beklagenswerten Opfern die Teilnahme der Negierung zu übermitteln und aus seinem Dispositionsfonds zur Linderung der ersten Not Spenden zu verteilen.
Eine Fahrt durch das Unwettergebiet
Pirna, 10. Juli. Dem Bericht eines Pvesse- berichterstatters, der im Qluto das Katastrophen- gebiet durchfahren, entnehmen wir folgende Schilderung: Zwischen Rottwerndorf und Neundorf ist die Eisenbahnstrecke auf Kilometer hinaus vernichtet. Die Dämme existieren einfach nicht mehr, die Schienen sind wie Streichhölzer zersplittert und beiseite geworfen. In Neundorf sind alle Brücken abgerissen, ein Weiterkommen war unmöglich. Die Erbitterung der Bevölkerung wendet sich gegen jedes Auto. Man schätzt hier nur das Recht zu arbeiten, nicht aber zuzusehen. Wir müssen wenden, um zu versuchen, nach Berggießhübel hinauszukommen. An mehre en Stellen wird der Autoverkehr durch die Polizei kontrolliert. Nur die Presse und die Ar- beitskommandos kommen durch Lange Kolonnen von Lastautos mit Arbeitern der Feuerwehr, der Roten Front-Organisation und des Reichsbanners fahren auf Berggießhübel zu. Der Anblick des in einem engen Tal liegenden kleinen Ortes ist so unglaublich, daß er sich mit Worten nicht schildern läßt. In Berggießhübel werden über 100 Menschen vermißt, von denen bisher nur 59 als Leichen geborgen werden konnten.
Ein Pionierbataillon aus Dresden ist dabei, mit Hacken und Beilen die ungeheuren Trümmerhaufen auseinanderzureitzen, in denen man noch mehr Leichen zu finden erwartet. Da ist ein Auto, das der Flutwelle davonzufahren suchte und von ihr eingeholt wurde; es ist mit Schlamm an- gefüllt, die vier Insassen sind darin fest geklemmt ertrunken. Sämtliche Häuser am Ufer der Gottleuba sind auseinandergerissen, wie man eine Semmel zerbricht. Die Zimmer darin erinnern zum Teil an Wände, die durchstoßen sind, wie ein Schmiedehammer ein Blatt Papier zerschlägt. Lieber dem ganzen Ort liegt der Geruch von Chlorkalk, mit dem die Ertrunkenen bestreut worden sind, um Epidemien ;u verhindern. Hoch oben in einem Baum hängt unbegreiflicherweise eine halbe Kuh.
Die Flutwelle stieg bis zu den Dächern der Häuser in einer Zeit von zwei bis zehn Minuten, je nach der Entfernung vom Bach. @8, gibt Kinder, die keine Ellern mehr haben, und Eltern, die alle ihre Kinder verloren haben. Am Flußufer spielen sich unbeschreibliche Szenen ab. Familien suchen die Trümmer ihrer Habe aus dem Wasser heraus. Lieber den Kämmen des Erzgebirges ballen sich bereits wieder schwere Gewitterwolken. Die Hitze ist erdrückend. Auch Ober- schlottwih suchen wir vergeblich zu erreichen, da die Brücke zerstört ist. Pioniere aus Leipzig arbeiten an ihrer Wiederherstellung. In Dittersdorf dasselbe Bild. Hier arbeiten Pioniere aus Magdeburg. Die Soldaten sagen, daß sie in der Nacht vom Freitag züm Samstag alarmiert wurden und bereits morgens um 4 Llhr auf der Llnglücksstelle eintreffen konnten.
Die Ursachen der Wetterkatastrophe. Eigene Drahtmeldung des „Gießener Anzeigers".
