Ausgabe 
31.5.1926
 
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Montag, 31. Mai 1926

General-Anzeiger für Oberhessen

vrnck und Verlag: vrühl'sche UniversitÄr-vuch- und Zteindrurkerei R. Lange in Sieben. Schriftieitung und Geschäftsstelle: Zchnlstratze 7.

Die Schuld, die die sonst so bewährten Flotten­mannschaften auf sich luden, als sie vergasten, welche Verpflichtung sie dem Andenken der vielen in den Tod gegangenen Kame­raden schuldeten, die mit einem Ruf für Deutschlands Sieg auf den Lippen in die Fluten gesunken sind.

Die Wiederkehr jenes Tages, als das Hoch­gefühl des Sieges uns durchdrang, als Heer und Heimat den tapferen Kämpfern der Flotte in Begeisterung zujubelten, als wir wußten, dah

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Chefredakteur:

Dr. Friedr. Wilh. Lange. Verantwortlich für Politik Dr. Fr. Wilh. Lange; für Feuilleton Dr. H.THyriot; für den übrigen Teil Ernst Diumschein; für den An­zeigenteil Hans Füstel, sämtlich in Diesten.

Eine Rede Stresemanns zum Dawesabkommen.

Rostock, 29. Mai. (WB.) Anläßlich einer Landesversammlung der Deutschen Dollspartei sprach Außenminister Dr. Stresemann heute hier über die politische Lage und nahm im wesentlichen Bezug auf eine Rede des Grafen W e st a r p. die dieser in Schwerin gehalten hat. Zur Kritik des Grafen Westarp an dem Dawes- abkommen führte Dr. Stresemann etwa fol­gendes aus: Die Meinung des Grafen Westarp, daß die gegenwärttge schwierige Lage der deut­schen Wirtschaft als eine Folgeerscheinung des Dawesabkommens anzusehen sei, ist vollkommen unrichtig. Man kann nicht die Leistungen aus dem Dawcsabkommen und die Lage, wie sie ohne derartige Leistungen sein würde, gegenüber- stellen, sondern man muß die Situationen gegen­überstellen, wie sie sich vor Abschluß des Dawes­abkommens und nach diesem für die Gestaltung der deutschen finanziellen und wirtschaftlichen Verhältnisse ergeben haben. Gewih haben die tatsächlichen Verhältnisse gezeigt, daß man die Entwicklung einer Wirtschaft nicht theoretisch, vor- ausbestimmen kann, denn gerade in der Zeit der nach dem Dawesabkommen der deutschen Wirt­schaft gegebenen Atempause ist die große Ar­beitslosigkeit entstanden, unter der wir jetzt leiden. Aber man wird auch die Frage stellen müssen, wie die deutsche Wirtschaft über diese ganze Krise hinweggekommen wäre wenn anstelle der für diese Hebergangszeit vorgesehenen Regelung der erst allmählich ansteigenden Sei- Thingen die vor der Londoner Vereinbarung herr­schende Willkür weiter Platz gegriffen hätte. Man darf diese Frage nicht als politische Ein­seitigkeit in einem falschen Lichte erscheinen lassen. Sollte sich im Laufe der Entwicklung ein nega­tives Ergebnis der Dawesregelung Herausstellen, so wäre die Voraussetzung für eine Aenderung der Art und der Methode der Dawesregelung jedenfalls eine auf gegens eilige Der - ständigung aufgebaute Politik der beteiligten Mächte.

Wenn Graf Westarp in bezug auf die Frage der Großen Koalition in seiner Rede weiter zum Ausdruck bringt, dah die Deutsche Volkspartei sich dem Zentrum gegenüber ver­pflichtet habe, die neue Regierung nach links zur Großen Koalition zu erweitern, so mühte daS in dem Deschluh der Deutschen Doltsparter wie des Zentrums, die Regierung nur durch die Par­teien zu erweitern, die die Garantte böten für eine Fortsichrung der bisherigen Auhenpolitik und für Anerkennung der bestehenden inter­nationalen Verträge, angenommen werden, dah die Deutschnalionalen sich ablehnend verhalten werden. Er wird aber wohl selbst nicht erwar­ten, daß diejenigen Parteien, an die er appelliert gewillt sind, sich aus den Dahnen der von ihnen als richtig angenommenen Auhenpolitik verdrän­gen zu lassen und wird danach die Frage, wer die Wege zur Mitarbeit der Deutschnativnalen Partei verbaut, sich selbst beantworten.

