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Das neue Regime in Südtirol.

Erfüllungen des Bo;enener Präfekten.

Rom, 4. Marz. (ZU.) Dem römischen Vertre­ter der T. u. erklärte der Präsekt der neugoschasfe- o i n 5 Sonn für einen überaus glück'-chen Ent- Schaffung der selbständigen Pro­vinz Bozen für einen überaus glücklichen Ents- ichlutz der Regierung, da hier besondere wirtschafi- liche und ethnische Verhältnisse oorliegcn. Ich be­dauere es sehr, daß immer noch vereinzelte Perso­nen das Vertrauen zu den Behörden nicht gewon­nen hauen und, wenn sich irgendein unliebsamer Vorfall ereignet, der wohl in jedem Verwaltungs­bezirk Vorkommen kann, sich anstatt an die Regie­rung an d i e ausländische Presse wen­den. Eine solche Pressekampagne, die meist vergrö­bert und verallgemeinert, kann nur schädlich wirken. Sie erregt unnötig böses Blut, zerstört das Ver­trauen zwischen Beamtenschaft und Bevölkerung, und kann sogar Entscheidungen der Regierung dann, wenn diese vielleicht aus freien Stücken entgegen­kommen wollte, verlangsamen, weil die Regierung aus Prestige-Gründen einem von außen beabsichtig­ten Druck nie nachkommen kann.

Daß die Regierung verlangen kann, daß jeder italienische Staatsbürger die italienische Sprache in der Schule lernt und das Italienische beherrscht, ist wohl selbstverständlich. Inwieweit die­ses absolute Postulat der Regierung mit den beson­deren Wünschen und den eigenartigen Verhältnissen dieser Provinz ausgeglichen werden kann, ist eine Frage der praktischen Erfahrung, die immer erst nach einiger Zeil gesammelt und gesichtet wird. Irgendwelche Absicht, die deutsche Sprache in der Provinz Bozenauszurotten", liegt der Regierung völlig fern, (sch mache ausdrücklich darauf aufmerk­sam,' daß in Piemont, der Wiege unseres Königs­hauses die französische Sprache weit verbreitet ist: daß wir auch verschiedene slawische Sprachen­enklaven haben. Und nirgends haben sich aus Spra- chenoerschtedenheiten innere Gegensätze ergeben. Wir haben in Sizilien sogar eine griechische und eine albanische Sprachgemetnde, und die Regierung sub­ventioniert die dortigen griechischen und albcmcsi- schen Schulen. Aber aus der Sprachverschiedenheit darf man nicht ein a n t i i t a l i e n i s ch e s Propagandamittel machen; das kann die Regierung nicht zugeben. Ebensowenig kann man von einer gewollten Unterdrückung der Volks- gebräuche sprechen, die in diesen schönen Tälern bodenständig sind. Die faszistische Regierung, die in allen anderen Teilen Italiens für die Erhaltung alter Volksgebräuche und traditioneller Feste Jo viel tut, wird wohl auch für die alten Gebräuche der neuen Provinz volles Verständnis haben. Aber auch hier gilt dasselbe, wie von der Sprache, man kann diese besonderen Gebräuche der Provinz Bozen nicht in eine antiitalienijche Demonstration umkehren."

Berliner politische Kreise begrüben an sich die Erklärungen des neuen Bozener Präfekten Dr. Ricci. Selbstverständlich ist man sich hier bewußt, ban für Deutschland nur die kultu­relle Seite beß Südtiroler Problems von Be­deutung ist. Wenn die italienische Regierung den kulturellen Bestrebungen der Südtiroler in Zu­kunst mehr Verständins entgegenbringen will als bisher, so wird das In Deutschland nur begrüßt werden. Bemerkenswert sind die Ausführungen deS Präfekten über die Duldung und Förderung der fremdsprachlichen Schulen in Italien, denn nun muß man In Deutschland erst recht die Frage stellen, warum in Sizilien griechische und albanische Schulen subventioniert werden, in Südtirol aber nicht einmal deutscber Privatunterricht zugela sien, son­dern durch Deportation bestraft wird. Den versönlichen guten Willen des Bozener Prä­fekten wird niemand in Deutschland bezweifeln, letzten Endes aber kommt es auf die Bollmach- . ten an, die der Präfekt für die Durchführung 1 seiner Aufgaben von der italienischen Regie- j rung erhalten hat.

