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sage, liederschlagsneigung.
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,L II." Theodor shema „Gedanken J n von Wo S Zelir Broun.
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Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Nr. 97 Zweites Blatt
Sin Weltbund der Uirchen.
Zur frankfurter Tagung des Weltbandes für internationale frcund- fchaftsarbeit der Kirchen.
Don Lic. theol. Justus Ferdinand Laun, Gießen.
Die furchtbare Zersplitterung unseres sozialen Lebens und die ungeheuere Schwierigkeit, die im Kriege äbgerissenen Fäden des internationalen Lebens wieder anzuknüpfen, ist uns wieder so recht deutlich geworden durch das Fiasko in Genf. Es Hal sich gezeigt, daß eine verständnisvolle Zusammenarbeit der Völker — die unbedingt nötig ist, da wir nun einmal miteinander leben und daher auskommen müssen — trotz aller Bemühungen nicht erreicht werden kann, solange nicht eine Atmosphäre des guten Willens und des einander wirklich Ver- stchenwollens geschaffen ist. Im modernen Staats- »leben ist ein fruchtbare Außenpolitik nur möglich, wenn die öffentliche Meinung der Völker hinter ihren Staatsmännern steht. Die stärksten Faktoren der öffentlichen Meinung sind aber die Presse und die Kirche — die evangelische in Deutschland allerdings nicht so s-zhr wie in England und Amerika. Da nun gerade die Kirche als Verkündigerin des Evanye- liums der Liebe auch dem Zusammenleben der Völker nicht gleichgültig gegeniiberstehen kann, so ist sie in besonderem Maße geeignet, eine öffentliche christtliche Meinung für eine Verständiaungspolitik zu schaffen. Dazu kommt, daß die Christen der einzelnen Nationen sich auch über die nationalen Grenzen hinaus bis zu einem gewissen Grade verbunden fühlen, jedenfalls aber die Verpflichtung in sich tragen, sich um einander zu kümmern. Wenn es darum gelingen könnte, die Kirchen der ganzen Welt zu einem — wenn auch vielleicht noch so losen — Bund zusammenzuschließen, so könnte auch der Völker- bunb auf eine ganz andere geistige Grundlage gestellt werden, die es ihm erst ermöglichte, seine Mission zu erfüllen.
Diese und ähnliche Gedanken haben schon vor bem Kriege eine Anzahl Christen, darunter führende Kirchenmänner der verschiedensten Länder, veranlaßt, sich zunächst als Personen zu einem „W e l 1 - tund für internationale Freundschaftsarbeit der Kirchen" zusammenzu- schließen. Dies geschah merkwürdigerweise am 2. August 1914!! So war dem Bund von seiner Ge- turtsstunde an die Arbeit aufs äußerste erschwert. Trotzdem ließ er sich nicht beirren und hat gerade im Kriege feine Hauptaufgabe darin gesehen, im Sinne ler christlichen Bruderliebe für eine Verständigung <iuch über die nun schier unüberfteigbaren Grenzen hinweg zu sorgen. Das war tun so notwendiger, uteil ein moderner Krieg mit seiner langen Dauer imb feinen Unmassen von Kriegsgefangenen und verwundeten einen gewissen Austausch unentbehrlich macht. So haben die Freunde des Weltbundes cor allem Kriegsgefangenenfürsorge getrieben. Wieviel ist da manchem geholfen worden! ^3or zwei Jahren, als ich drüben in England weilte, hatte ich Gelegenheit, die Stätte eines der deutschen Kriegsgefangenenlager zu besuchen. Diel war nicht mehr zu sehen; aber es war doch ein eigenartiges Gefühl, den Ort zu betreten, wo einer meiner oer- ehrten Lehrer, ein Gießener Theologieprofessor, als Kriegsgefangener aus dem Nichts eine kleine Hochschule geschaffen hatte, von der ich früher gelesen und wilder'gesehen hatte. Das war nur möglich gewesen durch die Unterstützung englischer Christen, welche die (Befangenen besucht und ihnen geistige Nahrung vermittelt hatten. Gerade dort besuchte ich einen ter Quäker, die Großes geleistet haben. Man denkt bei solcher Arbeit, die doch auch in Deutschland und «mderswo getan wurde, so leicht nur an die Quäker, llnb doch hat z. T. mit, z. T. neben diesen gerade der Weltbund für Freundschaftsarbeit der Kirchen einen hervorragenden Anteil an dieser Arbeit. Einer der bedeutendsten Führer ist z. B der schwedische Erzbischof Söderblom, von dem an dieser Stelle schon die Rede war, der die außerordentlich wertvolle Hilfsarbeit der Schweden während und nach lern Krieg geleitet hat.
