Ausgabe 
11.7.1927
 
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Nr. 159 Erstes Blatt

UZ. Jahrgang

Montag, 11. Juli 1927

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Sietzener Anzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

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Furchtbare Unwetterkatastrophe in Sachsen

Wolkenbrüche und Hochwasser im oberen Elbgebiet. - Ungeheuere Verwüstungen. - Weit über hundert Todesopfer.

Line furchtbare Unwetterkatastrophe hat in der Rächt zum Samstag die Stadt Pirna an der Elbe und die weitere Umgebung westlich der Elbe heimgesucht. Am schwersten betroffen wurden die Städtchen Glashütte und Lauen st ein an der Müglih und Berggießhübel und Gott­leuba an dem Flüßchen gleichen Namens. Gleich­zeitig mit schweren Gewittern ging ein heftiger Wolkenbruch über die genannten Ortschaften nieder, der im Lause von 40 Minuten die beiden Neben­flüßchen der Elbe in reißende Ströme verwandelte, die in dem ganzen Gebiet furchtbare Verheerungen anrichteten. Der Eisenbahnverkehr ist vollständig unterbunden, zahllose Häuser sind zusammengestürzt und weit mehr als hundert Menschen sind unter den Trümmern begraben oder in den Wasserfluten ertrunken, lieber die entsetzliche Katastrophe, die in ihrem ganzen Umfange auch beute noch nicht an­nähernd zu übersehen ist, erhielten wir folgende Einzelmeldungen:

3m Hochwasser der Muglitz

Dresden, 9. Juli. (TU.) Die Müglih ist aus ihrem Bett getreten und die Tlfer bieten ein Bild grauenboTlfter Tragödie. Um 20 Ahr erhielt das Bürgermeisteramt in Glashütte von Lauenstein aus die Mitteilung, daß Hoch­wassergefahr im Anzug fei. Die Feuer­wehren waren sofort zur Stelle. Die Muglitz schwoll mit jeder Minute, und in l1/« Stunden war die Gefahrenmarke erreicht. Umi 23.15 Llhr wurden durch die Müglih gewal­tige Hvlzmassen angetrieben, und kurz dar­auf kam eine zwei Meter hohe Welle in das Tal gesaust, die rechts unö links und vor sich alles mit sich fortriß. Kurz vor 24 Tlhr war die Verwüstung geschehen. Die Katastrophe hatte ihr Ende erreicht. Vor dem Bahnhof Glashütte steht noch der letzte Zug nach Geising-Alten­burg, den man glücklicherweise angehalten hatte. Die Passagiere haben in den umliegenden Wirt­schaften Unterkunft gefunden. Von der Gewalt des Wassers wurden Telephon- und Telegraphen­stangen sowie Dahnwärterbuden wie Streich­hölzer umgeknickt und mit fortgerissen. Die Eisenbahnbuden sind umgerissen und teilweise 50, 100 und 300 Meter weit abgetrieben. Unterhalb des Bahnhofes hat sich die Müglih ein neues Bett gegraben. Kinder werden in ihren Wagen von Männern durch das Wasser getragen, Frauen werden teilweise auf Tragbahren hinübergeschafft.

Gin entsetzliches Chaos.

Berlin, 9. Juli. Die furchtbare Wetter- katasttophe, die sich heute nacht im Müglih- t a l e abspielte, erinnert an die Katastrophe, die vor 30 Fahren am 26. Juli 1896 Glashütte heimsuchte. Doch waren damals die Folgen nicht ganz so katastrophal wie heute. Vor einer auf dem Glashütter Bahnhof stehenden Loko­motive hat sich ein undurchdringlicher Wall von Baumstämmen und Gesträuch aufgetürmt, durch den es wahrscheinlich verhindert wurde, daß die Maschine von den heranstürzenden Wasser­massen umgestürzt wurde. Der Lokomotivführer mußte die ganze Aacht auf der Maschine zu­bringen und konnte erst heute morgen befreit werden. 3n den Diensträumen des Bahnhof- gebäudes, im Gepäckraum, in der Güterhalle und in der Dahichofsrestaurativn herrscht ein entsetzliches Chaos. Weit über einen halben Meter hoch steht hier der Schlamm. Der Hintergrund der Schienen ist weggespült. Die Gleise hängen gleichsam in der Lust. 3n den Strahenkörper sind tiefe Löcher gerissen. Aus den Straßen steht der Schlamm teilweise über einen Meter hoch. Die Häuser find ohne Fenster. Die Möbel liegen auf den Straßen. Die Sttaßen sind überschwemmt.