Wiedereröffnung des deutsch- amerikanischen Rabelverkehrs.

Das Emden-Azoren-Kabel seiner Bestimmung übergeben.

Berlin, 4. März. (WB.) Zur Feier der Wiedereröffnung des deutsch-amerikanischen Ka­bels EmdenAzoren, das den seit dem Weltkrieg unterbrochenen direkten deutsch-ameri­kanischen Kabelverlehr wiederherstellt, hatten Aufsichtsrat und Vorstand der Deutsch-At­lantischen Telegraphengesellschast für heute abend ©inlabungen an eine große Anzahl hervorragender Persönlichkeiten in den Marmorsaal des HotelsEsplanade" ergehen lassen. 2n seiner Eröffnungsrede betonte der Vorsitzende des Aussichtsrats der Deutsch-Atlan­tischen Telegraphengesellschast,

Dr. Georg S o l m s s e n, daß die Feier den Abschluß einer rühmlichen, in ihrem Ausgang beklagenswerten Vergangen­heit und den Beginn einer hoffentlich dauernden glücklichen Zukunft bedeute. Ebenso wie seine Kolonien, habe Deutschland auch seinen ge­samten, rund 20 000 Seemeilen messenden Kabel- besitz verloren. Aber die Rotwendigkeit inter­nationalen Telegravh-mverkehrs mit Deutschland und von Deutschland konnte nicht beseitigt wer­den. Dr. Solmssen schilderte dann eingehend das schwierige Werk, durch das nunmehr Emden mit den Azoren und von dort durch die Mit­benutzung des Kabels der Western-llnion-Tele- graph-Compaantz mit Reuyork verbunden ist. Der Redner schloß mit dem Wunsche, daß das neue Kabel auch weiterhin dem Fortschritt des gegenseitigen Verstehens, der ae- Öen Achtung und gegenseitigen Hilfs- ift bet Völker dienen möge. Dann (teilte er das Kabel dem Reichspostminister zur Ver­fügung.

Reichspostminister Dr. Schätzt eiroibertc, daß die wichtige Wechselwirkung zwischen Weltwirtschaft und schnellem Nachrichtendienst die Deutsche Reichspost von jeher veranlaßt habe, ihre ganze Kraft auf die Entwicklung eines umfang­reichen Netzes unabhängiger Verbindun- g e n über die ganze Welt einzusetzen. Frei und gleichberechtigt mit allen Nachbar- ftaaten soll Deutschland feinen Teil auch auf ble­iern Gebiet internationaler Arbeit beitragen. Der Muister übergab das neue Kabel feiner Bestim­mung mit dem Wunsche und der Hoffnung, daß es die friedliche Entwicklung der Völkerbeziehungen iörbern und reichen Sogen verbreiten möge, wohin immer fein Einfluß reiche.

vor amerikanische Botschafter in Berlin.

Dr. Schurmann.

bob in seiner Ansprache den Mut. den Scharf» 'inn und die große Geschicklichkeit in schwierigen

Verhandlungen sowie die unbeugsame Drharr- lichkeir dos Reichspostministeriums und der Deutsch-Atlantischen Telegraphengesellschast her­vor. Rie fei ein großes Unternehmen unter un­günstigeren Umstanden durchgesührt worden. Er freue sich feststellen zu können, daß auch Ame­rika einen Anteil an dem Gelingen deS großen deutschen An lern eh mens gehabt habe. Das neue Kabel werde, ganz abgefepen von seiner wirt­schaftlichen Bedeutung, zur besseren Kenntnis und zum gegenseitigen Sichverstehen der beiden Völ­ker beitragen. Er habe das Vertrauen, daß die Zeitungsberichterstatter beider Länder, die sich des neuen Kabels bedienen, (ich immer von einem tiefen Gefühl für ihre Verantwortlichkeit und von mitfühlendem Verständnis führen lassen, das sie befähigt, den Standpunkt fremder Ra­tionen zu verstehen und zu würdigen. So werde das Kabel ein Band des gegenseitigen Verstehens, der gegenseitigen Hochschähung, des Friedens und des guten Willens fein.