Berlin, 10. Juli. Die furchtbaren Umvetter, die das Elbtal heimgesucht haben, haben uns Der- anlassung gegeben, über chr« Ursache eine Berliner Wetterstation zu befragen. Wie uns von Dort versichert wird, ist die wahrscheinliche Ursache der diesmaligen Unwetterkatastrophe in einem sog. „W ä r m e g e w i t t e r" zu suchen, das auf geringeren Luftdruck in einzelnen Gebietsteilen zurückzuführen ist. Bei einem solchen geringen Luftdruck und bei geringerer Luftbewegung ergeben sich lokale Temperatureigentümlichkeiten. Die Folge davon ist Neigung zu Gewittern, die unter diesen Umständen als Wärmegewitter zu bezeichnen sind. Diese Wärmegewitter, die also infolge geringerer Luftbewegung und infolge lokaler Verschiedenheit der Lufterwärmung entstehen, sind zum Unterschiede von Einbruchsgewittern nicht von Abkühlung begleit e t. Wärmegewitter sind in ihren Wirkungen gewöhnlich viel hefttger und verheerender als Einbruchsgewitter. — Die Wetteraussichten für die nächsten Tage werden hn übrigen als nicht allzu günstig bezeichnet, da über Frankreich und Deutschland sich langsam ein Tiefdruckgebiet ausbreitet, an dessen Nordseite noch der warme Oststrom herrscht, während an der Südseite kühlere, westliche bis südwestliche Luftmassen auftreten.
Der Verkehr
in das Unwetlergebiet.
Dresden, 9.Juli. (WB.) Im Einvernehmen mit der Reichsbahndirektion Dresden wurde von der Staallichen Kraftwagenoerwaltung Sachsens ein regelmäßiger Personenverkehr von Dresden über Dippoldiswalde nach Glashütte und von Pirna über Zehista nach Berggierhü»el als Ersatz für die fehlenden Eisenbahnverbindungen eingerichtet; ebenso wurde wegen der Einrich- tung von Güterlinien als Ersatz für die Eisenbahngüteroerbindung bereits das Erforderliche mit der Reichsbahndirektion vorbereitet. Die Staatliche Kraftwagenverwaltung beförberte die Technische Nothilfe mit Autobussen in das Unwettergebiet.
Die Hindenburgspende.
Berlin, 9. Juli. (Wolff.) Reichspräsident v. Hindenburg empfing heute den Leiter der Hindenburg-Spende, Ministerialrat Dr. Karstedt, zum Bericht über die bisherigen Vorarbeiten. Der Reichspräsident gab seiner Freude über den Widerhall Ausdruck, den der Gedanke einer Hindenburg-Spende zugunsten der Kriegsopfer in Deutschland und vor allem auch bei den Ausländsdeutschen gefunden hat.
Glückwünsche an den Grohherzog von Baden.
Freiburg. 9. Juli. (Wolff.) Anläßlich des heutigen 70. Geburtstages des ehemaligen Großherzogs Friedrich II. von Baden ist im grobherzoglichen Palais in der Salzstraße eine überreiche Fülle von Glückwünschen, und Blumenspenden aus allen Teilen des Landes und aus allen Schichten der Bevölkerung eingegangen. Zahlreiche badische Städts und Gemeinden haben heute des erkrankten, früheren Landesherrn gedacht, dessen Befinden
insofern heute eine Besserung zeigt, als der Patient auch heute fieberfrei ist. Der 2 a n des- ko m m i s f a r in Freiburg, Geh.-Rat Dr. Schneider, hat heute im Auftrage des Staatspräsidenten namens der Regierung unter Lieberreichung eines Blumenkorbs, der mit einem Band in badischen Farben geschmückt war, dem früheren Großherzog die Glückwünsche zum 70. Geburtstag sowie die Anteilnahme an der Krankheit des Jubilars persönlich übermittelt und zugleich die Wünsche für eine baldige Besserung und für die fernere Zukunst ausgesprochen.
KaÄrerch im saargebiet.
Die Umgehung der Genfer Beschlüsse.
Eigener Drahtbericht des ..Gießener Anzeigers".
Berlin, 10. Juli. Nach Meldungen aus Saarbrücken hat in der letzten Sitzung des Landesrats die Deutsch-Saarländische Bolkspartei eine Anfrage bekanntgegeben, in der es u. a. heißt:
1. Ist es richtig, daß die Regierungskom-- mission eine Kaserne reserviert hält für durchreisende Truppen der Rheinarmee?
