Einzelbild herunterladen

Nr. 54 Lrstez Blatt

177. Jahrgang

Samstag, 5. März 1927

Gietzener Anzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

Polfdiciffonto:

jtf ffnrtflm Main uw. Vrvck flw6 Verla-: VrLhl'sche U«tverst1Sts.v»ch. enö SletndniSerel B. Lange in Sietzen. Zchrtftiettnn- UNS SeschiftrAelle: ZchnlNratze 7.

Erich,,ni läghd), an^tt Sonntag» und Qtiniag»

Beilagen.

<ejjenex JamilinblStta Homo, im Bild

Dl, Scholle

HonatsiPejnpiprei«: 2 7t<i(f)$marh und 20 Retd)spfenntg für Trägt» lohn, auch bei Richte», Beinen einzelner Alumnen folge höherer Gewalt. 5ern|pre<han|d)lüHet

51, M uaö 112

Ensch ritt für Drahtnach­richten Anzeiger Gieße».

LNnast»e von Anzelaen für die Tagrsnummcr bi« ;um Nachmittag vorher.

Preis für | mm höhe für Anzeigen oo.i 27 mm Breite örtlich 8, auswärts 10 Aeichspfenntg, für Ne» klameanieigrn oon 70 irni Breite 35Beidispfenni^ Playvorschnii 20' . mehr.

Chefredakteur

Dr Friedt Will) Lange, verantwortlich für Dolnik Dr Ft Wilh Lange, für Feuilleton Dr -» Ibonot; für den übrigen Ted Ernst Diumschein, für den ?ln- zeigente,I i.Derir - Beck, sämtlich in Gieren

Die Genfer Tagung des Dölkerbundsrals.

Tkm George P o p o f f.

Genf, den 3 März.

3® einer Zeit, da Deutschland noch nicht Mitglied des Döllerbuntes war, gehörte zu einem der wirlfamsten Argument« der Beitritts- freunde der Hinweis auf den Charakter Genfs, als eineS großen politischen Rendezvous- Platzes, wo die Staatsmänner Europas regel- m2hig zusammentreffen und Gelegenheit haben würden, in unauffälliger Weise auch solche Pro­bleme miteinander zu besprechen, die mit dem Völkerbünde direkt nichts zu tun haben, aber dennoch «ine friedlich« Losung bringend erheischen. Und man sah in diesen gezwungenermaßen vier­mal im Jahre in Gens zufammentvetenden »Frie- denSkonferenzen" ein« vortresslick)« Gewähr für die forifchreltende Völkerverständigung und ein« einleuchtende Rechtfertigung für die Existenz deS Genfer Bundes überhaupt.

Selten im Laufe der legten Jahr« dürft« nun dieses Argument so zutreffend gewesen sein, wie im gegenwärtigen Augenblick, da in Gens die erste unter dem Vorsitz Deutschlands stattsindente Dnlkerbundstagung zusammenzu- treten im Begriff ist. Denn ein Dltck aus die GeschästSutze belehrt uns, bah kein inter­nationales Problem ersten Ranges darauf ver­zeichnet ist und «ine ganze Reihe Genfer Bo ricbterstatter haben sich bereit- beeilt, zu melden, daßkeine politischen Sensationen und überhaupt nichts Wichtiges" von dieser neuen Genfer Ta­gung zu erwarten wäre. Aber cS genügt gleich­zeitig eine flüchtige Rückschau über die politischen Hauptereignisse der letzten Wochen zu halten, um sestzustellen, daß sie in ihrer Gesamtheit eine außerordentlich zugespitzte politische Weltlage hervorgerufen haben und dah daher die Tatsache einer neuen <ju lammentun ft und persönlichen Füh­lungnahme der europäischen Staatsmänner selten so wünschenswert gewesen, wie «s gerade zur Zeit der Fall ist.

