grundsteuer für das Steuerjahr 1927 Anwendung finden. Da­gegen läßt sich nichts einwenden. Hm so größere Bedenken müssen aber gegen die einschlägigen Bestimmungen des Gewerbesteuergesehes geltend gemacht werden. Art. 34 bestimmt nämlicheDie Erhebung der Gewerbesteuer erfolgt nach den Vorschriften dieses Gesetzes erstmals für das Steuerjahr 1926 mit der Maßgabe, daß ... bei der Veranlagung der Gewerbesteuer vom Ertrag für das Rechnungsjahr 1926 der Ertrag des Kalenderjahres 1925. für das Rechnungsjahr 1927 der Durchschnitt der Kalenderjahre 1925 und 1926 maßgebend ist." In Art. 35 heißt es sogar: Die Bestimmungen über die Gewerbesteuer vom Ertrag gelten rückwirkend für das Steuer­jahr 1925 ... Dom Standpunkt der steuerlichen Gerechtigkeit aus könnte man sich über diese Vorschriften nur freuen: hatte man doch im Jahre 1925 und 1926 ausdrücklich darauf hinge­wiesen, daß die Gewerbesteuer vom Ertrag nur eine vorläufige fein sollte. Wie nicht anders zu erwarten ist, wird von Industrie, Handel und Gewerbe die vorgesehene Regelung sehr verschieden beurteilt, je nachdem man Rück­zahlung erhofft oder Rachzahlung befürchtet. Jedenfalls aber läßt sich der Einwand derer, die behaupten, die im Jahre 1925 zu wenig ent­richteten Steuerbeträge seien heute gar nicht mehr vorhanden, nicht ohne weiteres von der Hand weisen. Von Interesse für eine objek­tive Beurteilung scheint zu sein, daß die Or­ganisationen der Landgemeinden, der Krei'e und Provinzen eine Rückwirkung für 1925 a l s un­durchführbar ab gelehnt haben und daß aus Kreisen der zuständigen Finanzbehorden diese Stellungnahme als die einzig mögliche bezeichnet wird. Hie Finanzämter so hört man seien gar nicht in der Lage, die mit einer nachträglichen Veranlagung verbundenen Arbeiten zu bewälti­gen. So wird man deshalb aus praktischen Er­wägungen fordern müssen, daß die Reuordnung für die Gewerbesteuer ähnlich wie für die Grund­steuer erstmalig für daS Steuerjahr 1 927 in Kraft tritt, und daß man Härten, die für einzelne Steuerpflichtige dadurch eintreten, wcitgehendst Rechnung trägt.

Reichshiise für das besetzte Hessen gefordert.

Darmstadt, 15. Febr. Agesichts der für die nächsten Tage in Aussicht stehenden Beratung des Haushalts für die besetzten Gebiete im Plenum des Reichstages hat sich, wie derHess. Volks­freund" erfährt, das hessische Kabinett ver­anlaßt gesehen, sich an die Reichsregierung mit einer Reihe von Vorschlägen zur Milderung der Rot in Hessen zu wenden. Der leitende Gedanke dieser Vorschläge ist, vermehrte Arbeit Im besetzten Gebiet zu schaffen. Das Kabinett fordert deshalb von der Reichsregierung die Be­willigung von Reichsmitteln:

1. zum Bau zweier Rbeinbrücken bei Mainz und Oppenheim und einer Mainbrücke bei Flörsheim-Rüsselsheim,

2. zur Aerbesserungder Straßen des hessischen besetzten Gebietes, die durch den Automobilverkehr des Befatzungsheeres schwer mitgenommen sind, sowie zum Ausbau der Stra­ßen WormsBensheim und Mainz- Darmstadt für die Bedürfnisie des Kraftpost­linienverkehrs,

3. zum Bau elektrischer Dorortbah- n c n für die schwer unter der Besetzung leidenden Städte Worms und Mainz.

