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beschäftigt unb arbeitetenauf Sager grobe Lagerräume waren dafür erforderlich, und ge­waltige Geldwerte wurden so feftgelegt und fraßen Zinsen. Bei der Fließarbeit gibt es fast feine Saget mehr, und es gibt eigentlich auch keine Sonderwerkstatten: Das Werkstück läuft so weiter, daß es auf dem denkbar kürzesten Wege alle Bearbeitungen erführt, die an ihm bis zur Fertigstellung nötig sind, und danach sind eben die c6 bearbeitenden Maschinen aufge­stellt: aus je eine Gießmaschine folgt beispiels­weise eine Fräs- und auf diese eine Bohr­maschine usw., so daß also nicht mehr gleich­artige Maschinen in einer Werkstatt vereinigt sind. Was auf diesem Wege erreicht werden kann, zeigt das Beispiel von Ford: Wie Pro­fessor A. Wallichs von der Technischen Hoch­schule in Aachen ausführt, treibt bei Ford ein Motor schon 5 Stunden, nachdem er flüssiges Suen war, den fertigen Wagen an; dieses Kunststück wird täglich 8O2OmaI ausgeführt! Kein Wunder, daß Ford fein Betriebskapital fünfzigmal in einem Jahre umsetzt, während dieS in gut ge­leiteten Fabriken bei uns nur drei- bis viermal gelingt.

Für das Fortschreiten der Arbeit ist es wich­tig, sie in solche Gruppen zu unterteilen, daß jede Arbeitshandlung eben so lange dauert wie jede vorhergehende und folgende, damit die Kette der Werkstücke nirgends abreißt und sich nirgends staut. Natürlich kann man z. B. Ar­beiten, die ein Vielfaches der Einheitszeit dau­ern, so in den Fluß einschalten, daß man dort zwei oder mehr Maschinen aufftelft und das erste herankommende Stück immer der ersten, daS folgende der zweiten usw. Maschine au­teltet, während sie sich beim weiteren Fluh wie­der hintereinander reihen.

So sieht dieÖrtlich fortschreitende, zeitlich bestimmte, lückenlose Fo.'ge von Arbei sgangen" der Fließarbeit aus. 3n Deutschland gibt es schon eine ganze Reihe von Werken, die küe flie­ßende Arbeit eingeführt haben, und nach den damit gemachten Erfahrungen ist bestimmt anzu- nehmen, daß weitere folgen werden. Freilich eignet sich die Fließarbeit nur für Massen­erzeugnisse. für Erzeugnisse, von denen viele gleiche fortlaufend angefertigt werden. Un- Deutschen liegt das weniger. Aber wir werden un« daran gewöhnen müssen, mehrgenormte Debrauchsgegenstände zu verwenden, trenn wir im Wirtschaftskampf mit Völkern, die dies tun, nicht unterliegen wollen und schließlich hat die Normung ja auch dadurch ihre gewaltigen Vorteile, daß man zu einem Gegenstand immer wieder paffende Ersatzteile bekommt, Näh.end man ihn jetzt oft wegen einer fehlenden Ä-einigteit, die nicht mehr zu bekommen ist. wegwersen muß. Daß sich die Normung und mit ihr die Fließ­arbeit Bahn brechen werden, Ist schon deshalb sicher, weil die so hergestellten Waren bedeutend billiger werden. So wird auch der, der sich jetzt noch durchaus abgeneigt zeigt, genormte Gegen­stände zu verwenden, doch durch die Rücksicht auf seinen Geldbeutel dazu gezwungen werden, feinen Anstoß mehr daran zu nehmen, wenn Neumanns und Lehmanns dieselben Stühle ha­ben wie Schmidt- und Müllers. Die Furcht, unser Leben könne dadurch an Schönheit ver­lieren, ist unbegründet, denn die Ersparnisse an den Gegenständen des täglichen Bedarfs werden eben durch die Normung und damit durch Er­möglichung der Fließarbeit so bedeutend sein, daß un- zur Verschönerung unseres Lebens viel mehr Geld übrig bleibt als jetzt. Und auch die Fließarbeiter" werden infolge ihres höheren Verdienstes an der Verbesserung der allgemeinen Leben-Haltung reichlich Anteil haben, ganz ab- gesehen davon, daß auch sie der Verbilligung der Waren teilhaftig werden.

Rundfunk-Programm.

