Nr. 12 Erstes Blatt
177. Jahrgang
Samstag, <5. Januar 1927
Gießener Anzeiger
General-Anzeiger für Oberhessen
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Chefredakteur
Dr Friedr Wilh Lange, verantwortlich für Politik Dr Fr Wilh Lange, für Feuilleton Dr H Thyr-ot; für den übrigen Teil Ernst Blumschein: für den An« zeigenieil i.Dertr. H Beck, sämtlich in Gietzen
Hankau.
Die Bemühungen um das Zustandekommen einer neuen Regierung in Deutschland befinden sich in einem Stadium, das niemanden ermuntert, sich damit zu beschäftigen. Man verhandelt hinter vcr- schtossenen Türen in Fraltionszinirnern und Ministerien, und als Ergebnis wird der veffentlichkeit Abend für Abeich ein sehr dünnes, sehr geheimnisvoll klingendes und alle Möglichkeiten offenlassendes Kommunique vorgesetzt, mit dem niemand etwas anfangen kann. Da ist es gut, die deutschen Dinge einmal ein paar Tage lausen )u lassen und die Blicke auf das große Welttheater jenseits der Meere zu wenden, auf dessen Breitern gerade ein Akt gespielt wird, der einmal welthistorische Bedeutung erlangen zu sollen scheint.
Der Hauptakteur ist der angelsächsisch« Imperialismus und das Feld seiner Tätigkeit einmal Mitte l a nr e ri k a , wo die junge Republik der Bereinigten Staaten wieder einmal einen ihrer krassen Eroberung: Züge zur Sicherung ihrer finanziellen und politischen Vormachtstellung auf dem amerikanischen Kontinent beginnt. Das moralische Män- tolchen, mit denen die Staatsmänner des Weißen Hauses ihre Litton in Nicaragua und Mexiko zu verschleiern trachten, ist zu rissig, um nicht aus allen Löchern die (Bier nach dem mexikanischen Del und der Kanalzone von Nicaragua durchscheinen zu lassen. Zur b-Wissensberuhigung zarter besaiteter Dankees hat .'^llogg noch gerade zur rechten Zeit das famose Schlagwort vom Kamps gegen den Bolschewismus in d.e Desfentlichkeit geschleudert und uralte Papiere auegcgraben, mit denen er beweisen will, daß kein anderer als der böse Bolschewik drüben in ^Mexiko die Fäden in der Hand hält. Wobei es ilj** nicht darauf ankommt, im Vertrauen auf die Unknrtnis seiner amerikanischen Landsleute in europäifd./i Dingen, Kommunismus und So- iialismus gleich-usetzen. Denn Calles, Mexikos Prä- ident, ist Sozia-.st, dessen harte Landgcsetzgebung ich gegen die Ucberfrembung der mexikanischen Delwirtschast richtet und damit allerdings die auch in Washington allmächtigen Finanzinteressen Wall Streets empfindlich getroffen hat.
Befinden sich hier die Angelsachsen im Angriff, so sehen wir si« in China in mühsam durchge- kämpster Defensive. Der Union Dock, Großbritanniens -^-'t'.ehrrrschsnües Banner, ist vom britischen Konzessio.nsgebiel in Hankau, der großen Wirt- schastsmetropole im mittleren Pangtse, niederaeholt worden, und an feiner eteUe flattert die neue Flagge der Kantonregierung über einer der stolzesten Niederlassungen des britischen Kaufmanns. Es wird uns Deutschen schwer, sich von den Dingen in China, die zu dem eben geschilderten Vorgang geführt haben, ein rechtes Dild zu machen und die Folgen zu Ende zu denken, die sich hieraus für das Verhältnis Europa—Asien im ganzen ergeben müssen. Wenn ein Teil der britischen Presse sich in den heftigsten Anklagen gegen das Foreign Office ergeht, das diesen schweren Schlag für das britische Prestige in Ostasien h t zulassen müssen, so ist das zu einem guten Teil ungerecht, denn was jetzt in China vorgeht, hat eine viel frühere englische Regierung selbst heraufbeschworen, als sie während des Weltkrieges gemeinsam mit anderen Alliierten das Pekinger Kabinett dazu drängte, den Konzession s- vertrag mit Deutschland zu annullieren und sich dem Bündnis gegen das Deutsche Reich anzu- schließen. Man hat damals China die größten Versprechungen gemacht, Zollsouveränität, Kündigung der drückcndenVerträge mit denFremdmüchlen und Besei- gung der Exterritorialität der Fremden, alles Dinge, um die jetzt Chinas Fre.heitskampf geht. Aber man hat auf der Friedenskonferenz von Versailles zum ersten Fehler den zweiten hinzugefügt urd sich nicht gescheut, alles, was man damals feierlich versprochen hatte, auch fernerhin Versprechung bleiben zu lassen.