unser geliebter Seemannsberu c seine höchste Erfüllung gefunden hatte, möge in uns Angehörigen der Marine wieder die treue Kameradschaft erwecken, die uns verbunden hat, sie möge den Willen zur Einig­keit in unserem ganzen Volke stärken, um daraus die Kraft zu finden für Deutschlands Befreiung. Einig in dem Gelöbnis:

Deutschland über alles!

Die Schwierigkeiten des Kabinetts Vriand

Der Kampf um den Franken.

Voraussagen, was die nächsten Tuge bringen werden.

Sine Regierungserklärung zur ßinanzlage.

Paris, 29. Mai. (WB.) Rach Beendigung des heute vormittag abgehaltenen 2. Kabinetts­rats, der sich mit dem Finanzproblem beschäftigte, ist von der Ministerpräsidentschast der Presse eine Rote übermittelt worden, in der es heißt, die Regierung habe nach reiflicher Prüfung des Finanzproblems im Verlaufe der heute abgehaltenen Kabinettssihung es für ihre Pflicht gehalten, ihre ganze Tätigkeit gegenwärtig ausschließlich der Wiederaufrichtung des Franken zu widmen. Sie habe die Zusammen­setzung des Finanzsachverständigenausschusses ge­billigt, die vom Finanzminister mit der Funktion beauftragt seien, die Bewegung auf dem Devisen­märkte zu überwachen und die Entscheidung vor- Anschlägen, die für die Verteidigung der fran­zösischen Devise erforderlich sei. Im übrigen weigere sich die Regierung, da Dring­lichkeit erforderlich sei, eine Erhöhung der Steuerlasten ins Auge zu fassen, die unver­einbar wäre mit der Rotwenbigkeit, den Spa­rern das Verhauen einzuflöhen. Die Regierung habe sich entschlossen , eine systematische Quotifizierung der Steuerlasten und ihrer Einschätzung auszuarbeiten und darüber dem Parlament einen Gesetzentwurf zugehen zu lassen. Schon jetzt fasse man die Eröffnung eines Spe­zialkontos bei der Dank von Frankreich ins Auge, auf das alle in ausländischer Währung lautenden Kapitalien eingezahlt, bzw. angeführt werden sol­len, die französische Staatsangehörige im Aus­land erworben hätten. Die französischen Eigen­tümer von Kapitalien in ausländischer Währung seien zu deren Rückführung nach Frankreich verpflichtet, da ja die Frei­heit der Unterbringung der Kapitalien entspre­chend dem Gutachten der internationalen Kon­ferenz von London erst bann wieder hergestellt werden könnte, wenn diese ausgeführten Kapi­talien in großem .Umfange wieder zurückgeführt würden. Der Kabinettsrat sei der Ansicht, daß von einer Steuerreform im Laufe der jetzigen Periode, in der es sich um die Rettung des Franken handele, nicht die Rede sein könnte. Die Regierung habe daher beschlossen, entspre­chend dem Gutachten des Untersuchungsaus­schusses für Einsparung auf zivilem und Militärgebiet Maßnahmen zu treffen. Der Ministerrat sei weiter der Ansicht, daß es unter den gegenwärtigen Umständen unangebracht sei, in eine doktrinäre Kontroverse einzutreten, die nur Besorgnis Hervorrufen könnte, die für den öffentlichen Kredit von Schaden wären.

