Einzelbild herunterladen

rigkeiten mit einer Erhöhung der We^t- kohlenerzeugung zu rechnen ist. gleich­zeitig wird eine Verstärkung der Nachfrage und Senkung der Preise, sowie eine Förde­rung der industriellen Entwicklung und verbes­serte Lebensbedingungen der Arbeiter und Be­amten in der Kohtenindustrie erwartet. Die Kon­ferenz beschloß, einen Unterausschuß einzuseyen. der die internationale Seite des Problems prüfen soll.

Die Untersuchung des Münchener Unglücks

München,. 2b. Mai. (TU.) Die mit der Untersuchung des Unglücks im Ostbahnhof be­trauten Beamten haben die erste V e r n e h - mung vorgenommew Der Lokomotivführer des einfahrenden Zuges gab an, daß der Zug 814 von Rosncheimer Eisenbahnpersonal gefahren wurde. Auf der Maschine des Zuges befanden sich ?er -Lokomotivführer Aube le und der Reserveführer Sch rödel, die beide unverlxtzt geblieben sind. Aubele, ein Mann von 52 Jahren. erklärte mit aller Bestimmtheit, daß das Signal aufOffen" gestanden habe. Er sei nicht ermüdet und vollständig nüchtern gewesen. Für die Tatsache, daß in dem verhäng- nisvollen Augenblick das Sigpal aufOffen" stand, Kmte er Zeugen bringen. Auch Schrödel erllärt mit aller Entschiedenheit, daß das Sig­nal grünes, nicht rotes Licht gezeigt habe. Andererseits mich nach den technischen Feststellungen der Eisenbahnverwaltung das Sig­nal aufHalt" gestanden haben. Diesen Wider­spruch zu erklären, ist Aufgabe der Untersuchung. Heute vormittag wurde der Lokomotivführer des Zuges 814, der auf den Reichenhaller Zug auf­fuhr vernommen.

Trauerfeier der Stabt München.

München, 26. Mai. (TU.) Der Stadtrat Münchens hielt heute vormittag eine ein­drucksvolle Trauerkundgebung aus Anlaß des furchtbaren Eisenbahnunglücks ab. Der erste Bürgermeister teilte mit, daß die Stadt München zur Linderung der ersten Not Mittelbereitgestellt habe und schloß mit einem Dank an all die freiwilligen Kräfte, die an den Rettungsarbeiten mitgeholfen haben.

Das Beileid

der Schwerzer Bundesbahnen.

Der Präsident der Generaldirektion der schweizerischen Bundesbahnen, Z i n g g, hat an die Hauptverwaltung der Reichsbahn, sowie an den Staatssekretär Dr. Frank, den Leiter der Gruppenverwaltung Bayern, folgen­des Telegramm geschickt-Tief erschüttert von dem bellagenswerien Eisenbahnunglück in Mün­chen versichern wir die deutsche Reichsbahngesell­schaft unserer aufrichtigen Teilnahme."

Die Verhütung von CisenbahnunfäLen.

Eine Erklärung Generaldirektor DorpmüLers.

Berlin, 26. Mai. (WTD) Heute hatte der Vertreter des WTB. Gelegenheit, mit dem st e l l - vertretenden Generaldirektor der ReichsbahngsjeUichaft Dr. Dorpmül­ler über den Eisenbahnunfall in München zu spre­chen. Wie können Eisenbahnunfälle überhaupt verhütet werden, fragte der Vertreter. Solange Menschen in der Eisenbahn tätig sind, werden U n - fälle niemals ganz ausgeschaltet wer­den können. Die fortschreitende Mechanisierung des technischen Apparates bat jedoch eine immer grö­ßere Sicherheit auf allen Eisenbahnen der Welt herbeigesührk. Hauptunfälle lassen sich zurück­führen auf falsche Weichenstellungen, Fehler beim 9i a n g i e r b i en,ft, Ueberfahren von Haltesignalen. Es kommt also auf Ent­gleisungen und Zusammenstöße hinaus.