Aach Mitteilung Schönwalder Einwoh­ner sind dort 26 Häuser teilweise ganz zerstört, teilweise stark beschädigt. Der Oelsengrund ist mit Geröll und starken, entwurzelter Bäu­men angefüllt. Das Wasser hat Steinblöcke von 17 Zentner Schwere fortgeschwemmt. Die im Februar abgebrannte und wieder aufge­baute Köhlermühle in Oelsengrund wurde voll­kommen zerstört, wobei Mauern von einem Meter Stärke umgelegt wurden. Die schweren Eisenträger wurden von der Flut mit- fortgerisien. Das Wirtschaftsgebäude der Meißel- mühle wurde ebenfalls mit fortgeschwemmt. Da­bei kamen die Ehefrau und ein Kind des Wald­arbeiters Fakobasch ums Leben. Der Mann selbst wurde auch mitfortgespült, konnte sich aber retten. Er hat schwere Verwundungen davon­getragen.

ViellatastropheinBerggietzhübel

Dad Städtchen Berggießhübel ist am schwersten von dem Unwetter bettoffen. Die schmuhiggelben Fluten des sonst so harmlosen Gvttleubaer Baches wälzen sich durch die Stra­ßen. Die Hälfte der Bewohner ist obdachlos. Die Stadt bildet ein grauenhaftes Bild der Verwüstung. Allein in Berggießhübel schätzt man die Zahl der Todesopfer auf 70 bis 80. Der Park Zwiesel ist kaum noch vor­handen. Ebenso wie Berggießhübel hat auch der Keine Ort Zwiesel gelitten. Zwei Gebäude

sind hier vom Wasser glatt fortaeschwemmt, während ein drittes derart zerstört wurde, daß es niedergerissen werden muhte. Auch hier sind sieben Tote zu beklagen, darunter zwei Sommer­frischler. Die Zwieselmühle ist bis ms Erdge­schoß verschlammt. In Bärenstein sind bei den Bergungsarbeiten drei Feuerwehrleute er­trunken. Beim Tleberschreiten einer Brücke brach eine Dohle und alle drei wurden von den Fluten fortgerissen.

Der größte Sachschaden durch die äleber- schwemmung ist in Glashütte und Hmge» gcnd angerichtet worden. In der Uhrenfabrik von Stübner sind 3/4 Meter starke Mauern g e- b o r st e n. Im Bahnhof GK'hütte ist die Wasserwoge anscheinend zwischen 2 Züge geraten; der eine wurde nach links, der an­dere nach rechts umgewvrfen. Drei Wagen stürzten in die Müglih. Die Mvritzbrücke ist in drei Teile zerfallen. In einer Konditorei sind alle Bewohner des Erdgeschosses ertrun­ken. In einem andern Haüs wurde eine ganze Familie von Wasser und Schlamm erstickt. Der Bahnhof L a u e n st e i n ist voll­kommen zerstört worden. Die eisernen Brücken, Dämme und Gleisanlagen, ja selbst die Unter­bauten sind verschwunden. Auf dem Bahn­hof Lauenstein stand bei Einttitt der Katastrophe

ein Güterzug. Er wurde viele Meter weit auf die Straße gedrückt. Jetzt liegt der schwere eiserne Waggon wie zerknittertes Pa­pier etwa 1 Kilometer vom Bahnhof entfernt quer über die ehemalige Chaussee.

Die Schreckensstunde der Freitagnacht.

Dresden, 10.Juli. (TU.) Die Bewohner des Müglitztales find ein rasches Steigen ihres Flüß­chens gewohnt und wissen, daß es in verhältnis­mäßig kurzer Zeit viel Wasser zur Elbe leiten kann. Aus diesem Grunde hegte man keine besondere Be­fürchtung und Aengstlichkeit. Wie immer üblich, wurde der Wasserstand am Brückenpegel abgelesen. Gegen 12.30 Uhr nachts waren die Ufermauern noch nicht überspült. Gegen 1 Uhr nachts aber setzte ein Donnern, Toben und Krachen ein. Eine rasende Flut ergoß sich mehr und mehr. Bon Sekunde zu Sekunde wurde die Situa­tion ernster, aber noch nimanb ahnte, daß eine Katastrophe hereinbrechen sollte, die das, was die Talbewohner vor fast genau 30 Jahren erlebt haben, weit in den Schatten stellen sollte.

