Ausgabe 
30.11.1926
 
Einzelbild herunterladen

3. die Staat der Schutzpolizei. Don 150 000 Sicherheitspolizisten stünden 108 000 im Solde der Reichsregierung und 42 000 im Solde der kommunalen Behörden. Die Alliierten for­derten, daß die erste Ziffer um 8000 erhöht unb dir zweite Ziffer um 8000 Mann herab- ersetzt werde.

4. Die Dotschafterkonferenz fordere, dah die Soldaten der Reichswehr keine durch den Frie° - msvertrag verbotene Ausbildung mit ~ anl%, GaS, ufw. erhielten.

5. Der Export von halbfertigen Fabrikaten iue im Auslande in Kriegsmaterial umgewandelt werben tonnen, soll verboten werden.

6. Endlich die Frage der vaterländischen verbände, die keine militärische Ausbildung erhalten dürften.

Di« Drei ersten Fragen seien g e l ö st und von untergeordneter Bedeutung. Lieber die drei leh­ren Fragen diskutiere man im Augenblick noch cstrig.

Die Diermächtekonferenz. ZtiUiens Aolonialwünsche. Der Block der Westmächte.

London, 30. Rov. (WTD. Funkspruch.) Der diplomatische Berichterstatter desDaily Herold" will Wilsen, eS sei endgültig vereinbart worden, dah Chamberlain, Driand unb Mussolini nach Schluh der Tagung des BollerbundsrateS in einer italienischen Stadt zusammenkwnmen werden. D t r e s e m a n n sei zur Teilnahme eingeladen worden, aber eS sei noch nicht sicher, ob er annehmen werde. Haupt- gegenstand der Erörterung würde sein, wie Ita­liens koloniale Dünsche in einer Weise befriedigt werden können, die keine Schwierig­keiten zwi'chen Italien unb Frankreich schaffen würde. Die Bildung eines Blocks von frier Groh machten, die den Böllerbundsrat be­herrschen oder ihn vor ernste Beschlüsse stellen würden, bedeute notwendigerweise einen töd­lichen Schlag für den Bölkerbund. Der Daily Chronicle" schreibt dagegen, London und Rom würden in der künftigen Zusammenarbeit der vier groben Westmächte eine Art Erneue­rung des alten europäischen Kon­zerts in veränderter und verbesserter Form erblicken, durch das auf Frieden und Orb* nung bei den kleineren Rationen hm- gewirkt werden könnte.

Frankreich im europäischen Konzert.

Die Rolle Briandtz in Genf.

Paris, 29. Rov. (£11.) Uni er der lieber- chriftDriands schwieriger Part in Genf" gibt eute Pertinax imEcho de Paris" der Meinung Ausdruck, dah auf der einen Seite <c Logic von Genf, Locarno und Thoirh den >.anzösischen Auhemninister dazu dränge, Deutsch­land bezüglich der Abrüstungsfrage eine (5>e neralquittung auSzustellen und dem Ab­bau der interalliierten Militärkontrolle sowie der vorzeitigen Rheinlandräumung zuzustimmen, auf der anderen Seite zögere Dttand, die letzten Garantien des, Versailler Ber- träges aus der Hand zu geben. Er wolle an­scheinend Zeit gewinnen und nicht wieder- gutzumachende Entscheidungen vertagen. Roch schwieriger sei Driands Aufgabe, wenn er sich auf eine Konferenz mit Chamberlain, Strese» mann und Mussolini einlasse, da er nicht nur gegen Dr. Stresemann zu kämpfen habe, der auf einer solchen Konferenz seines Erfolges noch sicherer sei, sondern auch den italienischen Ansprüchen im Mittelmeer auf Ko - l onialgebiete gegemiberstehen würde. Per- tinar fordert Driand auf, sich entschieden g egen einen solchen Konferenzplan zu wehren. Er dürfe auch nicht an einer Dreimächtekonferenz teil- - nehmen, weil Italien für etwaige Konzessionen Frankreich doch keinen Dank wisse, sondern den Derdienst dem englischen Dermittler zuschreiben 'werde.