Das vom Ministerpräsidium nach Beendigung des Kabinettsrats ausgegebene Kommunique über die angesichts der Finanzlage zu treffenden Maß­nahmen ist. wie die Havasagentur mitteilt, noch heute abend in den Wandelgängen der Kammer von den Abgeordneten, soweit sie noch in Paris weilen, erörtert worden. Einige der Radikalen, die am Donnerstag die sofortige Diskussion der Finanzfrage gefordert hatten, hätten sich ent­schlossener denn je gezeigt, eine Debatte hierüber hervorzurufen, sollte dieser Beschluß auch mi­nisterielle Verwicklungen nach sich ziehen. Da­gegen hätten die Abgeordneten, die am Donners­tag für das Ministerium eingetreten seien, vor­behaltlos die Entscheidungen des Kabinettsrats gebilligt und ihre Unterstützung zugesagt.

Konferenz zwischen Briand und Berenger.

Paris, 29. Mai. (WB.) Ministerpräsident Briand hat am Spätnachmittag den französi­schen Botschafter in Washington, Berenger. empfangen. Die Havasagentur verbreitet übri­gens eine außerordentlich umfangreiche Er­klärung Verengers, die dieser vor seiner Abreise aus Reuyvrk abgegeben habe. Diese Erklärung sollte den Zweck haben, den Amerikanern klar zu machen, daß obzwar die Schuhklausel in das Schuldenabkommen mit Frankreich nicht aus­genommen sei, sie Rücksicht nehmen müßten auf die Zahlungen, die Frankreich von Deutschland aus dem Dawesplan zu erhalten habe, da dieses Dawesabkommen die Unterschriften dreier Ame­rikaner trage. Außerdem wolle Parker Gil­bert in Berlin die strikte Erfüllung der Ver­pflichtungen Deutschlands sicherstellen, so daß man also sehen könne, dah der Dawesplan unter dem Schutze der Vereinigten Staaten stehe. Ve­renger stellte übrigens auch die Behauptung auf, daß Deutschland vom Waffenstillstand bis 3n- frafttreten des Dawesplanes keine Reparationen gezahlt und Frankreich so gezwungen habe, aus eigenen Mitteln seine Ruinen wieder aufzubauen.

Rücktritt -er portugiesischen Regierung.

Lissabon, 31. Mai. (TU.) Die Aufständischen beherrschen vollständig die Lage, so daß dos Kabi­nett hat zurücktreten müssen. Der Präsi­dent der Republik hat mit den Führern der Auf­standsbewegung verhandelt und sie mit der Bil­dung eines neuen Kabinetts beauftragt.

Die in Lissabon und Dporto liegenden Trup­pen haben sich, wie die letzten Nachrichten von der portugiesischen Grenze besagen, der Aufstands- bewegung angeschlossen. Die führenden Militärs der Bewegung haben erllärt, sie beabsich- tigten eine Militärdiktatur zu errichten, um einer geplanten kommunistischen Revolution vor­zubeugen. Die bestehenden Parteien seien zu schwach, um dem drohenden Verderben entgegenzutreten. Die wenigen, über die Grenzen kommenden Nachrichten haben bis jetzt noch keinerlei bestimmte Anhalts- punkte gegeben, wer an der Spitze der Bewegung steht.

Brasilien und der Völkerbund.

Erklärungen des brasilianischen Vertreters.

Paris, 29. Mai. (WTB.) Der Vertreter Brasiliens bei der Dölkerbundsverhandlung über die Erweiterung des Völterbundsrates, Monta- rot) o 8, hat dem Genfer Dertteter der Havas- Agentur über die HaltungBrafiliend eine Er­klärung abgegeben, die offenbar veranlaßt ist, durch eine Meldung, die durch einen Teil der französischen Presse gegangen ist und deren Ur- sprung nicht festgestellt werden kann. 3n dieser Meldung wollte man eine gewisse Aenderung in der Haltung der brasilianischen Regierung fest- gestellt haben. Montarohos erklärte erstens, der brasilianische Delegierte beim Völkerbund, Mello Franco habe weder mit dem deutschen Bot­schafter von H ö s ch noch mit dem Grafen Bernstorfs, den er überhaupt nicht kannte, eine Unterredung gehabt. Montarohos habe nur Gelegenheit gehabt, im Anschluß der Verhand­lungen des Dölkerbundsausschusses Herrn von Hösch persönlich zu erklären, dah er die von ihm abgegebenen Versicherungen wiederhole und ver­schärfe, nämlich, daß

Brasilien in keinem Augenblick daran gedacht habe, sich der Zulassung Deutschlands in den Völkerbund zu widersehen, und dah in dieser ganzen Angelegenheit Brasilien stets sowohl im

Paris, Ende Mai 1926.