Besonders nach dem Krieg fing die Hauptarbeit des Weltbundes erst an. Denn nun galt es, am Wiederaufbau des internationalen Lebens zu arbeiten. Siebes Jahr sind sie zusammengekommen und haben die brennendsten Fragen miteinander besprochen. Mancher politische Kampf im Kleinen ist da zwischen Deutschen und Franzosen ausgekämpft worden und ter Bund hat sich energisch mit dem Problem des ssiuhrkampfes auseinandergesetzt. Er hat sich mit den Fragen der Minderheiten besonders beschäftigt imb wegen der Kriegsschuldfrage eine Resolution
erlassen, die besonders in Amerika ein starkes Echo gefunden hat. Mit aller Deutlichteil ist der Bund dafür eingetreten, daß den Deutschen die Missionsfelder wieder geöffnet werden.
Wenn dies nun alles auch schon recht bedeut- sam ist, so bekommt es doch erst seine volle Wucht, wenn aus dem Weltbund der Kirchen männer em Weltbund der Kirchen geworden ist. Das wird denn auch energisch erstrebt und in England ist man bereits so weit, daß alle Kirchen im Bunde offiziell vertreten sind. Durch das Weltkonzil für praktisches Christentum, das im vorigen August als eines der Hauptfrüchte des Weltbundes in Stockholm zusammentrat, und auf dem außer der römischen alle Kirchen der Welt vertreten waren, ist der Weltbund viel stärker zu einer Sache der offiziellen Kirchen geworden. Selbst in Deutschland, roo man sich bisher zurückhielt, wird die Sache allmählich reif. Darum verspricht die diesjährige Jahresversammlung des deutschen Zweiges des Weltbundes, die vom 27. bis 29. April in Frankfurt a. M. ftatt* finden wird — und an der alle Interessierten ohne weiteres teilnehmen können — besonders interessant zu werden.
Die polnische Krisis.
Don unserem ^.-Korrespondenten.
Warschau, 25. April.
In Polen ist die schleichende Krise akut geworden. Es erfolgte der schon seit längerer Zeit erwartete Zusammenbruch der großen polnischen Koalition, die fünf Parteien, die rechtsstehenden Nationaldemokraten und Christlich-Demo- fraten, von der Mitte die bäuerlichen Piasten und die nationale Arbeiterpartei und endlich die Sozialdemokraten umfaßte. Die auseinanderstrebenden Kräfte ließen sich nicht mehr einigen; überdies fühlten sich auch die Sozialdemokraten durch die Mitarbeit mit den nationalistischen Nationaldemokraten beschwert und waren froh, sich der Regierungsverantwortung entziehen zu können. Willkommenen Anlaß bot der neue Finanzplan Zdzie- chowskis, der nach sozialdemokratischer Ansicht die ganzen Lasten den besitzlosen Schichten aufbürdete. Doch auch dieses Programm sieht noch kein ausgeglichenes Budget vor, sondern rechnet bezeichnenderweise für das zweite Quartal mit einem Defizit von 81 Millionen Zloty, die durch weitere Ausgabe von Kleingeldkassenscheinen — von ungefähr 420 Millionen auf 500 Millionen vermehrt — gedeckt werden soll. Beiläufig bemerkt: der Umlauf an ordentlichen, von der Bank von Polen ausgegebenen Banknoten beläuft sich nur auf 372 Millionen; es würde also dann der Umlauf an Kleingeld den Umlauf gedeckter Noten um fast ein Viertel übersteigen. Es ist dies natürlich nichts anderes als der Beginn einer nur schlecht verschleierten Inflation, der sogenannten „kleinen Inflation", wie bie(e Art von polnischem Finanzprogramm witzig genannt wird, gegenüber dem sozialdemokratischen Finanz- plan, der unweigerlich zur „großen Inflation" führt. Abseits von den beiden großen Haufen, die sich zu den erwähnten zwei Finanzplänen bekennen, steht der kleine, allerdings von Tag zu Tag wachsende Trupp der Anhänger einer Dölkerbundan- leihe nach österreichischem Muster, verbunden mit der unvermeidlichen Finanzkontrolle. Für Polen entscheidend ist die Frage, ob anläßlich der gegenwärtigen latenten Krise die Anhänger der Völker- bundanleihe in irgendeiner Form zur Geltung oder gar zur Macht kommen. Es muß freilich ernstlich bezweifelt werden, ob die Evolution der Geister in Polen schon soweit fortgeschritten ist, daß ein teilweiser Verzicht auf die Staatshoheit ertragen werden kann
was miift der deutsche Zeitungsleser von der französischen presie wissen?
