Nr. 202 Erster Blatt
176. Jahrgang
Montag, 50. August 1926
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Gießener Familienblätter Heimat im Bild Die Scholle.
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Dr. Friedr. Wilh. Lange. Verantwortlich für Politik Dr. Fr. Wilh. Lange: für Feuilleton Dr. H.THyriot; für den übrigen Teil Ernst Blumschein: für den Anzeigenteil i.Dertr. H.Deck, sämtlich in Gießen.
Die Todesurteile in Anaora vollstreckt.
Angora, 27. August. Die vom Unabhängigkeitsgericht in dem Kochoerratsprozeß gegen die 2ftit- der llnionistifchen Partei zum Tode verurteilten D s ch a o i d Bet), Nazim Bet). Nail Bet) und f) i l m i Bet) sind hingerichtet worden. Das Unabhängigkeitsgericht hat den Abgeordneten von Stambul Raus, den früheren Gouverneur von Smyrna R a h m i. drei frühere Sekretäre der Unionistischen Partei und zwei Helfershelfer zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt. 37 andere Angeklagte wurden freigesprochen.
Heber die Persönlichkeit Dschavid Beys, des '.ervorragendsten Finanzmannes der modernen Türkei wird uns von einem Deutschen, der lange Jahre in der Türkei lebte, geschrieben: Wer Dschavid Dey persönlich kannte und seinen Lebensweg, seit jener unblutigen Revolution, die die hamidische Herrschaft beendete, verfolgte, muß von dem tragischen Geschick, das diesen Mann traf, tief erschüttert sein. Aber nicht bloß menschliches Empfinden spricht hierbei mit, denn mit Dschavid Dey verliert die Türkei einen ihrer intelligentesten Männer und ihren bedeutendsten und erfolgreichsten Finanzpolitiker. Jeder, der diesen kleinen zierlich gebauten Mann im Parlament sprechen hörte, hat die Gewalt 'einer Rede bewundert und stand im Banne einer ganz ungewöhnlichen Persönlichkeit. Dschavid wirkte nickt allein öurd) seine hochentwickelte Rednergabe, sondern in gleicher Weise durch sein umfassendes Wissen. Selbst seine größten Gegner verstummten vor der zwingenden Logik, mit der er Gedanken an Gedanken reihte und zogen es vor, ihre vorbereiteten Reden ungehalten zu lassen. Wenn Europa seit der Beseitigung Abdul Hamids zum ersten Mal, seitdem das türkische Reich besteht, ein klares Bild von der Finanzlage und der Finanzkraft der Türkei erhielt, so war das ebenfalls Dschavids Derdienst, der es verstand, nach europäischem Dorbild ein Übersichtliches Dudget zu schaffen. Der Ruhen, den er damit seinem Lande brachte, ist nicht hoch genug anzuschlagen, denn das Ausland hatte ein unbedingtes Dertrauen zu diesem Mann. Unö dieses Dertrauen der europäischen Finanzkreise ist ihm bis zum Lebensende erhalten geblieben. Als der Prozeß gegen ihn eingeleitet wurde und man in England und Frankreich einen tragischen Ausgang für Dschavid befürchtete, wurden in London und Paris Stimmen laut, die zum Ausdruck brachten, daß die Türkei auf finanzielle Unterstützung der beiden Westmächte nur dann zu hoffen hätte, trenn die Verhandlungen mit Dschavid geführt würden.