Schon der erste Tag der Kammerdebatten nach den Ferien läßt keinen Zweifel darüber, daß dem Kabinett Briand-Painleve-Peret. und besonders innerhalb der Kartellparteien selbst, neue große Schwierigkeiten erwachsen. Die­ser Tage sanden in der Kammer zwei Abstim­mungen statt. Die erste betraf die Finanz- f r a g e. bie zweite die Wahlrechtsvorlage. Die Regierung hatte ihren Entschluß in letzter Minute geändert und stellte die Vertrauensfrage für die erste Abstimmung, d. h. für die Zurück­stellung der Finanzdebatten. Hätte sie die Ver­trauensfrage wie ursprünglich geplant für den Beginn der Beratung der Wahlrechtsvorlage am 11. Iuni gestellt, so wäre sie mit 20 Stimmen überstimmt worden, und hätte daher zurücktreten müssen.

Weder in der Finanzfrage noch in der Wahl­rechtsfrage findet die Regierung Briand die nötige Unterstützung bei den eigenen Regierungs­parteien. In der Finanzfrage stimmten Kom­munisten, Sozialisten und die Hälfte der Radikal­sozialisten .gegen die Regierung d. h. sie wünschten die sofortige Besprechung der Interpellation über die Finanzlage, während M inifterpräfibent Briand wiederholt erklärte, die Regierung könne angesichts der noch bestehenden finanziellen Schwierigkeiten des Staates eine sofortige Be­sprechung nicht zulassen. Das gegen die Regie­rung gerichtete Abstimmungsergebnis in der Wahlrechtsvorlage läßt sich parteimäßig nicht so klar umreiben, vielmehr ist hier die Spaltung innerhalb der einzelnen Kammergruppen durchaus verschieden und individuell.

Man hätte glauben sollen, daß die Besserung des Frankenkurses und die günstige Wandung der Dinge in Marokko die Stellung des Kabinetts Briand gestärkt hätte. Dies ist wider alles Er­warten nicht der Fall. Ramentlich die Haltung der Radikalsozialisten, also der Gruppe des Kam- nierpräsidenten Herriot, schasst hier ungeahnte Komplikationen, die keineswegs zu unterschätzen sind. Man geht wohl nicht fehl in der Annahme, wenn man darin schon die Folge der Minier- arbeit der Freunde Herriots erblickt, die den Sturz Briands nicht abwarten können, um ein neues Kabinett Herriot erstehen zu lassen, selbst wenn dieses nur ein Hebergangdftabium für ein kommendes Kabinett Caillaux bilden sollte.

Die Radikalsozialisten sind vollständig ge­spalten, sie haben in ihrer Fraktionssihung den Beschluß gefaßt, der Regierung noch 3 Tage Zeit zu lassen, um ihre neuen Finanzpläne bekannt zu geben, dann aber unbedingt auf der Bespre­chung der Interpellationen über die Finanzlage und die Frankenbaisse zu bestehen. Sie sind sogar noch einen Schritt weiter gegangen und haben eine Abordnung zu den 6 radikalsozialistischen Mitgliedern des Kabinetts entsandt, um sich mit ihnen über die Gesamtlage zu beraten. Das heißt nichts anderes, als daß sie den radikal- sozialistischen Ministern naheleqen wollen, ange­sichts der neu entstandenen Meinungsverschieden­heiten zwischen Kartellparteien und Regierung zurückzutreten. Aus dem ganzen Verhalten der Radikalsozialisten, bekanntlich mit 134 Mitglie­dern der stärksten Gruppe der ganzen Kammer, geht klar hervor, daß es ihnen durchaus ernst ist, wenn sie ganz deutlich zum mindesten auf eine Hrnbildung des Kabinetts Briand hin­arbeiten.

