scnnmenhang. Um jedoch ausländische Kapitalien nach Frankreich zu ziehen, sei die Rückkehr des französischen Kapitals notwendig. Es müsse daher eine Ueberbesteuerung Les Kapitals vermieden werden.
Der Eindruck in Paris.
Paris. 27.Suli. (TU.) Das Ergebnis der Vertrauensabstimmung in der Kammer entspricht den allgemeinen Erwartungen. Das Programm hat sich wie vorgesehen abgewickelt. Es ist trotz der Obstruktion der Kommunisten gelungen, die Kammersthung vor >/«7 Uhr aufzuheben, so daß die Beamten die zu tausenden in der unmittelbaren Umgebung des Palais Bourbon sich einfanden, keine Delegation mehr in die Kammer entsenden konnten. Die Abgeordneten waren längst aufgcbrochen, als die ersten Demonstranten auf der Bildfläche erschienen. Sn parlamentarischen und finanziellen Kreisen hat die Haltung des Kabinetts einen guten Eindruck hinterlassen. Der Frank, der im Laufe des heutigen Tages zum ersten Male seit der Bildung des Kabinetts durch Poincarö stärkeren Schwankungen unterworfen war, ist bei Dörsenschluh wieder gestiegen. Bei Eröffnung der Börse notierte das Pfund Sterling 197, der Dollar 40,50, später 192 und 39,78, weiterhin am Rachmittag 198,50 und 40,80. Die Schlußnotierungen waren 196,75 und 40,51. 100 Reichsmark notierten 963. Die Lage des Kabinetts ist für die nächsten Monate gesichert. Die Finanzdebatte, die am Freitag eröffnet wird, dürfte keine Ueber- raschungen bringen, wenn auch die Sozialisten beschlossen haben, ihre glänzendsten Redner, darunter sogar Leon Blum, gegen Poincar6, den Mann der Ruhr, vorzuschicken. Immerhin hat die Regierungserklärung infolge ihrer Farblosigkeit angenehm berührt. Es ist auffallend, daß außenpolitische Fragen mit Stillschweigen übergangen wurden. Der Regierung lag offenbar daran, durch die ausschließliche Hervorhebung des finanziellen Teiles ihre Uninteressiertheit an den außenpolitischen Fragen im gegenwärtigen Augenblick darzutun. Präsident Coolidge an die amerikanischen Nuslandreisenden.
Das Washingtoner Schulden- abkommen gefährdet.
R e u y o c t, 28. Juli. (WTB. Funkspruch.) Präsident Coolidge ist der Ansicht, daß die den Amerikanern in Frankreich erwiesenen Feindseligkeiten und die Erklärung französischer Regierungsbeamter eine Bewegung in den Bereinigten Staaten ouslösen werden, die sich gegen das Schuldenabkommen mit Frankreich richte und strengere Bedingungen fordern werde. Dec Präsident glaubt, daß infolge der französischen Agitation für Annullierung oder für günstigere Bedingungen die Ratifizierung unmöglich sein werde, wenn Franireich sich nicht schnell bereitfinde, die Bedingungen des Abkommens anzunehmen. Ferner wird berichtet, daß di« amerikanischen Botschafter in Paris und London mehrere Monate vor ihrem gewöhnlichen Herbsturlaub Coolidge über die Lage in Europa Bericht erstatten werden.
Präsident Coolidge hat ferner der Hoffnung Ausdruck gegeben, daß die ins Ausland reisenden Amerikaner auf die Lage der von ihnen besuchten Länder Rücksicht nehmen und sich nicht zu unberechtigter Polemik oder zu irgendwelchen Anschuldigungen hinreihen lassen. Die Vereinigten Staaten seien von dem Wunsch erfüllt, mit sämtlichen Auslandsmächten weiterhin freundliche Beziehungen aufrecht zu erholten. Die Hal- - tung unverantwortlicher Personen solle nicht .allzu ernst genommen werden. Die ins Ausland -'reisenden Amerikaner müßten sich vor Augen halten, daß die Bevöllerung einiger europäischer r- Länder sich in einer bedrängten Lage befinde und die Amerikaner müßten deshalb die Schwierigkeiten der betreffenden Völker mit Sympathie betrachten.