Inzwischen ist das chinesische Volk zur Selbsthilfe geschritten. Aus den endlosen Bürgerkriegen, die das weite Reich der Mitte ohnmächtiger machten denn je, ist im Süden die Regierung von Kanton, dem Sih der Kuomintang, fiegreid) hervorg.gangen, zu der im Norden Marschall Tschangtsolin, der Beherrscher der Mandschurei, das Gegenstück bildet.
Gewiß steht auch heute noch im Hintergründe das große Spiel zwischen (England und Rußland um die Seele Asiens, aber in der klugen Politik der Kantonregierung zeigt sich etwas wie eigener Wille, wie nationales Selbstvertrauen. Kampflos, ohne Blutvergießen wird England aus einer Position nach der anderen herausgedrückt. Die großen Massen des chinesischen Volkes, das Heer der Jndu- ftriearbeiter, die politisch fanatisierten Studenten, die chinesische Intelligenz der großen Städte, sie alle sind die wertvollsten Schachfiguren in dem großen politischen Spiel, das Herr T s ch c n , Außenminister der kantonesischen Republik, zur Befreiung seines Landes von der britischen Vormundschaft begonnen 1)2L Kein Tropfen fremden Blutes wird vergosien, (einem Fremden wird ein Haar gekrümmt, nur Boykott, Streik und Demonstration sind die Mittel des großen Kampfes. Unaufhaltbar wälzen sich die Masten gegen die fremden Niederlastungen, und die Regierung von Kanton braucht nur durch Verhandlungen mit den Vertretern der Mächte in politisch« Formeln zu bringen, was das Volk selbst sich in unwiderstehlichem Anprall erobert hat. Herr Tischen entschuldigt sich, bietet Genugtuung an für alle II?bergriffe seiner Landsleute, aber er weicht nicht einen Schritt zurück und wird, wie heute in Hankau, morgen vor Schanghai, dem stolzesten Bollwerk britischer Macht auf dem Boden Chinas, stehen.
Alles dies geschieht unter den Geschützen der englischen Kriegsschiffe, die weder auf dem Pangtse noch an der Küste Miene gemacht haben, zum Schutze des britischen Konzessionsgebietes ihre Rohre auf die chinesischen Demonstranten zu richten. Man wird gut
die Bildung eines Kabinetts Lurtius gescheitert.
Das erste Stadium.
Das Zentrum hat in dieser Kabinettsbildung ein sehr merkwürdiges Spiel getrieben, es hat abwechselnd, je nachdem, wie es ihn: paßte, außen- und innenpolitische Bedenken gegen die Zusammenarbeit mit den Deutschnationalen ins Feld geführt. Llrsprünglich bestanden, wie auch nachher in den Fraktionsbeschlüssen gesagt wurde, scharfe außen- und innenpolitische Be- denken, dann versank urplötzlich die Diplomatie hinter die Kulisse und die innere Politik wurde in den Vordergrund gerückt: jedem, der nur zuhören wollte, wurde noch vor vier Tagen aus- einandergeseht, über die Außenpolitik läßt sich ja zur Doi reden, aber die Innenpolitik!
