Ausgabe 
29.5.1926
 
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solcher gerechter dauerhafter Frieden muh be­gleitet sein von der Befriedigung unserer legi­timsten und heiligsten Interessen. Die Stationen, die in dem großen Kriege mit uns verbündet waren, werden sich davon überzeugen müssen, dah sie unserer rechtmäßigen Forderung entgegey- kommen müssen. Jedenfalls sei festgestellt, dah man niemandem, wer es cmch sei, etwas geben wird, wenn nicht zuvor der italienische Anteil befriedigt ist (Beifall). Es gibt einen Punkt, in dem die faszisttsche Regierung hinsicht­lich des Völkerbundsrates vollkommen un­nachgiebig ist, nämlich der Punkt betr. die Einstimmigkeit seiner Entscheidung. Wir stehen noch nicht an der Spitze einer Kon- stellativn von Völkern, wir haben nicht ein mehr oder minder großes Gefolge Schutzbefohlener, aber wir besitzen die fürch tbare Waffe des Veto und auf dieses Veto sind wir in keiner Weife gesonnen, zu verzichten. Hierauf nahm der Senat den Etat des Ministeriums des Aeuhern an.

Krisenstimmung in Paris.

Paris, 28. Mai. ($11.) Die parla­mentarische Lage in Frankreich ist infolge des gestrigen Kammervotums recht unklar geworden. Die Linksgruppen sind erregt, weil die Regierung sich letzt vollkommen auf die Rechtsparteien stütze. Besonders erregt sind die Radikalsozialisten, von denen der größte Teil gegen das Kabinett Driand gestimmt hat. Der Direktionsausschuß der Partei hat heute früh eine Reche wichtiger Beschlüsse gefaßt, deren Iichalt die feindliche Einstellung der Ra- dikalsozialrsten dem Kabinett Briand gegenüber klar zum Ausdruck bringt. Die radikalsozialisti­schen Redner werden in diesen Beschlüssen zu der Haltung beglückwünscht, die sie gestern bei der Eröffnung der Finanzdebatte einnahmen. Weiter wird mit der Einbringung eines Inter- pellattonsantrags gedroht, wenn die Regierung nicht innerhalb acht Tagen die Finanz­reformpläne bekannt geben sollte. Die Lage wird als äußerst ernst aufgefaht. In par­lamentarischen Kreisen geht das Gerücht, dah den radikalsozialistischen Kabinettsmitgliedern die Demission nahe gelegt werden soll für den Fall, daß Driand bei der nächsten Abstimmung sich wiederum auf die Rechte stützen werde. Auch innerhalb der radikalsozialistischen Partei scheint nicht völlige Einigkeit zu bestehen.

Die Mittagspresse stellt bei Besprechung der gestrigen Kammersitzung fest, dah die Regie­rung keine stabile Mehrheit mehr hinter sich hat. Bei der Abstimmung über die Vertagung der Finanzdebatte wurde das Kabi­nett nur durch das Eintreten der Rechtsgruppe Marin gerettet, eines Teiles des früherenDloc Rational", während das frühere Kartell gegen die Regierung stimmte. Kurz darauf aber stimmte dieselbe Gruppe gegen die Regierung, so daß Briand mit einer Mehrheit von zwanzig Stim­men geschlagen wurde. Auch in Finanzkreisen sagt man dem Kabinett Driand keine lange Dauer voraus.

Kammerschlutz.

Paris, 28. Mai. (WB.) In der heutigen Kammersitzung, die sich mit der Wiedereinstel­lung der anläßlich des Streiks von 1920 ent­lassenen Eisenbahner beschäftigte, er­klärte der Minister für öffentliche Arbeiten d e M v n z i e, bereits seine Bemühungen für eine WiÄeretnstellung der Eisenbahner fortzusetzen. Die Kammer nahm alsdann einen vom radikalen Abgeordneten, dem Oberst Girod eingebrachte Tagesordnung an, in der den französischen und spanischen Marokko-Truppen der Dank ausgesprochen wird. Dagegen stimmten die , Kommunisten, während sich die Sozialdemokraten, ' angesichts verschiedener bei ihnen bemerkbar wer- öen&er Tendenzen, sich der Abstimmung ent­hielten, um die Parteidisziplin zu wahren. Zum y Schluß erklärte sich Iustizminister Laval damit einverstanden, daß die Äskussion über die In- » terpellation des radikalen Abgeordneten Milhaud betreffend den deutsch-russischen Vertrag, noch vor Schluß der Session im Juli stattfinden solle.