Denkmalsschändung als Protest gegen Amerika.
Paris, 27. Juli. (WTD.) Heute mittag hat ein russischer Flüchtling, der in Paris als Metallarbeiter tätig ist, das Denkmal, das zu Ehren der amerikanischen Kriegsfreiwilligen auf dem Platze der Vereinigten Staaten in Paris errichtet ist, ver» stüinmelt, indem er mit einem Hammer den linken Arm und das linke Dein des amerikanischen Soldaten, der auf dem Denkmal dargestellt ist, wegschlug. Rach seiner Verhaftung sagte der Arbeiter aus, ec habe gegen Amerika manifestieren wollen, weil es Frankreich Kredite verweigerte, wodurch eine Wirtschaftskrise hervorgerufen werde, unter der alle Arbeiter und besonders die ausländischen Arbeiter zu leiden hätten.
Der Kampf des elfaß-lothrin- gischen Heimatbundes.
Beamtendemonftrationen in Straßburg.
Straßburg, 27. Juli. (TU.) Zehn Eisenbahner, die seinerzeit das Manifest des Heimatbundes mit unterzeichnet haben, das Autonomie, für Elsaß-Lothringen vor allem auch in kultureller Hinsicht forderte, sind vom Direktor der elsaß-lothringischen Bahn entlassen worden. 3m Zusammenhang damit hat das Aktionskomitee der Bereinigten Staatsbeamten, Eisenbahner und Lehrer gestern in Straßburg eine von über 3000 Personen besuchte große Kundgebung veranstaltet. Einige von den Bertre- rern der 40 000 Eisenbahner und Landesbeamten vorgeschlagenen Resolutionen gelangten zur Annahme, in denen anständige Bezahlung, ®e» -Währung des Rechts der freien lei» inungsäußerung und die Wiedergutmachung des den Gemaßregelten zugefügten' Unrechtes gesordert wird. Zahlreiche Polizisten hatten das Eängerhaus, in dem die Kundgebung stattfand, umstellt. Hinter dem Gebäude war außerdem noch eine Schwadron berittener Gendarmen und «ine Abteilung Gendarmen zu Fuß aufgestellt. Als der in Zivi! am Vorstandstisch sitzende Polizeikommissar bei Angriffen gegen die französische Regierung feine Schärpe ablegte und Cie Versammlung schließen wollte, drangen die Beamten gegen den Vorstandstisch vor, so daß der Kommissar einlenkte und die Weiter- Führung der Versammlung gestattete.
Sn dem Disziplinarverfahren gegen die Unterzeichner des Aufrufes des Heimat- bundes wird morgen der vorerst interessanteste Prozeß stattfinden. Der Führer der einheimischen Lehrer- und Beamtenschaft, Professor Rosse, wird sich am Mittwoch vormittag vor der oberelsässischen Disziplinarkammer in Colmar verantworten. Bei diesem Gericht, das auf Grund des noch bestehenden fortschrittlichen ‘Beamten» Rechtes zusammengesetzt ist und bei dem daher Einheimische als Richter mitwirken, wird der französische Wunsch nach einer Verurteilung aus größeren Widerstand stoßen als bei der Mehrzahl der bisher angerufenen Snstanzen, bei denen fast durchweg Franzosen das entscheidende Wort zu sprechen hatten. Die Verhandlungen sind öffentlich. Es ist anzunehmen, daß Professor Rosse, der in der Heimatbewegung ebenso wie in der Bewegung der Beamten führend ist, die Gelegenheit zu einer grundsätzlichen Auseinandersetzung mit der französischen Gegnerschaft benutzen wird.
Um das Reichsehrenmal.