Don unserem Pariser 8.--Korrespondenten.
Für einen gewissen Teil der deutschen Oeffent- lichkeit scheint fast die Weltenseligkeit davon ab- zuhängen, was ein paar französische Journalisten in den Dedaktionsstuben der Pariser Boulevard- Presse, oftmals vom fremdem Gelde bezahlt, über die innere und äußere Politik Deutschlands zu- sammenschreiben. (Zn den Äußerungen der französischen Zeitungen glauben sie geradezu Offenbarungen außergewöhnlicher Art erblicken zu müssen.
Wie verhält sich die Sache in Wirklichkeit?
Ellen Key.
Don Paul Eipper.
Die Frau, die nun in der Stille ihres Schwedischen Landsitzes die Augen für immer geschlossen hat, war die letzte Dertreterin der Romantik und zugleich der Beginn der modernen Jugendbewegung. Ihr Leben ist ein Kampf gebeten, ein Kampf gegen die Bedrückung der Seele. Che, Sozialismus. Frauentum und Kin- dererziehung, das waren die Probleme ihres Daseins. Ihre Seele, ihr Herz waren voller Mütterlichkett, obgleich Ellen Key, unverheiratet geblieben ihr Leben lang, das Glück der Mutterschaft nie kennen lernte.
Ellen Key wurde am 11. Dezember 1849 auf Sundsholm in Smaland geboren. Ihr Vater war ein in Schweden sehr geachteter Politiker und Schriftsteller. Kein Schulzwang trübte die sorglos glückliche Kinderzeit; ihre körperliche und geistige Entwicklung vollzog sich in völliger Freiheit in allen Dildungsmethoden. Als ihre Eltern in die Hauptstadt übersiedelten, zeigte sich bald die cigentliche Begabung des jungen Mädchens; ihre freundlich-strenge, schon damals durchaus mütterliche Art 'prädestinierte sie zur Menschen- krzieherin. ,
llnb ebenfalls von allem Anfang an fühlte sie sich zur öffentlichen Wirksamkeit gedrängt «um Besten ihres eigenen Geschlechts. Fast zwei Jahrzehnte war Ellen Key Lehrerin an einer Stockholmer Mädchenschule; sie hielt Dorlesungen am Arbeitsinstitut und widmete sich der sozialen Weiterbildung junger Arbeiterinnen ihres Landes. Um ihren Bildungshunger zu stillen, unternahm sie weite Reisen, die sie durch Deutschland. Frankreich. England, Italien und Oesterreich führten. Eine ausgezeichnete Sprachenbegabung, empfänglicher Sinn für Kunst und Literatur, Sie Fähigkeit. Menschen zu beobachten und zu ergründen, schufen die Grundlagen ihrer schrift- ^ellerischen Tätigkeit, die sie schon in jungen Jahren begann.
Betrachtet man ihre Bücher, so sieht man,
daß sie sich in drei Gruppen scheiden. Die erste nimmt als Ausgang der Lebensbetrachtung und des kulturschöpferischen Dranges die Frauenfrage. Die zweite umfaßt das Gebiet der Erziehung; die dritte stellt Ideale eines hohen, schönen und tiefen Lebens auf, sei es. daß sie ihre Bilder aus der Phantasie oder aus der Geistesgeschichte des vergangenen Jahrhunderts holt.