Und auch da war es nicht so sehr die Deutsch- nationale Vrl.spartei, d.e eigentlich der böse Mann war, sondern seltsamerweise die D e u t- sche Volkspartei, die nun für das Zentrum der böse Sozialreaktionär war. Dasselbe Zentrum. das doch eigentlich in allen Fragen, zuletzt noch über das Arbeitszeitgeseh, sehr rasch eine Verständigung mit der Deutschen Voltspartei fand, deutete den Deutschnationalen plötzlich an, daß sich ja an sich mit den Deutschnationalen wegen ihres starken Arbeiterflügels auch über die Sozialpolitik und gerade über die Sozialpolitik sehr gut reden lasse, daß dagegen mit der Deutschen Volkspartei überhaupt nicht zu arbeiten fein würde: weil sich in ihr d i e I n t e r- essen der Großindustrie verkörpern. Menn also sozialpolitische Dedenken gegen die Deutschnationalen vorgebracht würden, dann richte sich das zwar formell an d e Adresse nach rechts, tatsächlich aber sei die Deutsche Volks- Partei gemeint. Dieser Trick war so massiv, daß die Deutsche Volkspartei es nicht für nötig gehalten hat, überhaupt darauf zu antworten, und auch die Deutschnationalen haben nicht darauf reagiert
Deswegen mußten nun plötzlich wieder die außenpolitischen Dedenken in den Vordergrund gerückt werden, und zwar in einer Ausmachung, dje gerade vom Standpunkt der Außenpolitik Widerspruch Hervorrufen mußte. Denn wenn das Zentrum den Außenminister selbst ins Spiel zieht, um ihn gewissermaßen offiziell zu interpellieren, ob er denn ein aktives Eingreifen der Deutschnationalen in die Regierungs- Politik für tragbar hält, dann wird doch damit Herrn Poinacrä und der ihm nahestehenden Presse ein starker Trumps in die Hand gespielt. Herr ötrefemann hat dem Zentrum den Gefallen selbstverständlich nicht getan, diese Dedenken zu teilen, er hat dazu auch um so weniger Veranlassung, als doch die Ansangsgründe jeder Diplomatie schon erkennen lassen müssen, wie wichtig die Zustimmung der Deutschnationale n zu außenpolitischen Verträgen ist. Daß die Sozialdemokraten allen derartigen Verträgen ihre Stimme geben, ist außerhalb unserer Grenzen längst bekannt, dafür gibt uns kein Driand auch nur das leiseste Zugeständnis. Wenn aber die Deutschnationalen die Verantwortung dafür übernehmen und ihre Unterschrift geben, dann bedeutet das eine so starke Di.ndung der deutschen Politik, daß dafür selbst Herr Poin- card vielleicht zum Entgegenkommen bereit sein könnte. Zugegeben, daß vielleicht im Dezember, als Driand wackelte, der (Eintritt der Deutsch- nationalen in die deutsche Regierung den letzten Anstoß zu seinem Sturz hätte geben können. Darüber ist die französische Politik heute längst hinweg.
tun, diese im ersten Augenblick gewiß seltsam an- mutende Haltung England nicht als Schwäche aus- zulcgen. Gewiß, England hat in China eine schwere Niederlage erlitten. Sie äußert sich weniger in dem drohenden Verlust wirtschaftlich ungemein wichtiger Konzessionen, als in dem starken Stoß, den das politische Prestige Großbritanniens in ganz Asien erhalten hat. Der russische Gegenspieler kann einen Erfolg von noch nicht abzusehender Bedeutung buchen. Aber es scheint so, daß das Kabinett von St. James bereits eine radikale Umstellung seiner Politik in China vorgenommen hat. Wie es ja immer die Stärke der britifd)en Staatslenker ge- lvosen ist, eine veränderte Lage schnell zu begreifen und mit dem zähen Mut des Briten entschloßen die Konsequenzen daraus zu ziehen. Versailles bildet eine verhängnisvolle Ausnahme, verhängnisvoll auch für den Lauf der Dinge in Ostasien. Aber mit zusammengebisienen Zähnen liquidiert England jetzt diese verderbliche Epoche einer schwächlichen Politik und bezieht gleichzeitig die neue Stellung, von der aus es auch im jungen China eine zwar den veränderten politischen Derhältnisten angepaßte, aber auch seinen eigenen Interessen entsprechende Rolle spielen wird.