Donnerstag, 10. Mär;:

1.30 bi- 2.30 Uhr: Uebertragung von Kassel: Mittagskonzert der Kasseler Hauskapelle. 3.30 bis 4 Uhr: Die Stunde der Jugend. 4.30 bis 5.45 Ufcr: Konzert des Hausorchcsiers: Leonca- vallo. 5.45 bis 6.05 Uhr: Die Lesestunde. 6.15 bis 6.45 ilbr: ilebertragung von Kassel: Vortrag des Professors Dr. Luthmer vom Landesmufeum Kassel überAufgaben der öffentlichen Kunsl- Pslcge". 6.45 bis 7 Ähr: Ucbcrtcagung von Kassel: Die Stunde der Frau." 7 bis 7.30 Hör: Italieni­scher Sprachunterricht. 8 Uhr: ilebertragung an­dern Festsaal der Stuttgarter Liederhalle: Gast­spiel Jan Kiepura. Anschließend bis 12.30 Ahr: Tanzmusik.

Dichter als Vorleser.

Einst, da es noch feine gedruckten Bücher gab. tarnen die Dichter nur durch das auls eigenem ober fremdem Mund gesprochene Wort zum Bolte; der Aode fang ober deklamierte ihre Olmen, Hymnen und Rhapsodien zur Begleitung der Kithara oder Phorminx bei den Festen der Griechen, der Skalde rührte In den Met-Hallen der angelsächsischen und deutschen Könige und Fürsten die Harfe, und in seinen Worten er­standen die großen Geschicke der Vorzeit: zuletzt war im Abendlands der Spielmann der Träger und Vermittler der mittelalterlichen, epischen und lyrischen Produktion und heute, da eS zuviel Bücher gibt, kommt der Dichter wieder selbst, frei- tolfilg oder aufgefordert, jedenfalls gern zum Dokke. um durch das gesprochene Wort die Reso­nanz des geschriebenen und gedruckten zu ver­stärken.

Der Dichter am Dortragstlsch ist erst in den letzten Jahrzehnten zu einer öffentlich häufiger zu sehenden Erscheinung geworden. In kleinern Kreise freilich ist er schon immer als Interpret seiner eigenen oder auch fremder Gestaltungen aufgetreten. In den verschiedensten Lebensaltern lieh sich Goethe zu gelegener Stunde bereit- sinben. sein eigener Dolmetsch zu fein. Er hatte, wie wir durch Riemer wissen, eine schöne Stimme, die sich vom leisesten DesühlSton bis zur Donner­stimme zu erheben wußte, locnn er im Affekt, im Zorn ober in leidenschaftlicher Aufregung war. Am Abend de« 3. Februar 1807 war Jo­hanna Schopenhauer bei Goethe, der einige junge Schauspieler eingeladen hatte, die er oft bei sich deklamieren ließ, um fit für ihre Kunst zu bilden. Er laS mit ihnenDie Mitschuldigen' und hatte selbst die Rolle des Gastwirt« übernommen.Ich habe nie etwa- Aehnlicb.-s gehört," so berichtet Johanna Schopenhauer ihrem Sohu ..er ist ganz Feuer und Leben, wenn er deklamiert, niemand hat das Komische mehr in seiner Gewalt als er." Als sich bei einem Besuch des Jenaer Vrivat- dozenten für Theologie und orientalische Spra­chen Johann Gustav Stickel am 22. März 1831

Ieitungsschau.

Die bekannte WochenschriftDer Deut- s ch e n f p i e g e 1 beschäftigt sich anläßlich der gegenwärtigen Gen er Ratstagung mit unserer politischen Lage, die folgendermaßen Umrissen wird:

