ginge." Da traten des Fürstbischofs Häscher herzu und griffen den falschen Propheten.
Als man ihn am 15. Juli zu Heiligental peinlich verhörte, sprach er zum Voat, wenn es tage, wolle er ihm offenbaren, wie lange er lebe, und in welcher Stunde er sterben würde: doch der Würz« burger Schultheiß würde vor ihm sterben. Am 31. August 1669 lieferten Valentin Ruchs und Lienhart Schloßring den „bayrischen Wahrsager" von Heiliaental zum Prozeß nach Würzburg aus. Friedlich schritt er neben den rauhen Henkersknechten und tot ihnen die Zukunft kund. Ruhig ging er einem ungewissen Schicksal entgegen. Ungewiß? Zauberer öder Betrüger, Scheiterhaufen oder Henkersbeil? Das war die Frage. In jedem Fall aber wartete feiner der Tod.
O, daß doch seine Richter so vernünftig waren, wie die Armenhäuslerin von Zellingen. „Sie aber hätte seiner Rede nichts geachtet und ihn nur für einen Narren gehalten!"
Soweit berichten die alten Gerichtsakten (Im Archiv des Julius-Spitals und im Staatsarchiv Würzburg), dann brechen sie plötzlich ab. Da war ich nun nicht wenig erstaunt, in einer alten Chronik unvermutet wieder die Spur des „bayrischen Wahrsagers" zu finden. Es war in glaubwürdige Erfahrung gebracht, daß der heiligmäßige Wundermann trotz seines hohen Alters zuweilen mit losen Dirnen wandere, zu Zeiten mit ihnen zeche und schwelge, daß er ein nichtswürdiger, gottloser Land- betrüget sei, in jener Nacht heimlich in eines benachbarten Bauern Scheune sich verborgen gehalten und das Wirtshaus selbst angezündet habe. Viermal wurde er in der Zeit vom 30. Juli bis 31. August vom Würzburger Malefizrichter Dr. Fichtel und dem Malefizschreiber Eyerich peinlich befragt Sie glaubten weder seinem Vorgeben, daß er die Hexen-Manns- und Weibspersonen kenne unb wisse, wieviel jeden Orts seien, noch dem Vorbringen, daß er Offenbarung habe, es käme ein Vögelein und eine Taube zu ihm, von dergleichen habe er seine geheime Wissenschaft. Viermal leugnete der Siebzigjährige trotz furchtbarer Folterqualen jede Schuld. Und nachdem dies der Richter an den Fürstbischof berichtet, lautete das Urteil, daß er zwei Stunden mit einer Bettelkotzen auf dem Rücken am offenen Pranger stehen, danach mit Ruten aus der Stadt Würzburg ausaepeitscht und auf ewig des Landes verwiesen sein solle.
Und so geschah mit ihm am 31. August 1670. Das war des bayrischen Wahrsagers letzte Fahrt durch Franken.
bet, Ajche, Schaft; und Pferde nebeneinander und «chechen sichtlich. Der Aufenthalt auf sonniger Weide ist ihnen gesunder als das dauernde Der» Hetben im dumpfen, dunklen Stall.
Kreis Friedberg.
WEN. Friedberg, 29. Mai. Der Geheime Wedizinalrat Dr. Weckerling feierte heute fein 60jiihriges Doktorjubiläum. Er ist ein Sohn unserer Stadt und lieh sich nach beendetem Studium in Gießen und einer Assistentenzeit in Greifswald und mehreren Ausbildungsreisen schon im Jahre 1867 hier nieder. Dem Jubilar wurden zahlreiche Ehrungen zuteil.
4 Bad-Rauh eim, 30. Mai. Erne rirchenmusikalische Andacht fand heute nachmittag in der katholischen Kirche statt. Der Kirchenchor der Marienkirche aus Bad Homburg vor der Hohe unter Leitung von Organist W. Hohn war der Veranstalter. Eine große Gemeinde von Andächtigen aus allen Bevötterungs- kreisen erbaute sich an der erhabenen Musik, die in alten Kirchenchören des 16. 3abr- hunderts und Orgelwerken 3. S. Dachs und M. Drvsigs geboten wurde.