Wenn auch die Unfälle infolge Ueberfahrens von hallesignalen nur 10 bis 11 Prozent der Ge­samtunfälle ausmachen, fo fordern sie doch die meisten Opfer. Der Vertreter fragte weiter: fiann nicht diese Gefahrenquelle verringert wer­den? Alle Eisenbahnen der Dell sind an der Ar­beit, die Sicherheit der Zugfahrten dadurch zu erhöhen, daß der Lokomotivführer durch mecha­nische Einrichtungen unterstützt wird. Ls kommt auf das Problem hinaus, die haltstellung des Signals auf den Zug und damit auf die Bremse des Zuges zu übertragen.

Wenn behauptet wird, daß einwandfrei arbeitende Einrichtungen, die sich für unsere Betriebsverhältnisse und unser Klima eignen, bereits für Fernbahnen vorhanden sind, so ist dies ein Irrtum. Unsere planmäßigen Versuche, die mit den ver­schiedensten Einrichtungen gemacht worden sind, reichen bis 1906 zurück. Sie erstrecken sich auf solche mit mechanischen, elektromechanischen, magnetischen und Vorrichtungen mit Hochfrequenz. Der Krieg un­terbrach die Versuche, ohne daß sie zu einem brauchbaren Ergebnis geführt hätten.

Rach dem Kriege machte sich besonders die deutsche Reichsbahn mit aller Energie daran, die weitere technische Entwicklung für eine solche

Einrichtung brauchbar zu machen.

Die führenden Firmen auf dem Gebiete des Sicke­rungswesens wurden in der Form eines Wettbe­werbs aufgefordert, unter Benutzung der eigenen und fremder Erfahrungen neue brauchbare Vor­schläge zu machen. Vier Firmen sind zur Zeit mit der Anfertigung von Modellen ihrer Vorschläge be­schäftigt. Noch in diesem Jahre werden die Der- suche damit ausgenommen. Nach einem günstigen Abschluß steht die Ausrüstung der Neichsbahn- ftreden mit solchen Einrichtungen in Aussicht. Machte man nicht auch die Funkentelegraphie nutz­bar? Es liegt nahe, auch diese neueste technische Errungenschaft für die Uebertragung der Signal­stellung auf den fahrenden Zug anzuwenden. Die Funkentelegraphie ist ja erst in den letzten zwei Jahren vervollkommnet worden.

Auch hier ist die Reichsbahn als erste Eisen­bahn der Welt oerangegangen und hat auf der Strecke VertinHannover Versuchseinrichtun- gen eingebaut. Diese versuche sind zu einem ge­wissen Abschluß oelangt und haben dazu geführt, ein neues Gerät zu konstruieren, das noch im Lause dieses Sabres auf der Strecke Berlin Halle eingebaut wird.

Sind so Diele Versuche nötig, um zum Ziele zu kommen? Die Einrichtung, die in gemiffen Fällen den Lokomotivführer ansschaltet, muß unvedmgt zu­verlässig wirken. Sie würde sonst nicht Unfälle

verhüten, sondern unter Unständen solche herbei- sühren, weil die Gefahr besteht, daß sich der Loko- motivsührer in kritischen Augenblicken auf sie ver­läßt. Die Versuche sind deshalb so langwie­rig und mühselig, weil immer wieder nicht vorherzusehende in der Natur des Eisenbahnbetrie­bes begründete Schwierigkeiten auftreten. Wir hof­fen aber heute so weit zu fein, daß wir nach Ver­lauf eines Jahres über eine brauchbare Vorrich­tung verfügen.

Die rumänischen Wahlen.

3n Rumänien haben vorgestern die Wah­len zur Kammer stattgefunden. Aach den bisher vom Innenministerium bekanntgegebenen Ergebnissen hat die Regierung Averescu eine bedeutende Mehrheit erhalten. In 67 von insgesamt 71 Wahlbezirken hat die Re­gierungsliste ungefähr 60 Prozent der Wähler auf sich vereinigt, während auf die Liste der vereinigten Oppositonsparteien 27Pro­zent, auf die liberale 8 bis 9 Prozent, auf die antisemitische Liga 3 Prozent und auf die sozialistische Liste 2 Prozent entfallen. Die übrigen Stimmen verteilen sich auf Kommu­nisten und den sog. Dürgerblock. Die Regierung wird in der Kammer über 285 Stim­men verfügen, die Rationale und Bauernpartei über 175, die Liberalen über 10 bis 11. Die Oppositionsblätter wenden sich sehr scharf gegen den unerhörten Terror der Regierungsparteien und der Regierung selbst, um die Wählen zu ihren Gunsten zu beeinfhiffen.

