Ausgabe 
30.3.1926
 
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Der Bundeskanzler ging dann noch auf den Ausbau berösterreichischeri Wasser­kräfte und die Zunahme der Sparein - lagen ein und gab dann

ein Bild von der politischen Bedeutung der Sanierungsarbeit durch den Völkerbund.

Oesterreich so führte Dr. Ramek aus -- war im Sommer 1922 infolge der außerordent­lichen Zerrüttung seiner Staatsfinanzen auch in seiner Unabhängigkeit bedroht. Es ist mit Händei^ zu greifen, daß wir uns heute außenpolitisch und international in ganz ande­rer Lage als bei Beginn der Sanierungspolitik befinden. Wir haben allerdings, um dies zu erreichen, einen Teil unserer Souverä­nität durch die Abmachung mit dem Völker­bund preisgeben müssen, aber diesem frei­willig eingegangenen Verhältnis einer gewissen Abhängigkeit zum Völkerbund sind wir eben dadurch entwachsen, daß wir unseren Verpflich­tungen gegenüber Genf mit Gewissenhaftigkeit nachkamen. 3n formaler Hinsicht wird das Ende der Kontrolle Mitte dieses Jahres gekommen sein. Von da an sind wir wieder im Vollbesitz auch unserer finanziellen Souveränität. Cs wird bezeichnend erscheinen, daß wir dem Völkerbund mit dankbaren Empfindungen gegen­überstehen, so wie man ja auch in Genf nie* mals ein Hehl daraus gemacht hat, daß die österreichische Aktion und ihr Erfolg zur Stär­kung der internationalen Geltung des Völker­bundes beigetragen haben. Dieser Aktion ver­danken wir es, daß wir die wichtigste nationale Aufgabe erfüllen konnten, das österreichische Volk lebensfähig und zukunftsfähig zu er­halten. Es sei überflüssig, zu betonen, daß Oesterreichs Außenpolitik friedlich sei. Aus die- dem Gesichtspunkt habe es den Abschluß des Paktes von Locarno begrüßt, der Deutschlands wiedergewonnene Weltgeltung zugleich mit einem Beispiel sichtbaren Zeichens des europäischen Friedenswillens verknüpfe.

An die Ausführungen des Bundeskanzlers schloß sich ein zwangsloses Beisammensein in den Räumen der Gesandtschaft. Am Vormittag hatte der Bundeskanzler in Begleitung des Reichsautzenministers Dr. Stresemann, der Staatssekretäre von Schubert und Dr. Meißner, des bayrischen Gesandten Dr. von Preger, der Gesandten Morath und Köster mit ihren Damen einen Ausflug nach Potsdam gemacht. Dort wurde das Schloß Sanssouci und das Reue Palais besichtigt. 3m Anschluß daran fand im Hause des Reichsaußenministers Dr. Stresemann ein Frühstück statt, mit dein Besuch des leitenden österreichischen Staats­mannes in Berlin seinen harmonischen Ausklang fand.

Der Bundeskanzler ist nach Prag abgereist zum Besuch des Präsidenten Masarhk. Zum 2lbschied hatten sich u. a. der Reichsaußenminister Dr. Stresemann und der österreichische Gesandte Dr. Frank und der tschechische Gesandte Dr. Krofta eingefunden.

Kredithitfe für den Bau von Kleinwohnungen.

Berlin, 29. März. (Wolfi.) Um den so dringend erforderlichen Bau von Kleinwohnungen in befriÄ>igenderem Umfange in Gang zu brin­gen, hat der Reichstag einer Gesetzesvorlage der Reichsregierung zugestimmt, wonach der Reichs- finanzminister ermächttgt wird, 200 Millionen Reichsmark flüssig zu machen, um die Ge­währung von Zwischenkrediten als erste Hypotheken für Kleinwohnun­gen zu fördern. Die Mittel werden vom Reichs­arbeitsminister den Ländern weiterge­geben, die im Laufe des Jahres den Bedarf durch Vermittelungen der Hypothe­kenbanken und Realkreditinstitute dem Baumarkt zuführen. Die in Be­arbeitung befindlichen Durchführungsvorschriften werden die näheren Bedingungen über die Ver­gebung des Kredits enthalten und insbesondere dafür Vorsorge treffen müssen, daß solche Bau­vorhaben von Kleinwohnungen besonders be­rücksichtigt werden, bei denen die bewährten einheitlichen Thpenentwürfe nach den Grundsätzen einer sparsamen Bauweise ausgestellt sind und mit normierten Bauteilen ausgeführt werden. Es soll damit bezweckt werden, daß durch die Kreditmahnahmen des Reichstages ungerechtfertigte Preissteigerungen auf dem Baumarkt unbedingt wermieden werden. Steuerabbau und Gemeindeetats

