Ausgabe 
12.9.1927
 
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Kreis Friedberg.

WSV. Friedberg. 11. Sept. In unserer Kreisstadt herrscht seit einigen Monaten eine außerordentlich rege Bautätigkeit. Mehrere größere Bauwerke, der Lager- und Wcrkstättenbau des äleberlandwcrks, das Labora- torium des Polytechnikums, der Ortskranlenkassen- Veubau, der Krankenhaus-Anbau und endlich der Wasserturin, der in seiner stattlichen Höhe schon heute neben der Burg ein toeilhin sicht­bares Wahrzeichen der Stadt bildet, sind nun« mehr im Rohbau vollendet, so daß sie bald ihrer Bestimmung übergeben werden können. Auch das städtische Wohnhaus am Gaswerk geht seiner Vollendung entgegen, und außerdem wird in nächster Zeit eine Reihe größerer Privatbanken fertiggestellt werden.

Kreis Büdingen.

WSN. Büdingen, 11. Sept. Nachdem als erster größerer Markt in Büdingen der diesjährige Petri markt von beachtlichem Erfosg begleitet war, wird in den Tagen vom 23. bis 26. Oktober auf dem neuerrichtcten Marktplatze an der Dahn nach Gelnhausen der große BüdtngerGallus- markt abgehalten werden. Es finden besondere Einzelmärkte für Pferde und Fohlen, Rindvieh und Schweine statt, außerdem Krammarkt. Geplant ist ein Festzug durch die Stadt mit anschließender Pferdeprämiierung.

# BadSalzhausen, 11. Sept. Die durch den starken Verkehr auf der Provinzialstraße Geiß-Vidda nach hier entstehende S t a u b p l a g e wurde die Iahr? her als besonders lästig emp- fanden, zumal die Straße mitten durch die Kur­anlagen und in unmittelbarer Rähe an dem staatlichen Kurhaus vorbeiführt. Um diesen Nebelst«nd zu beseitigen, hat die Straßenbauver- waltung eine gründliche Teerung vorneh­men lassen, und die Badeverwaltung läßt bei staubigem Wetter sprengen. Das schöne Wetter der letzten Wochen hat den Besuch unseres Bades sehr günstig beeinflußt. Im Verhält­nis zum Voriahre ist noch eine größere Zahl von Kurgästen anwesend, was besonders auf die gute Besetzung des Kaufmannserholungsheims und des seit diesem Frühjahr bestehenden Kriegs­blindenheims zurückzusühren ist. Die Kurverwal­tung hat an -sämtlichen staatlichen Gebäuden tö­nerne Blumenkasten, geliefert von Keßler. Wieseck, anbringen lassen. Die Bumenpracht der gleichartigen Bepflanzung wirkt sehr angenehm.

:|: Derstadt. 11. Sept. In unserer Gegend hat der Aufkauf und Versand von Obst seit kurzem begonnen. Ieden Mittwoch kommt an dem hiesigen Bahnhof ein Waggon Aepfel, Dirnen und Zwetschen zur Abfertigung. Beson­ders begehrt sind Zwetschen. für die sechs Mark je Zenker gezahlt werden. Dagegen werden für Aepfel und Birnen nur bei auserlesenen Sorten annehmbare Preise erzielt.

(i- Echzell. 11. Sept. Die Bautätig -- fett geht hier ihrem Ende zu. Es wurden im ganzen in diesem Iahr 1 Wohnhäuser er­richtet, von denen drei noch des inneren Ausbaus bedürfen. In den letzten Iahren wurden Me Reubauten hauptsächlich an der Provinzialstraße nach Gettenau zu errichtet. Infolgedessen sind beide Orte fast aneinandergebaut.

Kreis Alsfeld.

t, Ausdem Ohmtal, 11. Sept. Recht häufig traten zur diesjährigen Erntezeit Erkäl­tungskrankheiten. besonders Mandel- schwellungen und -entzündungen, auf, die mit­unter durch Ansteckung auch auf die Familien­mitglieder übertragen wurden. Bisweilen gingen die Erkrankungen auf andere Organe, wie Ohren und Vieren weiter.

Starkenburg.

WSN. Sprendlinge n', 11. Sept. Außer, in den Gemarkungen Oberroden und Neu-Isenburg ist jetzt auch in der Gemarkung Sprendlingen der gefürchtete Kartoffelkrebs amtlich festgestellt worden. Abwehrmaßnahmen sind eingeleitet worden.