Die englische Kohlenkrifis.

L o n d o n , 27. Mai. (WTB.-Funkspruch.)Daily Expreß" zufolge erwägt die Regierung augenblick­lich wichtige neue Vorschläge zur Beendigung des Stillstandes in der Kohlsnindustrie. Einlaufende Berichte zeigen, wie emft die Lage des britischen Bergbaues infolge der Arbeitseinstellung ist. Schätzungsweise sind 1 5 bis 20 Prozent des englischen Kohlenausfuhrhandels be­reits unwiderruflich verloren. Die deutsche 'Berg- bauindustrie soll schon eine Anzahl ausgedehnter, langfristiger Kontrakte von früheren Kunden Eng­lands erhalten hoben. Es sind inzwischen keine neuen Schritte zur Beilegung der Krisis in der Kohlenindustrie erfolgt. Voraussichtlich wird von der Regierung eine Verschärfung der Ratio­nierung der Kohle für industrielle Zwecke und für Hausbrand durchgeführt werden.

Kleine politische Nachrichten.

Der bisherige Reichskanzler Dr. Luther lehrt 'Donnerstag nach Berlin zurück, um sich offiziell zu verabschieden. 2ttn Freitag ver­anstaltet der Rerchspräsideiu zu Ehren Dr. Luthers ein Essen, rfrt dem die Reichsminister teilnehmen werben.

Die Zahl der unterstützten Erwerbs­losen in der ersten Hälfte des Monats Mai ist von 1 782000 auf 1743 000 d. h. um zwei Prozent zurückgegangen. Elle Verminde- rung kommt dieses Mal ausschließlich den männ­lichen HaupwnterstützungSempfängern zugute, öte von 1 465 000 auf 1 425 000 abgenommen haben. Die Zahl der Zuschlags empsänger (mtterhal- tungsberechtigte Angehörige von Hauptunter- stühungsempsängern) ist von 1 818000 auf 1 764 000 zurückgegangen.

Mittwoch nwrgen 8.45 Uhr startete auf dem Berliner Flughafen Tempelhof das erste im regelmäßigen Luftverkehr nach Pa­ris fliegende Flugzeug. Die Maschine, ein Junkers--Grvßftugzeug der Deutschen Lufthansa, lanbetc in Essen und Köln und traf planmäßig im Pariser Flughafen Lebouraet um 5 Ahr nach­mittags ein. Wends 7.05 Ahr traf in Tempel­hof das erste französische Flugzeug ein. Die Maschine ist 500 PS Farman-Hochdecker, geführt von Pilot R o u b a i n. Der Start in Paris verzögerte sich infolge des Rebels.

Der Strafrechtler der Kieler llniverfität, Reichsjustizminister a. D. Professor Dr. Gustav R a d b r u ch , M. d. R., hat einen Ruf an d i e Ilniversität Heidelberg als Nach­folger des nach Bonn berufenen Prof. Graf zu Dohna erhalten.

Kunst und Wissenschaft.

Deutsche Hochschulwoche in Finnland.