Die Telephonverbindung mit Dres­den und Pirna war unmöglich, so daß man

keine Hilfe von auswärts erhalten konnte. Mit rasender Geschwindigkeit stieg das Wasser. Plötzlich erlosch das elektrische Licht. Ueberall tiefstes Dunkel. Inzwischen r- reichten die Fluten eine Höhe, die man nie­mals für möglich gehalten hätte. Bor den Wohn­häusern stauen sich Balken, Bretter und Bäume. Jetzt ein furchtbares Krachen, eine eiserne Drucke ist hinweggespült worden. Immer höher stiegen die Fluten, erreichten bereits eine Höhe von zwei Meter, brachen in die höher ge­legenen Häuser ein, unterspülten hier altes und jagten die Bewohner aus ihren Betten, die kaum das nackte Leben retten konnten. Ein räderloser Eisenbahnwagen, der im Schuppen auf dem Bahnhof Burghardswald-Maxen lag, ist von den Fluten etwa 1000 Meter weit f origesPütt worden. Grauenhaft ist die Verwüstung. Kein Haus ist verschont geblieben, überall ist die gesamte Habe der Bewohner der unteren! Stockwerke verdorben. Aus einem Hause wird ein totes Ehepaar geborgen, aus einem anderen zwei Schwestern, die fest umschlungen den Tod in den Fluten mit ihrem sechsjährigen Kind fan­den. Bis an den Leib waten die Männer im Wasser und Morast, um die verschlammten Kör­per zu bergen. Trosllos der Anblick der verfal­lenen und verschlammten Häuser, des Zerstö­rungswerks der entfesselten Elemente.

Vie Zerstörung der Gstbesestigungen.

Beendigung der Kontrollbesuche.

Berlin, 9. Juli. (Wolfs.) Amtlich. Die Besichllgungsreise des Generalleutnants P a w e l f z, an der auf seine Einladung der französische Kommandant Durand und der belgische Major Pulinx teilnahmen, hat am 8. Juli 1927 ihr Ende gefunden. Durch gemeinsames Protokoll wurde festge­stellt, daß die Pariser Vereinbarung zwischen Generalleutnant von Pawelsz und dem In­teralliierten Militärausschuß von Versailles vom 31. Mai 1927 über die Zerstörung von Unterständen an der deutschen Ostgrenze vollständig durchgeführt ist.

Die amtliche Mitteilung, daß die Besichtigung der Ostbefestigungen durch einen französischen und einen belgischen Major in Begleitung des Generals v. Pawelh am 8. Juli ihr Ende gefunden imd das protokollarisch festgestellte Ergebnis gehabt hat, die Pariser Dereinoarung zwischen Generalleutnant von Pawelß und dem alliierten Militärausschuß von Versailles am 31. Januar 1927 sei vollständig durchgeführt, bedeutet, daß nun auch der letzte Rest- punkt von den Forderungen der Botschafterkonfe­renz, die sie an die Beseitigung der Militärkontrolle geknüpft batte, erledigt ist. Immerhin hat es fast eine Wocye gedauert, bis sich die beiden Militär­attaches von Frankreich und Belgien über eine Tat­sache unterrichtet haben, über deren Vorhandensein von dem Augenblick an, da der Botschafterkonferenz die Mitteilung von der Durchführung der verein­barten Arbeiten gemacht worden ist, kein Zwei­fel mehr bestehen konnte. Es wäre wahrhaftig sehr viel anständiger, vornehmer und würdiger ge­wesen, wenn sich diejenigen Mächte, die in der Bot­schafterkonferenz vertreten sind, untereinander dahin verständigt hätten, dem Bericht der deutschen Regie­rung rückhaltlos Glauben zu schenken. Zu einer solchen Höhe der Auffassung hat man sich freilich nicht emporschwingen können. Es war auch nichts anderes zu erwarten, denn solange in Paris der Geist Poincarss umgeht, wird man bei jedem Schritt, der auf dem Wege der europäischen Verständigung zurückgelegt wird, immer dieselben Hemm­nisse und Schwierigkeiten vorfinden. Wir müssen uns also auch hierüber mit dem für solche Umstände erforderlichen Gleichmut hinwegsetzen.

