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Nr. 12| Erstes Blatt

176. Jahrgang

Donnerstag, 27. Mai 1926

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Gietzener Anzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

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Dr. Friedr. Wilh. Lange. Verantwortlich für Politik Dr. Fr. Wilh. Gange; für Feuilleton Dr. H.TKyriot; für den übrigen Teil Ernst Dlumschein; für 8cn An» zeigenteil Hans Füstel, sämtlich in Gießen.

Die Abrüstungs-Uonferenz.

Die Debatte über de» Lchlußbericht des Nedaktionskomitees.

Genf, 26. Mai. (LU.) Die Dollversamm- lung der vorbereitenden Abrüstungskom- Mission setzte heute vormittag die Diskussion über den Schluhbericht des Redaktionskomitees fort. Die Vertreter der Kleinen Entente erklär­ten ,<n dem Bericht Vrouqueres seien Aus­drücke enthalten, die ihnen für die allgemeine Abrüstung keine genügenden Sicherheiten zu ge­währen schienen. Der belgische Vertreter Vrou- qu^res gab eine Erklärung ab. in der er darauf hinwies, daß die gegenwärtige Konferenz nur einen vorbereitenden Charakter trage, die endgültige Abrüstungskonferenz werde vom Völkerbundsrat erst einberufen werden, wenn nach der Ansicht des Rates die politische Sicherheit aller Völkerbundsmitglieder außer Zweifel stehe. Der serbische Vertreter wies auf einen gewissen Widerspruch in der Haltung des englischen Dele­gierten hin. Cecil scheine an der Wirksamkeit der Beschlüsse der letzten Wafsenhandelslonferenz zu zweifeln, auf der die meisten Staaten a u f den Gaskrieg verzichteten. Cecil cr- klärte hierauf, er habe mit seinem Vorschlag le­diglich beabsichtigt, in den Unterkommissionen die tatsächlichen Verhältnisse durch Fachmänner klar- ftcllen zu lassen. Es entwickelte sich im weiteren eine lebhafte Debatte über die Möglichkeit der Verhinderung eines Gaskrieges. Anschließend gab Graf Bernstorfs eine Erklärung ab, in der er auf die Unterschiede zwischen dem gegenwärtigen Stand der Rüstungen und dem zukünftigen Gleich­gewicht der Kräfte nach erfolgter Abrüstung hin- wies.

GS wurde dann in die Diskussion über das ungarische Memorandum und über ein von dem griechischen Delegierten eingereichtes Memorandum eingetreten. Die Vertreter der kleinen Entente verlangten in Anlehnung an den gestrigen Antrag Cecils Ueberweisung der beiden Memoranden an die Unterkommission, doch nur unter der Bedingung, daß über den Vertrag von Lrianon und die politischen Momente nicht ver­handelt werden dürsc. Der ungarische Vertreter beantragte darauf Ueberweisung des un­garischen Memorandums an die Unterkom­mission. Die Vertreter Englands und Italiens crflärtciv Seß bei dec Ueberweisung des Memo­randums an die Unterlommission die Behandlung politischer Fragen ausgeschaltet werden müsse. Darauf wurde der Schluß bericht einstim- in i g von der Abrüstungslommission angeno m- m e n. Man rechnet damit, daß die Arbeiten der Unterkommissionen mehrere Wochen in Anspruch nehmen werden. Der Wunsch des amerikanischen Vertreters, sofort die nächste Vollsitzung festzu­sehen. wurde abgelehnt. Es wurde dem Präsi­dentei» überlassen, den Zeitpunkt für die Ein­berufung festzusehen.

Die ungarische Denkschrift.