2. Entspricht es den Tatsachen, daß die der Regierungskommission unterstellten Bahnschutztruppen militärische Llebungen in größerem Umfang unternehmen? Wenn ja, wie ist dies Verhalten mit den Genfer Ab- machungen zu vereinbaren, in denen ausdrücklich gesagt ist, daß die einzige Aufgabe der Bahnschutztruppen sein soll: Schutz der Bahnen in anormalen Fällen.
3. Ist es richtig, daß der französische Leutnant Ameil, der bisher als Verbindungsoffizier zwischen der Regierungskommission und der militärischen Verwaltung fungierte, jetzt nach Abzug der Truppen zum Oberregierungsrat befördert worden ist?
Der neue britische Präsident der saarländischen Regierungskommission wird also ein reiches Arbeitsfeld vorfinden, wenn er das Wirken der Regierungskommissivn in Einllang mit den Genfer Beschlüssen bringen will.
Die Genfer
Abrüstungsverhandlungen.
Genf, 9. Juli. (WB.) Das Exekutivkomitee der Dreimächteronferenz befaßte sich in der letzten Sitzung auch mit der von der britischen Delegation aufgeworfenen Frage der Revision der Bestimmungen des Washingtoner Vertrages über die
Großkampfs chisfe. Der Führer der amerikanischen Delegation, G i b s o n, und der Chef dec japanischen Delegation, Admiral Saito, erklärten, daß die Verhandlungen über diese Frage in Abwesenheit von Delegierten Frankreichs und Italiens, welche diesen Vertrag ebenfalls unterzeichnet hätten, nicht führen könnten: sie seien jedoch einverstanden, daß unter den Vertretern der drei Mächte ein kurzer Meinungsaustausch über d.e Bedingungen der für das Jahr 1931 vorgesehenen Revision stattfinde.
Ermordung bes irischen ZustiMMsters. London. 10. Juli. (Wolff.) Drei Männer, die sich in einem Auto befanden, gaben auf den irischen Juslizminister O'h i g g i n s, der mil seiner Gattin auf dem Wege zur Messe nach Booterstown in der Nähe von Dublin war, mehrere Schüsse ab. Der Minister wurde von drei kugeln in den Leib getroffen. Ein vierter Schuh verletzte ihn am Kopfe, kurze Zeit nach dem Attentat ist O'higgins seinen Verletzungen erlegen.
Nach Blätter Meldungen wurde der Minister von acht Revolverschüssen getroffen. Als et auf der Erde lag, sagte er: „Ich bin schwer verwundet, und ich fühle, daß ich sterbe. Ich habe mich immer um das Wohl Irlands bemüht und vergebe denen, die diese Tat begangen haben." Der schwerverwundete Minister tat klar und deutlich feinen letzten Willen bezüglich seiner Angehörigen und seines Besitzes kund. — „Daily Telegraph" meldet, daß am Samstagabend in Dublin drei Automobile g e st o h l e u wurden und daß das bei der Tat benutzte Auto eine falsche Nummer trug.
O'higgins war seinerzeit während der irischen Anruhen verhaftet und eingeferterf worden. De Valero ernannte ihn zum Assistenten Losgraves. O'higgins zog sich aber die Feindschaft der 5 i n n f e i n e r zu, als er im Jahre 1921 die Unterzeichnung des englisch-irischen Vertrages befürwortete. Im Jahre 1922 ist sein Vater ermordet worden. „Daily Expreß" erinnert daran, daß während der Zeit, in der O'higgins Justizminister war, nicht weniger als 7 7 A u f st ä n - dische hingerichtet wurden. In einer amtlichen Erklärung des „Generaladjulanten der republikanischen Armee", bestreitet der „heeresral" und der „Rat des Großen Hauptquartiers" nachträglich jede Kenntnis von dem Anschlag und jede Verantwortung dafür.
Annahme der Zolivsttaae im Reichstag.
Reichstags ferien.
Eigener Drahtberichk des ..Gießener Anzeigers".