Run mag man ruhig einma' aussprechen, daß die Räumung der besetzten Gebi.te ja gar nicht mehr solch ungeheue.e Bedeutung für unS habe, nachdem wir bereits in das Jahr 1'27 a.fo niren sind und Frankreich in drei Jahren die zweite und in acht Jahren die dritte Zone ohne weitere- räumen muß. Man kann auch zur B.ruhigung für ganz skeptische Gemüter Yinzufügen, baß Frankreich diese Verpflichtung nicht wir) umgehen können, weil weder Be g er. noch Eng'and große Neigung zu einer langjährigen For- etzun; der Besatzung-Politik zeigen. Auer das Entscheidendr ist gar nicht, daß die besetzten Gebiete geräumt werden, so dringend das immer wieder im Inter­esse der Bevölkcrunr, für unsere moralische Welt­geltung und schließ ich auch im Sinne der Moral der Wellpolitik gefordert werden muß Ent­scheidend ist. daß die Be ezung der zweiten und dritten rheinischen Zone für Frankreich ein Piand ist, da- noch einmal nach dem Wille wenn nicht Briands, dann ganz kicher Poincar5s und der gesamten Rechten und Mitte in Frankreich gegen unS ausgenutzt werden soll. Oft genug ist hier gesagt worden, daß Frankreich die Preisgabe der besetzten Gebiete bei den auch in Paris für selbstverständlich gehaltenen Behandlungen über die Reform des Dawes-Gutachtens verkaufen will. Je mehr wir Wert auf die Räumung legen, um so mehr erleichtern wir die in Wahr­heit schon sehr leicht getost.ene französische Schul- denpvlitik. Poincarä hat den Streit um die Rati­fizierung der Schuldenablommen mit Eng'and und den Bereinigten Staaten, auf den sich große politische Kombinationen bei uns, in London und in Washington aufgebaut haben, botiäuilg ein­fach dadurch aus der Welt geschafft, daß er nicht ratifiziert, aber zahlt. Wenn sich, wie es den Anschein hat, London und Washington damit zufrieden geben, Dann geht Poincarä ohne die Belastung einer Ratifizierung dieser Abkommen in den Wahlkampf, und die neue französische Kammer bringt womöglich eine starke Mehrheit für Poincarö. Die französischen Diplomaten in London und Washington können dann von neuem und ganz anders al- heute über Die Frage der Ratifikation verhandeln. Wieder wird die Frage Der Garantie, d. h. die Forderung Frankreichs, daß es nicht mehr zu zahlen braucht, als es von Deutschland erhält, in den Mittelpunkt Der Schul­denregelung gestellt werden; vielleicht, wird dann auch die Reform des Dawes-Gutachtens Damit verknüpft, und e- liegt nahe, daß Frankreich dann Die Summe unserer Verpflichtungen mit der Zu­sage Der Räumung auszuhandeln versucht. Ohne eine Reform des Dawes-Gutachtens kann aber unser Wirtschaftsleben nicht wieder aufgebaut, können unsere weltwirtschaftlichen Beziehungen nicht wieder geregelt werden. Wir sind mit Dem Dawes-Gutachten in seiner jetzigen Form kein Staat mehr, Der über Den engen Rahmen seiner Sorgen um den Vertrag von Versailles hinaus außenpolitisch aktiv werden könnte.

Wenn man hört, was über diese Situation und die nächste Zukunft in Deutschland ge­sprochen wird. Dann erkennt man drei Vorschläge: die einen wollen England folgen, sie sind bereit, weltwirtschaftliche und selbst kolonialvolitische Möglichkeiten aufzugeben, und setzen ihre Hoff­nung allein auf inneragrarische Programme. Sie glauben, daß Deutschland, wie die Entwicklung nun einmal gegangen sei, gar nichts anderes übrig bleibt, als sich hinter England zu stellen. Die anderen mochten gern umgekehrt alles auf Rußland setzen und die dritten wollen die deutsch- französische Verständigung. Ist das nicht alles Theorie? Was sollte England für ein Interesse daran haben, uns weiterzuhelfen? Wir können England dort, wo es in seiner Weltstellung be­droht ist, gar nicht helfen. In der Weltpolitik spielen wir keine größere Rolle als die neutralen Staaten. Rußland braucht Geld und eventuell auch politische Hilfestellung. Wir sind dazu zu arm und zu schwach. Nun folgert man dort, too der Gedanke der deutsch-französischen Derständi- gung vertreten wird, gerade aus solcher Er­kenntnis, daß uns eben nichts anderes übrig bleibt, als ein geeintes Europa von Warschau bis Bordeaux zu schassen, in dem sich die Staaten über ihre handelspolitischen Gegensätze und über Die Friedensverträge verständigen. Diese Ver­ständigung würde aber bedeuten, daß Deutsch­land im Osten für Immer auf jede Aenderung

das Gespräch zumWest-Östlichen Divan" toanDte, und Stickel die Übersetzung des arabischen Hel­dengedichts in den Noten hierzu als vortrefflich und mustergültig rühmte, remitierte Goethe einige Strophen daraus. Währenddessen war cs. so schildert Der Zuhörer, al- ob sie sich Dem Dichter, wie einem von poetischem Raptus Ergriffenen, neu erzeugten; seine Augen waren groß und weit geöffnet, Blitze schienen aus ihnen hervor­zusprühen.Der Eindruck war in Wahrheit über­wältigend, und wird mir, solange ich atme, un­vergeßlich bleiben."