Sine Reihe von Ereignissen, di« erst zu Be­ginn dieses Jahres Schlag auf Schlag erfolgt find, resp. sich am politischen Horizont abzu- hebcn begannen, haben in der Welt und vor allem in Europa neue Stimmungen und neue (Situationen geschossen, die zmn mindesten nicht beruhigend genannt werden tonnen. Ls genügt zu nennen; die Stockung in der deutsch-französischen AnnäherungSpolitil, die Verschärfung der deutsch- polnischen B^ziehungeiu die Schwenlung der eng­lischen Politik gegenüber Polen, die plötzlichen Versuche einer Reuausrollung der Wilnafrage, die Entsendung der englischen Rote an die Sowjetmacht, die Zuspitzung der Lage in China und schließlich die nicht unbedingt günstige Aus­nahme deS amerikanischen Seeabrüstungs-Vor- schlages. Zwischen all diesen Dingen besteht ein innerer Zusammenhang und aneinandergereiht er­geben Re ein Weltbild, das oon demjenigen, welches man noa- Ende 1926 sah, sehr ver­schieden ist und sich durch eine stärkere Span­nung auSznzeichnen scheint.

Unter diesen v.rund.rten Umständen kommen nun in Gens abermals die die Außenpolitik Europas leitenden Staatsmänner zusammen, zu denen sich ferner die Vertreter Japans und Chinas und was besonders hervorgchoben zu werden verdient auch Vertreter der Vereinigten Staaten gesellen werden. Denn gleichzeitig mit der Ratstagung findet in Gens eine neue Session der vorbereitenden Ab» rüftungskommisfion statt, zu der die Vereinigten Staaten diesmal eine so starke Delegation entsandt haben, wie sie Gens von leiten Washingtons noch nie zuvor zuteil geworden ist. Coolidges Anregung auf Einberufung einer neuen Sonderkonserenz der fünf Washingtoner Konserenzmächte von 1922 hat in Dölkcrbunülreisen nicht gerade angenehm überrascht. E- herrscht hier einmütig d.e Auf­fassung vor. dah eine Ablösung der Abrüstung zur See von der allgemeinen Abrüstungsaktion des Völkerbundes der Gesamtheit der Arbeiten nicht sörderlich wäre. Daher ist cs ein inter­essanter Augenblick, dah die vorbereitende Ab- rüstungskommission gerade jetzt darüber zu ent­scheiden haben wird, ob ihre Vorarbeiten weit genug gediehen sind, um die Einberufung der groben Wcltabrüstungskonfcrcnz zu gestalten oder ob diese- noch nicht der Fall ist. Der definitive Entscheid über die Einberufung wird dem Dölkerbundsrate zustehen. SeinZa" oder .Rein" wird ein sehr bedeutsames Ergebnis der Märztagung sein, und allein deshalb wäre ihr eine außerordentliche Wichtigkeit b» zumesscn.

Darüber hinaus wird aoer diese wie alle übrigen Dölkcrbundzusammcnlün'te, an denen die sährenden Staatsmänner Europas teilnefcmen. diesen tressliche Gelegenheit zu diskreten Aus­sprachen geben, deren Ergebnisse für die Sache des Friedens hochwichtig sein können, auch wenn ihnen nicht gleich 'ensationelle Rachwirkungen folgen sollten. Da ist vor allem die Frage der deutsch-französischen Annäherung. Die in Thoirp so hoffnungsvoll begonnene Der- ständigungspotitik tft zur Zeit merllich inS Stocken geraten. Dah sie diesmal in Genf eine ostenta­tive Fortsetzung finden wird will man noch nicht wahr haben. Obwohl Brianüs letztes Ein­treten für die Berechtigung der deutschen Wünsche urti>_ die von Berlin kommenden hartnäckigen Gerüchte, datz Deutschland, auf Grund von Ar­tikel 431 des Versailler Vertrages, in Gens die Frage der früheren Räumung der Rheinlande vom .Rechtsstandpunlte auf­zurollen beabsichtige, dagegen zu sprechen schei­nen . . . Klarer sind die Aussichten in bezug auf I

venWaild und der britisch-russische ttonflitt

Pari-. 4. März. (XU.) Wie der Vertret« der Telegraphen-Union erfährt, wird Cham­berlain am Abend des 5. März in Pari­eintreffen und ohne Unterbrechung gern einsam mit dem französischen Auhenministcr Br land nach Gens Weiterreisen. Der polnische Auhen- minister Z a l e S k t wird diesmal nicht in Pari­erwartet. da er sich von Warschau über xatto- toitz direkt nach Genf begibt ES dürste dies daS erstemal sein, datz ein polnischer Außenmini­ster vor einer für Polen so wichtigen Ratstagung nicht den Weg über Pari- nimmt.

