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reichend bewiesen haben, daß Gewissen, Ehre und Portemonnaie für sie Begriffe sind, die mehr oder weniger identisch sind. Hier hake ein jeder ein dann können und werden wir dem deut­schen Tirol Erlösung von seinen Leiden bringen! SinProtestdesTirolerLandtags.

Innsbruck, 28. Ian. «Wolff.) Don den Vertretern aller drei politischen Parteien im Tiroler Landtag wurde an den Landeshaupt­mann eine Interpellation gerichtet, die eine Intervention der Bundesregierung gegen das von der italienischen Regierung er­lassene Dekret, das die 'Ausweisung a u s - ländischer Handels- und Gewerbe­treibenden in den innerhalb einer Entfer­nung von 30 Kilometern von der Grenze ent­fernt liegenden 'Bezirken gestattet, verlangt. Die Interpellation schlägt vor, Vorstellungen bei der italienischen Regierung zu erheben, und falls diese ergebnislos bleiben sollten, solche beim Völkerbund zu erheben. Sollten diese Schritte keinen Erfolg haben, so werden Gegen- mahnahmen im Sinne der einschlägigen Bestim- mungen. des österreichisch-italienischen Handels- verttages vorgeschlagcn. In die 30-Kilomeler- zone fallen, wie weiter gemeldet, das ganze Vintschgau einschließlich der Stadt Meran mit ihren Hotels, die zum Teil im Besitz von Reichsdeutschen sind, das E i s a k t a l bis ren und das P u st e r t a l bis Franzensfefte. Rach Artikel 2 des Dekrets kann Ausländern, die im Monat der Veröffentlichung des Gesetzes, eine Konzession zur Ausübung dieses Berufes besitzen, diese mit dreimonatlicher Frist ent­zogen werden. Unter das Dekret fallen u. a. die Gastwirtsgewerbe, -Theater, Kino. Heilanstal­ten. Apotheken usw.

Deutschfeindliche Demonstrationen in Italien.

Rom, 29. Jan. (TU.) In den ilninerfitatS- städten Florenz, Bari. Catania und Mailand fanden Studenten-Demonstrationen als Protest gegen die deutsche Boykottbewegung statt. Es ist nicht ausgeschlossen, daß es auch in R o m zu Studenten-Demonstrationen fommen wird. Die Stimmung in der römischen Studentenschaft ist besonders erregt, da angenommen wird, das; hinter der deutschen Pressekampagne im Auslande lebende Antifaschisten stecken.

Chamberlain in Paris.

Locarnovertraq und Abrnftunqsko ferenz.

Paris, 28. Jan. (WTB.) Wie angekündigt, hatten der englische Staatssekretär für Auswärtiges, Chamberlain, und Außenminister Briand heute vor­mittag 10 Uhr eine Unterredung, die bis gegen 12.15 Uhr dauerte. Nach der Besprechung wurden die Vertreter der ausländischen Presse von den beiden Staatsmännern empfangen. Wie Havas hierüber be­richtet, erklärte Briand, Chamberlain und er hätten nur einen einfachen Meinungsaustausch ge­pflogen und über die verschiedenen von ihnen ge- sfreiften Fragen keine Beschlüsse gefaßt. Chamberlain habe infolge seines längeren Aufent­halts im Süden etwas die Fühlung mit der Polittk verloren. Bevor er also irgendeinen Beschluß faste, sei es ganz natürlich, daß er ein wenig näher die Angelegenheiten prüfe, die heute vormittag gestreift worden seien. Chamberlain bemerkte alsdann unter Hinweis auf feine zweimonatige Abwesenheit von London, der Meinungsaustausch, den er so­eben über gewisse Frankreich und England besonders 1 interessierende Fragen mit Briand gehabt habe, f laste keinen Zweifel darüber, daß Briand und er Mittel finden wurden, in Zukunft ebenso zusammen- . zuarbeiten wie bisher.