Der französische Senat und der Berliners Vertrag.

Paris, 28. Mai. (TU.) Die Senats- Kommission für auswärtige Angelegenheiten hat in ihrer gestrigen Sitzung nach einer längeren Auss pr ache über den deutsch-russi­schen Vertrag beschlossen, von der Regie­rung die Vorlegung des Textes des deutsch- russischen Vertrages und weiterer Dokumente, die sich auf den Vertragsabschluß beziehen, zu verlangen. Die Kommission hat weiter die Re­gierung aufgefordert, ihr den Text des Washing­toner Schuldenabkommens zu unterbreiten.

Die englische Kohlenkrisis.

London, 28. Mai. (TU.) Der Kohlen­ausschuß hat heute die Einzelheiten einer wich­tigen Erklärung festgelegt, die Premierminister Baldwin zu Beginn der nächsten Woche im Unterhaus abgeben wird. 3m Anschluß an diese Erklärung wird eine große Debatte erwartet. Die Regierung hat sich entschlossen, die Verlänge­rung des Ausnahmezustandes um einen weiteren Monat durchzusehen. Die Maß­nahmen zur Einschränkung des Kohlen­konsums wurden heute schon allenthalben durchgeführt. Die Eemeinden übernehmen die Lagerung und Verteilung der Kohlenvorräte. Die Hoffnung auf die Einfuhr ausländischer Kohlen ist nicht sehr groß, denn der normale Kohlenverbrauch Englands beträgt pro Woche drer Millionen Tonnen, und das sind Mengen, die das Ausland nicht ohne weiteres zu liefern vermag. Wie die Blätter berichten, sind die Streikgelder in einigen Bezirken bereits herabgesetzt worden und zwar von 15 auf 10 Schilling die Woche, allerdings wurden die Zuschläge für Frauen und Kinder erhöht.

Rach einer Meldung aus H a l l e r s m i t h fand bei der Rachwahl zum Parlament der Kan­didat der Arbeiterpartei 13 095, der Konservative 9484, der Liberale 9174 Stimmen. Die Ar­beiterpartei hat damit einen neuen Sih gewonnen.

Militärrevolte in Portugal.

London, 28. Mai. (TU.) Nach Meldungen aus Portugal haben sich zwei Divisionen gegen die Regierung erhoben und den B o r - marsch gegen Lissabon angetreten. Die Ver-

In der französischen Kammer.

(Von unserem Pariser XV.5.-Korrespondenten.)

Paris, Ende Mai 1926.

Die Blicke ganz Frankreichs sind in diesen Tagen auf die französische Kammer gerichtet, die Chambre des De Pute s, vielfach auch Palais-Bourbon genannt. Denn die Her­zogin von Bourbon begann den Bau im Jahre 1722 nach den Plänen Girardinis. Das Schloß ging später in den Besitz des Herzogs von Conde über, der bis 1777 über 16 Millionen Franks hineinverbaute. 1798 wurde das Gebäude für die Sitzungen der gesetzgeberischen Versammlun­gen eingerichtet. Die Chambre des Deputes liegt auf dem linken Seine-Ufer, gerade gegenüber dem schönen Place de la Concorde, mit der Brücke gleichen Ramens, die übrigens zum größten Teil aus Steinen der zerstörten Bastille erbaut wurde. Die Front nach der Seine zu (18041807 von Poyet ausgebaut) hat eine statt­liche Vorhalle mit 12 korinthischen Säulen und allegorischem Skulpturenschmuck von Cortot. Auf der hohen Freitreppe Statuen der Gerechtigkeit und Weisheit sowie 4 Standbilder berühmter französischer Staatsmänner (d'Agnesseau. Gol- bert, L'Höpital und Sullh).