Das hessische Kabinett glaubt sich um so mehr berechtigt, diese Forderungen zu erheben, als vom Reichstag für 1926 nicht weniger als 48 Millionen Mark zur wirtschaftlichen und kulturellen Förderung der östlichen Grenzgebeite Preußens bewilligt worden sind, während die besetzten Gebiete Hessens trotz der herrschenden schrecklichen Arbeitslosigkeit mit einigen Mark abgefunden worden sind. Daß gerade das Land Hessen am schwersten un­ter den»Besatzungslasten zu leiden hat, geht daraus hervor, daß in Hessen auf 10 000 Einwohner 420 Angehörige des französisch-englischen Besatzung? he. res entfallen, während bie Zahlen für die Pfalz 169. das besetzte preußische Rheinland 181 betragen. Die Wirtschaft Hessens leidet auch heute noch schwer unter den Nachwirkungen des R u h r k a m p f e s. Auch am Arbeit-markt liegen erschreckende Zahlen vor. In Mainz kommen auf 1000 Ein­wohner 47 nicht ausgesteuerte Arbeitslose, wahrend der Durchschnitt für die deutschen Großstädte 35 be­trägt. Geradezu tragisch ist die Lage in Offen­bach. Auf rund 1000 Einwohner entfallen 72 nicht- ausgesteuerte Arbeitslose (Reichsdurchschnitt für die deutschen Mittelstädte 28). Diese Zahlen beweisen eindringlich die Notwendigkeit ausreichender Reichs­hilfe für das Land Hessen

Aus dem Finanzausschuß des Hessischen Landtags.

Darmstadt, 16. Febr. (Eigene Meldung.) Oer Finanzausschuß deS Hessischen Landtags trat Dienstag vormittag zusammen, um eine umfangreiche Tagesordnung zu beraten, auf der als wichtigste Punkte die neuen Steuerczesetze stehen, die jedoch in der gestri­gen Sitzung noch nicht in Angriff genommen werden sind. Der Ausschuß nahm mit Mehrheit die Regierungsvorlage über die Kunstaus- stellungen in Darmstadt im Sommer 1927 an. Ein Antrag der Abgeordneten Werner Und Gen wegen Rückzahlung des von der Gießener Hochschulgesellfchaft dem Staate zur Verfügung gestellten Betrags wurde für erledigt erklärt. Ein Antrag der Ab­geordneten Anaermeier und Gen. auf Herab­setzung der Pfändungskosten wurde der Regie­rung als Material überwiesen Eine Eingabe des Philipp Heldmann II. zu Staffel i. O. wegen Beihilfe zu den Kosten seiner geisteskranken Ehe­frau wurde abgelehnt. Mehrere Eingaben und Anträge wurden durch die Regierungsantwor'en für erledigt erklärt, so u. a. eine Eingabe des Vereins Hessischer Strafvollzugsveancken wegen Uniformbeschafsung der StrafanstaltZbeamten Ein Antrag der Abgeordneten Ritzel. Lur A'thes

und Gen. wegen Durchführung des Reichs- bewertungsgefehes rief eine längere De­batte hervor, worin es zur Sprache kam, daß eine Ungleichheit tn der Bewertung insofern besteht, als die hessischen Finanzämter sich streng an die Reichsvorschriften halten, während öie nord­deutschen Aemter, insbesondere die preußischen, unter diese Sähe heruntergegangen sind. Der Antrag, durch den ein gleiches Verfah­ren erstrebt wird, wurde angenommen. Zum Schluß stimmte der Ausschuß gegen zwei Stimmen einer Regierungsvorlage über Staatshilfe für den notleidenden Eisenerzbergbau in Oberhessen zu, in der beantragt wurde: Der Landtag wolle die Regierung ermächtigen, zum Zweck der Gewährung einer Staatsbeihilfe von 1 Mark je Tonne abgesetzten Eisenerzes an den Hessischen Eisenerzbau für den Rest des Etats­jahres den Betrag von 65 000 Mark zu veraus­gaben.

Der deutsch-polnische Konflikt.

Die polnische Handelsdelegation verläßt Berlin.