3n unterrichteten französischen Kreisen und auch in diplomatischen englischen Kreisen hebt man hervor, das) die Anwesenheit Chamberlain- und DriandS bet dieser Genfer Ratstagung, deren Tagesordnung leinen wesentlichen Gegen­stand außer der Danziger und der öaarfrage aufweist, auf den Wunsch zurückzusüchren wäre, die bisher geübte Methode, alle Vierteljahre eine Zusa mmenkunst zwischen den lei­tenden Staatsmännern Europa - her­beizuführen, In Zukunft fortzusetzen. Auch ist in der Anwesenheit der beiden Außenminister die Absicht unverkennbar, die Bedeutung der Rolle Deutschland- im Völlerbund, das diesmal den Vorsitz in der Ratssitzung führen wird, zu unterstreichetu

So sehr diese beiden Gesichtspunkte mitge­sprochen haben mögen, dürfen sie aber nicht als die entscheidenden ausgesaßt werden. SS besteht vielmehr die Vermutung, daß diesmal nicht deutsch-sranzösische, sondern deutsch-eng­lische Verhandlungen in Gens im Mittelpunkt der Beratungen stehen werden, die vor allem aus dieZuspihungderenglisch-russischen Beziehungen zurückzuführen sind. Chamber­lain soll die Absicht haben, in Genf die antirussi­sche Front zu verstärken und auf die Verhand­lungen zwischen Deutschland und Polen einen Einfluß auszuüben. Die lebhafte Tätigkeit, die daS Foreign Office seinerseits in Warschau und Kowno entwickelt, um eine Annäherung Po­lens an Litauen zu erreichen, und Ne Be­mühungen des Foreign Office andererseits um eine Wiederaufnahme der deutsch-polnischen Ver­handlungen werden als der beste Beweis dafür angesehen, wieviel der englischen Regierung an einer völligen Isolierung Sowjetruh- l a n d s gelegen ist

3n französischen diplomatischen Kreisen glaubt man. daß der englische Außeiuninister für die Lockerung der deutsch-russischen Be­ziehungen einen Preis zu zahlen bereit sein könnte, der vielleicht in der Unterstützung der deutschen Ansprüche auf die Rheinlandräumung zu suchen wäre. Der .Berliner Dörsenkurier" bemerkt dazu, daß an zuständiger deutscher Stelle nicht daS geringste von solchen englischen Wün­schen bekannt ist, und es niemanden einsällt diese Kombinationen ernst zu nehmen. Richt nur der Reichskanzler hat in dcn letzten Tagen wieder­holt darauf hingewlesen. daß Deutschlands Stel­lung zu der augenblicklichen Verschärfung der russisch-englischen Beziehungen von vornher­ein klar und gegeben ist. Die gesamte deutsche össentliche Rieinung ist einig darin, daß für Deutschland auf Grund der Verträge von Locarno, Rapallo und Berlin keine andere als eine durchaus neutrale Haltung in Be­tracht kommt.

Deutschland wird sich nicht von seiner klar vorgezeichneten politischen Linie abbringen lassen, die eine weitere Verständigung mit Frankreich und England erstrebt und die zur Erreichung dieses Zieles eine schnelle Be­reinigung der noch zu flärenten Fragen, insbe­

sondere des Rheinland- und SaarprvblemS. als wichtigste Vorbedingung ansieht. Deutschland- Politik gegenüber Sowjetrußland hat sich nach Mctnung Berliner diplomatischer Kreise stets im Rahmen der zwischen beiden Staaten abge­schlossenen Verträge gehalten und wird dies auch weiter tun. Jeder Versuch, von englischer oder sranzösischer Seite, ein Entgegenkommen gegen­über deutschen Forderungen in den Westsragen von einer Aenderung der deutschen Politik im Osten abhängig machen zu wollen, wird auf ge­schlossenen Widerstand der gesamten deut­schen Oeffentlichkeit stoßen.

Deutschlands Außenpolitik in Genf.

(Eigener Bericht bet Gießener Anzeigers.)