Berlin, 10. Juli. Der Reichstag hat am Samstag also wirklich sein ganzes Arbeitspensum aufgearbeitet und ist in die Sommerferven gegangen. Ganz so einfach war es am letzten Lage doch nicht, man mußte immer mit der Möglichkeit rechnen, daß die Kommunisten Obstruktion bei den Zollvorlagen treiben würden; aber die Sehnsucht, den kommenden Sonntag zu Hause zu sein, war stärker als parteipropagan- distischr Erwägungen, und so begnügte sich die Opposition mit einigen mehr oder minder fulminanten Reden, denen die Regierungsparteien nur eine kurze Erklärung und der Ernährungs- minister eine Rede entgegensetzten, worin er neue Maßnahmen zur Förderung der Milchwirtschaft ankündigte. Schließlich wurde die Vorlage zur Aenderung der Zollsätze, der Erhöhung der Zuckerzölle und Herabsetzung der Zuckersteuer, in namentlicher Abstimmung. mit großer Mehrheit angenommen. Einen Beweis für die Rerbosität und Reizbarkeit des Hauses aber gab unmittelbar darauf ein überraschender Zwischenfall: Die bürgerlichen Parteien hatten einen Antrag eingebracht, worin sie die Regierung zu Hilfsmaßnahmen wegen der Llnwetterkatastrophe in Sachsen ermächtigen wollten. Man hatte allgemein mit einstimmiger Annahme gerechnet, deshalb wurde es mehr als peinlich empfunden, als die Kommunisten Einspruch erhoben. Die Entrüstung der Mehrheit steigerte sich, als der Kommunist Hörnle mit den massivsten Worten die Mehrheit beschimpfte und ihr Schwindel, Betrug sowie Heuchelei vorwarf. Trotz energischen Eingreifens des Präsidenten Loebe sprach Herr Hörnle dauernd weiter. Es half nichts, der Präsident muhte die Sitzung unterbrechen und Hörnle wurde für den Rest der Sitzung ausgeschlossen. Im Gegensatz zu der sonst üblichen Taktik der Kommunisten fügte er sich diesmal und war zu Beginn der neuen Sitzung nicht erschienen. Mit gutem Grunde, denn eine Bestrafung hätte den Verlust der Fveifahrkarte und der Diäten für den ganzen Sommer bedeutet, darauf mochte es Herr Hörnle nicht ankommen lassen. Schließ- llch stimmte der Reichstag dem Antrag der Parteien zu, nach Ablehnung eines kommunisti- schen Antrages, der, um die schlechte Wirkung des bisherigen Verhaltens auszugleichen, nun plötzlich Entschädigung in voller Höhe und als erste Rate zehn Millionen verlangte. Bei einer Reihe von kleineren Anträgen wurde auch noch ein Antrag der Regierungsparteien über die Aenderung der Arbeitszeit in den Bäckereien angenommen, allerdings mit der Abänderung, daß die beschränkte Sonntagsarbeit in den Bäckereien mit 210 gegen 190 Stimmen abgelehnt wurde. Das Haus erteilte dem Präsidenten noch die Ermächtigung, den Reichstag zu einer kurzen Tagung dm 26. September einzüberufen und vertagte sich dann für den Sommer.
Sitzungsbericht.
'Berlin, 9. Juli. (V. D. Z.) Auf der Tagesordnung steht die dritte Beratung der Zolländerungsanträge.
Abg Hertz (Soz.): Als Antwort auf das theoretische Bekenntnis Deutschlands zum Zollabbau auf der Genfer Weltwirtschaftskonferenz kam praktisch die Zollerhöhung Das wird in der Welt gedeutet werden als ein Beweis für die Zweideutigkeit der deutschen Politik. In der Handelspolitik stehen wir vor einem Trümmerhaufen; noch immer liegen wir mit Polen im Zollkrieg. Jetzt sollen zwei Privatmänner, die Abg. Lammers und Raumer die Verständigung mit Polen versuchen (Hört, hort). Das ist ein schlimmes Armutszeugnis für die Fähigkeiten unserer Regierung (Sehr wahr). Die Erhöhung des Zuckerzolls
bedeutet eine Prämie von 200 Millionen für die deutsche Zuckerindustrie. Wir beantragen im Einklang mit dem Reichsrat die Verlängerung des unveränderten Zolltarifes.