. Zu diesen Ausführungen Pertinax' sah sich 1 die Pariser zuständige Stelle veranlaht, einen jp Kommentar zu erlassen. Pertinax hatte be­hauptet, dah Deutschland nach Erfüllung seiner Verpflichtungen den Anspruch auf Abberufung der WilitäNontrolle und Räumung des besetzten Gebiets habe. Man scheint an zuständiger Stelle Wert auf die Feststellung zu legen, dah die De- sehuna des Rheinlandes nicht nur die deutsche Abrüstung, sondern auch die künftige Er­füllung der Reparationsverpflich- tunaen sich erzustellen habe. Auch nach 5er Abrüstung Deutschlands könnte bei Berfeh- lungen in der Aeparationsfrage eine B e r l ä n - aerung Der Desetzungsfristen über die im Ver­sailler Vertrag vorgesehenen Termine hinaus er­folgen.

Die deutsche Delegation für Genf

Berlin, 30. Rov. (W. T. B. Funkspruch) Die deutsche Delegatton für Genf setzt sich voraus­sichtlich aus folgenden Herren zusammen: Reichs- auhenmlnister Dr. Stresemann, Staatssekre­tär von Schubert, Ministerialdirektor Dr. Gauß, dem Dirigenten des Bölkerbundsreferats von Bülvw und Gesandtschastsrat Foltze.

Sadismus und Arbeiterschaft.

Rom, 29. Rov. (WTD.) In einer in Mai­land gehaltenen Rede erklärte der faszistifchci Gewerkschaftsführer R o s s o n i, die faszistische Partei werde dem italienischen Volk b i e Magna Charta der Arbeit geben, die bisher den Arbeitern immer wieder versagt wor­den sei, nämlich Befriedigung der Hand- und Kopfarbeiter durch Sicherung ihres täg­lichen Brotes und ihrer Menschen­würde. Der FasziSmus müsse ein unschönes Wort ausmerzen, daS Wort Patrone, das auf der anderen Seite Knechte voraussetze und einen Ersatz durch das Wort Kommandant, das würdigen und gerechten Führern zukomme' schaffen. In Italien gebe es nur Italiener mit* gleichen Rechten und gleichen Pflichten. Mit dieser Ausmerzung falle auch daS andere Wort Knecht oder Proletarier.

Wiederaufnahme der Arbeit im englischen Bergbau.

London, 30. Rov. (TU.) Am gestrigen VTontag ist die Arbeit in allen englischen Gruben- bezirken wieder aufgenommen worden, und zwar haben sich mehr Leute zur Arbeit ge­meldet als eingestellt werden können. In Rorth-

Vorkshire werden bereits Dorbereitungen ge­troffen für das Anblasen mehrerer Hoch­öfen und für die Wiederinbetriebsehung der Eisen - und Stahlwerke.

Ernste Lage in Hankau.

Erklärungen Chamberlains im Unterhaus.

London, 30. Roo. (TU.) Sir Austen Cham­berlain erklärte im Anlerhaufe, dah in der Lage in hankau eine ernffe Entwicklung einge­treten wäre. Eine Gewerkschaft von Angestellten der chinesischen Zollverwaltung sei am 21. November mit der Anlecstühung eines hohen chinesischen Beamten gebildet worden. Die Gewerkschaft habe mitgeteilt. dah ihr Ziel darin bestehe, das ausländische Element aus dem chinesischen Zoll­dienst zu entfernen, um dadurch die chine­sische Zollverwaltung unter eine rein chinesische Kontrolle zu bringen. Der Verwalter der Seezölle hoffe den Dienst im Zollgebäude und die Llektrizi- kätsverforgung aufrechlzuerhalten. Das bei den Ja­panern bedienstete haucperfonal sei bereits in ben Streik getreten und die Japaner inen ge­nötigt, sich Lebensmittel aus anberen Städten zu beschaffen. Die Kommunisten zeigten eine außer­ordentlich eifrige Tätigkeit. Der General streik würde allgemein gefürchtet, da es dann den Agita­toren leicht sei, die unbeschäftigten Massen zu Äus- schreitungen auszuheheu.

Die Bedrohung der Europäeroreriel.

