Steuerfreiheit der Konsumvereine durchzudrücken, wird man von der Regierung hier Aufklärung oer- langen müssen. Nach meinen Ausführungen, die ich schon bei früheren Gelegenheiten im Landtag über dieses Thema machte, kann kein Zweifel bestehen, daß wir uns allen Bestrebungen, die Befreiung der Konsumvereine von der Gewerbesteuer zu erreichen, auf das entschiedenste widersetzen werden. Hier muß gleiches Recht für alle gelten. Dieselben Steuern, die der Einzelkaufmann 3U entrichten hat, müssen auch von den zusammengeschlossenen Konsu- menten bezahlt werden.
Die Vorschriften des Grund st euergesehes sollen erstmalig aus di« staatliche Grundsteuer für das Steuerjahr 1927 Anwendung finden. Dagegen läßt sich nichts einwenden. Hm so größere Bedenken müssen aber gegen die einschlägigen Bestimmungen des Gewerbesteuergesehes geltend gemacht werden. Art. 34 bestimmt nämliche „Die Erhebung der Gewerbesteuer erfolgt nach den Vorschriften dieses Gesetzes erstmals für das Steuerjahr 1926 mit der Maßgabe, daß ... bei der Veranlagung der Gewerbesteuer vom Ertrag für das Rechnungsjahr 1926 der Ertrag des Kalenderjahres 1925. für das Rechnungsjahr 1927 der Durchschnitt der Kalenderjahre 1925 und 1926 maßgebend ist." In Art. 35 heißt es sogar: „Die Bestimmungen über die Gewerbesteuer vom Ertrag gelten rückwirkend für das Steuerjahr 1925 ...“ Dom Standpunkt der steuerlichen Gerechtigkeit aus könnte man sich über diese Vorschriften nur freuen: hatte man doch im Jahre 1925 und 1926 ausdrücklich darauf hingewiesen, daß die Gewerbesteuer vom Ertrag nur eine vorläufige fein sollte. Wie nicht anders zu erwarten ist, wird von Industrie, Handel und Gewerbe die vorgesehene Regelung sehr verschieden beurteilt, je nachdem man Rückzahlung erhofft oder Rachzahlung befürchtet. Jedenfalls aber läßt sich der Einwand derer, die behaupten, die im Jahre 1925 zu wenig entrichteten Steuerbeträge seien heute gar nicht mehr vorhanden, nicht ohne weiteres von der Hand weisen. Von Interesse für eine objektive Beurteilung scheint zu sein, daß die Organisationen der Landgemeinden, der Krei'e und Provinzen eine Rückwirkung für 1925 a l s undurchführbar ab gelehnt haben und daß aus Kreisen der zuständigen Finanzbehorden diese Stellungnahme als die einzig mögliche bezeichnet wird. Hie Finanzämter — so hört man — seien gar nicht in der Lage, die mit einer nachträglichen Veranlagung verbundenen Arbeiten zu bewältigen. So wird man deshalb aus praktischen Erwägungen fordern müssen, daß die Reuordnung für die Gewerbesteuer ähnlich wie für die Grundsteuer erstmalig für daS Steuerjahr 1 927 in Kraft tritt, und daß man Härten, die für einzelne Steuerpflichtige dadurch eintreten, wcitgehendst Rechnung trägt.
Reichshiise für das besetzte Hessen gefordert.
Darmstadt, 15. Febr. Agesichts der für die nächsten Tage in Aussicht stehenden Beratung des Haushalts für die besetzten Gebiete im Plenum des Reichstages hat sich, wie der „Hess. Volksfreund" erfährt, das hessische Kabinett veranlaßt gesehen, sich an die Reichsregierung mit einer Reihe von Vorschlägen zur Milderung der Rot in Hessen zu wenden. Der leitende Gedanke dieser Vorschläge ist, vermehrte Arbeit Im besetzten Gebiet zu schaffen. Das Kabinett fordert deshalb von der Reichsregierung die Bewilligung von Reichsmitteln:
1. zum Bau zweier Rbeinbrücken bei Mainz und Oppenheim und einer Mainbrücke bei Flörsheim-Rüsselsheim,
2. zur Aerbesserungder Straßen des hessischen besetzten Gebietes, die durch den Automobilverkehr des Befatzungsheeres schwer mitgenommen sind, sowie zum Ausbau der Straßen Worms —Bensheim und Mainz- Darmstadt für die Bedürfnisie des Kraftpostlinienverkehrs,
3. zum Bau elektrischer Dorortbah- n c n für die schwer unter der Besetzung leidenden Städte Worms und Mainz.
