Ausgabe 
12.2.1927
 
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wenden wollte. Diese Auffassung wird durch die Tatsache unterstützt. daß Herr v. Keudell im März 1922 -um Regierungsrat in Arnsberg ernannt werden sollte. Der vom preußischen Innen- und preußischen Finanz- Minister unterzeichnete Erlaß wurde aber nicht mehr abgesandt, da Herr v. Keudell inzwischen um seine Entlassung aus dem Staatsdienst gebeten hatte

Au» der Tatsache, daß die preußische Staats- regirrung von einem Untersuchungsversohren gegen v. keudell abgesehen hat und ihn wieder lu den Staatsdienst aufnehmen wollte, muß der Schluß gezogen werden, daß auch die preußische Staatsregieruna damals schon sein Verhalten nickt so beurteilt hat, daß sie eine neuerliche Be­rufung in den Staatsdienst für ausgeschlossen hielt.

Was den Küstriner Putsch anbelangt, so steht fest, daß der jetzige Reichsinnenministcr keincsfaNs unmittelbar nach dem Putsch bei Oberst Gudovius für Buchrucker eingetreten ist. Erst einige Tage später war er bei Gudovius, und zwar nur zu dem Zwecke, ihm dafür zu danken, daß er durch seine Haltung den Kreiß Königsberg vor schweren Unruhen bewahrt hat. (Lachen und Heiterkeit UnlS.) Hrrc v. Keüocll har den Küstriner Putsch stets a u f S schärf ste verurteilt. Herr von Keudell sei jahrelang von den verschiedensten Organi­sationen angegangen worden, er möge Mitglie­der von ihnen für einige Zeit auf seinem Gute unterbringen. Keudell hat jahrelang in weitest­gehendem Maße solche Gastfreundschaft gegeben. (Lachen links.) Er hat auch Kinder aus dem Ruhrrcvier ausgenommen und jüdische Pfadfin­der. (Hört! Hört! und Heiterkeit rechts.) 3m übrigen ist die Olympia erst am 12. Mai 1926 verboten worden. 3m 3ahre 1926 war der 3ung* deutschlandbund auf dem Gute untergebracht. Dieser unpolitische Verband bat in keiner Wei e etwas mit der verbotenen Olympia zu tun. Mi­litärische Ausbildungen haben nicht stattgesun­den, auch keine militärischen Schießübungen. (Als der Kanzler von der Linken dauernd durch Lachen unterbrochen wird ruft er: 3a, meine Herren, bei 3hnen ist das Urteil schon gesprochen.

Ich betrachte Ihre Kundgebungen als eine Un­verfrorenheit ersten Ranges.

3ch weiß meine Pflicht zu tun. (Lebhafter Beifall bei den Regierungsparteien. Lärm bei den Kommunisten.) Der Reichskanzler erklärt mit gehobener Stimme, daß er auf dieser Grundlage nach genauester gewissenhaftester Prüfung sagen müsse, daß Vorwürfe gegen Herrn v. Keudell wegen rechtswidrigen Verhaltens in der Ver­gangenheit nicht berechtigt sind. Persönlich wolle er bemerken, daß er glaube, in Herrn v. Keudell einen Mann kennen gelernt zu haben, der sein Wort hält. (Lärmende linier« b echungen links.) Der Kanzler betont zum Schluß, daß sich die Tätigkeit auch der neuen Regierung nur auf dem Boden der Ver­fassung bewegen werde. Rach den Besprechun­gen mit Herrn v. Keudell habe er die Heber- zeugung gewonnen, daß er in dessen Person für diese Bestrebungen einen treuen Helfer gefunden habe. (Lebhafter Beifall bei den Regierungsparteien, Unruhe und Lärm links.)

Innenminister v. Keudell erklär,, es widerstrebe ihm, y_i glauben, daß ein Mitglied des Hauses ihm die Verletzung seiner Eidespslicht zulrauen könne. (Gelächter und Un­ruhe bei den Kommunisten.) Rach seiner ganzen Lebensaussassung werde er selbstverständlich zu seinem Eide stehen und er erachte es als , seine besondere Pflicht, für den Schutz und das ' Ansehen der deutschen Republik zu sorgen. > (Zwischenruse bei den Kommuni' en.) Die Worte des Herrn Reichskanzlers an meine persönliche F Adresse sindcn meinen B.ifall.