Berlin, 4. März. Unmittelbar vor der Genfer Ratstagung hat in allen Lagern eine politische Akti­vität eingesetzt, die sich zu mindest nur darauf zurück» führen läßt, daß die großen politischen Probleme in so energischer Form eine Lösung verlangen, daß mit allen Mitteln versucht wird, zunächst die eigenen Belange ftcherzustellen. Dies letztere gilt vor allem von Frankreich, und es scheint, daß im Augen­blick die verschiedenen sranzösiscj-en Richtungen in einem unerbitterlidjen Endkamps um ihre Geltung ringen, ohne dabei $u übersehen, daß schließlich letz­ten Endes sich einug und allein das große Gesetz der Weltgeschichte durchsetzen wird, das immer da­hin geht, die scheinbar unüberwindbaren Gegensätze auszugleichen. Man versucht deshalb, wenigstens nach außen hin in irgendeiner Form dcn Beweis zu erbringen, dah man In Vertretung der eigenen Interessen fein Möglichstes getan hat. Etwas anbe- res ist ble Lage in 6 n g l a n b , wo große weltpoli­tische Probleme bes britischen Empire um ihre Klä­rung ringen und beshalb bi« englifdye Regierung ihre Interessenvertretung In Westeuropa immer nur in Beziehung auf diese großen Kämpfe richten kann

Inmitten dieser Kämpfe steht nunmehr Deutschland, das. und das muß voraus» gesagt werden, zunächst mit aller Ruhe a o to a r - t e n kann, wie sich die Dinge weiter entwickeln. Sein Hauptaugenmerk hat dabei nur daraus gerichtet zu sein, die eigenen Interessen zu sichern und feine Stellung als Großmacht dort in Geltung zu bringen, wo eS auf Grund ge­schlossener Verträge dazu teredtgt ist. Eine andere Ausgabe aber ist es für Deutschland, und die versucht man außerhalb der deutschen Grenzen dauernd in agitatorischer Weise mit den andern politischen Problemen zu ver­quicken, nämlich die Durchsetzung der Rhein- landräumung. sowie die Frage der Klä­rung seines Behältnisse- zu Polen. Diese beiden Punkte stehen im Mitte^unkt des In- teresses der kommenden Ratstagung. Wenn man aber nun versucht, wie dies vornehmlich in der französischen Presse geschieht, deutsche Einmischun­gen z. B. in den China-Konflikt festzu­stellen. so scheint dies darauf hinauSzugehen, uns in unserem Kampf um unser Recht einzufchüch- tern. oder zumindest bei den anderen Rationen in Verdacht zu bringen. Demgegenüber muß aber ausdrücklich betont werden, daß Deutsch­land gemäß seiner politischen Stellung über­haupt in all diesen Fragen ftrcngjte "Neu­tralität bewahrt. Sv ist es auch in jeder Drehung irrig, anzunehmen, dach Deutschland über Rußland hinweg aus England Vorteile ziehen will. Die deutsche Politik ist durch die Locarno-Verträge und den Berliner Vertrag feftgelegt und steht im Zeichen der Verstän­digung. dir als einzig möglicher Weg sich den Fortschritt der Menschheit überhaupt beküm­

mernden Völkern barbietd. Dieser Verständl- gungSwille drückt sich deshalb auch in jeder politischen Aktion der deutschen Rcg.erung eus.

Um auf irgendeine Weise diese oben ermahnte politische Aktivität abzuleugnen, wirb namentlich in der sranzösischen und englischen Presse in ihren Vor- besprechungen ber kommenden Ratstagung immer wieder betont, daß große politische Probleme in Genf nicht gelöst würden. Dies dürste richtig sein, so weit man nicht den deutschen Standpunkt v.-r- tritt. Es wirb sich aber auch nicht verhindern lassen, daß die aktuellen deutschen Fragen in der Genfer Luft, die sich Verständigung nennt irgendwie zur Sprache kommen. Darauf scheint aber auch die rege Agitation in der Auslandc presse trotz aller Dementis hinzuweisen.

Die Rheinlandräumung.

Bor vertraulichen Besprechungen in ttcnf.