Das hessische Kabinett glaubt sich um so mehr berechtigt, diese Forderungen zu erheben, als vom Reichstag für 1926 nicht weniger als 48 Millionen Mark zur wirtschaftlichen und kulturellen Förderung der östlichen Grenzgebeite Preußens bewilligt worden sind, während die besetzten Gebiete Hessens trotz der herrschenden schrecklichen Arbeitslosigkeit mit einigen Mark abgefunden worden sind. Daß gerade das Land Hessen am schwersten unter den»Besatzungslasten zu leiden hat, geht daraus hervor, daß in Hessen auf 10 000 Einwohner 420 Angehörige des französisch-englischen Besatzung? he. res entfallen, während bie Zahlen für die Pfalz 169. das besetzte preußische Rheinland 181 betragen. Die Wirtschaft Hessens leidet auch heute noch schwer unter den Nachwirkungen des R u h r k a m p f e s. Auch am Arbeit-markt liegen erschreckende Zahlen vor. In Mainz kommen auf 1000 Einwohner 47 nicht ausgesteuerte Arbeitslose, wahrend der Durchschnitt für die deutschen Großstädte 35 beträgt. Geradezu tragisch ist die Lage in Offenbach. Auf rund 1000 Einwohner entfallen 72 nicht- ausgesteuerte Arbeitslose (Reichsdurchschnitt für die deutschen Mittelstädte 28). Diese Zahlen beweisen eindringlich die Notwendigkeit ausreichender Reichshilfe für das Land Hessen
Aus dem Finanzausschuß des Hessischen Landtags.
Darmstadt, 16. Febr. (Eigene Meldung.) Oer Finanzausschuß deS Hessischen Landtags trat Dienstag vormittag zusammen, um eine umfangreiche Tagesordnung zu beraten, auf der als wichtigste Punkte die neuen Steuerczesetze stehen, die jedoch in der gestrigen Sitzung noch nicht in Angriff genommen werden sind. Der Ausschuß nahm mit Mehrheit die Regierungsvorlage über die Kunstaus- stellungen in Darmstadt im Sommer 1927 an. Ein Antrag der Abgeordneten Werner Und Gen wegen Rückzahlung des von der Gießener Hochschulgesellfchaft dem Staate zur Verfügung gestellten Betrags wurde für erledigt erklärt. Ein Antrag der Abgeordneten Anaermeier und Gen. auf Herabsetzung der Pfändungskosten wurde der Regierung als Material überwiesen Eine Eingabe des Philipp Heldmann II. zu Staffel i. O. wegen Beihilfe zu den Kosten seiner geisteskranken Ehefrau wurde abgelehnt. Mehrere Eingaben und Anträge wurden durch die Regierungsantwor'en für erledigt erklärt, so u. a. eine Eingabe des Vereins Hessischer Strafvollzugsveancken wegen Uniformbeschafsung der StrafanstaltZbeamten Ein Antrag der Abgeordneten Ritzel. Lur A'thes
und Gen. wegen Durchführung des Reichs- bewertungsgefehes rief eine längere Debatte hervor, worin es zur Sprache kam, daß eine Ungleichheit tn der Bewertung insofern besteht, als die hessischen Finanzämter sich streng an die Reichsvorschriften halten, während öie norddeutschen Aemter, insbesondere die preußischen, unter diese Sähe heruntergegangen sind. Der Antrag, durch den ein gleiches Verfahren erstrebt wird, wurde angenommen. Zum Schluß stimmte der Ausschuß gegen zwei Stimmen einer Regierungsvorlage über Staatshilfe für den notleidenden Eisenerzbergbau in Oberhessen zu, in der beantragt wurde: Der Landtag wolle die Regierung ermächtigen, zum Zweck der Gewährung einer Staatsbeihilfe von 1 Mark je Tonne abgesetzten Eisenerzes an den Hessischen Eisenerzbau für den Rest des Etatsjahres den Betrag von 65 000 Mark zu verausgaben.