Berlin. 28. Suli. (TU.) Wie das „B.T." hört, will der Reichsinnenminister im August, wenn das Reichskabinett wieder zusammentritt. versuchen, die Entscheidung der Reichsregierung herbeizuführen, um dem unerfreulichen Wettstreit um das ReichSe^enmal ein Ende zu machen. Gegen das R h e inst r o j e k t wird die Höhe der Kosten geltend gemacht, die von den rheinischen Behörden selbst auf 5 bis 6 Mill. Mi. geschäht werden, in Wirklichkeit aber 15 bis 18 Mill. Mk. erreichen sollen. Es wird vermutlich dabei bleiben, daß der Wald bei Berka zu einem Totenhain gestaltet wird, in dem ein Denkmal Aufstellung finden soll. Um Preußens Wünschen hinsichtlich der Schink- kelschen Reuen Wache näher zu kommen, soll vorgeschlagen werden, dieses Bauwerk in eine Erinnerungshalle für die verlorenen deutschen Gebiete umzuwan- deln. Auch damit wird sich in den Tagen um den 11. August das Reichskabinett beschäftigen.
Die Unterstützung der ausgesteuerten Erwerbslosen.
Berlin, 28.Suli. (TU. Amtlich.) Bei den Besprechungen, die am 23. und 24. Suli im Reichsarbeitsministerium mit den Vertretern der Landesregierungen stattgefunden haben, wurde auch die Frage der besonderen Fürsorge für die Erwerbslosen erörtert, die die Höchstdauer in der Erwerbslosenfürsorge überschritten und deshalb keinen Anspruch mehr auf Erwerbslosenunterstühung haben. Eine Verlängerung der Höchstdauer in der Erwerbslosenfürsorge über 52 Wochen hinaus kann nach Ansicht der Reichsregierung nur mit Zustimmung des Reichstags und nur in Form eines Gesetzes erfolgen. Die Länder teilen in ihrer großen Mehrheit den Standpunkt der Reichscegierung, daß bis zu dieser endgültigen Regelung die Fürsorge für die Ausgesteuerten auch weiterhin Sache der allgemeinen Wohlfahrtspflege ist. Sm übrigen haben die Besprechungen bestätigt, daß die Frage der ausgesteuerten Erwerbslosen heute erst eine beschränkte zahlenmäßige Bedeutung hat. Die Reichsregierung wird aber die beabsichtigte Regelung so betreiben, daß sie in Kraft treten tarnt, sobald im Herbst mit einer größeren Anzahl von Ausgesteuerten zu rechnen ist.
Der Parteitag der Wirtschaftspartei.
Berlin, 27. Suli. (WTB.) Dec Reichsparteitag der Wirtschaftspartei hat nach fast viertägiger Dauer am Dienstagabend in Görlitz seinen Abschluß gefunden. Es wurde beschlossen, den nächsten Parteitag in Hamburg abzuhalten. Außerdem fanden eine ganze Reihe von Anträgen Annahme. Danach soll u. a. die wirtschaftliche Betätigung der öffentlichen Hand auf das durch das dringende allgemeine Sntereffe gebotene Mindestmaß beschränkt werden. Ferner wird u. a. verlangt: Restlose Aufhebung der Wohnungszwangswirtschaft, Einführung einer Warenhaussteuer, Befreiung der Kommunen von dem Beitrag der Ecwerbslosenfürsocge, Heranziehung der Reichspost zur Snstandsehung der Provinzialstraßen, regeres Sntereffe für die innere Kolonisation, Prüfung dec Einführung der Arbeitsdienst- pflicht jugendlicher Personen. Die Partei soll außerdem für den Erwerb von Kolonien im Ausland eintreten, und die Fraktionen werden beauftragt, ein Verbot der endlosen Strahendeinonftrationen aller Verbände zu .vertreten. Die Hauszinssteuerhhpothek soll nur an kleine selbständige Bauherren und Unternehmer vergeben werden.
Sinowjew.
