Nr. 124 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen) Montag, 3t- Mal 1926
Am Kranfenbett des Sranl.
[ Don unserem ^.-Sonderberichterstatter.
Paris, Pfingsten 1926.
Die Deutschen, die jetzt über den Rhein reisen — es sind ihrer nicht viel, das Dorkriegskoniingent ist noch bei wertem nicht erreicht - reiben sich erstaunt hie Augen Wie bekannt sind ihnen diese Dorgänge, deren Zeugen sie werden! Schon unterwegs, im Dahnabteil. wird von Devisen und Daluten gesprochen. Der kleine Mann, den bis vor kurzem nur der Wern und der Tabak interessierte, und die Bürgersfrau, deren Gespräche rund um Küche und Schneiderin gingen, sind DSrlenkenner geworden. Wie steht der Dollar, wie steht das Pfund? Das sind die Kragen, die zu allererst gestellt werden. An sie schließt sich eine währungspolitische Debatte an. die weder die vielen Siege in Marokko noch andere Ereignisse in der Welt zu unterbrechen vermögen. Wer aber weder auf die Stimme des Volkes hört, noch andere Indizien bemerkt, der wird durch die Fremdeninvasion darauf gestoben, das etwas besonderes vorgeht. Freilich. Paris hat sich immer etwas auf feine Fremdenindustrie zugute gehalten und hat die Ausländer gern gesehen, die Geld ins Land brachten. Aber jetzt kommt allmählich des Guten zuviel. Mit Kind und Kegel machen sie von London, von Reuyork einen 'billigen Ausflug nach Paris. Der einheimische Franzose wird beiseite geschoben, an die Wand gedrückt, ousgemietet. Er macht seinem terzen vorderhand bloß durch Zuschriften an die eitungen Luft. Wie, schreibt er. darf der Franzose nicht mehr seine Speisewagen benützen ? Muh er stehend reisen? Eook mietet für seine Reisegesellschaften und nimmt im Voraus alle Platzkarten aller Mittagessen aller Serien. Die Abteile sind für Engländer und für Amerikaner reserviert, die behaglich die Schönheiten der Landschaft mustern und sich davon in den Speisewagen erholen gehen, während die Franzosen die Reise hungernd auf den Gängen stehend zurücklegen müssen. Der Pariser freute sich ehedem, wenn er die groben vierzigsihigen Auto-Omnibusse über die Doulevards fahren sah. Heute freut er sich nicht mehr. Denn einst waren es zwei oder drei Wagen, mit Leuten beseht, denen man es schon von weitem ansah, dab sie etwas sprin- een lassen. Heute fahren diese Ungetüme für Mossenbesichtigung in Kompanien von fünf bis zehn Wagen auf einmal, wie Heuschreckenschwärme ergiehen sich ihre Insassen über Sehenswürdigkeiten. And der Franzose, der bei aller theoretischen Demokratie ein praktisch sehr ausgeprägtes Klassen- und Standesbewubtsein hat. sieht eS gar nicht gern, dah Leute, die seinem Gefühl nach nicht dorthin gehören, die vornehmsten Restaurants bevölkern und ihre Mahlzeit mit Champagner beginnen.