Abg. v. Gu6rard (Ztr.) erklärt, dah nach ' den Feststellungen des Reichskanzlers und durch die eben gehörte Erklärung des Reichsinnen- nünisters die Voraussetzungen erfüllt feien, die daS Zentrum an sein Vertrauens­votum vom 5. Februar gestellt habe. Dieses er­strebe sich daher auf das ganze Reichskabinett, und das Zentrum lehne die gegen den Reichs- Jnnenm.niftcr vorgel:gten MißtrauenZanträge ab.

Abg. Landsberg (Soz.) hält die Er­klärungen deL Kanzlers für unbefriedigend. Gin Mann, der so schwer seine Beamtenpsllcht verletzt, und der in schwieriger Zeit seinem Eid und der Regierung nicht treu geblieben ist, kann unmög­lich den Ministerposten bekleiden, der ihn zum Hüter der Reichsversassung macht.

Außer dem kommunistischen ist inzwischen noch ein sozialdemokratisches und ein demokratisches Mißtrauensvotum geg"ii Minister v. Keudeil eingegangen.

Abg. v. R i ch t h o f e n (Dem.) schließt sich der Verurteilung deS Verhaltens des Ministers v. Keudell beim Kapp-Putsch an. Ein Beamter, der in dieser Weise seine Beamtenpflicht ver­letzt hat, könne unmöglich den Ministerposten be­kleiden.

Der Mißtrauensantrag der Demokraten wird in namentlicher Abstimmung m t 217 gegen 161 Stimmen bei einer Enthaltung abgelehnt.

Für das Mißtrauensvotum stimmten außer den Antragstellern auch die Sozialdemokraten, fiommu- nisten und der Abg. Dr. Wirth (Zentr.) Die Mißtrauensanträge der Sozialdemokraten und Kommunisten wurden darauf in namentlicher Ab­stimmung mit 218 gegen 163 Stimmen bei einer Stimmenthaltung ebenfalls abgelehnt.

Um 51 Uhr vertagt sich das Haus auf Mitt« woch, den 16. Februar. Erste Lesung des Haus­halts für 1927 und vorläufiger Finanzausgleich.

ReichshUfe für L. 3-127.

Verlin , 11. Febr. (TH.) Wie bereits ge­meldet, hatte sich der Verkehrsousschuß des Rric':StageS gestern mit dem Antrag der Ab­geordneten Groß (Ztr.), Dietrich-Baden (Dem.), Rauch (B. V. P.) und Schmidt (Dnll.) zu be­fassen, der in den Etat des Reichsverkehrs- ministeriumS die Einsetzung von zwei Millionen Mark a s Zuschuß zu den Bau- fo'ten des aus dec Friedrichshafener Werft ge­genwärtig im Bau befindlichen Zcppelinlust- schisseS L. Z. 127 verlangt. Diese Summe von 2 Millionen Mark war von Dr. Eckener bereits vor Monat.n vom DerkehrSminist.- erbeten roor» den. nachdem sich herausgestellt hatte, daß die Zeppelin-Eckener-S^ende nicht den Erwar­tungen entsprach. AuS den gesammelten Mitteln läßt sich zwar die F e r t ig st e l l u n g des Luftschiffes ermöglichen, doch sind darüber hinaus noch große Beträge erforderlich. um die notwendigen Versuche vornehmen zu fön-, n Der Verkehrsminister Dr Kröhne hatte di fc

Summe zugesagt und man hofft, dah der Reichs­tag seine Genehmigung erteilen wird, um die Durchführung der Friedrichshafener Pläne zu ermöglichen. Die aufgewandte Summe wird vor allem der deutschen Wissenschaft zu­gute kommen, da das neue Luftschiff nicht, wie gemeldet worden ist, zu Expeditionen nach der Arktis bestimmt ist, sondern große Atlantikfahrten unternehmen wird, um die dort herrschenden klimatischen Verhältnisse zu erforschen.