Die deutsche H o ch s ch u l w o ch e, die an den Pfingsttagen in Helf ingfors ftattfanb, nahm einen glanzenden Verlauf. An ihr beteilig­ten sich der Münchener Chirurg Sauerbruch, der Historiker Prof. Dr. Schulte-Bonn, der Prälat Prof. Dr. Schreiber -Münster, der Volkswirtschaftler Professor Dr. Molden - hau er-Köln, der Berliner Meteorologe Prof. Dr. v. Ficker und als Vertreter der Ingenieur- Wissenschaften Dr. Eckener- Friedrichshafen. Die Vorträge sanden zum Teil im finnischen Aerzleverein statt, zum Teil in der finnisch- deutschen. Gesellschaft. Dr. Eckener sprach in der Aula der Helsingsorser üniberfität, Den Höhe­punkt der Veranstaltungen bildete ein großer Empfangsabend beim deutschen Gesandten H a u » fchild. An diesem Abend berichtete Abgeord­neter Ministerialrat Wegmann über die deut­schen Schiedsverträge. Professor Schreiber faßte in seinem Schlußwort die Gemeinsamkeiten der deutschen und finnischen Kuftur zusammen, die gerade mit der Befreiung Finnlands in ein fruchtbares Stadium der Entwicklung getreten sind. Den Veranstaltungen wohnten bei Mit­glieder der finnischen Regierung, der Präsident des finnischen Reichstages, der Rektor der Uni- versität Suolahti und der ehemalige Präsident der Republik Finnland Staehlberg, ebenfo zahlreiche hervorragende Vertreter von Politik, Parlament, Wissenschaft und Presse Die finnischen Zeitungen haben über die Vorträge der deutschen Hochschul­woche außerordentlich sympathisch in spalten­langen Würdigungen berichtet.

Professor Karl Holl gestorben.

Am ersten Pfingstfeiertag ist der Kirchen- Historiker an der Berliner Universität, Geh. Kon- sistorialrat Professor D. Dr. Dr. Karl Holl, der in den Zähren 1924 bis 1925 Rektor der Uni­versität war, kurz nach Volletrdung seines 60. Le­bensjahres gestorben. Karl Holl, geboren zu Tübingen am 15. Mai 1866, wurde mit 30 Jahren Privatdozent in Berlin, 1903 Extraordi- 1 narius in Tübingen, und tovtfte seit 1906 in

Berlin. Don seinen Arbeiten seien folgende hier erwähnt. Die geistlichen Hebungen des Ignatius von Loyola (1905); Der Modernismus (08); Johannes Calvin (09); Der Szientismus (16, 2. A. 18): Tolstoi nach seinen Tagebüchern (22); ^Reformation und -Urchristentum (24) und Ur» christentum und Religionsgeschichte (24).

Deutsche Pädagogen 'm Dien.

24 Professoren und 270 Hörer deutscher päda­gogischer Institute sind in Wien' eingetroffen, um während der nächsten Tage das Wiener Schulwesen zu studieren. Die deutschen Gäste wurden im Namen der Stadt Wien im Rathaus begrüßt. Professor Petersen (Jena) dankte im Namen der deutschen Gäste. 2ln die Begrüßung schloß sich ein Festessen an.

Aus aller Wett.

Die Saarländer Sänger beim Reichspräsidenten.

Dec Saarbrückener Männergesang­verein brachte dem Reichspräsidenten; im Garten des Präsidentenhauses ein Ständ­chen dar. Der Vorsitzende des Vereins, R e i ch a r d t, gab in seiner Ansprache dem Ge­löbnis unverbrüchlicher Treue der Saarländer zu Reich und Heimat Ausdruck. Reichspräsident von Hindenburg erwiderte mit herzlichen Worten des Dankes und sprach die Hoffnung aus. daß das Saargebiet bald toicber als freier deutscher Boden mit dem Vaterlande vereint sein werde.

Feuer aus einem Rheinfährboot.

Infolge einer Benzinexplosion entstand Feuer auf der zwischen fjaborn und dem linken Rheinufer verkehrenden städtischen Motorbootfähre, als diese sich mitten auf dem Rhein befand und der Bootsführer den stehengebliebenen Motor wieder in Gang setzen wollte. Die mit Benzin getränkten Klei­der des Bootsführers fingen Feuer, und er sprang ins Wasser, um dem Verbrennungstode $u entgehen. Auf dem mit 45 Personen, darunter viele Frauen und Kinder, besetzten Boot schlugen inzwischen die Flammen empor. Es entstand eine Panik. Kinder und Frauen konnten nur mit Mühe von den Män­nern abgehalten werden, in den Rhein zu springen. Em Hafendampfboot der Firma Thysien eilte zur Hilfeleistung herbei und konnte mit äußerster An­strengung olle 45 Insassen der Jähre aufnehmen. Auch der Bootsführer konnte gerettet werden. Meh­rere der Passagiere hatten Brandwunden an Füßen und Händen erlitten. Das Fährboot, das völlig aus­brannte, wurde in den Hafen geschleppt.