Abg. Thomsen (Dm) gibt für die Regierungsparteien eine Erklärung ab, in der diese ihre Zustimmung zu den vorliegenden Gesetzentwürfen erklären. Es wird die Erwartung ausgesprochen, daß die CBor arbeiten zur Schaffung eines neuen Zolltarifes ungesämt ausgenommen werden. Weiter wird darauf hingewiesen, daß gerade Schweinehaltung unb Kartoffelbau die wirtschaftliche Grundlage der kleinen und mittleren bäuerlichen Betriebe seien. Die Verschuldung dieser Klein- und Mittelb - triebe sei in hohem Maße fortgeschritten, so daß der Schuh besonders nötig und begründet sei. Der Zollschuh komme auch der konsumierenden Bevölkerung zugute, da en die Erzeugung steigere und damit auch eine möglichst große Unabhängigkeit unserer Ernährung gewährleiste. Jede Steigerung der Intensität der Landwirtschaft vermehre auch die Nachfrage nach Arbeitskräften. Mit allen Mitteln müsse aber auch die technische Entwicklung der Landwirtschaft gefördert werden. Gerade die Zuckersteuer sei in besonderem Maße geeignet, durch Ausfuhr die stark passive Handelsbilanz zu verbessern. Die Erhöhung des Zuckerzolles brauche sich nicht belastend auszuwirken, da gleichzeittg die Zuckersteuer gesenkt werde. Die Gesamtleistung des Zuckerkonsums durch Zölle und Steuern sei gegenüber dem bisherigen Zustand verringert. Zum Schluß wird die Lieberzeugung ausgesprochen, daß die Landwirtschaft alle Mittel der modernen Bodenkultur und Technik sich zu eigen mache, sobald die wirtschaftlichen Voraussetzungen dazu geschaffen sind. Eine auf diese Weise gesteigerte landwirtschaftliche Produktton werde die Kaufkraft des gesamten Landvolkes wesentlich stärken, den Deschäfttgungsgrad der Industrie erhöhen und deren Wettbewerbsfähigkeit mit dem Auslande verbessern.
Reichsernährungsminister Schiele»
Die Behauptung des Abg. Hertz von einem Gegensatz zu den Beschlüssen der Genfer Weltwirt- schaftskonferenz sei schon widerlegt durch die Erklärungen der Abg. Lammers / ,* Hermes, die als Teilnehmer an der Genfer Konferenz oersichett hätten, daß die gegenwärtigen Zollregierungsvorlagen keineswegs den Genfer Beschlüssen widersprechen. (Hört, hört! rechts.) Eine Erklärung im gleichen Sinne hat auch der Reichswirtschaftsminister Dr. Curtius abgegeben. Der Minister äußert sich bann zu dem im Ausschuß angenommenen Antrag der Regierungsparteien über das Gefrierfleischkontingent und erklärt dazu: „Um die Neuverteilung des Bedarfsverhältnisses anzupassen, ist es erforderlich, der Kontingentierung den Verbrauch an zollfreiem Gefrierfleisch im ersten Vierteljahr 1927 zugrunde zu legen. 77 Prozent der zollfreien Gefrierfleischmengen wird in 83 Großstädten verbraucht, und der Konsum ist sehr schwankend." Es wäre deshalb verfehlt, an der früheren Grundlage der Verteilung festzuhalten. Für die neue Verteilung am 1. Oktober müsse ein neuer Plan aufgestellt werden. Die Vermischung von zollfreien Kontingenten mit verzollter Ware ist zu verbieten, weil sonst eine eimnanbfreie Preisgestaltung für den Verbraucher nicht gewährleistet ist. Die Gemeinden und Polizeibehörden der Länder werden erneut veranlaßt werden, daß sie der Ueberwachung des Verkehrs mit zollfreiem Gefrierfleisch erhöhte Aufmerksamkeit zuwenden, und daß sie besondes die P r e i s g e st a l° t u n g einer ftän&igen Prüfung unterziehen. Zur »Förderung der deutschen Milchwirtschaft fordert der Minister den Ausbau und die Rattonalisie- rung der Molkereibetriebe, Standardisierung, Typisierung und gleichmäßige Beschaffenheit der Erzeugnisse, Verbesserung der Aosatzverhältnisse, umfassende Propaganda unter der Bevölkerung zur Steigerung des Konsums uftv. Für den Ausbau und die Rationalisierung der Molkereibetriebs habe
die Reichsregierung aus den Ueberlchüssen der Reichsgetreidestelle im Jahre 1926 ^Millionen be- reitgef teilt.