Unter den deutschen Staatsmännern war es insbesondere Helsferich, der Dschavid außerordentlich hoch schätzte. Auch nach dem Ausbruch des Weltkrieges, als er dem Ädbinett nicht mehr angehörte, war er oft Monate hindurch in Berlin, um mit Helsferich über die laufenden und schwierigen Fragen des Tages, soweit sie finanzieller Ratur waren, zu sprechen. Dabei war Dschavid, wie die Mehrzahl der der Jungtürkischen Partei angehörenden Männer, durchaus franzosenfreundlich gesinnt. Das war kein Wunder, weil er nicht allein die französische Sprache vorzüglich beherrschte, sondern auch mit Erfolg bestrebt war, französisches Geistesleben zu durchdringen, während deutsche Art und deutsches Denken ihm wenigstens bis zur Zeit seines Eintritts in das Kabinett völlig unbekannt geblieben waren. Ob diese Einstellung zu den Hauptmächten der beiden kriegführenden Parteien für seine Haltung in der Frage, wie sich die Türkei in dem Weltkriege zu verhalten habe, bestimmend war, bleibe dahingestellt. Fest steht jedoch, daß Dschavid noch vor seinen Richtern versichert hat, er habe drei Monate lang unausgesetzt für die Reutrali- t ä t der Türkei gekämpft und erst seine Kon- sequenzen gezogen, als et unterlegen war. Wer Dschavid Dey auch nur oberflächlich gekannt hat, dem fällt es schwer, zu glauben, daß dieser Wann, dessen ganze Veranlagung Gewalttätigkeiten fern lag, sich in eine Verschwörung gegen das Leben Mustafa Kemals hat hineinziehen lassen.
Die Tangerfrage.
London, 30. Aug. (WTB.-Funkspruch.) In einem Telegramm des spanischen Außenministers heißt es: Die spanische öffentliche Meinung drängt die Regierung ihre Forderungen auf Einschluß von Tanger in die spanische Zone des marokkanischen Protektorats auf» rechtzuerhalten, wobei sie eine Garantie dafür gibt, daß Tanger niemals eine Festung oder ein Kriegshafen wird. Der diplomatische Berichterstatter des Observer schreibt dazu, die Locarno- mächie, die dazu verpflichtet seien, dahin zu wirken, daß Deutschland jetzt endlich seinen Sitz im Dölkerbundsrat erhalt, seien entschlossen, s i ch keiner Erpressung zu unterwerfen. Glücklicherweise sei die Lage jetzt durch eine Darlegung der italienischen Regierung geklärt worden, wonach Italien die Frage der Ratssitze und die Tangerfrage als vollkommen getrennte Fragen betrachtet und die Aufwerfung der letzteren in Genf als unzeitgemäß ansehe. Dies sei auch der Standpunkt, den Großbritannien und Frankreich einnehme. Es verlautet, daß die britische Regierung in ihrer Antwort auf das spanische Tanger-Memorandum zum Ausdruck bringen wird, daß die Abhaltung einer so kurz vorher einberufenen Tanger-Konferenz keinen nützlichen Zweck haben werde. Rach
Die zweite Tagung der Genfer Studienkommission.
Genf, 30. 2Iug. (211.) Jin Lause des Sonn- .ags trafen die Mitglieder der Studienkommission in Genf ein. Der Pariser Zug brachte die französischen Delegierten Fromageot und Gras E l a u d e und die englischen Delegierten. Lord Robert Cecil und Sir Cecil Hurst. Der deutsche Botschafter in Paris, Herr von H o e s ch , traf in Begleitung des Ministerialdirektors Dr. Gauß 5.05 Ähr nachmittags hier ein. Gleich nach der Ankunft der deutschen Delegierten für die Studienlommission, die im Hotel „Metropole" Quartier genommen haben, nahm der englische Kronjurist Sir Cecil Hurst Gelegenheit, den deutschen Herren seinen ersten Besuch ab- zustatten und zu einer Besprechung im Hotel „Deaurivage" einzuladen. Herr von Hoesch und Dr. Gauß fuhren gemeinsam mit Hurst ins Hotel „Bcaurivage", wo sie Lord Robert Cecil und den französischen Sachverständigen Fromageot vvrfanden. Die Unterhaltung, die kurz nach sechs Uhr begann, dauerte etwa bis 8.15 Uhr.