Wir sind, so fuhr Briand fort, auf keine un­überwindlichen Gdymterigfeiten gestoßen. Die Ent­scheidung wird daher rasch getroffen werden. Zur Frage der

Stärke der Vesaßungstruppen im Rheinland erklärte Dricmd, diese Frage sei von den beut» fchen Zeitungen polkmisch behandelt worden, würde aber im Geiste von Locarno ge­regelt werden dadurch, daß man einerseits die Lasten der deutschen Bevölkerung auf das Mindestmaß herabsetze und andererseits der Sicherheit der alliierten Trup­pen Rechnung trage, oeit Locarno sei übrigens ein großer Teil der Wünsche Deutschlands bereits verwirklicht worden. Was noch zu regeln sei, werde leicht zu lösen fein. Ebenso werde auch die Frage der Entwaffnung demnächst ihre Lösung finden.

Chamberlain erklärte, man dürfe nicht auf das sehen, was noch zu tun sei, sondern müsse vielmehr das überblicken, was seit Locarno getan worden fei. Das stelle einen ungeheuren Fortschritt dar. Wenn man derartige Ergeb­nisse für Anfang dieses Jahres vorausgesagt hätte, würde niemand daran geglaubt haben. Das müsse für die Zukunft Mut einflößen. Mit beidersettigem guten Willen, denn der Geist von Locarno müsse wech,eiseitig vorhan­den fein, werde man alle noch schwebenden Probleme lösen. Lieber den Zeitpunkt des Zu- sammentritts der vorbereitenden

Abrüstungslonfereuz machten die beiden Minister keine genaueren Angaben. Beide betonten zum Schlüsse ihre Ansicht, daß das Gesuch Deutschlands, um Auf-- nahme in den Völkerbund unmittelbar bevor» stehc

Vor Vertretern der englischen Presse wie­derholte Chamberlain im großen und gan­zen das, was er und Briand nach Beendigung der Konferenz den Verttetem der französischen Presse erklärt hatten. Auf die Frage, ob er glaube, daß zwischen Deutschland und den anderen Signataren über das Abkommen von Locarno Meinungsverschiedenheiten in der Auslegung entstehen könnten, erklärte Chamberlain, cr glaube nicht an ^nterpretationsschwierigkeiten. Auf die Frage, ob Deutschland alles tue, was möglich sei, um seine Abrüstungsverpflichtun- gen zu erfüllen, erwiderte Chamberlain.Ja all es.

Bei einem Essen, dos von der Gesellschaft derFreunde Frankreichs" gegeben wurde, sagte Chamberlain: Eine Empfindung, die ich aus» prechen mochte, ist die, daß wir bei den hervor­ragenden 03 er freiem Deutschlands in Locarno die Ueberzeugung gefunden haben, daß die fran- zösisch-briiische Freundschaft nicht gegen ihr Land gerichtet ist. So ist eine Politik des Wieder­aufbaues möglich unter der Mitwirkung der Feinde von gestern. Das ist ein neuer Grund, um zu hoffen, daß wir in Zukunft nicht mehr

derartige Prüfungen erleiden, unter denen die Völker gelitten haben. Wenden wir uns mit Ent­schlossenheit zur Zukunft und halten wir um jeden Preis die französisch-englische Freundschaft aufrecht."

Der spanische Botschafter Quino n es de Leon hat heute abend zu Ehren Chamberlains ein Festessen gegeben, an dem u. a. Briand, der englische Botschafter Lord C r e v e und der Generalsekretär im Außenministerium, Philippe Berthelot teilnahmkn. Chamberlain wird morgen vormittag 10 ilfjt die Rückreise nach London antreten.

Die zinanzdebatte in Frankreich

Paris, 29. Ian. (TU.) Dis Kammer hat die Aussprache über die Finanzpläne am Donnerstag wieder ausgenommen. Der Generalberichterstattcr der Finanzkommission, Lamoureux, gab zu, daß die Regierungsvorlage zwar beträchtliche Vor­teile aufweise, daß jedoch die Nachteile überwiegen. Der Hauptunterschied zwischen beiden Plänen sei der. daß die Regierungsvorlage neue Steuern in Hohe von 3 800 000 000 Franken vorsehe. La­moureux hält den Vorschlag auf Erhebung neuer Steuern für den größten Fehler. Die Verkaufs­steuer des Regierungsentwurfs werde sicher als die unpopulärste aller Steuern angesehen werden. Der Entwurf der Kommission erziele Ersparnisse an Ausgaben von über 500 Millionen, auch schlage er eine Revidierung der bestehenden Steuern und eine gerechtere Verteilung vor und mache die Einfüh- tung der Verkaufssteuer überflüssig. Der Redner behauptet, daß der Kommissionsbericht die Möglich­keit einer vollständigen Bilanzierung des Budgets gebe und auch die Möglichkeit schaffe, mit der Amortisierung der Schulden zu beginnen.

