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Samstag, II. Juni (927

177. Jahrgang

Nr. 154 Erstes Blatt

Gietzener Anzeiger

General-Anzeiger für Oberhefsen

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Die Schüsse von Warschau.

KL» an etnen der letzten üunttoge des verhäng. Msvollen Jahre» 1914 m Sevofewo bo» österretchi. sch« Thronfolgerpaor ben Äugeln serbischer Lvrn- toter turn Opfer hd. unb wenige Wochen später Oesterreich die Beziehungen zu dem Staate abbrach, der öle Mörder bewaffnet und über die bosnische Grenze gesandt hotte, trat geradezu unheimlich auto- malisch da» ffirchib^re BündTNssystem in Aktion, do» In Fahren geschauter Ärde.r VTL unb seine gelehrigen Schüler im Foretan Office gegen Deutsch­land und seinen öfterreich,sch.ungorischen BerdÜn- beten geknüpft hatten. In Vari» und Petersburg hörten PoincarL unb die Ponslawiften Ihre Stunde schlagen, die Augen der Dell richteten sich auf Lon­don, eine energisch» La mutig ein entschiedene» Lichoersogen de» britischen Reiche» hätte ben Arieg vielleicht verhindert, den Weltbrond oernneden. Aber Edward Ören sanken die Arme schlofs herunter, er fühl le sich nicht berufen, dem "Jtaberfrjftem in die Speichen yi greifen, do» er unb sein königlicher Lehrmeister konstruiert hatten, und do» nun mit un­heimlicher Provision die furchtbare Kriegsmaschine in G^ng letzte, die Europa für Jahrzehnte in ein blutgetronfte» Leichenseld oerroanbeln sollte. Die Bölter wollten keinen Äriea, wenn es auch Zweifel- lo» 'Parteien gab, bie mit dem Gedanken einer ge» roaltlamen Auseinandersetzung zwischen ben beibrn groben europäischen Mächtegruppen spielten: in den ÄobineMen war gewiß niemand, dem nicht bei aller Skrupellosigkeit doch da» Herz im Busen schneller schlug bei dem Gedanken für die Entfesselung eine» Krieges die Verantwortung yi tragen. Ader der Mechanismus der Bündnissysteme walzte diese Reime einer besseren Einsicht nieder, bevor sie am Duai d'Orsay oder an der Newa Taten fruchten konnten. In bcrn Augenblick, wo man raubte, bab England nicht beiseite blieb, gab e» keine Hemmun­gen für den Kriegswillen.

Wir befinden une heute in einer weltpolitischen Situation, die der Lage vom Juni 1914 verzweifelt ähnlich sieht. Nicht alc ob man bi» in» einzelne die Einkreisung der Mittelmächte durch Eduard VII. mit der politischen Isolierung vergleichen könne, in die England heute bas bolldKroiftifdx* Rußland hinein- jumanöorieren sucht. Deutschlands geographische Lage Im Zentrum de» Erdteils mit drei trockenen Grenzen und ohne einen Ausweg ans freie Meer war einer solchen Politik weit günstiger als das über Kontinente hingebreitele '.Hufjlanb. Aber plychologifch ist die politische Atmosphäre in ähnlicher Weise mit unmehbarm mtgegcnstredenden Energien geloben wie damals. Der britisch.russische Kon­flikt treibt mit ollen Segeln dem Höhepunkt der Krisi» zu. Der grobe weltgeschichtliche (steten fotz zwi­schen England und '.Rufolanb, für wenige Jahrzehnte durch den gemeinsamen Antagonismus gegen Deutschland gemildert, flammt wieder auf, beginnt wie in der viktorianischen Aera erneut die Welt-