Telegrammwechsel der Präsidenten.

Berlin, 4.Mär;. (WB.) Anläßlich der Eröff­nung des neuen EmdenAzorenNeuyork» Kabels hat folgender Telegrammwechsel zwischen dem Prä­sidenten der Vereinigten Staaten und dem Reichs­präsidenten ftattgefunben:

Sr. Exzellenz Paul von Hindenburg, Präsident des Deutschen Reiches, Berlin.

Mit großer Freude benutze ich die Gelegenheit, der Eröffnung der direkten Kabelverbindung zwi­schen den Vereinigten Staaten und Deutschland, um Euer Exzellenz meine herzlichsten Grüße ,;u senden und der Hoffnung Ausbruck zu geben, daß dieses neue Verkehrsmittel das gegenseitige Verständnis und das gute Einvernehmen zwi­schen den beiden Ländern fördern wird.

Ealoin C o o l i d g e.

An den Präsidenten der Vereingten Staaten von Amerika, Herrn Calvin Coolidge, Weißes Haus, Washington.

Mit Genugtuung begrüße ich die Wiederherstel­lung der direkten Kabeloerbindung zwischen Deutsch­land und de» Vereinigten Staaten von Amerika, und es gereicht mir zur besonderen Freude, Ihnen, Herr Präsident, und dem amerikanischen Volke an­läßlich der Eröffnung des neuen EmdenAzoren Neunork - Kabels meine aufrichtigsten G l ü ck w ü n 1 ch e zum Ausdruck zu bringen. Ick hoffe zuversichtlich, daß die von amerikanischen uno deutschen Gesellscyaften gemeinschaftlich hergestellte neue telegraphische Verbindung immer dazu bei­tragen wird, das gute Einvernehmen zwi­schen unseren Ländern und ihre wirtsä-aftlichen In­teressen zu fördern und zu erhalten.

von Hindenburg.

Vertagung des ameriiaurfchen Kongresses. Stürmische Obstruktionsszcnerr im Senat.

Die Freigabebill nicht verabschiedet.

Washington, 4.März. (WD.) Dor der endgültigen Vertagung des Kongresses, die heute mittag erfolgte, war man im Senat bis zum letzten Augenblick bemüht, mit allen Mitteln die O b st r u f t i o n zu überwinden, die sich gegen die Entschließung des republikanischen Senators Reed (Pennsylvanien) über die Verabschiedung mehrerer wichtiger Gesetze, darunter die Vorlage über die sogenannten Rotstandskredite und über die Freigabe des deutschen Ei­gentums, richtete. Als alle Bemühungen sich als vergeblich erwiesen, bildeten sich im Parkett erregte Gruppen. Der Vorsitzende DaweS sah sich wiederholt genötigt, Polizisten zur Wiederherstellung der Ordnung An­weisungen zu erteilen.

In der Dacht bot zwar Reed an. seine Ent­schließung zurückzuziehen, um eine schnelle An­nahme des Gesetzes über öffentliche Bauten, der Vorlage zur Freigabe deS deutschen Eigen­tums und des wichtigen Etatsgesetzes zu ermög­lichen, an dem fast alle Senatoren Interesse haben; aber ein einziger ungestümer Senator der Demokrat V l e a s e. beherrschte die Lage. Er erhob Widerspruch gegen alle von den demo­kratischen und republikanischen Führern erzielten Vereinbarungen, für die Einstimmigkeit erforder­lich war. Die Dentokraten und Republikaner stritten mit Vlease im Sitzungssaal, hinter ihm herlausend und ihn zu beruhigen suchend. Als Vlease schließlich in einer Ecke des Saales in die Enge getrieben war und aufgefordert wurde, sich zu entscheiden, rief er wiederum: Ich er­hebe Widerspruch!