> Aus der nördlichen Wetterau, 29. April. Auch in hiesiger Gegend zeigt das Getreide, mit Ausnahme des Weizens, im allgemeinen eine gute Entwicklung.^ Be- dauerlicherweise sind alle Weizenbestände mit Rost befallen, mitunter dermaßen stark, daß die Pflanzen sich nur ganz allmählich davon werden erholen können. Aach Aussage der Landwirte wird die W e i z e n e r n t e, die Haupternte unseres Gebietes, eine starke Einbuße erleiden. Roggen und Sommerfrucht sind bis jetzt zufriedenstellend. Die Frühkartoffeln zeigen eine prächtige Entwicklung. Mit dem Stand des sogenannten ewigen oder hundertjährigen K l e e s ist der Landmann zufrieden, dagegen weist der rechte Klee (Deutscher Aotllee) an manchen Orten beträchtliche Lucken auf. Bedingt durch die aiihaltende kalte Witterung konnten sich besonders in trockenen W i e s e n die wertvollen Antergräser nicht entwickeln.
Kreis Schotten.
Id Schotten, 29. Mai. Aachdem schon vor einiger Zeit die vom Froste vernichteten Fruchtansätze der Apfel- und Birnbäume abgefallen und somit die Hoffnungen auf eine einigermaßen günstige Obsternte entschwunden sind, muß jetzt auch festgestellt werden, daß die H i m - beerernte, die in unserer Gegend mit ihren ausgedehnten Wäldern eine groß« Rolle spielt, ebenfalls den „Eisheiligen" zum Opfer gefallen i st. Bielen armen Deuten ist dadurch die Möglichkeit genommen, durch Beerensammeln etwas zu verdienen. Die Girlee- und Himbeersastbereitung, die von 3ahr zu 3ahr zunnahm, ist für dieses 3ahr völlig unterbunden, und die Hoffnung, die ausfallende Obsternte durch Wildobstsammeln einigermaßen auszugleichen, ebenfalls dahin.
Id. Ulrichstein. 29. Mai. 3n Jahren mit normalem Frühjahrswetter hatte das Unterland Obst, während die Ulrichsteiner Gegend meist leer ausging. Durch die anhaltend kalte Frühjahrs- Witterung dieses Jahres hat sich die Obstbaumblüte hier oben so sehr verzögert,^ daß man jetzt noch in der Umgebung unseres Städtchens zahlreiche blühende Aepfelbäume antrifft, die für den hohen Vogelsberg Aussichten auf eine Obsternte eröffnen.
* Eichelsdorf, 29. Mai. Der Getreide- b l a s e n f l o h , besten Auftreten aus Ettingshausen gemeldet wurde, tritt auch auf Kornäckern unserer Gemarkung auf. Auf manchen Sietfern sind bereits 10 o. H. der Aehren von diesem Schödling an- gefressen. Die von dem Insekt beschädigten Aehren fallen durch ihre welken, abgeblaßten Spitzen auf. Die wie erfroren aussehen.
id. Stumpertenrod, 29. Mai. Die für unsere Gemarkung geplante Feldbereinigung wurde mit Rücksicht auf die schlechte Wirtschaftslage der Landwirtschaft für bessere Zeiten zurückgestellt. Aach Eintritt gesunderer Wirtschastsverhältnisse will man auf den Plan, der sich in unserer ziemlich flach liegenden Feldmark leichter ausführen läßt, als in den meisten Vogelsberger Gemarkungen, wieder zuruckgreifen.
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Kreis Büdingen.
$ Bad Salzhausen, 29. Wai. Ans« alles vberhessisches Solbad schickt sich an, einen geschichtlichen Gedenktag festlich zu begehen: Das 100jährige Kurhaus-Jubiläum. Dre Feier ist für den 2 0. 3uni vorgesehen. Die umfassenden Erneuerungen des letzten Jahves, für die der hessische Staat erhebliche Mittel aufgewendet hat, sind nun in der Hauptsache vollendet, so daß sich das Bad den Festbesuchern tn einem einladenden Festkleid zeigen '^nn. Sehr schmuck nimmt sich jetzt das Kurhaus aus, das aufs behaglichste eingerichtet worden ist und im Erdgeschoß nun auch ein Vestibül hat, das bei regnerischem und kühlem Wetter einen behaglichen Aufenthalt bietet. Der Gradierbau, ein bevorzugtes Kurmittel, ist um 12 Meter verlängert und vollständig gedectt worden. Auch der baufällige Bohrturm, das Wahrzeichen unseres Bades, fand eine gründliche Wiederherstellung. Die Errichtung eines Gewächshauses ist für diesen Sommer noch geplant.
