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llr. 125 Erstes Blatt

176. Jahrgang

Samstag, 29. Mai 1926

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Gießener Familienblätter Heimat im Bild Die Scholle.

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Abd el Krims Ende.

In Paris und Madrid wehen die Siegesfahnen: Abd el Krim hat den Kampf aufgegeben; der Rif­krieg scheint mit der Kapitulation und (Befangen» nähme des gefährlichsten Gegners und geistigen Führers der ganzen Bewegung bis auf weiteres be­endet zu sein. Dieser vorläufige Abschluß der nord­afrikanischen Kampagne ist für die Sieger allerdings ebenso problematisch wie die Aufgaben und Zu­kunftsmöglichkeiten, die sich mit der neuen militari» schen Lage in Nordafrika ergeben. Zunächst wird man sich hierbei daran erinnern, daß schon einmal (im Oktober 1925) Franzosen wie Spanier, als Hauptbeteiligte am Marokkoabenteuer, den Rifkrieg für beendet erklärt haben. Diese Erklärung war ebenso ungerechtfertigt, wie die schöne Geste, mit der der Oberbefehlshaber der französischen Truppen die Weisung gegeben hat, Abd el Krim beim (Eintreffen in den vorderen Linien so zu empfangen,wie man einen besiegten Feind empfängt, der Beweise von militärischen Fähigkeiten gegeben hat". Abd el Krim hat in der Tat seit dem Jahre 1921 mit einer er­staunlichen Schlagkraft eine (zunächst einmal rein militärisch) imponierende Beweiskette geliefert und oft genug den Brennpunkt des mitteleuropäischen Interesses in feine Felsenberge verlegt.

Schon nach dem Ausbruche des Weltkrieges taucht der Name Abd el Krim aus völliger Unbe­kanntheit auf; niemand weiß zu sagen, ob dieser Sohn eines Sabi aus Ajdir je über feine Heimat hinausgelangt fei, ober ob er, wie unsere behaup­ten, auf der spanischen Militärakademie erzogen, europäische Verhältnisse studiert habe. Jedenfalls war er später ebenfalls Kadi, auch Redakteur des arabischen Teils der ZeitungTelegrama de Rif" in Melilla, und da er während des großen Krieges der Todsünde der Deutschfreundlichkeit beschuldigt worden war, so revanchierten sich die Spanier, gegen deren Besetzung er von Anfang an intensiv agitiert hatte, indem sie ihn auf eine französische Beschwerde hin in Rostrogordo feftsetzten. Als Abd el Krim mit Kriegsende feine Freiheit wiedererlangt hatte, nahm er sofort den Kampf gegen die Spanier, die über­dies derzeit gerade mit dem Berverführer Raisuli im Kampfe lagen, wieder auf.

Noch im gleichen Jahre 1921, in dem Abd el Krim den Rifkrieg proklamiert hatte, gelang ihm d.»r vernichtende Schlag gegen die spanische Invasion bei Annual: von 20 000 Mann entkamen nur 1500, General Siloestre viel. Schon im folgenden Jahre hieß der SiegerSultan des Rifs". Die Spanier konnten nichts ausrichten und räumten sogar 1924 das Land bis auf Melilla. Inzwischen blieb Abd el Krim nicht untätig, sondern stets auf dem Posten, stets bedacht, seine Stellung zu stärken, neue Stämme aus dem Innern des Berglandes zu sich herüberzu» ziehen. 1925 wurde auch Raisuli gezwungen, sich ihm anzuschließen.

Jetzt holten die Spanier unter ihrem Generalissi­mus Primo de Rivera Seite an Seite mit den Fran­zosen zum Gegenichlage aus. Zunächst wiederum mit negativem Erfolg. Im Gegenteil: die Kabylen hatten militärisch dergestalt das Heft in der Hand, daß die Franzosen sich gemüßigt fühlten, ihren Mar­schall Lyautey des Oberbefehls zu entsetzen und ihn zurückzurufen. An seine Stelle trat zeitweilig der vom Weltkriege her bekannte Marschall Pötain. Auch scheiterten die mit großen Mitteln ins Werk gesetzten Landungsoersuche der Spanier von der Alhucernas- Bucht her. Erst im Oktober 1925 gelang es mit einem gewaltigen militärischen Aufgebot, mit mo­dernsten europäischen Kriegsmitteln Abd el Krim zum Rückzug ins Landinnere zu zwingen; mit der Be­setzung seines Hauptguortiers Ajdir wurde dann der Krieg für beendet angesehen.