Aber ist uns nicht all das gut. zu gut in Erinnerung? Gewiß, der Frank ist noch keineswegs vernichtet, die Währung ist nicht unheilbar ruiniert, aber die ersten untrüglichen Zeichen der Inflation, für die Mitteleuropäer eine feine Witterung haben, sind vorhanden. Roch wird nicht verschleudert, aber schon wird die Materie unter ihrem Wert verkauft. Die Bürger und ihre Zeitungen wettern gegen die Teuerung, an allen Wänden lärmen die Plakate „Contre la vie chfcre“ dennoch sind aber die Preise kaum nennenswert gestiegen, liegen bei den meisten Waren tief unter der Weltparität, so daß der französische Kaufmann die Substanz für Papierzettel her- zugeben beginnt. Man spürt das allenthalben im Volk und ist nervös. Aber vorderhand wird viel debattiert und gestritten, aber nichts getan, um dem Verfall der Währung ernsthaft Einhalt zu tun. Heber die Börse wird gezetert, über die gewissenlose Spekulation, über die Kapitalsflucht, kurz über all die erschreckenden Erscheinungen, die sich zeigen, sobald eine Währung die befamrten hippokratischen Züge bekommt. Man stellt sich überrascht, verärgert, gekränkt. Wie. die Welt hat kein Vertrauen zum sranzösischen Frank? Warum denn nicht, wird gefragt ? Es würden doch keine ungedeckten Banknoten gedruckt, das Budget sei im Gleichgewicht, die Wirtschaft gedeihe. Daß Frankreich die Schulden an England und Amerika nicht bezahlen wolle, das sei doch ganz natürlich. Frankreich habe die Last deS Krieges letragen, das Geld sollen ftch die Engländer und Amerikaner in Deutschland holen. , Dis hoch in die gebildetsten Kreise hinauf wird ' dieser Standpunkt gegenüber den Kriegsschulden geltend gemacht und die Sympathien für England und Amerika haben sich fett dem Streit um daS Schuldenproblem sehr erheblich abgekühlt. Richt nur in den Witzblättern und in den Revuen werden Uncle Sam und John Dull als l hartherzige Gläubiger angeprangert, die der armen heldernnütigen Marianne das Hemd vom Leibe ziehen wollen, sondern in den wettesten
Kreisen der Bevölkerung wird dieser primttiv gradlinigen Auffassung gehuldigt.
Ganz abgesehen vom Schuldenproblem hat es aber auch mit dem Budgetgleichgewicht und der Rotenpresse seine eigene Bewandtnis. Das Budget ist freilich mit Ach und Krach, mit allerhand Steuerflickwerk und fiskalischen Mätzchen ins Gleichgewicht gebracht worden. Das war aber vor fünf Wochen und seither ist der Frank wieder stark gefallen, so daß alle die schönen Berechnungen, die einen aktiven Staatshaushalt darstellten, nicht mehr wahr sind. Und es mag ja sein, daß dem Buchstaben nach keine ungedeckten Roten gedruckt werden. Aber der Staat macht bei der Bank von Frankreich Schulden über Schulden. Jedenfalls bleibt es erstaunlich, dah nach so viel warnenden Tei- pielen Frankreich, das immerhin über einige inanziell hervorragend fähige Köpfe verfügt, »einahe mit verschränkten Armen dem Trauer- Piel des Währungsverfalls zusieht. Schon beginnt man zu munkeln, daß eine Absicht dahinter stecke, daß mit dem Ruin des Frank ein Schuldenerlaß erzwungen werden solle. Dieses Ammenmärchen bedarf kaum der Widerlegung. Viel näherliegend ist die Erklärung, daß die französischen Staatsmänner sehr wohl wissen, was die Lage erfordert: schärfste Drosselung der Ausgaben. sofortige Beendigung der kostspieligen Kolonialkriege Abbau des Heeres, grundlegende Reform des S euersnftems. Weicker französische Staatsmann würde sich aber trauen, dieses Programm auch nur anzudeuten? Es ist natürlich viel bequemer, alle Schuld auf die anderen zu wälzen. Deutschland zu verdächtigen, England und Amerika zu schelten und ein internationales Dörsenkomplott gegen das unschuldige Frankreich vorzutäuschen.
Mit der Verdunkelung der wahren Lage und der wahren Gründe wird freilich das Kabinett Briand wohl nur eine Galgenfrist gewinnen. In den nächsten Tagen versammeln sich Kammer und Senat wieder und schon aus Popularitätshascherei werden die Deputierten das Kabinett zur Rechenschaft ziehen. Richts ist augenblicklich volkstümlicher, als die Regierung der Anfähigkeit zu zeihen und sie für den Sturz deS Franks verantwortlich zu machen. Sie ist es ja. abe^ in einem anderen Sinn, als die Deputierten annehmen, die sie stürzen wollen. Denn die Deputierten in ihrer Gesamtheit wollen nichts von den wirklichen Heilmitteln wissen und glauben mit einem Personenwechsel das Auslangen zu finden, wo einzig eine Aenderung der Methoden helfen könnte Briand, der gewiegte Parlamentspraktiker, der natürlich den Sturm nahen sieht, hat im letzten Augenblick noch ein Auskunftsmittel angewendet. Rack der ergebnislosen Rückkehr PeretS von der Londoner Verhandlungen ist nach ganztägigen Verhandlungen mit der Bank von Frankreich mitgeteilt worden, dah von der Regierung gemeinsam mit der Bank alle Mittel zur Abwehr des Angriffs auf den Frank verwendet werden würden. Das kann im Grunde wohl nur heißen, dah die Bank von Frankreich mit ihrem Goldvorrat intervenieren wird. Daraufhin hat sich allerdings der Frank sofort etwas erholt, aber schließlich sollte man aus der Erfahrung Deutschlands gelernt haben, dah solche Interventionen nut einen vorübergehenden Erfolg haben, solange nicht die Fundamente der Währung in Ordnung gebracht sind.