Wenn man jetzt noch einmal die ganze Tätig­keit der Interalliierten Militärkontrollkommission und der Dotschafterkonserenz auf diesem Gebiet überblickt, dann ergibt sich eine unendliche Kette von Stteitigkeiten, Meinungsverschiedenheiten und erzwungenen Auslegungen von Verpflichtungen Deutschlands, wie man sie selten in ber Ge­schichte finden wird. Mehrere hundert Beanstan­dungen sind im Laufe ihres Daseins von der Alliierten Militärkonttollkommission erhoben worden; alle sind sie in unendlicher Langmut und Geduld von der deutschen Seite allmählich bes eitigt worden. Drei Forderungen der Bot­schafterkonferenz als Arbeitgeber der Interalli­ierten Militärkonttollkommission waren bei deren Verschwinden noch übrig geblieben: die bean­standeten Befestigungsarbeiten im Osten, der angebliche Verstoß Deutschlands gegen das Verbot der Herstellung und Ausfuhr von Kriegsgeräten und die Umorganisierung der deutschen Schutzpolizei. Durch die Annahme des Polizeibeamtengesehes im Preußischen Landtag, durch die Annahme des Kriegsgerätegesetzes im Reichstag und nunmehr durch das soeben inhaltlich bekanntgegebene Pro­tokoll über die Feststellungsreise nach dem Osten sind auchdiese Forderungenvoll stän­dig beseitigt. Jetzt würde beim normalen Verlauf der Dinge etwas Aezres zu erwarten | fein. Was bisher mit gewissen Vorbehalten

erklärt worden war, könnte nun rück- und vor­behaltlos der ganzen Welt von der Botschafter- konferenz bekanntgegeben werden, nämlich daß die Entwaffnung, zu der sich Deutschland durch Unterzeichnung des Friedensdiktates von Ver­sailles verpflichten mußte, bis zum Tipsel auf dem I durchgeführt ift

Die logische Folge einer solchen Erklärung müßte einmal das Ende der B o tf cha f t e r k o n se- renz selbst bedeuten, denn deren Zweck mar es, mit Hilfe ihrer Organe die Ausführung des betreffen­den Teiles des Versailler Friedensvettrages zu über­wachen. In engem Zusammenhang damit steht die zweite logische Folge, die sich aus jener Feststellung automattsch ergeben müßte. Wir haben die Verträge von Locarno abgeschlossen, um Frankreich das Ge­fühl der Sicherheit gegen einen etwaigen deutschen Angriff zu geben. Aus dem gleichen Grunde sind wir dem Völkerbund beigetreten. Außerdem gibt sich Frankreich eine neue Rüstung, die es ohnehin in den Stand setzen würde, jedem möglichen Angriff Deutsch­lands sofort mit unerhörter Ueberlegenheit zu be­gegnen. Unter solchen Umständen wird das Ver­bleiben fremder Truppen auf deut­schem Boden als Maßnahme zur Sicherung der französischen Grenze vollkommen hinfällig. Es müßte also jetzt, wenn die Botschafterkonferenz sich verpflichtet fühlt zu der ausdrücklichen Erklärung, daß Deutschland die Bestimmungen des Versailler Friedensoertrages voll erfüllt hat, unser besetztes Gebiet vom Feinde geräumt werden, und dann würden auch die letzten Obliegenheiten der Botschas- terkonferenz, nämlich die Regelung des Verhältnisses zwischen Vesahungsarmee und Bevölkerung im be­setzten Gebiet überflüssig werden.

Leider sind wir noch lange nicht soweit. Wenn es eine Zeitlang nach Locarno und bei unserem Eintritt in den Völkerbund so schien, als ob eine solche im Interesse Frankreichs und Deutschlands in erster, Europas in zweiter Linie gelegene Verständigung möglich wäre, so haben sich seither die Verhältnisse langsam, aber sicher zum Schlimmeren gewandelt. Wir be­fanden uns, wie Stresemann in seinen öffentlichen Aeden im Reichstag und in Oslo unmißverständ­lich dargetan hat, in einer Krise des Ver­trauens, jetzt wäre der geeignete Zeitpunkt gekommen, um die Krise zu überwinden und das Derttauen in die Fortsetzung der Ver­ständigungspolitik wieder herzustellen. Aber wir glauben, daß unsere Hofftmng auf eine Er­füllung dieses Wunsches schwer enttäuscht werden wird.

Aach den neuesten ^e^öungen aus Paris platzen in der Kammer die Gegensätze der Par­teien, aus denen die Regierung der nationalen Einheit zusammengesetzt ist, so heftig aufeinander, daß sich die Stimmen mehren, die ein nahes Ende des Kabinetts Poincare prophe­zeien. Der Mann, der vor drei Jahren unmittel­bar nach seiner Wahlniederlage als abgetan galt und vor gut einem Jahr als der Wieder- Hersteller und Retter der französischen Währung in den Himmel gepriesen wurde, wird heute be­reits wieder von ihm sonst nahestehender Seit« scharf verurteilt. Man mag über diese Wand­lungsfähigkeit des französischen Volkes denken, wie man will, bisher ist es chrn auch noch immer gelungen, alle Vertrauenskrisen in der Kammer zu überwinden. Aber wenn eine solche Krise der anderen immer schneller folgt, dann ist es für einen mit den parlamentarischen Verhältnissen vertrauten Beobachter nicht schwer, das baldige Ende vorauszusehen. Vielleicht aber auch nur vielleicht ist dann der Augenblick gekommen, wo eine Rücttehr zu der Politik von Locarno und Genf möglich Ware.