Der Finanzausschuß des Deutschen und Preußischen Städtetages befaßte sich ins­besondere mit der jetzigen Lage der städtischen Finanzen. Es wurde folgender Standpuntt ver­treten: Die starke Anspannung der Aus­gaben, insbesondere auf dem Gebiet der Wohlfahrtspflege, mit hervorgerufen durch die Wirtschaftslage, wird durch den fühl­baren Rückgang bei einzelnen Einnahmen nach­drücklich unterstrichen. Trotz ernster Sparsamkeit begegnet deshalb die Balanzierung des städttschen Etats für das Jahr 1926, deren Be­ratung zur Zeit in den meisten Städten im Gange ist, außerordentlichen Schwierigkei- t e n. Unter diesen Umständen muß jede Ver­minderung von steuerlichen Einnahmen für die Gemeinden durch das Reich oder die Landes- gesehgebung im gegenwärtigen Augenblick be­sonders sorgsälttg geprüft werden, weil sie nur im Zusammenhang mit den gesamten Finanz- und Wirtschaftsprablemen richtig übersehen wer­den kann. Besonderen Bedenken begegnen ge­wisse Vorschläge für das neue preußische Gewerbe st euergeseh, die auch den wirt- ichaftlichen und sozialen Anforderungen in keiner Weise entsprechen. Die Aufnahme von Verhand­lungen über den kommenden Finanzausgleich, die allein eine systematische Lösung bringen kann, erscheint deshalb dringend notwendig.

Das Zentrum zur Fürstenabfindung.

Berlin, 28. März. (WTB.) Der Reichspattei­ausschuß des Zentrums trat heute unter dem Vorsitz des Reichsjustizministers Dr. Marx im Reichstag zu einer Tagung zusammen. Das Ergebnis der Aus­sprache war die einstimmige Annahme folgender Entschließung:Der Reichsausschuß der Deutschen Zentrumspattei stellt nach eingehender Verhandlung der Frage der Auseinandersetzung über di e Fürsten vermögen einstimmig fest, daß die Reichstagsfraktion als nächst berufene Instanz der Partei in dieser Frage den Weg gegangen ist,

der den Grundsätzen der Partei entspttcht. Der Ge­setzentwurf, der dem Volksbegehren zugrunde gelegt worden ist, steht zu diesen Grundsätzen i n schroffem W i d e r s p r u ch. Der Reichsausschuß spricht daher der Fraktion sein volles Vertrauen aus. Er ist mit ihr darin einig, daß in dieser schwierigen Frage eine Lösung gefunden wexden muß, die die allgemeine Verarmung des deutschen Volkes und die Pflicht aller Volksgenossen, die Folgen des verlorenen Krieges mitzutragen, in vollem Maße berücksich­tigt, aber auch den in der Verfassung der Deutschen Republik gewährleisteten Schutz des Privat­eigentums und den ch r i st l i ch e n Rechts- grundsätzen Rechnung trägt. Der Reichsaus­schuß ist überzeugt, daß die Fraktion mit allem Nachdruck dahin streben wird, eine beiden Not­wendigkeiten entsprechende Lösung zum schleunigen Beschluß zu bringen.

Preußischer Landtag.