polilik zu beherrschen. Das Räteruszland hat die im- verialislischen Ziele de» 1917 zu ©oben geroorfenen Zarentum» übernommen. Seine Mittel sind andere, nicht weniger wirkungsvolle. Davon zeugt die Ner­vosität in England, ^is britisch Bürgertum mit feinem scharf ausgeprägten Sinn für Besitz stehl der hemmungslosen k o m m u n i st i s ch e n v r o p a ganba, die die dritte Internationale von Moskau aus nicht erst feit heute im britischen Mutterlands sowohl wie in den Dominions, in Indien und den Kolonien entfaltet, nicht gleichgültig gegenüber. Propagandabureau der Komintern und amtliche Vertretung der öoroictregierung waren praktisch nicht ausetnanderzuhalten, bat» brauchten Dem Kun- bigen nicht erst die ^Haussuchungen in Peking und London zu betveisen. Auch überall an feinen Außcn- poften an d.»r langen asiatischen Grenze fühlt Eng- lanb den russischen Druck: in der Türkei, in Persien, mb ni cht zuletzt in ©bin i, unb überall noch dazu in dieser schwer greifbaren Form des 3becnfampies mit Schlagworten, bie auf unterdrückte Völker ihre Wirkung noch nie oerfoMi haben

Die britische Staatskunst ist zur Gegenwehr an­getreten. Rußland ift politisch ausgekreist. Moskaus Verträge mit dem Deutschen Reich sind falt die ein- zigen Brückenpfeiler zur übrigen Welt herüber. Auch andere Leute madwn Geschäfte mit den Bolsche­wisten, aber politisch werden sie bebanbelt wie Aus­sätzige, deren Berichrung dem eigenen Volke lob und verderben bringt. Dos ist bie natürliche Ab- wehr geiH n b-t» Gift der von Moskau gcpcificn kommunistischen Keimzellen, bie jede europäische Macht, aber auch Amerika in ihrem Lolkskörper bc- brohlid) ;puren. Jetzt ernten die Moskauer Gewalt­haber was sie gefä* haben, wenn es in Englund ben radikalen Tornfuqrern geling!, die Volksstim- mung i.ir ihr. «chrofie antirufsifche Politik zu ge­winnen. Die Kündigung des Harbeisabkommens mit Rußlunb unb der Abbruch ber Beziehungen zu Moskau findet zwar im britischen Volk keine be- aeifterte Zristimmung. aber man fühlt sich doch aller- »eite erleichtert, die ungemütlichen Gäste los zu fein. Dust dem Ofenen Bruch auf beiden Seiten Brand­rede i beamteter Persönlichkeiten oorhergingen unb Nachfristen. die nicht aceipnct waren, auf bie kochende ToKsfeek beruhigenb zu wirken, bars nicht rounbernehmen. Die ocrantroortlubcn Staatsmänner beider Parteien fehlten das Bedürfnis, ihre Politik vor ich. n eigenen Volke zu oerteibigen und vor dem kritischen Forum der Welt den Gegner mit der Alle inschuld am Ausbruch des Konflikts zu belasten. In dieser überhitzten Atmosphäre sollte ein so furcht- bare» Gescheh n wie das Re v o 1 ne r a 11 c n t a t auf den russischen Gesandten in War­schau ein warnend es F anal sein, den Bogen nicht zu über pann'n unb sich der Erkenntnis nicht ui txr- schließen, w^'ßn b. r Weg gegenseitiger Verhetzung zu rühren pflegt, vorläufig allerdings ist die Wir­kung Iciber e n? andere

Rußland beschränkt sich nicht daraus, von Polen eine strenge Bestrafung des Täter» zu verlangen.

Tin Moskauer Vlutgericht.

Iwanzig Opfer der Tscheka als Konterrevolutionäre erschossen.