Der deutsch-polnische Konflikt.
Die polnische Handelsdelegation verläßt Berlin.
Berlin, 15. Febr. Der Vorsitzende der polnischen Delegation für die deutsch-polnischen Handelsvertragsverhandlungen hat im Auswärtigen Amt eine Rote überreicht, in der es heißt: Da die mir mitgeteilten Gründe für den Beschluß der deutschen Regierung über den Bereich der Handelsvertragsverhandlungen hinausgehen, erachte ich es als für mich unmöglich, in Erörterungen bezüglich dieser Frage einzutreten. Ich sehe mich jedoch veranlaßt, festzustellen, daß nach Auffassung meiner Regierung die Unterbrechung der in Berlin geführten Verhandlungen keineswegs geboten war. vielmehr nach der Heber* zeugung der polnischen Regierung die wirtschaftliche Verständigung zwischen den beiden Ländern nur erschwören und verzögern kann. Bei dieser Gelegenheit sehe ich mich weiter veranlaßt, festzustellen. daß die polnische Regierung durch die deutscherseits im letzten Augenblick erfolgte einseitige Absage der Kommissionsarbeiten peinlich überrascht worden ist. In Anbetracht des erwähnten Beschlusses der deutschen Regierung habe ich die Ehre, Ihnen. Herr Bevollmächtigter, mitzuteilen, daß gemäß den von meiner Regierung erhaltenen Instruktionen die polnische Delegation für die polnisch-deutschen Han- delsvcrtragsverhandlungen Berlin verläßt, ohne jedoch die Hoffnung aufzugeben, daß die deutsche Regierung künftighin gewillt sein wird, durch ihre Stellungnahme den Wiederbeginn der Hanbelsvertragsverhandlungen zu beeinträchtigen
Einberufung des auswärtigen
Reichstagsausschusies.
Berlin. 16. Febr iWTB. Funkspruch.) Der Auswärtige Ausschuß des Reichstages, der für Donnerstag einberufen ist, wird sich auch mit dem Konflikt zwischen Deutschland und Polen beschäftigen. Zu Beginn der Sitzung wird der Ausschuß an Stelle des zum Reichsjastizminister ernannten Abgeordneten Hergt eine., nc/.e i Vorsitzenden wählen. Wie die „BörseNzeitung" meldet, werden die Deutschnationalen, denen das Amt des Vorsitzenden zufälft, voraussichtlich Prof. Dr. Ho eh sch Vorschlägen, der unseren Lesern ja als langjähriger außenpolitischer Mitarbeiter des „Gießener Anzeiger" bekannt ist.
Parkamentarilcher Bierabend beim Reichspräsidenten.
Berlin, 15. Febr. (WB.) Beim Herrn Reichspräsidenten fand heute abend ein parlamentarischer Bierabend statt. Es waren erschienen der Reichskanzler, die in Berlin anwesenden Reichsmini st er, der preußische Ministerpräsident Braun, die Mitglieder der preußischen Staatsregierung, die Gesandten und Vertreter der deutschen Lander, das Präsidium des Reichstages und des Preußischen Landtages, etwa 150 Abgeordnete des Reichstages, der Vorstand des Reichswirtschaftsrates, die preußischen Bevollmächtigten zum Reichswirtschaftsrat, ehemalige Reichs- und Staatsminister, sowie zahlreiche Vertreter der deutschen Regierungen.
Freiflugberechligung für Neichslagsabgeordnele?