Die benttchen Tage in Schlehen.
Don unserem H. ff.-Sonderberichterstatter.
(Rachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten.)
Glatz-Hirschberg, nach Pfingsten.
Es war eine Heerschau des deutschen Volkes, waS vor und nach Pfingsten an den Grenzen Ober-, Mittel- und Riederfchlesiens ftattfanb. Eine Heerschau nicht des 60-Miffionen-Dolkes. das in den allzu engpn Grenzen sitzt, die uns Versailler Di!tat unörf lügenhafte Volksabstimmung lieft, sondern des stolzen 1O0-Millionen- Volkes, dessen einige Geschlossenheit das Ziel der großen Voltspolitik der letzten Jahre ist. Dies Bewußtsein des Zusammenhangs der 100 Millionen Deutschen auf der ganzen Erde ist es, WaS bei den alljährlich stattfindenden Psingst- tagungen der beiden groften deutschen Verbände erreicht werden soll.
Der Deutsche Schutzbund, der in Deuthen und in Glah tagte, hatte die Aufgabe, die Führer der Grenzgebiete und der Siedlungsinseln im Ausland mit den Vertretern des Reichs zusammenzubringen, die als berufene Vertreter der Interessen dieser Deutschen aufterftalb der Grenzen gelten können, und der Verein für das Deutschtum im Ausland, der in
Hirschberg zusammentam, vereinigte wohl an die 10 000 jugendliche deutsche Menschen aus aller Herren Länder und gab ihnen einen Begriff von der Gröfte des Volkes, dem sie angehören.
Es war ein lebendiger Anschauungsunterricht. den die Zeitnehmer an der Instruttivns- reise des Schutzbundes in Oberschlesien erhielten. Man weih aus den Zeitungen und aus Büchern, dah mitten durch d e Wirtschaftseinheit des ober- schlesischen Industriegebietes eine Grenze gelegt ist, die auf die unsinnigste Art und Weise zusammengehörende ^Betriebe auseinanderreiht. Was eS aber im einzelnen bedeutet, wenn einer Stadt der Wasserturm, wenn einem Bauernhof das Land, wenn einem Werk die Kohle und einer Stadt die Zugangsstrahen abgeschnitten sind, das empfindet man doch erst, wenn man das Elend an Ort und Stelle gesehen hat. Am schlimmsten ist wohl Beuthen daran, die Stadt, die auf drei Seiten vom polnffchen Gebiet umgeben ist und der in dem durch nicht bebauungsfähige Dergbaugebiete noch die Ausdehnungsmöglichkeit nach der vierten Seite durch unverständlichen Eigensinn deutscher Rachbam beschnitten ist. Wirklich, diese Stadt führt einen Daseinskampf nach allen Seiten.
Aber es wäre verkehrt, nur an eine Bedrohung Oberschlesiens zu glauben. Tatsächlich ist, das hat man im Reich noch lange nicht begriffen, dah ganz Schlesien bedrohtes Land geworden. Diese Provinz, einst der Mittelpunkt eines geschloffen von Deutschen besiedelten Gebietes von den baltischen Staaten bis zur Adria, ist heute auf drei Seiten umklammert von dem polnisch-tschechischen Slawentum, das an Aktivität und Agitation nichts zu wünschen übrig läßt Eigentlich hat Polen durch die Wegnahme von Posen auch noch die Basis Schlesiens geschmälert, die Stelle, an der es mit dem Reich zusammenhängt. Man wende nicht ein, dah fein Mensch am deutschen Charakter des schlesischen Landes zweifle. Haben wir etwa schon vergessen, dah 1918 der autonome schlesische Staat ausgerufen war, und daß. als diese Bestrebungen glücklich scheiterten, die Tschechen ihre Hand auf die Grafschaft Glatz legen wollten. Damals bildeten neun tatkräftige Männer ohne irgendwelche bureaukrattsche Vollmacht einen Aktionsausschuß in Glah und sandten an den Weltenlenker Wilson Telegramm auf Telegramm mit der Einladung, selbst in die Grafschaft zu, kommen, um sich über ihren rein deutschen Charakter belehren zu lassen. Run, Herr Wilson selbst bemühte sich nicht, aber er sandte eine Kommission und die führte man — auf den Friedhof und zeigte ihr die Ramen der Leichensteine, die man doch wirklich nicht als Kulisse von heute auf morgen hatte hinstellen können.