Es wäre gewiß verständlich gewesen, wenn bie Ootojerregtcrung gegen die Anhäufung von 2!Keniaten, die in ben letzten Tagen in War­schau, Minsk und in Petersburg er4rügten, sich jur Wehr setzte. Tiber die Form, in der das geschehen ist, muh doch berechtigte Erregung bei allen Kulturvölkern Hervorrufen: die Staats- pol.zei. die ju Zetten DachcrfinfkiS mit rücksichtslosem Terror jede Gegenrevolution im Keime erstickte und deswegen fast die gesamte russische Intelligenz an den (Folgen brachte, ist mit einer Veröffentlichung betDorgetreten, worin sie kurz und bündig mitte.lt, daß zwanzig Weißgardisten" ohne ordentliches Gerichtsverfahren nur wegen an­geblicher n^on archistischer Propa- ?anda oder wegen öpionagetätig» eit erschossen worden sind. Unter ihnen Persönlichkeiten, die einmal eine Rolle in Ruß­land spielten, wie Fürst Pktul Dolgorukow, of­fenbar Menschen, die teilweise schon feit Mo­naten im Kerker saßen, die also gewisser­maßen auf Eis gcleat wurden, um bei irgend­einer Gelegenheit alS warnendes Stem­pel hingerichtet zu werden. Diesen Zeit­punkt hat dieG.P.ll." jetzt als gekommen er­achtet. Sie knüpft damit an die Zeit rücksichtsloser Bekämpfung aller antibvlfchcwistischen Elemente an und macht mit einem Schlage alle Bemühun­gen, die in den letzten Jahren gemacht wurden, um das bolschewistische Regiment international hoffähig ju machen, wieder zunichte. Mag sein, daß unter den Erschossenen manch Schuldiger gewesen ist. der gegen die bestehende Staats­ordnung Rußlands fronbieren wollte und den Versuch mit dem Leben bezahlen mußte: daS Entscheidende ist doch, baß die Russen keine Zeit oder Getegenheit hatten, auch nur den Schein eineS Gerichtsverfahrens zu wahren, son­dern nach reiner Willkür arbeiteten.

Sie dürfen sich nicht wundern, wenn dar­über ein Schrei der Entrüstung durch Die Welt geht und wenn Ihre außenpolitische Situation dadurch wesentlich schwieriger wird. Denn mit einem Staat, der sich solche Un­geheuerlichkeiten leistet, ist ein Zusammenarbei­ten in ber Tat schwer möglich. Gerade Cham­berlain wird in Gens mit Genugtuung dies Argument aufgreifen, das ihm die Tscheka ge­liefert hat unb eine moralische Ein­heitsfront gegen Rußland herzu stellen suchen: vielleicht gerade um deswillen, weil das Exempel, das hier statuiert worden ist, beson­ders In England wirken sollte. Die Russen fürch­ten zweifelwS, daß England feinen Kampf ge­gen den Bolschewismus unterirdisch führen und die Zersetzungsbestrebungen in Rußland finanziell ju unterstützen suchen wird. Sie haben gegen diese Möglichkeiten abschreckend vorgehen und alle englischen Emissäre warnen wollen, ihren Kopf nicht in dieser Form aufs Spiel zu setzen. Fraglich, ob ihnen das etwas hilft, weil der fanatische Bolschewistenhaß. ber in diesen Emif- sären steckt, oft genug stärker sein wird, als der Wille zum Leben. Möglich auch, daß durch

bie Tatsache bieser Hinrichtungen der Innere Streit zwischen den Bolschewisten zur Ruhe kom­men sollte, um aus der Parole einer Vertei­digung des ganzen Sowjetsystems gegen An- gnffe von außen her die Zersetzungoerfcheinun- gen zu bekämpfen, bie sich neuerdings in der Äaltflellung Trotzkis unb Sinowjew- zeigen. Aber selbst, wenn man all diese Argumente be­rücksichtigt. bleibt doch die Hinrichtung der un­glücklichen zwanzig Opfer eine Der schwer­sten politischen Fehler, die sich der Bol­schewismus hat zuschulden kommen lassen, eben weil er mit furchtbarer Deutlichkeit zeigt, daß zwischen Kulturnationen und einem System, wie eS gegenwärtig in Moskau am Ruber ist, ein Zusammenarbeiten nun einmal nicht möglich ist.

Die Tscheka an ber Arbeit.

Tao Todesurteil an zwanzig angeblichen Konterrevolutionären vollstreckt.

Moskau, 10.3unL (Iclcgraphenagcnlur ber Sowjetunion.) Die Moskauer Preffe veröffentlicht eine Mitteilung der Bereinigten Staatlichen politi­schen Verwaltung (D. p. U. (Tscheka), worin cs heißt: Angesichts des Ucbcrqangcs zum terroristi­schen jerftörenben Dioersionsfampf seitens ber mon- archislischen IDeihgarblficn, bie von jenseits ber Grenze nach Anweisung unb m 11 Mit­teln be« ausländischen Geheimbien­st e » vorgehen, sollte das Kollegium der Bereinig­ten Staatlichen Politischen Betroaltung in seiner Sitzung vom 9. Juni hinsichtlich der folgenden 20 S ertönen ein auf Erschießung lautende»

rtcil. da» bereit» vollstreckt Ist:

Pool Dolgorukow, früherer Fürst, der eines der führenden Mitglieder der auslönbllchen Monarchist ijchen Crganifationcn war, die iucrjol au» Rumänien In vas Territorium der Sowsel- unlon eindrangen.