Die Vorlage über die Notstandskredite sah 93 Millionen Dollar für Darlehen und Pensionen an Armee- und Marineveteranen und für Darlehen zur Saatgutbeschaffung vor. Auch die Annahme einer Entschließung, die das Repräsentantenhaus in Voraussicht des Scheiterns dieser Vorlage angenom­men hatte, wurde im Senat unmittelbar vor der Vertagung vereitelt. Dawes wandte sich sckarf gegen die Obstruktion und erklärte, in keiner anderen par­lamentarischen Körperschaft könne die Minder­heit den Willen der Mehrheit sabo­tieren. Er verlangte erneut eine Revision der Geschäftsordnung. Präsident Coo­lidge wird den Kongreß zu keiner Sonder­session einberufen, da er der Ansicht ist, der Kongreß habe Gelegenheit gehabt, alle dringend er- forderlichen Gesetze zu beraten und die Tatsache, daß er die Hausyaltvorloge ober andere Gesetzent­würfe nicht erledigt habe, schaffe noch keinen Not­stand. Der Kongreß wird infolgedessen erst a m 5. Dezember wieder zusammentreten.

Das Programm

der Kuomintang-Partei.

Paris, 4. März. (WTB.) In Paris hielt bas dort tebenbe Mitglied des ExekutivauSschusses der Kuomintang-Kartei, E h a o l i t s e, vor fran­zösischen Ivurnaltsten einen Vortrag, in dem er das Programm der Kuomintangpartei skizzierte. Er erklärte, die Kuomintangpartei betrachte Sow­jetrußland als ihren aufrichtigsten Freund und daS sei leicht zu begreifen, denn die Sowjetunion habe auf die Privilegien auS den nicht auf dem Fuße der Gleichberechtigung abgeschlossenen Verträgen verzichtet. Eng- land aber suche Gelegenheiten, die geeignet seien. Zwischenfälle hervorzurufen, um seinerseüS die Anwendung von Gewaltmitteln zu rechtfertigen. England habe nach China beträcht­liche Marinestreitkräfte entsandt und Soldaten au chinesischem Gebiete stehen Wenn morgen eine Revolte ausbrcchc, werde die öffentliche Meinung wissen, wo der Provokateur sitze.

Der Jnnenetat im Reichshaushaltsausschntz.

Berlin, 4. Mürz. (VDZ.) Der Haushalts- ausschuß des Reichstages setzte die Beratung des Haushaltes des ReichsinnenministeriumS fort. Zum Gtatkapitel

.technische Rothilfe'', für deren Unterhaltung und Durchführung 2Vt Millionen Rm. angefordert werden, erklärte^ der Berichterstatter Abg. Dr. Schreiber (Z.), die Tech­nische Rothilfe bedeute nur ein P r o v i s o r i u m. Sie müssen eines Tages durch das Derantwor- tungsbewußtsein des Gesamtvolkes erseht werden.

Staatssekretär Dr. Zweigert erklärte: Die für die technische Äothilfe maßgebenden Richt­linien des Reichs werden zur Zeit einer völligen Reubearbeitung unterzogen. Dabei wird ange­strebt. den Begriff des öffentlichen Rotstandes den veränderten Zeitverhältnissen entsprechend wesentlich einzuschränkcn. Um so stärker wird die technische Rothilfe ihre Vorbereitung aus die Bekämpfung von Elementarereig­nissen richten. Die technische Rothilfe ist in der Zeit vom 1. Januar 1926 bis zum 31. Dezember 1926 46 mal eingesetzt worden, jedoch lediglich zur Bekämpfung von Elementarereignissen. Der Staat kann die Technische Rothilfe als daS letzte Mittet zur Aufrechterhaltung des staatlichen Lebens im Interesse der Gesamtheit seiner Bür­ger nicht entbehren. Cs ist anzuerkennen, daß die Gewerkschaften sich bemühen, bei Streiks die Verrichtung von Rotstandsarbeiten sicher­zustellen. Häufig aber waren diese ihre Be­mühungen vergeblich. Unter diesen Gesichts­punkten betrachtet, stellen die für die Technische Rothilfe ausgeworfenen 21/? Millionen Mark eine Versicherungsprämie dar. die im Ver­hältnis zu dem Schutz, der dem Staat durch die Organisation der Rothilfe gewährt wird, ganz außerordentlich gering ist. Die 2V, Millionen für die Technische Äothllfe wurden bewilligt.