Etwa um 1900 haben die Werke Ellen Keys den Weg nach Deutschland gefunden und sind auch bei uns zu größter Wirksamkeit gekommen. Bereits ihre erste Veröffentlichung „*2It i h - brauchte Frauenkraft" formuliert unzweideutig Ellen Keys Grundidee: die Befreiung des Weibes und die Bereicherung seiner Psyche auf Grund einer vertieften Auffassung seiner natürlichen Sendung.
„Das Jahrhundert des Kindes" festigte die Berühmtheit der schwedischen Philan- tropin, und es ist gewiß, daß im Verlauf dieses Jahrhunderts immer wieder auf das Werk zurückgegriffen werden wird. Denn was vor 25 Jahren, als das Buch erschien, für Ellen Key eine Hoffnung, ein Wunsch war, ist heute von klugen Eltern und Erziehern verwirklicht worden.
„Sei bemüht, das Kind in Frieden zu lassen, so selten wie möglich unmittelbar einzugreifen, rohe und unreine Eindrücke zu entfernen, und verwende alle deine Wachsamkeit, alle deine Energie darauf, daß deine eigene Persönlichkeit und das Leben selbst Erzieher des Kindes werden!"
Die Liebe zum Kind ist das Schönste an dem Buche, die tiefe Ehrfurcht der geistig hochstehenden Frau vor dem Eigenleben der Heinen Geschöpfe, vor dem neuen Quell des Lebens. „Gebt ihnen das Recht, ihr volles, persönliches Kinderleben vor einem Dater und einer Mutter zu leben, die selbst ein volles persönliches Leben leben“.
In dem Buche ,M e n s ch e n" steht ein großes, mit hingebender Liebe und Bewunderung entworfenes Portratt des Ehepaares Elisabeth und Robert Browning; über Rahel Darn- hagen, den schwedischen Dichter Ludwig Almquist
Gewiß erscheinen in Paris einige Zeitungen in sehr hohen Auflageziffern; vier davon, nämlich „Petit Parisien", „Matin", „Journal" und »Petit Journal" in täglich je über 1 Million Exemplaren. Ihre gesamte Struktur ist aber eine ganz andere als die der deutschen Zeitungen. Ein Gemisch aus Spannung, Langeweile, Lüsternheit und Geschäftstüchtiakeit schafft ohne weiteres noch kein „Weltblatt". Die deutsche Provinzpresse vollends läßt die französische ungeheuer weit hinter sich. Gerade im Pressewesen zeigt sich die völlige Abhängigkeit des ganzen Landes von Paris. Wir beschränken uns daher auf folgende knappe Charakterisierung der Pariser Presse als der wirklich maßgebenden.
In Paris erscheinen jetzt rund 225 politische Zeitungen der verschiedensten Sprachen, abgesehen von Hundenen von Zeitschriften. Fach-, Sport-, Mode- und sonstigen Blättern. Das französische Zeitungswesen ist heute genau 316 Jahre alt. es blieb ziemlich stationär bis zur Revolution. 1835 schuf Emile de Girardin an der »Presse" die ersten Zeitungsabonnements. Ein Jahr später erschien der erste Roman in einer französischen., Zeitung, nämlich „Die drei Musketiere" von Dumas. Dann entwickelte sich das französische Zeitungswesen sehr rasch weiter. Heute unterscheidet man unter der f»genannten „Informa- tivnspresse", den angeblich parteilosen Blättern, und der „politischen Presse".