Briand hatte gehofft, mit der Wahlrechts­vorlage noch einmal die Kartellparteien unter einen Hut zu bringen, doch hat sich auch diese Hoffnung als trügerisch erwiesen, und zwar sind es dieses Mal die Sozialisten, die wiederum aus rein takttschen Gründen und parteipolitischen Erwägungen dem Innenminister Durand hier neue Schwierigkeiten bereiten. Dieser versucht jetzt auf ilmtoegen über das Proportional-Wahlrccht in der zuständigen Kammerkommission Stimmung zu machen für die Regierungsvorlage. Wie weit ihm dies gelingen wird, bleibt abzuwarten. Sehr günstig gestaltet sich die Aussicht nicht, denn der Sozialist Renaudel hat um nicht über diese Frage noch mehr in Konflikt zu geraten mit seiner Kammergruppe, mit der er sich ohnehin durch die Abstimmung und sein Verhalten auf dem sozia­listischen Kongreß in Clermont- Ferrand stark entzweite noch angefünbigt, daß er vom Dor­sch der Kammerkommission für das allgemeine Stimmrecht zurücktreten will. Die innerpolittsche Stellung des Kabinetts Briand ist also mit einem Schlage unsicherer denn je. Es kommt noch hinzu, daß angesichts dieser sehr zweifelhaften Haltung der Radikalsozialisten in der Finanz- und Sttmm- rcchtsftage. der 11. Iuni, an dem nach dem gestrigen Deschluh der Kammer wichttge Inter- pellattonen über innen- und außenpolitische Fra­gen behandelt werden sollen, neue unvorherge­sehene Gefahren für das Kabinett Briand in sich birgt Kurz, die politische Spannung in Paris ist wieder einmal sehr groß. Kein Mensch kann

Skagerrak.

r. Bon Admiral Scheer.

Jedermann, der in der Kaiserlichen Marine gedient hat, wird zugestehen, wenn er ein ehr­liches Bekenntnis vor sich ablegt, daß diese Zeit ihm die schönsten und besten Lebenserinnerungen geboten hat.

Aus der Enge der Heimat wurde er hinaus- geführt^auf das weite Meer, er lernte fremde Länder ^und Völker kennen, konnte Vergleiche mit chren Derhältnissen und den unfrigen ziehen und fühlte sich mit Stolz als Angehöriger eines auf­strebenden, tüchtigen Dolkes. das in der ganzen Welt angesehen und geachtet wurde.

Das Schiff, bas ihn hinaustrug, war ein Meisterwerk deutscher Technik, ein Stück Heimat, mit dem er sich bald ebenso verwachsen fühlte wie mit dem Boden, auf dem er geboren, denn der Pulsschlag eines kräftigen Lebens, das diesen Körper aus Stahl und Eisen durchdrang, erfüllte auch ihn, verband ihn mit den aus allen deut­schen Ländern entstammenden Kameraden in dem Sttebcn, aus diesem Schiffe eine starke Waffe machen zu müssen, wobei jede Tättgkeit einen notwendigen und nützlichen Zweck verfolgte.

Der Seemannsstolz ergriff ihn. Unerschrocken­heit. Kaltblütigkeit, die Fähigkeit, sich allen La­gen anzupassen. "Vertrauen auf die eigene Kraft und das Gefühl der Heberlegenhett und Der- anttoortung. das sich in dem steten Kampf mit den Elementen, die das gewaltige Meer bewe­gen, ausbildet, berechtigen zu diesem Stolz. An welchen anderen Lebensberuf treten auch An­forderungen körperlicher und geistiger Kraft- anspannung in gleicher, abwechslungsreicher Fülle heran! Unb wenn sich der einzelne in seiner männlichen Tüchtigkeit so gehoben fühlte, kam noch ein Moment von besonderer Tragfähigkeit hinzu: das Bewußtsein, dah Deutschland, wenn es die Weltstellung, in die es hineinwuchs, sich erhalten wollte, eine Seemacht besitzen muhte, um sich wirtschaftlich frei entfalten und bewegen zu können.