Betritt man den Plenarsitzungssaal so glaubt man zuerst in einem Theater zu fein: Ein prachtvolles Rund, 20 Marmorsäulen tragen die Glasdecke: die Rückwand ist geschmückt mit einem großen Gobelin nach RaffaelsSchule von Athen" und Statuen der Freiheit und der öffentlichen Ordnung von Tradier. Das große Halbrund ist umgeben von 2 Reihen Tribünen gegenüber der Präsidenten-Estrade. Die äußeren (oberen) Tribünen sind die des Kammerbureaus, der Presse, der Armeeoffiziere und 2 Publikums- Tribunen. Die inneren (unteren) Tribünen sind der Reihe nach: Publikums-Tribüne (40 Plätze), ehemalige Abgeordnete (19 Plätze), Seine-Präfekt und Pariser Stadtrat (19 Plätze), Quästoren der Kammer (18 Plätze). Vizepräsidenten der Kammer (16 Plätze). Staatsräte (18 Plätze), Zeitungs-Ver­leger (18 Plätze), Kammerpräsident (10 Plätze), Diplomatisches Korps (28 Plätze), Publikums- Tribüne (55 Plätze), Minister (20 Plätze), Prä­sident der Republik (19 Plätze), Senatoren (21 Plätze), Generalstabsoffiziere (15 Plätze), Publi­kums-Tribüne (42 Plätze). Man sieht also, dah die Verteilung der Tribünenplätze bedeutend viel­gestaltiger ist als im Reichstag.

Der ganze Raum ist viel wärmer und vor­nehmer gehalten als der Reichstags-Saal. Die Akustik ist geradezu hervorragend. Man versteht

jedes Wort von jedem Platz aus bequem. Die Sitze und Rücklehnen der Abgeordnetenbänke sind mit dunkelrotem Stoff bespannt. Zwölf Reihen Bänke füllen im Halbrund den ©aal. Hoch über der ganzen Versammlung tagt der Präsident (stets im Frack). Sein Tisch steht auf einer 14 Stufen hohen, mit grünem Teppich bespannten Treppe, und links von ihm, einige Stufen tiefer, die Sekretäre und Stenographen: hinter ihm, auf breiter Empore, die Beamten des Bureaus des Kammerpräsidenten. Dor dem Präsidenten die breite Rednertribüne: 8 Stufen führen von bei­den Seiten hinauf. Vor der Rednertribüne aber­mals Plätze für die Stenographen. Die beiden ersten Bänke in den ersten beiden Bankreihen in der Mitte des Saales, gerade gegenüber der Estrade, die Ministersihe: links davon 2 Bänke für die Kommissionsmitglieder. Es fehlen also gänzlich die beiden Estraden des Reichstages rechts und links vom Präsidenten für (Regierung und Bundesrat. In der französischen Kammer sitzen die Minister zwischen den Abgeordneten. Die Minister erscheinen allein, nicht wie bei uns, umgeben von einem mehr oder weniger großen Stab von Staatssekretären, Geheimräten usw. Jede an ihn gerichtete Anfrage beantwortet in der französischen Kammer jeder Minister selbst: er kann keinen Stellvertreter mit der Beant­wortung beauftragen.

Der Parlamentsbetrieb unterscheidet sich im allgemeinen stark von dem unsrigen. Die Debatte ist viel lebhafter, schneidiger. Es hagelt von durchweg viel geistreicheren Zwischenrufen als im Reichstage. Die Redner greifen diese Zwischenrufe meist geschickt auf und reagieren darauf recht schlagfertig. Im allgemeinen sind die Kammersihungen viel lebendiger und inter­essanter als die Reichstags-Debatten.