Abg. Koenen (Komm.) erklärt: Der deutsch- nationale Minister Schiele habe nunmehr die Verantwortung für die Neubelastung der Arbeiterschaft von sich abgewäkzt auf das Zentrum, dessen Vertteters Lammers und Hermes jetzt als Feigenblätter für die Zollerhöhung dienen. Jetzt sei es Sache der Arbeiterschaft selbst, die neue Verteuerung der Lebensmittel auszugleichen durch Lvhnkämpfe auf breitester Grundlage.
Abg. Dietrich- Baden (Dem.) betont, das Ziel der Genfer Konferenz werde besser erreicht werden, wenn man durch Herabsetzung der Jn- dustriezölle einen Ausgleich mit den Agrarzöllen suche, anstatt umgekehrt durch Erhöhung der Agrarzölle die Lösung zu suchen. Daraus müßten die Konsequenzen gezogen werden. Die Erhöhung der Kartoffelzölle könne außenpolitisch verhängnisvolle Folen haben. Auf die Dauer könne die deutsche Wirtschaft nicht in Ordnung kommen, solange wir mit unseren großen Nachbarstaaten Frankreich und Polen trotz guter politischer Beziehungen wirtschaftlich im Kriegszustände leben. Es müsse eingehend die Frage geprüft werden, ob es nicht möglich ist, mit Oesterreich zu einer Zollunion zu kommen. Das ist keine polittsche, sondern eine rein wi r t sch a ftkiche Frage, in die uns niemand hineinreden darf.
Präsident Löbe unterbricht die Beratung, um Mitteilung von der furchtbaren Lln- wetterkatastrophe in Sachsen zu machen. Er fügt, während sich die Abgeordneten von chren Sitzen erhoben haben, hinzu: „3<f> spreche den Verletzten und den Angehörigen der Opfer dieser Katastrophe das herzliche Beileid des Reichstages aus und zweifle nicht daran, daß die öffentlichen Behörden, wo es möglich ist, helfen werden, die Wunden zu heilen, die dieses furchtbare Llnglück geschlagen hat."
Abg. Fehr (Wirtsch. Dg.) sieht das Ergebnis der Genfer Weltwirtschaftskonferenz in der Forderung der Angleichung der Agrarzölle an Die Jndustriezölle. Dazu sei die Vorlage der erste Schritt. Der erhöhte Kartoffelzvll komme zwar mehr dem Großgrundbesitz als den bäuerlichen Betrieben zugute; aber die Landwirtschaft sei in allen Zweigen in der Forderung eines wirksamen Schutzzolles zur Hebung der Produktionskräfte einig. Leider sei in der Vorlage nicht der schweren Notlage der milcherzeugenden Landwirtschaft Rechnung getragen worden. In Genf sei anerkannt worden, daß die Kraft aller Völler nur durch die bäuerliche Bevöllerung erneuert werden könnte. Darum sei es eine Staatsnotwendigkeit, die bäuerliche Wirtschaft auf dem Zollgebiete zu schützen.
Nach Ablehnung aller Abänbcrungsankrage wird die Vorlage über Zolländerungen in Fassung der zweiten Lesung endgültig angenommen.