Rach ihrer Rückkehr ins Hotel „Metropole" äußerten sich die beiden deutschen Delegierten befriedigend über den ersten Meinungsaustausch mit den englischen und französischen Delegierten. Wie angenommen werden darf, wird das im Mai von der ersten Studienkommission ausgearbeitete Programm der Reorganisierung des V ö l k e r b u n d s r a t e s bis auf geringe Abänderungen, die auch von deutscher Seite als Verbesserungen bezeichnet werden, nicht verändert werden. Bei diesen Verbesserungen handelt es sich vor allem um die Streichung des Satzes, daß die Vollversammlung des Völkerbundes jederzeit in der Lage sein soll, die nichtständigen Mit^ieder des Rates insgesamt abzuberufen. Diese Bestimmung ist durch das Amendement zum Artikel 4 der Völker» bundssahung, das mit der Ratifizierung durch die spanische Regierung rechtskräftig geworden ist, gegenstandslos geworden, da dies Amendement der Vollversammlung bereits das Recht gibt, derartige Schritte zu ergreifen.
Den weiteren Gang der Beratungen stellt man sich in Genfer orientierten Kreisen folgendermaßen vor: Die Studienkommission wird vom Montag bis Mittwoch Gelegenheit haben, die Heberprüfung des Programms zur Erweiterung des Rates zu beenden. Am Donnerstag werden die Vorschläge von der Studienkommission dem Dölkerbundsrat unterbreitet werden und vom Rat an die Vollversammlung weiter überwiesen, die dann ihrerseits die juristischen und politischen Kommissionen mit der Beratung beauftragen soll. So gibt man sich denn am Vorabend des Zusammentritts der Studienkommission der Hoffnung hin, daß etwa b i s zum 8. September alle Hindernisse für den Eintritt Deutschlands in den Völkerbund beseitigt sein werden.
Die Zusammensetzung der Studienkommission.
Genf, 30. August. (W. T. B. Funkspruch.) Der heute unter dem Vorsitz von Bundesrat Motta zu ihrer zweiten Tagung zusammentretenden Studienkvmmission für die Reorganisation des Völkerbundsrates gehören statt 15 Vertretern nur die Delegierten von 14 Staaten an, da Brasil i c n infolge seines Austrittes aus dem Völkerbund an den Beratungen nicht mehr teilnimmt. Wie verlautet, wird Paul-Dvncourt nicht persönlich erscheinen, sondern durch den gerichtlichen Sachverständigen am Quai d'Orsay, Fro - m a g e o t, vertreten sein. Man rechnet damit, daß die Beratungen der Kommission mindestens 3 Tage dauern werden.
Britische Hoffnungen.
London, 29. August. (WTB.) Die heutigen Blätter erörtern eingehend die Dölkerbundstagung und die allgemein erwartete Aufnahme Deutschlands in den Völkerbund. Wickham Steed schreibt in der „Sunday Times": Chamberlain kann unbeschwert nach Genf gehen, um an der Hauptaufgabe der bevorstehenden Völkerbundsversammlung mitzuhelfen, nämlich die Aufnahme Deutschlands
und damit die Gültigkeit der Locarnoregelung her- beizuführen. Brasilien wird vielleicht auf seinem Austritt beharren, dagegen ist nicht sicher, daß die ©panier die Drohung ihres Ausscheidens aus« führen. Polen scheint bereit zu sein, seine Ansprüche zu mindern, um die glatte Tätigkeit des Völkerbundes zu ermöglichen. Die Rechtssachverständigen des britischen, des französischen und des deutschen Auswärtigen Amtes, Hurst, Fromageot und Gaus, die bereits früher der Sache des Friedens große Dienste geleistet und gegenseitige Achtung voreinander und Vertrauen zueinander gewonnen haben, haben, wie es heißt, eine Vereinbarung erzielt die die Studienkommission für die Frage der Zusammensetzung des Völkerbundsrats vielleicht diese Woche annehmen und der Vollversammlung Sfehlen wird. Die Abneigung einiger kleiner hte, darunter Schweden, gegen die Schaffung einer Kategorie „halbstündiger" Ratsmitglieder mit besonderen Privilegien wird vielleicht noch einige Schwierigkeiten ergeben, die aber überwunden werden dürften.