Der Sozialist Vincent A u r i o l erklärte, die Regierung müsse nunmehr sagen, ob sie an ihrem Gesetzentwurf festhalte, oder ob sie bereit fei. den Gesetzentwurf des Finanz-Aus- schuffcs anzunehmen, oder ob ein Ausgleich zwischen beiden Gesetzentwürfen möglich fei. 'Der Abgeordnete stellt fest, daß von dem Gesetz­entwurf Dourners, der 8800 Millionen einbrin­gen solle, nur 2200 Millionen definitive Ein­nahmen übrig geblieben seien. Wenn man dem­gegenüber die Vorschläge des Finanzausschusses betrachte, so zeige sich em besseres Bild um fa mehr, als nach seiner Ansicht der Regierungs- entwurf schon im nächsten Budgetjahr ein Defizit von 41 j Milliarden bringen werde.

Vincent Auriol wendet sich insbesondere gegen die Tlebennnsatzsteucr, die seiner Ansicht nach nur eine Verteuerung der gesamten Lebens­haltung, Erhöhung der Löhne und letzten Endes Inflation, Wirtschaftskrise und Arbeitslosigkeit herbeiführen werde. Aus Diefem Kreis komme man seit 1920 nicht mehr heraus.

DerTemps" glaubt zu wissen, daß der 'Finanzminister bereit fei, ein Komp r omiß anz «nehmen, welches darin bestehe, daß die Ver­kaufssteuer durch eine Produktiv ns ft euer ersetzt werde. Gegen diese Prvduktionssteuer hätten die Linksgruppen mit Ausnahme eines Teils, der Sozialisten nichts einzuwenden. Zu diesem Entschluß habe sich der Finanzminister auf Grund eines Berichtes aufgerafft, der ihm von Sachverständigen des Finanzministeriums aus Druffel erstattet worden fei. Die Be­amten feiert nach Belgien entsandt worden, um sich von der Wirkung dieser Steuer, die in Bel­gien bereits bestehe, zu überzeugen. Auch in den Wandelgängen der Äamnier werde ange­nommen, daß ein Kompromiß möglich sei.

Die Trauerfeier für Kardinal Mercier.

Brüssel, 28. Ian. (Wolff.) Die steMiche Hülle des Kardinals Mercier wurde in. Me - cheIn von dem erzbischöflichen Palast nach dem Bahnhof gebracht, von woher sie durch Ertrazug nach Brüssel befördert wurde. Die ütaDt hatte große Trauer angelegt. Der Sara wurde am Bahnhof von dem König, dem Prinzen Leo­pold und den Behörden in Empfang genommen und nach der Kathedrale geleitet, wo der Gottesdienst gehalten wurde. Die sterbliche Hülle des Kardinals wird den ganzen Tag in der Kathedrale ausgestellt bleiben und soll am Abend nach Mechcln zurückgebracht werden.

Ministerpräsident Kato f.

Tokio, 28. 3an. (121.) M i n 1 st e r p r ä s i. denk ft a f o ist plötzlich gestorben. Die Ursache des Todes des japanischen Alinlskerpräsiderrlen ist eine £angenen(yän>ung gewesen, der der durch Leberarbelt geschwächte Körper ftako nicht zu widerstehen vermach!?. Innenminister Daka- l s u t i wurde unter Beibehaltung seines bisherigen Portefeuilles als Nachfolger Kalos zum Pre­mierminister ernannt.. Reichsaußenministcr Dr. Strebe mann hat dem japanischen Dol- schaster das Beileid der deutschen Reziettmg ans- gebriirft.