Einer der mächtigsten und einflußreichsten Sowjetführer, Sinowjew, ist bis auf weiteres aus dem politischen Leben ausgeschieden: der Parteiausschuh der russischen kommunistischen Partei hat ihn aus dem Politbureau, in der die gesamte russische Führerschaft sitzt, entfernt und auf zwei Sabre von der Bekleidung öffentlicher Aem- ter ausgeschlossen, zu deutsch also in die Verbannung geschickt, in der sich Trotzki bereits seit geraumer Zeit befindet. Er wird zwar nicht mit den Gefilden Sibiriens Bekanntschaft machen, obwohl die Bolschewisten sich die Gebräuche dec zaristischen Justiz angeeignet haben, Wohl aber kann er sicher sein, auf Schritt und Tritt durch Angehörige der Tscheka überwacht zu werden, auf deren schwarzer Liste er schon seit geraumer Zeit steht.
Der Grund seiner Kaltstellung liegt in den Richtungskämpsen innerhalb der russischen kommunistischen Partei begründet. Hier ringen der rechte und dec linke Flügel miteinander. Zu den Extrembolschewisten gehört Sinowjew, dec wohl als ihr Haupt und Führer angesprochen werden kann. Er lieh es nicht dabei bewenden, sich in fruchtloser Opposition gegenüber dem weil stärkeren rechten Flügel zu erschöpfen, er ging vielmehr zu der Taktik eines Verschwörers und Revolutionärs über. Leningrad, das Hauptquartier seiner Anhänger, war der Ausgangspunkt seiner Minierarbeit. Von hier aus sandte er seine Kuriere ins Land, versuchte überall festen Fuh zu fassen und „Fraktionen zu bilden" Kurzum, er arbeitete mit allen Mitteln gegen bic Moskauer und erstreckte feine Agitation sogar auf die Marine, von dec die Kronstädter Formationen auf seiner Seite stehen dürften. Sm
Heer oder bei dec Tscheka selbst besitzt er keine Freunde, abgesehen von dem stellvertretenden Vorsitzenden des revolutionären Militärrates L a s ch e w i h, der jetzt sein Schicksal teilen muß.
Sn letzter Zeit wurde Sinowjew immer aktiver, was auf das allmähliche Zurückweichen der Moskauer vor dem Privathandel und dem Privatkapitalismus zurückzuführen ist. Cs ist bekannt, daß sich die Sowjetregierung zu mancherlei Zugeständnissen bequemt hat, die bei den alten Bolschewisten vom Schlage eines Sinowjew, auf stärksten Widerstand stießen. Wenn jetzt zu seinem Hauptschlag gegen den linken Flügel ausgeholt wurde, dann muh die Tätigkeit Sinowjews bereits einen bedrohlichen Umfang angenommen haben. Vorläufig wird er nun die Rolle einer abgefägten und gewaltsam mundtot gemachten Parteigröße zu spielen haben. Gelingt es ihm aber, aus seiner Verbannung heraus feinen Anhang zu vergrößern, dann wird er vielleicht in nicht allzu langer Zeit wieder auf der politischen Bühne erscheinen. Die Affäre Sinowjew zeigt aber, wie stark die Zersetzungen innerhalb der bolschewistischen Bewegung bereits fortgeschritten find. Den Richtungskämpfen werden auch noch andere Persönlichkeiten zum Opfer fallen, die kommunistische Partei wird sich schließlich in Gruppen und Grüppchen auflösen und damit dem Bolschewismus den Todesstoß versehen.
Moskau und die Randstaaten.
