Ausgabe 
29.3.1926
 
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Nr. 74 Erstes Blatt

176. Jahrgang

Montag, 29. März 1926

Erscheint täglich,außer Sonntags und Feiertag».

Beilagen: Gießener Familienblätter Heimat im Bild Die Scholle.

Monats-Vezugrpreir: 2 Reichsmark und 20 Reichs Pfennig für Träger­lohn, auch bei Nichter­scheinen einzelner Nummern infolge höherer Gewalt. Fernsprech ansch lüsse: Schriftleitung 112, Der« lag und Geschäftsstelle 51. Anschrift für Drahtnach­richten: Anzeiger Sieben.

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SietzenerAnzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

Vrvckmiö Verlag: Brühl'sche Universitat5-Vuch- und Steindruckerei R. Lange in Sietzen. Schriftleitung und Geschäftsstelle: Zchnlsttatze 7.

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Dr. Friede. Wilh. Lange. Perantwortlich für Politik Dr. Fr. Wilh. Lange; für Feuilleton Dr. H.THyriot; für den übrigen Teil Ernst Blumschein; für den An­zeigenteil Hans Iüftel, sämtlich in Gießen.

Das Echo des Orients.

Von unserem E. S.-Korrespondenten.

(Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten.) Konstantinopel, Ende März 1926.

Der jämmerliche moralische Zusammenbruch des Völkerbundes in Genf mußte natürlich auch in der gesamten außereuropäischen Welt sofort einen sehr lebhaften Widerhall finden.

Tschitscherin, den man bis zu einem ge­wissen Grade nicht allein als den Leiter der Politik der Sowjetunion, sondern immer noch als den füh­renden Politiker Asiens bezeichnen kann, erklärte be­kanntlich, während seines letzten Aufenthaltes in Berlin, gewiß sehr mit Recht, der Völkerbund sei nichts üiideres, als ein Mittel zur brutalen Verge­waltigung schwacher und wehrloser Völker. Noch schärfer hat das kürzlich im amerikanischen Senat der Senator Reed ausgesprochen, der den Völker­bund als eine verbrecherische Verschwörung gegen die Freiheit der Nationen bezeichnete. Beide, der Russe wie der Amerikaner, haben im Orient eine recht beachtliche Aufmerksamkeit erweckt und überall großen Beifall gefunden.

Wie die deutsche Regierung und das deutsche Volk sich im Laufe des nächsten halben Jahres zur Fortführung der deutschen Völkerbundspolitik schließ­lich stellen werden, kann man hier noch nicht wissen. Ich halte mich auch nicht für befugt, über die deutsche Außenpolitik von hier aus ein Urteil zu fällen. Aber eines muß ich hier doch schon vorweg bemer­ken, daß die Stellung Deutschlands nach dem äußer­lichen Mißerfolg in Genf, namentlich auch in bezug auf den Osten, gerade jetzt eine recht günstige ge- ivorden ist und von einer festen deutschen Außen­politik auch dementsprechend in nächster Zukunft ausgenutzt werden könnte.

Es ist ja ganz natürlich, daß der gesamte Osten der Alten Welt, von der Ostsee bis zum Stillen Ozean, jetzt über Genf und die Blamage Europas lacht. Die Freude über die Tragikomödie von Genf ' ist um so verständlicher, als man anfangs, nach dem Abschluß des Logarno-Vertrages, nicht allein in der Sowjetunion, sondern in allen asiatischen Ländern einen Zusammenschluß aller europäi­schen Staaten zur Einkreisung So­wjetrußlands und gemeinschaftlichen Ausplünde r.u n g Asiens befürchtet hatte. Jetzt ober empfinden die Asiaten mit freudiger Ge­nugtuung, daß der Völkerbund die europäischen Staaten nicht einigt, sondern vielmehr verfeindet, und jetzt begreift man hier, daß der Völkerbund zwar Europa schädigen wird, der panasiatischen Be­wegung aber nur nützen kann.