Abd el Krim hielt sich nun in den unzugäng­lichen Atlasbergen; von Zeit zu Zeit hörte man wie- der von ihm. Im Dezember erschien in feinem Auf­trage der englische Major (Borbon Gunning in Paris, um Frieden zu schließen; vergeblich:die fran­zösische Regierung lehnte es ab, mit dem Rifführer in Verhandlungen einzutreten. In diesem Jahre flammte der Krieg wieder auf. Spärliche Meldun­gen berichteten von wechselndem Kriegsglück, von nunmehr einem ultimativ gehaltenen, französi­schen Friedensangebot; es kam daraufhin auch zu Verhandlungen, die jedoch von feiten Abd el Krims abgebrochen wurden, unb es finb Stimmen laut ge­worben, baß biefe Ablehnung unklug war. Wie bem auch fei: bas Ende, dieses plötzliche, zusammenbruch- gleiche Enbe, ist wohl ben meisten unerwartet unb überrafdjenb gekommen. Begreiflich wirb es aller- bings, wenn man bie erfdjütternben Berichte lieft, gegen welch eine ungeheure Uebermadjt bie Spa­nier allein setzten an ber Alhucemas-Bucht auf einem schmalen Abschnitt von 15 Kilometern 30 000 Marrn, dazu ihre gesamten, verfügbaren Kriegs­schiffe unb Luftstreitkräfte ein gegen welche er- brürfenbe Überlegenheit (unb mit welchen Opfern) Abd el Krim feinen letzten Kampf um Freiheit unb Unabhängigkeit hat führen müssen.

Nun ist es also abermals zu Enbe. Von einem Enbe" wirb man biesmal bestimmt insofern sprechen können, als ber Rifbewegung mit ber Ge­fangennahme Abb el Krims Triebkraft unb geistige Führerschaft (zum minbeften fürs Erste) genommen ist. Unb die Franzosen werben sich ihres Gefan­genen zu versichern wissen, ber ihnen so einbring» liche Beweise von militärischen unb politischen Fähig­keiten erbracht hat. Hätte ber neue Felbzug, wie damals, nur zu einem Rückzüge der Marokkaner ge­führt, wäre die tatsächliche Beendigung abermals fragwürdig geblieben. Aber selbst jetzt: von Afrika aus gesehen, wird sich bie Frage dahin zuspitzen lassen, wie weit bie Bewegung im Rif, bie Abb el Krim verbreitet unb getragen hat, von feiner Per» fönlichkeit losgelöst unb etwa von anberen weiter­geführt werben kann. Für Paris bürste bas Pro- olem, bas sich aus ber neugefdjaffenen Lage ergibt, zunächst in ber Vollenbung, Ausbreitung unb Be­festigung ber militärischen Erfolge, b. h. in ber restlosen Niederwerfung aller Stämme, bestehen,

Die Liquidierung des Marokkokrieges.

Offizielle Unterwerfung Abd el Krims.

Paris, 28. 2Uai. (TU.) Rach ben Berichten aus Rabat über bie Unterwerfung Abdelkrims leitete der Scherif von Snaba die Uebergabeverhand- langen bei ben französischen Dorposten ein. Die erste Unterredung mit dem französischen Befehlshaber bezog sich aus dos Schicksal ber Frauen Abd el Krims, sowie auf bie Veförberung seines (Eigen­tums, bie daburch erschwert ist, bah bie Stämme bie Transportmittel verweigert haben, heute findet die offizielle Unterwerfung im Lager Girardot bei Taja statt. Rach französischer Ansicht bedeutet bie Wahl bes Scherifs von Snaba als Ver­mittler bei ber Kapitulation, baß sich Abd el Krim auch bem Sultan von Marokko unterwerfen werbe, da ber Scherif von Snaba als Vertrauens­mann des Sultans gelte.