Rheinhessen.

WSN. Mainz, 10. Sept. In der vergangenen Nacht ist eine weitere von den vier wegen Pilz­vergiftung ins städtische Krankenhaus einge­lieferten Personen, die 18jährige Lilli Müller von hier, g e st o r b e n.

WSN. Bingen, 11. Sept. In der Grabenstraße ereignete sich gestern ein folgenschweres U n cj l ü ei.

Avifthensimsmid sieden

Roman von Liesbet Dill.

Copyright beb Morawe & Scheffelt Verlag, Berlin.

13. Fortsetzung. Nachdruck verboten.

Soll ich nächsten Freitag noch mal hingehen?"

Nein, danke, das genügt mir ... Ich kann mich doch auf Ihr Wort verlassen, Herr ..."

Gaul ... Friedrich Gaul, bitte ... Ich darf meine Karte hinterlassen ..."

Danke. Ich brauche Sie vorläufig nicht mehr. Wenn ich Sie nötig haben werde, lasse ich Sie be­nachrichtigen ..." Manfred schob ein paar Scheine in einen Umschlag.Stirnrnt's?"

Danke, Herr Doktor." Mit einer tiefen Ver­beugung, der man die Befriedigung ansah, so reich belohnt zu sein für einen so leichten Dienst, verab­schiedete sich Herr Gaul.

Als er fort war, stieß Manfred das Fenster auf uNd schaute in den morgenstillen Park. Er atmete tief auf. Die Luft, der Himmel, alles war grau --wie die ganze Welt ...

Dann ging er hinein zur Probe.

Teufel, wie sieht der Chef aus!" sagten' die Geiger, die in seiner Nähe saßen.Dem geht's noch mal wie dem alten Schmidt", meinte der Pauken­schläger, ein trister, vergilbter Herr mit einem Bauch, zur Harfenistin, einem verblühten, rothaari­gen Fräulein, das Manfred heimlich liebte.

Er sieht aus, als ob er Sorgen hätte", sagte sie.

Sorgen ... bei dem Einkommen? ... Und immer im Ausland auf Tourneen ... im Januar geht er schon wieder fort ... und die Frau gibt Kon­zerte ..."

Es gibt auch innere Sorgen", sagte das sommer­sprossige Fräulein und rückte ihre Harfe etwas von dem Paukenschläger ab ...

Ja, ja, die großen Herren ... Wenn unsereinem mal was fehlt, kräht kein Hahn danach ... für uns gibt's nur Arbeit ... und wenn man fertig ist, fällt man vom Stuhl, mitten in der schönsten Sinfonie. Ich hab' doch gesehen, wie Schmidt neulich umfiel ... er saß vier Reihen vor mir ... Als wir hinein­gingen, sagte er zu mir..."

Ein Fuhrwerk, von dem Wein abgeladen wurde, stanh dort ohne Pferde, so daß die Deichsel frei stand. Plötzlich nahm ein Personenauto eine nahe Kurve zu kurz und fuhr auf das Weinfuhrwerk auf, das dadurch ins Gleiten kam. Der Weinhändler Stern wurde dadurch von der Deichsel geschlagen und am Kopfe so schwer verletzt, daß er noch im Verlause der Nacht im Krankenhaus starb.

WSV. Vieder-Ingelheim, 11. Sept. Die Zwetschenernte im Ingelheimer Grund gibt für dieses Iahr einen selten hohen Er­trag, wie seit Jahren nicht mehr. Täglich kommen hier Tausende von Zentnern zum Ver­sand. An einem einzigen Tage dieser Woche ist ein ganzer Güterzug mit 45 Waggons, nur mit Zwetschen beladen, nach der Kölner Gegend abgegangen. Die Preise betragen gegenwärtig pro Zentner 10 bis 11 Mk.

Preußen.

Kreis Wetzlar.