Clocngren, früherer Slab»rittmelfter, der zusammen mtl dem dem englischen Gehciindstnst angehvrenden englischen Offizier R 11 e y an der Or­ganisierung des Attentats teilnahm, das auf die von Tschitscherin geführte Soipjefbeteaation zur Konferenz in Genua während ihrer Durchreise durch Berlin unternommen werden sollte. Etoen^ren drang Ira Jahre 1926 illegal in das lerritonum der Sowjetunion ein.

Malewitsch MaIewskI, der 1927 zu der SplonagetäHgfell in die Sowjetunion entsandt wurde.

J e ro r I n o ro , früherer zaristischer Konsul. Un­geteilter der Staatsbank der Soroietunion, der an 5) odgson Sphmageausfünfte lieferte.

Skalskl, früherer Adliger, der einem engli- fchen Spion in Finnland, Bunakow, Auskünfte über die Kriegsindustrie der Sowjetunion erteilte.

Popow, früherer Offizier, der aus Frankreich zurückgekehtt war, um im Auftrage des früheren zaristischen Botschafters Maklakow im konter­revolutionären Sinne tätig zu fein.

Scheglowltow, Sohn eine» General», der Spionaaearbclt für ausländische Stabe führte.

Wischnjakow, früherer vereidigter Rechts­anwalt. Teilnehmer der monarchistischen Organisa­tion, der mit Emigranten in Berbin- b u n g stand.

S u 11 a 11 n , früherer Oberst der IDrangei- armer, Organisator be» mißlungenen Attentat» auf Krassin im Jahre 1926.

In u t a f o ro, Kaufmann, der die Tätigkeit der monarchistischen Organisationen In ber Sowjetunion finanzierte.

Pawlowitsch, früherer Ehef der fticroer Kampsivehr -Zweiköpfiger Adler".

Naryschkin. früherer Offizier, ber einer Janzen Reihe von ausländischen Bertretem in Mo»- aa Spionenbienfte leistete.

Popow KaraIow, früherer Kapitän, der mit dem Agenten de» rumänischen Geheimdienste», Urenjuk. In die Ukraine eindrang, um Banden zu organisieren.

M i t k u I i n . früherer Kammrrheee. frühere» Mitglied des Reich rate. Jnhaber ber Woh­nung. worin sich die aus dem Auslande elntref- n verbergen pflegten.

C g t f d) c ro . früherer Offizier, der dem Mit­glied der englischen Miffion Lharnock Spionage- a u »t G n f I e lieferte.

koropenko. ehemaliger Hauptmann in der Armee koltfchakv. der an hodgfon militärische Aus­künfte lieferte *

Salomon Gurero11sch. der da» Attentat auf Bykow unb Stalin zu verüben versuchte.

Masuren ko. früherer Offizier Kollstitak», der hodgfon Splonageauefünfte über bas Transportwesen und Militärtranspotte liefert!

Annenkow alias Machrow, früherer Offizier der Judenilsch-Armer. der 1927 im Auftrag ber russischen Monarchisten au» Pari» eintras

M e n t s ch t s ch e r s k i. früherer Fürst und Guts­besitzer, der aktive Arbeit zugunsten des früheren Groyfürsten Tlifolal Tkikolajewilsch betrieb.

Beginn einer neuen Schreckensherrschaft.

DiePraioda"

beschwört den Ocist Tserschinstib.