Diese Gefahr also wurde abgetoanöt. Aber in Oberschlesien ging es anders. Roch 1896 sprach ein polnischer Bischof von Czenstochau aus. es gebe gar keine polnische Frage in Oberschlesien, dies Land sei durch eine tausendjährige Kultur heute ebenso deutsch wie einstmals vor dem Auszug der Germanen. Ein einziger systematisch Arbeitender, K o r f a n t y, hat in kaum zwanzig Jahren eben doch aus Oberschlesien eine polnische Frage gemacht. Vielleicht begreift man nun, daß ganz Schlesien mit seinen unnatürlichen Greüzen — im Osten die Tiefebene, im Westen ein Gebirge, das alles andere als eine Völkerscheide ist - aller Aufmerksamkeit vom Reich aus wert ist. Wenn der Westdeutsche Ostende und Reapel besser kennt, als das Riesengebirge, die Grafschaft Glah und Den Altvater, so ist das nicht minder schädlich als jene berüchtigte Herablassung, mit der man im Westen auf „Osteibien" he-abschaul. And es ist ein unbestreitbares Verdienst Der beiDen Tagungen, Dies einmal mit allem RachDruck in Der Deutschen Oeffenttid'feit ausgesprochen zu haben.
Es gibt noch ein anDeres Ostproblem, Das alle Aufmerksamkeit verDient. Es ist Die Tatsache, Daß Die deutschen Großstädte ihre Be- völlerungszahl nicht mehr aus eigener Kraft erhalten, sondern weit über die Hälfke Des Menschenerfatzes, Den sie brauchen. Darüber hinaus noch Die Bevölkerungszunahme. Die bei ihnen überall festzustellen ist. aus Dem Menschenreservoir Des deutschen Ostens schöpfen. Wir brauchen aber gerade angesichts Der slawischen Agitation unD Der überaus starken Vermehrung unserer östlichen Rachbarn Diele im Osten geborenen Deutschen als Den lebenDigen Schuhwa11 unseres Volles gegen neuen Raub. Wir brauchen diele Menschen als die Vasis beim Kampf um Die frieDliche Wiedereroberung Des Gebietes, das Die polnische Machtpolitik alt- eingelessenen Deutschen entrissen hat. und wir brauchen die deutsche Masse als starken Schuh und Rückhalt Der beDrohten SuDetenDeutscken in Der Tschechen Cs ist Dies ein wirtschaftliches Problem man wird sich zu überlegen haben, welche Eristenzmöglichkeiten man Den WanDer-
hiftigen an Ort unD Stelle bieten kamt, um sie in Der alten Heimat zu halten.
Cs ist nur selbstverständlich, Daß bei beiDen Tagungen einen großen Raum der Besprechungen auch Die Fragen Der inneren Organisation des Deutschtums einnahmen. Wir müssen uns ja scharf scheiDen von Dem Staat, der eine Arbeit für daS Volkstum niemals in ihrer ganzen Tiefe ausschöpfen kann, und Der Darüber hinaus in seiner Betätigung auch noch an allen Ecken unD Enden durch feindliche Ansicht gehemmt ist. Vom Staat zu verlangen ist nut das weitherzige Ve rstän dnis, welches er der Arbeibt für das Deutschtum entgegenbringen muß. 3m übrigen ist man Gott sei Dank längst davon abgekommen, Die Arbeit für die Zusammenfassung aller Deutschen der Erde nur mit der Phrase von Kultur, von Sprache und Geist zu betreiben und die Deutschen Dort Draußen etwa vom Reiche her auszuhalten. Heute sind die Organisationen der Grenz- und Ausland- deutschen längst eigene, feftgefügte Gebilde, die. erwachsen aus eigener Kraft und Bedeutung, dem Mutterland die Hand zu einem Bunde reichen Der für Die im geschlossenen Gebiet Mitteleuropas wohnenden Deutschen einstmals zur staatlichen Einheit werden soll und der für die Deutschen im Ausland, wie etwa in Siebenbürgen, wenigstens Den Unterbau für Die spätere festgefügte Kultur- unD Arbeitsgemeinschaft abgeben soll.