Genf, 26. Mai. (WTB.) Die von der unga­rischen Regierung dem Abrüstungsausschuß unter­breitete Denkschrift kommt u. a. zu folgenden Schlußfolgerungen: Die Beschränkung der Rüstungen muß jo schnell wie möglich ver­wirklicht werden, und zwar auf einer möglichst ein­fachen, für alle Staaten gültigen Grundlage. Gleich­zeitig muß der starke Gegensatz des Rüstungsstandes zwischen Ungarn und seinen Nachbarstaaten beseitigt werden. Bei der Rüstungsbeschränkung muß die be­sondere geographische und politische Lage Ungarns und die Knappheit seiner wirtschaftlichen Hilfsquellen sowie der Umstand in Rechnung gestellt werden, daß Ungarn von einer Gruppe gegen Ungarn verbün­deter Staaten umgeben ist, und daß diese Staaten um ein Vielfaches ftärter sind als Un­garn. Es müssen daher entweder die Rüstungen die­ser Staaten auf den im Vertrag von Trianon für Ungarn vorgesehenen Stand herabgesetzt oder eine Möglichkeit geschaffen werden, daß der R ü st u n g s- stand Ungarns dem seiner Nachbarn entspricht. Die Kontrolle in bezug auf die Ein­haltung der Beschränkung der Rüstungen muß für alle Staaten gleichmäßig geregelt werden. Sie muß durch einen einstimmigen Beschluß des Völkerbunds­rates angeordnet werden. Der Kontrollausschuß muß für jeden einzelnen Fall derart zusammengesetzt wer­den, daß ein unparteiisches Arbeiten gesichert ist. Seine Tätigkeit muß sich ausschließlich auf die Fest­stellung und unparteiische Darlegung des Sachver­haltes beschränken. Die Denkschrift betont ferner, daß die Herabsetzung der Rüstungen zu keinem merk­lichen Ergebnis führen wird, wenn sie nicht auf alle Staaten angewandt und rasch durchgeführt wird. Die wichtigste Voraussetzung sei, daß die gegenwär­tigen Beschränkungen, die nur für einige Staaten obligatorisch seien, abgeschafft werden, der Dolker- buno auf andere Grundlagen gestellt und die be­stehenden Verträge in Einklang mit diesen neuen Grundlagen gebracht werden. Da die Inkraftsetzung neuer Abmachungen mit aller Wahrscheinlichkeit un­ter den gegenwärtig gegebenen Verhältnissen neue Schwierigkeiten schaffen würde, biete die möglichst rasche und einfache Verwirklichung einer allgemeinen und gleichmäßigen Beschränkung der Rüstungen die einzige Möglichkeit zur Auftechterhaltung und Er- Haltung des Weltfriedens.

Lord Robert Cecil über die Abrüstungsbesprechungen.

Genf, 26. Mai. (WTB.) Auf dem Presseemp- fang gab Lord Cecil, der heute abend nach Lon- don zurückkeht, der Meinung Ausdruck, daß man al.len Grund habe, mit dem Abschluß der etiten Epoche der Vorbereitung der internationalen Abrüstungskonferenz zufrieden zu sein, da die f u n g dieser außerordentlich schwierigen

Spaniens Pläne in Marokko.

Abd el Krims Unterwerfung

Das Ende des Rifkrieges.

Je;, 26. Mai. (yaoas.) Es bestätigen sich die Nachrichten, daß 2l b d e l k r i m sich aus dem Wege zu den französischen Linien befindet. Er wird nach Taza geführt werden, um die Antwort des General- residenten zu erwarten. Abd el Krim stellt sich mit seiner Familie und seinem hab und Gut unter den Schutz Frankreichs. Bevor er das Hauptquartier verlassen hat, hat er alle französischen und spanischen Gefangenen sreigelassen. Jhe Zahl beträgt sechs Offi­ziere, acht Unteroffiziere, 27 französische Soldaten und 118 Algerier und Senegalesen, von den Spa­niern 105 Soldaten, 19 Zivilpersonen, zwei Frauen und vier Kinder.

Der Oberbefehlshaber der französischen Marokko- Iruppen hat Weisung erteilt, A b d e l K r i m , wenn er sich in den französischen Linien einslellt, so zu empfangen, wie man einen besiegten Feind empfängt, der Beweise von militäri­schen Fähigkeiten gegeben hat.