Riga, 10. Juni. (TU.) Wie au» Moskau ge- in et bet wirb, sind in Charkow. Nitolasewfk unb Odessa zahlreiche weitere Verhaftun­gen. barunter auch solche von Auslanbern, üorgenommen worden Die Oppositionsführer er­heben lebhaften Protest gegen bie Schreckensh^rr- ichaft. Da» oberste Kriegs- u,.d Revolutionstril'un.il hat zur Rechtfettigung gegenüber ber Oeffenttfchkeit bie Akten ber 5)nrgerichteien eingeforbert. 'Weiter wird gemelbet, daß bie ©otvjetrtgicrung beabsichtige, sämtliche britischen Staatsangehöri­gen aus ber Sowjetunion auszuweifen. Al» Gegenmaßnahme gegen angebliche englische Irup- penzufammentziehungen in Inbien werben Trup­penteile ber Roten Armee In lur*

ber als ruffifd^er Emigrant bald feftgejteQt war, sondern es sucht den geistigen Urheber dieses Warfthauer Attentats unb ber in ber gleichen Woche in Minsk unb Veningrab auf bolschewistische Wür­denträger verübten Bombenanschläge in Eng­land Man hält den Briten ein langes oünben- regiflcr vor, bas nachweifen soll, wie seit Jahr unb lag Spione unb Attentäter aus ben Kreisen russi» scher (Emigranten in London Geld, ©affen und In- ftrulrionen erhielten. Die Behauptungen werben durch Zeugenausiagen unb anderes dokumentarisches Beweismaterial belegt. Die Moskauer Machthaber haben nun aber leider nicht in Rechnung gestellt, daß man in Westeuropa nicht vergeßen hat. auf raeldi abscheuliche Weise solche Zeugenaussagen in den Folterkammern ber G. P. U zustande kommen unb was baher von diesenBeweisen^ zu halten ift Die berüchtigte Tscheka war noch nie m Verlegen­heit, wenn es galt. Unschuldigen ben Prozeß zu machen ober ben Staatsmännern des Kreml doku- mentattfche Unterlagen für irgendwelche Behaup­tungen von feindlichen Machenschaften ftemder Staatsangehöriger zu verschossen. Man weiß seit langem, wie dies Beroei»material zu bewerten ist

Fäden irgendwelcher Art von dem Warschauer Attentäter nach London führen. Aber darüber kann Jein Zweitel herrschen, büß bie Atmosphäre, bie die drei Attentate in ber letzten Woche zeitigten, psychologisch erst durch bas «chrofte Vorgehen ber britischen Regierung gegen die Bolschewisten g e schaffen würbe.

UcberaU in ber weiten Welt verstreut, in Deutsch­land, in der Schweiz, m London unb Psris und brühen in Amerika sitzen die aus ihrer Heimat ver­triebenen rufsischen Emigranten, voll begreiflichen Ljasses gegen ein System, bas ihnen gar zu oft Berni und Vermögen genommen, ihre Familie hin- geschlachtet hat. Sie am allerwenigsten können unb wollen glauben, daß bie Rateherrichaft ror, 2 ift, daß nicht über kurz ober lang ber Bolschewismus zusammenbricht. Mil dem geschärften Auge des poli- tischen Flüchllings verfolgen sie die Entwicklung der politischen Lage, ihnen kann die antibolschewistische Delle nicht entgehen, die durch bie Welt geht, mag sie sich auch weniger gegen bie Regierung ber Sowjetunion als gegen be Propaganda des Rom» munismus richten. In Frankreich hält ber Innew

minifter Sa traut feine berühmte Rede über die kommunistische Gefahr in ben Kolonien, ein so be­deutender amerikanischer Staatsmann, wie ber Bot­schafter Herrick spricht in Paris ohne Not unb mit gewollter Schroffheit gegen ben Kommunismus. Unb nun vollzieht bas britische Weltreich offen ben Bruch mit Moskau, stellt sich offenbar an bie Spitze der antibolfchewift«'chen Frontt Neue Hoffnung befedt bie russischen Emigranten. Unb wer wollte es richt für möglich haltsft, baß sich Derzweiselte genug fin­den. vielleicht auch politische Abenteurer, die durch Attentate, wie das auf dem Warschauer Bahnhof, bie Must zwischen England unb Räterußland un­überbrückbar, den Äonfliit unheilbar machen möch­ten, bie burch bie Propaganba ber Tat, wie ihre bolschewistischen Feinde sie ihnen lehnen, bie ihnen zu bedächtig writerschrritenden britischen Staats­männer vorivärts^'istoßcn suchen, ben Karren ins Rollen bringen wollen auf ber abschüssigen Bahn, bie schließlich zum Kriege führen mufe?