Reuerdings sind im ganzen Hause auch Licht­signale eingeführt für die Ankündigung von (Ab­stimmungen, Ministerreden usw. Eigenartig be­rührt der Brauch, daß ein Abgeordneter für seine ganze Gruppe abstimmen kann. Er hat vor sich kleine Kästchen mit den Stimmzetteln für die einzelnen Mitglieder seiner Gruppe stehen und stimmt also auch für seine nicht anwesenden Frak­tionsfreunde mit ab. Hieraus erklärt es sich auch, daß (wie es häufig vorkommt) einzelne Abgeordnete ihre Stimmabgabe hinterher berich­tigen lassen, wodurch die ersten Ergebnisse bei wichtigen Abstimmungen späterhin oft berichtigt werden müssen.

binbung zwischen der Hauptstadt und dem Landes- innern ist unterbrochen. Der Führer der aufständi­schen Truppen richtete eine Proklamation an die Bevölkerung. Die Regierung hofft, die Bewegung unterdrücken zu können.

Das Münchener Eisenbahn­unglück.

Die Beisetzung der Opfer.

München, 28. Mai. (WTB.) Auf vier Fried­höfen fand am Freitag die Beisetzung der 2 8 Opfer der furchtbaren Eisenbahnkatastrophe auf dem Münchener Ostbahnhof statt. Die Sarge wurden einzeln in die Leichenhalle gebracht und dort ausgesegnet. An der Spitze der einzelnen Züge marschierten Eisenbahner und Postbeamte mit ihren Fahnen. Ferner nahmen je zwei Stadträte, die Sanitätskolonne und verschiedene Vereine an dem Leichenzuge teil. Die Leichen wurden hierauf an den Gräbern eingesegnet. Auf den Gräbern wurden u. a. herrliche Kränze der Stadt, der Reichsbahn­direktion und der Poft- und Eisenbahnbeamten nie­dergelegt. Vormittags hatten die (trauerfeiern im Münchener Ostbcchnhof stattgefunden. Die staat­lichen und städtischen, sowie eine große Zahl von Privatgebäuden trugen Trauerbeflaggung. Auch die fremden Konsulate hatten Halbmast geflaggt. Die Gottesdienste, zu denen außer den Hinterbliebenen der Verunglückten die Spitzen der staatlichen und städtischen Behörden, Vertretungen des Bayerischen Landtages, der Reichsbahn, der Reichswehr und an­derer Stellen und eine große Anzahl von Andäch­tigen erschienen waren, wurden mit Trauergeläut eingeleitet und beschlossen. 9m Verfassungsausschuh des Landtags gedachte der Vorsitzende in bewegten Worten des Unglücks. Die Sitzung wurde darauf unterbrochen.

Ein Flaggenvorschlag des Reichskunstwarts.

Berlin, 28. Mai. Der Reichskunstwart R e d s l o b hat in Ausführung eines Auftrags der Reichsregierung, die Frage der Ginheits- flagge heraldisch zu bearbeiten, einen Vorschlag ausgearbeitet, der folgende Einheitsflagge ent­halt: Das Fahnentuch wird durch ein schwarzes Kreuz mit nach den Flügeln hin etwas erwei­terten Borden in vier Felder geteilt, die links des senkrechten Balkens orange und rot, rechts vyn ihm rot und orange tragen sollen. Das Kreuz soll ungefähr die Form des Eisernen Kreuzes haben. DerL o k a l a n z e i g e r", der diese MitteUung veröffentlicht, bezeichnet den Vor­schlag als eine völlige Unmöglichkeit.

Zu dem Vorschläge des Reichskunstwarts Dr. R e d s l o b bemerft dieTäal. Rund - s ch a u, daß das Reichsministerium des Innern von verschiedenen Persönlichkeiten Probeent- toürfe eingefordert hat, um dem Reichstagsaus­schuß, der sich mit der Frage der Schaffung) einer Einheitsflagge befassen soll, Unterlagen zu geben. Unter den angegangenen Persönlichkeiten befindet sich auch der Reichskunstwart Dr. Reds- lob. Dem Ministerium sind außerdem zahlreiche freiwillige Entwürfe zugegangen. Das Ministe­rium wird das Material zunächst sammeln und es dann noch einer Sichtung ohne eigene Stellung­nahme dem Reichstagsausschuß zuleiten.