Berlin, 15. Febr. Der Vorsitzende der pol­nischen Delegation für die deutsch-polnischen Han­delsvertragsverhandlungen hat im Auswärtigen Amt eine Rote überreicht, in der es heißt: Da die mir mitgeteilten Gründe für den Beschluß der deutschen Regierung über den Bereich der Handelsvertragsverhandlungen hinausgehen, er­achte ich es als für mich unmöglich, in Erörte­rungen bezüglich dieser Frage einzutreten. Ich sehe mich jedoch veranlaßt, festzustellen, daß nach Auffassung meiner Regierung die Unterbrechung der in Berlin geführten Verhandlungen keines­wegs geboten war. vielmehr nach der Heber* zeugung der polnischen Regierung die wirtschaft­liche Verständigung zwischen den beiden Ländern nur erschwören und verzögern kann. Bei dieser Gelegenheit sehe ich mich weiter veranlaßt, fest­zustellen. daß die polnische Regierung durch die deutscherseits im letzten Augenblick erfolgte ein­seitige Absage der Kommissionsarbeiten pein­lich überrascht worden ist. In Anbetracht des erwähnten Beschlusses der deutschen Regie­rung habe ich die Ehre, Ihnen. Herr Bevoll­mächtigter, mitzuteilen, daß gemäß den von mei­ner Regierung erhaltenen Instruktionen die pol­nische Delegation für die polnisch-deutschen Han- delsvcrtragsverhandlungen Berlin verläßt, ohne jedoch die Hoffnung aufzugeben, daß die deutsche Regierung künftighin gewillt sein wird, durch ihre Stellungnahme den Wiederbeginn der Hanbelsvertragsverhandlungen zu beeinträchtigen

Einberufung des auswärtigen

Reichstagsausschusies.

Berlin. 16. Febr iWTB. Funkspruch.) Der Auswärtige Ausschuß des Reichstages, der für Donnerstag einberufen ist, wird sich auch mit dem Konflikt zwischen Deutschland und Polen beschäftigen. Zu Beginn der Sitzung wird der Ausschuß an Stelle des zum Reichsjastizminister ernannten Abgeordneten Hergt eine., nc/.e i Vor­sitzenden wählen. Wie dieBörseNzeitung" meldet, werden die Deutschnationalen, denen das Amt des Vorsitzenden zufälft, voraussichtlich Prof. Dr. Ho eh sch Vorschlägen, der unseren Lesern ja als langjähriger außenpolitischer Mit­arbeiter desGießener Anzeiger" bekannt ist.

Parkamentarilcher Bierabend beim Reichspräsidenten.

Berlin, 15. Febr. (WB.) Beim Herrn Reichspräsidenten fand heute abend ein parlamentarischer Bierabend statt. Es waren er­schienen der Reichskanzler, die in Berlin anwesenden Reichsmini st er, der preußische Ministerpräsident Braun, die Mit­glieder der preußischen Staatsregierung, die Ge­sandten und Vertreter der deutschen Lander, das Präsidium des Reichstages und des Preußischen Landtages, etwa 150 Abgeordnete des Reichs­tages, der Vorstand des Reichswirtschaftsrates, die preußischen Bevollmächtigten zum Reichs­wirtschaftsrat, ehemalige Reichs- und Staatsmini­ster, sowie zahlreiche Vertreter der deutschen Re­gierungen.

Freiflugberechligung für Neichslagsabgeordnele?

Berlin, 14. Febr. CSU.) Zwischen dem Reich und der Deutschen Lufthansa schweben, entsprechend einem Wunsche des Aeltestenrats des Reichstags, zur Zeit Verhandlungen über die Gewährung von Freifluaschelnen nach dem Vorbild der Eisenbahnfreikarte an die Reichstagsabgeordneten. Im Reichstag hat sich seit einiger Zeit das Bestreben bemerkbar ge­macht. auch das modernste Verkehrs­mittel, das Flugzeug, für die Reisen der Ab­geordneten dienstbar zu machen und das Reich zu veranlassen, für diese Freiflüge eine bestimmte Pauschale an die Deutsche Lufthansa zu zahlen, wie das bei der Eisenbahn und in gewissem Umfange auch bei den Schiffahrts­gesellschaften der Fall ist.