Kreis Alsfeld.
M Alsfeld. 30. Mai. Am Samstag fand dahier im städtischen Dersammlungssaale, in den ehemaligen Räumen der Höheren Mädchenschule, die Eröffnung der Kunstausstellung, welche die Firma Karl R ie b e l, Gießen, und Kunstmaler L. Martin, Alsfeld veranstaltet, in Gegenwart dec Vertreter verschiedener Behörden statt. Romens der Aus- stellungsleilung eröffnete Lehrer Dotter die Ausstellung mit einer Ansprache. Weitere Ansprachen hielten Bürgermeister Dr. V ö I s i n g namens der Stadt und Regierungsassessor Dr. B o 11 für den Kreis Alsfeld. Die Ausstellung ist sehr geschickt zusammengestellt und enthält Originalölgemälde, Aquarelle, sowie graphische Arbeiten von Künstlern aller Richtungen. 3ns- gesamt sind etwa 100 Gemälde zur Ausstellung gebracht. Falls die Ausstellung von Erfolg begleitet ist. wird beabsichtigt, wie Bürgermeister Dr. V ö Ising in seiner Ansprache betonte, eine solche Kunstausstellung alljährlich regelmäßig in Alsfeld zu veranstalten.
Alsfeld, 29. Mai. Heute morgen gegen 8 Ahr ereignete sich am Ausgang der Stadt auf der Hevsfelder Straße ein Auto- mobilunfall. Der Obechessische Automobilklub unternahm eine gemeinsame Fahri von Gießen nach Kassel Md war gerade im Begriff, die HerLselder Straße zu passieren, als ein sechsjähriges Kind einer gerade in Alsfeld lagernden Korbmachersamilie beim Aeberschreiten der Straße von dem Wagen des Fabrikanten Dr. Gail aus Gießen hineinlief und überfahren wurde. Dcr Lenker des Wagens suchte dem über die Straße lausenden Kind noch auszuweichen und rannte gegen die Mauer des Anwesens des Fabrikanten R e b st o ck. die durch den Anprall umgerissen wurde, während die Insassen unverletzt blieben. Das Auto wurde nur leicht beschädigt. Dos überfahrene Kind, das sofort ins Kreiskrankenhaus gebracht wurde, erlitt einen doppelten Beinbruch und mehrere Quetschungen. Die polizeiliche Untersuchung des Anfalles wurde sofort eingeleitet.
st. Alsfeld, 28.Mai. Heute fand hier die Beerdigung des Buchdruckereibesitzers und weithin bekannten Turners Hermann Post statt. Der Verewigte, der einem langen, schweren Leiden erlag, hatte 25 3ahre lang das Amt des Gaurechners des Turngaues Hessen mit großer Gewissenhaftigkeit und Treue bcfleibet. Am Grabe des Entschlafenen legte der 1. Gauvertreter des Gaues Hessen. Arthur Pfeiffer- Wetzlar, einen Kranz nieder, wobei er der guten Turnereigenschaften des Verstorbenen gedachte. Dasselbe tat der Vertreter des 4. Turnbezirks G u nt r u rn - Schlitz, ferner noch der Alsfelder und der Lauterbacher Turnverein durch ihre Sprecher. 3n dem Verstorbenen hat die deutsche Turnerschaft einen wackeren, echten deutschen Turner verloren.
Id. Ruppertenrod. 29. Mai. Die Straße Mücke — Ruppertenrod, die durch Auto- und Frachtverkehr sehr stark in Anspruch genommen wird, befindet sich bereits seit einiger Zeit in einem Zustand,der verkehrserschwerend wirkte. Diesem Aebelstand sott demnächst durch
Walzen abgeholfen werden. Der Durchgangsverkehr Gießen- Alsfeld— Fulda wird dann wieder bei besseren Straßenverhältnissen eine glattere Abwicklung finden.
Preußen.
Kreis Wetzlar.