Eröffnung der Reichs­kolonialtagung in Bochum.

Bochum, 28. Mai. (TU.) Der Deutsche Reichskolonialtag begann gestern abend mit einer Eröffnungsfeier im Parkhause in Bo­chum. Aus allen Teilen Deutschlands sind Hun­derte der Delegierten der Deutschen Kolonial- gesellschaft, des Frauenbundes der Deutschen Kolonialgesellschaft, des Frauenbundes oom (Roten Kreuz für Deutsch--Uebersee und des Kolonialen Kriegerbundes anwesend. Der Vorsitzende der Bochumer Ortsgruppe der Deutschen Kolonial- gesellschast entbot der Versammlung den Will­kommengruß. Rach ihm ergriff der Präsident

der Deutschen Kolonialgesellschaft, Gouverneur a. D. Dr. Seitz das Wort und dankte für die herzliche Aufnahme, welche die Reichskolonial­tagung in Bochum gefunden habe.

Preußisch-Deutsche Kulturpolitik nach dem Kriege.

Ei« Vortrag des Kultusministers Dr. Becker in Ungarn.

Budapest, 28. Mai. (TU.) Der preußische Kultusminister Dr. Becker, der zur Zeit in Budapest weilt, hielt heute vor den Vertretern des öffentlichen und geistigen Lebens einen Vortrag über die preußisch-deutsche Kulturpolitik nach dem Kriege. Beide Völker, so führte der Minister aus, hätten nach dem erschütternden Zusammenbruch den Wiederaufbau nicht nur mit wirtschaftlichen, sondern vor allem mit geistigen Mitteln unternommen. Das kulturpolittsche Programm, das der ungarische Kul­tusminister Graf Klebelsberg bei seinem Ber­liner Besuch entwickelt habe, hätte in der deutschen geistigen Welt deshalb ein lebendiges Echo gefun­den, weil es in klaren Richtlinien einer einheit­lichen kulturellen ©efamtauffaffung Ausdruck gegeben habe. Die Verhältnisse in Deutsch­land seien jedoch schon infolge der, kulturellen Auto­nomie der deutschen Einzelstaaten komplizierter. Ein weiterer Unterschied der kulturpolitischen Lage Un­garns und Deutschlands sei, daß in Ungarn einem radikalen Umsturz eine einheitliche R e st a u- ration gefolgt wäre, während in Preußen- Deutschland Revolution und Tradition einen Bund miteinander geschlossen hätten. Die eigenartigen Verhältnisse bringen es mit sich, daß die politisch und kulturell geschiedenen La­ger der deutschen Oessentlichkeit numerisch etwa gleich stark sind. Jedenfalls könne keine weltanschauliche oder politische Gruvpe auf absehbare Zeit hoffen, zur Alleinherrschaft zu gelangen. So sei die natürliche Folge ein kulturpolitisches Kompro - rn i ß auf der Basis absehbarer Toleranz bei Wah­rung des individuellen Standpunktes. Der Minister sprach sodann über die Neuordnung des Verhält­nisses von S t a a t u n d K i r ch e. Im Vorder­grund der Kulturpolitik stände nunmehr die Für­sorge für Wissenschaft und Kunst. Mit besonderer Liebe habe sich der neue Staat der Kunst gewidmet. Der Minister ging bann auf bie Einzelheiten beut- scher Schulpolitik ein, betonte aufs neue bie Not- wenbigkeit absoluter Toleranz in Glaubensbin- gen unb wies zum Schluß unter Zustimmung ber Anwesenben auf bie Notwenbigkeit eines internatio­nalen Bilbungsaustausches hin.

Dem Vortrag wohnten ber Reichsoerweser unb bie Mitglieber ber Regierung neben zahlreichen Ver­tretern ber Kunst unb Wissenschaft, ber beutschen Kolonie unb ber Wirtschaft bei.