Das neue preußische Polizei- beamlengesetz.

Berlin, 15. Febr. (Wolff.) Der im Innen­ministerium fertiggestellte Poilzeibeamtengeseh- entwurs wirb in allernächster Zeit das Kabinett beschäftigen. Rach dem Entwurf sollen jährlich 2000 Unterbeamte bis zum Hauptwachtmeister durch jüngere Kräfte erseht werden. Dadurch werden den, preußischen Staat jährlich etwa rund 30 Millionen Unkosten an Ver- sorgungsgebühren entstehen. Der Gesetz­entwurf bestimmt ferner, daß Polizeioberste mit dem 55., Majore mit dem 51., Hauptleute mit dem 48.. Oberleutnants mit dem 47. und Leutnants mit dem 45. Lebensjahre zwangsweise In den Ruhestand verseht werden. Die Derwal- tungsbeamten werden von dem neuen Gesetz­entwurf nicht berührt.

Heran an den Staat!

Ltaatöministci Boclitz über die staatöpolitischcn Ansgaben der Lchulc.

Berlin, 16. Febr. CSU.) In Potsdam hielt der ehemalige preußische Kultusminister Dr. B o e l i tz . der der Deutschen Volkspartei an- gepürt, eine bemerkenswerte Rede, in der er erklärte: Jeder Einzelne habe heute die Ver­antwortung, dem Staate zu geben, was dieser fordere Der Staat der Gegenwart sei vom Staat, wie wir ihn wünschen, sicherlich ver- schieden. aber Hindenburg, der sich diesem

Staat selbstlos zur Verfügung gestellt habe, fei ein leuchtendes Vorbild. Die Parole könne nur lauten: ..Heran an den Staat!" Diese Staatsgesinnung könne der deutschen Jugend nicht in einer Schule des reinen Intellektualismus an» erzogen werden. Wir müßten eine Schule for­dern, in der die deutsche Jugend zu harmoni­schen und sittlichen Persönlichkeiten herangezogen werde. Wir müßten den deut­schen Gedanken und das Christentum in der Ju­genderziehung pflegen. Es sei heute nicht so, daß wer die Jugend habe, auch die Zukunft habe. Er ertlärtc, wer die Erwachsenen habe, habe die Zukunft, weil diese Erwafenen heute die Verantwortung für bie E rjti c - hung der Jugend in ungemein starkem Maße trügen.

Frankreichs Antwort an Loolidge

Verweisung der amerikanischen Abrüstungsvorschläge an den Völkerbund.

Paris, 15. Febr. (WTB.) Die französische Antwortnote auf das amerikanische Memorandum über die Flottenabrüstung ist heute abend ver­öffentlicht worden. Sie erflärt, Frankreich wäre glücklich, wenn es den amerikanischen Vorschlägen vorbehaltlos beitreten könnte, es fürchtet aber, daß dadurch der Erfolg des in Genf begonnenen Werkes gefährdet wer­den könne. Die Fünfer-Konferenz von Washing­ton im Jahre 1921 über die .Capital-Ships" (Schlachtschiffe) fei berechtigt gewesen, da die auf der Konferenz vertretenen Mächte allein über Schiffe dieser Kategorie verfügt hätten. Aber heute seien die Verhältnisse anders, da der Völkerbund ein Abkommen über die Fabrikation und den Handel von Waffen ausarbeite und eine allgemeine Rüstungsbeschränkungs­konferenz in Vorbereitung sei.