Berühmt ist Die Zeichnung Viktor Peter von Heidelofis, Die Schiller bei Der Vorlesung Der Räuber" im sogenannten Bopserwäldchen bei Stuttgart, von Den eingeweihten Freunden um­geben, Darstellt. Die anfänglich ruhige Dekla­mation des Dichters, steigerte sich in Der fünf­ten Szene des vierten Aktes, wo Der Räuber Moor mit Entsetzen fernen totgeglaubien Vater vor Dem Turme anredet, in Dem Grade, daß seine Freunde, Deren Erinnerung Der Sohn des Zeichners Die Szene nachcrzählt hat, durch Den Ausbruch feines Afselts in Bestürzung gerieten, durch Die Großartigkeit seiner Arbeit aber in Erstaunen, Bewunderung und in fast endlose Beifallsbezcugungen übergingen. Den'. Bericht des Schauspielers Heinrich Schmidt, der Der ersten Vorlesung der ..Jungfrau von Orleans" am 24. April 1801 beiwohnte, Ist zu entnehmen, daß Schiller kein guter Vorleser war. Seine Worte kamen auS hohler Brust, auch hatte sich die Dem Schwaben angeborene Aussprache noch nicht ganz verloren und abgeschlifsen.

Ein Meister des Vortrags war Ludwig Tieck. dem nachgesaat werden konnte, daß er hierfür alles in Fülle besitze: ein herrliche-, aus­drucksvolles. geschmeidiges Organ, Nüancierung des Tons für Die verschiedenen Personen und Ge­schlechter, Seele im Auge. Phantasie, Eharak- terlstik. Gewalt der Leidenschaften, tiefe« Der- ständnis Der Dichtung, Berücksichtigung des Sin- Adncn wie deS Ganzen, seltene Ausdauer. Heber seine Vorlesungen im Schellingschen Hause in München, wo er im Winter 1808 zu Gaste war. schrieb Earoline an Pauline Gotter.Statt

Der Grenzen verzichten, daß es sich mit Frank­reich auf ein Reparationsprogramm einigen mühte, das sicher unerfüllbar sein wird, vor allem aber wäre die deutsch-französische Ver­ständigung und das ist das Entscheidende nicht eine selbständig.' deutsch-französi ch-polnische Poli ik gegen England oder g gm Rußland oder gegen Italien oder gegen die Vereinigten StaA ten, sondern es wäre nur eine Unterordnung unter ein Frankreich, das gezwungen ist. bald mit England, bald mit Rußland, bald mit Den Vereinigten Staaten zu paktieren, und das sich diese schwankende Haltung auf unsere Kosten leisten kann. Auch Die deutsch-sranzosische Ver­ständigung ist wie das nun einmal überhaupt ein selbstverständliches Gesetz der Außenpolitik ist, solange es keine vollständige Abrüstung gibt nur auf der Basis der Gleichberechtigung mög­lich. also nur bann, wenn wir gleich Frankreich gerüstet wären -

Vielleicht i"; Der einzige Rat in dieser Situa­tion. die ja nicht ewig zu dauern braucht, der. daß wir uns hüten müssen, uns noch einmal irgendwo festzulegen. Das ist vorläufig auch Die einzige Lehre von Locarno. Wir sind weltwirt­schaftlich nicht zu entbehren, wir sind vielleicht sogar einmal, wenn erst die immer weitergehende wirtschaftliche Katastrophe Die sich heuie noch ganz sicher fühlenden großen Staaten erfaßt hat. ein wichtiger Faktor. Wir dürfen und aber, bis diese Periode kommt, weder dem Osten noch dem Westen unterorbnen.