H ankau, 29. Rov. (WB.) Die britischen Kaufleute haben ein Telegramm an bie bri­tische Regierung gefanbt, in bem sie die Lage als sehr bedrohlich hinstellen unb um Zu- i'enbung von Verstärkungen bitten. In Schanghai hat bie allgemeine chinesische Han­delskammer verschiedene anonyme Drohbriefe erhalten, in denen bie Ausrufung eines Streiks verlangt wird. Der ungünstige Ruf, In bem bie Tschang-Tsolin-Truppen stehen, erleichtern den aus dem Süden kommenden Propagandisten ihre Aufgabe bettäcktich. Heber bie militärische Lage sind genauere Rachrichten nicht zu erhalten Wie die 'Abendblätter melden, ist das chine­sische Kabinett zurückgetreten. Das zurückgetretene chinesische Kabinett hat an die fünf Führer der Rordarmee ein x3irfulartele» gramm grsandt, in dem es als Grund für seinen Rücktritt den Mangel an Geldmitteln ansieht.

Truppenlandungen der Fremdmächte.

London, 30. Rov. (WTD. Funkspruch.) Die Blätter besprechen bie ernste Lage in Hankau mit grober Besorgnis. Es wird gemeldet, dah britische, französische unb japanische Marine- f o £ buten zum Schutze des Fremde n- Viertels gelandet sind. Heute werden in Hongkong 200 britische Marinesoldaten an Bord eines Kreuzers eint reffen unb sofort nach Han­kau weitergehest. Mit dem gleichen Kriegs­schiff toirb in Hongkong der neue britische Bot­schafter Lampson erwartet.

Wie verlautet, befinden sich augenblicklich zwei Zerstörer unb zwei Kanonenboote sowie eine Korvette von den englischen Seestreitkräften in Hankau. Auherdem ist auf dem Vangtseflah eine Flottille von britischen Kanonenbooten. Die Schwierigkeit der Lage besteht darin, dah nach dem Ablauf dieses Monats bie gröberen Kriegs­schiffe infolge Fallens des Wasfer- stanbes nicht mehr fluhabwärts von Hankau fahren können. Kleinere Schiffe, wie Kanonenboote, werden noch einige Zeit vor Hankau liegen können.

Eine Erklärung des Generals v. Matter.

Berlin, 29. Rov. (DDZ.) Die deutschnatto- nale Pressestelle teilt folgende Grk.arung des Generalleutnants Freiherrn v. Walter zu ber Reichstagsrede des Reichswehrm nisters Dr. Gehler mit:Rach ubereinslimmenden Berichten der Tagespreise hat der Reichswehrmini- ster Dr. Gehler in feiner Reichstagsrede am 24. Rovember unter Berufung auf eine früher von ihm gehaltene Rede den Eindruck erweckt, als wenn er mich zu denVerrückten" rechnet. Ich will diese ungewöhnliche Verunglimpfung als eine unter schwerem Druck erfolgte Entglei­sung ansehen. Selbstverständlich habe ich meiner ganzen Einstellung entsprechend in vaterländi­schem Sinne mitgewirkt, als im Jahre 1923 der selbst vom englischen Kronanwalt als rechts­widrig anerkannte Sinbruchder Franzosen in das Ruhrgebiet eine mächtige Volks­bewegung entfesselte. Es ist eine merkwürdige Verkennung und Riebrigstellung dieser Bewegung, wenn man von Aufwieglung spricht. Was die Aussührungen des Herrn Ministers über meine Tätigkeit im Jahre 1923 angebt, so beruht sie in erster Linie auf der ungeprüften Wiedergabe von Mitteilungen einer unverantwortlichen Persön­lichkeit, in denen bie Wahrheit auf den Kopfacstellt toirb. Der Herr Minster mag es vor sich selbst freranttoorten, wenn er solches Material zur öffentlichen Herabsetzung eines allen Offiziers benutzt. Herr Gehler muh beweisen, dah die Geschichte des Ruhreinfalls endgültig erst Ibäter geschrieben werden kann. Sein Verhalten im Reichstag toirb mich nicht ver­anlassen, in Verletzung meiner vaterländischen Pflichten die Zusammenhänge des deutschen Ab- toehrkampfes jetzt schon klarzulegen. Ich muh in dieser Beziehung wohl richtig eingeschätzt sein, wenn man sich nicht scheut, zu versuchen, mich vor der Oefsentlichkeit verächtlich zu machen.