Das ist die allgemeine Ansicht des Orients über den Genfer Zusammenbruch, den man durchweg als ein Plus buchen zu können glaubt. Im einzelnen ist die Stellungnahme der asiatischen Länder natürlich eine recht verschiedene. In Persien und A f g h a - nist an, die beide recht schwer mit ihren inneren, politischen und finanziellen Schwierigkeiten zu kämp­fen haben, verhält man sich zum Genfer Ereignis ziemlich indifferent. In der T ü r k e i dagegen ist die Genugtuung über den Zusammenbruch natürlich be­sonders groß, da in bezug auf die Mossulfrage dieser Völkerbund jetzt gar keine Rolle mehr spielen kann, und der für die Türkei günstige, durch Genf, wie man glaubt, ungeheuer verschärfte Gegensatz zwi­schen England und Frankreich besonders erfreulich erscheint! Außerdem wird im gesamten Orient das Genfer Ergebnis als eine sehr schwere Nie­derlage der britischen Politik empfun­den. Das hat sich auch schon in Aegypten gezeigt, wo die Freude sich ebenfalls besonders laut äußert und Genf in recht übertriebener Weise als der größte Nagel am Sarge der britischen Weltherr­schaft bezeichnet wird. Aus Indien liegen zwar noch keine Nachrichten vor, doch ist ja die Stellung­nahme der indischen Nationalisten an sich klar. Ebenso braucht man kein Wort über die Haltung der zentralasiatischen Republiken zu' ver­lieren, da diese zur Sowjetunion gehören.

Nach den hier vorliegenden Berichten sind in weiten Kreisen des deutschen Volkes und in einem großen Teil der englischen und amerikanischen öffentlichen Meinung die Genfer Vorgänge als eine schwere Demütigung und Beleidigung aufgefaßt werden. Es ist nun sehr interessant, daß in dieser Beziehung der gesamte Orient einen völlig ent­gegengesetzten Standpunkt einnimmt. Man ist hier ganz allgemein der Ansicht, daß es Cham­berlain ist, der aus Genf gedemütigt, diskreditiert und besiegt hervorgegangen ist, während Deutsch­land als der moralische Sieger von Genf dasteht. Man sagt sich, es sei jetzt besonders klar geworden, daß Deutschland der einzige große Staat sei, der im Völkerbunde keine brutal imperialisti­schen, sondern wirklich ideale Friedensziele verfolge. Und' aus diesem Grunde habe man es nicht ausge­nommen. So hat Deutschland neuerdings an Sym­pathien im Orient nur erheblich gewonnen.

Dabei ist sehr zu beachten, daß in der letzten Zeit im ganzen Orient eine außerordentlich rührige englische und französische Propag an d a zu beobachten war, die zwischen den orientalischen Staaten, namentlich der Türkei und Deutschland Mißtrauen säen sollte. Infolge der Genfer Vor­gänge muß nun diese ganze, mit großen Geldmit­teln betriebene Propaganda zusammenbrechen, denn die Orientalen sagen sich, daß man jetzt ganz genau misse, gegen welche Ränkeschmiede man auf der Hut sein müsse.

Aber nicht allein Deutschland hat jetzt an An­sehen im Orient gewannen, sondern auch Ame­rika durch seine außerordentlich scharfe Stellung­nahme gegen das Spiel von Genf und Locarno. Die Amerikaner haben diese Sachlage in ihrer Trag­weite gewiß noch gar nicht erfaßt, so sehr sie auch dem amerikanischen Geschäftsleben in Asien vor dem englischen und französischen einen Vorsprung verschaffen wollen.

Unter solchen Umständen erscheint für die deut­schen Geschäftskreise die Frage doch der Ueber-

Bundeskanzler Ramek in Berlin.

Berlin, 28. März. (Wolff.) Der öster­reichische Bundeskanzler Dr. Ramek ist Samstag vormittag kurz nach 9 plhr mit dem fahrplan­mäßigen D-Zug WienPassau auf bcm Anhalter Bahnhof in Berlin angekommen. 3n dem ehe­maligen Fürstenzimmer am Ankunftsbahnsteig des Anhalter Bahnhofes hatten sich zum Empfang die Vertreter der Reichsbehörden und der öster­reichischen Gesandtschaft versammelt. An Stelle des Reichskanzlers war Reichsauhenminister Dr. Stresemann in Begleitung der Staatssekre­täre v. Schubert und Kempner und meh­rerer Herren des Auswärtigen Amtes erschienen. Von der österreichischen Gesandtschaft sah man den Gesandten Dr. Frank. Auch der tschechische, Gesandte Dr. Kafka hatte sich eingefunden.