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Der preußische Unterrichtsminister Prof. Becker empfing bie Vertreter ber ungarischen unb auslänbi- schen Presse. Er führte aus, baß bie traurigen Erfahrungen bes Krieges in ihm bie Ueberzeugung gereift hätten, baß bie Deutschen nicht genügenb bie ausländischen Kulturen kennen unb baß bas Auslanb Deutschlanb nicht genügenb kenne. Deshalb sei zur Propagierung auslänbischer Kul­turen im Rahmen der Berliner Universität ein eigenes Institut gegrünbet worben. 9 n Ungarn habe er auch währenb seines jetzigen Besuches bie besten Einbrücke gewonnen. Die Kulturarbeit bes Ministers Grafen Klebelsberg fei gerabezu mustergültig. Er komme soeben aus ber beutschen Scbule in Bubapest, wo man gerabe eine ergrei­fende Feier zum Anbenken an ben Kompo­nisten Karl Maria von Weber abgehalten habe. Das Bestehen unb bie Tätigkeit biefer beut- fchen Schule in Bubapest habe für ihn symbolische Bebeutung. Sie beweise, baß Ungarn bie kulturelle Zusammenarbeit mit bem Deutschtum hochschätze.

Kleine politische Nachrichten.

Der Hessische Landtag ist zu seiner 94. Sitzung auf Dienstag, 8. Juni, vormittags

10 Uhr, einberufen worben. Auf ber Tages­ordnung stehen 30 SBeratungsaegenftänbe. Man hofft, daß bie Tagung innerhalb einer Woche be­endet werden kann.

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Der neue mexikanische Gesandte d e N e a r t stattete dem Reichsaußenminister Dr. Strese - mann feinen Antrittsbesuch ab. Der Empfang durch den Reichspräsidenten zur Ueberreichung des Beglaubigungsschreibens wird Anfang nächster Woche ftattfinben.

Der ungarische Ministerpräsident Gras Beth- len wird sich in Begleitung bes ungarischen Fi- nanzrninifters nach Genf begeben, um cm ben vor- bereitenben Arbeiten ber Finanzkommis- sion teilzunehmen.

Aus aller Wett.

Großfeuer in Liverpool.

3n Blundellsands, dem nördlichen Küstenvor­ort von Liverpool, brach in einer Kisten- fabrik Grohfeuer ans, daß die ganzen Werk­gebäude vernichtete. Zeitweilig war auch das benachbarte Stationsgebäude bedroht, jedoch gelang es, eine weitere Ausdehnung des Feuers zu verhindern. Der Schaden ist sehr bedeutend. Das Abbrennen der großen Holzvorräte verur­sachte einen Feuerschein, der in gänz-Liverpool und weiter landeinwärts zu beobachten war.

Riesenbrandkalastrophe In Rußland.

Eine furchtbare Branbkatastrophe ereig­net sich, wie aus Moskau gemeldet wird, in der Stadt Kotelnic im Gouvernement Wisdka. Fast die ganze Stadt ist niebergebrannt. Der entftan- bene Schaben ist ungeheuer. Die Zahl ber Men­schenopfer war bisher nicht festzustellen.

Tödlicher Eisenbahnunfall bei Kornwestheim.

Bei ber Ueberführung eines Militärzuges vom Ost-Güterbahnhof ßubroigsburg nach bem Rangier­bahnhof Kornwestheim finb infolge unzeitiger Um­stellung einer Weiche im Bahnhof Kornwestheim mit Pferden belabene Güterwagen entgleist unb um* gestürzt. Von ben Begleitmannschaften würbe einer getötet, ein zweiter schwer verletzt. Einige Pferbe würben leicht verletzt. Eine Betriebsstörung trat nicht ein.

Drei Vergiftungen.

In Köln sind drei Personen unter Vergift tungserscheinungen ans dem Leben ge­schieden. Ein 28jähriger Geschäftsmann wurde, morgens tot in seinem Bette aufgefunden. Es liegt Gasvergiftung, wahrscheinlich infolge eines Unglücksfalles, vor. Im Vorort Rippes hat sich ein ebenfalls 28jähriger schwerkriegsbeschä­digter und nervenleidender Mann, anscheinend in einem Anfalle von Geistesstörung, durch Gas vergiftet. In einem Hospiz wurde ein vont auswärts gekommener junger Mann tot in seinem Bette aufgefunden. Die Anters uchung ergab, daß er eine zu große Menge Schlafpulver zu sich ge­nommen hatte.