Berlin, 14. Febr. CSU.) Zwischen dem Reich und der Deutschen Lufthansa schweben, entsprechend einem Wunsche des Aeltestenrats des Reichstags, zur Zeit Verhandlungen über die Gewährung von Freifluaschelnen nach dem Vorbild der Eisenbahnfreikarte an die Reichstagsabgeordneten. Im Reichstag hat sich seit einiger Zeit das Bestreben bemerkbar gemacht. auch das modernste Verkehrsmittel, das Flugzeug, für die Reisen der Abgeordneten dienstbar zu machen und das Reich zu veranlassen, für diese Freiflüge eine bestimmte Pauschale an die Deutsche Lufthansa zu zahlen, wie das bei der Eisenbahn und in gewissem Umfange auch bei den Schiffahrtsgesellschaften der Fall ist.
Das neue preußische Polizei- beamlengesetz.
Berlin, 15. Febr. (Wolff.) Der im Innenministerium fertiggestellte Poilzeibeamtengeseh- entwurs wirb in allernächster Zeit das Kabinett beschäftigen. Rach dem Entwurf sollen jährlich 2000 Unterbeamte bis zum Hauptwachtmeister durch jüngere Kräfte erseht werden. Dadurch werden den, preußischen Staat jährlich etwa rund 30 Millionen Unkosten an Ver- sorgungsgebühren entstehen. Der Gesetzentwurf bestimmt ferner, daß Polizeioberste mit dem 55., Majore mit dem 51., Hauptleute mit dem 48.. Oberleutnants mit dem 47. und Leutnants mit dem 45. Lebensjahre zwangsweise In den Ruhestand verseht werden. Die Derwal- tungsbeamten werden von dem neuen Gesetzentwurf nicht berührt.
Heran an den Staat!
Ltaatöministci Boclitz über die staatöpolitischcn Ansgaben der Lchulc.
Berlin, 16. Febr. CSU.) In Potsdam hielt der ehemalige preußische Kultusminister Dr. B o e l i tz . der der Deutschen Volkspartei an- gepürt, eine bemerkenswerte Rede, in der er erklärte: Jeder Einzelne habe heute die Verantwortung, dem Staate zu geben, was dieser fordere Der Staat der Gegenwart sei vom Staat, wie wir ihn wünschen, sicherlich ver- schieden. aber Hindenburg, der sich diesem
Staat selbstlos zur Verfügung gestellt habe, fei ein leuchtendes Vorbild. Die Parole könne nur lauten: ..Heran an den Staat!" Diese Staatsgesinnung könne der deutschen Jugend nicht in einer Schule des reinen Intellektualismus an» erzogen werden. Wir müßten eine Schule fordern, in der die deutsche Jugend zu harmonischen und sittlichen Persönlichkeiten herangezogen werde. Wir müßten den deutschen Gedanken und das Christentum in der Jugenderziehung pflegen. Es sei heute nicht so, daß wer die Jugend habe, auch die Zukunft habe. Er ertlärtc, wer die Erwachsenen habe, habe die Zukunft, weil diese Erwafenen heute die Verantwortung für bie E rjti c - hung der Jugend in ungemein starkem Maße trügen.
Frankreichs Antwort an Loolidge
Verweisung der amerikanischen Abrüstungsvorschläge an den Völkerbund.
Paris, 15. Febr. (WTB.) Die französische Antwortnote auf das amerikanische Memorandum über die Flottenabrüstung ist heute abend veröffentlicht worden. Sie erflärt, Frankreich wäre glücklich, wenn es den amerikanischen Vorschlägen vorbehaltlos beitreten könnte, es fürchtet aber, daß dadurch der Erfolg des in Genf begonnenen Werkes gefährdet werden könne. Die Fünfer-Konferenz von Washington im Jahre 1921 über die .Capital-Ships" (Schlachtschiffe) fei berechtigt gewesen, da die auf der Konferenz vertretenen Mächte allein über Schiffe dieser Kategorie verfügt hätten. Aber heute seien die Verhältnisse anders, da der Völkerbund ein Abkommen über die Fabrikation und den Handel von Waffen ausarbeite und eine allgemeine Rüstungsbeschränkungskonferenz in Vorbereitung sei.