I Großrechtenbach, 29. Mai. Der Kassen- gehilse Heinrich Bonn von hier, der im Jahre 1921 in die französische Fremdenlegion geriet, ist gestern nach Ablauf der fünfjährigen Dienstzeit in feine Heimat zurütfgekehrt. Bonn hat an den Kämpfen in Marokko teilgenommen, aus denen er unverletzt hervorging. Obwohl er in einer Wirtschaftskompagnie war und in diefer nicht die strengen Strapazen mitzumachen brauchte wie die anderen Legionäre, rät er doch jedem ab, in die Fremdenlegion einzutreten. .
<> Dornholzhausen, 29. Mai. Eme Nachtigall erfreut hier allabendlich naturfreundliche Ortseinwohner. Bis nachts 1 Uhr ist ihr lieblicher Gesang vom „Kesselberg" her zu hören.
Kreis Marburg.
WSN. Marburg, 29. Mai. In dem hiesigen Gefängnis warf ein Strafgefangener in einem Anfall von Tobsucht die Einrichtung einer Zelle stückweise auf d i e Straße, bis er schließlich zur Ruhe gebracht werden konnte.
sch. Marburg. 30. Mai. Bei Crdarbeiten zwischen der Aniversitätshatte und dem alten Bibliotheksgebäude ist man auf menschliche Grabstätten gestoßen. Hier war früher das Barfüßerkloster und dabei auch die Begräbnisstätte für die Mönche. — Der Magistrat hat beschlossen, ein Reunf amilienh aus für Reichs- und Staatsbedienstete zu errichten, wenn die Behörden die erforderlichen Zuschüsse leisten. Auch sotten im laufenden 3ahre noch eine Reihe von Strahenbefestigungs-, Pfla- sterungs- und Kanalisationsarbeiten vorgenommen werden, da die Mittel jetzt durch Anleihe zur Verfügung stehen.
Dillkreis.
* Driedorf, 29.Mai. Wegen Seuchengefahr findet der hiesige Viehmarkt am 2.3uni nicht statt.
* Saiger, 29.Mai. Gestern abend gegen 7 Ahr ereignete sich am Allen dvrfer Berg wieder ein Autounglück. Einem Lastwagen aus Köln, der sich auf einer Geschäfts tour befand, versagte die Bremse. Während der Beifahrer sich durch Herausspringen rettete, steuerte der Chauffeur den Wagen über einen Graben, wobei er sich überschlug. Der Chauffeur wurde leicht an der Rase verletzt, der Wagen unerheblich beschädigt. Die Fahrt konnte fortgesetzt werden.
Obcrlahnkrcis.
0 Gräveneck, 29. Mai. Seit vorgestern weilen hier etwa sechs Brieftauben, die sich im Kirchturm aufhalten. Sie waren scheinbar ermüdet und werden wohl, wie schon mehr beobachtet, bald chre Wanderung fortfetzen. — Heute nacht 11 Uhr fetzte ein kräftiger Gewitterregen ein, der mit kurzen Unterbrechungen bis morgens 7 Uhr anhielt. Nach mehreren Gewittern heute vormittag klärte sich das Wetter im Laufe des Nachmittags wieder auf. Die Niederschläge sind der jungen Aussaat sehr zustatten gekommen.
Obcrweftcrwaldkrers.
& Höhn-Urdorf, 29. Mai. Heute morgen fand ein hiesiger Landwirt beim Mähen in dem sogenannten Waffenfeld die Leiche eines etwa 19 bis 20jährigen Mädchens, die mit Rasen zugedeckt war. Die vorläufigen Rachforschungen deuten darauf hin daß ein Mord vorliegt, der wahrscheinlich erst vergangene Rächt verübt worden ist. lieber die Personalien der Ermordeten ist bis jetzt noch nichts bekannt geworden. — Zur Aufklärung' der Angelegenheit wurden die Frankfurter Kriminalpolizei alarmiert. Auf der Fahrt der Frankfurter Mordkommission ist deren Auto bei dem Dorfe Gieselhaufen im Taunus verunglückt, wobei der Kriminalsekretär Landgraf den Tod fand. Rähe« Einzelheiten über das Anglück stehen noch aus?
Republikanischer Tag.
Das Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold hatte auf Samstag und Sonntag zu einem Republikanischen Tag in Gießen eingtlaten, zu dem Mitglieder des Reichsbanners aus den verschiedenen Teilen Hessens und den angrenzenden preußischen Gebieten erschienen waren.