Freiherr fr. Wa11er, Generalleutnant a. D.

Die Verlängerung des golltarifs

Berlin, 30.Nov. (Wolff.) Im Reichstag wurden gestern abend die Besprechungen zwischen der Regierung und den Parteiführern über die Frage der Verlängerung des Zolltarifs fortgesetzt. Bei den Beratungen zwischen Regierung unb Koali- tionsparteien soll eine (Einigung dahin erzielt war- den sein, daß dem Reichstag eine Verlange- rung ber bestehenden Zollgesehe um brei Monate vorgeschlaaen werde. Den Demokraten soll es gelungen fein, für die Ver­längerung der Futtermittelzölle eine Garantie dafür zu schaffen, daß diese Zölle bie Interessen des Han- dels wie auch des Futtermittelbaues sichern. Auch mit den Sozialdemokraten glaubt man eine (Eini­gung erzielen xu können, so dah die Regierung auf eine große Mehrheit für bie Verlängerung ber Zölle rechnen könne.

Aus aller Welt.

lleberfstt

auf das Glciwitter Gerichtsgcfäugnis.

In Sleiwitz in Oberschlesien ist ein Der» Wegener lieberfall auf das Ger^ichtS - gef ängnid unternommen worden. Eine Gruppe von Leuten ist in das DerichtSgefängniS eingebrungen. Der diensthabende Justizwacht­meister wurde erschossen. Ein zweiter Deam- ter wurde in eine Zelle gesperrt. Darauf­hin gelang es den Leuten, aus verschiedenen Zellen zehn Strafgefangene, die sich in Einzel- haft befanden, zu befreien- Der Regierungs- Präsident hat eine Belohnung von 1000 Mark auf die WiederverHaftung ber Gefangenen aus. gefetzt. Man nimmt an. der .B. Z." zu­folge, dah die befreiten Gefangenen mit ihren Befreiern über die nahe Grenze entwichen sind. Der größte Teil von ihnen stammt aus Polnisch-Oberschlesien. Bei dem Ueberfall scheint es sich um ein Ver­brechen mit politischen Hintergrund zu handeln, da sechs der gewaltsam befreiten Häft­linge wegen Spionage zugunsten Po­lens verurteilt sind. Am Sonntagm.ttag soll ein großer achtsitziger Kraftwagen mit brei Insassen. Darunter eine Frau, von jenseits ber Grenze in Gleiwitz eingetroffen sein, wo er drei weitere Personen angenommen hat. Gegen 11 Uhr nachts hat Dieser Wagen in einer Dunklen Seiten» strahe in ber Rähe des Gefängnisgebäubes Aus­stellung genommen, unb Die fünf an Dem Unter­nehmen beteiligten Männer haben eine Se'ten- tür des Gefängnisses mit Rachschlüsseln geöffnet. Bei Dem Kampf Im Innern Des Gefängnisses soll Der eine Iustizobertoachtmeister Den Führer ber ©inbnnglingc als einen gewissen Smolka erkannt haben, der wegen Spionage zugunsten Polens im Rattborer Gefängnis säst und ge­legentlich einer lleberführung nach Stettin nach Polen entfloh.

Geh. Sanifäfsrat ipannwih f.

Geheimrat Prof. Dr. Gotthvlb Pannwih in Bad Oynhausen ist, 65 Jahre alt, gestorben. Ursprünglich Militärarzt im ReichZgesundhetts- amt, hat er mit Den Professoren Leyden, Ger­hardt unb Leube das Zentralkomitee zur Er­richtung von Lungenheilstätten ins Leben gerufen.

Domänenbrand in Kurhessen.