Grausiger Selbstmord eines Liebespaares.

AuS Laibach toirb gemeldet: Ein Aufseher fand im Walde von Opcina die verkohlten Leichen zweier junger Leute. Gin 32jähriger Ehemann hatte sich in die Schwester seiner Gattm verliebt, die ihn sv zu fesseln verstand, daß er ihr willenloses Werkzeug wurde. Die beiden hatten sich nach Opcina begeben, ihre Körper mit Einern Eisendraht aneinandergebunden und die Enden des Drahtes über die elektrische Hoch­spannungsleitung geworfen. Der Strom tötete die beiden augenblicklich und fetzte chre Körper in Brand. Am nächsten Baum warnte ein großes Papier mit der Äuffchrist: .Berührt uns nicht Lebensgefahr!"

Ein Heer von Maikäfern.

Aus Vorpommern kommen Meldungen von gewaltigen Maikäferzügen, bie bas ßonb heimsuchen unb alles kahl fressen. Die Käferplage greift auch auf Mecklenburg-Strelitz über.

Kunst und Wissenschaft.

Eine neue Hochschule.

Die unter Leitung von Universitätspvofessor Dr. Giese unb Diplom-Ingenieur Liebmann geleiteten Frankfurter Beamten-Hoch- schul kurse sind soeben als Verwaltungsaka­demie, d. h. als regelrechte Hochschule erklärt worden. Der Lehrbetrieb wird hvchschulmähig gestaltet, d. h. nach streng akademischen Unter* richtsmethoden und Grundsätzen und nur von Universitätsprofessoren und gleicharttgen Prak­tikern der Justiz, der Verwaltung und des Wirt­schaftslebens geführt. Der Lehrgang wird für alle Hörer mit der Erteilung eines den erfolg­reichen Besuch bescheinigenden Abgangszeugnisses und für Auserlesene mit der Ausfertigung eines Hochfchuldiploms abschliehen. Die neue Hochschule wird polittsch vollkommen neutral fein und es werden weiterhin Lehrkräfte der verschiedensten Richtungen an ihr wirken.

Die Dichterakademie.

Wie dieVoss. Zeitg." hört, hat Arno Holz, der bereits positive Arbeitspläne für die Dich- tersektton der Akademie der Künste ausgearbeitet hat, auf die Gründe, die Gerhart Hauptmann für seine Ablehnung anführt, mit dem Hinweis auf einen Satz in der Gründungsurkunde der Sektton für Dichtkunst geantwortet, in dem es heißt: Akademien sind immer das, was die Akademiker daraus machen.

Deutsche Gesellschaft für Völkerrecht.

Die zweite Vollversammlung der Deutschen GesellschaftfürVölkerrecht nahm heute das Referat des Professors Dr. L e w a l d über das Thema entgegen:Die staatsvertragliche Re­gelung der internattvnal-privatrechtlichen Vor­behaltsklauseln" (Ordre-Public).

Hochschulnachrichten.

Marburg, 28. Mai. Prof. Dr. Oskar Wei­gel an der hiesigen Universität hat den Ruf auf den Lehrstuhl der Mineralogie an der Uni­versität Göttingen als Nachfolger von Prof. Mügge abgelehnt.

][ Marburg. 28. Mai. Der Direktor des Physikalischen Instituts, Prof. Dr. Clemens Schaefer, der im Herbst 1920 an Stelle des verstorbenen Geh. Rats Prof. Richards von Breslau nach Marburg kam, kehrt wieder nach Breslau zurück. Er übernimmt das durch O. Lum­mers Tod dort erledigte Ordinariat der Physik. Der Gelehrte, der schon einmal einen Ruf nach Argentinien ablehnte, war 1924/25 Rek­tor der hiesigen Universität.