Am Samstag abend fand in der Volkshalle eine Begrüßungsfeier statt. Die hessische Regierung war hier durch Ministeriakdirektor 11 r ft a ö t vertreten. Ansprachen hielten Studienrat Schoen- Gießen, Polizeipräsident a. D. Krüger-Berlin anstelle des durch Krankheit am Erscheinen verhinderten Bundespräsidenten Horsing-Magdeburg, ein Vertreter des Republikanischen Lehrerbundes, Aniversitätsprofessor Dr. Kinkel- Gießen namens des Ehrenaus- sc^rsses, Senatspräsident am Kammergericht Dr. Großmann- Berlin, Redakteur Ebert-Der- lin, Landtagsabg. Storck-Darmstadt und Frau B l v s - Stuttgart.
Sonntag vormittag fanden auf Oswaldsgar» ten Bannerweihen statt. Polizeipräsident a.D. Krüger - Berlin weihte das neue Bundesbanner des Gaues Hessen, Gaudorsitzender Storck- Darmstadt weihte die Danner der Orts- gruppen Gießen und Wieseck. Dem Gießener Danner wurde von dem Republikanischen Frauenbund Gießen eine Schleife gewidmet. Anschließend fand ein Danner-Amzug statt: Gegen 1 Ahr traf Staatspräsident Ulrich auf dem Bahnhof ein, wo er vom Bundesvorstand empfangen wurde. Rachmittags gegen 2 Ahr bewegte sich ein Festzug durch die Stadt zur Dolls- halle. Die Zugteilnehmer marschierten vor dem Balkon der Dolkshalle auf. Don hier aus hielten Ansprachen Senatspräsident Dr. Großmann- Berlin, Redatteur Ebert-Berlin, Gauvorsihender Storck- Darmstadt, Polizeipräsident a. D. Krüger-Berlin, Staatspräsident A l r i ch - Darmstadt. 3n der Dolkshalle sprachen dann Oberbürgermeister Luppe- Rürnberg, Reichstagsabgeordneter Regierungsrat Knoll - Darmstadt, Frau Dios - Stuttgart, Gauvorsihender Storck- Darmstadt. Die Veranstaltung flang in einem Festabend in der Vvlkshalle aus.
Dke Beflaggung der Nniversilälsgebäude.
L. 11. Don der LandeSuniversität wird uns unter dem 28. Mai geschrieben.
Die Landesuniversität ist der Oeffentlickkeit Rechenschaft darüber schuldig, daß sie als wissenschaftliche Anstalt, die sich von der Politik des Tages fernzuhalten hat, vor einiger Zeit rechts- aerichteten Organisationen zu einer Tagung die große Aula versagt hat, während sie am 29. und u0. Mai 1926 bei Gelegenheit der Tagung einer anders gerechteten Organisation, des Reichs- Hanners Schwarz-Rot-Gold, geflaggt hat .
Die Landesuniversität hat gegen diese Beflaggung beim Landesamt für das Bikdungswesen Einspruch erhoben, weil das Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold eine politische Organisation ist, von deren Veranstaltungen sich fernzuhalten sogar das Reichswehrministerium der Reichswehr gegenüber verfügt hat. Der politische Charafter des Reichsbannertags in Gießen ergibt sich auch aus der Einladung, welche der Ortsverein Gießen, aber nicht an die Landesuniversität verschickt hat, in der steht:
„Kameraden!
Die Reichswehrgarnison und Landesuniversität Gießen muß einen sehr eindrucksvollen Aufmarsch der republikanischen Schutztruppe erleben. Unterftüfct uns dabei, wie wir auch Euch unterstützt haben."
Dem Antrag der Landesuniversität, zur Wahrung ihres unpolitischen Charakters von der Beflaggung abzusehen, hat das Landesamt für das Bildungswesen nicht stattgegeben, sondern ausdrücklich seine Verfügung, „daß zwecks Ehrung der Reichsfarben am 29. und 30. Mai alle Dienst- gebäude in den Reichs färben beflaggt werden", aufrecht erhalten.
Der bayrische Wahrsager.
Don Dr. Fridolin S o l l e d e r.