Weit über 109 Tote.

Berggießhübel. 10. Juli. (Wolff.) Soeben hat der Stadtrat von Berggießhübel die e r st e amtliche L i st e der bei der Unwetterkatastrophe ums Leben gekommenen Personen ausgestellt. Nach dieser Liste sind bisher 82 Einwohner von Berggieß­hübel. 3 Sommergäste und 8 ortsfremde Kabel­arbeiter als tot festgestellt, also insgesamt allein in Berggießhübel 93 Todesopfer, doch ist es immer noch nicht ausgeschlossen, daß diese Liste sich ver­größern wird. In Berggießhübel waren bis beule mittag 86 Leichen aufgebahrt. Es wird leider damit zu rechnen fein, daß die Gesamtzahl der Toten in dem vom Unwetter heimgesuchlen Gebiet 10 0 weit übersteigen wird. In Pirna hat der Skadtrat gestern eine außerordentliche Trauer- sihung abgehalten, in der eine Hilfs- und Ret­tungsaktion eingeleitel wurde. Die öffentlichen Ge­bäude in Pirna haben halbmast geflaggt. Die Rot ist groß und schnelle Hilfe dringend notwendig.

BasBeileiö des Reichspräsidenten

Berlin, 9. Juli. (WB.) Der Reichs­präsident sandte an den Ministerpräsidenten? Heldt in Dresden folgendes Telegramm: Der sächsischen Regierung übermittle ich den Aus­druck aufrichtigster Teilnahme an der D.nwetterkatastrophe, die im Erzgebirge so vielen Ortschaften Schaden und so vielen Familien! Trauer gebracht hat. Ich bitte Sie, die so schwer Betroffenen meines herzlichen Mitgefühls zu ver­sichern. Auch der Reichskanzler sandte an den sächsischen Ministerpräsidenten folgendes Te­legramm:^ Tief erschüttert von der Aachricht der furchtbaren Wetterkatastrophe im Erzgebirge, spreche ich der sächsischen Staatsregierung zu­gleich namens der Reichsregierung mein herz­lichstes Beileid aus. 1

Der Reichswehrminister sandte aus An­laß der Unwetterkatastrophe in den schlesischen und sächsischen Gebieten an das preußische Staatsministe­rium und an die sächsische Staatsregienmg folgendes Telegramm: An den Unwetterkatastrophen nimmt die Reichswehr wärmsten Anteil. Es märe ihr eine Genugtuung, wenn sie die eingetretene 91 o t lindern könnte. Die örtlichen Befehlsstellen werden den an sie ergehenden Anforderungen auf Hilfeleistung gern entsprechen.

Die Rettungsaktion.

Berlin, 11. Juli. Wie demMontag" aus Pirna gemeldet wird, sind tn Berggießhübel und Gottleuba je eine Abteilung Artillerie ein­gesetzt worden, desgleichen Abteilungen von Ka­vallerie, Infanterie und Pionieren. Gleichzeitig sind von Dresden aus weitere Abteilungen mit Feldküchen entsandt worden, um vor allem die hungernde Bevölkerung zu speisen. Durch Zerstören der Wasserleitung fehlt es in vielen der betroffenen Ortschaften auch an Trinkwasser. Die in Weesenstein eingesetzten 60 Dresdener Schupobeamten und 90 Mann der Technischen Aothilse waren heute mittag nach fast ununterbrochener 24ftünbiger Arbeit völlig erschöpft. Heute nachmtttag wurde eine große Anzahl Schlammpumpen nach Weesenstein; entsandt, um den teilweise in den Häusern vier Meter hoch liegenden Schlamm schneller zu besei­tigen. Selbst das auf hohem Berge liegende Schloß Weesenstein zeigt infolge der Erschütte­rung des Untergrundes Risse.

Ministerpräsident Heldt im Hochwassergebiet.

Dresden, 9. Juli. (Wolff.) Wie amtlich ge­meldet wird, hat sich der sächsische Minister­präsident mit den Ministern Dr. A p eit, Elsner und V)eber tn das Aotstandsgebi^ begeben, um sich an Ort und Stolle von dem Umfang der KcttaskttchHo 8U überzeugen urcbt