Ausgabe 
1.2.1926
 
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Nr. 26 Erster Blatt

t?6. Jahrgang

Montag, t. Zebruar 1926

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Gießener Familienblätter Heimat im ViW Die Scholle.

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Kölns Befreiung.

Die Räumung der ersten gone. Der Jubel der Bevölkerung.

Die Deutsche Glocke aus dem deutschen Dom zu Köln am Rhein hat um die Mitternachtsstunde des 31. Januar in gewaltigem Gleichklang die Befreiung des heiligen Köln und der ersten Zone verkündet. Es war nicht die urkräftige und unge­brochene rheinische Lebenskraft, die in der Be­freiungsstunde aufschäumte, es war vielmehr der Ausdruck der stolzen Freude und erhabenen Ge- nugtuung darüber, daß die harte Leidens- und Prüfungszeit vorüber äst. Mehr als sieben Jahre hat Köln, hat dieerste Zone" die fremden Truppen erdulden müssen. Es sah den Durch­marsch der Franzosen nach Düsseldorf, später den vertragswidrigen Einbruch in das Ruhrgebiet. Erbarmungslos ist die Seele des rheinischen Vol­kes mißhandelt worden, als das Separatistenge­sindel gewaltsam die Rheinlande vom Deutschen Reich losreihen wollte. Wie haben die Franzosen nm die rheinische Seele gerungen, unter Mißach­tung einer stolzen Geschichte, die gerade am Rhein die Zeugen deutscher Kaiserherrlichkeit er­stehen ließ. Köln ist frei? Wir wissen im unbesetzten Gebiet, was wir der Treue des rhei­nischen Volkes schulden. Sieben Jahre lang hat Köln fremd: Truppen und fremde Flaggen ge­sehen, sieben Jahre lang mit der ersten Zone die Oberhoheit der Besatzungsbehörden anerken­nen müssen. Die rheinische Lebenskraft hat sich nicht nur in der Treue bewährt, sondern vor allem auch darin, daß sie die harte Prüfung, die unverschuldete Schmach mit äußerem Gleichmut und echt rheinischer Lebenskunst ertrug. Das ist auch ein Sieg, in dem so viel seelische Größe und Erhabenheit wohnt, daß wir alle älrsache haben, uns in Bewunderung und Dankbarkeit zu neigen.

Was wäre geschehen, wenn der Gleichmut in den Tagen gebrochen worden wäre, als_ die Separatisten auch in der ersten Zone ihr schänd­liches Handwerk treiben durften? Als die Fran­zosen nach dem Ruhreinbruch widerrechtlich auch einen eisernen Gürtel um die erste Zone legten, war das rheinische Volk auf sich und seine Treue gestellt. UnD diese Treue hat sich glänzend be­währt. Das besetzte Gebiet war immer ein Vor­bild gerade deshalb, weil wir im unbesetzten Ge­biet vielfach nur ahnen und kaum ermessen konn­ten, welche Anfechtungen und Prüfungen das rheinische Volk zu bestehen hatte. Frankreich hatte seine Boten ausgesandt, um für dierhei­nische" Kultur zu werben, ein Versuch, der mehr als kläglich scheiterte, nicht nur deshalb, weil er im Verrat des Separatismus gipfelte. Wie Spreu vor dem Wirbelsturm sind heute alle Spuren dieser bösen Aussaat verflogen, Und Köln selbst, dem die englische Besatzung angeb­lich ein englisches Gepräge verliehen haben soll, wird auch dieses Gepräge abstreifen. Das hat der ergreifende Jubel in der Mitternachtsstunde des 31. Januar bewiesen, ehe noch der böse Spuk ganz verflogen war.