Zweifellos denke Amerika nicht daran, sich von diesem Werke zurückzuziehen. Aber sein Vor­schlag würde die vorbereitende Abrüstungskom­mission des Völkerbundes ihrer Aufgabe entheben und eine S o n d e r k o n f e r e n z der Weltmächte bedeuten, deren Beschlüsse später von den übrigen Mächten angenom­men werden müßten. Das würde die Autorität deS Völkerbundes schwächen und den Grundsatz der Gleichheit sämtlicher Staaten, an dem Frankreich entschlossen festhalte, schädigen. Außer­dem besäßen sämtliche Staaten leichte Kriegs­schiffe. über die jetzt verhandelt werden solle, so daß sämtliche Rationen an den Verhand­lungen hierüber teilnehmen müßten. Die Fragen der Abrüstung zu Lande, zu Wasser und in der Luft müßten verbunden werden. Der amerikanische Vorschlag schließe diese Grundsätze aus. Deshalb würde die französische Regierung, wenn sie ihm beitrete, sich selbst widersprechen. Entgegen dem Plane der amerikanischen Regie­rung sei die französische Regierung bei dem ge­genwärtigen Stand der. Arbeiten der vorberei­tenden Abrüstungskommission des Völkerbundes der Ansicht, daß diese unter der Bedingung, daß sämtliche in ihr vertretenen Rationen wie Frank­reich selbst den festen Willen, zu einem Abschluß zu kommen, hegten, in der nächsten Session Be­schlüsse fassen könne, die geeignet feien, mit ernsten Aussichten auf Erfolg die allge­meine Abrüstungskonferenz herbeizu- sühren. Die französische Regierung sei daher der Ansicht, daß von dieser vorbereitenden Abrüstungskommission des Völkerbundes der amerikanische Vorschlag geprüft werden könne.

Kellogg über die französische Antwort.

Washington, 16. Febr. (WTB. Funk­spruch.) Staatssekretär Kellogg machte zu der französischen Antwort auf die amerikanische Denk­schrift über Abrüstung zur See folgende Bemer­kungen:Das Dokument zeigt, in verschiedenen Punkten eine mißverständliche Auf­fassung der eigentlichen Absichten der von der amerikanischen Regierung ausgegangenen Vorschläge. Rach meiner Meinung würde es einen ernsten Schlag gegen die ganze Sache der Abrüstung bedeuten, wenn alle Bemühungen, das Problem des Abrüstungswettbewerbs zur See ernstlich in Angriff zu nehmen, auf un< bestimmte.Zeit vertagt würden. Ich hoffe aufrichtig, daß die französische Regierung zur Erzielung einer solchen Vereinbarung ihre Hilfe gewähren wird, bevor die Genfer Konferenz zum Abschluß kommt.

Der belgisch-holländische vertrag.

Amsterdam, 15. Febr. (TU.) In der Be­handlung des holländisch-belgischen Vertrages, der in diesem Jahr dem holländischen Parlament zur An­nahme vorliegt, dürfte in kurzer Zeit die letzte Ent­scheidung zu erwarten sein. Wie bekannt, hat dieser Vertrag Widerspruch in der holländischen Oefsentlichkeit gefunden. In öffentlichen Versamm­lungen und in der Presse wird nachdrücklichst auf die Opfer hingewiesen, die Holland durch die im Vertrag enthaltenen Zugeständnisse bringen müsse. In der Zweiten Kammer ist der Vertrag mit einer knappen Mehrheit von zwei Stimmen a n ge­nommen worden. Die E r st e Kamme r, die die definitive Entscheidung treffen muß, hat sich jedoch mit Rücksicht auf die großen Beschwerden, die gegen den Entwurf auftauchlen, entschlossen, die ganze Angelegenheit vorerst durch eine besondere Kom­mission prüfen zu lasten. Der Bericht dieser Kom­mission lautet nicht fl ü n ft i fl. Er besagt, daß der Vertrag in politischer Hinsicht die Souveräns, töt Hollands.schwer beeinträchtigt und daß er in wirtschaftlicher Hinsicht insbesondere durch das Zugeständnis eines AntwerpenRheinkanals die holländische Schiffahrt schwer schädigen könne. Außenminister van Karne- beet, der Schöpfer des Vertrages, wird in kurzem auf diesen Bericht antworten, und bann wird die Erste Kammer die letzte Entscheidung fällen.

Kunst und Wissenschaft

Karl Bücher SO Jahre alt.