Auf der Domäne Frankenhausen bei Kassel brach gestern nachmittag auS bisher noch unbekannter Ursache ein gewaltiges Schadenfeuer aus, durch Das in futter Zeit sämtliche Stallgebäude und Scheunen m.t sämt­lichen Erntevorräten ein Raub Der Flammen wurden. Den aus Der ganzen Umgegend herbei- geeilten Feuerwehren gelang es nur unter Auf­bietung aller Kräfte, des Feuers Herr zu wer­den unb DaS llebergreifen auf das Herrschafts­gebäude zu verhindern. Der Viehbestand konnte noch gerettet und auf die Weide getrieben wer­den. Kaum war das Vieh aus den Stallungen heraus, als die Dächer Der Gebäude einstürzten. Menschenleben sind glücklicherweise nicht zu Scha­den gelommen. Der Schaden dürfte sich auf weit über 100 000 Ml. belaufen.

Explosionskatastrophe in Rumänien.

Am Samstag wurde die Stadt Gjurgewo von einer furchtbaren Explosion heimgesucht. Durch ein Streichholz, das brennend auf mit Benzin, Petroleum unb anderen Deien geladene Schlepper geworfen wurde, geriet eine größere Anzahl von Schiffen in Brand. Das Feuer breitete sich mit blitzartiger Geschwindigkeit aus und nach kurzer Zeil explodierten die in Brand geratenen Schiffe sowie in der Nähe der Unglucksstelle befindliche Waggons. Alle Fensterscheiben der Stadt gingen in Trümmer. Die gesamte Hafenanlage wurde zerstört. Mehrere in der Nähe des Hafens befindliche Häuser wurden vorn Erdboden wegrasiert. Bisher sind 12 Personen durch die Explosion umgefom- m c n. Sechs Schlepper sind in den Flammen auf» gegangen, zwei wurden stark beschädigt. Der Ma­terialschaden beträgt Hunderte Millionen Lei.

Ein Auto vom v-Zug überfahren.

Montag vormittag überfuhr D$r O-Zug Rr. 2 auf Der Strecke B e r l inH a n n o ver bei starkem Rebel beim Bahnhof Groh-Aübicke unweit Rathenow DaS Person.iauto Des Ritter­gutsbesitzers v. Katte. Das Auto würbe zer­trümmert. Bon Den Insassen sinD zwei tot unb zwei schwer verletzt. Die Lo­komotive Des O-Zuges entgleiste. Im Zuge würbe nieinanD verletzt.

Schweres Autounglück.

Ein Magdeburger Personenauto fuhr in einer Kurve in der Bahnhofstraße von Heldrungen a u f D e nJB ü r g e r ft e i g. Dabei wurde ein 16jäh» riges Mädchen gegen ein E i s e n g e l ä n d e r gedrückt und getötet. Ihr neunjähriger Bru­der wurde gegen einen Baum geschleudert und so schwer verletzt, daß an seinem Aufkommen gezweifelt wird. Die beiden Insassen des Kraftwagens blieben unverletzt.

Eine Sammlung von Studentenpfiffen.

Am Schwarzen Brett der Urrioerfität Heidel- b e r g befindet sich ein Anschlag des Musikprofesiors Dr. Maser, der mitteilt, daß er eine Sammlung studentischer Musik- und studentischer Pfiffe veran­staltet und die einzelnen Korporationen bittet, das Thema ihrer Studentenpfifse in Notenschrift abzu- liefcrn.

Wegen Verdachts des Gatten- und Schwagermordes verhaftet.

Unter bem schweren Verdacht, ihren Gatten unb ihren Schwager vor sechs Jahren ermordet zu haben, wurden In Lippehne in Der Renmark Die Frau des damals 62 Jahre alten Fleischer- meisters Gustav Burmeister unb ber Land­wirt Paul Gerlach verhaftet. Burmeister war damals plötzlich verschwunden und feine Frau gab an, daß er mit 60 000 Mark zu Einkäufen nach Berlin gefahren sei. Da merPtoüröige Ge­rüchte über Die Umstände des Verschwindens nicht aufhörten, hat die Berliner Morbinspektion vor einigen Tagen Beamte nach Lippehne ent­laubt und ihre Ermittlungen führten mtn za den beiden Verhaftungen.

