7. Fortsetzung.
Nachdruck verboten.
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„Der Chef zu sprechen?"
Unendlich hochmütig und von oben herab- fielen die Worte. Banselow gab artig zur Antwort: „Gewiß, Herr Mühlfeld. Er ist in seinem Sprech» zimmer."
Ohne für die Auskunft zu danken, leicht anklopfend und das „Herein" gar nicht abwartend, trat der Besucher ein.
Lorenzen stand mit sorgengefurchter Miene an einem Stehpult und blätterte in seinen Geschäftsbüchern.
„Morning, dear friend!"
Der Bankier schaute auf. Bor ihm stand lächelnd der Freund, gekleidet in taubengrauem Herrenreiter- drcsz, mit Breeches und Sporen, die schlanke Gerte tändelnd in der Hand, die Mütze tief in den Stopf gedrückt. Dem englischen Eindruck der Erscheinung entsprachen die Begrüßungswörte — Mühlfeld war der Mensch gewordene Formenstil.
Wie im Traum stand die Blinde, und statt aller Antwort fragte sie dringend: „Heute noch, Vater, heute noch wird er kommen?"
Warm drückte ihr der Vater die Hand. „Heute noch, Margot. Mit dem Abendzug wird er kommen."
VII.
Die Hände auf das klopfende Herz gepreßt, stand das Mädchen: da trat Andrea ins Zimmer. Lorengen war ans Fenster getreten und blickte gedankenvoll in den Garten.
„Thomas!"
Der Bankier fuhr herum. „Du wünschst, Andrea?"
„Sag'. Thomas, du hast ja wohl Rennkarten besorgst. Rechnest du darauf, daß ich mitgehe?"
„Es wäre mir lieb, Andrea. Doch aus dem Ton deiner Worte schließe ich —"
„Ganz richtig. Ich möchte lieber zu Hause bleiben. Indessen wenn es dir Freude macht —"
„M i r Freude?" Der Bankier schaute sic prüfend an. „Na gut," sagte er ruhig, „bleiben wir also zu Hause."
„Nein, geh' d u nur! Ich mach' mir nun einmal nichts aus dem Rennen. Das weißt du ja."
Gereizt klang seine Entgegnung. „Mir macht die Geschichte doch wahrhaftig auch kein Vergnügen. Aber die Gesellschaft verlangt's nun mal, daß man sich zeigt."
Margot trat zu Andrea und schlang den Arm utfi ihre Hüfte. „Du warst gewiß wieder die Schönste auf dem Rennplatz! Weißt du noch, wie die Zeitung dein Wintersportkostüm vom Eisfest beschrieben hat?"
„Das ist's ja gerade, Margot," antwortete Andrea, „das Aufsehen ist mir so zuwider."
„Nun, was d a s betrifft", sagte Lorenzen nicht ohne Spott.
Hastig fiel ihm die Gatin ins Wort: „So kann ich ja einfach gehen, willst du sagen? Lieber Thomas, auch die Rolle des Aschenputtels unter Pfauen ist nicht nach meinem Geschmack."
„Schon gut, schon gut — wir bleiben also! Ohne dich geh' ich auch nicht.
„Das ist unklug, Thomas! Du sagst es ja selbst: Ein Mann von deiner gesellschaftlichen Position muh sich überall zeigen."
„M i t seiner Frau, gewiß."
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Sein oder Nichtsein
Ein Kriminalroman von der Wasserkante.
Von Moritz Schäfer
„Das sind die Anschauungen der Provinz", meinte sie hochmütig.
„Nun. auch Hamburg liegt nicht an der Spree", gab er ironisch zurück. „3m übrigen wollen wir unter die Renngeschichte den Schlußpunkt setzen. Die Karten schick' ich Vanselow, der hat ohnehin seinen freien Nachmittag."
Er ging, und die Tür flog in großem Schwung sperrangelweit auf. Aber schon hatte sich Lorenzen wieder in der Gewalt, und langsam, leise, der guten Sitte gemäß, fiel die Klinke ins Schloß.
Margot stand am Fenster und ein leiser Schauer rieselte über ihre zarte Gestalt.
„Die Sonne ist verschwunden, Andrea", sagte sie, und Traurigkeit war in ihrer Stimme. Die An- rede „Mutter" vermied das Kind, sie dünkte ihr deplaziert der nur wenig älteren Frau gegenüber. Aber eine tiefwurzelnde Sympathie zu der Gefährtin ihres Vaters lebte in dem empfänglichen Gemüt des Mädchens. Zugleich aber liebte sie den Vater mit aller Kraft ihres kindlichen Empfindens, und es tat ihr in der Seele weh, daß sie die Schatten fühlte, die im Elternhause trennend auf- wuchsen.
„Ja. die Sonne," erwiderte Andrea und ihr Ton klang verschleiert, „die reut es wohl, daß sie so vorzeitig geschienen hat."
„Komm mit mir in den Garten," bat Margot, „vielleicht kommt dort die Sonne wieder." Und eng- verschlungen gingen sie hinaus.
Unterdessen war Mühlfeld in den Geschäftsräumen erschienen.
stellt sich mir doch sehr rasch wieder in den Weg."
„Na nu, Sie tun ja, als sei demnächst Matthäi am letzten! Sie haben doch bisher so schön allen möglichen Konjunkturen standgehalten — ist denn eine Hexe über den Weg des Weidmanns gelaufen?"