Die Bemühungen Sowjet-Rußlands, mit den Randstaaten zu direkten, mündlichen Paktverhandlungen zu kommen, haben nach einem wechselvollen Schicksal endlich Erfolg gehabt, wenigstens einen Anfangserfolg. Die Regierungen von Finnland, Estland und Lettland haben am Samstag in einer gemeinsamen Rote auf das letzte Paktangebot Moskaus geantwortet und sich bereit erklärt, sofort in mündliche Verhandlungen einzutreten. Als Grundlage dieser gemeinsamen Verhandlungen soll das Memorandum dienen, das die drei Staaten im Mai dieses Sahres der Sowjetregierung überreicht haben und den Passus enthielt, daß auch die Vorbereitungen von Umsturzaktionen jm Gebiet des Vertragspartners ausgeschlossen werden müsse. Um» sturzvorbereitungen oder die Agitation dazu sollen auch unter den Begriff des Angriffs fallen. Denn die Tätigkeit des inoffiziellen Apparates der Sowjetregiecung, ist augenblicklich mehr zu fürchten als ein militärischer Angriff, mit dem Ziele, die Randstaaten zu annektieren. Rußland hat andere Sorgen. Vielleicht dachte es im geheimen bei dem Angebot im Sahre 1923 daran, damals wollte es den Durchmarsch der roten Armee durch die baltischen Staaten erreichen für den Fall einer Dolschewisierung Deutschlands infolge des Zusammenbruchs dec deutschen Währung. Wäre die Bolschewisierung gekommen, dann wären natürlich auch die Randstaaten ein Opfer dec Sowjetunion geworden. Ratürlich wird die Sowjetregierung den Randstaaten im Punkte der Umsturzvorbereitung und -agltation gern entgegenkommen, sie wird es stets leugnen, mit derartigen Unternehmungen in Verbindung zu stehen, ebenso wie sie jetzt abgestritten hat, daß sie irgendwelchen Einfluß auf die Streikgelder habe, die in reichem Maß« an die englischen Bergarbeiter geflossen sind. Es ist ihr ja n'cht direkt nachzuweisen, also stellt sie den Zusammenhang in Abrede.
Smmerhin die Tatsache, daß jetzt mündliche Verhandlungen beginnet), ist ein Erfolg der russischen Außenpolitik, ein Erfolg, gegenüber England und Polen. Leicht gemacht hat ihn natürlich die Unsicherheit der ponischen Außenpolitik und das Dunkel, hinter dem sich die Pläne Pilsudskis verbergen und so zu allen möglichen Gerüchten Anlaß geben. Die Bemühungen Pilsudskis, die polnische Armee auf den höchstmöglichen Stand der Schlagfertigkeit zu bringen, hat die Randstaaten den Russen näher gebracht und ihren Entschluß, die Verhandlungen zu eröffnen, beschleunigt. Zwar hat Polens neuer Außenminister in seiner großen Rede vor dem Auswärtigen Ausschuß des Sejm ausdrücklich hervorgehoben, daß Polen eine ausgesprochene Friedenspolitik betreiben und mit seinen Rachbarn in Frieden leben wolle. Aber der zu Uebercaschungen neigende Pilsudski ist feine Garantie dafür, daß sich die polnische Außenpolitik wirklich in dem vom Außenminister gezeichneten Rahmen hält. Bei den fortgesetzten Zwischenfällen an der litauisch-polnischen Grenze kann leicht einmal ein ernsterer Fall eintreten, der Polens Aspirationen auf litauischem Gebiet verwirklichen hilft. Die Sowjetpcesse hat nicht umsonst ,in der letzten Zeit gerade auf geheime Vorbereitungen in dieser Gegend hingewiesen. Rußland ist dem polnischen Plane, mit den Randstaaten in Verhandlungen zu treten, die eine „verfassungsmäßige Fassung der Befriedung des Ostens" bringen sollten, zuvorgekommen. Diese Verhandlungen sollten einen neuen Pakt gegen Rußland bringen, so wollte es der englische Einfluß, der seit dem Staatsstreich Pilsudskis in Warschau wieder stark bemerkbar ist. Litauen hat sich schon früher enger an Rußland angelehnt und sicher auch einen weitgehenden Vertrag abgeschlossen. Damit hatte Rußland schon vorher den baltischen Staatengürtel gesprengt. Für Litauen kam bei seiner Einstellung zu Polen auch nur eine Anlehnung an Rußland in Frage, zumal es damit rechnet, vielleicht doch eines Tages mit russischer Hilfe das von Polen geraubte Wilnagebiet zurückzuerhalten. Rußland wird alle Hebel in Bewegung sehen, zu einem Vertrag zu kommen, nachdem es Polen abgelehnt hat, mit Rußland einen Pakt abzuschliehen.
Derdeutsch-englischeKonkurrenz- kampf auf dem Farbstoffmarkte.