Für Zwecke der skudenllschen Wirtschaftshilfe inb im Etat drei Millionen angefordert. Abg. Dr. Schreiber (Ztr.) befürwortete warm die Ge­währung dieser Mittel, da die Rot der Studie­renden andauere. Die Abgg. Dr. Löwenstein (S.) und Rosenbaum (Komm.) sowie die Abgg. Runker (D. V. P.) und Frau Luders (Dem ) wollten diesen Betrag auf 5 Millionen Mark erhöht wissen.

Ministerialdirektor Dr. L o t h h o l z (Reichs­finanzministerium) wies aus die zahlreichen An­träge und Wünsche des Reichstages hin, die auf eine erhebliche Steigerung der Aus­gaben hinauslausen. Demgemäß bat er, vor Beschlußfassung über die gestellten Anträge auch die finanzielle Gesamtlage zu berücksichtigen und lieh darüber keinen Zweifel, daß baß Reichs- finanzministerium mit aller Entschiedenheit sich Ausgaben widersetzen werde, die letzten Endes die Balanzierung des Etats zu erschüttern geeignet sind.

Abg. Dr. Külz (Dem.) verstand wohl die Bedenken des Reichsfinanzministeriums zu würdigen, betonte aber, daß gerade der Kultur­etat des Reichsministeriums des Innern mit außerordentlicher Sparsamkeit aufgestellt worben sei und daß bei vielen anderen Ressorts hätte gespart werden können.

In bet Rachmittagssitzung begtünbete Erz. v. Harnack, ber Präsident der Kaiser-Wil­helm-Gesellschaft, die Rotwendigkeit bet

Errichtung eines Auvlandinstitut».

Durch die internationale wirtschaftliche Arbeit werde auch eine unmittelbare Förderung der deutschen Gelehrten erzielt, die auf diesem Wege in Gedanken­austausch mit auf verwandten Gebieten arbeitenden ausländischen Gelehrten treten können. Man möge bedenken, daß es sich in diesem Falle nicht um einen Studentenausschuß handele, sondern um den B e - such ausländischer Forscher er st en Ranges. Erwünscht sei, den -ausländischen (Be­lehrten in dem neu zu erbauenden Institut auch Ge­legenheit zu Wohn- und Gefellschafte- zwecken zu schaffen.

Der Ausschuß erhöhte auf Antrag Dr. Schreiber (Zentr.) den Zuschuß zu den Kosten des Kaiser-Wil- Helm-Instituts auf 1 100 000 Mk. Angenommen wurde ferner ein Antrag, den Beitrag zu den Un­terhaltungskosten einer Anstalt zur Bekamp- fung der Säuglings ft erblichkeit von 180 000 auf 240 000 Mk. zu erhöhen, die Zuschüsse für den Neubau des Kaifer-Wilhelm-Instituts für Anthropologie, menschliche Vererbungslehre und Eugenik mit 300 000 Mk. und des Auslanoinstituts mit 500 000 Mk., ebenso 300 000 Mk. für das In­stitut für ausländisches Recht und für den Völker­bund.

Angenommen wurde eine sozialbemc^ratische Entschließung, worin bie Reichsregierung ersucht wirb, im Einvernehmen mit den Regierungen ber Länder bie Geschichtsschulbücher nach­zuprüfen, ob sie bem Artikel 148, Abs. 1, der Reichsverfassung entsprechen unb eine sozialistische Entschließung, bie die Reichsregierung um Vor­lage eines R eichs gese hes für Lehrer­bildung und eines Reich-SberufsschulgesetzeS er­sucht.

In einer weiteren sozialdemokratischen Ent­schließung wurde die Reichsregierung ersucht, auf alle Länder einzuwirken, damit diese 1. für wür­dige republikanische Schulfeiern sorgen, 2. alle Schulen und alle staatlichen und gemeindlichen Verwaltungen anhalt, für jedes Gebäude eine Reichsfahne zu besitzen und diese am Derfas- sungslage, sowie an allen Taaen, an denen auf behördliche Anordnung zu flaggen ist, auszu­hängen, und 3. eingehenden Unterricht über die Geschichte der Reichsfarben Schwarz-Rol-Gold anordnet.

Verlängerung der ermäßigten Lebensmittelzöve.