Es würde schwer fein, eine andere Erklärung für den kampflosen Rückzug aus den Konzessions- gebielen zu finden. Chamberlains berühmtes Memorandum legte den anderen in China interessierten Mächten ein Programm für die politische und wirtschaftliche Reformierung des chinesischen Reiches vor. gleichzeitig mit der Einladung. sich an diesem Reformwerk zu beteiligen. Mit nicht geringer Schadenfreude haben sämtliche Mächte Herrn Chamberlain die kalte Schulter gezeigt. England haben diese Körbe nicht lange in Verlegenheit gebracht. Man hat allein gehandelt und wird vermutlich auch einst allein die Früchte ernten, wenn die Kantonregwrung einmal merkt, daß man auch in China nicht ohne Geld regieren kann, und besonders nicht, wenn
Mag man nun also die sogenannten Bedenken gegen den Eintritt der Deutschnationalen in die Regierung, wie das Zentrum es tut, von draußen nach drinnen, ober, wie Herr Dr. Stresemann es wohl in erster Linie versteht, von drinnen nach draußen betrachtet, sie sind in jedem Falle hinfällig. Damit kann jedenfalls das Zentrum es nickt be» gründen, wenn es die Regierungsgemeinschaft mit den Deutschnationalen ablehnt.
Wichtiger scheinen ihnen ja wohl auch die personellen Bedenken zu sein, die darin liegen, daß in einem Kabinett Curlius, wie es geplant war, Kanzleramt und Außenministerium beide in die Hände von Volksparteilern gekommen wäre. Das Zentrum beansprucht den Kanzlerposten für sich. Das nächste Stadium der Regierungsbildung dürfte dadurch also wohl seine Prägung erhalten, daß ein Zentrumsmann die Nachfolge von Dr. Curtius übernimmt. Heißt er Marx, wird man für eme Mehrheitsregierung mit Hinzuziehung der Rechten nicht viel erwarten dürfen.
Dr. Curtius berichtet dem Reichspräsidenten.
Ein Briefwechsel mit dem Zentrum.
Berlin, 14. Jan. (TDIB.) Relchswirlschafts. miniffer Dr. Curtius hat an den stellvertretenden Vorsitze irden der Zenttumsfraktion, Herrn von Gu 6 rard , einen Brief gerichtet, in dem der Minister auf der Grundlage der Verhandlungen mit den Vertretern der Zentrumsfraktton auf der einen, der Deutschnationalen Volkspartei auf der anderen Seite für diejenigen Fragen, die den Hauptgegenstand dieser Besprechungen bildeten, Richtlinien für ein koa I i t ionsregierungsProgramm skizziert. Er drückt dann die Annahme aus, daß di» Deutfchnationale Volkspartei diese Richtlinien als eine geeignete Grundlage für Verhandlungen über ein vollständiges Programm akzeotieren würde, und bittet die Zen - krum sf raktion ihrerseits, zu erklären, o b f i c bereit fei, diefe Grundlage für weitere Verhandlungen anzunehmen. Schließlich erklärt Dr. Curtius zur Beseitigung eines Mißverständnisses, daß er zunächst nur die Ausgabe übernommen habe, fachliche Verhandlungen zum Zwecke d?r Bildung einer Koalition zu führen, und daß nach feiner Auffassung bei sachlicher (Einigung das Zustandekommen der geplanten neuen Regierung nicht an der Frage der Führung scheitern dürfe. Das habe er dem Herrn Reichspräsidenten gegenüber auch bereits vor der Entgegennahme des Auftrages wiederholt betont.
Der Blinifter erhielt darauf von der Zentrums- fraftion folgendes, von Herrn von Guerard unterzeichnetes Schreiben:
„Sehr verehrter Herr IHinifter!