Wie derLokalanzeiger" aus Paris meldet, ist Abd el Krim nach Fez als Gefangener abtransportiert worden. Dort erwartet man von der französischen Regierung nähere Weisungen, wie mit Abd el Krim verfahren werden soll. Am Dienstagmorgen sind die französischen und spani­schen Zivil- und Militärgefangenen von den Riskabylen den französischen Vorposten bei Ta- guist übergeben worden. Um 11 Uhr waren bei dem Kommando der 8. französischen Brigade sechs französische Offiziere, acht Unteroffiziere, 27 fran­zösische Soldaten, 105 spanische Soldaten, 112 Algerier und Senegalesen sowie 25 Zivilgesangene eingetroffen.

Der französische Vormarsch.

Fez, 26. Mai. (Havas.) 3m Frontabschnitt Taza rücken Vie französischen Truppen unauf­haltsam vor. Eine gewisse Verlangsamung sei nur dadurch möglich gewesen, daß die Ver­bindung mit der Etappe hergestellt werden muhte. Auch im Frontabschnitt Fez, wo der Gegner noch kräftigen Wider st and leistet, neh­men die Operationen einen günstigen Ver­lauf. Die französischen Truppen haben nach weiteren Meldungen im Frontabschnitt von Fez die Anhöhen von Dukan trotz lebhaften Wider­stands der Deni Serual eingenommen. Ver­schiedene Stämme hätten sich unterworfen. Die Truppen rückten weiter vor. Die spanischen Trup­pen hätten die Stämme der Tenscnnan vollständig entwaffnet. Bei diesen Kämpfen wurde nach einer amtlichen Madrider Meldung ein Ver­trauensmann Abd el Krims gefangen genommen.

Reue Unterwerfungen.

Rabat, 27. Mai. IW. T. D. Funtspruch.) Das amtliche Communique stellt fest, dah die Unterwerfungen zu nehmen. Äe Haupt­teile des Stammes der Deni-Serual und ein Tell der Beni-Tlriaghel sowie eine ganze Anzahl weiterer kleinerer Stämme, die bis jetzt niemals unterworfen gewesen seien, hätten sich unter­worfen. Rach einer Havasmeldung aus Fez scheint es, daß die verschiedenen Stammesführer durch den Verzicht Abd el Krims, wei­terzukämpfen, ihre Unabhängigkeit gegen­über den Rifleuten wieder gewonnen hätten. Es sei wahrscheinlich, dah einige von ihnen ver­suchen würden, ihrerseits einen Wider st and zu organisieren: so vor allem die drei nicht unter­worfenen Stämme der Deni-Uriaghel und einige Deni-Mestara im Rorden von Wessan.

Madrid. 26. Mai. Eine offiziöse Rote nennt als die Hauptforderungen der spanischen Marokkopolitik den Durchmarsch durch das gesamte nicht unterworfene Gebiet, die völlige Unterwerfung sämtlicher Stämme und die Einrichtung einer Verwal­tung, wie sie heute in der friedlichen Marokko- zone besteht. Spanien sei gezwungen, mit starker Faust vorzugehen.

Der Eindruck in Paris.