Berlin, 27. März. Vor Eintritt in die Tages­ordnung wiederholt Abg. Pieck (Som.), mit Heiter­keit empfangen, seinen Antrag, die Auflösung des Landtags vorzunehmen und die Neuwah­len auf den 8. Mai 1926 festzusetzen. Da die Sozial­demokraten gegen den kommunistischen Antrag W i - derspruch erheben, ist er gemäß den Bestimmun­gen der Geschäftsordnung gefallen. (Großer Lärm im ganzen Hause.) Sozialdemokraten und Kommu­nisten schreien erregt aufeinander ein. Die Glocke des Präsidenten kann nur mit Mühe die Ruhe eini­germaßen wiederherstellen. Als die Kommunisten ihre lärmenden Zurufe fottsetzen, rufen die Sozial­demokraten ihnen zu:Ruhe auf der Jdiotenbank!"

Es folgt die zweite Beratung des Jnitiatio- gesetzes zur Aenderung des Gewerbe - und Ha ndelslehrerdien st einkomm en - Ge­setzes. Danach können zur Deckung der Schul­unterhaltungskosten die Gemeinden Schulbeiträge erheben. Der gesamte Betrag der Schulbeiträge darf die Hälfte der voranschlagmäßigen durch Zuschuß aus öffentlichen Mitteln und sonstigen Einnahmen der Berufsschulen nicht gedeckten laufenden Unter­haltungskosten sämtlicher Berufsschulen der Gemein­den nicht übersteigen. Zu einer Leistung sind ver­pflichtet: a) die Gewerbetreibenden des Bezirks; b) die nichtgewerbetreibenden Arbeitgeber des Be­zirks, soweit die Jugendlichen bei ihnen angestellten Arbeiter- und Angestelltengruppen berufsschulpflich­tig sind. Das Gesetz tritt am 1. April 1926 in Kraft und am 31. März 1927 außer Kraft. Die Vorlage wird angenommen.

Weiter fand Annahme ein Zentrumsantrag, der das Staatsministerium ersucht, einen Gesetzentwurf vorzulegen, durch den die Aufbringung der Kosten für gewerbliche und kaufmännische Be­rufsschulen so geregelt wird, daß der Staat mindestens 50 Prozent der Kosten übernimmt und der Rest der Lasten zwischen Gemeinden und Arbeit­gebern geteilt wird.

Ohne Debatte findet auch Zustimmung der An­trag des Hauptausschusses, der das Staatsministe- rium ersucht, der Preußischen Zentralge-- n offen schäft Kassel gegenüber für die Zeit bis zum 1. April 1927 die Ausfallbürgschaft bis zu 15 Millionen Mark zu übernehmen für den Fall der Nichteinziehbarkeit von Krediten, die die Zen­tralgenossenschaft zur Beschaffung von Dün­gemitteln bis zum 1. Juni 1926 gegeben hat, wobei erwartet wird, daß das Reich sich zur Hälfte an der Bürgschaft beteiligt. Gemeinsam mit der Reichsregierung soll das Staatsministerium in eine Nachprüfung der Stickstoffpreisprüfung eintreten.

Das Haus vertagt sich dann bis nach Ostern.

Finanzausgleich und Volks­zählung.

o Berlin, 80. März. Rach dem Finanz- ausgleichsgeseh sind die den Ländern zustehenden Anteile an dem Aufkommen einzelner Reichs­steuern nach Flächengröße oder Bevölkerungs­zahl der Länder zu berechnen. Für diese Ab­rechnungen zwischen dem Reich und den Ländern war bisher das Ergebnis der Volkszählung vom 8. Oktober 1919 zugrunde gelegt worden.. Diese Volkszählung war, abgesehen von anderen Mängeln, insofern unvollständig, als etwa 600000 damals noch nicht zurückgekehrte deutsche Kriegsgefangene unberücksichtigt geblieben waren. Rachdem inzwischen eine neue Volks­zählung stattgefunden hat, ist es erwünscht, das Ergebnis dieser Volkszählung schon für die noch bevorstehenden Schluhberechnungen des Rech­nungsjahres 1925 nutzbar zu machen. Für die Zwecke der Abrechnungen soll fortab nicht die von Zufälligkeiten abhängendev r t s a n w e sende Bevölkerung, sondern die Wohn bevolkerung in Frage kommen. Der Entwurf einer entsprechen­den Verordnungüber die Neufestsetzung der Flächengröße und der Bevölkerungszahl der Län­der für die Abrechnungen zwischen dem Reiche und den Ländern" ist, wie wir hören, dem Reichs- rate bereits zugegangen.