Wenn nun Der preußische Staat Durch seine CßcrorDnung über Die Schulen Der MinDerheiten auf preußischem BoDen allzu diktatorisch in Die schwierigsten Probleme Der Frage Der Kultur- Autonomie Der Minderheiten einbegriffen hat, so ist Das ein schwerer Fehler, weil sich hier Der Staat zu viel anmaßte. Dies Problem konnte z. B. mit all seinen Komplikationen bei Den sehr verschieben gelagerten Interessen Der einzelnen Deutschen Gebiete in Glah nur nach langer Debatte zu einem einigermaßen einheitlichen Vorschlag zusammengefaßt werben.
Das größte, was bie Tagungen erreicht haben, aber war doch ber Erfolg ber insgesamt von 15 000 Menschen besuchten Tagung bes Vereins für bas Deutschtum im Auslanb, bei Der Saarländer und Rheinländer. Elsaß-Lothringer, Tiroler, Oesterreicher. Siebenbürgmer, Schwaben, Sudetendeutsche. Ost-Oberschlesier und Deutsche aus Polen und den' baltischen Staaten einmal miteinander in Berührung kamen, sich kennen lernten, Volkstrachten, Volkssitten und Volls- gebräudje einander vorführten, so daß Den Deutschen Der einzelnen Gebiete einmal Die verschiedensten Gestaltungsfvrmen einheitlicher deutscher Kultur zum Bewußtsein kamen. , ■ - •
Oberhessen.
Landkreis Gictzen.
# Bellersheim. 30. Mai. Es verlautet, daß unsere zurzeit noch zweillassige Schule in eine einklassige umgetixmDelt werden soll. Dies wäre eine im Interesse der Lehrer als auch der Schüler sehr bedauerliche Maßnahme. Denn eine einklassige Schule mit nahezu 70 Schülern bedeutet für eine Lehrperson eine kaum tragbare Belastung, auch müssen bei einer so starken Klasse Die Leistungen Der Schüler notleiben. Man hofft hier, daß dieser Plan der HmtoanMung unserer Schule wieder auf gegeben wird.
s. Ettingshaus en, 28. Mai. In unserem Dorfe spürt man, tote das auch dieser Tage ein Hausierer schmunzelnd bestätigte, nur wenig von der allgemeinen Arbeitslosigkeit , da sehr viele Arbeiter' In den hiesigen Basalt- b r ü d) e n und im „Steines" bei Münster beschäftigt find. Die Steine werden teils durch Pferdefuhrwerk, teils durch einen Selbstfahrer (Dampfmaschine), der vier bis fünf Wagen anhängen hat, nach dem hiesigen Bahnhof gebracht und hier verladen. Da aber die Feldwege und vor allem unsere schöne breite Dorf strafte durch die schweren Lastwagen außerordentlich leiden, plant man die Anlage eines Feldglei- s e s, daS hinter dem Dorfe herunter gelegt werden soll. Soweit cs sich bei Der Anlage um ©e- meindegelände handelt, stellt diese es zur Verfügung. Von dem Privatleuten gehörigen Boden zahlt sie die Hälfte. Eine stattliche Zahl Rollwagen stehen bereits am Bahnhof bereit, und man hofft, am 1. Juli spätestens den Betrieb eröffnen zu können. Immer mehr bricht sich bei unseren Landwirten die Erkenntnis von dem hohen Werte der Freiweide für das Vieh Bahn, und bei vielen Dörfern kann man eingefriedigtes Gelände sehen, auf dem das Vieh weidet. Kurz vor unserem Orte hat man ein großes Stück Gemeindewiese, das gleichzeitig als Festplah dient, eingefriedigt: hierher bringen die Einwohner ihr Vieh. Friedlich grasen Rin-
3m vergessenen Spanien.