IZ Wetzlar, 11. Sept. Der von dem hiesigen Verkehrs verein am heutigen Sonntag ver­anstaltete V e r k e h r s t a g hatte u. a. zahlreiche Zuschauer aus der Umgebung angelockt, wenn auch der Verkehr nicht so start wie bei anderen Veranstaltungen war. Das dürste besonders auf die kühle und windige Witterung zurückzuführen sein. Bereits am gestrigen Samstagnachnrittag waren einige Veranstaltungen vorgesehen, so das Auftreten der hiesigen Schwimmvereine am Bootsplatz an der Lahn und die Ausfahrt sämt­licher Wassersportvereine mit ihren Booten auf der Lahn, Veranstaltungen, die ein glänzendes Bild abgaben tmi) die hier immer gern gesehen werden. Die Abendveranstaltung im Schützen­garten galt in erster Linie dem Auftreten der hiesigen Turner und Radfahrer, zweier Vereine, die in ihren Saaldarbietungen stets erstklassige Leistungen vollbringen. Der heutige Sonntag brachte das bei den Veranstaltungen der letzten Zeit allgemein zur Einführung gelangte Kon­zert auf dem Domplatz und am Rachmittag einen Blumenkorso durch die Hauptstraßen der Stadt, bei bem besonders von einigen hie­sigen Automobilbesitzern Prachlleistungen in der Schmückung ihrer Wagen gezeigt wurden. An ihm nahmen außerdem noch die Radfahrerver­eine, der Reit- und Fahrllub und der Motor- fahrerderein teil. Rach Ankunft des Korsos auf dem Stadion auf der S ilburg traten die hiesigen Rasensportvereine in Tätigkeit, wie Handball, Fußball, Tennis usw. Den Abschluß des Werbe­tages bildete am Abend die ritxf) wenig gezeigte B e leuchtun g der alten Burgruine K a l s m u n t. Sie bestand aus den von der Dombeleuchtung bekannten elektrischen Scheinwer­fern und bengalischem Licht und hob sich am wolkenbedeckten nächtlichen Himmel weithin sicht­bar äußerst wirkungsvoll ab.

X Dutenhofen, 11. Sept. Die Beschaffen­heit der Kreis st raße WetzlarLan­desgrenze Hes fen steht in schroffem Gegen­satz zu der anschließenden hessischen Provinzial­straße. Durch den starken Verkehr und die Aus­spülungen durch Regengüsse sind die scharfen Steine auf dem preußischen Teil dieser Land­straße eine Plage für das Klauenvieh und ein Zerstörer der Auto- und Fahrradreifen. Beim Eintritt in hessisches Gebiet findet man eine gut asphaltierte glatte Fahrbahn vor, die vor­bildlich zu nennen ist. Wann wird die preußische Straßenbauverwaltung hier endlich Abhilfe schaffen?

O Dornholzhausen. 11. Sept. Eine nicht alltägliche Erscheinung konnten die hiesigen Ortseinwohner dieser Tage beobachten: ein Personenauto im Kleebach. Ein Rei­sender aus Elberfeld, der seit einiger Zeit in einer hiesigen Gastwirtschaft übernachtet, wollte sein Auto auf demAuweg" bei der Schäferscheir Mühle drehen und fuhr dabei die mehrere MeterhoheBöschunghinunterin den Kleebach. Das Auto kmbeie trotz des steilen Gefälles auf den vier Rädern im Dachbette, ohne sich überschlagen zu haben. Durch hilfsbereite Ortseinwohner und Vorspann eines Pferdes wurde es aus dem Bache herausgczogen. Glück im Unglück hotte der Besitzer insofern, als weder das Fahrzeug noch er irgendwelchen Schaden bei dem Unfall erlitten.

I Gr o ß - R e ch t e n b.ci ch, 11. Sept. Die Ober­klasse der hiesigen Schule unternahm dieser Tage einen Ausflug, dem leider durch die

Ach, hören Sie doch aus", sagte das Fräulein ungehalten und schaute mit besorgtem Blick nach dem bleichen Dirigenten, der mit einem grauen, wie erloschenen Gesicht das Podium bestieg.

Sonne über den Rheinlanden. Der Frühnebel verdampft. Ein zartblauer Himmel, an dem braun- goldene Wolken treiben. Steile Wege führen zwi­schen Weinbergen hinauf. Weit öffnet sich dem Blick die Nheinebene, grau schimmert der breite stolze Strom. Wie große gelbe Buketts stehen die herbstlichen Bäume am Weg, voll goldgelben Lau­bes, ziternd vor dem ersten Windstoß, der sie ihrer letzten Hülle beraubt. Auf den Bergen stolze tra­gische Ruinen, welche die Rheinufer zum ewigen Gedächtnis an Deutschlands Kriege schmücken und diesen Fluß so melancholisch wirken lassen wie alle Balladen von Uhland. Inseln schwimmen in dem Strom.