3um Schulabbau in Hessen.

BornHessischen Philologenverein" und der Arbeitsgemeinschaft der Stu­dienassessoren und -referendare wer­den wir um Abdruck folgender Eingabe an die Mit­glieder des Hessischen Landtags gebeten:

lieber die Studienassessoren droht in diesem Jahre ein dreifacher Abbau hereinzubrechen:

1. Abbau in der Anstellungs- und Derwendungs- möglichkeit durch die Heraufsetzung der Dienstgrenze.

2. Abbau an Gehalt durch die geplante Herab­setzung der Anwärterbezüge.

3. Abbau an Stellen durch die Heraufsetzung der Klassenfrequenzen an den höheren Schulen.

1. Wie wirkt sich die Erhöhung der Altersgrenze aus? Zahl der z. Z. verwendeten Assessoren und -innen rund 240. Die ältesten Assessoren sind durch­schnittlich alt: 38 Jahre. Die jüngsten Assessoren sind durchschnittlich alt: 27 Jahre. Zahl der jährlich frei­werdenden Stellen höchstens: 5 bis 10. Also: Ein vollbeschäftigter Assessor von 27 Jahren hat bei rund 200 Vordermännern und einer günstig gerechneten Anstellung von jährlich 10 Assessoren noch 20 Jahre auf Anstellung zu warten, wird also 47 Jahre alt! Ein jetzt 33jähriger Assessor wird mindestens 45 Jahre alt, bis er angestellt wird.

2. Wie wirkt sich die Herabsetzung der Bezüge aus? Der akademisch gebildete Staatsdienstanwärter mußte seither schon sieben Jahre warten, ehe er in die Gruppe 10 aufsteigen konnte, also erst durch­schnittlich mit 31 Jahren! Die Verabsetzung der An- märterbegüge verschlechtert das Gesamteinkommen des akademisch gebildeten Beamten gegenüber der übrigen Beamtenschaft unerträglich. Außerdem wäre der hessische Anwärter gegenüber dem Anwärter im Reich, Preußen und Süddeutschland schlechte, besol­det, ein Anwärter zweiten Grades! Ungeheuerlich würde sich das Stehenbleiben auf einer Stufe aus­

wirken, da der Assessor rund 20 Jahre auf Anstel­lung warten muß. Er bliebe also 15 Jahre auf der Anfangsstufe seiner Gruppe stehen.

3. Wie wirkt sich die Heraufsetzung der Klassen- srequsnzen aus? Durch Verfügung des Landesamtes für das Bildungswesen Nr. 3756 vom 5. Februar 1926 ist die Klassenfrequenz auf 46 für die Unter-, 35 für die Mittel- und 24 für die Oberstufe herauf- geseht worden. Diese Maßnahme hat den Abbau von rund 20 v. H. der Assessoren, die Referendare im Vorbereitungsdienst nicht eingerechnet, zur Folge. , Die Anwärter haben noch fein garantiertes Recht wie die Beamten", sagte am 11. März 1926 zutref­fend Herr Abg. Dr. Leuchtgens im Landtag. Sollen die Anwärter, die zukünftigen Beamten des Staates, allein die Opfer der Ersparnismaßnahmen werden?

Mexiko, Japan und die

Vereinigten Staaten.

Aus Santiago (Kalifornien) wird ge­meldet, daß die Regierung von Mexiko an ein japanisches Syndikat mehr als zwei Millionen Acres, z. T. zu der Magda- Icnen-Bai gehörendes Land verpachtet habe, angeblich zu dem Zwecke des Anbaues von Gummi und der Gewinnung vegetabali- scher Farbstoffe. An der Spitze des Syndikats soll der mexikanische Armeeoberst V a c q u e s und der in Santiago ansässige Japaner Dr. 0 f a o a stehen.