Pünktlich um 9.05 Uhr rollte der D-Zug in die Halle. Dem Salonwagen entstieg als erster B u n- deskanzler Dr. R a m e k, dem die Herren seiner Begleitung folgten. Dr. Stresemann begrüßte den Bundeskanzler, während Dr. Kempner Willkom- mensgrüße des Reichskanzlers Dr. Luther übermit­telte. Dann begleitete Dr. Stresemann den Bundes­kanzler zu seinem mit den österreichischen Farben gescymückten Kraftwagen, mit dem sich Dr. Ramek zu der ö st e r r e i ch i s ch e n G e s a n d t s ch a f t in der Bendlerstraße begab, wo er für die Dauer seines Berliner Aufenthalls Quartier nimmt. Reichs­präsident von Hindenburg gab zu Ehren des Bundeskanzlers ein FrühstückDan dem außer der Begleitung des Bundeskanzlers und der Umgebung Hindenburgs der apostolische Nuntius Pa­celli, der österreichische Gesandte Dr. Frank, Reichstagspräsident L ö b c , Reichskanzler Dr. L u - ther, Reichsminister des Auswärtigen Dr. Strese- m a n n , Reichswirtschaftsminister Dr. Curtlus und der Staatssekretär des Auswärtigen Amts, Dr. von Schubert, teilnahmen. Zu Ehren des Bundeskanzlers fand abends in der Staats­oper eine festliche Aufführung der OperF i d e I i o" statt, die einen glänzenden Verlauf nahm. Don der Staatsoper begab sich Bundeskanzler Dr. Ramek in die österreichische Gesandtschaft, wo anschließend ein Bierabend stattfand.

EinAstmahl beim Reichskanzler.

Reichskanzler Dr. Luther gab am Sonntag­abend zu Ehren des Bundeskanzlers ein Essen, an dem u. a. die Reichsminister Dr. Stresemann, Dr. Stingl, Haslinde, Marx, Dr. Brauns und Dr. Reinhold teilnahmen. 3m Verlauf des Essens begrüßte der

Reichskanzler

den Bundeskanzler Dr. Ramek mit einer Absprache, in der er u. a. folgendes ausführte: Llnzerstör- bar bestehe die treue Freundschaft zwischen dem Deutschen Reich und Oesterreich. Er gedenke be­sonders der tulturcllen Ströme, die seit alter Zeit zwischen den beiden Staaten geflossen seien. Besonders Wien sei einer der fruchtbarsten

legung wert, was sie im gesamten Osten der Alten Welt zu gewinnen haben, wenn die deutsche Politik zielbewußt die hier vorhandenen Sympathien aus­baut und ausnutzt.

Die oderschleßfche Mstimtmmgs- feier in Gppeln.

Oppeln, 29 März. (TU.) 3n Anwesen­heit des Reichsministers Dr. Külz und des preußischen Innenministers Sevcring fand ge­stern in Oppeln unter großer Beteiligung der Bevölkerung die obcrschlesische Landes-Ge­denkfeier zur fünfjährigen Wieder­kehr des Abstimmungstages statt. Die Straßen der Stadt und das Rathaus waren fest­lich geschmückt und der Menschenstrom, der sich in den Vormittagsstunden vom Bahnhof nach dem Innern der Stadt bewegte, zeugte von der regen Anteilnahme der Bevölkerung. Eingeleitet wurde die Kundgebung durch eine Feier im Oppelner Theatersaal, die mit dem Vorspiel aus denMeistersingern" begann. Dann ergriff

der ehemalige Plebifzitkommissar.

Landrat Dr. Arbcmeck

das Wort zu folgenden Ausführungen: Oberschle- fien begeht die Feier eines friedlichen Sieges; und doch sei die Freude nur halb. Bitter müsse das Anrecht an Oberschlesien beklagt werden, denn entschieden und eindeutig sei die Willenskundgebung des oberschlesischen Volkes ge­wesen. Der Deutsche habe nicht gewünscht, die Waffen zu kreuzen. Er habe das Abstimmungs­ergebnis vorgewiesen und vertrauensvoll die sank­tionierende Entscheidung abgewartet. Aber ein grausamer Machtspruch habe das Band in Fetzen zerrissen. In beiden Oberschlesien habe der Schnitt der Genfer Grenzlinie das Wirtschafts­leben in Unordnung gebracht. Die Gemeinsam- kcitsbestimmungen des Genfer Abkommens haben nicht gehalten, was man sich von ihnen versprochen habe. Es gebe nur eine Rettung: die Wieder­vereinigung beider Oberschlesien.