Der Tod Katos iällt in ei;t: Zeit sowohl innen- wie außenpolitischer Krisen des Mikado- Reiches: im Innern durchlebt das Land die Zeit der Anfänge erbitterter sozialer Kämpfe, denen das japanische Kabinett im vorigen Jahr die Spitze durch die Ausdehnung des Wahlrechts in verhältnismäßig großem Umfange zu nehmen suchte. Wirtschaftlich ist Japan auch von Kato, dem mehrfachen Ministerpräsidenten und Außen­minister. nicht auf das ruhige Geleis einer steten Entwicklung gebracht worden. Mehr als andere Staaten hängt das übervölkerte Japan von der Klarheit außenpolitischer Verhältnisse ab. Für das Mikado-Reich spielt da der ostasiatifche Kon­tinent die hervorragendste Rolle, abgesehen von Inseln des Pazifiks. Japan vermag aber feine naturnotwendigc- Expansion nicht isoliert von an­deren Großmächten, sondern nur in Verbindung mit dieser oder jener, mit der einen ober anderen Cruppierung vor der llntc -Jtnbung zu schützen. Die Einstellung Katos zu D e u t s ch l a n d ist aus den ersten Jahren des Weltkrieges in Erinne­rung. als Kato Auhemninister war. Deutsch­land den Krieg erklärte und an China die bekannten 21 ftorberungen richtete.

Diese Forderungen w edermn stellten die Merrmale der Kato-Polttck hinsichtlich Chinas dar, die bei Unterstützung der Kensettai-Partei ein Zusammengehen zwischen Japan, England und Rußland, ohne Rücksicht­nahme auf China, zur Richtlinie hatte. Obwohl Kato seinerzeit die Zurückziehung japanischer Truppen aus Sibirien sorderke, hat er im bol­schewistischen Rußland nie die politi­schen Gemüter fiir sich gewinnen können. Aller­

dings verdankt Rußland seine heutige Stellung in Ostcrsien den Versuchen Katos, auch mit den Sowjets zusammenzuarbeiten, und zwar vornehm­lich aus wirtschaftlichen Gründen und aus der Erwägung heraus, daß gerade ein bolschewistisches Rußland den japanischen Interessen auf dem vst- asiatischen Kontinent gefährlich werden konnte. Es ist wohl auch noch feiner Politik zuzuschreiben, daß Rußland und Japan sich jetzt zur Reuem- teilung der Interesserrfphären in der Man­dschurei zusammenfinden. Das angelsächsische Problenr bleibt für Japan aber, dank seiner wirt­schaftlichen Verknüpfung mit den englischen Kolo­nien, insofern offen, als es sich schließlich doch ent­weder für Amerika oder England wird entscheiden müssen.

6. Reichslandbundlag in Rassel.

Kassel, 28. Ian. (TU.) Unter gewaltiger Beteiligung es wurden nrehr als 10 000 Teil­nehmer gezählt 7- trat heute in Kassel der 6. Rcichslandbuirötag zusammen, mif dem der kurhessische Landbund tag und der zweite Reichs» junglandbundtag verbunden waren. In den vier größten Sälen Kassels fanden die Parallelver­sammlungen statt, die sämtlich überfüllt waren. Als erster Redner sprach der Präsident d es Reichslandbundes, Hepp, überDie Pflichten des deutschen Landvolkes zur Selbst­behauptung". Er führte u. a. aus:'Sei' hvch- intensiviertcste landwirtschaftliche Betrieb ist am stärksten der Katastrophe ausgesetzt. Der Reichs- landvunö bekennt sich zur R o tg emei n s ch a f t der Wirtschaft. Die Agrarkrife rüttelt am Fundament von Wirtschaft und Staat. Die Wie­derherstellung der Rentabilität der Wirtschaft ist eine Frage der Wiederherstellung des Gleich­gewichtes zwischen den Preisen für landwirtschaft­liche Betriebsmittel und Erzeugnissen. Das Wich­tigste sei jetzt die Schassung eines deutschen Bin­nenmarktes. Im Osten habe die Siedlung die große nationale Ausgabe der Erhaltung des Deutschtuins und des Schutzes deutschen Landes vor der Ueberflutung durch das Slawentum. Der Reichsland Hund fordere daher in diesem Augen­blick der Rot das Reich und den Staat unter Zurückstellung weniger wichtiger Aufgaben auf, alles daranAusetzen, die Siedlung zu unterstützen.