Der Konflikt zwischen Mexiko und den Verein. Staaten wegen der Absicht der mexikanischen Regie­rung, den enormen Landbesitz, namentlich die m e x i- kanischen Oelfelder amerikanischer Staats­bürger zu enteignen, ist in ein neues Stadium eingetreten: ein japanisches Syndikat soll ein um­fangreiches Küstengebiet zum Anbau von Gummi erworben haben, was in den Vereinigten Staaten heftigste Erbitterung ausgelöst hat, da die Mexikaner auf der einen Seite die Ame­rikaner vertreiben wollen, während sie auf der an­deren Seite die Japaner, die Todfeinde der Ame­rikaner, herinholen. Die Konzefsionserteilung dürfte aber noch einen politischen Hintergrund Haden. Mexiko sucht Anschluß an Japan und bringt das Opfer, mexikanischen Boden an eine japanische Gesellschaft zu verpachten, die nicht versäumen wird, einen Teil des japanischen Beoölkerungsüberschusses in das Pachtgebiet abzulenken. Es besteht also die Möglichkeit der Bildung einer zusammen­hängenden japanischen Kolonie auf dem amerikanischen Kontinent, die dazu noch überaus günstig an der Küste liegt, was den mißtrauischen Amerikanern Grund genug zu der Befürchtung gibt, hier könnte eines Tages ein japanischer F l o t- tenstützpunkt mit einer guten Landungsstelle entstehen. Bei der Spannung mit Mexiko und dem ebenso unerfreulichen Verhältnis zu Japan rechnen die Amerikaner heute mehr denn je mit kriegerischen Verwicklungen im Pacific bzw. an der Südgrenze der Vereinigten Staaten. Dieser Vorgang ist auch einer der vielen Gründe der Washingtoner Regie­rung, sich der Abrüstungskonferenz gegen­über weiterhin reserviert zu verhalten. Sie will aus Furcht vor Ueberraschungen von japanischer Seite her, die um so unangenehmer sind, wenn Mexiko mitmachen sollte, sich eine schlagbereite Flotte erhalten unb sich daneben die Tür für den fortschreitenden Aufbau eines Landheeres offen hal­ten. Der Vorstoß der Japaner in Mexiko hinein, noch dazu in amerikanisch-mexikanisches Grenzgebiet, dürfte sehr bald die amerikanische Presse und das Parlament auf die Beine bringen.

Brasiliens Genfer Politik.

Eine Rede des brasilianischen Staatspräsidenten.

Frankfurt a. M., 29. März. (Wolff.) Rach einer Mitteilung des brasilianischen Kon­sulats hielt der brasilianische Staatspräsident Artur Bernhardes am 21. März in PStro­polis vor den Spitzen der Behörden, den Ver­tretern des Parlaments, der Wissenschaft und Wirtschaft eine Rede über die Stellung, die Brasilien in Genf eingenommen hat und über die Politik, die Brasilien in Zukunft dem Völkerbund gegenüber einzunehmen gedenkt. Gr führte, nach­dem er auf den friedliebenden Charakter des brasilianischen Volkes hingewiesen hatte, u. a. aus, daß im Völkerbund 20 amerikanische Staaten vertreten seien, von denen kein einziger einen ständigen Sitz im Rat einnehme, was keineswegs der Bedeutung des amerikanischen Kontinents, der eine von Tag zu Tag steigende Bedeutung erhalte, entspreche. Schon im Jahre 1921 habe Brasilien durch einen Vertreter in Genf seine Stimme gegen die ungleiche Behandlung der Ration en der alten und der neuen Welt erhoben. Brasilien habe seine Politik nicht geändert. Cs habe keinen Llnterschied zwischen Deutschland und den anderen europäischen Staaten gemacht. Cs habe nur seinen Standpunkt aufrechterhalten, der für Brasilien seit 1921 maßgebend sei. Wir haben, fuhr der Präsident fort, in Genf bezüglich Deutschlands das gesagt, was wir im Jahre 1921 bezüglich Spaniens zu sagen gezwungen waren. Wir haben keineswegs den Eintritt Deutschlands in den ständigen Rat bekämpft. Wir bekämpften diesen Eintritt lediglich bei Richtberücksichtigung Amerikas. Un­sere Herzen sind voller Hoffnung, daß der Völker­bund die Mitarbeit der amerikanischen Rationen an dem großen Werk der internationalen Ein­tracht nicht für entbehrlich hält.