In der „Informationspresse" ist das amerikanische Vorbild unverkennbar. Die großen Pariser Informationsblätter haben auch meist einen gemeinsamen Rachrichtendienst mit Londoner Zeitungen Die größte Pariser Zeitung ist der „P e t i t Paris i e n", das Blatt des Mittelstandes, zugeschnitten auf die breite Masse seiner über ganz Frankreich verbreiteten Leser. Damit vereinigt, aber als selbständiges Organ anzusprechen ist der „Excelsior". als die reich und aktuell illustrierte Tageszeitung, ebenfalls in der breiten Masse einflußreich und gerne gelesen. Die markanteste französische Zeitung mit all ihren guten und schlechten Eigenschaften, rücksichtslos, fenfalionSIüftem und von jeher deutschfeindlich ist der „Mat in". Das „Journal" steht der französischen Schwerindustrie nahe. Der Besitzer des Blattes, Henri Letellier, hat vor ettoru 3 bis 4 Jahren einen erheblichen Teil seines Aktienbesitzes für 35 Millionen Franken an ein Konsortium, bestehend aus der Banque de France, der Agence Havas und dem Pavierfabrikanten Darblah verkauft. Das „Journal" ist ein beliebtes Insertionsorgan. Sein Außenpolitiker Saint Drice ist über manche Fragen der französischen Außenpolitik zweifellos gut unterrichtet. Die Rovellen des „Journal" sind bekannt wegen ihres oft starken erotischen Einschlages. Besitzer des „Petit Journal" ist der Großindustrielle und ehemalige Minister Loucheur, der sich auch durch den Ankauf immer weiterer Zeitungen einen nicht zu unterschätzenden Einfluß auf die Politik Frankreichs zu sichern bestrebt bleibt. Ihm gehören u. a. die wichtige „Iournee Industrielle", das Organ der französischen Schwerindustrie, mit sehr gutem Handelsteil, das „Journal de la Dourse" und außer einigen Zeitungen tm Elsaß sehr einflußreiche alte Provinzblätter, wie „Progrös de Lyon", „Le Rsveil du Rord" usw. Das „Echo de Paris", ursprünglich literarisch, ist jetzt das einflußreichste Blatt des gebildeten Mittelstandes und des Beamtentums. Jeder Offizier lieft das „Echo". Seine wichtigsten Mitarbeiter (außer den zahlreichen Fachschriftstellern) sind der Außen- politiker Pertinax (Pseudonym für Giraud) und der Innenpolitiker Hutin (Pseudonym für Hirsch). Außer dem „Echo de Paris" sind die schärfsten Oppositionsblätter der Rechten „Gaulois", „Figaro" und der weniger bedeutende „Eclair". Andere früher rechts gerichtete Zeitungen, wie „Journal" und besonders „Matin" haben sich aus Opportunitäts- und Geschäftsrücksichten dem „neuen Kurs" in Frankreich überraschend schnell angeschlossen. „Gaulois" machte eine Zeitlang dem „Figaro" starke Konkurrenz. Dieser, das alte Blatt der französischen Aristokratie, hatte bis vor kurzem trotz seiner weiten Derbreitung im Auslande ziemlich nachgelassen, nimmt aber neuerdings einen merklichen Aufschwung. Der „Figaro" wurde vor etwa zwei Jahren von dem Industriellen und Parfümfabrikanten Coth angekauft. Cs ist nicht ausgeschlossen, daß „Figaro" und „Gaulois" in irgendeiner Form demnächst vereinigt werden. Coth hatte sich den Hauptgeschaftsanteil am „Gau
schrieb Ellen Key geistvoll lebenswahre „E s - s a h s".
Das Hauptwerk ihres Lebens aber sind die Abhandlungen über „Liebe und C h e" Reden an ein besseres Geschlecht, von hoher Begeisterung durchloht, ein Dermächtnis für Generationen von Mädchen und Frauen. Man muß sich immer wieder vor Augen hallen, daß bald dreißig Jahre vergangen sind, seit diese Essays geschrieben wurden. die gerade für uns Menschen des Jahres 1926 erdacht zu sein scheinen. Hören wir, wie Ellen Key den Idealtypus der Frau des zwanzigsten Jahrhunderts sieht und erhofft:
„Ein durchgebildetes Kulturgeschöpf, und eine ursprüngliche Ratur; eine stark ausgeprägte menschliche Individualität und eine volle Offenbarung des tiefst Weiblichen. Diese Frau wird den Ernst einer wissenschaftlichen Arbeit, eines strengen Wahrhe'.tsuchens, des freien Denkens, des künstlerischen Schaffens verstehen. Sie hat den Mut, eigene Gedanken zu denken und die neuen Gedanken ihrer Zeit zu prüfen. Sie wagt, Gefühle zu empfinden und zu bekennen, die sie jetzt unterdrückt und verhehlt. Die Frau des 20. Jahrhunderts wird nicht nur diel gelernt, sie wird auch viel vergessen haben — besonders von den sowohl femininen wie antifemininen Torheiten der Gegenwart. Diele Züge, die der heutigen Gattin und Mutter eigen sind, werden wahrscheinlich der Frau des 20. Jahrhunderts fehlen. Diese wird stets Geliebte bleiben und nur so wird sie Mutter werden. Ihr Wesen strömt sprudelnd frei und frisch hervor, wie der Schwall des Gießbaches, aber gleich diesem von einem festen, inneren Rhythmus gebunden. Wie weit sie sich auch gehen läßt, sie verliert doch niemals sich selbst."