Werden Engländer und Franzosen daraus eine Lehre ziehen? Die zweite Zone soll das Joch der Besatzung noch vier Jahre, die dritte sogar neun Jahre dulden. Mit dem Geist von Locarno hat dieser eifersüchtige Mißbrauch des Versailler Verttages nichts zu tun. Die Be­satzung war ja überhaupt nicht als Sicherung Frankreichs gedacht, sondern als der Deckmantel, unter den sich die Losreihung der rheinischen Gebiete vont Reich vollziehen sollte. Daß das niemals gelingen wird, dafür hat die erste Zone ein glänzendes Beispiel geliefert. Sie hat Blut- Freiheitszeugen dafür geopfert, sie ist übergroß gewesen in der Widerstandskraft, als Deutschland selbst Ende 1923 wirtschaftlich zusammenbrach. Dient es Frankreichs Sicherheit, daß die Eng­länder in Wiesbaden Sport treiben, daß in der zweiten und dritten Zone 60 000 Franzosen stehen. Lassen wir das Wort gelten, daß Locarno uns ein Anfang und nicht ein Ende sein soll. Internationale Tagungen allein, welchem Zweck sie auch immer dienen sollen, genügen nicht, es müssen auch Taten folgen. Wenn dieBefriedung Europas" mehr sein soll als ein tönendes Erz und eine klingende Schelle, dann darf es nicht Brauch sein, daß die Völker, die bis an die Zähne bewaffnet sind, ihre Truppen jenseits der Grenze unterbringen. Es gibt keine Gleich­berechtigung, solange fremde Truppen auf Grund des Versailler Vertrages auf deutschem Boden stehen. Wer am Wortlaut des Versailler Ver­trages nicht rütteln lassen will, der beweist da­mit nur, daß er die Befriedung Europas nur durch Gewalt, nicht durch die Gemeinschaft der Völker erreichen zu können glaubt.

Wenn Chamberlain und Briand sich gegen­seitig versichern, daß.das Bündnis der beiden Völker auf die Gemeinsamkeit der Interessen aufgebaut sei, so wissen wir doch, daß sie gegen­seitig aufmerksam ihre politischen, wirtschaftlichen und finanziellen Schwierigkeiten mit aufrichtiger Genugtuung verfolgen. Die Politik gegen Deutsch­land ist keine Politik für Europa. Deutschland hat die Befreiung des Ruhrgebietes, die Befrei­ung Düsseldorfs und Ruhrorts, öie Befreiung der ersten Zone mit neuen Opfern erkaufen müssen. Aber die Befriedung Europas, die für Frank­reich und England ebenso wichtig und notwendig ist wie für Deutschland, liegt noch in weitem Felde, wenn auch die Befreiung der zweiten und dritten Zone durch neue und schwere Opfer erkauft werden soll. Müssen sich die Engländer nicht selbst sagen, daß sie ein schlechtes Spiel

spielen, wenn ihr Abzug nur den leidenschaft­lichen Jubel der Bevölkerung der ersten Zone auslöste? Es wird doch noch viel gemeinsame Arbeit notwendig sein zur Befriedung Europas. Für England bedeutet das taufkräftige Märkte, für Frankreich die Aufrechterhaltung einer Vor­herrschaft. Diese Widersprüche können wir nicht ausgleichen. Aber die gemeinsame Arbeit wird schwer, wird unmöglich sein, wenn Deutschland wieder erfahren und erleben muß, daß an sei­nem guten Willen gezweifelt wird. Wir werden nicht nachlasfen in der Forderung nach der Räumung der zweiten und dritten Zone, die, wenn sie freiwilligt erfolgt, in einem ganz an­deren Maße zur Befriedung Europas beiträgt, als zwanzig Konferenzen.

Der Abzug der Engländer.