Berlin, 5. Mär;. (Vrio.-Iel.) Dieläglidje Rundschau" nimm! die gestern abend erfolgte i( b - reise der deutschen Delegation nach Gens jum Anlaß einer Vorschau auf die bart zur Sprache kommenden Probleme und behandelt be­sonders ausführlich die R h e I n I a n b f r a g e . die )war nlchf auf dem Verhandlungsprogramm steht, icdoch wahrscheinlich Gegenstand von ocr- traulichen Besprechungen Dr. Slrcle- rnanns mit dem französischen und dem englischen Außenminister sein bürife. Man wird erwart n kön­nen, so schreibt das Blatt, bah die Lösung der Rhcin- landfrage durch ble Senser Besprechungen weiter gefördert wird. Jedenfalls wird man von deut­scher Seite au» versuchen, die Schwierigkeiten, die einer wirklichen Verständigung zwischen Jranfcrldj und Deutschland Immer noch Im Wege liegen, nach Möglichkeit zu beseitigen. Dabei wird man aller­dings im Auge behalten müssen, dah große Entschei­dungen auf diesem Gebiete In Gens nldjt stillen können. Die Genfer Zusammenkunft wird nichts weiter fein können, als eine weitere Etappe auf dem Wege zum Ziele. Sie wird eine Aussprache namentlich über die Voraussetzungen brin­gen, unter denen die Räumung erfolgen soll. Aus sranzösischer Seite verficht man Immer noch öle Rolwendiokrit besonderer Sicherheiten. Man denkt an die Einsetzung irgendwelcher f< o n - trollorgane. Ls versteht sich von selbst, daß oon solchen Zugeständnissen keine Rede sein kann. Deutschland ist der Ansicht, dah die Sicher­heitsfrage durch die Cocamooerträge r e ft I o 9 ne- 1 3 st ist. Die deutsch« Regierung ist der Ansicht, d 'ß die Bedingungen durchaus erfüllt sind, die nach Art. 431 des Versailler vertrage» zu einer vorzeiti­gen Räumung des besetzten Gebiete» führen müssen. Auf dieser Grundlage werden wohl oon unserer Seite die Verhandlungen In Gens geführt werden, wenn auch eine nach außen hin sichtbar? biploma- iische Aktion auf Grund des Artikels 431 zurzeit nicht beabsichtigt ist.

Der neue preußische Iuftizminister.

Berlin, 5. März. (SeL-Un.) An Stelle bc8 auöfdxibenben Ministers Dr. A m Zehnhos s hat Ministerpräsident Braun den Senatspräsi-- denlen beim Kammer gerichl Dr. Hermann Schmidt zum Staats- und Iustizminister er­nannt. Der neue Iustizminister wurde geboren 1880 zu Rauen. Er ist katholischer Konfession. Seit 1913 war er in Berlin-Lichtenberg alS Amtsrichter, feit 1920 als Kammergerichtsrat tätig. Parlamentarisch betätigte er sich feit dem R7ärz 1919 als Stadtverordneter von Lichtenberg und seit 3uli 1926 als Stadtverordneter in Groß-Berlin. 3m preußischen Landtag gehört er der Zentrumsfraktivn an.

die Saar-Frage, und es steht fest, daß diese im Gesamtkomplex der dcurlch-sranzösischen Be­ziehungen so wichtige Angelegenheit nun zu einer ziemlich entscheidenden Aussprache kommen wird. Die plötzliche Demission des saarländischen Re­gierungspräsidenten Stephens und der Be­richt der Regierungslommis ion des Saargebietes sind angetan über die unmittelbar zur Er­örterung stehenden Fragen der Eaartruppen und der Eisenoahnlommission hinweg die Erledi­gung der Eaarsrage in ihrer Gesamtheit spruch­reif werden zu lassen. .Vielleicht entschließt sich Frankreich", schreibt ein schweizerisches Blatt hierzu, »diesesmal zu einigem Entgegenkommen, gerade weil in der Verbesserung der Beziehun­gen zu Deutschland zur Zeil ein Stillstand ein­getreten ist. Denn die Saar ist als französische Pvlition ohnehin aussichtslos, und Frankreich hat nur die Wahl, ob es diesen Posten mit oder ohne bcau geste abschreiben will . . . Und diese Ansicht ist in Gens die allgemein vorherrschende.