Es war am Samstag des Peter- und Marzel- linustages 1668, da pochte ein altes, gebeugtes Männlein an Bastion Gödens, des Wirts, Tür zu Bergrheinfeld, demütig um Gottes willen Trunk und ein Stücklein Fleisch begehrend. Drinnen lärmte die frohe Schar schaffender Mägde, scheuerte Becher und Kannen, schmorte Schwarzwild und Borstenvieh, briet und brotzelte, daß es nicht bloß das hungernde Elend der Straße, sondern auch die neugierige Dorfjugend und die arbeitslediae Nachbar- schäft anlockle. Galt es doch, morgen die feit undenklichen Zeiten am Sonntag nach Trinitatis herkömmliche Dorfkirchweih zu feiern und die hochvermögenden Herren vom Rat und gemeiniglich die Bürger der freien Reichsstadt Schweinfurt, den oder jenen verirrten edelfesten Junker und spittelsche Winzerschaft von Escherndors und Astheim sowie die Kraulbauern der umliegenden Dorsschaften mit Letze und Labung willkommen zu heißen. Jählings öffnete sich die Tür, barsch wies die junge, stolze Wirtin den silberhaarigen Alten von der Schwelle: Nicht für ihn, fürs Bettelvolk, für ihre Gäste habe sie das Herrenessen zugerichtet!
Der Alte richtete sich hoch auf, wies strafend mit der Rechten auf das ungastliche Haus und sprach ahnend zum Umstand, den scheuen Kleinen und den erschreckenden Dorfleuten, laut und vernehmlich: „Ehe diese Kirchweih zu Ende kommt, wird dieses Haus niederbrennen!" Und als am Kirchweihsonntag vormittags zwischen 9 und 10 Uhr nach dem feierlichen Hochamt der Kirchenzug vor dem Wirtshaus hielt, da schlug den Festgästen aus Tür und Fenster die helle Lohe entgegen, griff gierig lechzend um sich, verschlang Kirchweihschmaus und Hausrat und selbst Gebäude und Malierwerk bis aus den Grund. Geheimes Ergrauen erfaßte männiglich. Der „bayrische Wahrsager" war im Land.
Der so hieß, war ein Siebzigjähriger, Hans Thomas seines Namens, Bayer feiner Geburt, Bettler feines Berufs, Wahrsager und Wundermann nach des Volkes Gl u'ben. Er war bekannt in Frankenlanden, vom gemeinen Manne mehr geehrt als gefürchtet. Was man von ihm wußte, war herzlich wenig, aber das Wenige wußten alle. „Er ist ein bayrischer Mann, er jucht die Almosen", begann der Scyultheiß Hans Endres seine Aussage vor Gericht. Unweit Wien, in Oesterreich zu Hause, hatte er eine Zeitlang in der rheinischen Pfalz
gewohnt, ward im großen Kriege von lothringischen Völkern erbarmungslos beraubt und ins Elend gejagt. Er habe noch drei Kinder, zwei Söhne, der eine sei an die acht Jahre Pfarrherr, der andere studiere, und eine Tochter, die einen schönen Hof ihr eigen nenne. Zuweilen schickten sie ihm Geld und gemahnten ihn, seinen Lebensabend in Ruhe bei , ihnen in Bayern zu verbringen. Doch der Alte verschmähte die Ruhe, verschmähte das Geld, lebte seiner „Kunst", lebte seinem unsteten Wanderleben. Er hatte wenig gelernt, konnte alles, unterfing sich, Leibesschäden und Krankheiten aller Art, ja selbst die fallende Sucht zu kurieren, konnte Kugeln gießen, die ihr Ziel nie verfehlten, weissagte den Kindern in der Wiege, ob sie zu Glück kämen oder zuschanden würden, war Heilsalber und Wundarzt, Scher und Prophet zugleich. Diese Teufelskünste zu erlernen, war er vor sechzehn Jahren mit Zigeunern gezogen. Seinem Vorgeben nach sei er auch ein guter Bruchschneider*), hätte noch einen trefflichen Gesellen gehabt, dem der Kurfürst Karl Ludwig von der Pfalz 1658 zu Heidelberg hatte die Augen aus- stechen lassen; er selbst sei vor Leibesnot entwichen, da sie den Kurfürst gelästert hätten, weil er sich in morganatischer Ehe mit der schönen Raugräfin Maria Susanne Luise von Degenfeld verband, und die unglückliche Kurfürstin Elifaoeth Charlotte sich in ihre Heimat nach Kassel flüchtete. Des Reiches Erbschatzmeister hatte den heilkundigen Abenteurer berufen, seinem Sohne Karl, dem jungen Pfalz- grafen und nachmals kinderlos verstorbenen Kurfürsten, von seinen Leibesgebrechen zu helfen; doch er warf sich zum unerschrockenen Sprecher des unwilligen Volkes auf und büßte seitdem seine Keckheit mit der Verbannung und des Reiches Acht.