Das Auto fuhr dicht am Rhein entlang, durch saubere, kleine Weindörfer, in denen sich seit Jahr­hunderten kaum etwas geändert hat. Weiße, uralte, engbrüstige Häuschen, reb^numrankt, mit bunt­bemalten Fassaden, stille Schlösser mit geschlossenen Fensterläden in hochummauerten alten Parks. Vor den Terrassen breitet sich das Rheinland aus, noch im Sterben der Natur verführerisch wie eine reife, schöne Frau. Am Horizont ziehen blaugrüne Berge mit, ernst, in weichen Linien, die Ausläufer des Taunus. Blonde, rosige Madonnen lächeln unter hohen, goldenen Kronen aus den Hausnischen herab, das Jesuskind versteckt sich im Mantel der Mutter und lacht sie an wie die blonden Kinder am Rhein. Uralte Kirchlein, vom Kirchhof umhegt, mit gotischen Türmen und vermoderten, rosenumsponnenen Grä­bern. Weindörfer fliegen vorbei, Weinschlösser, Sekt­kellereien. Rot leuchten am Fluß die abgeernteten Weinberge, die Rheinnebel dampfen, die Luft ist graublau. Auf den gelben Birken glitzert es wie Tau. In den Gärten blühen bunte, letzte Astern. Novemberstimmung.

In den Nischen der Weinbergmauern liegen den rheinischen Madonnen auf grausteinernen Altären verwelkte Astern zu Füßen. Blonde, spielende Rhein­landkinder winken dein Wagen nach ... Das Motiv der Weintraube und des Rebstocks, geschnitzt und buntbemalt über den Haustüren, verfolgte sie über-

ilngtmft her Witterung zum Teil ein Strich durch die Rechnung gemacht wurde. Die Reise ging von hier zu Fuß nach Wetzlar, von roo aus man mit dem beschleunigten Personenzug nach Limburg fahren und von dort aus die Burg Runkel besichtigen wollte. Dadurch, daß die Ausflügler auf dem Wege nach Wetzlar von einem Gewitter überrascht wurden, erreich­ten sie den für die Fahrt nach Linsburg be­stimmten Zug nicht mehr, so daß der Reiseplan geändert werden mußte. In einem schnell ge­mieteten Postauto wurde der Ausflug in die nähere Umgebung verlegt, lieber Erda fuhr man nach Hohensolms, cvo das dorttge Schloß einer eingehenden Besichtigung unterzogen wurde, und von da nach den Burgen Vetzberg! und Gleiberg. Hier wurde Rast gemacht und die Zeit durch Gesang und Spiel vertrieben. Vom Gleiberg aus wurde das Museum in Gießen besichtigt und von dort aus die Heim­reise angetreten.

Kreis Limburg.

WSV. Hadamar, 11. Sept. Der Groß­grundbesitzer Munk hat seinen Hof Schnep- fenhausen an dir Heil- und Pflegeanstalt auf dem Möncheberg, also an den Kommunal- verband, für 200 000 Mk. verkauft. Zu dem Gut gehören etwa 200 Morgen bestes Ackerland. Gebäude und Wohnhäuser sind in bestem Zu­stande.

Maiugau.