Zur Aufwertung der Reichsanleihen.

Berlin, 12. Sehr. (Wolff.) Die demokra- tifche Reichstagsfraktion hat folgenden Antrag eingebracht:Ser Reichstag wolle beschließen, die Reichsregierung zu ersuchen, unverzüglich einen Gesetzentwurf vorzulegen, durch den im Wege einer sofort verzinslichen Hm- tauschonleihe oder auf andere geeignete Weise die Altbesitzer von Reichsan­leihen an Stelle von Anleiheablölungsschuld und Auslosungsrechten in den Besitz eines Wertpapieres gesetzt werden, dessen Wert einer mindestens 12»/,prozentigen Aufwertung des ursprünglichen Betrages der in Anleiheablöfungsschuld umgetaufchten Reichsanleihe entspricht und das laufend mit mindestens 5 Prozent jährlich verzinst wird."

Der Handel um die hessische Gesandtschaft in Berlin.

D a r m st a d t, 11. gebr. (Wolff.) Zur Frage der Reubesetzung der hessischen Gesandtschaft in Berlin erfahren wir von unterrichteter Seite folgendes: Cs bewahrheitet sich, daß der vom Zentrum in Borschlag gebrachte, zum Zentrum gehörige Ministerialrat Äirnberger von den Sozialdemokraten abgelehnt wurde. Abg. Rechtsanwalt Ruß- Worms wäre dagegen ge­nehmer. Da aber die Sozialdemokraten gleichzeitig den Abg. Dornemann als zweiten Ge- fandtschastSbeamten nach Berlin schicken wollen und Zentrum und Demokraten, die offenbar vollkommen dcsmteresFert sind, die Verantwor­tung für diese finanzielle Del astung des Staates nicht ohne werteres übernehmen wollen, kommt die Frage nicht recht vorwärts. Es scheint jedoch festzustehen, daß das Zentrum, das sich durch die Ablehnung Kimbergers brüskiert sieht, jetzt seinerseits Bornemann a b l e h n t und auf andere Vorschläge wartet.

Ein Iw s erhall in Bingen.

WSN. Bingen, 11. Febr. Als der Konzert­meister Eugen Lepp von hier sich von seinem Dienst in einem hiesigen Co.al in der Nacht a u f dem Nachhauseweg befand, wurde er v o n einem englischen Kriminalbeamten angehalten und ihm der Pah abverlangt. Lepp weigerte sich, seine Auswcispapiere zu zeigen und forderte den in Zivil befindlichen Beamten auf, sich zunächst einmal s e l b st auszuweisen. Der Be­amte wurde darauf energischer und zog schließlich den Revolver. Lepp schlug dem Engländer die Waffe aus der Hand und verhütete so er zählte schon bis drei glücklicherweise ein folgenschweres Unglück. Es kam jetzt zu einem Handgemenge, worauf Lepp sich daooumachte. Nun nahm der Kri­minalbeamte einen dabeistchenden jungen Mann, einen Studierenden am Binger Technikum fest und brachte ihn zur deutschen Polizeiwache. Der Krimi- nalbeamte wurde von seiner vorgesetzten Behörde seines Dien st es enthoben und sieht seiner Bestrafung entgegen.

Lohnkonflikse im Rheinland und Schlesien.

Esten, 11. Febr. (WB.) Bei den in Essen geführten Lohnverhandlungen für die nord­westliche Gruppe der Eisen- und Stahlindustrien forderten die Arbeitneh­mer u. a. eine Erhöhung des SpitzenlohneS von 70 auf 85 Pf. für Facharbeiter, während die Arbeitgeber erklärten, eine Erhöhung ter be­stehenden Tariisätze nicht tragen zu können. Da eine Einigung nicht erzielt werden konnte, sollen in der nächsten Woche neue Verhandlun­gen vor dem Reichs - und Staatskom­missar in Essen staltfinden. Don den christ­lichen Gewerkschaften war außerdem eine Er­höhung der sozialen Zulagen um das Doppelte beantragt worden.