„Hören Sie zu, Mühlfeld! Ich habe schlimme Tage gehabt, weit schlimmer, als Sie ahnen. Aber das Aergste ist doch überwunden. Ich könnte ausatmen. wenn ich wüßte, woher ich die Mittel nehmen soll, um Ihr Depot zu ergänzen! Glauben Sie mir, die fehlenden 150. Millionen brennen mir auf der Seele!" —
„Gestatten Sie mir eine Zwischenfrage: Die Depots Iyrer übrigen Kunden, sind die intakt?"
Lorenzen fuhr, wie von einem Peitschenhieb getroffen, zurück. „Mühlfeld," rief er und starrte den überlegen Lächelnden ins Gesicht, „was denken Sie von mir?! Gott sei Dank, es haftet fein Makel an dieser Hand."
Da regte sich's saunisch in dem Gesicht des Andern, und Lorenzen leicht .in die Seite tippend, meinte er selenruhig: „Sie wissen ja, das mit dem „Makel" sind Auffassungssachen! Im übrigen braucht es der großen Worte nicht, lieber Thoma-TT^was ich soeben fragte, war ein kleiner Scherz für Minderbemittelte! Was nun die 150 Millionen betrifft, die Sie mir noch schulden, so lassen Sie sich darüber die Haare nicht noch grauer werden, als sie bereits geworden sind. Ich wollte mir zwar die Lach- mannsche Villa kaufen, wissen Sie, das hübsche Besitztum am Hafen —"
„Dann werde ich das Geld auftreiben und —"
„Und dabei ins Metzgermesser rennen! Nee, mein Lieber. Ich kann warten mit der Villa. Meine alte Gar?onwohnung tut’s noch eine Weile! Und das Geld stunde ich Ihnen — na, sagen wir mal, bis zum Johannitertermin. Prolongation nicht ausgeschlossen!"
Lorenzen sah ihm tief in die Augen und preßte seine beiden Hände: „Treuer Freund, das werde ich Ihnen nie vergessen!"
„Quatsch! Sic wissen, ich liebe die großen Worte nicht. Und nun machen Sie, daß Sie endgültig aus dem Schlamassel herauskommeni"
„Ihr Geld gibt mir die Möglichkeit! In ein paar Tagen, so hoff' ich bestimmt, ist die Krise überwunden. Sie wissen, ich pflege nüchtern zu rechnen —"
„Manchmal z u nüchtern. Na, Schwamm drüber! Und jetzt den Kopf wieder hoch, Thomas! — Wie ist's also mit dem Rennen?"
„Icy kann nicht, Fedor!"
(Fortsetzung folgt)
Lorenzen kam ihm mit ausgestreckten Händen entgegen. Die Geste sagte dem Vielerfahrenen sofort, woran er war. Der Bankier verriet durch seine Hast, fein Bestreben, die Gunst des Besuchers zu bewahren, obgleich er ihn im Innersten seiner Seele verachten mußte, daß er noch immer tief in der Klemme steckte. Mühlfeld kam seinem Ziele täglich näher, die Verhältnisse arbeiteten für ihn.
„Der Tag ließ sich sehr schön an, jetzt ist das Wetter wieder unsicher geworden. Wird aber trotzdem ein feudaler Besuch werden auf der Rennbahn."
„Ja, das glaube ich auch." Zerstreut und unsicher kam die Erwiderung Lorenzens.
„Denken Sie," fuhr Mühlfcld in spielerischem Tone fort, „Marly" läuft nun doch im Handicap. Die Stute hat zwar gestern noch ein bißchen gehustet, aber heute morgen ist sie wieder ganz in Form. Was sagen Sie dazu?"
Lorenzen, der ganz andere Dinge im Kopf hatte, antwortete erschöpft: ,Das ist ja sehr interessant."
Aber Mühlfeld übersah die Teilnahmslosigkeit seines Gegenüber geflissentlich. Ganz in seinem Fahrwasser, Sportsmann von Kops bis zu den Füßen, begann er, die Chancen der Stute weiter zu zergliedern. „Marly," so schloß er, „wird eine famose Nummer für den Totalisator. In den Augen der Menge gilt die Stute als Outsider: aber ich weiß, was sie kann. Sie hat ein großartiges Stehvermögen, und Robber pumpt schon alles raus, was in ihr steckt. Geben Sie acht, Lorenzen, „Marly" macht das Rennen. Wenn Sie ein paar Lappen auf sie riskieren wollen — ich glaube, ich darf Ihnen zuraten.
„Ich komme überhaupt nicht zum Rennen, lieber Fedor!"
„Na nu, was soll das heißen?" Mühlfeld tat ganz entsetzt.
„Sie können sich denken, lieber Freund, daß mir der Kops jetzt nicht nach Pferdesport steht. Und meiner Frau auch nicht."
„Unsinn. Thomas! Gewiß, ich kann's mir ja vorstellen, die ungünstigen Konstellationen der letzten Zeit haben Ihnen den Kops ein bißchen heiß gemacht. Um so mehr brauchen Sie Ablenkung.'
„Ablenkung," das Wort fiel schwer, fast keuchend, „Mühlfeld, ich weiß, wie das mit der sogenannten Ablenkung ist. Es geht wie beim „Sorgenbrecher" Wein. Er bricht die Sorgen nicht, er betäubt nur uns den Kopf, daß wir nicht mehr klar sehen, und wenn der Rausch verflogen ist, sitzt die Sorge noch immer an unserem Bett und strickt. Was nützt's, wenn ich mich ablenke — die brutale Wirklichkeit
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