Darauf sprach Reichslandbundpräsident Graf von Kalkreuth über:Wege zur Gesundung der deutschen Wirtschaft". Er führte u. a. aus:Die Lage der deutschen Wirtschaft ist im Laufe dieses Jahres ungeheuer viel ernster geworden und die Landwirte stehen in einem schweren Kampf um ihre nackte Existenz. Der Reichsiandbund wird der neuen Regierung objektiv und sachlich gegenübertreten. Die größte Gefahr für die Landwirtschaft ist das Damottes--. schwere der kurzfristigen Wechselver- schuldung. Das deutsche Volk muß sich heute mit teueren und ausländischen Getreiden ernäh­ren, vährend- deutsche Eetreide in großem Tim­fang zu weit unter dem 'Weltmarktpreis lie­genden Preisen ausgeführt werden muß. Richt Zwangswirtschaft, sondern Wiedereinschal­tung der freien Konkurrenz auf allen Gebieten der deutschen Wirtschaft ist notwendig."

Rach den mit stürmischem Beifall aufge­nommenen Referaten legte die Vorsitzende des Verbandes der ländlichen Hausfrauenvereine, Frau von der Maisburg- Escheberg, für die Frauen das Gelöbnis ab, mitzuarbeiten an der Hebung der Landwirtschaft und der Ertüchtt- gung der Jugend. Weitere Grüße richtete der Vorsitzende des Reichsjunglaridbundes. Kaiser- Holzhausen, an die Versammlung, der zugleich die Grüße der Oefterreichischen Jugend über­brachte.

Etcuberalung im Preußischen Landtag.

Berlin, 28. Ian. Der Landtag setzt die erste Beratung des Haushalts für 1926 fort.

2lbg. Waentig (S03.): So erfreulich es ist, daß der Haushalt für 1926 unter gewissen Voraussetzungen balanciert, so bedauerlich sind die Mittel, die zu diesem Zwecke angewandt wer­den müßten. Zwischen den Zeilen lese man sehr viel von Verzichten auf Kufi uraufgaben. Rur über eine gesunde Volkswirtschaft werden wir wieder zu einer kraftvollen Finanzwirtschaft kom­men. Dabei spielt die mögliche Sparpolitik keine entscheidende Rolle. Besser wäre ein vermehrtes Sparen in der Privatwirtschaft.

Abg. v. d. O st e n (Dntl.) betont, daß die Deutsch- nationalen mit dem Finanzminister einig wären, daß jetzt mit dem Sparen ernst gemacht wer­den mußte. Der Etat für 1926 bringe an Verwal­tungsunkosten und Ausgaben 100 Proz. mehr als der von 1913. Ein Teil der Schuld daran frage die Einführung der D i e n st a l t e r 2 g r e n z e. (Sehr richtig rechts.) Dabei seien die Deamtengehälter keineswegs ausreichend. Die neue Landgemeindeord­nung, wenn sie Gesetz wird, wird dann erheblich mehr Ausgaben bringen. Die ganze deutsche Volks­wirtschaft zeige eine Extensiviecung. Notwendig sei die Hebung der Kaufkraft des Inlandmarktes, wäh­rend eine große Anleihepolitik wegen der Zinsen­last abgekehnt werben müßte. Für die Gesundung unserer Wirtschaft sei eine Reduzierung der Zins­sätze unumgänglich notwendig. Notwendig seien billige und langfristige Kredite für die Landwirt­schaft.

Abg. Schmedding (Z.): Man müsse, um wenigstens eine Ermäßigung der Hauszinssteuer ermöglichen zu können, an den Ausgabepositionen Abstriche machen, und zwar nicht nur bei den Personalkosten, die 74,3 Proz. Der sonstigen Aus­gaben betrügen, sandern auch bei den sachlichen Kosten. Er empfiehlt als Radikalmittel einen Abstrich von 10 Proz. überall da, wo nicht ge­setzliche oder vertragsmäßige Verpflichtungen vor- liegen. Es sei höchst bedenklich, wenn, das Reich soziale Steuererleichterungen unter gleichzeitiger Belastung der Länder mit neuen Ausgaben ein­führt und die Länder zur Erhöhung unsozialer Steuern zwingt.