Die Verhandlungen im Reichsarbeitsministerium zur Beilegung des Lohnkonfliktes In der schlesi­schen Textilindustrie sind ergebnislos verlaufen. Die Bezirksgruppe Körlitz-Seidenberg des Verbandes schlesischer Tertilindustrieller hat die "Aussperrung für Görlitz und Seidenberg be­schlossen als Gegenmaßnahme gegen die Kündigung des Arbeitsoerhältnisses durch öie Arbeitnehmerschaft im Bezirk Görlitz-Seidenberg und Rcichenoach- Griinberg.

Und der Völkerbund?

Plan einer Internationalisierung Schanghais.

Genf, 11. Febr. (Wolff.) Die Erklärung der britischen Regierung über ihre Politik gegenüber China, die dem Völkerbundsfelretarlat zugestellt wurde, enthält die Feststellung, daß England bereit sei, die Hnverletzlichkeit und Hnabhängig- keit Chinas zu toabren, daß aber bei den gegen­wärtigen revolutionären Verhältni sen in den­jenigen Städten Chinas, die unter der Herrschaft der nationalisti'chen Regierung stehen, keine Gewähr für ausreichenden Schuh der britischen Hntertanen dort gegeben sei. England habe deshalb Truppen entsenden müssen, deren Zusammensetzung aber an sich schon eine Gewähr dafür bietet, daß sie nur zu Ver­teidig ungszwecken bestimmt sind. Man hoffe, daß diese Truppen bald zurückgezo­gen werden können. Die Ereignisse von Hankau und Hlukiang dürften sich in Schanghai nicht wiederholen, und das Leben der dortigen Eng­länder werde vor jeder Gefahr geschützt werden. England sei bereit, über alle schwebenden Fra­gen zu verhandeln, sobald China sich eine Regierung gebildet habe, welche die notwendige Autorität für diele Verhandlungen besitzt. Doch müsse vorher die amtliche Hnterstützung der antibrUbcben Propaganda aufhbren. ES sei nun Sache der an dem Washingtoner Vertrag be­teiligten Regierungen zu entscheiden. In welchem Maße sie sich der britischen Politik ankchlicßen wollten.

Wie in politischen Kreisen verlautet, soll die Verständigung zwischen England und Kan­

ton bereit- abgeschlossen fein. Es ver­lautet ferner, dah in Londoner maßgebenden Kreisen der Gedanke der Schaffung einer neutralen Zone um Schanghai unter Aufficht deS Völkerbundes, ähnlich wie dies gegenwärtig bei Danzig der Fall ist, ein­gehend geprüft wird.

Sin Steg der chinesischen Nordarmee.

Paris. 11. Febr. (WTD.) Rach einer Meldung der Agentur 3ndo Pacific auS Peking ist die Lage in der Provinz Tschekiang für Sunschuanschang, dessen Truppen Schushau wie­der eingenommen haben, günstiger geworden. 3n der Provinz Klangst ziehen sich die Kuomintang- Truppen zurück. Eine erbitterte Schlacht zwischen Rordtruppen und 30 000 Mann Süd- truppen hat mit einem Siege der Rord­truppen geendet. Die verfügbaren Streitkräfte WupeifuS und Tschangtsolins werden in der Provinz Honan gegen die Rote Kavallerie ein­gesetzt. Der Stabschef Tschangtsolins erklärte: Es ist -selbstverständlich, daß Wupet'fu auf u n f e r e r S e i t e ist, aber angesichts der drohen­den Lage in Tschekiang wird die mandschurische Armee in der Richtung auf die Provinz Honan vorgehen, um die Tätigkeit der südlichen Streit- fräftc zu behindern. Den amerikanischen Vor­schlag bezüglich Schanghai sind wir nicht in der Lage gutzuheißen. Cs ist nicht unmöglich, zu einem Kompromiß zwischen der Rordarmee und der Eüdarmee zu gelangen, wenn dem Ober­befehlshaber der Kantontruppen die völlige Hn terbrüdung des Kommunismus gelingt.