Darauf ergriff

Reichsminlster des Innern Dr. Külz

das Wort: Es bewahrheite sich an Oberschlesien das Wort: Je schwerere Aufgaben einem Volk gestellt seien, auf eine desto höhere Stufe steige dieses Volk. Das Tlnrecht an Oberschlesien, wie der britische Premierminister Macdonald die Zer­reißung dieses Landes genannt habe, habe Tau­sende von Deutschen vom Vaterland getrennt, aber durch die Herzen der Menschen und der Volksgenossen könne keine Gewalt der Exde eine 1

Ausgangspunkte deutscher Kultur. Die geistige Einheit sei ein unverlierbares Gut, was auch immer die politische Entwicklung der Staaten bringen möge. Seit dem letzten Besuch eines deutschen Reichskanzlers in Wien vor zwei Jah­ren hätten sich die wirtschaftlichen Verhältnisse sowohl in Oesterreich als auch in Deutschland wesentlich gebessert. Er hoffe, daß die Erkennt­nis der Rotwendigkeit verständnisvoller Zu­sammenarbeit in Europa immer mehr Boden gewinnen möge. Bei dieser Arbeit würden sich Deutschland und Oesterreich stets in gemeinsamer Front befinden.

In seiner Antwortrede führte

Bundeskanzler Dr. Ramek

etwa folgendes aus: Sie haben, Herr Reichs­kanzler, in Ihrem Trinkspruch an den Wiener Besuch Ihres hochverehrten Amtsvorgängers, des Herrn Dr. Marx und des ausgezeichneten Man­nes erinnert, der wie heute an Ihrer Seite schon Außenpolitik des Deutschen Reiches trug. Wenn damals die Last der Verantwortung für die Außenpolitik des Deutschen Reiches trug. Wenn wir von jenem für Oesterreich so erfreulichen Datum zurückdenken, an die beängstigenden und bedrückenden Sommertage von 1922, als Dr. Seipel vor Einleitung des Genfer Sanierungs­werkes zu Dr. Wirth nach Berlin kam, als Oesterreichs Privatwirtschaft niedergebro­chen schien, als Deutschlands Lage sich immer schwieriger gestaltete, und wenn wir dann mit dieser Erinnerung die heutige Situation unserer beiden Staaten vergleichen, dann glaube ich, dürfen wir wohl, den zurückgelegten Weg überblickend, eine gewisse Genugtuung empfinden.

Die ganze Welt legt nunmehr Wert darauf, der deutschen Mitarbeit auf dem Wege zu diesem herrrlichen Ziele teilhaftig zu werden. Ist es nicht ein Zeichen und vielfach das schönste, dafür, daß jahrelange Finsternis dem Hellen Lichte zu wei­chen beginnt, und, wenn auch noch zögernd und schwankend, ein neues Europa im Werden ist? Wer ist es, dem die Ehre gebührt, diese gewaltige Aenderung in der internationalen Stellung un­serer Staaten vollbracht zu haben? Es ist das deutsche Volk, das in den Werkstätten und Laboratorien, in den Kontors und auf den Aeckern Deutschlands und Oesterreichs mit Hammer und Meißel, mit Feder und Pflug, die Geschichte seines Wiederaufstieges aus tiefster Rot ver­zeichnet. Jeder Stamm des deutschen Volkes schreibt ein eigenes Kapitel dieser Geschichte. Der Rhythmus ist verschieden, aber dieSpracheist gleich und gleich ist der Glaube an eine bessere, freie deutsche Zukunft. Auf diese Zukunft erhebe ich mein Glas. Ich trinke auf das Wohl Eurer Exzellen.; und Sr. Exzellenz des Herrn Reichs­außenministers, auf das Wohl Sr. Exzellenz des allverehrten Herrn Reichspräsidenten v. Hindenburg und auf das Blühen und Ge­deihen des Deutschen Reiches.