Die Opfer des Vulkanausbruchs.

Nach den letzten Nachrichten aus Hokkaido sind 144 Tote geborgen worden. Der Vulkan wirst immer noch Asche aus. Ein neuer Ausbruch wird befürchtet.

(Eine japanische Stabt überschwemmt.

Rach einem Telegramm aus Akita barst das Reservoir von Majama in Rocdjapa». Die Wasser ergossen sich in die 7000 Einwohner zählende Stadt D i t a u r a. Zahlreiche Gebäude, darunter auch die Bank und das Theater, wur­den unter Wasser gesetzt. Einzelheiten fehlen noch, doch fürchtet man, daß die Zahl der Opfer groß ist. Rach einer späteren Meldung sind, wie angenommen wird, 400 Personen ge­tötet worden. Die Wassermassen zerstörten un­gefähr die Hälfte der Stadt Kitaura, darunter das Rathaus. Da die Verbindungen unterbrochen sind, fehlen weitere Einzelheiten.

Wolga-hochwasier.

Das Hochwasser derWolgahat einen äußerst bedrohlichen Umfang angenom­men. Der Wasserstand bei Baratow ist 14 Meter über dem Rormalstand. 3n Sysran sind 9000 Menschen und in Pokrowsk, der Hauptstadt der Republik der Wolga-Deutschen. 12 000 Menschen obdachlos. Sie werden in öffentlichen Räumen untergebracht. Der Schaden infolge Zerstörung von Häusern und Brücken sowie infolge Still­legung mehrerer Fabriken ist sehr bedeutend. Verluste an Menschenleben sind nicht zu be­klagen. Das Wasser steigt weiter.

Seifet,ung bet Haßlocher Opfer.

Unter großer 'Beteiligung der Bevölkerung wur­den gestern die Opfer der Haßlocher Ex- plosionskataftrophe beigesetzt. D'.e bayerische Regierung und der bayerische Landtag ließen an den Gräbern Kränze niederlegen.

Anschlag auf einen Lisenbahnzug.

Auf der Eisenbahnstrecke zwischen Rieder­schöneweide, Johannisthal und Adlershnf wurde ein Anschlag verübt. Auf einer Signalanlage war ein Bolzen herausgerrssen worden, so daß die Signalscheibe dauernd außFreie Fahrt" zeigte. Der schwere eiserne Bolzen war dann auf die Schienen gelegt worden. Glücklicherweise wurde der Anschlag, bevor Unheil angerichtet werden konnte, von einem Weichenwärter ent­deckt. Don den Attentätern fehlt bisher jede Spur.

Buntes Allerlei.

Sin Cahenue-Transport.

Dienstag, 30. März, ist zum erstenmal feit zwei Zähren von der berüchtigten Sträflings­insel St. Martin-de-Re ein Sträflingstransport nach Guayana abgegangen. 350 Sträflinge zu­gleich mit einer gewissen Anzahl von Relegier­ten haben für immer Frankreich verlassen. Die Relegierten sind bekanntlich diejenigen, die ihre eigentliche Zuchthausstrafe verbüßt haben, aber eine gleiche Anzahl Jahre als sogenannte Frei- gelaffene noch auf Guayana verbringen müssen. 3n diesen zwei Jahren hat sich eine so große Anzahl von Zuchthäuslern angefammeü, daß in zwei bis drei Monaten ein neuer Transport notwendig wird, und zwar auf Transport- Dampfern, die hierfür besonders eingerichtet wur­den. Das ganze Zwischendeck besteht aus stark vergitterten Käfigen mit einer Bank ringsum: in der Rächt werden Hängematten in die Käsige gehängt, in denen die Zuchthäusler schlafen. Die Fahrt dauert etwa 30 Tage: das Schiff fährt zunächst nach Algier, um von dort noch etwa 200 Verurteilte abzuholen. Die Abfahrt eines Sttaslingsschiffes von St. Marttn-de- ist ein schauerlicher Anblick. Dt. Martin ist ein kleiner Hafen mit freundlichen, sauberen und meist weiß gestrichenen Häusern mit grünen Schlagladen und roten Ziegeln. Der Sträflings- ttansport-Dampfer nimmt seine Passagiere nicht etwa am Ufer auf, sondern weit draußen auf der Reede, um Fluchtversuche beim Einschiffen zu vermeiden. Auf einem großen Kahn werden die Sträflinge zum Dampfer geschafft. Von