Madrid, im Frühling 1926.
Es gibt in Spanien viele Orte, die eine Rolle in Der Weltgeschichte gespielt haben. Orte, die heute teils in Ruinen liegen, teils Wunderbauten vergangener Jahrhunderte und Kulturen aufweisen und die nun von bädeckerbewaffneten Reisenden aufgesucht und bestaunt werden. Es gibt aber auch Orte, die die ganze Welt der Neuzeit vergessen hat, und die doch nicht aus dem Weltgeschehen ausgemerzt werden können, denn in ihnen hat sich manches Schick- satsdrama abgespielt, das Europa, Kaiser, Könige aind Konzile in Atem hielt. Wer erinnert sich noch, daß in Peniscola der große spanische Papst Don 33ebro de Luna. Benedikt XIII. jahrelang gelebt hat 4mb von bort aus bem Konzil von Konstanz, Kaiser Sigismunb unb bem König von Aragon unb Kastilien, Trotz bot. Weber Belagerung noch Krieg, roeber Drohungen noch Verurteilungen des Konzils konnten ihn, den damals über 80jährigen .Papst zum Nachgeben zwingen. Umgeben van nur wenigen Kardinalen unb Prälaten, bie ihm treu geblieben waren, unb von einer kleinen Kriegsschar, Bie sein Neffe, Don Robrigo, befehligte, erschien er in seiner Feste von Peniscola unbesiegbar. Unb obwohl nur Schottlanb unb bie Grafschaft von Ar- maniac ihm bis zum Tobe treu blieben, war fein Ansehen in ber bamaligen Christenheit ungebro» chen. Auch ein Giftmarbversuch blieb erfolglos. Denebikt XIII. weigerte sich abzubanken unb bamit bem Schisma ein Enbe zu machen. Den Abgesandten des Konzils von Konstanz, das ihn deponiert hatte, antwortete er, baß er ber einzige Kardinal sei, ber seine Würbe vor bem Schisma erhalten habe, er sei ber einzige Karbinal, ber bem-
gemäß eine rechtmäßige Papstwahl vornehmen könne, er sei seinerzeit zum Papst gewählt worben, unb jetzt wähle er sich selbst.
Die Felsenfeste von Peniscola liegt seitab von ben ausgetretenen Touristenstraßen. Schon bie Reise nach Tarragona unb Torteso entbehrt nicht gewisser Unoequemlichkeiten. Die nächste Stabt schon, Beni» ccrle, wirb kaum von Fremben besucht, aber bann weiter ist ber Weg burch Sümpfe unb burch Orangenhaine se beschwerlich, baß ihn alle meiben. Die Wurzeln ber Orangenbäume sind oft incinanber gewachsen -unb liegen auf ber Straße wie ein unentwirrbarer Drahtverhau, als ob sie ben Zugang zur alten Papstresibenz versperren wollten.
In jene abseits liegenbe Welt Spaniens sollte man nur reifen, wenn man bem Klingen ber Geschichte nachzuhören versteht, benn sonst wirb man bie Einsamkeit als Last empfinden und nicht als romantischen Zauber. Man wird das Singen des Mittelmeeres, die Menschen mit bem weltabgekehr- ten Herzen mißverstehen unb man wirb sich zurück in die Kultur sehnen, nach Autohupen unb Iazz- banbmufir. In Peniscola wirb man eine Zeitung nur beim Alcalbe, beim Doktor unb bei zwei ober brei Notablen finben. Der größte Teil ber Deoöl- rung kann nicht lesen unb interessiert sich auch gar nicht bafür, was braußen vorgeht. Es ist ihnen gänzlich gleichgültig, was Briand ober Chamber Iain sagen, unb ob ein Dölkerbunb besteht ober nicht. Aus ben eng sich in bie Höhe türmenben, weißen Häusern, über bie sich bie Papstburg hoch in ben blauen Himmel erhebt, schauen alle auf bas Meer hinaus, von dem sie leben, unb besten Obern sie umweht. Bei starkem Winbe überfluten die Wasser die schmale Landzunge, und Peniscola ist dann eine Insel.