Köln, 30. Jan. (TU.) heute nachmittag 3 Uhr ist, wie vorgesehen, die englische Flagge auf dem HotelExzelsior", dem bisherigen hauptquar. tier der Besatzung, n. ieder geholt worden. Lange vor Beginn der Zeremonie versammelte sich am Domplah eine nach Tausenden zählende Men­schenmenge. Der Platz, ebenso wie der Bahnhof, wurden von der Polizei um 2 Uhr abgesperrt. Um 2.45 Uhr marschierte die 1. Kompagnie des 2. Ba­taillons der Kings Shrop Shire Ligh Infanterie mit klingendem Spiel auf dem Platz vor dem Dom auf. Line kurze Parade, minutenlanges Stillstehen, dann gab der kommandierende Offizier, Oberst Taocpe, das Zeichen zum Riederholen der Flagge. Die Militärkapelle spielte die englische Ra- lionalhymne, während die Menge der Zuschauer in Hurrarufe ausbrach. In Stärke von 500 Mann zog darauf der letzte Rest der Besatzung zum Bahn. Hof, von wo sofort der Abtransport erfolgte. Die Polizei hatte die größte Mühe, die stürmisch nach­drängende Menge so lange zurückzuhatten, bis der letzte Soldat im Bahnhof verschwunden war. Köln ist nunmehr nach mehr als siebenjähri­ger Besatzung, am 5.Dezember 1918 zogen die ersten fremden Truppen in Köln ein, ganz von Truppen frei. Rur ein einziger Soldat muhte Zurückbleiben, der im Krankenhaus liegt und nicht transportfähig ist. Auch irgendwelche Ab­wicklungskommandos sind nicht zurückgeblieben. Zur Zeit ist man bei den beteiligten Stellen eifrig mit den Vorbereitungen für die in Der ttadjt vom Sonntag zum Montag stattfindende Vefreiungs- feier beschäftigt. Im Mittelpunkte der Feier wird die Vefreiungsrede des Oberbürgermeisters Dr. Adenauer stehen.

Einige Zeit nach dem Einziehen der englischen Flagge wurde auf dem bisherigen britischen Haupt­quartier eine riesige schwarzweihe Preu­ßenfahne unter den brausenden Hochrufen der noch immer zahlreich auf dem Domplatz versammel- ten Menge gehißt. Das hiesige Telegraphenamt hat an alle mit ihm verbundenen Telegraphen­ämter aus Anlaß der heute erfolgten Räumung Kölns folgenden Gruß gesandt:

Es loht der Himmel in roter Glut, es brennen die Fackeln, es brennt das Blut. In den Glockensturm jauchzen die Lieder hinein: Es lebe die Freiheit am deutschen Rhein!

Die Berge klingen, es braust der Strom, Die Glocken läuten vom hohen Dom, verrauscht die Jahre, die wir verbüßt: Freiheit am Rheine, sei uns gegrüßt!"

Die Befreiungsfeier.

Ein Aufatmen geht durch die deutschen Lande am Riederrhein: Die erste Besahungszone ist nach siebenjähriger Fremdherrschaft frei! Ein volles Jahr hat der französische Imperialismus es verstanden, die Räumung der sog. Kölner Zone weiter hinauszuzögern. Run endlich, den Ver­sprechungen von Locarno gemäß, sind die alli­ierten Truppen vom Riederrhein zurückgezogen worden. Von der belgisch-holländischen Grenze bis vor die Tore von Koblenz ist die Rhein- ebene wieder freies deutsches Land. In Bonn, dem Sitze der rhein. Friedrich-Wilhelm-Tlniver- fität, wo Marokkaner unter dem Schuhe der Trikolore schlimm gehaust haben, in Köln, dem bisherigen Hauptquartier der britischen De- sahungsarmee, in dem von der belgischen Sol­dateska schwer mitgenommenen niederrheinischen Industriegebiet, in dem kunstfreudigen Düssel­dorf. in der alten Kaiserstadt Aachen, in Krefeld und München-Gladbach we­hen die Fahnen, läuten die Glocken von allen Türmen, flammen die Freudenfackeln zum mit­ternächtigen Himmel empor: Der lang entbehr­ten Freiheit Morgenrot bricht mit dem neuen Sage an. Das niederrheinische Land kehrt zurück in Mutter Germaniens Arme.