Zweifellos denke Amerika nicht daran, sich von diesem Werke zurückzuziehen. Aber sein Vorschlag würde die vorbereitende Abrüstungskommission des Völkerbundes ihrer Aufgabe entheben und eine S o n d e r k o n f e r e n z der Weltmächte bedeuten, deren Beschlüsse später von den übrigen Mächten angenommen werden müßten. Das würde die Autorität deS Völkerbundes schwächen und den Grundsatz der Gleichheit sämtlicher Staaten, an dem Frankreich entschlossen festhalte, schädigen. Außerdem besäßen sämtliche Staaten leichte Kriegsschiffe. über die jetzt verhandelt werden solle, so daß sämtliche Rationen an den Verhandlungen hierüber teilnehmen müßten. Die Fragen der Abrüstung zu Lande, zu Wasser und in der Luft müßten verbunden werden. Der amerikanische Vorschlag schließe diese Grundsätze aus. Deshalb würde die französische Regierung, wenn sie ihm beitrete, sich selbst widersprechen. Entgegen dem Plane der amerikanischen Regierung sei die französische Regierung bei dem gegenwärtigen Stand der. Arbeiten der vorbereitenden Abrüstungskommission des Völkerbundes der Ansicht, daß diese unter der Bedingung, daß sämtliche in ihr vertretenen Rationen wie Frankreich selbst den festen Willen, zu einem Abschluß zu kommen, hegten, in der nächsten Session Beschlüsse fassen könne, die geeignet feien, mit ernsten Aussichten auf Erfolg die allgemeine Abrüstungskonferenz herbeizu- sühren. Die französische Regierung sei daher der Ansicht, daß von dieser vorbereitenden Abrüstungskommission des Völkerbundes der amerikanische Vorschlag geprüft werden könne.
Kellogg über die französische Antwort.
Washington, 16. Febr. (WTB. Funkspruch.) Staatssekretär Kellogg machte zu der französischen Antwort auf die amerikanische Denkschrift über Abrüstung zur See folgende Bemerkungen: „Das Dokument zeigt, in verschiedenen Punkten eine mißverständliche Auffassung der eigentlichen Absichten der von der amerikanischen Regierung ausgegangenen Vorschläge. Rach meiner Meinung würde es einen ernsten Schlag gegen die ganze Sache der Abrüstung bedeuten, wenn alle Bemühungen, das Problem des Abrüstungswettbewerbs zur See ernstlich in Angriff zu nehmen, auf un< bestimmte.Zeit vertagt würden. Ich hoffe aufrichtig, daß die französische Regierung zur Erzielung einer solchen Vereinbarung ihre Hilfe gewähren wird, bevor die Genfer Konferenz zum Abschluß kommt.
Der belgisch-holländische vertrag.
Amsterdam, 15. Febr. (TU.) In der Behandlung des holländisch-belgischen Vertrages, der in diesem Jahr dem holländischen Parlament zur Annahme vorliegt, dürfte in kurzer Zeit die letzte Entscheidung zu erwarten sein. Wie bekannt, hat dieser Vertrag Widerspruch in der holländischen Oefsentlichkeit gefunden. In öffentlichen Versammlungen und in der Presse wird nachdrücklichst auf die Opfer hingewiesen, die Holland durch die im Vertrag enthaltenen Zugeständnisse bringen müsse. In der Zweiten Kammer ist der Vertrag mit einer knappen Mehrheit von zwei Stimmen a n genommen worden. Die E r st e Kamme r, die die definitive Entscheidung treffen muß, hat sich jedoch mit Rücksicht auf die großen Beschwerden, die gegen den Entwurf auftauchlen, entschlossen, die ganze Angelegenheit vorerst durch eine besondere Kommission prüfen zu lasten. Der Bericht dieser Kommission lautet nicht fl ü n ft i fl. Er besagt, daß der Vertrag in politischer Hinsicht die Souveräns, töt Hollands.schwer beeinträchtigt und daß er in wirtschaftlicher Hinsicht insbesondere durch das Zugeständnis eines Antwerpen—Rheinkanals die holländische Schiffahrt schwer schädigen könne. Außenminister van Karne- beet, der Schöpfer des Vertrages, wird in kurzem auf diesen Bericht antworten, und bann wird die Erste Kammer die letzte Entscheidung fällen.
Kunst und Wissenschaft
Karl Bücher SO Jahre alt.