Entsprechen!» bem französischen StaabpunFt, daß Abb e l Krim als ein gegen feinen rechtmäßigen Sultan aufständischer Rebell zu betrachten sei, unterblieb jedes Zeremoniell. Abd el Krim wird am Montag von larguift nach Taza gebracht. Nach­dem er sich über bas weitere Schicksal seiner Familie unb seines Besitzes Sicherheit verschafft hat, bie in ben frühen Morgenstunden auf 210 Maultieren bie französischen Limen überschritten.

Französisch-spanische Verhandlungen.

Paris, 28. Mai. (TU.) Wie der »Petit Parisien" mitteilt, sind zwischen Frankreich unb Spanien Verhandlungen Über die Fort­führung der gemeinsamen Aktion in Marokko ausgenommen worden. Sie wurden durch einen Besuch des spanischen Botschafters am Quai d' Orsay eingeleitet, dem eine längere Besprechung des Generalsekretärs im französischen Außenministerium mit dem Marschall P 61 a i n folgte, die sich auf weitere Maßnahmen zur Be­friedigung Marokkos bezog. Es sei wahrscheinlich, daß die Verhandlungen mit Spanien nicht nur auf einen Meinungsaustausch zwischen den Kanz­leien beschränkt bleiben, sondern daß in aller­nächster Zeit in Algeciras oder in Malaga eine Konferenz spanischer und französischer Dele­gierter stattfinden werde. Diese würde sich vor allem mit der Abgrenzung der fran­zösischen unb ber spanischen Zone, mit Maßnahmen zur Verhütung eines Aufstan- bes im Rif unb enblich mit ber Schaffung örtlicher Polizeiorganisationen unter Leitung spa­nischer Beamter beschäftigen. General Primo b e R i v e r a hat nach einer Melbung bes ..Jour­nal" gestern abenb zu Ehren des französischen Botschafters ein Essen veranstaltet, um ben Er­folg zu feiern, ber ber französisch-spanischen Zusammenarbeit zu banfen sei, bie bamit nicht ihr Ende gefunben haben dürfe.

Spanische Stimmen über Marokko.

ORabrib, 28.Mai. (WB.) Aach ber 2Igen- tur gabra" erklärte ber Ministerpräsident ben Pressevertretern: Die Lage ist sehr günstig, aber Glückwünsche werben erst am Platze sein, wenn die Stämme vollkommen ent­waffnet finb. Wenn bie besetzte Zone reorga­nisiert ist, bann werden auch beträchtliche Trup- penmengen in bie Heimat zurückbefördert werden können. Die Regierung ersuchte ihre Vertreter unb biejenigen ber französischen Regierung, vom Führer ber Aufständigen genaue Aufklärungen über bie »roch nicht von den Risleuten frei- gelassenen spanischen Gefangenen zu ver­langen, deren Freilassung zu bewirken und etwaige Verstöße gegen bie Grundsätze ber Menschlichkeit zu ahnden. Die spanische Regie­rung ist überzeugt, baß der französische Ober- kommifsar dem Sultan kein prunkvolles Zere­moniell für ben Akt der Unterwerfung Abb e I Krims empfehlen wirb, denn es handelt sich in diesem Fall einfach um den Empörer, ber sich noch kürzlich im Aufstand gegen die Autorität des Sultans befand und dessen Kriegführung nicht immer ritterlicher loyaler Grundsätzen folgte. Die Regierung wirb Klugheit mit Kraft vereinen unb nichts außer acht lassen, um mit angespann­ter Aufmerksamkeit bie Fragen zu verfolgen, bie

Spaniens Interesse und Würde so sehr angehen. Sie wirb sich dabei weder durch Erfolge, noch durch Glückwünsche ablenken lassen.