Hatte Deutschland durch die Kriege von 1864, 1866 und 1870/71, in denen es sich die polittsche Einheit erkämpft hatte, der staunenden Welt die Tüchtigkeit des deutschen Soldaten gezeigt und ihr die Achtung abgerungen, als Großmacht zu gelten, so war doch das meerbeherrschende England allein noch in dem Gefühl seiner Hebet* legendeit verharrt unb glaubte, unseren berech­tigten Bestrebungen nach seinem Gefallen einen Riegel vorschieben zu können, wenn es uns ge­lüsten sollte, in sein Welthandelsmonopol einzu- brtngen.

Cs verkannte, dah die Welt Raum genug für beide Völker bot. um nebeneinander bestehen zu lönnen. und dah England allein gar nicht im­stande war, die rasch zunehmenden Bedürfnisse des Güteraustausches in der durch die Vervoll­kommnung der Verkehrsmittel sich immer näher- rüdenben Welt allein zu befriedigen. Reid und Mißgunst trieben die Briten in den Weltkrieg.

Die deutsche Flagge sollte vom Weeve wieder verschwinden, unsere aufblühenden Kolonien, durch die Staatskunst und den Weitblick Bis­marcks zur rechten Zett erworben, um unserer Industrie den Wettbewerb mit fremdländischen Erzeugnissen au erleichtern, schienen anfäng­lich als minderwertig angesehen nun eine willkommene Beute. Ohne Bundesgenossen aber wagte England den Kampf nicht. Vs sollte ein Wirtschaftskrieg in schärfstem Ausmaß fein, sonst war das deutsche Volk nicht niederzuzwingen. Dicht wie in früheren Zeiten ein ehrlicher, ritter­lich geführter Kampf der militärischen Kräfte, sondern ein Strangulierungsversuch gegen das Deutschtum.

Sv konnte die deutsche Flotte der Lebens­retter des deutschen Dolles werden. Don seinem Heer hing es ab. den deutschen Boden von der Verwüstung durch die feindlichen Heere frei zu halten, sein zukünftiges Schicksal aber muhte sich auf dem Wasser entscheiden.

Hm so schmerzlicher wirkte in den beiden ersten Kriegsjahren die Enttäuschung auf der Flotte, dah ihr nicht die volle Bewegungsfreiheit eingeräumt wurde. Der Seemannsstolz unserer Mariner fühlte sich getroffen, dah sie zum weit­aus größten Teil feine Gelegenheit zur Betäti­gung fanden, da doch viele einzelne Ruhmes^ taten unserer Kreuzer und O-Dovte Beweise abgelegt hatten, welcher Geist in der Marine herrschte.

Die Skagerrak-Schlacht brachte diese (Befreiung. Was niemand erwartet hatte, dah die englische Flotte von der deut­schen geschlagen werden könne, anstatt sie völlig zu vernichten, sobald sie sich nur zum offe­nen Kampf im freien Wasser herauswagen würde, das trat ein. ,

Es ist nicht meine Sache, hier darzulegen, wie es erreicht wurde. Rur das mag gesagt werden: es gelang, weil ich das Derttauen in daS Gelingen hatte, weil ich mich vorwärtsgetrie­ben fühlte von dem kampfesfreudigen und todesmutigen Geist der Be­satzung, die den Führer nicht geachtet hätten, der einer Gelegenheit, mit der englischen Flotte anzubinden, ausgewichen wäre.

Der Grundton dieses Geistes, dch- alle Be­satzungen duvihdrang, war die Selbstver­ständlichkeit der Pflichterfüllung, es war die Treue dem Vaterlande ge» genüber, die sich in der Gefahr bewährte wenn es gilt, das Leben einzusehen unb dadurch das Höchste zu erhalten, was den einzelnen, wie em ganzes Voll, ziert: seine Ehre.

Wir leiden heute schwer darunter, wett wir des Spruchs vergessen haben:

Das Leben ist der Güter höchstes nicht, v der Hebel größtes aber ist die Schuld.

Beilagen: Gießener Fämilienblättei Heimat im Bild Die Scholle.

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Br. 124 Erster Blatt W6. Jahrgang

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