Polens Haltung.
Paris, 29. Aug. (Wolfs.) Bei einem Empfang der polischen Botschaft erklärte Außenminister Zalewski vor französischen Pressevertretern, er habe eine vollständige Heber- e i n fi i m m u n ,q zwischen bet französischen und der polnischen Politik feststellen können und er glaube, daß man zu einer allgemeinen Verständigung in der Frage der Ratssitze kommen werde, wenn man sich an den Vorschlag Lord Robert Cecils halte. Allerdings werde man dafür sorgen müssen, daß das Recht der Wiederwahl der halb ständigen Mitglieder schon jetzt festgelegt und nicht auf nächstes Jahr, wie es der ursprüngliche Plan vorsehe, verschoben werde. Außerdem ermächtige Artikel 3 des Entwurfs die Versammlung, jederzeit einem Mitglied des Rats sein Mandat zu entziehen. Dieser Artikel laufe Gefahr, eine ernste Gegnerschaft hervorzurufen. Cs wäre angebracht, wenn man ihn ergänzen würde. Heber die Beziehungen zwischen Rußland und Polen befragt, erklärte Zalewski, Polen sei bereit, mit Rußland auf der Grundlage eines allgemeinen, alle Oft* floaten umfassenden Systems zu verhandeln. Polen wolle ein Locarno, aber auf russischer Seite schlage man eine Art Rapallo vor, nämlich eine Entente z u zweien mit Reutralitätsklauseln. durch die die Anwendung der Artikel des Völkerbundsstatuts ausgeschlossen werden sollte. Einen derartigen Vertrag könne aber Polen nicht abschließen.
Ein neuer französisch - polnischer Vertrag?
Warschau, 30. Aug. (TU.) Von unterrichteter Seite wird mitgeteilt, daß der polnische Außenminister Zalewski während seines Aufenthaltes in Paris mit Briand abschließende Verhandlungen über einen neuen französisch-polnischen Freundschafts- und Militärvertrag nach dem Muster des französisch-rumänischen Vertrages geführt hat.
Die Aufnahme Deutschlands.
Paris, 30. Aug. (WTB. Funkspruch.) Der Genfer Vertreter der Agence Havas will wissen, daß im Lause der letzten Woche zwischen dem Sekretariat des Völkerbundes und den Mitgliedsstaaten des Völkerbundes und Deutschland Verhandlungen stattgefunden hätten, um das Vorgehen bei der Aufnahme Deutschlands in den Völlerbund in allen Einzelheiten zu regeln. Es sei ohne weiteres anerkannt worden, daß Deutschland nicht nochmals dem im März angewandten Aufnahmeverfahren entsprechend der Völkerbundssatzung unterworfen werden könne. Die Abstimmung der Versammlung zu gunsten der Ausnahme Deutschlands müsse gleich bei Beginn derTagung erfolgen. Da die Sitzungen am 6. September anfangen werden, so werde die deutsche Delegation wahrscheinlich aufgefordrrt werden, zwischen dem 5. und 10. September unter den übrigen Delegationen ihren Platz einzunehmen.
britischer Ansicht könne eine Erörterung der Tangerfrage erst nach der Sitzung des Völler- bundes stattsinden, deren Zweck die Aufnahme Deutschlands sei.