Die aufsehenerregende, wenn auch nicht ganz unerwartete Tatsache der Kapitulation Abd el Krims wurde in Paris gegen Abend durch Extrablätter bekannt gegeben. Der Ein- druck war sehr groß. 3n politischen Kreisen sen ist man allgemein der Ansicht, dah die Re­gierung am Vorabend des Kammerzusammen- tritts kein günstigeres Moment zur Stärkung ihres Prestiges hätte gewin­nen können als dieses. Sogar in Kreisen, die der Regierung feindlich gcgenüberstehen, ist man der Meinung, dah die Lage des Kabinetts noch nie so fest gewesen ist. Man sieht vor­aus, dah, wenn B r i a n d während der Ab- sttmmung über die Vertagung der 3nterpella- tionsdebatte die Vertrauensfrage stellen würde, er eine große Mehrheit erhalten würde. Aus dem Büro der Kammer sind heute 25 Interpellationsanträge eingegangen, die sich zum gröhten Teil auf die Finanzlage und die Lage in Marokko beziehen. Der Minister­präsident wird die Vertagung der Interpellatio­nen betreffend der Wahrungsprvbleme beantra­gen unter dem Hinweis, dah eine öffentliche Aus­sprache über die Stühungsmahnahmen gegen­wärtig unerwünscht erscheine. Ebensowenig wird sich die Regierung mit der Debatte über Marokko einverstanden erklären. Briand wird nur eine allgemeine Erklärung über den Ab­schluß der Operationen in Marokko und die Gefangennahme Abd el Krims ab- geben. Ein kurzer Hinweis auf die Besserung der Finanzlage dürfte ebenfalls zu erwarten sein.

Neuer Frankensturz in Paris

Paris, 27. Mai. (TA.) Trotz der Rach- richt von der Unterwerfung Abd el Krims ist der Franken am Mittwoch wieder stark gesunken. Die Besserung am Dienstag ist damit wieder verloren gegangen. Wie verlautet, wagt es die französische Regierung nicht, von der Dank von Frankreich eine weitere Stüt­zung des Franken zu verlangen, ohne von dem Parlament die Zusttmmung zu einem Kredit von einer Milliarde Goldfranken zu erbitten, den sie bei der Dank beantragt hat und der ihr auch mit Vorbehalt zugestanden worden war.

11m die Stühungsaktien für den Frank noch wirksamer zu gestalten, hat die französische Re­gierung den Plan gefaßt, eine scharfe Kon­trolle der Devisen und der Reportage durchzuführen, und weiter beschlossen, die Er­mächtigung für die Lieferung von Franikrediten an ausländische Banken, die auf schriftlichem Wege gedeckt werden müssen, aufzuheben. Die französische Regierung folgt hiermit dem Bei­spiel der italienischen Regierung und will durch diese Maßnahmen die Spekulation zum Schaden des französischen Frank unterbinden, die in dem Zeitraum vom Tage der Kreditgewährung bis zur Deckung möglich ist.

Aufgabe des Völkerbundes, die freilich noch ge­raume Zeit in Anspruch nehmen werde, endgül­tig auf ein praktisches Gleis gebracht worden sei. Als besonders wichtig hob Lord Cecil den Beschluß hervor, daß die Friedens- stärke zum Gegenstand der Abrüstung gemacht werden solle, und daß ferner jedes Land der künf­tigen Abrüstungskonferenz genaue und begründete Vorschläge über seine eigene Abrüstung unterbreiten solle. Außerdem unterstrich er die Bedeutung der Untersuchungen, die zur Verhinderung des chemischen Krieges angestellt werden sollen, und die Sanktionsmaßnahmen, die eine strenge Ein­haltung der Bestimmungen der internationalen Konventionen gegen den chemischen Krieg gewähr­leisten sollen. Der Abschluß von regionalen Ab­rüstungsabkommen erscheint Cecil durchaus emp­fehlenswert, weil dadurch die spätere allgemeine Llb- rüftung erleichtert werde. Nach feiner Meinuna kann im übrigen nicht damit gerechnet werden, daß die zweite Tagung des Abrüstungsausschusses vor September 1026 und die Abrüstungskonferenz selbst vor Ende 1927 zusammentreten werden.

Amerika und der Dawesplan.