In Genf haben wir vorläufig AiltagSarbcit zu leisten. Gerade die Tagesordnung dieser Rats­sitzung mit den Sorgen um Danzig und um bas Saargebiet gibt ein kleine- Spiegelbild der gro­ßen weltpolitischen Lage. 3m Saargebiet sucht Frankreich sich machtpolitisch zu halten. In Dan zig will Polen weiter Vorbringen. Wir werden wahrscheinlich erleben, baß Frankreich und Polen im en scheidenden Augenblick von England unter­stützt werden. Im großen würde sich das gleiche ergeben, wenn wir uns mit Frankreich und Polen zu verständigen versuchen oder wenn wir unS an England oder Rußland anschlössen. Wir sind das Oojekt des Vertrages von Versailles und damit das Objekt aller außenpolitischen Aus­einandersetzungen Der großen Mächte, mögen sic sich nun in China, In Vorderasien oder In Den Vereinigten Staaten abspielen. Das haben wir in Den letzten optimistischen Monaten fast ganz vergessen.

Ungarns Adriahasen.

Von unserem römischen ^-Korrespondenten.

Rom, März 1927.

Graf Bethlen fährt nach Rom. in Den Frühling hinein, und in der Luft liegt es wie eine Ahnung, als ob von Süden her Ungarns neuer Frühling kommen könne. Das unmöglich verschnittene Land hat Nachbarn. Die ein solches Erwachen nicht durchweg mit wohlwollenden Augen betrachten würben und daher flog Deth- lens Zug ein aufgeregter Schwarm von Gerüch­ten und Meinungen schon voraus, als er bloß einstweilen sein diplomatisches Gepäck vorans- schickte, selber aber die Reise verschob. Eine Ver­zögerung, die den Verhandlungen in Rom sehr zustatten kommt, hat doch Budapest auf diese Weise Muße gehabt, den krächzenden UnglückS- rabenschwarm gründlich zu lichten, und Rom Ge­legenheit zu gründlicher Vorarbeit gesunden. Ja, man kann sagen, die Hauptarbeit ist in dem Augenblick, too Der Abgesandte Der ungarischen Nation Mussolini die Hand zum Gruße reichen wird, schon getan. Politisch: Italien unter­stützt die ungarische Forderung auf Aushe­bung der Militärkontrolle. Wirt« schastlich; Ungarn erhält seinen Adriahafen Fiume zurück.

Eine Reihe von anderen Dingen werden noch zum Abschluß kommen, neue Fragen auf- tauchen, neue Verhandlungen angesponnen wer­den, und alles im Geiste einer rapiden An­näherung, eines ernsthaften ZusammenarbeitenS. Denn über Budapest führt bie italienische Landbrücke zum Schwarzen Meer, über bie italienische Adria Ungarns Weg zum Welthandel.

Im Brennpunkt Der Interessen beider Länder steht Fiume, das ohne Hinterland nicht leben und nicht sterben kann, für die italienische Politik alle die Jahre her ein stolzes Siegeszeichen, für den italienischen Handel aber nicht- andere« als eine schöne Kulisse war. Wirtschaftliche Tatsachen, das ist das Tröstliche an der kindlich verzeich­neten Landkarte, die aus Dem Weltkrieg hervor­

ging, erweisen fid) auf die Dauer immer klü­ger al- die Diplomaten förmlich zwangs­läufig kehrt der ungarische Weltkaufmann in seine verödeten Paläste, in seine mustergültigen Hafenanlagen zurück. Nicht ohne ein schmerzliche- Gefühl, das ist gewiß. Denn er wird Dort nur Gast fein, wo er früher Herr war, aber doch ohne die demütigende Empfindung, nur geduldet zu fein. Nein, man braucht ihn Die Bücher de- Hafenamtes sprechen da eine nüchterne Sprache: Umschlag (Ein- und Ausfuhr):

1913 : 22 585 007 Doppelzentner.

1922: 1 221 26Z Doppelzentner.

1924: 4 024 3^0 Doppelzentner.

1925: 7 2^3 50 Doppelzentner.

1926 : 7 347 370 Doppelzentner.

Seit Der Aushebung des Freistaates also keine wesentliche Besserung mehr, daS sozusagen nur politisch ertftierenbe Fiume hätte bei einem Drittel feiner Dorkriegsnahrung veckümm-m müs­sen Nun aber wird es vorwärtsgehen, Fiume aufblüben, weil feine Blut« Rom und Budapest zum Vorteil gereicht. Und 2rieft und Spalato?