3d) bestätige dankend den Empfang Ihres Schreibens vom 14. Januar d. J. Dasselbe ist Gegenstand eingehender Würdigung geraden. Aus diesem Schreiben haben wir ersehen, daß Sie, Herr IHiniftcr, lediglich bi? Ausgabe übernommen haben, sachliche Verhandlungen zum Zwecke der Herbeiführung einer Koalition zu führen. Unter t>en gegenwärtigen politischen Verhältnissen unterliegt d.e von Jhn.en beabsichtigte Regierungsbildung für uns nach wie vor den schweren Bedenken, die Ihnen von unseren Beauftragten und auch namens unseres Herrn Parteivorfitzenden Dr. Marx dem Herrn Reichsaußenminister Dr. Stresemann dargclegt worben sind, wir hatten den versuch der Bildung einer
ein so umfassendes Reformwerk gelingen soll, wie es für die nationale Selbständigkeit des chinesischen Volkes Voraussetzung ist. Der Moskauer Freund hat selber nichts. Herr Dorodin, der rote Sowjetmann, liefert zwar Propaganda- schriften und Offiziere, aber die Millionen sind oud)_ im Russenreich dünn gesät. Richt umsonst bemüht man sich feit langen Fahren um die Gunst der Londoner City. Hier wird England einsetzen und der Kantoncegierung mit gewichtigen englischen Pfunden unter die Arme greifen, wenn diese darangeht, das in dem unblutigen Befreiungskrieg Erworbene in friedlicher Aufbauarbeit zu sichern.
Hier liegt für England die Möglichkeit, feine Stellung in China zu behau, ten, wenn auch die veränderten politischen Verhältnisse dafür andere Formen, ein anderes Gesicht der britischen Vormachtstellung in Ostasien verlangen. England weiß, daß der erste Schuh auf die chinesischen Massen den blutigen Krieg der Asiaten bedeutet. Das chinesische Volk ist leicht fanatisiert, und überall in den unendlichen Gebieten Asiens schwelt die ©lut des Hasses gegen den europäischen Vormund, die Sehnsucht nach Freiheit und dem von den europäischen Mächten einst pomphaft verkündeten Selbstbestimmungsrecht auch der asiatischen Völler. Diesmal würde es einer Hnvasionsarmee der Mächte nicht gelingen, wie seinerzeit im Daxeraus stand. China nach einem kurzen Feldzug zu Boden zu werfen. Der Funke, den Schüsse aus britischen Langrohren vor Schanghai ent'achen würden, könnte ganz Asien in Brand setzen, ©nglanb weiß selbst genau, was von seiner Politik in China für die britische Herrschaft in Indien, für seine Stellung in Dorderasien und Aegypten abhängt. Es wird sich auch der Verantwortung bewußt sein, die es mit seinen Entschlüssen im fernen Osten vor ganz Eupa übernimmt
Regierung der Mitte nach Lage der Dinge für den gegebenen weg zur Beilegung der krtte wir können uns ba.jcr von einer Fortführung jhrer Verhandlungen auf der Grundlage Ihres Schreibens vom 14. Januar keinen Erfolg versprechen. Ein Eingehen auf die in diesem Schreiben mitgelcillcn Richtlinien dürfte sich darnach erübrigen.“
Wie amtlich mitgeteilt wird, hat Relchsminisler Dr. Curtius heute abenb den, Herrn Reichspräsidenten über die durch das Schreiben des Vorsitzenden der Zentrumsfraktion an ihn geschaffene Lage berichtet und erklärt, daß damit sein versuch der Bildung einer Mehrheitsregierung unter Zuziehung der Deutschnationalen gescheitert sei. Der Herr Reichspräsident behielt sich seine weitere Entschließung noch vor.
was nun?
Tie Meinung der Berliner Presse.