Gendarmerie, Militär und Gefängnisbeamten werden sie von ihren Zellen bis zu den SHiffs- käsigen scharf bewacht, um jeden Fluchtversuch unmöglich zu machen. Die Sträflinge sind alle gleich gekleidet mit einer blauen Matrosenbluse und weilen blauen Hosen. An den Füßen tra­gen sie grobe Leüerstiefel, auf dem Kopf eine kleine blaue Marinemühe. Die Relegierten sind genau fo gekleidet, nur tragen sie feine Mütze, sondern einen weichen Hut. Alle tragen auf der Schulter cmen kleine» Sack aus grober Leinwand mit etwas Wäsche usw. Seit Jahren sehen die Verbrecher zum erstenmal auf diesem Transporte überhaupt wieder Häuser und Men­schen, freien Himmel und das weite Meer. Der Weg vom Zuchthaus zum Hafen heißt die Seufzer-Allee. Mit großem Lärm tritt der Sträflingstransport aus dem Zuchthaus. Alle sind frisch rasiert und kahl geschoren. Dort hinkt der Bettler neben dem Mörder, der Reger neben dem einarmigen Chinesen, ein Herkules neben einem buckligen Schwächling, der Greis neben einem ganz jungen Menschen, der Gebil­dete neben einem Analphabeten. Vielleicht sind et sich auch ein Unschuldiger Darunter. Mehrere werden wieder nach Cayenne zurücktransportiert, die bereits zweimal von dort entjpmmen waren. Cs gibt einige Sträflinge, die ssty auf den Transport freuen. Das 41 »bekannte, dem sie entgegengehen, weckt in ihnen irgendwelche neue Hoffnung. Welche das wissen sie vielleicht selber nicht. Anderen wird die Abreise von Frankreich besonders schwer. Sie wisse», daß sie nie wieder dahin zurückkehren. Kein Mensch darf ein Wort unterwegs reden. Alle Gesichter zeigen den geschlossenen, seelenlosen Ausdruck. Die Gesichtsfarbe ist bei allen gleich: grau-weiß. Wer ist unter ihnen der Mörder, wer der Brandstifter, wer der Banknotenfälscher? Einige Reugierige der Stadt warten zu beiden Seiten der Straße und sehen sich dieses Schauspiel an. Aber sie bleiben gleichgültig dabei, denn sie haben sich schon daran gewöhnt.

Aus der provinzialhattptftM.

Gießen, den 27. Mai. 1926.

Die Pfütze.

lieber alles ist schon geschrieben tooritet; über Himmel, Wöfter, Luft und Erde, über Maikäfer und Marktfrauen, über Mondschein und Müllhaufen. über Stecknadeln und Kinderspiel- zeug, über den Bubikopf, den Liebesbrief, den Regenbogen, den Kinderwagen, ja, selbst über einen Fetzen Papier las ich einmal eine reizende Plauderei. Aber noch nie ist meines Wissens die Pfütze einer Betrachtung gewürdigt worden, und es ließe sich doch mancherlei über sie sagen. Sie gilt immer als etwas Unschönes, Unan» genehnres. das man am besten mit Stillschweigen übergeht resp. überspringt. Unö doch kann sie hübsch aussehen: z. D. wenn nach einem kräftigen Regenschauer die Sonne wieder hervorbricht und sich das strahlende Himmelblau leuchtend in ihr widerspiegelt, so daß wiram farbigen. Ab­glanz" den Himmel auf der Erde haben. Sodann gibt die Pfütze, wenn sie recht groß ist, eine hübsche Gelegenheit, zierliche Sprünge zögernder Madchenfütze zu beobachten, während der Hrpnvr oft auf seine Rechnung kommt, wenn ältere, wohlbeleibte Herren das Hindernis nehmen.