Reuhork, 26.Mai. (211) David Sri- d ah. der Expräsident der Akademie sozialer, politischer Wissenschaften, hielt auf der Tagung der Association of Creditmen eine stark beachtete Rede. Er erllärte, dah die deutschen Ar­beitslosenziffern darauf zurückzuführen sei, daß Deutschland nicht billig genug e f p o r t i c r_e n könne, was in Anbetracht der niedrigen Löhne fremd anmute. Deutsch- lan d könne den Dawesplan aber nur erfüllen, wenn es einen Exportüber­schuß erreiche. Vielfach werde in Amerika ange­nommen, daß Deutschland dafür außerstande sei. Fridah dagegen ist der Meinung, daß wvhl- begründets Möglichke-iten zur Ausfüh-

rung des Dawesplanes existierten. Die Haupt- Voraussetzung, diese Möglichkeiten zu schassen, bestände in der Einführung amerikani­scher Fabrikationsmethoden. Fridah ist der Ansicht, dah die deutsche Währung nicht mehr zu erschüttern sei, weil Deutschland im Gegensatz zu Frankreich alle Re­gierungsausgaben durch Steuern decke. Diele seien der Ansicht, dah die deutschen Fabriken in der Inflationszeit auf gebaut worden seien, in Wirklichkeit sei das Gegenteil der Fall. Deutschland könnte aber nur wirtschaftlich arbei­ten, wenn die Fabriken so ausgebaut würden, daß sie imstande seinen, amerikanische Fabri­kationsmethoden einzuführen.

Abschluß des internationalen Mieterkongresses.

Basel, 26. Mai. (TU.) Der i n t e r n a t i o» nale Mieterkongreß in Zürich hat seine Arbetten abgeschlossen, nachdem die Gründung eines internationalen Mieterbundes verkündet und die betreffenden Satzungen genehmig wor­den waren. Das Bureau dieser internationalen Organisatton hat seinen Sih in Zürich mit Dr. C. Wirch als Vorsitzenden. Die Geschäfte leitet ein internationaler Vorstand, in dem Deutsch­land, Frankreich, Schweden und Oesterreich ver­treten sind. Unter dem Eindruck der Schilde­rungen der Wohnungsfrage und Woh­nungsbeschaffenheit in den verschiedenen Ländern, die zum Teil ein trostloses Bild enthüllten, wurde eine Entschließung angenom­men. in der die Regierung und Parlamente der verschiedenen Länder zur Berücksichtigung der Forderungen der Mieter auf gefordert werden. Mit einem Aufruf an die Mieter Euro­pas, sich zusammenzuschliehen, wurde die Ta­gung geschloffen.

Das Urteil im

Frankenfälscherprozeß.

Vier Jahre Zuchthaus für LLindischqrcch und Nadossy. Budapest. 26. Blai. (TU.) Unter ungeheurer Spannung wurde heule dc.s Urteil im Jran- kenfälfcherprozeh, der feit Wochen euro­päisches Aufsehen erregte, gesprochen. Die ftaupk- angcklaglen, Prinz Windischgrätz und Ra­do s s y . erhielten je vier Jahre Zuchthaus, zehn Millionen Geldstrafe und drei Jahre 'llmts- uerluft. Bier Monate und zwei Wochen Unter­suchungshaft werden auf die Strafe angerechnet.

In der Begründung des Urteils, dessen Verlesung zwei Stunden beanspruchte, heißt es u. a.: Cs ist nicht gelungen, aufzu­decken. unter welchen Umständen die Idee der Geldfälschungen gefaßt wurde. Cs wurden zwar deutsche Beziehungen erwähnt, doch sind diesbezügliche konkrete Daten nicht sestgestellt worden. Die Hinfälligkeit der Be­hauptungen, daß die Geldfälschung mit dem Wissen der Regierung bzw. des Grafen Bethlen erfolgte, und daß höher' Kreise hinter der Aktion ständen, geht in erster Linie aus den Geständnissen der Angeklag­ten hervor. Graf Bethlen hat in allen Fällen die Maßnahmen getroffen, zu denen er verpflichtet war. Was dieBerufung der An­geklagten auf selbstlose und patrio­tische Momente anlangt, so ist nicht wider­legt worden, daß sich Radossy ausschließlich von seinen patriotischen Gefühlen hatte leiten lassen und nicht der leiseste Schatten eines Be­weises ist vorhanden, daß Windischgrätz parteipolitische Ziele oder materielle Vorteile erstrebte. Dasselbe gilt auch fast von allen übri­gen Angeklagten. Wenn sie sich auf ihre Vater­landsliebe berufen haben, so hat sich das Gericht nicht davor verschließen können, dah ihre Aus­sagen aufrichtig sind und glaubhaft erscheinen. Sie sind keine gewöhnlichen Ver­brecher. sondern das Opfer jeneß katastro­phalen Unglüdß, das Ungarns Zerstückelung und Zugrunderichtung zur Folge hatte. Als mil­dernden Umstand hat der Gerichtshof in Betracht gezogen, daß sie aus patriotischem An­trieb gehandelt haben und wirklich selbstlos und frei von allem materiellen Interesse vorgegan­gen sind, sowie daß das geschädigte Bank­institut keinen besonderen Schaden erlitten hat.