WSN. Frankfurt a. M., 11. Sept. Anläß­lich des bevorstehenden 8 0. Geburtstages des Reichspräsidenten v. Hindenburg bean­tragt der Magistrat die Schaffung einer städti­schen Stiftung von 100 000 Mark, deren Zinsen zur Förderung hervorragend begabter Kinder der Arbeiterschaft und des kleinen Mittel­standes bei Besuch der Universitäten, Akademien und Volkshochschulen Verwendung finden sollen. Die Vorlage des Magistrats bemerkt, mit diesem Antrag solle keinesfalls einer grundsätzlichen Ablehnung des an sich begrüßenswerten Zwecks derHindenburg- fpende" Ausdruck gegeben werden: da aber u. a. die Erfahrungen der letzten Jahre die Errichtung eines neuen, von Berlin aus zentral verwalteten Dota­tionsfonds für Wohlfahrtszwecke nicht als zweck­mäßig erscheinen lassen, wolle man in Ucdereinstim- mung mit der Auffassung des Vorstandes des Deut­schen Städtetages von einer Beteiligung an der Samlung Abstand nehmen und dafür eine den ört­lichen Bedürfnissen entsprechende soziale Einrichtung schaffen. Auf Grund der mit einer Reihe von Vorortgemeinden abgeschlossenen Eingemeindungs- oerträge ist Frankfurt zum Bau verschiedener neuer Straßenbahnlinien verpflichtet. Die erste dieser Linien, die zur Ausführung gelangt, ist die Straßenbahnlinie nach Fechenheim. Als Interimslösung wurde zwischen Frankfurt und Fe­chenheim vor mehr als Jahresfrist ein Omnibusver­kehr eingerichtet, der sich gut bewährt hat. Mit dem Bau der Straßenbahnlinie wird am 1. Oktober begonnen werden. Die Kosten belaufen sich auf 1,3 Millionen Mark, die vom Hauptausschuß der Stadt­verordnetenversammlung bewilligt wurden. Die Stadtverordnetenversammlung wird sich in ihrer nächsten Sitzung mit diesem Punkt nochmals zu be­fassen haben. Gleichzeitig mit der Anlage der neuen Straßenbahnlinie ist eine Verbreiterung der Hanauer Land st raße geplant, die heute den in den letzten Jahren stark angewachsenen Verkehrs­bedürfnissen in keiner Weise mehr gewachsen ist. Als in der Nacht zum Samstag ein Pollzeibeamter -Lurch die Hammelsgasse ging, bemerkte er vordem Gerichts gefängnis ein größeres Pa - k e t. Als er darauf am Gefängnis schellte und das Paket abgab, entdeckte man darin die Gefäng­niskleidung des Elektrotechnikers Wilhelm Stegmann, der bekanntlich am Sonntag aus dem Untersuchungsgefängnis ausbrach. Es war sehr höflich, daß Stegmann, der eine 15jährige Zuchthaus st rafe zu verbüßen hat, durch die Abgabe des Pakets die Absicht bekundete, daß er sich nicht auch noch an den Kleidern der Strafanstalt be­reichern wolle. Da man mit der Möglichkeit rechnete, daß (Stegmann selbst das Paket dort hinlegte, setzte man einen Polizeiyund auf die Spur, aber leider gelang es nicht, den Verschwundenen auf diese Weise zu ermitteln.

WSV. Höch st a. M., 10. Sept. Ein hier ver­storbener Fabrikant hatte testamentarisch feine Frau, feinen Geschäftsführer und zwei andere Personen als Erben eingesetzt, mit der Be­stimmung, daß, wer sich von ihnen alserb- unwürdig" erweise, von der Erbschaft ausge-

schlofsen fein solle. Die Folge war die gegen­seitige Beschuldigung der Erbun- Würdigkeit und eine ganze Anzahl von D e- leidigungsprozeffen, so daß dieser Erb­folgestreit schon mehr als dreißig Pro­zesse gezeitigt hat.

Kirche und Schule.

hml. Lauterbach, 11. Sept. Der Deka­nn t s t a g des Dekanats Lauterbach wurde dieser Tage in Gegenwart des Super­intendenten von Oberhesfen, Oöerkirchenrats Wagner abgehalten. Im Gottesdienst, der den Verhandlungen vorausging, predigte Pfarrer Bönning (Freiensteinau) über 1. Korinther 15, 58. Die Verhandlungen fanden im Konfir­mandensaal statt und wurden durch eine Begrü­ßung durch den Vorsitzenden, Dekan Schlösser, und die Verlesung des Bescheides des Landes­kirchenamtes zum vorigen Dekanatstage einge­leitet. Sodann wurde der gedruckt vorliegende Iahresbericht des Dekcmatsausschusses über die Iahre 1825 und 1926 besprochen. Vach Genehmi­gung des Voranschlages der Dekanatskasse für 1928 29 hielt Pfarrverwalter Schmidt aus Schlitz einen Vortrag über das von der Kirchen­behörde vorgeschlagene ThemaKindergottes­dienst in Stadt und Land", der seine Ergänzung! fand in den Ausführungen des Pfarrers Letzing aus Engclrod. Hieran schloß sich eine längere Aussprache. Den Bericht über die Arbeit des Dekanatserzrehungsvereins erstatteten die Letter Pfarrer Lic. Veunobel (Vieder-Moos), Clvtz (Frischborn) und Schmidt (Schlitz). Vach einem Schlußwort des Vorsitzenden wurde der Dekanctts- tag mit dem LiedeAch bleib mit deiner Gnade" geschlossen.