So schrieb Ellen Key vor mehr als 25 Jahren, und ihre Ansichten sind heute wie damals Bausteine zur Gesundung von „Liebe und Ehe".
Frankfurter Theater.
Das Operettentheater hat gestern mit Walter Kollos „Ollh-P olly" seine Sornmer-- spielzeit begonnen. Franz Arnold und Ernst
Dienstag, 27. April 1926
lois" schon früher gekichert und beabsichtigt, den „Gaulois" später als Abendblatt erscheinen zu lassen. „L'Action Franyaise" (Leiter Leon'Daudet, einer der größten Chauvinisten Frankreichs) ist das Blatt der Royalisten unter dem Herzog von Orleans, als Tendenzblatt heftig und hetzerisch in seiner Polemik. Angesehen und wichtig sind die Abendblätter „TempS" und „Journal des DHbats". Der offiziöse „Temps" (Auflage über 100 000) erscheint im 64. Jahre. Auch der „Temps" hat die Schwenkung vom 11. Mai leicht mitgcmacht, doch veröffentlicht er seitdem täglich einen zweiten innerpolitischen Leitartikel, in dem et mit den französischen Radikalen nicht sonderlich schonend umgeht. Das „Journal des Debats" erscheint bereits im 136. Jahrgang, seit 1895 als ^Abendblatt. (Auflage etwa 50 000.) Die Zeitung hat einen alten gediegenen Leserkreis, besonders auch in klerikalen Kreisen und ist politisch wie literarisch gleich wertvoll. Dem „Journal des Döbats" gebührt das Der- dienst, das moderne Feuilleton geschaffen zu haben, das Blatt zählt zu den anständigsten Zeitungen Frankreichs. An der Spitze der „Re- gierungspresse", also der linksdemokratischen Zeitungen, marschieren „Quvtidien", ^Oeuvre" und „PariS-Svir" (letzteres ein Abendblatt. mit dem „Journal" eng verbunden). Der Herriot nahestehende „Quotidien" rühmt sich, völlig unabhängig zu sein von irgendwelchen Irtteressenten-Gruppen. Seine Leserschaft sind die vielen unzufriedenen kleinen französischen Beamten, die mit einem gewissen Stolz jetzt von ihrem „eigenen“ Organ reden. Daneben ist das „Oeuvre" wichtig als Organ der Linken. Das eigentliche Organ des „Carlells der Linken", die Caillaux nahestehende „Ere Rouvelle", hatte vor nicht langer Zeit infolge Geldmangels stark an Einfluß verloren, den sie jedoch dank der veränderten Umstände nunmehr wiederzugewinnen scheint. Die Befihverhältnisfe des Blattes sind ziemlich unfiar. Hervorragend gut, wenn auch wenig beachtet, ist die Börsenberichterstattung dieses Blattes. Die von Iaures gegründete „H u m a n i t 6“ ist jetzt das offizielle Organ der Kommunisten, kämpft aber mit großen finanziellen Schwierigkeiten. Stein eine Zeitlang erschienenes Abendblatt „Internationale" mußte aus Geldmangel sein Erscheinen bald r ieder einstellen. Der radikale „Rappel" ist das Blatt der extremen Linken, das ausgesprochene Arbeiterblatt „Le Peuple". „ßanternc" vertritt die Interessen der Antiklerikalen. Das führende Organ der Katholiken ist „La C r o ix", ein Abendblatt in Sonderausgaben, stark in der Provinz verbreitet mit guten Berichten aus Belgien und dem Elsaß. Vor wenigen Monaten wurde ein neues klerikales Blatt gegründet „L a D i e Catholique". Maginot und seine Freunde vom Bloc National haben den „Aoenir" angekauft, der jetzt als Organ des Bloc National anzusprechen ist. Das einflußreichste Mittagblatt neben Paris- Midi ist die „I n f o r m a t i o n", zusammenarbeitend mit der Londoner „Financial Times" und sehr eng verbunden mit der Nachrichtenagentur Information. Eine eigene gut geleitete Börsenaus- gäbe des Blattes erscheint nachmittags.