Berlin. 15.3an. (WTB.) Die Entschei- dung liegt nunmehr beim Reichspräsidenten— das ist das Gemeinsame an den Äomire.t- taren der Diät er zu der E tiialung des ge le gen Tages. Daß die Mission Dr. Curtius' was feine Person anbrtrifft, alfi erledigt gelten kann, kommt in fast allen Blättern tum Ausdruck, uä,re; b der Er olg ici er Mmühun- gen in sachlicher Beziehung von den D.üt.e^n verschieden beurteilt wird. — Die „Deutsche Tageszeitung" sch-e b1. daß der Qljf.raj des Reichspräsidenten an Dr. Cur.ius, eine sachliche Einigung zwischen der Reckten und der Mite herbeizuführen, nicht gescheitert sei. De Deuiscknatioi.cllen haben nie., a ä ihre Dereitscha t zur Mi.arbelt nach fach i er 61; ijung re toci.ett. Sir werden es auch unter anderer Führung nicht tun, wenn die Basis die gleiche bleibt. — Der „Lo k a l a n z e i g e r", der die Betrauung eines Z e n t r u m s m a n n e S sür das wahrscheinliche bäli, nennt die Ramen Stegerwald, Dr. Brauns und v. Guerard. — Die »Tägl. Rundschau" glaubt über die Haltung der Deutschen Volkspartei sagen zu können: Man kann sicher fein, daß der am Montag zusammentretend« FaktionSvorstand den Gedanken der Großen Koalition ebenso ablehnen wird wie den Gedanken einer Koalition der Mitte mit Bindung nach links. Sollte im weiteren Verlauf der Ereignisse das Bestreben zutage treten, die Entwicklung nach dieser Dichtung zu drängen, so würde d.eAcichs- tagssraktion der Deutschen Dolkspartei ihr sicher Widerstand leisten. — Die A Z" sagt, der Mißerfolg Dr. Curtius' liege nicht bei ihm und Wohl auch nicht in feinem Programm. Es wäre zweifellos bei einem größeren Entgegenkommen des Zentrums möglich gewesen, zu einer tragfähigen Regierungsmehrheit zu kommen. Dach Lage der Dinge bleibe ein Kabinett der Mitte in Anlehnung nach rechts z. Zt. der einzige gangbare Weg. Man sollte nach wie vor alleS daran sehen, ihn zu beschreiten. Falls diese Lösung nicht ernstlich angestrebt werde, so bleibe kein anderer Weg als die Auflösung des Reichstags. Die „Börsenzeitung" bedauert das Scheitern Dr. Curtius' und meint, Stresemann müßte nunmehr den Auftrag erhalten, unter Zuziehung der Deutschnationalen eine Regierung zu bilden. — Die „Germania" kommentiert den Brief des Fraktionsvorstandes deS Zentrums, in welchem ein Kabinett der Mitte als das er-
Die Verteidigung von Schanghai
London. 14. Jan. (WB.) Reuter erfährt, daß die Meldungen, wonach in der jüngsten Kabinettssihung ein Beschluß über die Verteidigung Schanghais nicht gefaßt worden fei. unzutreffend seien. Es werde als s e l b st v erst ä n d l i ch angesehen, daß alles mögliche geschehen müßte, um die ausländischen Konzessionen zu verteidigen, falls sie mit Gewalttätigkeiten bedroht würden. Doch werde daraus hingewiefen, daß öie Verteidigung der interall.ierten Konzes ion u. der getrennt davon liegenden französischen Konzession in Schanghai eine internationale Angelegenheit sei. Es bestehe Grund zu der Annahme, daß die Verteidigung der ausländischen Interessen in Schanghai gegenwärtig von den beteiligten Regierungen erörtert werde. Der .Daily Telegraph" berichtet, daß man in Londoner offiziellen Kreisen fest entschlossen sei. die internationale Konzession in Schanghai, trenn nötig mit Waffengewalt, z u verteidigen. Chamberlain hatte gestern eine längere Aussprache mit dem Ministerpräsidenten Baldwin, die sich, wie man glaubt, mit der Lage in China befaßt hat.
Dach Meldungen aus Tokio hat die japanische Regierung jede Jnterven- 1 s v n in China abgelehnt, solange japa- m'c9£,.3ntercf'en nicht ernsthaft gefährdet find. — Wie Reuter erfährt, hat keine der Mächte, bie in China etngreifen. die Absicht, einen Art eg gegen China zu führen. Die englische Politik laufe allerdings nicht darauf hinaus, englisch« Interessen unter dem Druck von Drohungen auszuqeben, aber es handele sich um wirtschaftliche, nicht um politische Interessen. Die ergriffenen Maßnahmen sollen lediglich das Leben und den Besitz britischer Leichsangehöriger schützen.