Der berühmte Rationalökonom der Leipziger Universität Geheime Hofrat Professor Dr. Karl Bücher Fann am Mittwoch seinen 80. Geburtstag feiern. Bücher ist als Sohn nassauischer Bauern in dem Städtchen Kirberg im Kreise Wiesbaden im Jahre 1847 geboren; er studierte in Bonn und Göttingen Staatswifsenschaft, Geschichte und Philosophie und war 1871 bis 78 im Schuldienst tätig. Schon als Student hatten ihn sozialpolitische Fragen viel beschäftigt. Dies Interesse veranlagte ihn 1878 in die Redaktion der „Frankfurter Z.itung" einzutreten, aus der er iedoch wegen eines per''önlichen Konflikt's mit dem
Verleger Sönnern ann nach zwei Jahren wieder ausschied. 1881 habilitierte er sich in München für bas Fach der Rationalökonomie und Statistik, wurde 1882 ordentlicher Professor in Dorpat, 1883 In Bafel, 1889 in Karlsruhe, 1892 in Leipzig. Hier wirkte er lange Jahre hindurch aI8 Professor der Rationalökonomie. Roch im hohen Alter fand sein stets waches Interesse für daS Zeitungswesen praktischen Ausdruck tn der Gründung deS Instituts für ZeilungSkunde, des ersten seiner Art an deutschen Universitäten. Erst als hoher Siebziger trat er von seiner Lehrtätigkeit zurück. Büchers wissenschaftliche Arbeit gipfell in drei für die Entwicklung der nationalökonomischen Lehre, für die Beziehung zwischen Kunst und Wirtschaft und für die Einbeziehung eines modernen Wirtschaftszweiges in den Kreis der wissenschaftlichen Forschung gleich bedeutsame Veröffentlichungen. Es sind bie Aufsahsammlung ,Die Entstehung der Volkswirtschaft", das grundlegende Werk »Arbeit und Rhythmus" und fchliehlich die erst vor kurzem erschienenen „gesammelten Aufsätzezur Zeitungs- kunde". Die dort niedergelcglen Anschauungen haben den Ramen Bücher in wissenschaftlichen Kreisen der ganzen Welt bekannt gemacht und ihm zahlreiche Ehrungen w.ssenschalLlicher Korporationen eingetragen. So ist Bücher Ehrendoktor der Rechte unserer Landesuniversität Gießen, Ehrendoktor der Staatswissenschaften der Universität Bonn und Dr. Jng. h. c. der Technischen Hochschule in München.
Proß Dr. Ludwig Radlkoser t-
In München ist Geheimrat Prof. Dr. Ludwig Radlkoser. der Vorstand des „Herbariums" im Münchener Pflanz ei tphyftologlichen Institut, im Alter von fast 98 Jahren gestorben. Gr hatte bis vor 14 Tagen noch täg- l i ch Di en st gemacht. Auf seinen Wunsch wurde sein Ableben nicht bekannt gegeben, so daß nur einige Kollegen, die durch Zufall von seinem Tode erfahren hatten, an der Bestattung teil- nehmen konnten. Die wissenschaftliche Arbeit Radlkofers, wohl des ältesten Gelehrten Deutschlands, hat hohe Anerkennung durch die wissenschaftlichen Körperschaften gefunden. Radlkoser schrieb über Eapindazeer. und über die Me* thoden in der botanischen Systematik, insbesondere über die anatomische Mckhode.
Das beuksche Operngastspiel In Spanien.
Der glänzende Erfolg des deutschen Opernensembles bei den drei „Walküre"-Ausführungen im Zarzuela-Theater in Madrid wurde durch Me Aufnahme der „T r i st a n" - Aufführungen noch übertroffen. Die Begeisterung des Publikum« bei der ersten Ausführung von Wagners Meisterwerk steigerte sich bei der zweiten Vorstellung und gab den Künstlern Gelegenheit, die Leistungen noch reiner und harmonischer in Erscheinung treten zu lassen. Die gesamte Presse drückt einmütig ihre höchste Anerkennung aus. Infantin Isabella, die Tante des Königs, die der ersten „Tristan"-Aufführung beiwohnte, lud die Künstler zu einem Empfang in ihrem Palais ein. Das Wohltätigkeitslonzert in QI n - Wesenheit der königlichen Familie, aller Kabinettsmitglieder und zahlreicher Vertreter des Hofes und der ersten Gesellschaft gestaltete sich für Generalmusikdirektor Szenkar, der Beethovens Leonoren-Ouvertüre und daS Vorspiel zu WagnerS Meistersinger dirigierte, zu einem neuen Triumph.