Jugoslawien mußte in dem Wettstreit zwischen Spalato und Fiume unterliegen, nicht, wie man in Belgrad zu fürchten vorgab. weil Italien und Ungarn verabredet häueu. cs ein­zukreisen. sondern auS rein wirtsch a si lichen Erwägungen. Es war einfach ein Versuch mit untauglichen Mitteln, mit Spalato, wo kaum ein Fundament vorlag. den fertigen Großhafen Fiume aueftedben zu wollen. Dem begreiflichen politischen Verlangen stand abgesehen von dem politischen Interesse, das auch in Rom vorhanden war da» stärkere ökonomische Gesetz entgegen. Jugoslawien bleibt aber immerhin die nicht un­wichtige Stellung des Bahnfrachtmclsters. eS ist Besitzer des Korridors und zehrt alS solcher er­heblich mit am Auf chwung FiumcS

Ernstere Sorgen konnte sich Triest machen, das noch immer seinen endlosen Krieg mit Hamburg zu bettelten bat. Wird ihm in Fiume nicht etwa ein tödlicher Rivale erstehen? Hat eS sich nicht von seinem Siechtum gerade durch da« Blut erholt, das es dem lebenden Leichnam Fiume abzapfte? Die Frage scheint berechtigt, doch gibt eS auch hier Optimisten. Sie weifen auf die gleichfalls nebencinanbcrliegenDcn hol­ländischen Häsen hin und auf da« Gesetz der kommunizierenden Röhren.

Oberhessen.

Lanvkreis Gieren

Lang-Gön«. 8. März. Am Samstag hielt bet GesangvereinFrohsinn" feine diesjährige Generalversammlung ab, die von den Mitgliedern stark besucht war. Bei der Borstandswahl wurden die bisherigen Mitglieder wiedergewählt.

T A 11 endorf (Lahn), S. März. Auf 21n> regung unseres Ortsgeistlichen, Pfarrer Schul­theiß von Großen-Linden, ist in unserem Orte ein coang. üirchengesangverein (gemischter Chor) gegründet worden. Der Verein l-at sich die Ausgabe gestellt, den Gottesdienst durch seine Mit­wirkung verschönern zu helfen. Als Chorleiter wurde Musiker Köhler. Großen-Linden. gewonnen, der auch den hiesigen Mönnergesangoereln leitet.

Z Rödgen, 8. März. Am Sonntagabend gab Pfarrer Kalbhenn au- Drohen-Buseck mit seinem Posaunenchor hier Im Wagner- schon Saalbau ein Konzert zum Besten Der hiesigen KleinkinDerschule. In die LiederorDnung fügte sich, innerlich Damit verknüpft, seine warm­herzige Ansprache, in Der er, au- eignem 6t- teben schöpfend, Dem BegriffHeimat" Inhalt gab. Pfarrer Groth Dankte in seiner Schluß- ansprache allen, Die sich in uneigennütziger Weise bereit gefunden hatten, in so sreundnachbarlichei Art zu wirken.

' Großen-Buseck, 8. März. Der hiesige Z le genzuchtverein veranstaltete am Sams­tag einen sehr gut besuchten UnterhaltungSabend Der erste Vorsitzende, Sattlermeister Ludwig Scheid, konnte dabei auch eine Anzahl aus­wärtiger Gäste, bie auf dem Gebiet« bet Ziegen­zucht eine führende Stellung einnehmen, be­grüßen. 3m Mittelpunkt des Abends stand ein Bortrag des LandwirtschaslsratS Dr, H el­fe r t - Schotten, Der in e toa eineinhalbstünDigen Ausführungen überUnsere Zieaenzucht unb Deren Nutzen für die Allgemeinheit^ sprach. An­schließend referierte Der erste "Vorsitzende DeS KreisziegenzuchtvereinS Gießen, Lanbtagsabge- otDncter Fenchel- Oberhörgern, über Organi­sationsfrage der Ziegenzuchtvereine. Beide Vor­träge, die mit lebhaftem Beifall ausgenommen