Der berühmte Rationalökonom der Leipziger Universität Geheime Hofrat Professor Dr. Karl Bücher Fann am Mittwoch seinen 80. Geburts­tag feiern. Bücher ist als Sohn nassauischer Bauern in dem Städtchen Kirberg im Kreise Wiesbaden im Jahre 1847 geboren; er studierte in Bonn und Göttingen Staatswifsenschaft, Ge­schichte und Philosophie und war 1871 bis 78 im Schuldienst tätig. Schon als Student hatten ihn sozialpolitische Fragen viel beschäftigt. Dies Interesse veranlagte ihn 1878 in die Redaktion derFrankfurter Z.itung" einzutreten, aus der er iedoch wegen eines per''önlichen Konflikt's mit dem

Verleger Sönnern ann nach zwei Jahren wieder ausschied. 1881 habilitierte er sich in München für bas Fach der Rationalökonomie und Statistik, wurde 1882 ordentlicher Professor in Dorpat, 1883 In Bafel, 1889 in Karlsruhe, 1892 in Leip­zig. Hier wirkte er lange Jahre hindurch aI8 Professor der Rationalökonomie. Roch im hohen Alter fand sein stets waches Interesse für daS Zeitungswesen praktischen Ausdruck tn der Grün­dung deS Instituts für ZeilungSkunde, des ersten seiner Art an deutschen Universi­täten. Erst als hoher Siebziger trat er von seiner Lehrtätigkeit zurück. Büchers wissenschaftliche Arbeit gipfell in drei für die Entwicklung der nationalökonomischen Lehre, für die Beziehung zwischen Kunst und Wirtschaft und für die Einbeziehung eines modernen Wirt­schaftszweiges in den Kreis der wissenschaftlichen Forschung gleich bedeutsame Veröffentlichungen. Es sind bie Aufsahsammlung ,Die Entste­hung der Volkswirtschaft", das grund­legende Werk »Arbeit und Rhythmus" und fchliehlich die erst vor kurzem erschienenen gesammelten Aufsätzezur Zeitungs- kunde". Die dort niedergelcglen Anschauungen haben den Ramen Bücher in wissenschaftlichen Kreisen der ganzen Welt bekannt gemacht und ihm zahlreiche Ehrungen w.ssenschalLlicher Kor­porationen eingetragen. So ist Bücher Ehren­doktor der Rechte unserer Landesuniversi­tät Gießen, Ehrendoktor der Staatswissenschaf­ten der Universität Bonn und Dr. Jng. h. c. der Technischen Hochschule in München.

Proß Dr. Ludwig Radlkoser t-

In München ist Geheimrat Prof. Dr. Ludwig Radlkoser. der Vorstand desHerba­riums" im Münchener Pflanz ei tphyftologlichen Institut, im Alter von fast 98 Jahren gestor­ben. Gr hatte bis vor 14 Tagen noch täg- l i ch Di en st gemacht. Auf seinen Wunsch wurde sein Ableben nicht bekannt gegeben, so daß nur einige Kollegen, die durch Zufall von seinem Tode erfahren hatten, an der Bestattung teil- nehmen konnten. Die wissenschaftliche Arbeit Radlkofers, wohl des ältesten Gelehrten Deutsch­lands, hat hohe Anerkennung durch die wissen­schaftlichen Körperschaften gefunden. Radlkoser schrieb über Eapindazeer. und über die Me* thoden in der botanischen Systematik, insbeson­dere über die anatomische Mckhode.

Das beuksche Operngastspiel In Spanien.

Der glänzende Erfolg des deutschen Opern­ensembles bei den dreiWalküre"-Ausführungen im Zarzuela-Theater in Madrid wurde durch Me Aufnahme derT r i st a n" - Aufführungen noch übertroffen. Die Begeisterung des Publikum« bei der ersten Ausführung von Wagners Meister­werk steigerte sich bei der zweiten Vorstellung und gab den Künstlern Gelegenheit, die Lei­stungen noch reiner und harmonischer in Erschei­nung treten zu lassen. Die gesamte Presse drückt einmütig ihre höchste Anerkennung aus. In­fantin Isabella, die Tante des Königs, die der erstenTristan"-Aufführung beiwohnte, lud die Künstler zu einem Empfang in ihrem Palais ein. Das Wohltätigkeitslonzert in QI n - Wesenheit der königlichen Familie, aller Kabinettsmitglieder und zahlreicher Vertre­ter des Hofes und der ersten Gesellschaft gestal­tete sich für Generalmusikdirektor Szenkar, der Beethovens Leonoren-Ouvertüre und daS Vorspiel zu WagnerS Meistersinger dirigierte, zu einem neuen Triumph.