Es kommt bei jedem Ding darauf an, von welchem Standpunkt aus man es betrachtet, also auch bei einer Pfütze. Ist sie z. B. so breit, daß man sie nicht umgehen farai, so ist das für ältere Herrschaften direkt eine Kalamität, für weiße Damenschuhe katastrophal, für die Schulbuben dagegen ganz einfach himmlisch. 3uerft wird kühn versucht, das Hindernis springend zu neh­men: Quatsch! spritzt es nach allen Seiten. Wie interessant! Die nachsolgende» Kinder sind dann oft manchmal aber auch nicht! gewitzigt und schlürfen langsam hindurch, und vielleicht gleich noch einmal zurück, um ein kleines liebevoll zu geleiten, oder auch nur deshalb, weil es so fein ging: denn die Schuhe sind schließlich doch schon naß. und Schelte gibt's auf alle Fälle zu Hause warum also den Genuß nicht ans- kosten?

Mir verhalf eine Pfütze zur erste» eindrucks­vollen Menschenerkenntnis. Ich war noch sehr jung, und meine Schwester war noch jünger, als uns an einem regnerischen Tage auf unserer stillen Vorstadtstraße ein hochelegantes Paar entgegenkam. Wir, in unseren Gummischuhen und Regenmänteln, waren einfach geblendet von der uns entgegenkommenden Glegariz, und tauschten flüsternd unseren Eindruck über die beneidens­wert chicken, sicherlich sehr vornehmen Menschen aus. Der Herr hatte die junge Schöne unter« gehakt und sprach so vertieft auf sie ein, daß er die breite Pfütze, die zwischen uns und ihnen lag, gar nicht wahrnahm. Platsch, trat er mit seinen hellen Schuhen in sie hinein da rief die Holde eittseht: »Aber Mensch, wat dreckst Du Dir ein! Sprachlos, entgeistert, um eine Illusion ärmer und eine Erfahrung reicher, starr­ten wir dem Paar nach, bis meine Schwester in ein nicht endenwollendes Gelächter ausbrach, in das ich schließlich, halb beschämt, halb ver­gnügt, einstimmte. Das war keine sehr feine Geschichte, aber Pfützen gelten im allgemeinen ja auch als etwas Anangenehmes und Unfeines.

E. v. M.

Gießener Wochennrarktpreife.

Es kosteten auf dem heutigen Wochemnarkt: Butter 150 bis 180. Matte 35 bis 40, Wirsing 40 bis 60, Weißkraut 35, Rotkraut 45, rote Rüben 20, Spinat 40 bis 45, Römischkohl 30, Spargel 100, Tomaten 120, Zwiebeln 20, Meerrettich 40 bis 80. Schwarzwurzeln 50 bis 60, Rhabarber 25, Kartoffeln 4, Aepfel 20 bis 40. Kirschen 80 bis 100, junge Hahnen 100 bis 120, Suppenhühner 120 bis 130 Pf. das Pfund: Eier 12, Blumenkohl 120 bis 130, Salat 15 bis 20, Salatgurken 80, Lauch 10 bis 15, Rettich 20 bis 30 Pf. das Stück; Käse 10 Stück 60 bis 80 Pf.; Radieschen 15 bis 20 Pf. das Bund; gelbe Rüben 40 dis 45 Pf. das Päckchen.

Wettervoraussage.

Stellenweise gewitterhafter Regen, sonst noch meist heiter, warm und trocken.

Gestrige Lagestemperaturen: Maximum 20,4 Grad C., Minimum 5,2 Grad C. Heutige Mor­gentemperatur 12,6 Grad C.

Bornotizen.

Tageskalender für Donners­tag. Konsirmandenfaal der Matthäusaemeinde, 81/2 Uljr: Vortrag über Familien-Versicherung. Gießener Radfahrer-Verein 1885, 81/, Llhr, bei Serckler (Frankfurter Straße): Versammlung.