Amtsgericht Gießen.

* Gießen, 7. Sept. Eine geschiedene Eye- frau aus Bad-Vauheim nebst Schwester und Kind hatten mehrere Monate bei einer hiesigen Althändlerin gewohnt und gegessen. Wcmn es ans Bezahlen ging, vertröstete sie ihre Wirtin und erzählte ihr von Renten, die zu erwarten wären u. dgl. Vachdem sie ihre Schwester in die Klinik verbracht hatte, verschwand die QHteterhr, und mit ihr zwei Mäntel der Wirtin. Wegen Diebstahls, Unterschlagung und Betrugs wurde die Angeklagte insgesamt zu 200 MarkGe lö­st r a f e verurteilt. Vvt, Krankheit, schwere Hy­sterie * der Angeklagten wirkten strafmildernd. Auch ist sie noch nicht vorbestraft. Andererseits betrug der Schaden der Wirtin einige hundert Mark.

In zwei weiteren Sachen wurde verhandelt über die Polizeistunde in einem hiesigen (Safe. Ein Besucher hatte noch telephoniert, nach­dem von der Polizei schon längst Polizeistunde geboten war. Er behauptete, nicht mehr als Gast, sondern rein privat mit Erlaubnis des Wirtes im Cafß anwesend gewesen zu sein. Unter gewissen Umständen dürfen Privatgäste auch nach der Polizeistunde ebenso wie der Wirt im Schanklokal verweilen. Der Richter sckh in jenem telephonierenden Besucher des Lokals jedoch keinen solchen Privatgast und verurteilte ihn zu 5 Mark Geldstrafe. Derselbe Angekla^e hatte zusammen mit einem anderen Besucher desselben Lokals einen Strafbefehl erhalten, weil sie an einem anderen Abend die Polizeistun^ck überschritten hatten. Es wurde jedoch feffgeftttit. daß beide das Lokal etwa 10 Minuten nach der Aufforderung der Polizei verlassen hatten. Eine solche Frist muß aber einem Gast nach der ersten Aufforderung zum Verlassen des Lokals noch zugebilligt werden, um auszutri-nken, zu bezahlen und sich anzülleiden. Deshalb wurden beide Angeklagten freigesprochen.

Eine Schlägerei, die vor zwei Iahren statt-« gefunden hatte, konnte nicht mehr restlos auf­geklärt werden, zumal die.Zeugen auswärts vernommen waren. Zwei Angeklagte wurden freigesprochen, zwei andere erhielten Geldstrafen von 80 und 30 Mark.

Ein Kraftwagensührer, der gegen einen Straf­befehl Einspruch eingelegt hatte, bekam seine Strafe von 25 auf 15 Mark herabgesetzt. Er war ohne Beleuchtung gefahren. Es wurde zu seinen Gunsten festgestellt, daß er in' edier! gewissen Zwangslage gehandelt hat. Einerseits war die Deleuchtungsvorrichtung nicht ganz ein­wandfrei, andererseits toallt? er seine Stellung nicht verlieren.

all. Selbst das fröhliche Jesuskind hält eine Traube in der Hand. In den Wandnischen der alten, niedri­gen, weißgetünchten Bürgerhäuser halten Heilige Wacht. Joviale, lebensfrohe Heilige vom Rhein... Mittelalterliche Burgen, romantisch, zerfallen, tauch­ten efeuumrankt in alten Städtchen auf, Nieder­lassungen aus der Römerzeit, mit uralten Brun­nen. Auf breiten Römerwegen glitt der offene Wa­gen dahin. Schweigende rote Laubwälder taten sich auf.