Grenze ziehen. Die deutsche Kulturgemeinschaft werde niemand zerstören können. Sie hänge nicht von der ziffernmäßigen Stärke der deutschen Kulturträger ab, sondern von der Stärke des Kulturwillens und der Kulturkraft, die in ihnen lebendig sei. Die deutsche Regierung werde nichts unversucht lassen, das kulturelle Schicksal der deutschen Minderheiten zu erleichtern. Bor dem Rathaus sand darauf einee öffentliche Kundge­bung statt, bei der

der preußische Innenminister Sebering u. a. ausfuhrte: Es sei keine blutige Schlacht gewesen, die am 28. März 1921 geschlagen wor­den fei. 60 Prozent der wahlberechtigten ober­schlesischen Bevölkerung hätten durch die Stimm­zettel erklärt, sie seien gute Oberschlesier und blieben bei Oberschlesien, sie seien gute Preußen und blieben bei Preußen, sie seien gute Deutsche und blieben bei Deutschland im Unglück nun erst recht! Dafür danke er im Ramen der preußischen Regierung allen denen, die diesen Kampf ausgefochten und siegreich bestanden hät­ten. Heute erkenne alle Welt die Entscheidung der Interalliierten Kommission als Anrecht an. Er hoffe, daß der Irrtum der Interalliierten Kommission bald berichtigt werde. Die Grenz­mark müsse dafür sorgen, daß nicht ein Fußbreit deutschen Bodens verloren gehe.

Einladung Deutschlands zur Teilnahme an der Studien- Kommission.

Berlin, 27. Mär; (WB.) vom Generalsekre­tariat des Völkerbundes ist nunmehr an den Reichs- außenminifter eine Mitteilung über die Bildung der Studienkommission zur Frage der R a t s e r w e i t e- r u n g cingegangen. Gleichzeitig wurde die Reichs- rcgierung ersucht, dem Generalsekretär ihren V e t- tretet zu benennen, der an den am 10. Mai in Genf beginnenden Arbeiten der Studienkommission teilnehmen soll.

Ein internationaler Forftkongreh.

In den Tagen vom 29. April bis 5. Mai d. I. findet ein internationaler Forstkongreh in Rom statt, zu dem der Präsident des Inter­nationalen Landwirtschaftinstituts, das den Kon­greß gemeinsam mit der italienischen Regierung veranstaltet, auch die deutsche Regierung einge­laden hat. Die Reichsregierung wird sich auf dem Kongresse durch eine besondere Dele­gation unter Führung des Preuß. Oberland­forstmeister Hvr.- Freiherr von dem Busche vertreten kaMn^

Die Annahme des Lteuermilderungsgesetzes Bewilligung des Etats im Reichstag.

Berlin, 27. März. (DDZ. Präsident Löbe eröffnet die Sitzung um 11,30 Uhr vormittags mit der Bemerkung, er habe sehr verdächtig viel Abgeordnete mit Koffern be­merkt. Hoffentlich hätten sie nicht die Absicht, das Plenum und die Redner nach und nach im Stiche zu lassen. (Heiterkeit.) Er bittet die Partei­führer dringend, dafür zu sorgen, daß der Reichs­tag bis zum Schluß zusammenbleibe. Das Haus setzt dann die 3. Beratung des Reichshaushalts­planes fort beim Haushalt des Reichsministe­riums für Ernährung und Landwirtschaft. Hiermit wird die Frage des Getreidemonopols verbunden. Ein Antrag der Regierungsparteien will aus den Mitteln der Reichsgetreidestelle an ein unter Mitaufsicht der Reichsregierung stehen­des berufsständiges Organ einen Kredit von 30 Millionen Mark gewähren, um durch geeignete Maßnahmen Schwankungen des inländischen Roggenpreises entgegenzuwirken. Der Kredit soll bis zum 1. April 1929 zurückgezahlt werden.

Der Reichsernährungsminister ergänzte die Vorlage dahin, daß bei den Krediten für die Landwirtschaft auf eine Ermäßigung der Zins­sätze und darauf Wert gelegt werden soll, daß auch die kleinen Landwirte Kredite erhalten. Der Haushaltsetat wird darauf gebilligt. Die Ab- ftimmung über die Monopolvorlage wird aus­gesetzt.

Mit der dritten Beratung des Haushalts der allgemeinen Finanzverwaltung wird die zweite Beratung des Steuermilderuns» gesehes ;

verbunden.