Wie die Morgenblätter auS Budapest mel­den, haben gegen das Urteil im Frankenfälscher- Prozeß sowohl der Staats anwalt, als auch die Verurteilten Berufung angemel­det. Mit Ausnahme von Radossy unb W i n- dischgräh wurden sämtliche Angeklagten auf freien Fuß gesetzt.

Die interparlamentarische Handelskonferenz.

London, 26. Mai. (TU.) Die interparla­mentarische Handelskvnferenz beschäftigte sich heute vormittag mit See- und Binnen- schiffahrtsfragen und mit der K o hlen- frage. Der Engländer, Sir Reddos Rieß, trat für die Einrichtung eines internationaTen Kohle narntes ein, das sich aus Gruben­besitzern und Bergarbeitern zusammensehen soll. Dem internationalen Bergbau könne nur geholfen werden, wenn man sich über eine einßeit- lrche Arbeitszeit einigen und sich über die zu zahlenden Löhne auf Basis der englischen Löhne verständigen würde. Für die deutsche Delegation sprach Dr. Brüning, der zu­nächst darauf hinwies, daß die im Auslande immer noch verbreitete Auffassung von der län­geren Arbeitszeit der deutschen Bergarbeiter un­richtig sei. Er bewies an Hand der Statistik, daß die Arbeitszeft des englischen Bergarbeiters unter Einschluß der für die Aus- und Einfahrt benötigten Zeit, ungefähr der DeS deutschen Berg­arbeiters gleich sei. Außerdem sei die Förderung von Kohle in Deutschland besonders schwierig. Man dürfe auch die Reparationskohle nicht ver­gessen, die eine Ausfuhr fast unmöglich mache. Er empfahl alsdann die Ernennung einer Kom­mission, die in der nächsten Konferenz ausführ­lich über die Produktion und Verbrauch von Kohle berichten soll. Hierauf wurde eine Ent­schließung angenommen, in der den Parlamenten der an dieser Konferenz beteiligten Länder ein sorgfältiges Studium der Ursachen des unge­wöhnlichen Unterverbrauches an Kohle und der damtt zusammenhängenden Fragen emp­fohlen wird.

Zum Mittagessen waren die Delegierten Gäste der englischen Handelskammer, wobei für Deutsch­land Staatssekretär Meyer. Syndikus der Han­delskammer in Berlin, sprach. Er begrüßte den Beschluß der englischen Handelskammern, sich an der internationalen Zusammenarbeit zu beteiligen und sagte zu daß auch die deutschen Handels-, kammern im gleichen Sinne tätig sein würden. In der Vollversammlung am Rachmittag wurden mehrere Entschließungen angenommen. Morgen vormittag werden die- Delegierten vom König empfangen. Der deutsch-nattonale Abgeordnete Dr. Lejeune-Iung wird als Vertreter Deutschlands dem Empfang beiwohnen.

Die Handelskonserenz nahm eine Entschlie­ßung an, in der die Regierungen der ganzen Wett aufgefordert werden, die Frage der Währung und der wirtschaftlichen Verhältnisse einer eingehenden Prüfung zu unterziehen, in der Hoffnung, daß nach Beseitigung der SchwfA