Wettervoraussage.

Etwas stärkerer Rachttrost, später zunehmende Bewölkung und Aeigung zu Riederschlägen (Schnee).

Gestrige Tagest emperatnr en: Maximum 48

Minimum miirus 1.4 Grab CelfiuS. Heutige Merrgerrtemfreratur: minus 0,8 Grab Celsius.

Aus der Provinzfalhauptstadt.

G i c fj e n, Den 30. Rovember 1926.

Das Disziplinarftrafwesen gegen Fortbildungsschüler in Hessen.

Bon

Jugend, und Bormundschaftsrichter Franz (Bros.

(Nachdruck verboten.)

Ltost in jeder Fortbildungsschule kommen von Zeit zu Zeit gelegentlich Der Unterrichtsstunden Ver­stoße gegen Die Schulzucht vor, die des natürlichen, begreiflichen, in Der Jugend steckenden Frohsinns oder Uebermuts entbehren, die vielmehr von grober Unbotmäßigkeit und Frechheit des Täters zeugen und von Der Absicht getragen find, Den Lehrer in seinem persönlichen und amtlichen Ansehen herab­zusetzen und ihn in der Erteilung des Unterrichts vorsätzlich zu stören. Oft suchen sich auch solche Schüler in Den Augen ihrer Mitschüler einen fal­schen HelDenruhm zu erwerben. Im Einblick auf dar vorgeschrittene Alter ihrer Schüler bedarf die Fort­bildungsschule besonderer Disziplinarmittel. Die ge­setzliche Grundlage ihrer Zulässigkeit bildet das 5)essi. sche Volksschulgesetz vom 25. Oktober 1921, dessen Artikel 17 das Landesamt für das Bil- dungiwefen als zum Erlaß der Ausführungs­vorschriften für befugt erklärt und als Mittel der Schulzucht Geldstrafen bis zur Höhe des dreifachen Betrages Des für den Bezirk vom Ober- Versicherungsamt festgesetzten Ortslohnes für männ- siche Versicherte unter 16 Jahren oder Haft, strafen bis zu drei Tagen für zulässig erklärt.

Das Öanbesamt für das BildungDveten hat in [einen au3fübrungsoorfd)rlften vom 1. Oktober 1923 das Disziplinarstrafwesen geregelt. Danach setzt im Falle eines schweren Verstoßes eines Fortbil- dungsschulers gegen die Schulzucht Der Vor- sitzende des Schulvorstandes nach An- hörung des Lehrers die Geldstrafe fest. Gegen die so erkannte Strafe ist die Beschwerde an Das Kreis- oder Stadtschulamt zulässig, das endgültig über bie Berechtigung der Beschwerde entscheidet. Ist eine Geldstrafe uneinbringlich, so kann sie nach den reichsrechtlichen Vorschriften, Die jeweils bei Geld- strafen für Uebertretungen gelten, in eine Haft­strafe umgewandelt werden. Auf Haftstrafe bis zu drei Tagen darf unmittelbar nur erkannt werden, wenn bisher angewendete Schulzuchtmittel, insbesondere Geldstrafen, wiederholt angewendet worden sind, ohne daß ihr Zweck erreicht wurde, oder wenn ein besonders schwerer Fall eines Der- ftofjes gegen die Schulzucht vorliegt. Die Haftstrafe ist nach Anhörung des Lehrerrates der Schule von dem Kreis, oder Stadtschulamt auszusprechen. Gegen Die Entschließung kann der betreffende Schuler oder sein gesetzlicher Vertreter (Eltern, Dor- mund) innerhalb einer Woche nach der mündlichen oder schriftlichen Eröffnung der Entschließung Be­schwerde bei dem Landesamt für Das Bildungswesen einlegen.

Die Haftstrafe wird in bem zuständigen Amts« gerichtsgefängnis auf Ersuchen Des Vor­sitzenden des Kreis- oder Stadtschulamtes, und zwar in besonders geeigneten Räumlichkeiten vollstreckt, wobei nach einem besonderen Erlaß des Justiz- ministers streng darauf zu achten ist, daß Der Ju- geldliche nicht mit anderen Insassen des Gefäng­nisses in Berührung kommt.