Die Lage in China.

Paris, 30. März. (Havas.) Rach einer Havasmeldung aus Peking hat Marschall Senf» yuhsicmg Peking, das er als Pfand zu benutzen gedenkt, wieder besetzt. Die Eisenbahnstrecke Pe­kingTientsin ist seit drei Tagen unterbrochen. Der Oberbefehlshaber der Pekinger Truppen, Lutschunglin, hat den Rückzug der Rational­armee auf der ganzen Linie angeordnet, weil er glaubt, ohne weitere Kämpfe zum 'Frieden gelangen zu können. Die Armee soll sich während der Friedensverhandlungen ruhig verhalten. Bis dahin übernimmt Lutschunglin die volle Verant­wortung für die Aufrechterhaltung der Ordnung in Peking. Lutschunglin erklärte, durch die Ver­kürzung der Verbindungslinie sei die Stellung der Rationalarmee stärker denn je geworden. Wie dieD. A. Z." dazu aus Tientsin meldet, sind die Bemühungen, zum Frieden zu kommen, völlig fehlgeschlagen. Die Ansicht sei allgemein, daß die Entfernung der Ratio­nalarmee aus Peking eine wesentliche 'Be­dingung für die Stabilisierung Chinas fei. Es fei beschlossen worden, daß General Lichinglin

Peking erobern, die Nationalarmee ver­treiben und zur Belohnung Kommandant von Peking werden soll. Tschangstolins Kavallerie soll nicht mehr weit von Peking entfernt sein. 3m Süden hat Marschall Wupeifu die Provinz Honan von den Truppen der Kuorningtungs gesäubert und seht seinen Vormarsch auf Peking weiter fort.

lieber die Lage in Kanton berichtet die Times", daß sich Chang Kai Shek in feinem Kampf gegen d ie Kommunisten nicht habe durchsetzen können, da der Widerstand der Gewerkschaften zu groß ist. Infolge­dessen sind einige Verhaftete, darunter zahl­reiche Russen, wieder freigelassen worden. So­fort zeigten sich wieder Streikposten, die die chinesischen Passagiere von dem (Betreten der Dampfer nach Hongkong abhalten. Auch die fremdenfeindliche Bewegung hat wieder zugenom- men. Die Sowjetregierung hat an die chinesische Zentralregierung und die Kantoner Regierung ein Memorandum wegen der Ausweisung und Bestrafung russischer Offiziere gerichtet. Es wird eine sofortige Entschul­digung und die feierliche ErÜärsng verlangt, daß die chinesische Polittk Sowjetrutzland gegen­über nach wie vor freundschaftlich bleibt. Die Sowjettegierung droht am Schluß des Me­morandums mit Vergeltungsmaßnahmen.

Rücktritt des rumänischen Kabinetts.

Ministerpräsident Bratianu hat in der Kam­mer die Botschaft verlesen, durch die die Paria- menkssession geschlossen wird, und daraus dem König das Rücktrittsgesuch des kabi- n e t t s unterbreitet. Der König hat das Gesuch an­genommen und die Führer der drei Oppositions­parteien um eine gemeinsame Vorschlagsliste ersucht. Da die Parteien eine Einigung über eine Koali­tionsregierung nicht herbeigeführt werden konnten, wurden dem König getrennte Vorschlagslisten für die Regierungsbildung überreicht. Man glaubt an die Möglichkeit eines Zusammenwirkens Zwischen der Rationalparlei und der Bauernpartei