In Köln, dem unbestreitbaren, wirtschaft­lichen und kulturellen Zentrum des befreiten Gebietes haben die britischen Truppen schon am Sonntag früh die letzten Quartiere freige- aeben Am frühen Rachmittag ruckte eine Ehren- tompagnie vor M8 SotclErnst" om Domplatz, um unter den Klängen der brtischen Rational- Hvmne die letzte britische Flagge vom bisherigen Hauptquartier des englischen Obetfommanbieren- den einzuziehen. Eine Menge, die nach .-Dü­senden zählte, wohnte dem kurzen, militärischen Schauspiel bei. Rach wenigen Minuten ruckte die Kompagnie mit Musik zum Bahnhof, der letzte

britische Soldat hatte Köln den Rücken gekehrt, älnd nun rüstet sich die deutsche Rheinstadt, um zu Mitternacht die Desreiungsstunde in ern­stem Gedenken würdig zu begehen. Rur ein kurzes feierliches Beisammensein sollte es sein, die große Befreiungsfeier ist ja erst für die ersten Februartage in Gegenwart des Reichspräsidenten geplant.

ileberall erscheinen an amtlichen und pri­vaten Gebäuden die Fahnen. Das rheinische Rot- Weih, die ernsten Preußen-Farben, aber auch die alten und neuen Reichsfarben flattern lustig im Winde. Vor dem gewaltigen Portal des Dornes werden große Lautsprecher aufgestellt, geheimnisvolle Drähte werden gespannt, die die Rachricht von der Befreiung Kölns aller Welt verkünden sollen. Der weite Domplah erstrahlt int Lichte von Tausenden von kleinen Glühbirnen. Aus riesigen Pechpfannen züngeln rote Flammen an dem Gemäuer des Domes empor. Schon vor 8 älhr stehen die ersten Reihen der Tlebervorsich- tigen, die sich einen besonders guten Platz sichern wollen. Gegen 11 ilbc harrt eine vieltausend­köpfige Menge auf dem Domplah und den an­grenzenden Straßen der bedeutsamen Stunde. Alle Häuserfronten sind hell erleuchtet, Kopf an Kopf drängt es sich an den Fensterreihen und Balkons der großen Hotels. So verrinnt Viertel­stunde um Viertelstunde, Minute um Minute. Da endlich verkündet ein unbeschreiblicher Jubel den zwölften Elockenschlag. Tiefer Ernst lagert sich über die Menge, als dann dieDeutsche Glocke am Rhein", die Petersglocke, mit dumpfem, ehernem Klange die Stunde der Befreiung in das Land hineinruft.

Oberbürgermeister Adenauer

hält vor der Freitreppe des Domes mit weithin vernehmbarer, von der einzigartigen Be­deutung der Stunde bewegter Stimme hält er folgende Ansprache an die Bürgerschaft Kölns:

Die Stunde ist gekommen, die so heiß, so inbrünstig ersehnte. Der Tag der Freiheit ist angebrochen. Untere Herzen fliegen empor zu Gott dem Allmächtigen. Dank sei ihm, der uns gestärkt hat in schwersten Tagen, der uns geführt hat durch Rot und Gefahr.

Vereint sind wir wieder mit unferm Staat, unfern Volk, unferm Vaterland, vereint und frei nach sieben Jahren der Trennung und Unfreiheit. Aus gemeinsam getragener und gemeinsam überwundener Rot erwächst die treueste Kameradschaft. Ihr deutschen Dolks- genosfen in dem noch besetzten Gebiet habt mit uns Schulter an Schütter gestanden, euch, die ihr noch der Freiheit entbehrt, grüßen wir in dieser Stunde in Liebe und Treue.

Schweres haben wir erdulden müssen durch die harte Faust des Siegers in sieben langen Jahren Heute, in dieser weihevollen Stunde, laßt uns davon schweigen. Ja, wir wollen gerecht sein, trotz allem, was uns widersahren ist. Wir wollen anerkennen, daß der geschiedene Gegner auf politischem Gebiet gerechtes Spiel hat walten lassen. Hoffen wir, daß unsere Leidenszeit nicht umsonst gewesen ist, daß nun

ein wahrer neuer Geist in die Völker Europas einzieht.