Verlängerung bet Studiendauer an der tierärztlichen Hochschule in Wien.

Um eine Angleichung an die tier­ärztlichen Hochschulen In Deutsch land zu erzielen, an denen die Studiendauer seit 1925 neun Semester beträgt, hat daS Prosessoren- kollegium der Wiener tierärztlichen Hochschule beschlossen, dem Unterrichtsministerium die Ver­längerung der bisher geltenden Studien­dauer von acht auf neun Semester vorzuschlagen. Diese Verlängerung wird vom Herbst 1927 an zur Geltung gelangen.

Aus aller Welt-

Das Erdbeben in Jugoslawien.

Das Erdbeben in der Herzegowina und in Dal- mafien wurde durch die Bewegung von drei großen Blöcken Erdrinde im Gebiet der Herzegowina ver­ursacht. Diese Bewegung hat wiederum ihren Ur­sprung in der Verschiebung von Erbmas­sen aus dem Grunde des Adriatischen Meeres. Die materiellen Schaden und bie 3aht der Opfer, die durch den letzten Erdstoß verursaryt worden sind, sind noch nicht bekannt, ba d i c T e l e - phonverbinbungen unterbrochen sinb. Rach den bishrigen Melbungen soll jeboch die Zahl ber Toten gering fein, ba bie von dem Erdbeben heimgesuchten Gebiete dünn bevölkert sind. Der südliche Teil der Herzegowina ist streckenweise ein Irümmerjelb. Die Bevölkerung kampiert aus Furcht vor einer Wiederholung der Erdstöße im Freien. Bisher sind 15 Todesopfer und viele Ver­wundete gemeldet. Acks popooc polje werden Schreckensszenen berichtet. (Eine ganze Häuserzeile stürzte in das Flußbett der Ircbinjcica. Die Haus­bewohner wurden unter den Trümmern be­graben. Aus Mostar, wo die Bevölkerung von einer Danif ergriffen wurde, werden sehr schwere Sach- schaben verzeichnet. 3n IHetfooic stürzten zahlreiche Hauser ein. 3n Ragufa, (Eattaro und Spalato wur­den Gebäude beschädigt. Das Erdbeben wurde auch in ganz Montenegro und Rorbalbanien verspürt.

Der Jlug be Pinedos.

Der Italiener De Pinedo, Der Montag abend 11 Uhr von Villa CisneroS (Goldküste) abge­flogen war, ist Dienstag vormittag 8*/t älhr in Bolama (Poriuglestsch-Guinea) eingetroffen. Er hat die 1600 Kilometer lange Strecke in einer Durchschnittsgeschwindiakeit von 166 Kilometer die Stunde zurückgelegt. Man nimmt an. daß er den Weiterflug über den Ozean Mittwoch nachmittag 8 Uhr antreten wird, nach Port R a t a I (Bra­silien), Der ersten Station auf amerikanischem Festlande.

Grohscuer in bet herberschen verlagsbuchhanblung in Freiburg.

Seit Donnerstagnnttag 1 >3 Uhr wütet in den ausgedehnten Kellerräumen der Herderschen Verlagsbuchhandlung ein Grvßfeuer, daS in Den aufgcstapelten alten Büchern und Der Makulatur reiche Rahrung finDet. Die Rauchentwick- l u n g ist so stark, daß eS der Feuerwehr trotz der Rauchmasken nicht möglich ist, über die Kel­lertreppe an den Bandherd zu gelangen.

Dui.stig, zeitweise wolkig, Temperaturen um 0 Grab, vorwiegend trocken.

Gestrige Tagestemperaturen Marimum: 5,5 Grad Celsius, Minimum: 1,9 Grad Celsius.