Und so war er denn auch im Jahre 1668 wieder von so ungefähr gen Franken gekommen. Bald verbreitete sich an den Quellflüssen des roten und weißen Mains, bald im Freigericht, an den Ufern der Tauber, Sinn, Saale und Wern, bald im Spefjart und in der Rhön, bald im Franken-, Steiger- und Odenwald die Kunde im Volk, der bayrische Wahrsager ist im Lande. Am Gründonnerstag hatte er im Landgericht Karlstadt zu Zellingen c.m Main, dem hochstiftlich würzburgischen Marktflecken, bei der Armenhäuslerin Anna Lu- fafin und dem Hirten Adam Lippert Einkehr genommen. Stark war der Zudrang der Hilfesuchenden, von einem Flecken rief man ihn zum anderen, i-nd für manche Heilung wollten die Unglücklichen ihr ganzes Hab und Gut opfern. Den Beringer von
*) Bruch — Hose.
Lainach kurierte er an seinem Beinschaden, eines anderen Kind half er von der Wassersucht, des Peter Schauppen Weib gab er eine Wurzel, damit sie ihr Mann nicht mehr schlage, die sie umhängen und dabei sogleich von den vier Ecken des Tisches schaben müsse, anderen gab er seltene Wurzeln gegen Feuer, Viehseuche und Leutenot, wahrsagte den Männern, wieviel Frauen, den Frauen, wieviel Kinder sie bekommen würden, redete von Zauberei und Schwarzkunst, und machte die Hexen eines Dorfes offenbar. Hier drohte er wegen des gotteslästerlichen Lebenswandels der Bevölkerung eine Feuersbrunst an, fo daß die ganze Gemeinde in steter Angst lebte, dort riet er, für ein ermordetes Kind, das um Hilfe schrie, drei Messen zu lesen, damit es zur Ruhe komme; dem einen versprach er, verlorenes Geld beizubringen, den anderen mahnte er, sein (Betreibe auszudreschen, ehe der Blitzstrahl in seiner Scheune zünde. Doch nirgends blieb er lange.
Er hatte es zu keck getrieben. Man munkelte, der Fürstbischof habe seinen 21mts[euten Befehl gegeben, den unheimlichen Fremdling zu ergreifen, wo sie ihn anträfen, und der Scharfrichter in Würzburg prüfte öfter denn sonst seines Schwertes Schärfe.
Am Fronleichnamstage des Jahres 1669 weilte der „bayrische Wahrsager" bei Barthel Bautz zu Bergrheinfeld zu Gast. Kaum sah er das neuerbaute prächtige Wirtshaus, da rief er mit Bedauern aus: „Es ist schade um dieses Haus; denn sobald das Weib, das das vorige angezündet, darin wohnt, wird es in Flammen aufgehen." Der Wirt er» fuhr's, kam und bat flehend, ob er gegen ein fo großes Unglück fein Mittel wüßte. Und gegen einen Reichstaler erstand er ein „rounfel". Am Samstag den 13. Juli 1669 begegnete der Wahrsager bei der oberen Pforte dem Hans Adam Jörger, schlug die Hände zusammen und vermeldete: „Ei, wie wird's in kurzer Zeit diesem Dorf so übel ergehen!" „Warum?" fragte der Jörger. „Es wohnen zwei Weiber zuunterst im Dorf in einem Haus, von denen die eine hinkt, dort wird Feuer ausbrechen, könnt's dein Schultheiß sagen, daß er Wacht und Wasser wohl bestellt. Wenn menschliche Hilfe dieses Unglück nicht verhindert, werden bis an die 24 Gebäude abbrcnr.cn." Da fragte der Jörger weiter: „Woh.'r habt Ihr diese Offenbarung oder Wissenschaft?" Worauf er antwortete: „Unser lieber Gott und seine werte Mutter täten's ihm offenbaren; zudem fei er ein gülden Sonntagskind, kenne dergleichen Unglück am Rauch, der aus den Häusern