Der Minister des Aeuheren QJan» guas gab zur linierte er f un g Abd el Krims eine Erklärung ab, in ber er u. a. aus führte: Es wäre ungerecht, bem General Primo b e Rivera nicht den Ruhm zuzu­erkennen, ber ihm rechtens und persönlich ge­bührt, beim er war es, der von Anfang an mit außerordentlicher Klarheit die Schwierig­keiten und bie Lösung des Marokko- Problems erkannte unb persönlich der Gefahr der Katastrophe entgegenzutreten verstand, um sie in einem g länzenden Erfolg zu verwan­deln. Ein gemeinsames Vorgehen Frankreichs und Spaniens kann auch in Zukunft noch sehr nützlich sein. Das Marokko- Problem wird der endgültigen Lösung zugeführt, indem jede Protektoratsnation sich in ihrer Zone auf Grund beiderseitiger Zusammenarbeit be­mühen wirb, die erzielten politischen unb mili­tärischen Vorteile zu befestigen.

(Erbitterte Kämpfe in West-Marokko.

Berlin, 29. Mai. (TU.) Wie die Morgen­blätter aus Paris melden, wird im Westen Marokkos noch weiter gekämpft. Ein großer Teil ber Rifstämme im westlichen Gebiet, deren militärische Stärke man auf etwa 20 000 bis 50 000 Krieger schätzt, weiß gar nichts von bet Kapitulation Abb e l Krims. Den Flugblättern der französischen Flieger schen­ken sie offenbar keinen Glauben. Sie leisten er­bitterten Wiberstand.

Glückwünsche und Verluste.

Paris, 28. Mai. (TU.) Die französische Kammer nahm heute mit 445 gegen 31 Stimmen einen Antrag an, ber bie Rach richt vomStie­ben in Marokko" freubig begrüßt unb bet alle ehrt, bie zum guten Ausgang des schwierigen und beschwerlichen Feldzuges bei­getragen haben unb insbesondere bie tapferen französischen Truppen beglückwünscht.

Havas berichtet aus Fez: Wie aus autori­sierter Quelle verlautet, sollen die franzö­sischen Verluste im Verlaufe der letzten Offensive sehr gering gewesen sein. Sie betragen nicht mehr als 10 0 Tote einschließlich ber eingeborenen Truppen und ber franzosentreuen Stämme.

Wie Havas aus M a b r i b berichtet, haben die Botschafter Deutschlands und ber Vereinigten Staaten dem spanischen Außenminister angesichts der Unterwerfung Abd el Krims Glückwunschbesuche abgestattet.

Natten und Marokko.

Rom, 28. Mai. (Wolff.) DerMessa - g e r o widmet ben Heeren Frankreichs unb Spa­niens anläßlich ber Unterwerfung Abb e l Krims anerkennende Worte und kommt bann auf die nunmehr beginnende diplomatische Ent­wicklung der Marokkoangelegenheit zu sprechen. Zuerst spricht das Blatt von der Rotwenbigkeit einer Revision bes Tangerabkommens, bei dessen Abfassung Italien ausgeschaltet war. Das Blatt sagt, man dürfe bas Tangerproblem nicht verwechseln mit der zukünftigen territorialen Gestaltung Marokkos. Die französische Presse wehre sich jetzt gegen die Einberufung einer neuen Marokkokonferenz, aber man könne Italien nicht das Recht streitig machen, über bie Lösung derjenigen marokkanischen Probleme unterrichtet zu sein, welche durch ihre Ratur unb ihren Cha­rakter keine lediglich französische ober spanische Angelegenheit seien. Schon jetzt sehe man Fragen auftauchen, die noch nicht durch die bestchendenl Verträge bereits geregelt seien und die ben ma­rokkanischen Statusquo wesentlich verschiebe:: wür­den.Popolo bi Roma" macht darauf aufmerksam, daß das augenblickliche Gleichgewicht diesseits unb jenseits ber Meerenge von Gibral­tar nicht ohne Zustimmung Italiens geändert werden dürfe, well dadurch auch bie Interessen Italiens beeinträchtigt' mürben.

was für eine wahrhafte unb bauernde Befriebung bes Rifs Voraussetzung ist. Dann erst wirb sich zeigen, ob überhaupt unb in welchem Umfang bas ßanb für zivilisatorische Friebensverwaltung unb Kolonisation geeignet erscheint.