Berlin, S. März. (WTB.) Das Äeichs- labinctt hat beschlossen, dem Reichstag einen Gesetzentwurf vorzulegen, nach bem die er­mäßigten Lebensmittelzölle bis zum 31. Juli in Kraft bleiben sollen. Die Geltungsdauer dieser Zölle war erst Mitte Dezember bis zum 31. März verlängert worben und soll nun noch einmal, unb zwar bis zu bem Zeitpunkt, an dem die Zolltarifnovelle vom 17. Auaust 1925 ihre Wirksamkeit verliert, aufrecht erhalten bleiben.

Wettervoraussage.

Vorwiegend wolkig, etwas kühler, Neigung zu Niederschlagen noch vorhanden. Unser Gebiet liegt unter dem Einfluß eines über den britischen In je In lagernden Tiefdruckgebietes, was unserer Weiterlage zunächst noch einen unbeständigen Cha- tarier verleihen wird.

Gestrige Tagfrtemperataren: ffurtnwm: JO4 Grad Celsius: Minimum: 3,3 Grad Eelslus. Heutig Morgentemperatur: 1,8 Grad Celsius.

Aus aller Welt.

Die Einhellsanrede: ^Jrau**.

Dor kurzer Zeit hatte der 211l gemeint Deutsche Lehrerinnenverein an bie Reichsregierung eine Eingabe gerichtet, bah im Verkehr aller Amtsstellen mit weiblichen Be­amten unb Angestellten bie Einheitsanrebe .Frau? gesetzt werben soll. Die Begründung der Eingabe geht davon auS, baß es der heutigen berufs­tätigen Frau nicht länget toürbig sei, sich nach ihrem Familienstanb kennzeichnen au lassen, wäh- renb sie bvch längst In tatsächlicher Un­abhängigkeit vom Manne lebe. 3m poli­tischen unb amtlichen Verkehr fei es bereit- Brauch geworben, bie Einheit San rebe .Frau vor Amtsbezeichnungen wie .OberinAbgeorbneie- usw. zu gebrauchen. Es liegt baher kein Grund vor, biefe Anrede nicht auch auf alle Frauen, bie fclbftänbig im Berufsleben stehen, ohne eine Amtsbezeichnung zu haben, zu über­tragen. Ein Berliner Spätabendblatt hat bie Ein­gabe bazu benutzt, um an feine Leserinnen eine Umfrage zu richten, wie sie über tflü EinheitS- anrebe denken. Man darf wohl gespannt sein, was die deutschen Frauen zu bem neuen Gedanken sagen werben. Die aufgeworfene Frage stellt unstreitig ein überaus brennenbeß Problem dar. bas mit der Rechtsstellung der Frau überhaupt im innigsten Zusammenhang steht.

Rückgang der deutschen Lucherproduktiou.

Die alljährliche Uebersicht über den deutschen Büchermarkt, die Ludwig Schönrock im .Börsen­blatt für den deutschen Buchhandel" veröffentlicht, stellt für das Jahr 1926 eine Abnahme bet Produktion fest, bie sich auf fünf Prozent beläuft, unb zwar trägt bie Zahl ber Veröffentlichungen im Jahre 1926: 30 064, wahrend eS 1925 . 31 595 Einheiten waren. Davon sind 1926: 23 757 Reu­erscheinungen unb 6307 Reuauslagen gewesen. Den zahlenmäßig größten Rückgang hat bie schöne Literatur zu verzeichnen.

DerRojenfavalkr" in der Mailänder Skala.

In der Mailänder Skala wurde ber .Rosen­kavalier" von Richard Strauß unter große« Deisall zum ersten Male feit bem Jahre 1911 aufgeführt. Damals mußte bas Werk infolge beß stürmischen Protestes des Publikums in der Skala nach ber Aufführung abgesetzt werben.

Zahlreiche Todesopfer bei einem Draudunglück in Cobj.

In Lodz sind die Spinnerei Wolf Fraenkel unb die Weberei Weißmann ein Raub der Flammen ge­worden. Die im 2. und 3. Stock bc|d)äfHgten Ar­beiter konnten den Weg ins Freie nicht mehr fin­den. Mehrere Arbeiter sprangen aus dem 3. Stock auf die Straße, wobei mehrere tödlich und mehrere schwer verletzt wurden. Die Zahl der Opfer ist noch nicht festgestellt.