Die Phönizier, die zuerst an dieser Küste landeten, hatten Peniscola Tyriche genannt. Kolo- nisten aus Karthago und Griechenland fiedelten sich auf ber schwer zugänglichen Felsenfeste an unb grünbeten bort ihr Warenbepot, um mit ben eingeborenen Iberieren Hanbel zu treiben. Eine christ- liche Cegenbe behauptet, baß auch bie Schüler in Peniscola gelanbet seien unb baß ihre Gebeine in der Kirche begraben lägen. Der König von Aragon, Don Jaime, schenkte Peniscola, als er Valencia eroberte, ben Tempelrittern, bie bort eine feste Burg errichteten. Nach Vernichtung bes Templerordens ging Peniscola in ben Besitz ber Monteser- ritter über, bie vom König von Aragon beauftragt mürben, bie Grenzen von Valencia gegen bie Mauren Anbalusiens zu schützen. Der Großmeister ber Monteser trat Papst Benebikt XIII. bie uneinnehm bare Felsenburg ab, ber sie neu befestigte unb von bort einer Welt von Feinben stanbhalten konnte. Benebikt XIII nannte seine Burg von Peniscola bie Arche Noah, b. h. bie einzige Zuflucht ber Christenheit in der antikirchlichen Sünbflut draußen. Alle Dokumente, die er unterschrieb, datierte er aus der Arche Noah. — Später, während der spanischen Erbfolgekriege, mußten die Franzosen unb bie Anhänger Philipps V. eine lange Belagerung in Peniscola über sich ergehen lassen.
Jeber Stein erzählt seine Geschichte von Blut unb Pracht. Die Wappen an ben Portalen, bie steinernen Embleme unb Verzierungen, bie heute kaum mehr entziffert unb verstanden werden, mahnen an die Vergänglichkeit alles Geschehens. Die Zeiten des Schismas, die Macht ber Konzile, bie Irrfahrten Kaiser Sigismunds, die einst die Christenheit rcegten, sind aus bem Gebächtnis der Menschheit gefchwunben. Alles Wollen unb Branben ber da
maligen Zeit staute sich vor ben Felsentoren von Peniscola und brach vor bem starren Willen Papst Benebikts XIII. zusammen.
Das vergessene Spanien, zu bem Peniscola, gehört, besitzt bie Sonderheit, daß es niemand in seinem Dornröschenschlaf stört unb stören wird. Man darf keinem Touristen anraten, sich in jene stille Einsamkeit zu begeben, es sei denn, baß er ber Landessprache mächtig ist unb bie örtlichen Sitten kennt, unb auch bann wirb er kaum auf feine Rechnung kommen, wenn er nicht befonbere Stubien treiben will. Cs fehlt jeber Komfort unb es fehlt auch bas Verstänbnis bafür, was ber Europäer anberer ßänber an Bequemlichkeiten zu verlangen pflegt. Es gibt nur einfache Rasthäuser, Posabas, in benen ber Frembe zusammen mit ben Maultiertreibern sein frugales Mahl einnehmen unb meistens nur auf Stroh übernachten kann. Ma bernen Hotelbetrieb gibt es dort nicht. Für ben Luxusreisenben sind jene Orte zu weltabgelegen, auch fehlt es ihm an ber Beschaulichkeit, um ben Zauber ber Lanbschast unb ber (Erinnerungen auf sich einwirken zu lassen. Die große Reiseroute führt von ber Grenze nach Mabrib, bem Escorial, Toledo und nach den Denkmälern von Granada und Se villa. Sie sind leicht zu erreichen unb bieten bci.i Besucher des Herrlichen und Schonen so viel, baß er es nicht notwenbig hat, bie weltvergessenen Win fei Spaniens unb gar bie Arche Noah Papst Bene bitte XIII. aufzufuchen. Sollte aber ein Sonderling sich nach voller Stille, nach Frieben unb nach eine n Traumlanb ber Geschichte sehnen, so soll er die Fahrt nach Peniscola wagen. Unb bort im < - Kimen Plätschern bes Mittelmeeres wird sich ;< ' Seele bei ber Stimme ber Vergänglichkeit in ber Unenblidjfeit weiten.