Abgesehen hiervon bürste ber von ben französi­schen Blättern so lebhaft begrüßte Erfolg auch für die französische Innenpolitik nicht ganz bie Erwar­tungen rechtfertigen, die man wohl in biefer Rich­tung gehegt haben mag. Das Kabinett Bricmb, besten Situation in ber letzten Zeit nicht gerabe rosig zu nennen war, wirb sich freilich für biesmal ber Kammer unter ber Siegestrikolore präsentieren können. Wer aber etwa erwartet hatte, baß mit einer Wenbung in Marokko, wie wir sie in ben letzten Tagen erlebt haben, bie französische Finanzkrisis be­hoben ober wenigstens erleichtert, unb ber Franken- tanb burch bie außenpolitisch-militärischen Erfolge jebeffert ober in etwa balanciert werben könnte, cheint sich stark getäuscht zu haben. Die Börsen- eute und die internationale Finanz, kühl unb reserviert, haben sich seither nicht bewogen gefühlt, sich ben Ueberschwang der Gefühle in Pans unb Mabrib zu eigen zu machen, unb bie französische Valuta hat sich bis zur Stunde keineswegs geoeffen.

Schon hieraus geht hervor, wie wenig Anlaß besteht, die Marokkoereigniffe einzelpolitifch in ihrer Scheu» tungzu überschätzen.

Was die allgemeine Situation angeht, fo wird man es zunächst vom deutschen Standpunkt aus nur bedauern unb übrigens entfchieben ablehnen müssen, wenn man in Paris versucht, wie es ber Petit Parisien" getan hat, aus ber Nieberlage Abb el Krims unb ihrer Beurteilung in Deutfchlanb eine Angriffsmöglichkeit gegen uns zu konstruie­ren, unb mit einer auf unwahren Behauptungen aufgebauten Hetze bie ohnehin nicht gerabe über­schwänglichen Sympathien für Deutschland zu dis­kreditieren.

Der Rifkrieg scheint wieder einmal zu Ende zu sein. Ob er wirklich und für immer be­endet ist, bleibt mindestens sehr fraglich. In größerem Zusammenhang gesehen, ist das französisch-spanische Abenteuer in Marokko vielleicht nur ein Vorspiel in der großen Farbigenbewegung, in Unabhängig» felis» unb Selbftbeftirnmungsbeftrebungen in allen Teilen der Welt, deren Bekämpfung und Nieder­haltung weit über die territorial begrenzten Inter­essen von Frankreich und Spanien hinausreicht.

Gras Bernstorff über die Abrüstungskonferenz.

Genf, 28. Mai. (TU.) Die deutschen Delegier­ten für die vorbereitende Abrüstungskommission, Graf B e r n ft o r f f und Geheimrat v. Bülow, verlassen am Samstag vormittag Genf. Zurück blei­ben lediglich die deutschen Militärsachverständigen, die an den Verhandlungen der Unterkommission teil- nehmen. Heute abend empfing Graf Bernstorfs bie Vertreter der Presse, benen er einige Er­klärungen über seine Einbrücke gab. Er wies darauf hin, daß die Verhandlungen der Dorbereitcnben Ab­rüstungskommission programmäßig verlaufen seien. Entscheibungen seien roeber erwartet noch getroffen worben. Die Aufgabe ber uorbereitenben A b rüstungskommission sei lebiglich gewesen, bie Methoben zu bestimmen, nach benen ber oorliegenbe Verhanblungsstoff bewältigt werben soll. Durch bie Verhanblungen sei ein Anfang zur Bearbeitung bes Abrüstungsproblems gemacht wor­ben. Die Bebeutung biefer Konferenz bürfe roeber überschätzt noch unterschätzt wer­ben. Ihre Arbeit sei jetzt roeber abgebrochen noch unterbrochen, sonbern nur an bie Unterkommission zur Weiterbehanblung überroiesen worben. Die Fortbauer ber Bearbeitung bes Abrüstungsproblems lei gewährleistet. In keiner Frage fei jeboch ben Arbeiten ber künftigen Abrüstungskonferenz vorge­griffen worben.