Die wichtigsten Abendblätter sind der deutschfeindliche .Lntransigeant" (Auflage etwa 300 000), dessen Leiter Läon Dailby diesem ausgesprochenen Boulevard-Blatt eine eigen? Note zu geben weiß. Don geringerer Bedeutung, besonders auch hinsichtlich ihrer Auflagehöhe sind „L a Preffe", die besonders chauvinistische klerikale „Sibert 6", der „Sen 6 o i r" und der schon erwähnte „P a r i s - S o i r".
Hiermit dürfte das Allernotwendigste, aber auch nur eben das, über die Pariser Presse gesagt sein.
Wichtig sind noch die zahlreichen, in Paris erscheinenden fremdsprachigen Tageszeitungen, vor allen Dingen die „Daily Mail", Neuyork Hera l d" und „Chicago Tribun e", alle drei mit sehr großen, weitreichenden Nachrichtenapparaten. Die beiden in Paris erscheinenden amerikanischen Abendblätter, „Paris Eoening Telegra m" und „Paris-Times" treten dahinter zurück. Ob die Pariser Ausgaben dieser amerikanischen Blatter sich tatsächlich rentieren, bleibe dahingestellt.
Das seit Mitte Oktober erscheinende neue Organ der Linken, „La Volonte", herausgegeben von dem bisherigen Leiter der „Ere Nouvelle", Dubarry, ist noch zu unbedeutend, um sich ein endgültiges Urteil darüber bilden zu können. Das Blatt scheint vornehmlich literarische Interessen zp verfolgen.
Bach haben folgende Geschichte zusammenkon- struiert. Olly Woodsen, schwer reich, jung und frech, hat es sich in den Kopf gesetzt, den vergötterten Liebling der Frauen, den Filmschauspieler Harald Wllls zu ehelichen. Im ersten Mt ist ihre Gesellschafterin Polly krampfhaft bemüht, sie von diesem Dorhaben abzubringen, natürlich umsonst. Besagter Harald bat einen besseren Filmvertrag im Auge und möchte seinen alten lösen. Dein Freund Charly bringt ihm die freudige Botschaft, daß Verheiratung vertraglösende Folgen habe. Run wäre alles in schönster Ordnung, wenn (dieses Wenn muh kommen, denn wir haben noch zwei Alle vor uns) also wenn Harald nicht auf die Idee käme, nur eine alte Vogelscheuche zu heiraten; er teilt es wegen einer nicht mit allen verderben! Merkste teas, Zuhörer? Jetzt kommt nämlich Olly auf die keineswegs neue Idee, sich in der Maske der Erzieherin als Polly heiraten zu lassen. Die beiden nächsten Akte werden nun von Metern Einfall ausgefüllt, mal kommt Olly als Polly, mal als Olly. Freund Charly wird mit in das Verwechslungsspiel cinbexog'm. Selbstverständ^ch schließt am Schluß HareU) beglückt seine, als alt und häßlich geheiratete, junge, schöne Frau in die Arme, und Charly entkommt mit knapper Rot Rot der echten Polly. Walter Kollo hat das Ganzen nicht übermäßig originell, aber recht gefällig instrumentiert, oft tauchen prägnante Rhythmen auf, die im Ohr haften bleiben. Das Publikum bringt Schlager mit nach Hause und fang schon sehr begeistert: „Wenn die Mädchen von der Liebe träumen“ und „Liebes Kind, du bist sehr anspruchsvoll" «was man auch vom Publikum im Bezug auf die Dacapowünsche behauchten farm). Die Darstellung mit Curt Hampe. Lisa Rado, Ruschi Wiesner, Ieanne Crmel, Karl Reut und dem neu verpflichteten, ganz ausgezeichneten Gustav Rothe-Carey war flott und launig in Spiel und Gesang. 21dolf Wiesner schwang den Regiestab auf der Bühne, Willy C z e r n i t im Orchester und das Publikum schwang die Hände im Zuschauerraum. L W.