Abschaffung der ausländischen Gerichtsbarkeit.

Hankau, 11. Febr. (W2.) Der Außen­minister von Kanton teilt den Konsulaten mit, daß aus Grund einer Anordnung des politischen Bureaus ausländische Kläger künftig keine Klagen mehr vor dem besonderen Gerichts­hof anhängig machen können. Alle ausländischen Prozesse müssen vor chinesischen Ge­richtshöfen ohne Hnterstützung eines Kon- fularbeamten als Beisitzer durchgeführt werden.

Paris und das amerikanische Abrüstungsmemorandum.

Paris, 11. Febr. (WTB.) Das amerika­nische Memorandum über die Seeabrüstungs­konferenz ist von den zuständigen Stellen des Ministeriums des Aeußern unter Zuziehung der französischen Vertreter beim Völkerbund eingehend geprüft worden. Havas hält es für wahrfchein- lich, daß die französische Regierung gegen den amerikanischen Vorschlag keine Einwendun­gen erhebe, jedoch darauf bestehen werde, daß der Völkerbund mit dem Abrüstungsproblem weiter befaßt bleibe. Anderers-eits sei an­zunehmen, daß die Beteiligung Sowjet-Ruß­lands an der vorgeschlngenen Konferenz nicht als Bedingung für den Zusammentritt der Kon­ferenz gestellt werden touroe. Aucy die Aoend- presse bespricht das Vorgehen deS Präsidenten Coolidge In der Gntwaffnungssrage. DecTempS" findet, wenn man das Problem der Abrüstung zur See in dem Sinne, in dem Washington cs anempsehle, lösen wolle, zu gleicher Zeit aber dam Problem der Entwaffnung zu Lande und daS Problem der PotentielS de guerre u n q e * l ö st lasse, dann würde das bedeuten, daß man die Lage vollkommen per.älsche und die Sicher­heit aller Rationen zugunsten der Völker opfere, die sich hinter der beweglichen Mauer der Meere und Ozeane sicyer fühlen.

Was Washington erwartet.

Reuyork, 11. Fcbr. (TH.) 3n Washing­toner politischen Kreisen rechnet man damit, dah daS Memorandum der amerikanischen Regierung über die Einberufung der neuen See-Abrüstungs- konserenz von England und 3apan an­genommen, bei Frankreich und Sta­llen dagegen auf Widerstand ft oft en werde. Es wird darauf hingewiesen, daß dir englisch-französischen Beziehungen sich feit der Washingtoner Abrüstungskonferenz ständig verschlechtert hätten, während anderer;elid das Auftauchen Mussolinis die italienischen Machtträume hcrvorgcrufen habe, deren Vcrw rl- lichuv.g nur mit starker Armee und Flotte möglich sei. Deutschland spiele der ganzen Erörterung überhaupt keine Rolle, da es keine militärische Groß­macht mehr sei. Von Eoolidge nahestehenden Persönlichkeiten wird erklärt, daß jetzt die Zeit gekommen fei, da die Großmächte Farbe be­kennen und mit dem theoretischen Gerede auf» hören müßten, wenn es ihnen tatsächlich ernst­haft um die Abrüstung zu tun fei.

Die Aufnahme in (kng'and.

London , 11. Febr. (Reuter.) 3n hiesigen zuständigen Kreisen äußert man sich zu den Vor­schlägen deS Präsidenten Coolidge für eine Be­schränkung der Rüstungen zur See zustim­mend. Eine ausführliche Stellungnahme kann aber erst nach gründlicher Prüfung der ame­rikanischen Vorschläge erfolgen.

Tirpitz zur Botschaft des Präsidenten Coolidge.