Die Völker wollen keinen Krieg, t^ute so wenig, wie in ben Tagen von Scrajewo. Aber wie 1914 die Völker mit einem Wort Lloyd Georges in den Krieg .chincmgestolpert" sind, als britische Staalsfunfi sich ehttiche Tlittlenätigteit versagte unb statt dessen in Pari» und Petersburg äugen- zwinkernd Englands Hilfe in Aussicht stellte, so würde sich heute das Weiche Spiel wiederholen, wenn es dem drilifchen Kabinett nicht klüger erschiene, den Krieg gegen 'Rußland auf dem ungefährlicheren, ober nicht weniger wirkungsvollen Wege der Wirt­schaftsblockade und ber ftrebitfperre zu führen. Zumal es sich <einer Bunbesgenosien im Falle eines bewaffneten Konstiktes nicht so sicher fühlen könnte, wie Frankreich unb Rußland 1914 es taten. Die Entente corbiale hat zwar eben erst fröhliche Urständ gefeiert, aber Briand ift doch sehr nachdenklich au» London zurückgekommen und hat in ber konununisnjchen Debatte ber Pariser Kammer jeden Uebergri'f auf außenpolitisches Ge- bieti vor allem jede Attacke gegen Rußland scharf zurückgewiesen. Vielleicht ist diese Zurückhaltung im brittsch-russischen Konflikt auch in Zusammenhang zu bringen mit der merkwürdig lebhaften Reaktion, die der Shotwellsche Vorschlag einesWelt- locorno" in Paris ausgelöst hat. Profesior Shot­well hatte den Plan eines Korantiepaktes ausgear­beitet, der neben den europäischen Großmächten auch

Amerika und Japan umfassen sollte. Davon will Briand nun freilich nichts wissen, schlagt indessen ein Garantieaokommen zivischen Frank- reich und den Bereinigten Staaten ver, offenbar um nicht allein aus die vielleicht in Kürze problematisch werdende Freundschaft mit England angewiesen zu fein. Wenn e» nun au» einem der­artigen Pakt bei ber bekannten Abneigung ber Amerikaner gegen irgendwelche Bindungen in Eu­ropa kaum etwas werden dürfte, so wird bas Driar.d um so mehr veranlaßen. In London auf ben Sump» fesetfer ber Dieharbs befchwichtigenb einzuivirken.

Schwieriger ist schon die Mögltchkeit des Bremsens und Dämpfens in Moskau Tschi­tscherin hat zwar eben erst au8 Paris die D?r- sicherung mitnehmen können, daß Frankreich nicht daran denkt, dem britischen Beispiel ju fnlqen unb bie Dezrehungen zu Sowjetrußlanb zu lösen, auch in Baden-Baden wirb ihm Deutschlands Außenminister versichert haben, daß das Reich voll und ganz zu den Garantievertrögen mit Rußland steht. Aber in Moskau gehen die Wellen hoch, die Massen werden zu Demon­strationen auf die Straße gebracht. Reden wer­den gehalten. Snlfchließungen gelaßt. die toeber nach Frieden noch nach Wblasen der Ausland- propaganda klingen. Tsch-tlchTrin wird hier reich­lich Oel auf die Wogen gießen müssen, denn er wird ja wohl selbst am besten ttnjen. daß man ohne Geld und mit einem Heer von immerhin zweifelhaftem Rampswert keinen Ärtcg gegen bas britische Weltreich fuhren kann, zumal auch die russische Industrie im Äugettblick gar nicht in der Lage wäre, für einen modernen Krieg der roten Armee die notwendigen Hilfs­mittel zu liefern. So sind die Aussichten für die Erhaltung deS FrtedertS. trotz der Schüsse von Warschau und ihrer provozierenden Wirkung auf bie bolschewistischen Massen keineswegs imgür/tig, wenn auf beiden Seiten der ernste Wille besteht, zu dämpfen und niederzuhalten. Daß cS nicht zum Aeußersten kommt, liegt einmal im 3'nlereffe Frankreichs, das kaum bereit sein dürste. Eng­lands FestlondSdegen zu fielen, in hohem Maße aber auch im Interesse Deutschlands, dessen stri Ite Neutralität es kaum davor be­wahren würde, in einem britisch-rusflTchcn Feld­zuge daS Aufmarschgebiet abzugeben.