Auch die französische Morgenpresse beschäftigt sich mit dem spanischen Vorschlag, die Tanger- frage auf der am 1. September zusammentretenden Konferenz zu behcnrdeln. Der „Petit Pari- sien" teilt mit, am Quai d'Orsay habe man erklärt, daß die französische Antwort auf die spanische Rote über die Tangerfrage noch nicht abgegangen sei, daß aber der spanische Botschafter in Paris schon jetzt seiner Regierung den wesentlichen Inhalt dieser Antwort habe übermitteln können. Die französische Antwort werde ebenso wie die der englischen Regierung formell ablehnend sein. Das „Oeuvre" schreibt, Briand habe gestern Gelegenheit gehabt, sich mit dem französischen Botschafter in London de Fleu- riau über die Ansichten der englischen Regierung und mit dem französischen Botschafter in Rom Desnard über die Haltung der italienischen Regierung in der Tangerfrage auszusprechen. Die französische Antwort an Spanien werde die Mitteilung enthalten, daß die französische Regierung zur Einleitung von Verhandlungen
über gewisse Abänderungen der Tangerstatuts bereit sei, daß man aber keinesfalls die Tangerfrage oder irgendeine andere Marokkofrage vor den Völkerbund bringen dürfe. Die nach französischer Ansicht allein mögliche Lösung trage einen rein verwaltungstechnischen Charakter.
Unruhen in Spanien?
Die Verbindungen mit Spanien unterbrochen?
London, 30. August. (2DIB. Funkspruch.) Die heutige IHorgenpreffe veröffentlicht eine Reihe aufsehenerregender Meldungen über Spanien. Rach Agenturmeldungen aus Gibraltar feien alle Telegraphen- und Telephonverbindungen mit Spanien unterbrochen. Gerüchte über ernste Unruhen in Spanien infolge der Haltung der unzufriedenen Artillerieoffiziere liefen um. Die Eastern-Telegraphen-Lompany meldet aus Gibraltar ebenfalls, daß die Verbindung mit den fudfpani- fchen Stationen unterbrochen feien, während der letzten 24 Stunden find keine direkten Rach- richten mehr von irgendeinem spanischen Ort eingetroffen.
Die Berner MchenionMnz zur Uriegsschuldfrüge.
Bem, 28. Aug. (WTB.) Der Fortjohungs- ausschuß der Stockholmer Weltkirchenkonferenz hat heute als Antwort auf den Brief der deutschen Delegation vom 2.4. August 1925, in dem die Rotwend.gleit einer rückhaltlosen Klärung der Fr >ge nach der Schuld am Ausbruch des Weltkrieges heroorgehoben wird, ein: Entschließung gefaßt, in der es u. a. heißt: Der Fortsehungsqusschuß erklärt, daß Christen, die in der Gemeinschaft mit Jesus Christus unter sich eins sind, ihr gegenscittges Verhalten zueinander niemals abhängig machen von irgendwelchen offiziellen in einem diplomatischei Do- iument niedergelegtcn Erklärungen. In Hcbrrcin- stimmung mit seinen Prinzipien gib: der Focl- schungsausschuß rückhaltlos die Erklärung ab, daß es zu allererst auf die Wahrheit m- kommt und daß keinerlei Jntcrefsen sich der Wahrheit widersetzen dürfen. Er erklärt weiter, daß politische Urkunden durchaus nicht mit Rotwendigkeit geeignet sind, e i n endgültiges moralisches Hrteil zu fällen, und daß ein jedes erzwungenes Bekenntnis moralisch wertlos und religiös taktlos ist. Der Fortsetzungsausschuß erklärt es als geboten, daß durch jedes nur mögliche Mittel der Forschung die gesamten Fragen der Verantwortlichkeit für den Kriegsausbruch und für die Kriegsführung aufgeklärt werden. Schließlich betont der Fortsetzungsausschuß, daß seine von jedem politischen Hintergedanken freien Erklärungen einen rein moralischen und völlig religiösen Charakter haben.
Gefahren des Dawesplans.