Reuyork. 12. Febr. (TH.) Die Blätter des 3nternational Rcws Service veröffentlichen eine Unterteilung ihres Berliner Korresponden­ten S. Dunbar Weyer mit dem Großadmiral v. Tirpitz über die neuen Flottenabrüstungs- Vorschläge des Präsidenten Coolidge. Der Groß­admiral führte u. a. aus:Der neue Vorschlag des Präsidenten Coolidge für eine uneinge­schränkte Flottenabrüstungsverständigung unter­scheidet sich wohltuend von Methoden, die die Genfer Abrüstungskonferenz bisher anwandte, um eine wirkliche Abrüstung Frank­reichs und feiner europäischen Verbündeten zu umgehen. So versuchen die Vertreter dieser Staa­ten in Genf, das französische Heer von 4 Mill. Kriegsstärke in ein Heer von 335 000 Mann um- zuwandeln, also 3.75 Mill, im Kriege verwen­dungsbereiter Soldaten verschwinden zu lassen und 5000 vorhandene Flugzeuge, sowie riesenhafte Kriegsmaterialbestände als nicht vorhanden zu bezeichnen. Cs werden natür­lich einige Schwierigkeiten gemacht werden, doch ist der r»ue Vorschlag deS Präsidenten Coolidge

ebenso wie der vorherige FlottenabrüstungS- vorschlag der praktisch brauchbare Ver­such eines Weitblickenden Politikers, die all­mähliche allgemeine Abrüstung, der bisher nurDeutschland und seine ehemaligen Verbündeten restlos nachgekommen find, auch bei den anderen Staaten zu fördern. Die einfeitige Abrüstung Deutschlands gegenüber fei­nen biS an die Zähne bewaffneten Rachbarn widerspricht vollkommen dem Gerecktigkei sgefühl. aus dem heraus das amerikanische Volk feine Unterschrift zu dem Versailler Vertrag ver­weigert hat.

Kunst und Wissenschaft.

Agnes Sanna gestorben.

P r e s c o 11 (Aricona), 12. Febr. (DIB-Funk- E.) Agnes S o r m a , eine der berühmtesten «tischen Künstlerinnen, ist hier im 62. Lebens­jahre einem Herzschlag erlegen. Die Schauspielerin war seit 1890 mit dem Grasen Minolta verheiratet.

Agnes Gorma, eigentlich Pollaczek. geboren am 17. Mai 1865 in Breslau, betrat febon als 14 ähriges Mädchen die weltbedeu'Lnden Bretter war später in Görlitz, Posen und DKimar als Schauspielerin tätig und kam 1883 an daS Deutsche Theater in Berlin unter L'Arronge, wo fic alsbald Der Liebling des Publikums wurde. 3n Berlin vollzog sich auch die entscheidende Ent­wicklung und der Hebergang von der jugendlichen Raiven und Liebhaberin ins ernste, hochdrama- tifche und tragische Fach: als Kätchen von Heil­bronn. 3ulia, Ophelia, DeSdemona, Jüdin, Esther. Minna von Darnhelm. wurde sie eine Der gefeiert­sten Darstellerinnen ihrer Zeit.« Von 1890 bis 1894 wirkte sie am Kleinen Theater, um dann wieder an die alte Wirkungs­stätte zurückzukehren: bis Ende der 9Oct 3ahre blieb sie dem Deutschen Theater treu. Der aufkommende RaturalismuS machte die Gorma zu einer ebenso bedeutenden 3nterpretin der modernen Dühnenkunst. Besonders als 3bsendarstellerin (Hedda Gcbler, Rora) war sie unübertroffen; als Rautendelein und in Den Dramen SudermannS Hal e sie hinreißende Er- solge. 1899 ging sie nach Paris. 1900 begann fic mit einem eigenen Ensemble die Welt zu be­reifen, und in aller Herren Ländern sand sie stürmische Anerkennung und nebenbei die Möglichkeit, sehr bald ein Vermögen zu er­werben. Später kehrte sie vorübergehend nach Berlin zurück, um bei Drahm und Reinhardt Gastspiele zu geben. Mit Der Sorina, Die man die deutsche Düse genannt hat, ist eine der markantesten Persönlichkeiten Der älteren deutschen Schansp'e ercencra.ion Dafjngegangen.

Georg Brandes operiert.