Ein wundervoller Morgen", sagte Melitta, die, in Decken gehüllt, im Wagen neben Ethel saß. Alle diese Bilder erweckten Geschehenes, das sie fast vergessen hatte. Ein frischer Wind umwehte sie, er kam vom Taunus herüber, herb und feucht. Auf den Höhen die Wälder in der blauen Ferne zogen mit.Ach, das alles wiederzusehen", sagte Melitta. Wenn nur die Sonne--" aber sie vollendete

nicht. Sie war zurückgefahren, als ob sie etwas Schreckliches sähe, und Manfred, der ihr gegen« übersaß, folgte ihrem Blick. Er sah ein schloßartiges, stattliches Gebäude am Weg, das in einem Park lag, der nach dem Rhein herunterging, daneben einen Hof, in dem große Weinfässer lagerten, einen kleinen offenen Opelwagen, der vor dem Tor hielt. Ein junger Mann im grauen Spottpelz stand, den Fuß auf dem Trittbrett des Wagens und sprach mit einem älteren Manne, der in dienstbereiter Hal­tung, einen Bleistift hinter dem Ohr, vor ihm stand ... Bei dem Hupen des Fahrers wandten beide den Kopf und Manfred sah in das blasierte bartlose Gesicht eines jungen Mannes, das eng von einer braunen Lederkappe umschlossen war. Zwei helle Augen spähten scharf herüber, und mit einer brüs­ken Bewegung wandte sich der junge Herr ab und bestieg seinen Wagen. Es war nur ein Augenblick, im Vorüberfliegen, aber Melitta hatte sich verfärbt ... Sie zog den Pelz fest um ihre Schul­tern, als ob sie fröre ... Etwas mußte sie ge­troffen haben, den sie versank in Schweigen und schaute über die weite Ebene mit einem Blick, in dem alles Leben erloschen war.

Höher kletterte das Auto. Das alte Wallfahrts­dorf tat sich auf, mit engen, krummen, mittelalter­lichen Gassen, durch die im Sommer die Pro­zessionen staubiger, singender, fahnenschwingender Pilgerzüge zogen. Ein uraltes Dorf, schon 93g als Gründung von Eltville bekannt. Man war auf ge­

schichtlichem Boden hier. Die Grabinschriften mit zertretenen, unleserlich gewordenen Grabplatten be­zeugten, daß sich früher die im Lande ansässigen Adligen hier oben bestatten ließen.

Vor der alten frühgotischen Kirche ließen sie halten und stiegen aus. Manfred holte die Küsters­frau, die mit dem großen Schlüsselbund ankam ... Gestutzte Linden umstanden den Kirchplatz. Hier zogen schon die Römer durch. Das Land war be­sät von ihren Straßen und Anlagen.

Eine Kanzel stand da, auf der die Priester ihre Bußpredigten unter freiem Himmel hielten, wenn sich das rheinische Volk im Sommer in diese Höfe drängte. Sie traten ein. Die Kastellanin bekreuzigte sich auf der Schwelle. Eine eiskalte Winterluft stand in der Kirche. Die Küsterfrau sagte her, was sie wußte. 1490 war die Kirche neu aufgebaut, aber ihre Fundamente waren schon zur Römerzeit gelegt. Ein Engländer hatte sie im vorigen Jahrhundert neu Herstellen lassen. Dieser Madonna wegen kamen Tausende her. Zwischen buntgemalten Bänken, ge­schnitzten, schweren Kanzeln, stand die schönste Ma­donna des Rheinlandes. Sie lächelte fein ... Die Sonne glänzte durch bunte Glasfenster und warf spielende Lichter auf ihr goldenes Gewand. Und das Jesuskind schaute so schelmisch aus ... Steife Lilien dufteten in Vasen, streng und ernst; und weiße Astern. Den Fürsten auf den ©rabmälem lagen Löwen zu Füßen, als Sinnbild der Kraft und des Mutes den Frauen immer ein Hund,als Sinn­bild der Treue", sagte die Frau und bekreuzigte sich. Der hl. Valenttn war der Schutzheilige der Kirche.

Melitta ging wie im Traum zwischen den bunt­bemalten Bänken umher. Ihre Hand berührte die alte, feingestickte Decke des Altars, sie schaute stumm zu der lächelnden Madonna auf. Die strahlte über das rosenrote gesunde Gesicht. Und das Jesuskind sah sie listig an, ganz schlau und vergnügt ... Me­litta schien die eisige Kälte der Kirche nicht zu fühlen. Es lag über ihr eine große Müdigkeit und eine tiefe Schwermut. Es war, als seien alle, samt der Küstersfrau, die vor jedem Heiligenbild knixte, aus ihrem Sehkreis verschwunden. Als ginge sie einer Spur nach ... Zuweilen blieb sie stehen, starrte einen Heiligen an und wandte sich ab, als wollte sie sagen:Du kannst mir auch nicht helfen."

(Fortsetzung folgt.)