Dagegen stimmten die Kommunisten, Sozialdemokraten, Demokraten und der Zentrumsabgeordnete Dr. Wirth. Ein Abgeordneter enthielt sich der Stimme. Das Ergebnis der Abstimmung wirb von ber Rechten mit Beifallskunbgebungen, von der Linken mit Pfuirufen aufgenommen.
In dritter Beratung werden die Vorlagen über die Zuckerzollerhöhung und über die Herabsetzung der Zucker st euer angenommen.
Präsident Löbe teilt mit, daß ein von allen Parteien mit Ausnahme der Kommunisten unter- schriebener Antrag eingegangen sei: „Die Regierung wolle erwägen, ob zur Linderung der durch bie .Un = wetterkatastrophe im Oberelbegebiet verursachten Notstandes Reichs Hilfe notwendig ist. Gegebenenfalls wird die Regierung ermächtigt, die erforderlichen Mittel bereitzustellen." Präsident Löbe stellte fest, daß gegen die sofortige Beratung dieses Antrages kein Widerspruch erhoben worden ist.
Abg. Putz (Komm.) empfiehlt einen kommunistischen Antrag, wonach Das Reich Den vollen Ersatz für die angerichteten Schäden übernehme und 10 000 000 Mk. bereitstellen soll. Der kommunistische Antrag wird gegen die Antragsteller abgelehnt, der Antrag der übrigen Parteien gegen die Kommunisten angenommen.
Es folgt die dritte Beratung des Antrages der Regierungsparteien auf Aenderung der Arbeitszeit in den Bäckereien.
Abg. Müller- Franken (Soz.) erklärt, die Sozialdemokraten würden diesen Antrag adle h n e n , weil 'sie an dem Achtstundentag und der Sonntagsruhe festhalten wollten.
Abg. Dr. Pfeffer (D. Dp.) tritt für die von den Regierungsparteien beantragte Aenderung der Däckereiverordnung ein.
Ein Antrag der Regierungsparteien änderst den Ausschußantrag dahin ab, daß einschließlich der Arbeitsbereitschast die wöchentliche Arbeits- zeit 54 Stunden (statt 56 Stunden) nicht überschreiten darf, und daß für Die über die festgesetzte Arbeitszeit hinausgehenden Arbeitsstunden eine angemessene Vergütung zu zahlen ist. Mit dieser Aenderung wird hinsichtlich der Wochenarbeitszeit der Ausschußantrag in dritter Beratung angenommen. Die Desttmmung, die eine Beschränkung der Sonntagsarbeit zuläßt, wird in namentlicher Abstimmung mit 210 gegen 190 Stimmen abgelehnt. In der Schlußabsttm- mung wird der Antrag im übrigen mit 237 gegen 142 Stimmen angenommen.
Zur Beratung kommt dann der Einspruch. Den der Reichsrat gegen das Gesetz zum Schutz der Jugend b ei Lustbarkeiten erhoben hat. Der Antrag wendet sich gegen die für Filmaufnahmen beschlossene Ausncchme des Verbotes der Mitwirkung von Jugendlichen. Ein Antrag der Regierungsparteien toill die vom Reichsrat beanstandeten Aenderungen wieder auf* geben. Die Angelegenheit wird dem Bildungsausschuh überwiesen.
Damit ist die Tagesordnung und der Tagungsabschnitt des Reichstages erledigt. Präsident Löbe erhält die Ermächtigung. den Reichstag zum 26. September zu einer kurzen Tagung zusammenzurufen. Er entläßt die Abgeordneten mit dem Wunsche, daß ihnen die Sommerferieni eine Beruhigung und Stärkung für ihre Nerven bringen mögen.
Wettervoraussage.
Vielfach auffjeiternb, wärmer und meist trocken.
Gestrige Tagestemperaturen: 21,8 Grad Celsius, Minimum: 15,2 Grad Celsius.
Heutige Mvrgevtemperatur: 19,1 Grad Celsius.
Sonnenscheindauer: l8/. Stunden.
Witterungsaussichten für Mittwoch: Noch keine wesentliche Aenderung.