Die Grundsätze des Rechts und der Morckl, die für das Verhältnis der einzelnen Menschen zueinander gelten, müssen auch in Wahrheit, nicht nur in Worten, Geltung erhalten für die Gesellschaft der Völker. Brüder! Schwestern! Wir sprechen die gleiche Sprache, wir lieben die gleiche Heimat, ob reich, ob arm, ob links oder rechts, innigst und tief. Die menschlichen Gefühle sind uns allen gemeinsam. Gleichsame Rot haben wir ertragen. Erfahren haben wir, was Schick­salsgemeinschaft ist. Wenn jetzt die Last von uns genommen wird, wenn wir hinaustreten in das Freie, dann laßt uns das niemals vergessen. Dieser Platz wurde dereinst geweiht durch die Worte:

Im Geiste deutscher Einigkeit und Kraft sollen diese Domespforten Türen des herr­lichsten Triumphes werden."

Auf diesem geheiligten Platze haben fremde Truppen gestanden. Laßt uns ihm von neuem die Weihe geben. Ein Symbol der deutschen Einheit und Einigkeit ist unser Dom. Wie Schwur- finqer ragen seine mächtigen Türme empor in Den nächtlichen Himmel. Wohlan! Heben auch wir zum Schwur die Hand, und ihr alle im deutschen Lande, die ihr jetzt im Geiste bei uns weilt schwört mit uns: Schwören wir Einigkeit und Treue dem Volke, Liebe dem Vaterland, ruft mit mir:

Deutschland, geliebtes Vaterland, hoch! hoch! hoch!

Entblößten Hauptes singt die Menge die Ra­tio n al - H Y m n e. Mächtig schallen die feier­lichen Klänge zum mitternächtigen Himmel empor. Storni erscheint, jubelnd begrüßt Ministerpräsident Braun, der unerwartet aus Berlin emgetroffen ist, um Dem rheinischen Dolle m dieser Feier­stunde den Dank Der preußischen ©taatgrcgierung für fein opferwilliges Ausharren verfonlich zu überbringen.

Die Rede des

Ministerpräsidenten:

Sieben schwere Jahre der Fremdherrschaft hat die Bevölkerung der nunmehr geräumten ersten Rheinlandzone ertragen müssen. Wenn Die militärische Besetzung eines Gebiets stets und überall eine starke Belastung der Bevöl­kerung bedeutet, so mußte das fremde Joch für die rheinische Bevölkerung umso schwerer und drückender fein, als das rheinische Volk immer ein Volk von einer ganz ausgeprägten Frei­heitsliebe gewesen ist. An der berechtigten Freude, welche die Bevölkerung des gesamten Gebiets in der gegenwärtigen Stunde über die langersehnte und jetzt wieder erhaltene Freiheit empfindet, nimmt die preußische Staatsregiernng den herzlichsten Anteil. Mit dieser Freude ver­bindet sich der unauslöschliche Dank der Staats­regierung an alle Kreise der Bevölkerung.

Heißesten Dank können und werden wir immer zollen dafür, daß Rheinlands Männer u. Frauen im Bewußtsein ihrer nationalen und wirtschaft- sichen Verbundenheit mit dem unbesetzten Vater­land in den vergangenen sieben Jahren eine unerhörte Fülle seelischen Leides und herben Ungemachs, wirtschaftlicher Rot und harter Prüfungen erduldet haben.