Es bedarf kaum der Erwähnung, daß es sich bei den vorstehenden Ausführungen stets nur um die £äUe einer Zuwiderhandlung gegen die eigentliche Schulzucht handelt, daß Dagegen Missetäter, die etwa in der Schule sich eines Verbrechens oder Ver­gehens gegen bie bürgerlichen Strafgesetze schuldig machen, vom Juaendgencht abzuurteilen sind, und daß in lebem Falle erkannte Strafen sehr wohl die Grundlage für ein Einschreiten des Vormundschafts- 9er'totes gegen Den Jugendlichen auf Grund des Jugendwohlfahrtsgesetzes bilden und m besonders schweren Fallen sogar die Anordnung feiner Für- sorgeerziehung begründen können.

Ium Reichsrenlnertag

um nurcg-igtn 1. Dezember veröffentlichtDer Rerttner", Die Zeitschrift Des Drutschen Rmtner- bundes, einen Aufruf, in Dem eS u. a. heißt:

Die Rentnernot ist fast vergassen im Deut­schen Vaterlanbe. Das verantwortliche und schul­dige Reich hat Den Versuch einer Direkten Rege­lung sehr balD als zu unbequem unD kostspielig aufgegeben, hat sein Gewissen mit einer Reihe sehr wohlwollenDer Erlasse unb Richtlinien, Devea Beachtung es, auch beim besten Willen, gar nid>t überwachen kann,, beruhigt und Die ganje lästig« Angelegenheit auf Die Gemeinden abgeladen. aber wohlgemerkt. ohne ihnen Die Dazu notwendige« Mittel zuzuweisen.

Di« Gemeinden ihrerseits üben Die ihnen übertragene Fürsorge je nach ihrer sozialen (Sm- stellung unb ihrer Finanzlage in ganz verschie­dener Art aus, manche, wie wir gern anrrfennen, in wohlwollender unb erfreulicher De se, viel« aber, besonders auf bem Laube, lassen iHv« Kapitalrentner einfach huirgern.

Ueberall aber sind die Rentner rechtlos der Gnade ihrer Gemeinben ausgcliefert. Die Sozialrentner, Die Kriegsbeschäb gten, Die Ar­beitslosen, alle haben gewisse Rechte, nur Die Kapitalrentner sind wie D'.e Ort Farmen rechtlos. Wenn eine Gemeinde, welche bisher monatlich 40 Mk. Dem Einzelnen znhlte, plötzlich erNärt, sie zahle fortan nur noch 20 Mk., sie habe fein Geld, so steht brr Rentner b>m wehrlos gegen­über. Er kann sich beschweren, aber wann und was er auf Diesem noch Dazu recht umstänblichen Wegs erreicht, wenn er inzwischen nicht verhungert ist, bleibt sehr Di< Frage.

So steht in kurzen Worten heute unsere verzweifelte Lage, in welcher Die völ­lige Entrechtung Die bitterste Sette für alte verdiente Staatsbürger ist.

Etwa 700 000 Deutsche. Männer unb Frauen, seufzen, Darben, hungern in Dieser Rot waS tonnen toir tun?

Wir sind meist alt, zermürbt und schwach, unb Doch kann ein jeher von uns helfen, wenn er nur ernstlich will. Zum 1. Dezember bat iec Vorstand einen Reichsrenlnertag angesetzt, Da soll, neben anderen Unternehmun­gen, die gleiche Entschließung in allen Orts­gruppen im Reich gefaßt werden. Rur, wenn diese Versammlungen überfüllt sind, wenn Jeder teilnimmt, wird diese Kundgebung machtvoll wir­ten. Wir wollen Damit die öffentliche Meinung aufrütteln, Das V o l k S g e w i s s e n an die 703C00 taclen'en W tlü.ger. welche eS über alle anderen TageSsragen berge, fen hat, eindringlich erinnern.

Die für Gießen anberaumte Protest-> Versammlung Der Rentner beginnt morgen, Mittwoch, nachmittag 3 Uhr im Katholischen DereinShaus.