Abg. Dr. W i e m e r iDt. Vpt.si Die Anspan­nung der HauSzinssteuer fordere schärfste Bedenken heraus Die Steuer müsse schleu­nigst abgebaul werden. Redner tritt für eine durchgreifende Derwaltungsresorm durch Verein­fachung der Verwaltung und Verkleinerung des Deamtenapparates ein. Auf steuerlichem Gebiete bedürfe die Gewerbesteuer dringend einer Re­form.

Weitere Aussprache Freitag 12 Ahr.

Los von der Agitation.

Sozialdemokraten und Kommunisten haben den Volksentscheid über die sog. Fürstenabfin­dling beantragt und im Untersuchungsausschuß hat der sozialdemokratische Aba. Dittmann zu einem großen agitatorischen Vorstoß gegen die kaiserliche Marine ausgeholt. Täglich zweimal wird der Zeitungsleser durch neue Sensationen mehr über­rascht als erfreut. Der einzige Erfolg, vielleicht auch der Zweck, dieserMassen- und Riesenagitations- Unternehmungen" ist eine weitere Verschär­fung der Gegensätze und unheilvolle Zerklüftung desVolkes.

Jedenfalls darf man bezweifeln, daß Sozialdemo­kraten und Kommunisten an den praktischen Erfolg des von ihnen beantragten Volksentscheides glau­ben. Es besteht bei vorsichtiger Berechnung ihrer Chancen kaum eine Aussicht, daß sie rund 20 Mil­lionen Wähler für den Volksentscheid an die Urne bringen. Ist es doch seinerzeit den Hindenburg- Parteien in dem entscheidenden zweiten Wahlgange nur gelungen, für den jetzigen Reichspräsidenten 16,6 Millionen Wähler zur Stimmenabgabe zu be­wegen. Dpr radikale sozialdemokratisch^onimunistische Antrag auf Enteignung durfte aber von vorn­herein eine große Mehrheit aller An­hänger des Privateigentums gegen f i ch haben, insbesondere das ganze katholische Volk, das keinen Fall schaffen will, auf den sich bet einer anderen politischen Konstellation die Gegner des Kirchentums berufen könnten, wenn sie einmal den Augenblick für gekommen halten sollten, eine Enteignung der Kir ch env e r m ö g en zu bean­tragen. Auch wird die Bekämpfung des Volksent­scheides dadurch einfach, daß die Gegner nur Wahlenthaltung zu proklamieren brauchen, und sich also auf die einfachste Form der Abwehr, die absolute Passivität beschränken können. Erft recht dürfte für die sozialistisch-kommunistischen An­tragsteller jede Aussicht geschwunden sein, wenn es den bürgerlichen Parteien der Mitte gelingt, sich auf einen Kompromißvorschlag zu einigem dem beide Teile, Staat und Fürsten, billigerweis» annehmen könnten. Diese naheliegenden Berechnungen haben die kommunistischen und sozialdemokratischen Parteitaktiker sicherlich auch schon angeftellt. Die Sozialdemokratische Partei hat sich bekanntlich auch erst durch die kommunistische Agitation entschlossen, den Volksentscheid mit zu beantragen. Wozu also diq ganze Agitation, wenn sie nicht Selbstzweck ist und parteipolitische Ziele verfolgt?