Die beutsche Delegation werbe auf bie­fer Konferenz bte in ber bisherigen Richtung ber beutfchen Außenpolitik liegenbe Friebenspoli- t i k verfolgen, bie roeber eine Option für ben Westen noch für ben Osten bebeute. Der Locarno- Vertrag unb auch ber Berliner Vertrag feien F r i e» bensinftrumente, bie burch die Verhandlun­gen ber uorbereitenben Abrüftiingskommiffion in Feiner Weife beeinflußt worben feien.

Brasilien und der Völkerbund.

Paris, 29. Mai. lWTB. FunksPruch.) Oeuvre" zufolge habe Brasilien auf freund­schaftliche und einmütige Bitten hin erklärt, es werde kein Veto gegen den Eintritt Deutschlands in den Bund einlegen. Cs sei ein Abkommen getroffen wori>en, dem Bra­silien zugestimmt habe. Einzelheiten über dieses Abkommen tollt das Blatt jed«h nicht mit. Dra- filien und Spanien dursten, selbst wenn sie wäh­rend der Völkerbundtagung nicht zugleich mit Deutschland ständige Sitze im Döllerbundsrat er­langten, sich zugunsten der Zuteilung eines stän­digen Sitzes an Deutschland aussprechen.

5>ie Meldung, daß Brasilien endgültig beschlossen habe, fein Veto gegen die Erteilung eines ständigen Ratssitzes an Deutschland nicht aufrecht zu erhalten, wird von der engllschen Presse viel beachtet.Daily Expreß" er­klärt, die britische Festigkeit habe einen Sieg in Genf davongetragen. Deutschlands Aufnahme werde dem Völkerbund die not­wendige Stärkung verleihen.

Die Zurückziehung des brasilianischen Delos soll nach einem Parifer Bericht unter folgenden llmftänöen vor sich gegangen sein: Am 17. Mai habe der brasilianische Dertteter beim Völker­bund dem deutschen Verireter Herrn v. H ö s ch seine mündliche Zusicherung gegeben, daß seine Regierung nicht die Absicht habe, Deutsch­land neue Schwierigkeiten z ubereiten, Im Laufe der Verhandlungen zwischen dem Grafen Bernstorfs und Mello Franco habe sich die Situation noch weiterhin geklärt. Falls die Verhandlungen mit Spanien in dieser Frage zu einem günstigen Ergebnis führ­ten, so fei mit der Umgestaltung des Rats im kommenden September bereits zu rechnen. Die Zusammensetzung des Rates sei dann wie folgt: 14 Mitglieder, davon fünf ständige (Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien und Japan) und neun nichtständige.

(Eine Rede Mussolinis über Locarno.

Rom, 29. Mai. (WTB. Funkspruch.) Am Schluß der Debatte über den Etat des Mini­steriums des Aeußern sprach Mussolini im Senat vom Locarnopakt. Italien habe sich an- geschlossen, um sich nicht zu isolieren, und um nicht die Gelegenheit zu verlieren, Italien auf die gleiche Stufe mit England zu stellen. Musso­lini sagte ferner, daß

Deutschland natürlich im nächsten September als ständiges Ratsmitglied in ben Völkerbund eintreten

werde, eine These, die er, Mussolini, stets ver­fochten habe. Er fuhr dann fort:Ich will Ihnen eine Erklärung allgemeiner Art abgeben. Die italienische Politik wurde stets imperialisti­scher Bestrebungen verdächtigt. Der italie­nische Imperialismus ist ein Zeichen der Würde des italienischen Volkes und vor allem seiner moralischen Würde. Aber unser Imperialismus besteht nicht in dem Sinne eines aggres­siven Imperialismus, der sich zum Kriege rüstet. Ich muh erllären, daß

die faszistische Regierung nur eine Friedens­politik verfolgt unb nur verfolgen Fann. Aber ben Frieden wollen, bedeutet nicht, entwaffnet zu sein.

Wan muß sich auch über die Entwaffnungs- frage verständigen. >A b r ü ft u n g muß gekommen sein, sonst ist sie rohr eine schlechte Komödie. Bis iu dem Tage, an dem alle Staaten schnell und tatsächlich abrüsten kann Italien nicht a b r ü st e n, ohne seine Anabhängigkeit und Frei­heit zu verlieren (sehr lebhafter Beifall). Eift