Großseuer.

In Winsen ist das Gefchästshaus der Firma Karstadt, A.-G., durch ein Großfchadenfeuer heim- aesucht worden. Das Gebäude stand vom untersten Stockwerk bis zum Dachstuhl in Hellen Flammen. Die Bewohner konnten, kaum notdürftig bekleidet, aus dem Hause fliehen. Große Waren»orralc sind durch Feuer und Wasser vernichtet. Oie Ursache des Bran­des ist oecmutlich auf die veraltete Schomfteinanlage zurückzuführen.

Aufdeckung eines Mordes nach 22 Jahren.

Der wegen eines Sittlichkeitsverbrechens in das Hofer Gerichtsgesängnis eingelieferte Bauer Dorsch ist dringend verdächtig, vor 22 Jahren in Böhmen den 18jährigen Kunstschüler Arno Seidel aus Plauen beim Schmuggeln ermordet zu haben. Man halt Dorsch durch Aussagen seiner ver- storbenen Frau für überführt.

Aus der provinzialhauptstadt.

Gießen, ben 5. März 1927.

Sonnenbrüder.

Seit Hermann Hesse ihnen in seinem bald lufti­gen, bald wehmütigen Büchlein von derAlten Sonne" ein Denkmal gesetzt hat, das fester steht al» manches aus Granit und Bronze (was man ihnen, notabene, niemals errichtet hätte), kann man ihnen kaum noch gram (ein.

Wenn sie, wie jetzt, da der Schnee sich mit seinen letzten grauen, pelzigen Fetzen in die nördlichsten Halden geflüchtet hat, mit dem gemessenen, man könnte sagen nonchalanten, Schritt des gewiegten Weltwanderers auf der kaum flüchtig gehärteten Landstraße gepilgert kommen, den Fit; von der langen Winterrast noch ein wenig verknittert, et» frühes Veilchen zwischen den Lippen, das Felleisen mager, der ganze Geselle noch etwas anaerauht, un» gebügelt, außen unb innen, wie jemano, der eben aus dem Schlafe kommt und in die Sonne blin­zelt . . .

Wenn sie fo von der großen Heerstraße oder vom schmaleren Feldwege her in die Stadt einbiegen, dort nach der fficnöerarbeitsftätte fragen unb gewiß bie Auskunft benutzen, um in entgegengesetzter Richtung auszubiegen: dann kann man sicher sein, baß nun der Winter ein Ende hat unb bie Sonne zu herrschen beginnt

Keiner weiß es so wie sie. Keiner findet selbst in Stabten unb Flecken, wohin er sich bisher nie­mals verirrte, so wie sie in erster Stunde bie Stra- ßen und Plätze, wo die Sonne am ehesten und heißesten hinbrennt, festlich die Klinten beleuchtend, die mit Inbrunst zum Putzen einlaben.

Unb warum auch nicht? Soll es keine Sympachie geben, sollen sich keine geheimen Fäben spinnen zwischen der großen Mutter Natur unb benen, die ihr ganzes Leben sich in ihrem Schoße verzehren lassen unb alles andere, mag es sich noch so georbnrt, noch so einträglich, noch so ehrbar gebärden, mit ber Geste bcssen von sich weisen, der sich gefunden hat, gleichgültig, ob er den anderen verloren fcheint?

Es wird so sein, gewiß, auch wenn das Gesoinst so fein ist, baß wir cs nur mit unseren stumpferen Sinnen nicht wahrnehmen können. Aber bas Veilchen merkt es, bas sich zuerst von ihnen finben läßt, ber Star, ber ihnen zuerst vom rötlich gfängenben Kirsch- bäum entgegenpfeift, unb bie erste Eibechfe, die um ben Meilenstein schlüpft, der weiß in der gläfernen Sonne blendet.

Sie merken es alle, wie es ber Herbergsvater merkt, beton ruhige Zeit nun bald beginnt, unb rote bu es fiehft, wenn bu auf breiter Straße ins Land hinabfchwenft: Die Svnnenbrüber wandern schon, das ist des Winters Abschied und Tod. m.