Reu York, 30. Aug. (TH.) Rach einer Meldung des „Herald" besteht Grund zu der Annahme, daß der augenblicklich in Europa weilende amerikanische Schatzsekretär Mellon sich darauf einstellt, nach seiner Rückkehr der Regierung Erwägungen darüber anheimstellen, ob nicht gewisse Schritte getan werden sollen, die auf Abänderungen des Dawesplanes ab* zielen. Kenner des Dawesplanes halten es für beunruhigend, daß Deutschland seine Gläubiger mit Sachleistungen überhäufe. Der Transfer werde dadurch für die Zukunft gefährdet. Es bleibe die Frage, ob die Welt es erlaube, daß Deutschland die Voraussetzung des Dawesplanes erfülle, nämlich die Ausdehnung des deutschen Außenhandels.
Deutscher Dampferdienst nach Togo und Kamerun.
Hamburg, 29. Aug. (TU.) Mit dem Inkrafttreten des deutsch-französischen Handelsvertrages werden der deutschen Schiffahrt wieder die Häfen der unter dem französischen Mandate stehenden Teile von Togo und Kamerun geöffnet und damit wird es wieder möglich, in i t deutschen Schiffen nach diesen bisher Deutschland verschlossenen Häfen zu reifen und Güter zu verladen. In Betracht kommen die Haupthafenplätze zu Togo bzw. Kamerun, Lome und D u a l a , die wieder in dem Fahrplan der deutschen Afrikalinien (Woermann-Linie, Deutsche Ostafrika-Linie, Ham- burg-Amerika-Linie, Afrika-Dienst und Hamburg- Bremer-Afrikalinie) ausgenommen sind: diese Plätze sollen zunächst monatlich einmal angelaufen werden.
Der Nürnberger Heer- und Marinetag.
Nürnberg, 30. Aug. (IlL) Zum erstenmal seit Kriegsende wurde hier ein Gedenktag zu Ehren der gefallenen Helden im Weltkrieg abgehalten. Den Auftakt $u der Veranstaltung bildete am Freitagnachnnttag die Einholung von 48 Regimentsfahnen, die im Bayerischen Armeemuseum in München untergebracht waren und durch eine Ehrenkompagnie der Landespolizei abgeholt wurden. Unmittelbar darauf traf Feldmarschall v. Mackensen ein, von der großen Menschenmenge begeistert begrüßt. Am Abend fand ein großer Zapfenstreich mit Fackelzug statt. Punkt 10 Uhr verkündete ein Böllerschuß den Beginn der Festbeleuchtung der alten K a i je r b u r g.
Am Samstagvormittag gleicht Rürnberg einem auf gefierten Ameisenhaufen. Alt und jung ist auf den Deinen, um teilzunehmen an all den Veranstaltungen und Festlichkeiten. Es ist ein fortwährendes Kommen und Gehen. Zug um Zug, Kolonne um Kolonne marschieren mit klingendem Spiel durch die Straßen aneinander vorbei, dem jeweiligen Standquartier zu. Die Hauptstraßen sind voll von Menschen: der Verkehr wickelt sich nur langsam ab. Stundenlweise muhte der Straßenbahnverkehr eingestellt werden. Die Stadt prangt in herrlichem Flaggenschmuck. Die feldgraue Uniform und der Klang alten traditioneller Armeemärsche drücken dem Stadtbild ihr Gepräge auf. Hin und wieder erkennt man einen alten Heerführer, der jubelnd begrüßt und mit Blumen überschüttet wird. Die geschlossenen Beratungen der einzelnen Organisationen und Wehrverbände verliefen planmäßig. In den großen Lokalen der Stadt versammelten) sich am frühen Rachmittag die Festteilnehmer zu den offiziellen Tagungen. Um 4.15 Uhr krachten die Salutschüsse vor der Kaiserburg und die Glocken läuteten die kirchliche Weihest u n d e ein, die zu Ehren der gefallenen Helden des Weltkrieges in sämtlichen Kirchen abgehaltest