Der Rückttjtt des Kabinetts Bratianu kommt nicht unerwartet; denn schon lange befindet sich das Kabinett in einer ständigen Krise. Die Kommu­nalwahlen im vorigen Monat waren nicht ge­rate zugunsten der bisherigen Regierung ausge­fallen, wenn sie auch keine derartige Verschiebung der politischen Meinung gebracht hatten, wie man es zuerst annahm. Das zurückgetretene Kabinett hat sich in seiner vierjährigen Tätigkeit wohl selbst über­lebt, so daß auf allen Seiten das Bedürfnis nach einer neuen Regierung entstanden ist. Wenn Bra­tianu auch keine besonderen Erfolge während seiner Regierungszeit aufweisen kann, ist es ihm doch gelungen, die politischen und wirtschaftlichen Ver­hältnisse des Landes einigermaßen zu stabilisieren. Allerdings ist noch gerade auf wirtschaftspolitischem Gebiet sehr viel zu leisten, denn das Wirtschafts­leben liegt im allgemeinen noch immer darnieder. Das Hauptoerdienst Bratianus ist die Stabili­sierung der Währung, die er mit eiserner Energie durchgesetzt hat, wobei er jedoch die Wirt­schaft schwer schädigte. Da der staatliche Ver­waltungsapparat in keinem Verhältnis zu den Steuererträgen steht, krankt "die ganze Verwal­tung unter einer sehr schlechten Beamten- besoldung. Das Durchschnittsgehalt eines B c - amten ist im allgemeinen nicht höher als 60 bis 70 Mark. Bestechlichkeit und Korruption sind daher an der Tagesordnung. Bratianu war bestrebt, durch engen Anschluß an die Kleine Entente und an Frankreich Bessarabien gegen Ruß­land zu sichern, was ihm auch gelungen ist. Der rumänische Außenminister Duca hat es verstan­den, die Staaten der Kleinen Entente auf der letzten Tagung der Kleinen Entente in Temesoar von einer Anerkennung Sowjetrußlands abzubringen, wodurch gewisse Differenzen mit der Tschechoslowakei ent­standen. Auch das Militärbündnis mit Polen und die enge Fühlungnahme mit Frankreich dienen dem Schutze Bessarabiens. Seine hauptsächlichsten inner- politischen Gegner waren die verschiedenen Bauern­parteien, die ihn äußerst scharf bekämpften.

Die englische Elektrizitäts- resorm

London, 29. März. (Tll.) Das neue eng­lische Elektrizitätsversorgungsgeseh kommt nun­mehr in zweiter Lesung vor das Unterhaus. Die gesamte Elektrizitätsversorgung des Landes wird nach diesem Gesetz unter eine zentrale A u f s i ch t s- und Verwaltungsbehörde mit staatlicher Kontrolle gestellt. Auch die technische Verwendung der zur Zeit etwa 500 Werke wird nach einem großzügigen Plane durchgeführt. Das gesamte Versorgungsgebiet wird dann durch etwa 60 Ueberlandzen- traten den schon zum Teil bestehenden Werken entnommen, zum Teil in Auftrag gegeben wer­den mit erhöhter Jntensivität der Stromversor­gung zugängig gemacht, so daß man mit einen Erhöhung des Stromgebrauches um etwa 400 Prozent rechnet.

Kleine politische Nachrichten.

Der preußische Innenminister S e v e r i n g hatte in Kassel eine Besprechung mit dem Ober- präsidenten und Landeshauptmann im Oberprä- sidium, in der wichtige Personalfragen des Be­zirks, besonders die Wiedereinsetzung des ver­waisten Regierungspräsidiums, be­sprochen wurden. Wie verlautet, ist zu erwatten, daß die Ernennung des neuen Regierungspräsi­denten bald erfolgt.

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Für den in dem deutsch-schwedischen Schiedsgerichts- und Vergleichsver­trag vom 14. März 1925 vorgesehenen ständigen Vergleichsrat hat die deutsche Regierung ihrer­seits den Reichsgerichtspräsidenten Dr. S im o n s und den Professor an der Universität Leyden, Jonkheer Dr. W. I. M. van Eysinga, die schwedische Regierung den früheren schwedischen Staatsminister Trygger und den früheren finni­schen Ministerpräsidenten T u! e n h e i m zu Mit­gliedern ernannt. Zum Vorsitzenden wurde der Pro­fessor an der Universität Gent, Dr. Eugen Borel, ernannt.

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Dem Ausschuß zur Untersuchung der Erzeugung und Absatzbedingun­gen der deutschen Wirtschaft, der aus Mit­gliedern des Reichstages, des Reichswirtschasts- rates und anderen Sachverständigen bestehen fall, gehören aus dem Reichstag cm: v. Dewitz unb Wienbeck (Dn.), v. Raumer (D. Vp.), LammerS