London, 28.Suli. (WTB. Funkspruch.) Auf der gestrigen Jahressitzung der Vereinigung der englischen Farbstofsverbraucher bezeichnete der Vorsitzende das vergangene Jahr als epochemachend in der Geschichte der Farbstoffindustrie der Welt. Deutschland sei durch die Konzentration und Expansion der deutschen Farbstoffindustrie unabhängig von fremden Rohstoffen geworden, was auf das tjanje deutsche industrielle und soziale Leben zurückwirken müsse, demgegenüber müsse die Farbstoffindustrie Großbritanniens danach trachten, ihre Märkte beträchtlich zu vermehren.
Abessiniens Protest beim Völkerbund.
London, 28.Juli. (WTB. Funkspruch.) Nach dem diplomatischen Korrespondenten des „Daily Telegraph" kann die Mitteilung der abessinischen
I Regierung an den Völkerbund über das kürzlich abgeschlossene englisch-italienische Abkommen über Abessinien nur als energischer Protest gegen das Vorgehen Großbritanniens und Italien aufgefaßt werden, weil dieses Abkommen ab» geschloffen sei, ohne zuvor Abessinien selbst zu befragen. Dieser Schritt sei schwer begreiflich, aber man werde sich daran erinnern, daß feit mehreren Monaten Abessinien von der Pariser Presse wiederholt und dringend zu einem solchen Vorgehen aufgefordert worden sei.
Aus aller Welt.
Schweres Unwetter in Florida.
Heftige Stürme und Uebecschwemmungen vernichteten in Portorico 70 Prozent der Kaffee-Ernte. Diele Ortschaften wurden überschwemmt und der Telephonverkehr unterbrochen. Eine große Anzahl Menschen fiel dem Orkan zum Opfer. Dec Orkan beschädigte an dec Oft- küste Floridas viele Luxushotels. Diele kleine Schiffe werden vermißt. Schwer heimgefucht wurde die Anlegestelle Palm-Beach. Cs wurden hier 40 Luxusyachten losgerissen und teilweise zerstört. Die Eisenbahnbrücke, die West-Beach und Palm-Beach verbinde^ ist stark gefährdet. Der italienische 3275-Tonnendampf^r „Ansaldo San Giorgio" liegt 80 Meilen von Miami entfernt hilflos im Sturm, da ec sein Steuer verloren hat. Das Polizeischiff „Ori- zaba" wollte dem Dampfer helfen, aber es war nicht möglich, die Passagiere überzuholen. Die an der • Küste gelegenen Hotels haben großen Schaden erlitten. Laut einem Bericht sollen acht Schiffer in dec Rähe von Miami ertrunken sein. Unter den vermißten Pachten sind zwei, welche 35 Personen an Bord hatten. Der in Miami angerichtete Schaden wird auf 100 000 Dollar geschäht, während der Schaden an der Gesamtküste Floridas 5 Millionen Dollar betragen soll.
Tod Im Mühlrad.
Einen furchtbaren Tod fand ein Jagdhüter bei Adenau (Rheinprovinz). Er benutzte den Spei» cherboden einer Mühle als Anlegestelle. Er fiel dabei zwischen den Bohlen hindurch auf das Mühlenrad. Hierbei wurde er von dem Mühlenrad zu Tode geschleift.
Todessturz.
In Freiburg i. Br. versuchte der Student Encke, der seinen Hausschlüssel vergessen hatte, in seine im dritten Stockwerk feines Hauses gelegene Wohnung durch Hinaufklettern an der Wand zu gelangen. Dabei stürzte er aus einer Höhe von fünf Meter ab und erlitt einen Scha < delbruch, der den sofortigen Tod zur Folgt hatte.
Stur} von der Zirkusdecke.
Sn Pforzheim ereignete sich gelegentlich einer Dorstellung Les Zirkus Dusch bei der AbschiÄ>s- vorstellung ein schwerer Unfall. Bei der Darstellung einer Luftreck-Turngruppe an der Decke des Zirkus verlor eine 17jährige Artisttn den Halt und stürzte von der Decke herab. Da kein Retz aufgehängt war, fiel sie zu Bcchen, wobei sie sich einen Bruch des Oberschenkels und mehrere leichtere Derlehungen zuzog.