Der Vorstoß D i t t tn a n n 5 im Untersuchungs- ausschuß hat jetzt schon die berechtigte Empörung aller ruhig und gerecht Denkenden hervorgerufen. So einfach, wie Herr Dittmann die Dinge darzu- ftelleu beliebte, daß die Unabhängigen und die Kom­munisten Unschuldlämmer, die kaiserlichen Offiziere aber Verbrecher und die Admirale unfähige Leute sind, liegen die Dinge doch weiß Gott nicht. Man könnte diese Dittmannschen Uebertreibungen fast ko­misch finden, wenn sie nicht beschämend wären, beleidigend für die ehemalige kaiserliche Marine, vor allem ungerecht, weil die Imponderabilien nicht berücksichtigt werden, die durch den Krieg ge­geben waren und von den verantwortlichen Leitern der Flotte berücksichtigt werden mußten. Das agi­tatorische Bedürfnis ist entscheidend, wäh­rend man auch in der rüden Begleitmusik jeden Ver­such vermißt, die beurteilten Geschehnisse aus der Zeit und den Zettumständen zu verstehen. Agita­tion um jeden Preis! Dabei werden sich die Kommunisten nicht einmal der grotesken Rolle be­wußt, die sie dabei spielen: sie sind doch die be­rufenen und bestellten Verteidiger der bolschewisti­schen Regierungsmethoden, die auf dem reinen Macht- und Gewaltprinzip aufgebaut sind.

Los von diesen reinen Agitationsmethoden! Wir haben genug, übergenug, wirklich genug davon! Was soll uns der Rückblick auf das ewig Gestrige nützen? Wozu immer neue innere Schuldfragen schaffen, über die sich das deutsche Volk nie eini­gen, sondern immer weiter entzweien wird. Schauen wir doch endlich einmal vorwärts, nur v 0 r - wärtsauf die ungeheure Fülle der wirtschaftlichen und politischen Aufgaben, die Staat und Wirtschaft lösen müssen, wenn das deutsche Volk leben soll. Wenn etwa die Sozialdemokratie glaubt, daß sie mit ihren neuen Agitationsfeldzugen Der Republik nützt, ist sie arg auf dem Holzwege. Bester märe es, wenn man rechts und links unter das Ver­gangene überhaupt einen Strich machte. Die Kräfte, die dann gesammelt und zu gemeinsamer Arbeit zusammongefaßt werden könnten, dürften knapp hinreichen, den Staat zu retten. Daran haben die monarchisch wie die republikanisch Gesinnter? das gleiche Lebensintereste.

Die Marinemeuterei 1918.

Berlin. 23. Ian. 3m ersten Anteraus- schuß des Reichstagsuntersuchungsausschusses über die Kriegsfragen wurden Darlegungen aus Dem in Druck befindlichen Buche des ehemaliger? Reichskanzlers Prinz Max von Ba­den als Arbeitsmaterial bekannt gegeben. Vor Gericht in München, so heißt es dort, haben die Herren von der Marine ausgesagt, ich wäre von dem geplanten Vorstoß der Flotte vorher i n Kenntnis gesetzt worden. Wenn diese eid­liche Aeußerung vorgelegen hätte, hätte ich es auf Eid genommen, daß ich durch keinen in; voraus informiert worden war. Heute fteljt für mich fest, Daß Admiral Scheer in Gegenwart des Konteradmirals v. Levehow mir am 20. Oktober dem Sinne nach gefagt hat, daß der Hochseeflotte nach Einstellung des T!-Bootkrieges die volle Freiheit des Handelns zu- rüefgegeben werden würde. Aber nie und nimmer habe ich diese allgemeine Weirdung als eine ge­nügende Ankündigung betrachtet, daß die Deutsche Flotte innerhalb der nächsten zehn Tage Den Kamps auf Leben und Tod mit Der englischen Flotte suchen werde. In jedem Falle hätte die Reichsleitung vor der endgültigen Befehlsaus­gabe präzise Meldung erhalten muffen. Die Auf­rührer aus der Flotte haben der nationalen Der- teiotgung das 'Rückgrat gebrochen, aber die Av- mirale von damals dürfen diese Anklage nicht erheben. Es ist niederdrückend, daß der Pacti- kularismus sich während des Krieges in Die Ressorts und Behörden geflüchtet hat. Sie haben sich gegenseitig nicht vertraut. Ohne Kiel keine Revolution! Ohne Revolution keine Kapitula­tion am 11. Rovernber! Wir hätten bessere Bedingungen aus neuen Verhandlungen herausholen können.

Damr gab der Sachverständige Dr. Hertz noch Kenntnis von einem Brief, in deut Der frühere Vizekanzler Friedrich P a D e r ebenso wie Prinz Max von Baden erklärt, daß er damals keine Kenntnis von dem beabfi^tigten Flottea- vorstoß gehabt habe.