Verlängerung bet Studiendauer an der tierärztlichen Hochschule in Wien.
Um eine Angleichung an die tierärztlichen Hochschulen In Deutsch land zu erzielen, an denen die Studiendauer seit 1925 neun Semester beträgt, hat daS Prosessoren- kollegium der Wiener tierärztlichen Hochschule beschlossen, dem Unterrichtsministerium die Verlängerung der bisher geltenden Studiendauer von acht auf neun Semester vorzuschlagen. Diese Verlängerung wird vom Herbst 1927 an zur Geltung gelangen.
Aus aller Welt-
Das Erdbeben in Jugoslawien.
Das Erdbeben in der Herzegowina und in Dal- mafien wurde durch die Bewegung von drei großen Blöcken Erdrinde im Gebiet der Herzegowina verursacht. Diese Bewegung hat wiederum ihren Ursprung in der Verschiebung von Erbmassen aus dem Grunde des Adriatischen Meeres. Die materiellen Schaden und bie 3aht der Opfer, die durch den letzten Erdstoß verursaryt worden sind, sind noch nicht bekannt, ba d i c T e l e - phonverbinbungen unterbrochen sinb. Rach den bishrigen Melbungen soll jeboch die Zahl ber Toten gering fein, ba bie von dem Erdbeben heimgesuchten Gebiete dünn bevölkert sind. Der südliche Teil der Herzegowina ist streckenweise ein Irümmerjelb. Die Bevölkerung kampiert aus Furcht vor einer Wiederholung der Erdstöße im Freien. Bisher sind 15 Todesopfer und viele Verwundete gemeldet. Acks popooc polje werden Schreckensszenen berichtet. (Eine ganze Häuserzeile stürzte in das Flußbett der Ircbinjcica. Die Hausbewohner wurden unter den Trümmern begraben. Aus Mostar, wo die Bevölkerung von einer Danif ergriffen wurde, werden sehr schwere Sach- schaben verzeichnet. 3n IHetfooic stürzten zahlreiche Hauser ein. 3n Ragufa, (Eattaro und Spalato wurden Gebäude beschädigt. Das Erdbeben wurde auch in ganz Montenegro und Rorbalbanien verspürt.
Der Jlug be Pinedos.
Der Italiener De Pinedo, Der Montag abend 11 Uhr von Villa CisneroS (Goldküste) abgeflogen war, ist Dienstag vormittag 8*/t älhr in Bolama (Poriuglestsch-Guinea) eingetroffen. Er hat die 1600 Kilometer lange Strecke in einer Durchschnittsgeschwindiakeit von 166 Kilometer die Stunde zurückgelegt. Man nimmt an. daß er den Weiterflug über den Ozean Mittwoch nachmittag 8 Uhr antreten wird, nach Port R a t a I (Brasilien), Der ersten Station auf amerikanischem Festlande.
Grohscuer in bet herberschen verlagsbuchhanblung in Freiburg.
Seit Donnerstagnnttag 1 >3 Uhr wütet in den ausgedehnten Kellerräumen der Herderschen Verlagsbuchhandlung ein Grvßfeuer, daS in Den aufgcstapelten alten Büchern und Der Makulatur reiche Rahrung finDet. Die Rauchentwick- l u n g ist so stark, daß eS der Feuerwehr trotz der Rauchmasken nicht möglich ist, über die Kellertreppe an den Bandherd zu gelangen.
Dui.stig, zeitweise wolkig, Temperaturen um 0 Grab, vorwiegend trocken.
Gestrige Tagestemperaturen Marimum: 5,5 Grad Celsius, Minimum: 1,9 Grad Celsius.