Der großen Spectacle hätten wir hier ein kleines, aber exquisites. Tieck nämlich. Der Lustspiele vorliest und 'un* schon manchen Abend in die Täuschung versetzt hat, als säßen wir vor einer Bühne, auf der alle Rollen auf- auserlesenste besitzt wären. Schon ehemal» las er gut, aber es ist jetzt da« Beste, was man in der Art ge­nießen kann, und eigentlich etwa- ganz Einziges. Gr macht die Stücke erst, indem er sie so liefet."ES läßt sich", meinte Schelling,lein königlicher Vergnügen Demen, al- eine Gozzischc Komödie von ihm vorgelesen und improvisiert zu hören." Weithin berühmt wurden Die dra­matischen Vorlesungen. Die Tieck in seinem Hause in Dresden, wohin er 1819 übergesiedelt war. abhiclt. Längst waren sie", so lesen wir in Rudolf Köpkes Biographie,mehr gewesen als eine anregende Unterhaltung für die Familie und die nächsten Freunde. Sie waren eine Ver­mittelung für Zernerstehende, ein künstlerisches Vorbild für Schauspieler. Gegenstand dec Be­wunderung oder Neugier für Fremde, und Mit­telpunkt Der Geselligkeit. Ihr Nus ging weit über Dresden hinaus, und Tiecks Meisterschaft im Dramatischen Lesen trug vielleicht eben so viel dazu bei. ihn zur öffentlichen Person zu machen, wie sein Dichterischer Ruhm. Leine Vorlesungen wurden zu Dre-denS Merkwürdiglei en gezählt. Bisweilen fragten sogar Die Lohnbedienstclen Der Gasthofe im Naincn angekommener Fremden an, ob heute abend Vorlesung sein werde. Man sprach von ihnen, wie von der Gemäldegalerie, von Der Kapelle Der katholischen Kirche, oder Dem Theater Wer nach Dresden kam. mutzte Tieck besucht, irgendeine seiner Vorlesungen ge­hört haben. daS war unerlätzkich." Tieck laS Stücke von Shakespeare, Goethe ljedoch nicht Den zweiten Teil deSFaust"), Schiller, Ealderon, Holberg, Sophoil.S EurlpideS und ArlstophaneS, sowie auch eigene Werke.Fühlte er sich ganz kräftig, so konnte er wohl zwei hinfällige Dra­men: -Ine Tragödie und ein Lustspiel ohne grö­ßere Pause oder merkliche Ermattung hinterein- anberr lesen."

In der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahr­hunderts lieh, ein wandernder Rhapsode, Wil­

helm Jordan feinenNibelungen" die Macht seiner Rede. Don neueren Dichtem Dürfte kaum einer von Bedeutung Dem Dortragstifch fern­geblieben sein. Ciliencron konnte al- Vor­leser nicht feine einstige Zugehörigkeit zum mili­tärischen Beruf verleugnen. In feinem Kabarett laS Peter Hille ans allerhand Papieren, For­mularen. Rechnungen, Speisekarten, deren Rück­seite er kreuz und quer mit feinen Einfällen be­schrieben halte, vor. waS er davon für mittet* tenswert fand, mit leitet Stimme, fast flüsternd, ohne fonderliche Betonung wie ein innerlich Ver­sunkener; oft fand er sich selbst in feiner Schrei­berei nicht zurecht, stockte und stotterte. Wenn er aber gut Im Zuge war, ging trotzdem eine stille seine Wirkung von feinem Vortrag aus. allerdings nur für Den, her sich ganz ihm hin­gab; so wird er uns von Heinrich Hart geschil­dert. Hauptmann, Holz. Thomas Mann. Werfel: fic alle haben wir al- Interpreten ihrer Werke erleben fbnnen. Heber die tiefe Wir­kung. die der nun auch von unS gegangene Rilke als Borlefer hervorrief, erfahren wir au- dem geistreichen BucheAuS Dem alten Europa" von Helene von Nostitz-Wallwih:ES war in Jena, als wir ihn zum erstenmal trafen. Man fuhr von Weimar nach Jena wie in eine unbekannte, etwa- wildere, freie Welt. In dem kleinen, halb- dunklen Saal trat Rilke auf da- Podium, in bet zeitlosen matten Tracht, die er liebte, mit bet fliegenden Krawatte. 3n diesem Anzug lag etwas von Paris, feinem geliebten Paris, von der Seine mit den kleinen Dampfbooten, die fo rafch hin und her fahren, und an deren Bug oft ein melancholischer lunger Maler mit weichem kleinen Hut steht- Rilke zog langsam bunlelgraue Hand­schuhe auS und erhob auf feine Zuhörer die mil­den tiefblauen Augen, die das übrige Gesicht au-lötchten. Dann laS er von demverlorenen Sohn" au-Malte LauribS Brigge". S» war wieder, wie bet allen entscheidenden Äußerun­gen, ein« Sprache, die die geheimsten Welten im eigenen Innern zum Klingen brachte."

Morgen werden wir Frank Thieß hören.

F.Ä.H