Sehr wahrscheinllch ist ferner, daß während ber kommenden Tagung in Gens der Versuch gemacht werden wird man spricht von einer bevorstehenden Intervention Briands zwi­schen Deutschland und Polen eine Ver­ständigung zustande zu bringen. Liebertrieben sind bic Erwartungen in diesem Punkte allerdings nicht. Senn es ist offensichtlich, daß ohne Revi­sion wesentllcher Teile des Deriailler Vertrages für Deutschland von der Herstellung eines wirk- llch normalen Verhältnisses zu Polen nicht die Rede fein kann. Auch dürfte Englands neues Auftreten in Warschau ün Moment einer Ent- spannung der deutsch-polnischen Beziehungen nicht wesentllch förderlich sein. Aber eine Regelung der Frage der Oberschiefischen MinderheitMs^ni-

len und eine Wiederaufnahme der Hantelsvcr- tragsverhandlungen wären allerdings als QKafimum des unter diesen Umständen erreich­baren immerhin zu erwarten. Rnd wenn das bevorstehende Zusammentreffen der Minister Dr. Srresemann und Zaleski selbst nur diese begrenzten Ziele verwirllichen könnte, so hätte man die Genugtuung, ein erfreuliches Pius der neuen Genfer Laguna verzeichnet und die deutsch^ Polen- politck glücklich aus dem gegenwärtigen Zustand der Erstarrung herausgebracht zu haben.

In einigem Zusammenhänge hiermit steht die mögliche Neuaufteilung der Wilnasrage. die offiziell in Genf allerdings nicht zur Sprache kommen wird. Aber es tagt hier zur Zeit die Ravigationskommisfion des Völkerbundes, die unter anderem auch die Frage der polnischen Holzflößerer längs des Mcmel- flusses zu erörtern har. Diese hatmlo'e Frage ist nur scheinbar unpolitisch. Denn cs handelt sich in dieser .Holzflößerei"-Frage um die einzige Angelegenheit, ufwet die die Regierungen von Warschau und Kowno bisher offiziell verhandelt haben und hinter der sie ver'chämt ihre zagen politischen Verstäitdigungsveriuche zu verbergen bemüht sind. Run verlautet aber, daß England sich für eine endliche Lösung der Wllnasrage enerchscher als bisher einzusetzen beginnt und ün Zusammenhang hiermit dürften auch diese gegentoartig in Gens geführten polnisch-litau­ischen Verhandlungen übet .den Modus der Holzflößerei auf dem Memelslusse" allmählich an Interesse aewinnen.

Don Englands Intervention im polnisch- litauischen 6treu zum energischen Vorgehen der Londoner Regierung gegen di e Sowjetmacht führt eine gerade Linie und diese Frage dürft«

daher den Völkerbund unter Umstünden nicht unberührt lassen. In Genfer Kreisen bebuuert man sehr, daß der Völkerbund im Moment für eine evtl. Beilegung deS russisch-engli'chen Zwi­stes nicht das geringste tun kann. 3m übrigen aber ist das Völkerbundssekretariat, nach der glücklich erfolgten Aufnahme D utschlands. in letzter Zeit sichtlich um die Gunst der Sowjek- regierung bemüht ausgehend von dem an und für sich durchaus richtigen Wunsch nach einem baldigen Beitritt des Sowjetstaates. Ob aber, zur Erreichung dieses Zieles, es gerate ri<A)g ist. mit einem eines besseren würdigen Heroismus und Stoizismus eine Moskauer Sot­tise nach der anderen einzustecken, ist eine Frage über die man sich in Gens noch nicht rocht Har zu sein scheint...

^Ind endlich - der China-Konflikt. 21m 19. Februar teilte das .Journal de Genöve" mit .es bestätige sich, daß der Völkerbund- Vertreter Chinas die Wsicht habe, die Frage des sernöstlichen Konslittcs während ter M.:rz- fession des Döllerbundes in Gens auszurollen". Diese Meldung wird nun beftri.ten. Trotzdem tann man es noch jetzt, kurz vor Beginn dec Tagung, im DöllerbundpalaiS hören, daß .bei ben Chinesen nichts ausge chlos en Ist"! Und tat­sächlich wäre Chinas Konslikt mit England ein wahrhaft Rassisches Anwendungsgebiet des Ar­tikels 19 des Paktes, ter den Abbau von un­durchführbar gewordenen Verträgen vorsieht. Es bleibt also abzuwarten, ob Herr Tschao-Hsin- Tschu den Moment bereits für gekommen betrach­ten wird eine Erörterung ter Chinafrage vor dem Völlerbund anzuregen und was Sir Austen Chamberlain dazu sagen wird...