Gefangenenausbruch.
Vier Zuchthäusler, die aus dem Gefangenenlager im Stapelner Moor (Oldenburg) entwichen, konnten noch nicht wieder ergriffen werden. Ein fünfter überfiel am selben Tage bei einem Transport den Aufseher und schlug ihn mit einer schweren Tasche zu Boden. Dec zweite Aufseher gab daraufhin einen Schuß auf den Angreifer ab, verfehlte ihn jedoch. Sofort drang der Gefangene auf ihn ein, entriß ihm die Waffe und entfloh.
3m Millsiädter See ertrunken.
Dienstag ertranken im Millstädter See (Kärnten) dec Oberlehrer Otto Haller aus Plauen i. D. und der Kunstgewerbler Meinelt aus Langenfeld am Millstädter See vor den Augen ihrer Frauen und Kinder. Eine Person, die Meinelt retten wollte, wurde von diesem mit in die Tiefe gerissen.
Frankfurter Theater.
Als letzte Reueinstudierung vor den großen Ferien brachte Sntendant Weichert Hebbels „R ib e lungen" 1. Abend heraus. Somit erschien nach jahrelanger Pause wieder dieses epische Trauerspiel auf der Schauspielbühne, in einer von Richard Weichert prachtvoll ausgearbeiteten, dramatisch wuchtenden Aufführung. Sn dieser Snszenierung leuchtete hinter der dramatisierten deutschen Heldensage die gleichermaßen uralte und ewigjunge Tragödie der Geschlechter auf. Drum ist dieser erste Teil, „Siegfrieds Tod", das eigentliche Trauerspiel des Weibes Brunhild: „Sch ward nicht bloß verschmäht, ich ward verschenkt, ich ward wohl gar verhandelt!... Shm selbst zum Weib zu schlecht, war ich der Pfennig, der ihm eins verschaffte!" Hier ruhn die schicksalsvollen Wurzeln der Tragödie, aus welchen die spätere blutige Saat aufgeht. Und in diesem Sinne sind Hagen Tronjer, König Gunther und seine Mannen nur Mittel zu einem grausamen, unabänderlichen Zweck. — Die Aufführung, welche vier Stunden währte, ließ nicht einen Augenblick in der kleinsten Szene zeitlich verstaubte Pathetik aufklingen, im Gegenteil, der sich ständig steigernde Gang der Handlung, die blutvoll lebendige Sprache riß die Zuhörerschaft volllommen in den Dann der Dichtung. Der Abend hatte drei Gäste zu verzeichnen, Maria Koppenhöfer (Brunhild), Luise Glau (Frigga) und Günther Karschow (König Gunther): jeder bot seine Rolle künstlerisch erschöpfend, eine interessante Leistung. Don den unscigen sei die wundervolle, sich im Laufe des Abends zu hinreißender Gröhe steigernde Krimhild Maria Krahns, der unbeschwert frische Siegfried Leopold Dibertis und die mütterlich warme Königin Ute Mathilde Ein- zigs hervorgehoben. Der Hagen Alexander Engels wird erst im 2.Teil, in „Krimhilds Rache" zur vollen künstlerischen Entfaltung gelangen. Sm übrigen ergab die Ausführung einen Abend seltener, innerer Geschlossenheit, unterstützt durch die düstere Stimmung ausstrahlenden Szenenbildec Ludwig Sieverts, getragen durch die Regie Weicherts und die vorzügliche Gesamtdarstellung. Das Publikum brach nach jedem Bilde in dankesfreudigen Beifall aus und wollte sich zum Schluß, trotz vorgerückter Stunde (V-12) nicht eher beruhigen, bis Weichert inmitten seiner Getreuen auf der Bühne erschien. So, wurden die „Ribelungen" zum krönenden Abschluß dieser Spielzeit und weckten erwartungsvolle Hoffnungen für die kommende. L. W.