Abg. Dr. Hertz (Soz.) erklärt, seine Freunde würden der Kompromißform des Steuermilde- rungsgesehes zustimmen, aber es sei sehr bedauerlich, daß Regierung und Regierungs­parteien den richtigen Grundgedanken der ur­sprünglichen Vorlage verlassen hätten. Run be­stehe wenig Hoffnung, das volkswirtschaftliche Ziel der Vorlage zu erreichen. Die jetzt btt* schlossene unzureichende Senkung der Umsatzsteuer werde keinen nennenswerten Einfluß auf die Preise üben.

Abg. Gereke (Dn.) erklärt, die vorgenom­menen Aenderungen der Steuermilderungsvor- lage als den deutschnationalen Anregungen ent­sprechend und sieht darin einen Erfolg derOppo- sitionspolitik seiner Fraktion. Darum würden die Deutschnationalen die Vorlage nicht a b l e h n e n. Andererseits würden die Deutsch­nationalen auch nicht der Regierung und dcn Regierungsparteien durch Zustimmung zu dem Gesetz die Verantwortung abnehmen, zumal auch die von ihnen verlangte Ermäßigung der Hauszins steuer nicht gekommen sei und ein klarer Plan für die Deckung des Steuerausfalls fehle. Die Deutschnationalen würden Stimm­enthaltung üben und die Verantwortung für das Gesetz der Regierung und der Regierungs­mehrheit überlassen.

Reichsfinanzminister Dr. Reinhold lehnt es ab, dem Abg. Gereke auf das partei­politische Gebiet zu folgen. Für die Regie­rung fei maßgebend gewesen, der Wirtschaft aus der schweren Krise herauszuhelfen. Das Kern­stück der Regierungsvorlage, die Senkung der älmsahsteuer, sei durch den Antrag des Winzer­ausschusses. die Weinsteuer aufzuheben, nicht ganz zur Durchführung gekommen. Es sei daher leider notwendig gewesen, die Senkung der Um­satzsteuer auf 0,75 Proz. zu beschränken, aber auch dadurch blieben der Wirtschaft annähernd drei­hundert Millionen erhalten. Auch die Preise werden dadurch beeinflußt werden. Es bleibe das Ziel der Regierung, die älmsatzsteuer auf 0,50 Prozent herabzusehen, damit die mit der, Welt verbundene deutsche Wirtschaft in ihrer Kon­kurrenzfähigkeit nicht beschränkt werde.

wir übernehmen die Verantwortung dafür, daß durch die steuerlichen Veränderungen keine An­ordnung im Etat ungerichtet wird.

Von wesentlicher Bedeutung für die Wiederbe­lebung der Wirtschaft ist auch die Aufhebung der Luxus st euer, die für manche Industrien für die Entwicklung der Qualitätsarbeit ein Hemmnis war. Das Steuermilderungsgeseh ist nur ein Teil des umfassenden Programms, mit dem wir die Wirtschaft beleben wollen. Dazu gehört auch die geplante Vereinfachung der Verwaltung. Wir sind dem Reichstag dankbar, für die Beschleunigung seiner Arbeit, die es uns ermöglicht, die Steuermilderungen schon am 1. April in Kraft zu setzen. (Beifall.)

Die Getreidehandelsvorlage wird dann in namentlicher Abstimmung mit 191 gegen 170 Stimmen bei 4 Stimmenthaltungen a n g e nomin en. Dagegen stimmten geschlossen die Kommunisten und die Sozialdemokraten. Ein­zelne Reinstimmen wurden auch aus der Mitte abgegeben.

In der Weiterberatung des Steuermilderungs- gesehes tritt Abg. Brüning (Ztr.) für die Vor­lage ein. Es wäre zwar eine stärkere Senkung der Umsatzsteuer wünschenswert gewesen, aber der Un­terschied gegenüber der Regierungsvorlage sei nicht so groß, daß er die wirtschaftliche Wirkung des Ge­sehes ändern könne. Die Zustimmung zu dem Kom­promiß ist uns erleichtert worden durch die Zu­sage, daß die Not der ausgesteuerten Gr- werbslosen durch eine Verlängerung der Un­terstützungsdauer gemildert werden soll.

Dringend notwendig ist eine Senkung der Real, steuern und der hauszinssieuer.