Georg Brandes, der greife dänische Literar­historiker, der schon lange schwer leidend war, wurde in Kopenhagen wegen Darmverschlingung einer Operation unterzogen, die günstig verlies. Der Zustand des Patienten ist belried.gend.

Deutsches Operngaslspiel In Madrid.

Die deutsche Opern.ruppe, die an Der Ma­drider Oper ein Gastspiel gibt, hat unter Der musikalischen Leitung von Pros. Szenkar- Köln so außerordentliche Erfolge erzielt, daß der königliche Hof an die Truppe dieBitti? gerichtet hat, die Oper Lohengrin, die bis jetzt von einer italienischen Truvpe gelungen wurde, In deutscher Sprache zur Aus- sührung zu bringen. Die deutsche Botschaft be­müht sich, für die deutschen Künstler die dazu noitocnl i e Verlängerung ih.es Gastf^i.lurlaubs zu bewirken.

2lus aller Welt.

Lchwere Lchncekatastropsten.

Heber Korsika find so gewaltige Schnee­mengen niedergegangen, dah die Eifenbahn- verbindunng zwischen Bastia und Ajaccio unterbrochen wurde. Die meisten 6lehrt- zilärsleitungen Der 3nsel wurden gestört. 3n Erosaglia wurden Drei Häuser durch Die Dchnee- massen eingedrückt, in Palmeca Die Baracke italienischer Kohlenarbeiter, wobei 13 Arbei­ter Den Tod fanden und vier schwer ver­letzt wurden. Auch in 3 aPan sind infolge von Schnee stürmen 103 Personen ums Leben ge­kommen. Zehn Personen werden vermißt. Mehr als 20 000 Soldaten sind mit Den AufräumunpS- arbeiten längs Der Eiienbahnlinie.r beschäfttat. An gewissen Stellen liegt Der Schnee 16 ois 18 Fu.ß hoch. 3 e r u f a [e m ist infolge eines schweren Schneegestöbers zum erstenmal wieder seit 1921 in tiefen Schnee gehüllt. 3n Beirut hat ein Tornado gewaltigen Scha­den angerichtet. Die im Hasen liegend.-n Schiffe wurden von ihren Ankerplätzen losgerissen. Ba­racken wurden durch den Sturm sorlge.egt. Drei Senegalesen wurden getötet und mehrere schwer verletzt.

Raubüberfall auf eine russische Bahnstation.

Auf einer Vorortstation osn vchitoinir überfielen Banditen den Stationschef, ermordeten ihn und zwei Fahrgäste und bemächtigten sich Der Bahnkasse mit 18 000 Rubel. Die Banditen entkamen aus einer Lokomotive.

Sieben Bauarbeiter verunglückt.

In Heer len bei Amsterdam brach ein Baugerüst zusammen. Die darauf befindlichen sieden Bauarbei­ter wurden schwer verletzt. Zwei von ihnen star­ben kurz Darauf.

Degen der Versicherungssumme ermordet.

Bei Blankensee in Mecklenburg wurde Der 26jährige Knecht Karl Rohde tot auf» gefunden. Rohde war im Dezember v. 3. von feinem Arbeitgeber, dem Landwirt Krüger, durch Den Blantenseer Agenten einer Berliner Versicherungsgesellschaft mit 50 000 Mb ver­sichert worden. Die Ermittelungen Der Kri­minalpolizei ergaben, daß Rohde aller Wabr- scheinlichleit nach ermordet worden ist. Un­mittelbar nach Dem Tode RohdeS beantragte Krüger Die Auszahlung Der Versicherungs­summe. Krüger sowohl wie Der Versicherungs­agent wurden unt:r Mordverdacht verhaftet.

Auch im lobe vereint.

In Neustadt bei Koburg wurden yemeinsam an ihrem Diamantenen Hochzeitstage Die Paul Naßschen Eheleute beerdigt. Die 84jährige Ehefrau starb nach kurzem Krankenlager drei Tage vor ihrem Hochzeitstag, der Ehemann am folgen­den Tage während eines Kondolenzbesuches. Die Festvorbereitungen für das seltene Ehejubiläum waren schon im Gange