Die Drangsale und Entbehrungen der Besät- zungsjahre sind, was nicht oft und nachdrücklich genug betont werden kann, von der Bevvlkerinig des 'Rheinlandes für uns alle im unbesetzten Deutschland ertragen worden. Das kam in erheben­der Weise zu kraftvollem Ausdruck in der denkwür­digen Rede, die der Kölner Bülgermeister Dr. Adenauer auf der rheinischen Jahrtausendfeier am Abend des 19. Juni vorigen Jahres im histo­rischen Saale des Gürzenich in Köln gehalten hat. Als bann in den Oktobertagen des vorigen Jahres in Locarno die Paktkonferenz tagte, da war es der Wirtschaftsausschuß für das besetzte Gebiet, der am 12. Oktober 1925 von Düsseldorf ans eine Drah­tung an unsere Delegation nach Locarno sandte, in der gebeten wurde, die deutsche Delegation möge bei den schwebenden Verhandlungen nur die In Fr­essen des gesamten deutschen Vaterlandes berück­sichtigen und auf die Lasten des besetzten Gebietes keine Rücksicht nehmen, wenn diese Rücksicht etwa nur durch Nachteile für Gesamtdeutschland erkauft werden müßte. Die Geschichtsschreiber künftiger Jahre werden über die rheinische Besatzungszeit das endgültige Urteil zu fällen haben.

Die preußische Staatsregierung ihrerseits wird das versichere ich in dieser mitter­nächtlichen Stunde feierlich als preußischer Ministerpräsident sich immer dankbar und stolz der in der Zeit nationaler Rot von der Devöllerung ihrer westlichen Grenz­provinz bewiesenen mannhaften Treue und beispiellosen Opferwilligkeit erlnnen und ihre besondere Fürsorge und Pflege Dem rhei­nischen Dolle angeDeihen lassen. Auf Diese Weise glaubt sie am ehesten Das ihr vorschwebende Ziel erreichen zu fönnen, Die letzten Heber- bleibfel Des Mißtrauens, Die im RheinlanD aus früherer Zeit gegen Berlin noch vorhanDen sein sollten, restlos zu beseitigen. Zu irgendwelchem Mißtrauen ist ja auch jeder Grund fortgefallen, nachdem durch Die Verfassung Des neuen Frei­staates Preußen Die Gesamtheit Des Volkes zum Träger Der Staatsgewalt geworden ist. ®te Be­völkerung der Rheinlande stellt ein Fünftel, und die Bevölkerung Rheinlands zusammen nut der ihm in Wirtschaft, Kultur und Schicksal besonders verwachsenen Bevölkerung Westfalens ein drittel der Gesamtheit des preußischen Volkes dar. Den politischen Willen und die kulturelle Eigenart, die sozialen und wirtschaftlichen Wünsche dieses Drittels des preußischen Volkes wird feine preußische Staatsregierung jemals vernachlässi­gen können. Dieses stark zu unterstreichen, liegt mir in dem jetzigen historischen Augenblick vor­nehmlich am Herzen, wo ein großer Teil Der rheinischenBevölkerung Die Freiheit wieDererlangt hat. Unferc Freude am heutigen Tage wird freilich noch getrübt durch Die schmerzliche Tat­sache, daß mehr als 4 Millionen Volksgenossen weiterhin unter fremder Besatzung leben müssen.

All diesen unfern noch leidenden Brüdern und Schwestern am Rhein, Mosel und Saar gelten in dieser Stunde unsere herzlichen Grüße, unser aufrichtiger Dank und die un­bedingte Versicherung, daß wir nichts un­versucht lassen wollen, ihre Leiden zu mildern und abzukürzen.

Daß diese Abkürzung in nicht zu ferner 3eit ein- tritt, ist unsere zuversichtliche Hoffnung und be­stimmte Erwartung. Diese unsere Erwartung stutzt sich auf den Geist der gegenseitigen Völkerver­ständigung, von dem der Pakt von Locarno ge­tragen ist. Aus innerstem Herzen und von Der friedfertigsten Gesinnung geleitet bezaht die Re­gierung Der Republik Preußen diesen neuen und vielverheißenden, auf Die moralische Entwaffnung Europas hinzielenden Geist von Locarno, eie ist gewillt, in ihrer ganzen Derwattimgspraxis mit allen ihr zu Gebote stehenden Mitteln gewesen- haft und treu Sorge zu tragen daß der Getst des verständigen Ausgleichs und der friedlichen Schlichtung zwischen den Rationen sichmehrund mehr in das lebendige Bewußtsein aller Schich­ten imseres Volkes und namentlich auch Der her-